Vierundzwanzigstes Kapitel

Sie nickte, und weil er weiter nichts fragte, sagte sie auch nichts. Er trug die Laterne, und sie hielt sich dicht hinter ihm.

Nach ungefähr einer halben Stunde merkte sie, daß der Wald aufhörte und die Wiese begann. Von drüben leuchtete schwach und klein ein zittriges Licht. Er wies bezeichnend darnach, und sie sagte hastig, wie zuvor: »Es ist gut jetzt ... ich danke Euch, Josef.«

Dann eilte sie voran über die Wiese.

Aber es war doch keine Kleinigkeit, sich in der Dunkelheit mit dem fremden Haus zurechtzufinden. Sie mußte alle vier Wände entlangtasten, ehe sie die Türe fand. Endlich griff sie die kalte, eisumspannte Klinke. Das Licht, das ihr über die Wiese geleuchtet hatte, stand auf einem Tisch und beleuchtete in seinem nächsten Umkreis eine große, schwere Bibel und ein altes Mütterlein. Als Maria eintrat, hob das Mütterlein den Kopf und blickte auf den späten Gast mit großen, klugen Augen. Maria trat in den Lichtkreis des Lämpchens und sagte erregt:

»Verzeiht, Mutter Geisler, ich möchte mit der Toni reden.«

Da kreuzte die Alte ihre gefurchten Hände über die Bibel und antwortete ein wenig barsch und ein wenig spöttisch:

»Ihr habt einen weiten Weg gemacht, Maria Klausen, aber Ihr habt ihn umsonst gemacht.«

Maria verwand den Spott der wohlbekannten Worte und sagte flehend:

»Seid barmherzig, Mutter Geisler, ich muß mit der Toni reden.«

»Aber Ihr könnt nicht, ...« und dann voll heimlichem Stolz, »... sie dient in Innsbruck beim Rabenwirt.«

Maria schluchzte auf.

»Dann gibts ein Unglück ... meiner SchwesterKind liegt im Sterben, und nur die Toni kann es ändern, wenn sie den Fluch zurücknimmt ...«

Da stand die Alte auf und sagte zürnend:

»Schämt Ihr Euch nicht, Maria Klausen? ... Was Ihr da redet, ist eine schwere Sünde. Leichtfertig mag die Toni sein, aber mit dem Teufel hat sie nichts zu tun ...,« sie schlug das Kreuz ..., »verlaß uns nicht, o Herr ...! Wenn Eurer Schwester Kind krank ist, so ist das Gottes Wille, und jeder Mensch wird bezeugen können, daß es eine natürliche Krankheit ist.«

Maria war beschämt und eingeschüchtert, aber nun sagte sie rasch und weinend:

»Das ist es ja eben, Mutter Geisler. Es ist keine natürliche Krankheit. So ein furchtbarer Husten ist es, daß ihm das Blut bei Mund und Nase läuft. Der Doktor weiß auch nicht, was es ist. Er sagt, es steht in keinem Buch ...«

Die Alte lächelte verächtlich.

»Der Doktor ...! hört mir auf mit ihm. Das glaube ich gerne, daß er nicht weiß, was es ist, und daß vieles nicht in seinen Büchern steht, was der liebe Herrgott tut ... geht und schämt Euch ...! Aber nein! damit Ihr nicht etwa denkt, daß wir unfreundliche Leute sind, die nachtragen und Übles nicht vergessen können, will ich Euch eine Salbe mitgeben, die Ihr probieren sollt. Sie hat schon vielen geholfen. Reibt damit das Kind nach jedem Hustenanfall von oben bis unten ein und tragt ihn fleißig in der frischen Luft herum.«

Nach diesen Worten erhob sie sich, trat an einen arg zerfallenen Schrank, suchte unter den Dosen und Döschen und nahm endlich einen weißen Tiegel heraus, den sie Maria überreichte.

Maria aber überkam plötzlich ein mächtiges Zutrauen zu den klugen Augen der alten Frau. Sie nahm den Tiegel mit einem hastigen »Vergelt's Gott« und tastete sich hinaus.

