Im Tale reiften die Pfirsiche und Frühtrauben. Dick und saftig standen Bäume und Reben von der Erde, die in ihrem Innern noch den letzten Regen trug. Die Berge aber waren ausgetrocknet, und alles litt unter der Dürre. Verzweifelt blickten die Bergbewohner zum Himmel auf, aber kein Wölkchen zeigte sich, und die Hitze wuchs. Sie grub sich in den Wiesenboden, daß er hell und hart wurde wie Stein. Sie bohrte sich in den Fels, daß er sprang und zerstob wie Staub. Sie fraß sich in den Wald und brannte die Nadeln dürr, daß sie abfielen wie Spreu.
Da ließ die Klausenbäuerin eines Morgens das große Holzkreuz aus der Stube tragen, und ein Knecht stellte es mitten auf der Wiese auf. Dann schickte sie Boten in die entlegensten Höfe, und nun kamen jeden Abend Bauern und beteten vor dem Kreuze Rosenkranz und Litanei. Aber noch immer zeigte sich kein Wölkchen am Himmel,und die Hitze wuchs. Niemand hatte je auf den Bergen einen solchen Sommer erlebt. In der fünften Woche, da geschah etwas. Es war Sonntag und ein Uhr. Tiefblau und unbeweglich wie immer stand der Himmel, und die Sonne darin eine senkrechte Flamme. Sämtliche Bewohner des Klausenhofes standen vor dem Brunnen und blickten auf das Wasser, das dünn wie ein Seidenfaden floß. Sie dachten an die Hilfe der armen Seelen und sprachen über eine Messe, die sie lesen lassen wollten. Da kam ein Fetzen Rauch. Er war nicht viel größer als eine ausgespannte Hand, und als er an den Köpfen der Leute vorbeiflog, brachte er einen Geruch von Brand. Eine Weile schwankte er unentschlossen hin und her, dann drehte er sich gegen die Wiese und hockte sich auf das große Kreuz, gerade auf die Spitze. Gleich danach kam ein zweiter Fetzen. Niemand hatte ihn kommen sehen. Wie aus der Erde gewachsen war er da, und der Brandgeruch verstärkte sich. Der Himmel aber stand noch immer tiefblau und unbeweglich. Nun kam ein dritter Fetzen, lang und fein wie ein Schleier. Aber er wuchs wie eine Wolke und füllte das Tal mit unendlicher Schnelligkeit. Dann sprang ein weißes Licht nieder, aber kein Donner folgte, und der Himmel war noch immer blau.
Plötzlich schob sich ein Schatten vor die Sonne, und es entstand ein Getöse. Oben? Unten? indem Wald, oder in den Wiesen? Man hätte es nicht sagen können, denn die Wipfel der Bäume waren unbeweglich, und kein Grashalm regte sich. Aber es war da, und man empfand die Gegenwart unheimlicher Kräfte. Dann begann es von unten auf zu dampfen und zu steigen. Überallhin warf der Nebel seine Riesenschleppen aus. Der ganze Himmel schien im Tale zu liegen. Das dauerte einen Augenblick, dann wurde es schwarz, und als ob das das Zeichen wäre, kam der Sturm. Das ganze Land zitterte unter seinen Tritten, und der Wald stöhnte wie ein Mensch. Aus einer Wolke im Westen sprang der Blitz. Eine Sekunde lang war alles blau, und der Donner, der folgte, übertönte den Sturm. Dann wurde es Nacht wie vorher, und prasselnd setzte der Regen ein. Da erwachten die Leute um den Brunnen aus ihrer Erstarrung und liefen in das Haus. Sie hatten nur ein paar Schritte bis zur Türe, aber als sie in die Stube kamen, lag auf den Hüten der Knechte ein Kranz von Eis. »Hagel«, sagten sie und fingen laut zu beten an. – Den nächsten Morgen stand Stephan allein im Hof und schaute mit verschränkten Armen in das Land. Die Luft war klar, der Himmel wunderbar blau, und die Wiesen und die Wälder leuchteten im doppelten Grün. Ringsum auf den hohen Bergen aber lag der Winter. Weiß und glänzend hoben sie ihre Spitzen in das blaue Firmament undtrugen ihre Schneekronen leicht und froh wie junge Mädchen ihr Geschmeide. Da freute sich Stephan und sprach:
»Wie schön! wie schön!«
Dann fuhr er zusammen, denn jemand hatte plötzlich seinen Arm berührt. Er drehte sich um, und neben ihm stand der älteste Knecht. Sein Gesicht war blaß wie von einer großen Erregung, und seine Knie schlotterten. »Herr,« sagte er fassungslos, »Herr, das arme Vieh auf den Almen.« Darauf wandte Stephan den Blick und sprach lange nicht, so schämte er sich. Endlich aber faßte er sich und sagte: »Ja, das Vieh ... das arme Vieh ...« Und als er sah, daß der Knecht die Worte, die er vorhin aus einem großen Empfinden heraus gesagt hatte, nicht gehört hatte, wurde er ruhig und sprach mit sachlichem Eifer über die Almen und die Hütten darauf: daß die Dächer ausgebessert und mit schwereren Steinen beschwert werden müßten, daß er Fürsorge treffen würde mit dem Futter und dergleichen für den Fall eines Unwetters wie gestern, und daß er in den nächsten Tagen selbst hinaufgehen werde, um genau zu sehen wie alles stünde ... Über das und vieles andere redeten sie, und der Knecht erzählte noch über den Schaden, den der Hagel in den Tälern angerichtet hatte. Endlich ging er mit bekümmertem Gesicht. Stephan aber blieb im Hofe stehen. Seine Blicke waren finster, zwischen seinen Brauenstand eine senkrechte Falte, und als ob die schöne Villa, die östlich von ihm aus einer Gruppe grüner Lärchen grüßte, schuld an seinem Kummer wäre, schaute er starr hinüber. Dann schüttelte er sich, wie um etwas abzuschütteln, und dabei sagte er:
»Vielleicht ist es doch besser, daß ich einmal zum Müller gehe und ihn wegen der Wiese frage ...«
Seit dem Unwetter floß im Klausenhof das Wasser aus dem Brunnen gelb und schlammig. Es mußte daher mit der Quelle etwas nicht in Ordnung sein. Weil es Erntezeit war und die Knechte alle Hände voll Arbeit hatten, um den Segen des Jahres heimzubringen, zog Stephan seinen schlechtesten Rock an, nahm eine Picke auf die Schulter und ging selbst, nach dem Übel zu schauen. Die Quelle lag weit oben im Wald, und er mußte an der neuen Villa vorbei. Obwohl er alle Sprüche darauf kannte und sie oft genug gelesen hatte, blieb er doch stehen und las den Spruch, der sich dem Wald zukehrte:
Gerade als er weiter gehen wollte, sah er im Garten etwas Weißes durch die Büsche schimmern. Es war ein Kleid, und nun blieb er noch einmal stehen, als ob er hoffte, noch mehr zu sehen als das Kleid. Aber dann dachte er an Agnes, dachte daran, wie lieb und gut sie sei und welch weiten Weg sie machte, nur um ihn zu sehen, als er damals kam von Innsbruck. Da ging er wieder und beschäftigte sich vorsätzlich weiter mit ihr. Er hatte sie jetzt schon längere Zeit nicht gesehen, aber ehe er nach Innsbruck ging, waren sie viel beisammen. Als Kinder jagten sie oft die Berge hinauf und hinunter, und er fing sie bei den Zöpfen, die mit roten Bändern geputzt hinter ihr flogen ... Ja, früher ging er nicht ungern hinab zur Mühle und verirrte sich auch oft, denn genau muß man den Weg dorthin kennen ... Über gefällte Bäume und wüstes Geröll muß man klettern, dann findet man sie versteckt zwischen Felsen und Fichten, und ein schwarzbrauner Waldbach treibt ihre großen, hölzernen Räder ... Und wenn man just Glück hat, kommt einem Agnes entgegen, im kurzen, kleidsamen Dirndlgewand. Und sie führt den Gast über holprige Dielen und knarrende Treppen in die gemütlichste Stube, plaudert dabei über lustige Dinge und lächelt schelmisch die ganze Zeit ... Ja, so ist des Müllers Jüngste, und ein liebes Kind ist sie ... Immer weiter spann Stephan seine Gedanken, und immer leichter und froher wurdeer. Alles Schöne fiel ihm neben Agnes und der Mühle ein: daß im Stalle alles so gut stand, daß die Ernte so reich war, daß die Mutter nimmer kränkelte, und daß Maria so ein frohes Licht im Auge trug ... Ja, es ging gewiß alles gut auf seinem Hofe, und er war vielleicht doch kein allzu schlechter Bauer.