Die Dunkelheit, die draußen herrschte, brachte ihr Josef in Erinnerung. Er stand jenseits der Wiese, genau an der Stelle, wo sie ihn stehen ließ, und das Licht seiner Laterne leuchtete zu ihr herüber. Ein tiefes, leidloses Glücksgefühl stieg plötzlich in ihr auf. »Wie gut der Josef war ...«

Aber sie sagte kein Wort zu ihm, als sie drüben war, und er trug schweigend die Laterne hinter ihr. Den ganzen Weg redeten sie kein einziges Wort, und Josef fragte nichts, selbst nicht an der Wegeswende, wo Maria statt nach rechts zum Klausenhof, nach links abbog. Gegen Mitternacht erreichten sie Theresens Anwesen. Er blieb beim Tor stehen und hob die Laterne hoch, um ihr in den Hof zu leuchten. Sie wollte stehen bleiben und ihm danken. Aber plötzlich trieb sie die Angst um das Kind oder sonst etwas ... So nickte sie nur und ging hinein. Kaum war sie drinnen, dachte sie mit heftigem Herzklopfen an das Bild, das sie in der Stube vorfinden würde. Der Kleine war vielleicht schon tot, Therese krank vor Gram und Kummer. Siegriff nach dem weißen Tiegel in ihrer Tasche und öffnete die Türe. An der Wand zwischen den Fenstern hing eine brennende, halbverdeckte Lampe, aber die geweihten Kerzen waren ausgelöscht, und Therese saß beim Bettchen. Sie legte, als Maria eintrat, zum Zeichen des Schweigens ihren Finger an den Mund, und Maria wußte sofort aus ihren Mienen, daß der Kleine noch nicht gestorben war, sondern schlief. Ohne ihre nassen Kleider abzulegen kauerte sie sich neben Therese, berichtete in Flüstertönen über ihren Besuch bei Mutter Geisler und zeigte endlich den weißen Tiegel. Therese schien anfangs enttäuscht zu sein, dann aber sagte sie:

»Der Kleine hat die vielen Stunden, die du fort warst, nicht gehustet. Das ist ein gutes Zeichen, und ich glaubte schon, die Toni hat's gemacht. Aber jetzt muß ich denken, daß es die Wallfahrt ist ... der heiligen Jungfrau sei gedankt ...!«

Sie schwieg und schaute sinnend auf den Kleinen.

Doch der Hustenanfall, den Therese so fürchtete, kam diese Nacht noch ein paarmal. Aber jedesmal, wenn er vorbei war, rieb Maria das kleine Körperchen mit der grünen Salbe aus dem weißen Tiegel, und den nächsten Morgen trug sie das Kind trotz der Kälte und dem ungläubigen Kopfschütteln Theresens hinaus in die klare Winterluft.

Über eine Woche blieb sie bei Therese und tat unverdrossen nach dem Rat der alten Mutter Geisler. Und als am Samstag ihr Schwager von derWallfahrt kam, glaubte er und auch Therese, die Himmelsmutter habe den Jungen so frisch gemacht.

Maria aber hatte darüber ihre eigenen Gedanken.

Wo sie ging und wo sie stand, sah sie die klugen Augen der alten Frau, und manchmal meinte sie, alles Weh müsse gut werden unter ihr.

Dann fiel ihr immer Stephan ein und sein zerfahrenes, unglückliches Geschick. Gab es da einen Ausweg? ...

Er liebte ein Mädchen, das er schon seit Jahr und Tag nicht mehr gesehen hatte, das seit Jahr und Tag nicht mehr an ihn dachte. Und wenn auch ...! Würde so eine Feine, so eine Verwöhnte, wie es dieses Mädchen war, auf einen Bauernhof ziehen? Winter und Sommer da oben bleiben? Butter rühren? Eier zählen? und sich mit hartköpfigen Knechten und derben Mägden mischen? ...

Freilich, es gab verschiedene Dinge in der Welt. Unten in Bozen zum Beispiel hatte vor ungefähr sechs Jahren eine reiche Lehrerstochter auch einen Bauer geheiratet. Und war ein Übel daraus geworden? ... Nicht daß man wüßte. Der Hof stand noch an derselben Stelle, nur ein wenig ausgebaut und hergerichtet. Und drinnen, so hörte man, war es auch nur ein wenig anders geworden. So zum Beispiel stand die Bäuerin später auf als andere Bäuerinnen und nahm ihre Mahlzeiten nicht mit den Knechten, sondern allein mit dem Bauer. Und ging nicht in blaugefärbten Kleidern herum, sondern trug auch anWochentagen eine lila Samtbluse. Das hatte Maria oft genug gehört, und es war sicher keine Verleumdung. Nun, und war der Bauer vielleicht unglücklich deswegen? Kaum. Denn ganz Bozen weiß, wie er an seinem Weibe hängt und daß er nie in die Lauben geht, ohne irgendetwas Hübsches für sie zu kaufen. Die Händler kennen ihn schon und reiben sich die Hände, wenn er kommt, denn er kauft, ohne zu feilschen, und nimmt nur das Teuerste: seidene Taschentücher, echte Schildpattnadeln und Glücksringe ...

Aber noch während sie an all das dachte, schüttelte Maria unwillig den Kopf. Mochte es auf dem Hof in Bozen zugehen, wie es wolle, im Klausenhof konnte man so etwas nicht brauchen. Was würde die Mutter zu so einer Wirtschaft sagen? Das ging also nicht.

Gab es aber einen anderen Ausweg? ... Allerdings, einen gab es noch ... Doch es gab ihr einen Ruck, und sie sträubte sich, daran zu denken. Den Hof hergeben ... Aber nein! das konnte Stephan nie tun. Den alten Klausenhof in andere Hände geben ... was würde der Vater dazu sagen? ... Da blieb nur eines: Stephan mußte die Städterin vergessen.

Aber dann dachte sie an ihr eigenes Geschick. An den fremden Mann – für sie, trotzdem sie nun seinen Namen wußte, noch immer der namenlose, märchenhafte Fremdling – und sah ein, daß weder sie noch Stephan je vergessen konnten.

Und wieder flogen ihre Gedanken zu Mutter Geisler, zu den klugen Augen und dem weißen Scheitel ... Mutter Geisler, die wußte vielleicht Rat. Immer mehr drängte sich dieser Glaube bei ihr auf, und als sie am Sonntag von Therese und ihrem Manne Abschied nahm, schlug sie nicht den Weg zum Klausenhof ein, sondern ging die entgegengesetzte Richtung hinunter nach Kampenn. Dieses Mal hatte sie keine Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, und früher als sie selbst dachte, stand sie vor der Hütte am Rand der breiten Wiese.

Die Alte war nicht im mindesten erstaunt, als sie den Besuch gewahrte, aber sie nickte freundlich und sagte:

»Das ist schön, daß Ihr kommt, Maria Klausen.«

Dann wischte sie mit ihrer großen, peinlich sauberen Schürze über einen Stuhl und stellte ihn ihr hin. Maria aber schämte sich plötzlich, daß sie, die Klausentochter, um Rat und Hilfe in die armselige Geislerhütte kam, und um ihre wahren Gefühle zu verbergen, übersah sie den Stuhl, den ihr die Alte hingestellt hatte, und sagte rasch und ein wenig hochmütig:

»Ich bin nur gekommen, um Euch zu fragen, wieviel die Salbe kostet.«

Die Alte schaute sie ruhig an.

»Meint Ihr denn, sie hat geholfen?«

»Ja ... ganz sicher. Der Kleine ist beinahe schon gesund.«

»Dann höret, Maria Klausen. Da gibt es jetzt zwei Dinge. Entweder der Herrgott hat das Kind gesund gemacht, und dann braucht Ihr mir nichts zu bezahlen. Oder meine Salbe hat geholfen, und da mögt Ihr mir ja ehrlich sagen, ob Ihr trotz Eurer schönen Höfe und Eurer endlosen Wiesen Geld genug habt, für den Buben zu zahlen, was er Euch wert dünket.«

Und nachdem sie das gesagt hatte, machte sie sich beim Herde zu schaffen, als ob niemand da wäre. Maria aber gingen diese Worte wie scharfe Messer ins Gewissen. Sie schämte sich nun ihres falschen Hochmutes, der sie zu der häßlichen Frage verleitet hatte, und zerknirscht wollte sie aus der Stube gehen.