Oben bei der Quelle fand er Arbeit, und nun wurde er praktisch und hörte zu träumen auf. Der heftige Regen hatte die Felsen abgeschleift, Schutt und Schlamm herangeschwemmt und Felsblöcke auf den Mund der Quelle gelegt. Die Erde aber war fortgewaschen, und das Rohr lag stellenweise bloß. Stephan zog seinen Rock aus, rollte die Hemdärmel zurück, und bald zitterte der ganze Wald von den Schlägen seiner Picke. Weil er aber die schweren Felsstücke fortrollte, als wären sie nur Kieselsteine, und den Boden mit den dicken Baumwurzeln so leicht aufriß, als träge er nur Moos, verdroß ihn die Arbeit insgeheim, da er meinte, sie brauche keine Kraft. Trotzdem arbeitete er weiter und stand oft bis zu den Knien im Schlamm. Es dämmerte schon, als er endlich fertig war. Erst wollte er denselben Weg zurückgehen, den er gekommen war, dann aber änderte er seinen Sinn und schlug einen Pfad ein, der in die Felder führte. Er schlug diesen Pfad ein, vielleicht weil er sehen wollte, wie weit seine Leute mit dem Korn gekommen waren, vielleicht aber auch, weil er vermeidenwollte, daß er wieder an die Villa kam. Als er aus dem Walde trat, sah er schon von weitem in langen Reihen die Garben aufgestellt. Die Knechte aber waren nimmer da, und das ganze Feld lag einsam im Sonnenuntergang. Stephan faßte seine Picke fester und eilte rascher vorwärts. Eine feierliche Freude war über ihn gekommen, denn nun dachte er an die Winternächte, in denen er nicht schlafen konnte aus lauter Sorge um den Samen. Und weil sein Herz so voll war, sagte er: »Schau, Vater, schau ...!« Dann schritt er das ganze Feld entlang, blieb bei jedem Büschel stehen und streichelte es liebevoll ... Währenddem ging die Sonne unter. Stephan fiel jetzt die Mutter ein, die zu Hause wohl wartend an der Türe stand, und er wußte, daß es Zeit war heimzugehen. Darum schritt er aus dem Feld heraus, hinüber zu dem Fußpfad, der das Korn von den Wiesen trennte. Als er hinkam, sah er von unten eine weiße Gestalt herankommen ...
Vielleicht eine Frau ...
Vielleicht ein Mädchen ...
Stephan beschattete die Augen mit der Hand, denn die Abendröte lag blendend nach dieser Seite.
Ja, ein Mädchen ...
Leicht und sicher, ohne das lange Kleid zu raffen, schritt es durch das hohe, blühende Gras. Von seinem Kopfe wehte ein feiner weißer Schleier, inder Hand trug es einen Hut mit Mohnblüten. Da sie demselben Pfad zustrebte, auf dem Stephan stand, dachte er daran, sie vorangehen zu lassen. Nicht etwa aus Höflichkeit, sondern weil er nicht leiden konnte, wenn jemand hinter ihm ging. Weil die Fremde aber noch ein gutes Stück unten war und Stephan nicht auf dem Wege stehenbleiben wollte, schritt er in das Feld zurück und machte sich an den Garben zu schaffen. Dadurch verlor er sie aus den Augen, doch tauchte sie bald auf der Höhe des Weges auf. Als sie den einsamen Mann gewahrte, hemmte sie plötzlich ihre Schritte, zauderte einen Augenblick, bog dann vom Wege ab und trat zu ihm ...
Stephan lehnte sich ein wenig schwer an die Garben.
Das Mädchen, das plötzlich vor ihm stand, sah er heute zum erstenmal und kannte es doch schon lange. Das waren dieselben blonden Haare, dieselben scheuen Augen, dieselbe weiche Hand ... Unter tausend Händen hätte er diese Hand herausgekannt. Er wollte an Agnes denken, aber er konnte nicht. Dumm und verwirrt wie ein Knabe stand er vor ihr. Sie aber wußte nichts von seinen Gedanken und sagte mit einfacher Herzlichkeit:
»Wir haben erst vor ein paar Tagen erfahren, was für ein großes Unglück Euch traf, als man unsere Villa baute ... es tut mir ...« sie stockteund verbesserte sich, »ich meine uns allen so leid.« Nun kam er zu sich, und weil er sich schämte, daß ein ganz fremdes Mädchen ihn so erregen könne, nahm er alle Kraft zusammen, wandte den Kopf zur Seite, als ob sie gar nicht da wäre, und sagte leichthin: »O, das ist jetzt schon lange her, und wir haben es überwunden ... einmal hätte es doch kommen müssen, so oder so.« »Allerdings ...« Dann schwieg sie, blickte auf seinen beschmutzten Anzug und dachte: »Was nützt diesen Leuten Mitgefühl? Sie brauchen Geld.« Und während ihr Ton kühler und ihre Haltung stolzer wurde »... aber es wäre vielleicht nicht so plötzlich gekommen. Wenn Sie darum irgendeine Hilfe brauchen ... mein Papa ist sehr gut.« Da flammte eine heiße Röte in seine blassen Wangen, seine Augen blitzten, und er sagte verächtlich: »Sie irren sich vollkommen. Wir haben Geld genug, daß wir dreißig solche Villen bauen könnten, als die dort drüben ist ...« und nach einer Pause, während der sie erstaunt und verletzt dastand »... aber Sie verschwenden Ihre Zeit mit einem einfachen Bauer ... sehen Sie dort das Alpenglühn.« ... Und er wollte gehen und konnte nicht, weil ihn das Schauspiel selber bannte.
Geradeaus vor ihnen, jäh sich hebend vom dämmrigen Himmel wie Edelsteine auf dunklem Sammet, lohten eng aneinander gerückt die Königskinder der Dolomitenberge, und die weißen Mauern eines einsamen Bergkirchleins, das sich im äußersten Ostengegen den Himmel schob, brannten in einem tiefen, lilafarbenen Schein ...
Das dauerte einige Minuten, dann sprang am Fuße des mächtigen Schlern ein Schatten auf, der langsam höher kroch und Licht fraß. Es floh in die äußersten Spitzen und leuchtete dort noch intensiver als vorher, aber der Schatten warf sich darauf wie ein riesiger Mantel und löschte die Glut. Nun standen sie grau wie die andern Berge und zeigten ihre Furchen, ihre Schluchten und ihren Schnee ...
Da erwachten die beiden auf dem Feld aus ihrer Versunkenheit. Schweigend, atemlos, jedes die Gegenwart des andern vergessend, hatten sie sich in die ferne Pracht versenkt. Nun sahen sie sich in die Augen, schämten sich, daß sie noch da waren, und freuten sich doch darüber, denn sie fühlten, daß sie sich verstanden und versöhnt hatten. Sie schritten aus dem Feld heraus, hinüber zum Fußpfad, und als ob es selbstverständlich wäre, gingen sie nebeneinander her. Erst gingen sie ohne zu reden, aber dann sagte das Mädchen: »Sie sind hier aus der Gegend und wissen vielleicht besser Bescheid als wir Fremden. Warum trägt der Rosengarten diesen merkwürdigen Namen?«
Darauf lächelte Stephan im freudigen Eifer, denn die Berge waren ihm immer das Liebste, und mit gedämpfter Stimme erzählte er ihr das Märchen von König Laurin und dem tapfern RitterDietrich von Bern. Er erzählte dieses Märchen mit so viel Bewegung, mit so viel eigener Phantasie und Begeisterung, daß sie auch davon begeistert wurde. Aber zum Schluß schien sie das Märchen und den Zweck des Märchens vergessen zu haben, denn sie lächelte fein und sagte: »Ich habe nicht gewußt, daß die Bauern so gelehrte Leute sind.« Da schämte und ärgerte er sich, denn sie hatte, ohne es zu ahnen, seine wunde Stelle getroffen, und er antwortete: »O, ich bin ein schlechter Bauer.«
Und weil sie nicht mehr weit vom Hofe waren, grüßte er rauh und ging.
Aber er ging nicht direkt ins Haus, sondern lief um den Hof herum wie jemand, der etwas Heimliches mitbringt, das er gern verbergen möchte, ehe es die anderen sehen, und als er endlich in die Stube kam, freute er sich, daß die Lampe nimmer brannte. Er tastete nach den Streichhölzern, aber als das Licht aufflammte, sah er, daß Maria in der dunklen Stube saß. Zu einer andern Zeit wäre ihm das befremdend aufgefallen, aber heute fiel es ihm nicht weiter auf. Doch auch Maria schien es nicht zu wundern, daß Stephan so spät kam. Sie brachte sein Essen ohne ein Wort des Erstaunens, begann dann über die Ernte zu reden und erzählte, daß der Brunnen wieder in Ordnung sei. Aber unter all dem Gerede über die Ernte und den Brunnen fragte sie plötzlich: »Sag, Stephan, wann gehen denn gewöhnlich die Fremden fort?« DieFrage schien nichts bedeuten zu wollen, aber Marias Gesicht war totenblaß, und ihre Augen brannten dunkel. Und plötzlich wußte Stephan ihr Geheimnis, weil ihn die Frage mit demselben Schreck und derselben Wucht traf. Er schwieg lange, als ob er sänne, aber er dachte: »Mein Gott ... mein Gott.« ... Dann zwang er sich zum Gleichmut und sagte: »Das hängt vom Wetter ab.«
»Ja ... aber gewöhnlich, Stephan?«
»Anfang Oktober.«
»Und jetzt haben wir schon September ...«
»Ja, Maria.«
Danach griff sie nach einer Kerze, entzündete sie, und ihre Hand zitterte stark über der Flamme. Das preßte Stephan das Herz zusammen, und er dachte: »Könnten wir es nicht ausreden miteinander?« Gleich aber fühlte er deutlich, daß so etwas zwischen zwei Klausen unmöglich sei, und ohne aufzuschauen sagte er ihr gute Nacht.
In der neuen Villa war Besuch angekommen. Herr von Kletten, Industrieller und Großgrundbesitzer, hatte seine geliebten Güter einige Tage dem Verwalter überlassen, um seine Familie in Tirol aufzusuchen, und brachte eine Schar Bekannte mit.Die ersten Tage blieb die Gesellschaft vollzählig beisammen. Sie tauschten untereinander ihre wechselseitigen Eindrücke über die Gegend, besprachen Tagesneuigkeiten und machten Pläne für den kommenden Winter. Aber schon gegen Ende der Woche teilten sie sich in mehrere Gruppen. Die Herren unternahmen Ausflüge in die Berge, die Damen blieben zu Haus. Die Jüngeren unter ihnen verfertigten feine Handarbeiten, und die Älteren spielten Schach. Dadurch kam Frau von Kletten etwas zu sich, kümmerte sich wieder mehr um ihre Töchter und entdeckte nun, daß ihre blonde Jüngste irgendein Geheimnis barg. Sie zeigte der Mutter gegenüber eine merkwürdige Scheu, und Frau von Kletten zweifelte keinen Augenblick, daß die Liebe mit im Spiele war ...
Wen aber liebte ihre Margarete? ... Hugo von Rotenau ... Das war eigentlich das Nächstliegende, denn er war, ob er schwieg oder redete, eine bestrickende Persönlichkeit, und von seinen dunklen Augen strömte eine Macht aus, der zu widerstehen beinahe unmöglich war. Aber daß gerade Margarete ihn liebte, schien der kleinen, nervösen Frau etwas Schreckliches. Seine Lebensauffassung ... Lebensbrutalität nannte sie es insgeheim ... stand im schlagenden Gegensatz zu der weichen, schwärmerischen Gemütsart ihrer Tochter. Für Margarete paßte zum Beispiel der junge Waldburg. Der war reich, vornehm, nicht allzu geistreich, gutherzig, nachgiebigund viel auf Reisen. Da hatte sie ihr Kind viel bei sich. Gerade, was sie wollte. Hugo von Rotenau dagegen hatte sie, so unsympathisch er ihr auch in vielen Dingen war, für Frida bestimmt. Die war mehr für das Praktische, Positive, fand sich ausgezeichnet in die Gesellschaft und würde einmal Lebensklugheit genug haben, um einzusehen, daß ein Mann wie Hugo unmöglich treu sein könne ... denn treu würde er niemals sein, und so ein Mann bräche der armen, kleinen Margarete das Herz.
Alles das und noch viel mehr erwägte Frau von Kletten, während sie in ihrem Schaukelstuhle lag, sich leise schaukelte und feine Schokolade naschte. Sie erwägte hin und sie erwägte her, aber es kam doch immer dasselbe dabei heraus: Ihre scheue, stolze Margarete liebte, und der Mann, den sie liebte, war ein grausamer, unverständlicher, übersinnlicher Egoist. Und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, stand sie auf, zog aus einem kunstvoll gearbeiteten Schrank ihr Tagebuch und schrieb hinein: »Der schmerzlichste Undank der Kinder ist ihre Selbständigkeit.« Sie lächelte zufrieden über den eigenen, schönen Gedanken, legte das Büchlein wieder zurück und ging dann, sich für den Abend umzukleiden. Ehe sie sich aber in den gemeinsamen Speisesaal begab, suchte sie Margarete auf. Sie wollte sie wenn möglich warnen, sie ein klein wenig merken lassen, welch schrecklich gefährlicher, unmöglicher Mensch Hugo von Rotenau sei, ein Mensch,dem sie nie und nimmer Vertrauen schenken dürfe. Als sie aber in Margaretens reine Kinderaugen blickte, fehlte ihr doch der Mut dazu, und sie sagte nur: »Bist du auch ganz wohl, Liebling?«
Margarete bejahte lächelnd, hing sich dann an den Arm der Mutter und erzählte von einer Freundin, die ihr geschrieben hatte. Aber während sie plauderte, kam es Frau von Kletten vor, als ob das Mädchen ihre Gedanken wüßte und vorsätzlich so viele und so gleichgültige Dinge über die ferne Freundin brachte. Darum konnte sie sich doch nicht enthalten, ganz zu schweigen, und als sie auf der Schwelle zum Speisesaal standen, sagte sie: »Weißt du auch, daß du immer recht kühl sein mußt mit Hugo von Rotenau?«
»Warum, Mama?«
»Weil er ein böser Wildfang ist, der mein kleines Mädchen nie glücklich machen könnte.«
»Aber, Mama ...« und der große, erstaunte Blick, den ihr Margarete gab, beschämte Frau von Kletten so sehr, daß sie das Gespräch abbrach und hastig in den Saal schritt.
Die Mahlzeit verlief ruhig in leichter angenehmer Unterhaltung, ganz im Sinne der Hausfrau. Sie konnte geistreiche Dinge, wobei man denken, witzige Dinge, wobei man lachen, und schaurige Dinge, wobei man zittern mußte, durchaus nicht leiden. Anfangs hatte sie zwar befürchtet, daß man über die letzten Opfer der Schweizer Berge – alleZeitungen waren voll davon – reden würde, aber niemand dachte daran. Sie machten dem Essen Ehre, lobten das Wetter, nahmen sich Dinge vor, die sie niemals zu tun gedachten, und Hugo von Rotenau, der einen oft ganz unerwartet mit außergewöhnlichen Dingen überfiel, war glücklicherweise in einer schweigsamen Laune ... Ja, glücklicherweise, trotzdem er Fridas Tischnachbar war und das arme Kind auffallend vernachlässigte. Zum Glück hatte sie Takt und Temperament und unterhielt sich mit dem Rittmeister nebenan. Der wieder war Feuer und Flamme ... O, sie waren Probleme, diese Männer ... Frau von Kletten seufzte und sah sich nach Margarete um. Die saß steif und korrekt neben dem jungen Waldburg, das feine Näschen leicht gebläht, wie in Hochmut, wie in Abwehr ... Der junge Waldburg erzählte ihr etwas über Pferde. Frau von Kletten hörte es deutlich durch das Geklirr der Gabeln und Messer. Er war ohne Zweifel ein wunderbarer Mann mit einem schönen Schloß und einem schönen Titel, devot und unverdorben, das Ideal von einem Schwiegersohn ...
»Verzeihung,« sagte ihr Nachbar, »haben Sie es gelesen?«
Sie dachte an die Schweizer Berge ... also doch ... und weil sie nicht wieder alle Einzelheiten des gräßlichen Unglücks hören wollte, sagte sie rasch: »Ja, es waren Berliner und ihrer sieben ... aber warum bleiben sie nicht zu Hause?«
»Sehr richtig ... aber ich meine die Frau mit den Fünflingen.«
»Wie interessant,« Frau von Kletten errötete wie ein junges Mädchen, »wahrscheinlich eine ... wie heißen sie nur? ... eine von den wilden Rassen.«
»Nein, eine Frau aus Südtirol, ganz in der Nähe.«
»Und sind die Babys alle am Leben?«
»Vorläufig, ja.«
»Entzückend!«
Aber sie fand es schauderhaft und im höchsten Grade unsittlich. Die Stimme ihres Mannes, die laut und vernehmlich durch das Zimmer klang, beruhigte sie wieder. Er gab harmlose Schilderungen landwirtschaftlicher Verhältnisse, und als er sich trocken geredet hatte, ergriff eine Dame das Wort und hielt einen Vortrag über japanische Seide. Das waren alles ganz ungefährliche Dinge, und Frau von Kletten erhoffte sich einen gemütlichen Abend. Plötzlich aber fuhr sie erschrocken zusammen. Am unteren Ende war ein erregtes Gespräch entstanden, und ein junger Mann sagte: »Ein Arzt, ein Freund von mir, sitzt seit acht Monaten im Zuchthaus, weil er einen Patienten, der an einer äußerst schmerzvollen und absolut unheilbaren Krankheit litt, vergiftet hat. Zu bemerken ist, daß der Kranke seinen Tod wünschte ... Nun frage ich: Ist der Mann schuldig oder nicht schuldig?«
»Schuldig!«
»Schuldig nach dem Gesetz, und das Gesetz ist das Oberste ...«
»Schuldig nach der Religion, und die Religion ist unfehlbar ...«
»Ja, schuldig, denn es ist ein Mord.«
»Und was sagen Sie, mein Herr?«
»Ja ... Nein ... das heißt ...« der Angeredete wickelte bedächtig an seiner großen Zigarre, »die Herrschaften sprechen von einem Mord. Ein Mord kann aber nur sein, wo Leben ist. Wohlverstanden, Leben. Ich habe vor dem Worte Leben einen hohen Respekt. Es bedeutet für mich vor allem die Fähigkeit zur Freude; dann alles, was stark ist, gesund ist und die Bürgschaft liefert, daß es diese Eigenschaften fortpflanzen kann und fortpflanzen wird ... Bringen Sie mir einen unheilbaren Kranken, der auch nur eine dieser Eigenschaften besitzt, und ich gebe Ihnen recht.«
»Und was ist Ihre Meinung in der Sache, Herr von Rotenau?«
»Einen Augenblick!« rief Frau von Kletten und riß nervös an ihrem kostbaren Halsband, »in der englischen Zeitung stand wieder ein so hübscher Artikel über die Frauenfrage. Hat ihn jemand gelesen?«
Aber niemand beachtete sie. Aller Augen waren auf Hugo von Rotenau gerichtet, der über die Köpfe der Anwesenden hinweg durch das offene Fenster auf die Berge blickte, die sich in schweren, schwarzen Linien vom Firmamente hoben. Dannsagte er: »Meine Meinung ist, daß nicht nur alle unheilbaren Kranken, alle Lahmen, alle Blinden, sondern auch alle Häßlichen vertilgt werden sollten.