Da aber wandte sich die Alte um, senkte ihre großen, wunderbaren Augen voll in Marias Augen und sagte ernst und freundlich:

»Und sonst wolltet Ihr nichts fragen?«

Da errötete Maria über und über, setzte sich in den Stuhl, haschte nach der alten, runzeligen Hand, die an der sauberen Schürze niederhing, und sagte:

»Doch ... doch ... ich wollte Euch fragen, Mutter Geisler, was Ihr von einer Bäuerin haltet, die nach den Leuten aufsteht, nicht mit ihnen ißt und ihre Sonntagskleider an Wochentagen trägt?«

Atemlos, verwirrt hatte sie geredet, und als sie jetzt schwieg, empfand sie das Gefühl, als wäre ein großer Lärm gewesen, den sie verursacht hatte. Mutter Geisler aber sagte:

»Das ist eine leichte Frage und braucht nur eine leichte Antwort. Aber ich will Euch eine kleine Geschichte erzählen:

Zu einem Einsiedel kam einmal eine Bäuerin und klagte ihm, daß seit dem Tode ihres Mannes alles abwärts gehe. Da gab er ihr ein kleines Kästchen und sagte, sie müsse dieses Kästchen ein ganzes Jahr lang zwölfmal bei Tage und zwölfmal bei Nacht in alle Winkel des Hauses tragen, darauf werde es sicher besser gehen. Die Bäuerin glaubte dem frommen Mann und trug richtig das Kästchen zwölfmal bei Tage und zwölfmal bei Nacht im ganzen Haus herum. Da fand sie schon in der ersten Nacht die Knechte im Keller beim Wein, und in der Küche schmorten sich die Mägde gelbe Eierkuchen ... fangt Ihr an, etwas zu merken? ...«

»Ja, Mutter Geisler ... der Einsiedel meinte, sie müsse sich kümmern ... Tag und Nacht um die Leute und die Wirtschaft kümmern.«

Die Alte nickte, und Maria dachte an den zweiten Ausweg.

»Seid nicht böse, Mutter Geisler ... ich möchte Euch noch etwas fragen, was würdet Ihr tun, wenn Ihr einen Hof hättet ... ich meine schon von altersher ... einen Hof, den Eure Väter gehabt haben, den sie Euch übergeben haben, daß Ihr ihn betreuet und die Namen und die Art der Väter weiter zwischen seine Wände pflanzet ... und wenn es Euch plötzlich einfiele, daß Ihr etwas anderes möchtet ...ich weiß nicht was ... aber etwas anderes ... vielleicht sogar den Hof hergeben ... was würdet Ihr da tun, Mutter Geisler ...?«

Jetzt antwortete die Alte nicht so rasch wie vorhin, sondern redete langsam und mit Bedacht.

»Das ist keine leichte Frage. Vieles müßte geprüft und erwogen werden. Aber eines deucht mir ganz klar: Wo ein Hof ist, muß ein Bauer sein. Der Bauer gehört zum Hof ... und da gibt's noch ein Sprichwort, das heißt: Schuster bleib bei deinem Leisten ...«

Sie schwieg, und Maria fielen plötzlich auch die Worte ein, die Therese an ihrem Hochzeitstag gesagt hatte:

»Der Klausenhof ist kein gewöhnlicher Hof. Ich glaube, im ganzen Lande gibt es keinen, den man damit vergleichen könnte. Und wenn man denkt, wie er gehalten wurde ... vom Vater, vom Großvater und von den andern ... Und jedes von uns tat sein Teil daran und ist ein Teil davon ...«

Nein! es gab keinen Ausweg. Armer Stephan ...

Sie stand auf und drückte der alten Frau fest beide Hände.

»Ihr seid so stolz und wollt kein Geld. Aber wenn Ihr doch einmal etwas brauchen solltet, so vergeßt nicht, daß Ihr im Klausenhof immer willkommen seid ... und dann noch etwas,« sie zögerte, und es dauerte lange, »... sagt der Toni, wenn Ihr sie wiederseht, ich und Therese, und wir alle schicken ihr einen Gruß.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten eilte sie hinaus.