Meine Meinung ist, daß eine schiefe Nase, ein dicker Hals, ein kurzes Bein Fehler der Natur sind und daß diese Fehler weggeschafft werden müßten, wie die Fehler der Menschen weggeschafft werden müßten.
Meine Meinung ist, daß nur vollkommen schöne und vollkommen gesunde Menschen lebensberechtigt sind, alle andern aber weggeräumt werden sollten, wie man etwa ein mißlungenes Bild aus einer guten Sammlung räumt, oder eine widerwärtige Raupe von einer schönen Blüte streift, denn,« und er hob sein Glas wie zu einem Trinkspruch, »schön ist das Leben. Aber tausendmal schöner würde es sein, wenn es von dem Menschen, den ich jetzt im Sinne habe, gelebt würde.
Dieser Mensch würde das Ideal der Denker und Philosophen sein. Dieser Mensch würde eine Gleichheit und eine Harmonie auf die Erde bringen, wie sie sich unsere Sinne, die an Krasses und Häßliches gewöhnt sind, nicht vorstellen können.
Dieser Mensch würde einen Jubel auf die Erde bringen, wie ihn bisher nur die Dichter in erlesenen Stunden kannten.
Dieser Mensch würde die wahre Liebe auf die Erde bringen, weil man ihn sofort, ohne Rückhalt und ohne Überwindung lieben müßte ...«
Als er schwieg, herrschte eine peinliche Stille. Es gab viele unter der Gesellschaft, die so strengen Gesetzen nicht hätten standhalten können und sich insgeheim wunderten, daß er so rücksichtslos sein konnte. Aber Hugo von Rotenau selbst hob den Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, indem er ganz zu vergessen schien, worüber soeben die Rede war, und fragte:
»Ist kein Wein mehr da?«
Und während Frau von Kletten dem Diener läutete, dachte sie:
»Ich habe nicht gewußt, daß er so entsetzlich ist. Wenn er nicht bald geht, reise ich mit den Kindern ab.«
Hugo von Rotenau und Stephan sahen sich öfters, und so oft sie sich sahen, schoß ihnen durch den Sinn:
»Warum reden wir nicht miteinander?«
Und jeder von ihnen verlangsamte seine Schritte und wartete, daß der andere reden sollte. Aber keiner redete; Stephan nicht, weil er zu bescheiden war, Hugo nicht, weil er im letzten Moment wieder dachte: »Wozu?« ... Und er tat, als sähe er Stephan nicht, und sah auch nicht, daßStephan stehen blieb und ihm nachschaute, bis er ihm aus den Augen schwand. Dann nahm Stephan seinen Weg in den Wald oder in die Wiese wieder auf und dachte: »Diesen Menschen liebt Maria und weiß Gott, wie das enden wird. Von Rechts wegen sollte ich ihn hassen und könnte ihm doch um nichts in der Welt böse sein.«
So war das auch heute wieder gewesen. Auf der großen Lärchenwiese hinter dem Wald hatten sie sich gesehen, hatten gewartet, wie sie immer warteten, und waren doch weitergegangen, als wäre niemand da. Und als Hugo von Rotenau ein gutes Stück fort war, blieb Stephan stehen, wie er immer stehen blieb, und dachte an die Dinge, an die er dann immer dachte. Er dachte an die merkwürdige Freundschaft, die er für diesen Fremden fühlte, an Marias dunkle Zukunft und dachte heute zum erstenmal auch noch an etwas anderes. Er dachte daran, daß dieser schöne, rätselhafte Mann, der auf jeden Menschen eine so zwingende Gewalt ausübte, Stunde um Stunde, Tag um Tag unter einem Dach mit Margarete weilte ... Seit jener Begegnung im Feld hatten sie oft miteinander geplaudert. Mit der Ungezwungenheit eines Kindes kam sie auf ihn zu, so oft sie ihn sah, und leitete mit der Selbstverständlichkeit eines guten Bekannten irgendeine Unterredung ein. Gewöhnlich war es eine Frage, die sie schon in Bereitschaft hielt und die entweder der Gegend oder denBergen galt. Und weil Stephan seine Heimat liebte und jeden Stein und jeden Hügel kannte, und weil es etwas Wunderbares war, neben diesem Mädchen einherzugehen, oft so nahe, daß er ihr langes, weißes Kleid streifte, wich er nicht aus, wie er es anfänglich beschlossen hatte, sondern ging auf ihre Weise ein und erzählte ihr alles, was sie zu wissen wünschte. Er erzählte ihr von der Fruchtbarkeit des Föhns, wenn er im Frühling durch die Wälder braust und die alten Tannen biegt, als ob er sie vom Grunde fegen möchte ... von der Schönheit der Wiesen, wenn sie im ersten Schmuck des Jahres prangen ... von der Ruhe des Winters, vom lodernden Herdfeuer, vom surrenden Spinnrad, und einmal erzählte er ihr auch von seiner Schwester Maria. Wie lieb und gut sie sei, wie geschickt im Hauswesen und welch treue Stütze für die Mutter, die anfange alt zu werden ...
Das alles hatte er ihr erzählt und sich dabei insgeheim gewundert, daß einer aus dem schweigsamen Geschlecht der Klausen soviel zu erzählen wußte. Aber wenn sie nah war oder wenn er nur an sie dachte, verwandelte sich sein ganzes Wesen. Alles, worüber er früher träumte, alles worüber er früher sann, unbestimmte, unbewußte Dinge, die verworren sein Gehirn umwogten, wurden Farbe und Gesang. Der ganze Wald, das ganze Feld begann zu klingen, und alle seine Sinne klangen harmonisch mit ...
Das war es, woran Stephan dachte, als er jetzt auf der Wiese stand; und was die Sorge um die Schwester nicht vermocht, bewirkte plötzlich ein anderes Gefühl. Eifersüchtige, haßvolle Gedanken wallten in ihm gegen den schönen, vornehmen Fremden auf, und so vertieft war er darin, daß er die lichte Gestalt nicht sah, die zwischen den Bäumen auftauchte. Erst als sie dicht vor ihm stand, gewahrte er sie und fuhr zusammen und vergaß zu grüßen, so verwirrt war er. Sie aber lächelte und sagte:
»Haben Sie jetzt gedichtet, Herr Klausen?«
Und er: »Gedichtet? O nein, ich habe mich um Fallholz umgeschaut.«
Sie blickte auf die herrlichen Lärchen, deren Zweige bis auf den Wiesenboden niedertropften, und ihr Gesicht wurde betrübt.
»Es ist so schade um die schönen Bäume.«
Nun vergaß Stephan, daß er ein Bauer war, und sagte lebhaft:
»Ja, nicht wahr? ... ich denke es mir immer, wenn die Knechte fällen gehen.«
Sie nickte, ohne recht zu überlegen, was er sagte, und schritt neben ihm über die Wiese. Er lauschte auf ihr Kleid, das leise hinter ihr rauschte, und sie sah hinab in die Tiefe, wo nach drei Seiten hin sich drei fruchtbare Täler spannten, in denen heiß in der Sonne die Etsch und der Eisack brannten. Plötzlich aber blieb das Mädchen stehen und wiesnach einem Berg, der, mit einer Burg gekrönt, weit unten lag.
»Ist das nicht ein Schloß?«
Er folgte der Richtung ihrer schlanken Hand und nickte.
»Ja, ein Schloß mit einer schönen Geschichte.«
»Mit einer Geschichte? ... O bitte!«
Sie verlangsamte ihre Schritte und sah auf ihn, erwartungsvoll. Stephan freute sich wie ein Kind und begann die Geschichte in der Redeart, wie er sie in Innsbruck gelernt hatte.