Im Klausenhof herrschte, seit Stephan wieder da war, musterhafte Ordnung. Die alte Zucht, die sich in den letzten Monaten stark gelockert hatte, kam wieder zum Vorschein, und das war nicht zu wundern, denn Stephan ging an Unachtsamkeiten nimmer mit verträumtem Blick vorbei, sondern sah das kleinste Vergehen und verfiel selbst über unbedeutende Dinge in eine sinnlose Wut. Das Gesinde duckte sich scheu zusammen, wenn es den jungen Bauer nur von weitem sah, und der neue Knecht fürchtete ihn, daß er zu zittern begann wie ein grausam geprügelter Hund.

Das hatte seinen guten Grund.

Stephan hatte ihn einmal bei der Flasche ertappt.

Das war ein furchtbarer Auftritt gewesen, und einen Augenblick sah es aus, als wollte er den Säufer erwürgen. Dann aber ließ er ihn los, wie von Ekel geschüttelt, und gab ihm nur einen Stoß. Aber der sandte ihn sausend bis zu den Schweineställen, und seither trug er den Kopf verbunden und rührte selbst den halben Liter Weinnicht an, der ihm von Rechts wegen jeden Tag zukam.

»Herrgott! die Kraft, die dieser junge Riese in seinen Fäusten trug ... Nein, mit dem war nicht zu spaßen ...!«

Auch Maria zitterte, wenn sie seine Stimme im Hof oder in den Ställen donnern hörte, und dachte immer:

»Der Vater war auch streng ... aber so ... so nicht ... Freilich hatte er recht, denn das waren Schädel, die man suchen mußte ...«

Aber sie empfand doch geheime Angst vor ihm und kam sich manchmal vor wie eine von den Mägden. Ja, sie begann zu beben, so oft er in die Küche kam, selbst wenn er gut und sanft redete, denn immer war etwas in seinen Augen, das früher nicht da war, etwas Böses, Wehes.

Das alles wurde viel ärger mit den ersten Frühlingstagen, und Maria kam aus der Angst und dem Herzklopfen nicht mehr heraus. »Es gibt ein Unglück,« dachte sie hundertmal. »Es gibt ein Unglück.« Und sie erinnerte sich an Geschichten, die sie gehört und gelesen hatte von Leuten, die andere im Jähzorn erschlugen.

Eines Morgens aber war Stephan fort. Ohne Gruß, ohne Weisung war er wieder gegangen, und Maria glaubte zu wissen, wohin. Hinauf zur Alm, woher die vielen Schneebäche kamen, daß das ganze Land rauschte. Hinauf zur Alm, wo man besseratmen konnte, wenn einem Zorn und Weh in der Kehle stak. O! es war leicht, so etwas zu tun. Einfach davonzugehen und Pflicht und Arbeit dazulassen ...

Aber bald dachte sie wieder weicher und versöhnlicher.

Hatte er nicht recht ...? Warum sich quälen ...? Wenn ihm leichter wird da oben, so mag er in Gottes Namen oben bleiben. Immer konnte es doch nicht dauern. Einmal wird es vorübergehen, und dann wird er ihr dankbar sein, daß sie seinen verlassenen Hof durchgehalten hatte ...

Und sie fand den Leuten gegenüber neue Ausreden für Stephans Verschwinden und war noch einmal so unermüdlich, so umsichtig als vorher. Aber müde wurde sie jetzt manchesmal. So müde. Dann umspannte sie den alten Hof mit leidvoll-mütterlichen Blicken und streichelte die grauen, rissigen Mauern. Ja, er war ein wunderbarer Hof ... aber so eine Bürde ... O so eine Bürde ...!

Bald nach Ostern erlebte Maria einen neuen großen Schreck. Drüben in der schönen Villa wurden eines Morgens die Fensterläden geöffnet. Da verlor sie plötzlich allen Mut. Wenn die Fremden wiederkamen ... die Fremde wiederkam ... konnte es da jemals gut werden ...?

Und eine Woche später kam über die schlechte steinige Bergstraße eine vornehme Kutsche gefahren. Ein Mann mit hohem Hut und gelben Knöpfenlenkte die Pferde, und grünseidene Vorhänge verhüllten das Innere des Wagens. Da aber weinte Maria, denn nun dachte sie an des eigenen Herzens unerfülltes Harren ...