»Vor langer Zeit lebte dort unten ein sehr reicher Ritter mit seiner Frau und seinem einzigen Sohn. Plötzlich brach im Lande Krieg aus, und der Ritter mußte fort. Ehe er aber gegen den Feind auszog, ließ er zwei große, hohle Kugeln gießen und füllte sie heimlich mit den besten Kostbarkeiten, die er besaß. Viel Gold und Silbergeschirr wanderte da in den Leib der Kugeln, und so schwer wurden sie, daß nur ein vierpaariges Ochsengespann sie von der Stelle brachte. Als die beiden Kugeln geschlossen waren, gab der Ritter Befehl, sie zu Seiten des großen Tores aufzustellen. Nachdem er in dieser Weise seine Schätze geborgen hatte, nahm er Abschied von den Seinen und verließ die Burg. Viele Jahre vergingen nun, ohne daß er wiederkam. Seine Frau betrauerte ihn schon als tot und schenkte ihre ganze Liebe ihrem Sohn, der zum stattlichen Jüngling heranwuchs. Eines Tageserschienen im Schloß Abgesandte der Stadt Bozen und baten um Spenden für eine Glocke, die sie gießen lassen wollten. Als der Jüngling gehört hatte, worum es sich handle, sagte er schnell: ›Vor unserem Schloß liegen zwei große, schwere, metallene Kugeln, die ihr als Glockenspeise haben möget. Ob sie da draußen nutzlos liegen oder auf eurem Turm das Ave Maria läuten, ist wohl dasselbe.‹ Darauf ließ er die Kugeln ins Tal hinabschaffen, und bald tönte mit wunderbar reinem Klang allabendlich eine Glocke durch das Land.
Nun geschah es aber, daß eines Tages ein bestaubter Fremder in das Schloß kam, und die Burgfrau erkannte mit unendlicher Freude ihren Gemahl. Darob herrschte großer Jubel im Schloß, nur der Burgherr selbst blieb düster, und als er den nächsten Tag mit seinem Sohn allein war, fragte er plötzlich:
›Wo aber sind die beiden Kugeln, die ich vor dem Tore aufstellen ließ?‹ Darauf der Jüngling: ›Die Stadt unten brauchte so notwendig eine Glocke. Da gab ich ihnen die beiden Kugeln ... und o Vater, eine wunderbare Glocke wurde daraus.‹
Kaum aber hatte er ausgeredet, wurde sein Vater bleich vor Zorn, griff nach seinem Schwert, und schrie: ›Das sollst du mit dem Leben büßen, du wahnwitziger Knabe du!‹
Der Jüngling erschrak, faßte sich aber rasch und sagte:
›Tötet mich, Vater, wenn es sein muß. Aber erlaubt, daß ich vorher ein Vaterunser bete.‹
Und weil der Ritter schweigend nickte, begann er leise und inständig sein Gebet. Als er zu Ende war, entblößte er selbst die Brust und bog den Kopf. Aber gerade, als der Ritter das blitzende Schwert in die Höhe hob, ertönte plötzlich die Glocke, und so süß und mächtig war ihr Ton, daß dem Ritter das Schwert aus den Händen fiel und Tränen in die Augen traten. Er hob den dankbar staunenden Jüngling vom Boden auf, umarmte, küßte ihn und führte ihn der Mutter zu.
Der Ritter und sein Sohn sind längst tot; das Schloß ist auch schon arg verfallen, aber die Glocke besteht noch immer, und ihr Ton ist der reinste im Land.«
Als Stephan mit seiner Erzählung fertig war, schwieg Margarete noch lange, und endlich sagte sie wie aus weiter Ferne: »Wenn wir wieder in der Stadt sind, werde ich noch oft an all das Schöne denken, das Sie mir erzählt haben.«
Da schwand alle Freude aus seinem Herzen, denn nun wußte er, daß sie abreisen würde.
»Wenn Sie wieder in der Stadt sind, werden Sie nicht mehr an die Bauern denken.«
»An den Bauer« wollte er sagen, aber er wagte es nicht.
Darauf schaute sie ihm ernst in die Augen, und während sich ihre Wangen mit einer feinen Röte deckten, erwiderte sie:
»Ich werde Tirol nie vergessen.«
Sie schien noch etwas sagen zu wollen, noch auf etwas zu warten. Aber weil er nur fassungslos dastand, nichts redete und nicht begreifen konnte, daß sie wirklich gehen werde, schlug sie den Weg zur Villa ein. Aber sie winkte, während sie ging, sah zurück und winkte noch einmal. Dann schlossen sich die grünen, tropfenden Zweige, und er sah ihr weißes Kleid nur mehr hie und da wie eine ferne huschende Sonne gehen.
Vielleicht hatte es eine Magd der andern erzählt, vielleicht hatte sonst jemand ein zufälliges Wort geredet, vielleicht hatten es ihr die kahlen Felder und der brausende Herbststurm verraten ... es war nicht zu sagen, wie Maria es wußte, aber sie wußte es ... wußte, daß die Fremden morgen gehen würden ...
»Morgen!«
Den ganzen Tag hatte sie an dieses Wort gedacht wie an etwas Unmögliches. Hatte die Wege hinauf und hinab gesehen, in den brennenden Augen eine leidvolle Frage:
»Kommt er nicht?«
Und während sie in Zimmer und Küche die gewohnteArbeit tat und dabei immer wieder durch das Fenster sah, dachte sie:
»Es kann doch nicht sein, daß er nicht kommt. Daß er fortgeht, ohne zu reden ...«
So wartete sie von früh bis Mittag, von Mittag bis Abend. Als aber die Schatten länger fielen, überkam sie eine lähmende Angst. Konnte es doch sein, daß er ihr nichts zu sagen hatte? Nichts? gar nichts? ... Doch schon im nächsten Augenblicke lächelte sie über ihre Furchtsamkeit. Nein, das konnte nicht sein. Er war immer so seltsam gut mit ihr gewesen. In seiner Stimme barg sich Innigkeit, in seinen Blicken ein Geheimnis. Tausend süße Kleinigkeiten hatten es ihr aufgedeckt ... Sie schloß die Augen im glücklichen Sinnen. Als sie sie wieder öffnete, schrak sie zusammen. Auf der Wiese vor dem Hofe schritt Hugo von Rotenau. Ohne Hut und Mantel im lichten Sommeranzug, den edlen Kopf zurückgebogen, als schaute er den Wolken nach, kam er langsam näher. Es fuhr Maria in den Sinn, ihm entgegenzugehen. Gleich aber schämte sie sich, richtete mit zitternder Hand das Band an ihrer Schürze, trat vom Fenster zurück und blieb im Dunkel des Zimmers stehen. Als der Mann auf der Wiese aber so nahe war, daß sie ihn hätte rufen können, schlug er plötzlich eine andere Richtung ein. Er drehte dem Hof den Rücken und entfernte sich mehr und mehr nach unten. Mariaerblaßte, als sie das sah, dann aber dachte sie: »Er weiß nicht, daß ich im Hause bin. Er sucht mich draußen.« Und als ob unsichtbare Hände sie drängten, schritt sie hinaus. Sie schritt über den Hof, hinab auf die Wiese und blieb dann unschlüssig stehen. Sollte sie doch zurückgehen und im Hause warten, bis er kam? Aber noch während sie überlegte, drehte sich Hugo von Rotenau wieder um, erblickte sie, schwenkte grüßend seine Hand und blieb dann stehen, als ob er wartete und als ob es sicher und selbstverständlich wäre, daß sie zu ihm hinabkommen würde. Maria empfand das, empfand es wie eine Schmach und konnte doch nicht anders als hinuntergehen. Dann schritten sie mitsammen über die lautlose Wiese, und Hugo von Rotenau sagte nach einem langen, träumenden Schweigen: »Die wundervolle Ruhe dieser weiten, grünen Matten ... Sie wissen nicht, wie der Städter das genießt!«
Und weil er für seine Worte kein Verständnis in ihren Blicken las, gab er einer ruckweise auftauchenden Laune nach und erzählte ihr von der Stadt ..., von dem Staub, dem Lärm in den langen, breiten Straßen, von der Jagd, der Hast in den großen Plätzen, von den Zerstreuungen, den Vergnügungen, dem Wohlleben der Reichen, von dem Elend, der Zerfahrenheit, der Zerrissenheit der kleinen Leute, und zuletzt redete er über sich selbst. Erzählte, wie er ganz durch Zufallhergekommen sei, daß er anfangs nicht dachte, daß er so lange bleiben werde und dann doch geblieben sei, weil ihm die Gegend jeden Tag lieber und vertrauter wurde.
»Und die Leute?« fragte Maria bleich bis an die Lippen, »wie fanden Sie die Leute?«
Er fuhr mit der weißen Hand durch sein dunkles, dichtes Haar und lachte leise.
»Darauf kommt es bei mir nie an.«
»Auf die Leute?«
»Ja.«
Maria streckte die Hände aus, als suche sie eine Stütze, und fragte mühsam:
»Haben Sie denn nie einen Menschen geliebt?«
Er blickte gerade vor sich auf die Spitzen der Brixner Berge, die sich safranfarben in den Abendhimmel hoben, und während sein Mund weich und seine Augen versonnen wurden, sagte er:
»Ich habe einmal eine Polin gekannt. Sie war eine Tänzerin, und wenn sie tanzte, war es, als ob eine junge Taube in der Sonne flöge. So glatt und weich war sie. Aber das Wunderbarste und Seltsamste an ihr waren ihre Füße. Sie trug ihr Herz in den Füßen. Sie weinte mit den Füßen. Und ich schwöre, ich habe nie Augen gesehen, die so erschütternd weinen konnten wie ihre Füße. Ein Zittern, ein Kräuseln, von dem Knöchel angefangen bis zu den milchweißen Zehen, und man wußte, daß sich etwas in ihr krümmte ... Siewar auch nicht frivol wie viele Tänzerinnen, sondern tugendhaft, und zugleich mit der Schönheit achte ich die Tugend beim Weib.« Er schwieg einen Augenblick, und über sein Gesicht huschte eine verwirrte Röte. Gleich aber faßte er sich und schloß: »Später ... ein Jahr später, hörte ich, daß sie starb.«
Dann schwieg er ganz, und nun wurde es so still, daß man vermeinte, das Gleiten des Abendgoldes zu hören, wie es über die Berge rutschte und alle Helle des Himmels und der Erde mit sich nahm. Hier und da hing noch ein schimmernder Fetzen, aber auch der verblaßte, verschwand, und plötzlich lag das ganze Land dunkel, mit reckenhaften Gebilden dräuend ringsherum. Da zog Hugo von Rotenau den Blick von den fernen Bergen und wandte sich Maria zu. Sie hatte die Finger zusammengepreßt, und ihre Zähne schlugen leise aufeinander. Da erschrak er und sagte im Tone aufrichtigster Sorge: »Sind Sie krank, Maria?«
Zum erstenmal nannte er ihren Namen, und sie zuckte zusammen wie unter einem Schmerz. Dann bekämpfte sie ihre Erregung und wehrte seiner Angst:
»Es ist nichts ... nein, wirklich nichts. Aber ich glaube, wir verspäten uns.«
Er drehte sich sofort um, und schweigend legten sie den Weg zurück, den sie gekommen waren. Hugovon Rotenaus Gedanken hatten sich verstrickt, verfangen in den Seidenfäden, in den Seidenfalten fraulicher Gewänder, und Maria dachte. Dachte an junge Tauben, deren Flügel in der Sonne schimmern, dachte an eine Einsamkeit ohne Worte, ohne Ende.
In der Nähe des Klausenhofes trennten sie sich, und diesen Abend verbeugte er sich vor ihr, als ob sie eine feine Dame wäre.
Beim Tor sah sie Stephan, und sie senkte ihren Kopf, als sie ihn sah, weil sie meinte, er müsse ihren Schmerz und ihre Schande sehen. Aber Stephan sah nichts davon. Stephan sah, wo er ging und stand, ein vornehmes Mädchen im langen, weißen Kleide, sah, wie es auf einer Lärchenwiese, die schlanke Hand zum Gruß erhoben, ein tiefes Leuchten in den Augen, einen schönen Frieden auf den Zügen, gleich einer fernen, huschenden Sonne, im tropfenden Grün verschwand.
Nach den neuen, großen Gefühlen, die Stephan und Maria seit Beginn des Sommers beherrschten, war die alte Liebe zueinander doch zu tief eingewurzelt, als daß sie tiefinnerst nicht gemerkt hätten, wie sie sich immer mehr und mehr entfremdeten.
Früher waren sie beinahe beständig beisammen. Sie arbeiteten gemeinsam, sie erholten sich gemeinsam. Wenn Stephan etwas unternehmen wollte, besprach er sich zuerst mit Maria und dann erst mit der Mutter. Mit Maria, und mit ihr allein, redete er auch manchmal über die Bücher und über seinen alten Jugendtraum, Gelehrter zu werden. Nun war das alles anders geworden.
Mit einem leisen Lächeln um die Lippen, als ob sie beständig ein gemeinsames Geheimnis trügen, hatten sie sich früher bei jeder Begegnung angeschaut. Jetzt gingen sie aneinander vorbei mit bleichen, ernsten Gesichtern, und wenn sich zufällig ihre Blicke trafen, starrten sie sich an wie Fremde, erinnerten sich dann, daß sie Geschwister waren, sich einmal so lieb gehabt hatten, schämten sich in hilfloser Qual über ihre Abtrünnigkeit und fingen in einer ungeschickten, holprigen Art über fernliegende Dinge zu reden an. Aber dabei dachten sie jedesmal:
»Es kann doch nicht immer so bleiben? Nein, es wird doch nicht immer so bleiben! Das wäre ja ärger, als alles sagen ... Nein, alles sagen, wäre noch ärger.« Und sie blieben auf halbem Wege zueinander stehen, voll Scham, voll Scheu, voll Mißtrauen, ängstlich wie Diebe und suchten mit Blicken und dringenden Gedanken zu ergründen, wieviel einer von dem andern wußte. Solange die Arbeit draußen dauerte, ging es noch. Da sahen sie sich nur ein paarmal des Tages, und dann auchnur flüchtig, in drängender Hast. Gott sei Dank! es gab soviel zu tun.
»Du weißt schon, Maria, ich muß gleich wieder weg.«
»Ja ... freilich, ja ...«
Und sie schluckten das Essen hinunter, hasteten gleich darauf nach verschiedenen Richtungen auseinander, und höchstens die Mutter klagte, daß Stephan jetzt nie mehr zu Hause sei ...
Als aber die Tage kürzer wurden und die langen Abende kamen, die langen Abende mit dem knisternden Feuer und dem surrenden Rocken ... dieselben Abende, die vor einem Sommer soviel heimliches Glück in Marias Seele schütteten, kein Glück wie es der Sommer brachte, nachlässig hingeworfen von eines Fremden weißer Hand, sondern ein Glück voll zager Hingabe, ebenbürtig ihrem schlichten Stand und Namen, wurde der Zustand unerträglich. Immer unerträglicher. Und zu dem schrecklichen Verschweigen, dem schrecklichen Verbergen, kam eine Sehnsucht, fremd und überwältigend, herrisch und unabweisbar, daß jeder Tropfen Blut in ihren Adern metallen aneinanderklang und jede Faser ihren Körper spannte in halbverstandenem Begehr. Stephan setzte dagegen zähneknirschend einen jahrhundertealten Bauerntrotz, und Maria flüchtete ohnmächtig, schamerfüllt zu ihrer Namensmutter, der Jungfrau unbefleckt.
»Du Reinste der Reinen, hilf!«
– – – »Warum kommt denn jetzt Josef nie mehrherauf?« fragte die Bäuerin einmal an einem solchen Abend in der klagenden, kindischen Weise, die sie sich seit dem Unglück mit ihrem Mann angewöhnt hatte, »seid ihr denn nimmer gut zusammen, Stephan?« Stephan, der gerade, wie nun schon so oft in allerletzter Zeit, in merkwürdig ausschauenden Büchern blätterte, schloß das Buch und blickte unsicher auf Maria.
»Wir haben nichts gegeneinander, Mutter.«
»Aber früher kam er doch so oft.«
»Ich glaube, diesen Winter sind die Wege so verschneit.«
»Für einen Mann wie Josef? Das ist zum Lachen!«
»Ei ja ...«
Stephan hielt das Buch geschlossen und sah sich nachdenklich im Zimmer um. Dann sagte er plötzlich und unvermittelt:
»Ich wollte dich schon längst etwas fragen, Mutter. Hängst du sehr an der Stube, so wie sie ist?«
»Was meinst du?«
»Ich meine, Mutter ... der ganze Hof ist so alt. Man könnte vielleicht vieles herrichten lassen, schöner machen lassen ...«
Er dachte an die Villa drüben mit ihren Erkern und Gesimsen, und daß es für ein Mädchen wie Margarete etwas Lächerliches wäre ... der Herr eines halbzerfallenen Hofes ...
»Du mußt verhext sein,« sagte die alte Frau inmaßlosem Erstaunen, »der Hof, der allen Klausen gut genug war.«
Stephan errötete in Verwirrung und Ärger.
»So meinte ich es ja nicht, Mutter.«
»Wie meinst du es dann?«
»Ich meine, daß der Hof doch recht alt und hinfällig ausschaut und daß wir Geld und Grund genug hätten, um ihn ordentlich auszubauen.«
»Den Klausenhof?«
»Ja ... man muß sich ja schämen.«
»Mit dem Klausenhof?«
Tieferschrocken blickte sie Stephan an, und Stephan, dem plötzlich das Ungeheuerliche seiner Gedanken klar wurde, sagte hastig:
»Nein, nein ... so meinte ich es gewiß nicht. Der Klausenhof ist ein ehrsamer Hof ...« und dann noch hastiger, energischer, wie um ein für allemal mit solchen Gedanken Schluß zu machen, »aber so kann das nicht weitergehen, Mutter ... so mit der vielen Arbeit für dich und Maria ... Du weißt, daß der Vater gern gesehen hätte, wenn ich die Agnes herbrächte ...«
Nun schluchzte die Bäuerin in Schmerz und Freude.