Mit langen, hallenden Schritten kam einer herab vom Titschen. Er trug ein Hemd mit weit zurückgelegtem Kragen, eine rauhe Joppe und eine kurze Lederhose. Den Hut hatte er vor ein paar Tagen bei einer tollen Kletterei verloren. So wanderte er barhaupt mit der Sonne auf den wilden blonden Locken, auf den schmerzdurchbebten Zügen, auf dem weißen Hals, auf den bloßen Knien, mit der Sonne auf dem ganzen prächtigen edlen Wuchs und sah aus wie ein verirrter oder verjagter Königssohn.

Ohne Ruhe, ohne Aufenthalt, blind für die tausendfache Schönheit der erwachenden Wälder, hastete er abwärts, schalt sich einen »Hund« und schämte sich sogar vor Adalbert.

Denn Adalbert hatte ihm heute nacht bei den heimlichen Zwiegesprächen, die er dort oben beständig mit ihm führte, gesagt: »Und wenn ich sieben Gräfinnen geliebt hätte, und sieben Gräfinnen hätten mich geliebt, so hätte ich doch nicht meinenHof in den schwachen Händen eines Weibes gelassen.«

Da hatte er sich noch im Finstern auf den Weg gemacht.

Ja, Adalbert hatte recht. Herrgott! ... die ganze Wirtschaft, den ganzen Hof mit den störrischen Leuten einem Mädchen überlassen! Wie leicht etwas geschehen konnte. Dann war sie allein mit dem fremden Volk, ohne Rat und Hilfe. Arme, kleine Maria ... soviel fremde Bürde zu der eigenen Bürde. Weiß der Himmel, wie sie es trug, aber sie trug es und war nur ein schwaches Mädchen.

»O die Schande ...!«

Er knirschte mit den Zähnen und machte in seinem Herzen feierliche Gelübde. Nie ... nie wird er sie wieder allein lassen. Und ein Bauer wird er fortab sein, wie sich's gehört. Ein musterhafter Bauer. Und beginnen wird er damit, daß er den besoffenen Knecht entläßt, denn solche Leute gehören nicht auf einen ordentlichen Hof ... und der Mensch war ihm von jeher zuwider ...

Darauf fühlte er sich etwas erleichtert, und während er die erregten Schritte mäßigte, verlor er sich in Sinnen, wie es künftighin auf seinem Hofe gehen würde. Nichts und niemand störte ihn darin. Als er aber auf die große Lärchenwiese kam, von der man schon die Türme der schönen Villa ragen sah und von der es nimmer weit zum Klausenhofe war, sagte jemand unendlich süß und unendlich schelmisch:

»Nun haben Sie wieder gedichtet, Herr Klausen.«

Wie einfach immer die großen, die wahrhaft großen Dinge sind! Er staunte nicht darüber, daß sie plötzlich da war, daß sie vor ihm stand in ihrer ganzen jungen wunderbaren Holdseligkeit, sondern er staunte nur darüber, daß etwas so Großes, etwas so Schönes so einfach sein konnte. Und mitten in diesem Staunen dachte er daran, daß er ohne Hut, mit freiem Hals und bloßen Knien war. Da schämte er sich und wurde rot bis hinauf zu den blonden Büscheln. Gleich aber ärgerte er sich dieser Scham.

»Herrgott! ... er war doch in Innsbruck gewesen und wußte mit Frauen umzugehen ...« Und sein Blut sprang auf wie eine Woge im Sturm.

»Ja,« sagte er, »ich habe gedichtet. Ich habe etwas gedichtet von einem alten Bären, der um eine junge Prinzessin freit.«

Darauf errötete sie ganz leicht, sagte aber rasch und sicher:

»Das könnte nie wahr sein.«

Er nickte.

»... und dann habe ich noch etwas gedichtet. Etwas von einem Bauer, den eine schöne Gräfin liebt.«

Nun errötete sie tief und sagte langsam und leise:

»Das könnte schon eher wahr sein.«

Dann schwiegen sie, aber es war ein merkwürdigesSchweigen. Ein Schweigen voll widerredenden Stimmen und trunkenen Lauten. Das tat vielleicht der Wind. Er strich durch die Lärchen und wickelte um seine Finger ihre langen grünen Haare, daß sie knisterten wie die Haare einer Frau, und dazwischen klang manchmal ein Aufschrei, wie ihn Mädchen an sich haben, nicht laut und schmerzhaft, nur erschrocken ...