»O, Stephan, wenn du wüßtest, wie oft ich schon daran gedacht habe.«
»So ist es dir recht, Mutter?«
»Ja ... sehr, sehr recht, Stephan.«
»Und dir, Maria?«
Er sah voll in ihre starren, weitoffenen Augen und hielt den tausend Fragen ihrer brennenden Blicke stand. Und weil keine Muskel seines Gesichtes zuckte und kein Härchen seiner Wimpern bebte, wurde sie an ihm irre und sagte wie erlöst:
»Ja ... es wäre gut, Stephan.«
Gott sei Dank! Es kam plötzlich wie eine Erschöpfung über ihn, und er fuhr sich mit zittrigen Händen über die Stirn.
»Dann geh ich nächsten Sonntag zum Müller, wenn es euch recht ist.«
»Ja, Stephan ...« Die alte Frau erhob sich, schluchzte und zögerte. »Und wenn du den Hof ein wenig auffrischen lassen willst ... ich meine, wenn ich gleich gewußt hätte, was du im Sinn hast ... ich hab natürlich nichts dagegen.«
Aber die Freude, die sie in seinen Augen erwartet hatte, blieb aus, und während er sich zur Tür wandte, sagte er müde:
»Wozu, Mutter ... das ist ja eigentlich wirklich nicht nötig.«
Stephan hatte Mühe, sich zurechtzufinden.
Er war den Weg schon seit Jahren nicht mehr gegangen und hatte schon als Knabe seine Notdamit ... als Knabe, wo er doch so oft und so gern zur Mühle ging.
Sie lag irgendwo auf der anderen Seite des Berges, eingesenkt in Steingeröll und Fichtenschlünden. Manchmal blieb er stehen, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und säuberte mit einem großen Taschentuch an seinen Beinkleidern. Ein plötzlicher Südwind hatte den Schnee an den Hängen geweicht, daß er brockenweise heruntertaumelte und als schmutziges Wasser über die Pfade kroch. Und heiß war es. Erstickend heiß. Stephan hätte am liebsten das seidene Halstüchlein herabgenommen, aber seine Mutter hatte gesagt, es schicke sich nicht, ohne ein seidenes Halstüchlein zu freien ... und sie sollten nichts auszusetzen haben an ihm, der Müller und die Müllerin. Sollten nichts davon merken, daß er lesen und schreiben konnte und so viele Jahre in Innsbruck in der Schule saß. Ein Bauer wollte er sein, ein richtiger Bauer, der kein Anrecht hat auf ein Mädchen mit weißen Händen und goldenem Haar ... Zum Teufel auch! Er wäre ausgeglitten und erhaschte noch glücklich den Zipfel einer Tanne. Der Weg ging auch so steil ab, war so glitschrig, daß man förmlich schauen mußte, wohin man trat. Und ringsum senkten sich schwere Lüfte nieder, stauten sich graue Massen auf ... Regen ...
War das ein gutes Zeichen, wenn man freien ging?
Warum denn nicht? ... er würde gut sein gegen Agnes. Ihr nie ein böses Wort sagen und freie Hand lassen in allem was die Wirtschaft anbetraf. Das war ein Zug an allen Klausen, daß sie gut waren gegen Frauen ..., wenn auch einmal einer, irgendeiner, aber sicher nicht der Adalbert, die ganz alten Knechte erzählten es öfters, seine Mutter vor den Pflug spannte und hinter ihr mit der Peitsche schritt ... weiß Gott, wie das eigentlich war. Aber sein Vater war gut gegen seine Frau, hatte sie in Ehren gehalten, und er würde Agnes auch in Ehren halten. Ja, lebenslänglich in Ehren halten ... Etwas wie Stolz kam über ihn, und er eilte rascher vorwärts in plötzlicher Ungeduld. Dann blieb er wieder einmal stehen, zupfte an dem seidenen Halstuch und säuberte an seinen Beinkleidern. Vor ihm öffnete sich ein zerklüftetes Gesenke, tief unten, versteckt zwischen Felsen und Fichten, stand ein bemoostes Dach, und ein frischer, brauner Bach sprang um zwei große, hölzerne Räder. Aber die Räder standen still, denn es war Sonntag ... Freier-Sonntag.
Stephan wurde feierlich zumute, und mit dem Hute in der Hand strebte er der Tiefe zu. Manchmal blieb er stehen, um zu schauen, ob man ihn vielleicht gesehen habe und ihm entgegenkam. Aber es zeigte sich niemand. Der ganze Grund war wie verzaubert, so menschenlos, so seltsam still.
»In Ehren halten,« sagte Stephan leise, »lebenslänglich in Ehren halten.«
Dann schrak er plötzlich heftig zusammen.
Unten schlugen die Hunde an, kläfften und heulten und rissen wild an ihren Ketten. »Herrgott!« aber was gab es da zu erschrecken? Er war doch kein Dieb. Er war der Klausenbauer, der freien kam ... Kein Klausenbauer freite noch umsonst. Die Türen taten sich von selbst auf, wenn er kam. Ja, alle Türen ...!
Und Stephan kniff die Lippen ein und schaute starr nach einer Richtung. Nach einer Richtung, wo auf der anderen Seite des Berges unter Tannen und Lärchen eine Villa stand, eine Villa mit Erkern und Gesimsen, mit Bildern und mit Sprüchen und mit einer Tür, die sich ihm nie auftun würde ... nie ... nie ...
»Nein, so eine Freude,« sagte der alte Müller, der im säuberlichen Sonntagsanzug jetzt aus der Türe trat. »Ihr habt wohl Korn zum Mahlen, junger Klausen?«
»Ja ..., auch Korn zum Mahlen.«
»Also noch etwas. Das ist schön. Aber kommt herein, Ihr seid ja schon eine Ewigkeit nicht dagewesen.«
Und der Alte machte die Türe weit auf, stolz auf den Besuch, den er mitbrachte. Sie schritten an den kläffenden Hunden vorbei, über einen sauber gehaltenen Hof, in dem die Müllerin stand und beflissen grüßte. Und als sie in die traulich durchwärmte, wohlaufgeräumte Wohnstube traten, kamenhöflich knixend die beiden älteren Töchter, kam, freudig erschrocken und schelmisch grüßend Agnes, das lieblichste Müllerkind.
Hei, wie groß sie geworden war!
Sie reichte ihm die runde, braune Hand, und während er sie einen Augenblick drückte, dachte er:
»In Ehren halten ...«
Dann setzte er sich neben den weißhaarigen Alten und ließ es sich gefallen, daß die vier Frauen hin und her liefen, um ihm Weißbrot und Kaffee zu richten. Das beste Tuch, die beste Schale, alles Beste aus dem Schrank, der Truhe ... und plötzlich kam er sich all der Sorge, all der Ehre unwert vor. Was wollte er denn hier? Rasch und gefällig lief Agnes hin und wieder, brachte Brot und Wein, brachte Fleisch und Butter, legte Scheite auf das Feuer, zündete die Lampe an, zog die Vorhänge zu und tat tausend liebe Dinge. Aber alles sacht und leise, kaum daß man es bemerkte. Und Stephan dachte:
»Wie geschickt sie ist ... wie flink sie ist. Wie die Mutter sich freuen wird ..., wie der Vater sich gefreut hätte ...«
Er wurde mit einem Male ernst.
»Rauchen Sie nicht?« fragte die Müllerin.
»Ja.«
Agnes reichte ihm Feuer mit leise zitternder Hand, und als er ihr im Scheine des aufflackernden Zündholzes in die Augen sah, scheuten ihre Blickein den seinen. Das machte ihn stolz und traurig zugleich.
»Wenn es nur schon gesagt wäre ...«
Aber so oft er den Mund dazu aufmachen wollte, legte sich etwas auf seine Brust, setzte sich etwas auf seine Zunge, klammerte sich etwas um seine Kehle, und weit hinten tauchte eine Villa auf, mit Erkern und Gesimsen ...
»Was ist es denn?« fragte der Müller, als der Schmaus vorüber war und die vier Frauen gerade in der Küche waren, »das Ihr noch möchtet außer dem Korn?«
Und zu seinem allergrößten Schrecken sagte Stephan:
»Die große Wiese, Herr Müller, die Ihr schon so lange feil habt.«
Dann kam eine solche Beschämung über ihn, daß er nimmer wagte, Agnes anzuschauen, als sie wieder in die Stube trat. Der Müller aber freute sich über das Angebot und redete eindringlich über die schöne Wiese und den niederen Preis. Spät am Abend brach Stephan auf, und als er in den Hof kam, sah er, daß es schneite.