Stephan lächelte voll grausamer Genugtuung. Aber als er sah, daß ihre feinen Hände zitterten, fühlte er sich plötzlich als der Stärkere und sah in ihr die Schwache, die Bedrängte. Da sank sein wilder Sinn zusammen, und er wurde kühl und gut.

Für die Karte müsse er ihr danken ... für die schöne Weihnachtskarte.

Sie neigte das blonde Haupt und sagte zögernd:

»Ich dachte, wie einsam Sie es haben da oben während des Winters.«

Er war jetzt ganz Herr seiner selbst.

»Einsam? O ja ... aber wir Bergler sind daran gewöhnt.«

»Dann haben Sie uns wohl auch gar nicht vermißt letzten Sommer?«

»Letzten Sommer?« Stephan tat, als ob er sänne. »... es gab soviel zu tun.«

Sie nickte.

»Das habe ich mir auch gedacht. Aber es hat mir doch sehr leid getan, daß wir nicht kommen konnten.«

»Nicht konnten?«

»Es war ein außergewöhnliches Jahr. Erst das Unglück mit Hugo von Rotenau. Erinnern Sie sich an ihn? Ich glaube, Sie haben ihn gut gekannt, denn er sprach oft über Sie und fing auch noch in der Stadt manchmal ganz plötzlich von Ihnen an.«

Stephans Mienen umdüsterten sich.

»Ja ... ich habe ihn öfters gesehen.«

»Er stürzte vom Pferde und lag lange krank. Er wäre auch nie wieder gesund geworden. Ich glaube, er wäre sogar ein Krüppel geblieben. Aber eines Tages fand man ihn tot. Der Arzt sagte, er habe zuviel Morphium genommen. Absicht oder Zufall, man weiß es nicht.«

»Das ist sehr traurig,« sagte Stephan. Aber er sagte es nur und empfand es nicht, denn er hatte in diesem Mann nur den Nebenbuhler gesehen ... und an Maria dachte er nicht.

»Ja, sehr traurig. Mama wurde krank von dem Vorfall, und es war ein Glück, daß Fridas Hochzeit kam. Das gab viel zu denken und zu sorgen. Als aber alles vorbei war, fühlte sich Mama doch sehr schwach und wollte an das Meer.«

»Wie schön das Meer sein muß!«

Sie vergaß Hugo von Rotenau und sagte rasch:

»Aber die Berge sind tausendmal schöner. Ich habe so oft an die Gegend hier gedacht und konnte besonders den Rosengarten nicht aus dem Sinnbringen. Er war auch so wunderbar schön, als wir unten am Bahnhof standen. Ganz rot wie richtige Rosen sah er aus.«

Nun lächelte Stephan und sagte:

»Das hat wahrscheinlich der Schelm, der Laurin, getan ... und richtig! Habe ich Ihnen schon gezeigt, wie es der tapfere Dietrich machte, als er dort oben die edle Kühnhilde fand?«

»Nein. Wie machte er es?«

Da bog Stephan ein Knie nach Ritterart, ergriff ihre weiße Hand und küßte sie und sagte:

»So machte er es ...«

Schalk und Liebe hatten ihn getrieben. Hatten ihn getrieben, kühn zu sein und alles zu wagen. Aber nun es geschehen, war er doch tiefernst und tödlich blaß. Zürnte sie ...?

Nein! sie zürnte nicht. Das merkte er an ihren Augen, die sich zaghaft in die seinen senkten. Darum nahm er ihre Hand wieder und küßte sie noch einmal. Zürnte sie ...?

Nein! sie zürnte nicht. Das merkte er an ihren Wangen, die sich vertrauend an seine Finger legten. Nun hätte er sie auch auf den Mund küssen können, aber er tat es nicht. Ganz leise richtete er ihren blonden Kopf in die Höhe, blickte ihr tief in die bangen Augen und sagte beschämt und bekümmert:

»Ich bin nur ein Bauer.«

Darauf wandte sie den Blick, um seinen Augen auszuweichen, und erwiderte halb scherzhaft, halb scheu:

»Und ich bin nicht einmal eine Gräfin.«

Nun wurde Stephan wieder blaß, aber nicht aus Angst und Traurigkeit, sondern aus einem Jubel, der ihm tödlich schien mit seiner erschütternden Seligkeit. Margarete aber machte sich plötzlich frei und fragte:

»Wie war denn das Ende der Geschichte?«

»Von Dietrich und Kühnhilde?«

»Nein ... von dem Bauer und der schönen Gräfin.«

Stephan errötete stark.