Gott sei Dank, kein Regen, sondern Schnee! Weicher, fester, flaumiger Schnee. Schnee ... in langen Streifen niederrieselnd ... in weißen Schleiern niederwehend. In weißen Schleiern, wie sie Mädchen tragen ... wie sie blonde Mädchen tragen ... Gott sei Dank! Und alle Beschämungvon vorhin verlor sich in einem aufbrausenden Dankesgefühl, und als er gegen Mitternacht an die Villa kam, drückte er sein frostdurchglühtes Gesicht an die kalte, steinerne Wand ... Gott sei Dank! ...
Plötzlich stutzte er. Ihm gegenüber lag der Klausenhof, und aus einem Fenster drang Licht. Was war das? Sie warteten auf ihn ..., die Mutter ..., Maria ...
Er hatte die beiden vergessen. Was werden die jetzt sagen, wenn sie es erfahren ...? Jäh ernüchtert, widerwillig, unschlüssig ging er weiter ... Aber war das nicht seine eigene, seine eigenste Sache? ...
Halb trotzig, halb verlegen, trat er endlich in die Stube.
Die Mutter und Maria saßen in ihren schwarzen Sonntagskleidern, der Tisch war mit Blumen geschmückt, die einfachen Möbel machten einen festlichen Eindruck. Es war offenbar, sie hatten das alles für den Abend hergerichtet, um diesen Abend zu feiern ...
Maria trat ihm entgegen, blaß und gefaßt wie eine Braut, und die Mutter wollte schluchzen. Da nahm er die alte Frau fest um die Mitte und sagte:
»Laß gut sein, Mutter. Es wird nichts daraus.«
Sie dachte an einen Korb, aber das stand im Widerspruch zu seinen strahlenden Augen, und sie konnte ihn nicht begreifen.
»Aber Stephan?«
»Und es ist doch so, Mutter. Ich ... ich hab mich nicht getraut ...«
Nun schluchzte sie wirklich, aber aus Freude, daß sie ihren Jungen noch eine Weile behalten durfte, aus erlöster Mutterfreude, und noch immer schluchzend sagte sie:
»Du Bub, du lieber, dummer Bub.«
Nur Maria sagte nichts. Sie stand beim Fenster und blickte auf die Bäume, die im Schnee und Mondlicht drüben im Wald die Villa säumten. Die Villa, die das Schicksal der Klausen wurde, einmal, und dann noch einmal durch ein fremdes Mädchen, durch einen fremden Mann ... Und während sich ihr Gehirn abmühte, ein paar Worte für Stephan zu finden, dachte sie: »Es kann nimmer gut werden mit den Klausen.«
Und es ward nimmer gut.
Das merkte nicht nur Maria, das merkte auch Stephan, merkte es am allerdeutlichsten, wenn er sich nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle schlich und mit einem alten Fernrohr, das noch aus Innsbruck stammte, den Weg nach Bozen hinauf und hinunter sah. Densteilen, steinigen, fünf Stunden langen Weg, den der Postbote aus Bozen einige Male im Jahre heraufkroch, um den Steuerzettel oder einen anderen dienstlichen Wisch im Klausenhofe abzugeben. Ja, immer nur dienstliche Sachen! Die Verwandten und Bekannten der Klausen waren ja nicht eben gewandt im Lesen und Schreiben. Auch Therese nicht, die nur öfters einen Knecht zu der Mutter sandte mit der Botschaft, daß es ihr gut ginge und daß Maria doch einmal kommen möge.
Immer nur dienstliche Sachen! ... und doch schlich sich Stephan jeden Tag nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle und schaute mit seinem alten Fernglas den Weg nach Bozen hinauf und hinab. Aber die Steuern waren wohl noch immer nicht fällig, denn der Postbote kam nicht, so eifrig Stephan auch schaute, so sehr er das Fernglas auch drehte ... Und voll tiefer Beschämung ging er jedesmal in das Haus zurück und nahm sich vor, nie wieder auszuschauen. Aber den nächsten Morgen stand er doch draußen, an der Rückseite des Hauses, unter den langen Fängen der Windmühle ...
Da geschah es jetzt aber schon ein paarmal, daß er einen tiefen Schreck erlebte. Maria stand auch dort. Genau an derselben Stelle, wo er immer zu stehen pflegte, wo man den Weg am besten überschauen konnte. Mit straffgespanntem, weit vorgeneigtem Oberkörper, die Augen mit den Händengegen den blendenden Schnee geschützt, schaute sie den Weg hinab, schaute starr hinab und suchte ...
Stephan war jedesmal schnell zurückgetreten, noch ehe sie ihn bemerken konnte, und ging schließlich nur mehr auf Ausguck, wenn er Maria dringendst im Haus beschäftigt wußte. Aber es dünkte ihn eine lächerliche, wahnsinnige Sache, daß sie, ohne es einander zu verraten, auf ein und dasselbe warteten, von dem sie beide wußten, daß es nie kommen würde, auf eine Nachricht aus dem fernen, schönen, prachtumrauschten Wien ...
Und die Stadt, die sie früher manchmal nennen hörten, ohne sich etwas dabei zu denken, wurde ihren Herzen der Mittelpunkt brennendsten Verlangens, sehnsüchtigster Träume ...
Wien! Du wunderbares, märchenhaftes, weitentrücktes Wien! ...
Und nach und nach wurde ihnen die Heimat enge, die Heimat mit den Bergen ringsherum, die alle Aussicht wehrten in die Ferne. O du Ferne! du glänzende, glückliche Ferne! ...
Vergrämt, verdrossen, mit äußerster Anstrengung gingen sie ihrer Arbeit nach. Wie böse Geister versanken die Novembernächte, wie böse Fragen kamen die Dezembertage ... Wenn nur Weihnachten erst vorüber wäre ...! Weihnachten, das sie sonst so festlich in innigster Eintracht begangen hatten und das sie diesmal fürchten mußten, wegen der Klüfte, wegen der Fremde, die derSommer, ein einziger kurzer Sommer, unter sie getragen hatte. Und je näher das Fest der Freude, das Fest der Liebe kam, desto mehr wurde der Wunsch in ihnen rege, sich einander anzuvertrauen, einander alles zu sagen, miteinander alles zu tragen ...
Aber so oft sie damit anfangen wollten, färbten sich ihre Wangen, stockte ihnen der Atem, versagten ihre Zungen ...
Nein! es geht nicht. Es geht nicht! ...
Und Maria beugte sich tiefer über ihren Rocken, und Stephan beugte sich tiefer über sein Buch ...
So war das auch am Vortag des 24. Dezember. Die ganze Woche hatten sie es auf diesen letzten Tag verschoben. Erst für den Morgen, dann für den Mittag, dann für den Abend, und jetzt saßen sie sich gegenüber, mühten sich zu reden und konnten nicht. Aber als Maria der Faden wieder riß, und er riß heute unzählige Male, dachte sie: »Es muß sein.«
Und ohne den Faden anzudrehen, lehnte sie sich in ihren Sessel zurück und sagte:
»Stephan ...«
Er hob unsicher den Kopf.
»... ich wollte dir sagen, Stephan ...« und nach einer blitzschnellen Vorstellung von kreisförmig sich drehenden Bildern, lächerlichen, unseligen, unmöglichen Bildern ... »daß ich morgen gerne zu Therese ginge ...«
Dankbar, befreit atmete Stephan auf.
»Ja ... warum denn nicht?«
Sie lächelte bitter. »Warum denn nicht?« fragte er ...
Weil Weihnachtstag ist, könnte sie sagen, und weil wir nie auseinander waren am Weihnachtstag, und weil ...
Aber sie war zu müde, zu gleichgültig, um etwas zu sagen.
Schweigend drehte sie den Faden an, und Stephan fiel plötzlich ein, daß er draußen etwas nachschauen müsse. Eilig erhob er sich. Draußen hatte sich ein scharfer, schneidender Wind erhoben, der von den Bergen niederfuhr und wütend gegen den Hof prallte. Aber rückwärts, an der Scheune, stand die Windmühle, kampflustig, kampfgerüstet, wartend wie ein Recke auf den andern, und gleich darauf wälzten sich Wind und Mühle in heulender Umarmung. Stephan stand neben dem kleinen, matterleuchteten Fenster, und unwillkürlich blickte er hinein. Da sah er, daß Maria weitvornüber gebeugt im Stuhle saß, die Arme auf dem Schoß, den Kopf auf den Armen, und manchmal ging ein Stoß durch ihren Körper, ein Stoß, als ob sie weinte ...
Da schaute er weg und schaute hinüber zu der Villa. Sie stand unter den schneegebeugten Fichten, weißbehangen, bläulichschimmernd, wie ein leibgewordnes Märchen ...
Aber Stephan dachte an den Vater, wie erblutüberströmt im Bette lag, an Maria, wie sie in der Stube saß und weinte, an sein eigenes grimmes Weh, und plötzlich hob er die Arme wie in einer mächtigen Verzweiflung und sagte:
»Du Unglückshaus!«