»Oh, ich weiß es nicht. Nur, daß sie ihn geliebt hat, weiß ich, denn sie kam einmal zu ihm herunter in einer grauslichen Nacht voll Donner und Blitz.«

Margarete machte große gedankenvolle Augen.

»Und das Ende wissen Sie nicht?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

Er schämte sich jetzt, daß er das Ende nicht wußte, und sinnend gingen sie über die Wiese. Den ganzen Weg redeten sie nichts, und als sie bei der Villa standen und sich trennen mußten, sah sie ihn ohne Worte an. Er wartete, bis ihr weißes Kleid zwischen den Büschen verschwunden war, dann setzte er den Weg zum Klausenhof mit versonnenen Augen fort. Als er durch das Tor trat, glaubte er erst, der Hof sei leer. Dann sah er neben dem großen Leiterwagen eine Gestalt, die zu beben und zu schlottern begann. Unter demLeiterwagen aber stand eine Flasche, deutlich sichtbar und halb geleert. Stephans Mienen aber veränderten sich nicht. Mit dem versonnenen Ausdruck noch immer in den Augen, ging er auf den zitternden Knecht zu und sagte:

»Ich sehe, du trinkst den Wein gerne. Du sollst jeden Tag einen Liter haben statt einen halben.«

Im Klausenhof begann diesen Sommer eine so nachsichtige Wirtschaft, wie sie der stramme Hof noch nie erlebt hatte, denn gleich der Natur, die Wald und Feld für den bösen Winter mit dem schönen Frühling lohnt, zeigte sich Stephan voll überströmender Güte gegen jede Kreatur. Die Leute arbeiteten darum auch nicht minder fleißig und gewissenhaft. Sie schätzten seine neue Art, dachten nur ungern an die Angst, die sie noch letzten Winter vor ihm hatten, und liebten ihren jungen blonden Bauer, wie ihn jeder lieben mußte, der ihn sah. Und wenn er gar zu ihnen trat, mit gedämpfter Stimme redete und dabei wohl gar die Hand auf den Arm des einen oder des andern Knechtes legte, daß er neben ihnen stand wie ein Freund und Bruder, nicht wie ein Herr, quoll inihre rauhgewohnten Seelen zitternde Dankbarkeit, und sie hätten für ihn mit Drachen gekämpft, hätte er es gewollt. Aber er wollte beileibe solche Sachen nicht von ihnen, ließ ihnen im Gegenteil in allen Dingen freie Hand und begutachtete alles, was sie für gut hielten. Nur mit der Ernte wollte er nicht beginnen lassen, und die Knechte wunderten sich baß darüber, denn die Zeit dafür war da, und das Korn lag schwer vornüber. Aber so oft sie davon redeten, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Nein! nein, solange das Korn steht ist Sommer. Es ist ein so schöner Sommer heuer ...«

Und er lächelte geheimnisvoll.

Wagten sie es dann aber, ihm vorzustellen, wie wichtig es sei, endlich zu schneiden, sprang in seine Augen ein Flackern, daß sie scheu zurückwichen und betroffen an ihre Arbeit gingen.

Was hatte er denn diesmal mit dem Sommer? Sie schüttelten ihre struppigen Köpfe und konnten ihn nicht verstehen. Was hatte er denn diesmal mit dem Sommer? Es war doch ein Sommer wie jeder andere Sommer, ein bißchen heißer vielleicht und ein wenig mehr Alpenrosen als gewöhnlich.

Nur Maria wußte, was es an sich hatte mit diesem Sommer.

Sie wußte, warum Stephan diesen Sommer so störrisch, so töricht halten wollte. Ja, Maria wußte noch mehr. Sie wußte, daß Stephan mit denersten Wintertagen wieder ungerecht und grausam werden, und daß er schließlich wieder davongehen und den Hof verlassen würde, wie ein ungetreuer Fähnrich seine Fahne.

Und voll schwerer Sorge dachte sie an das Ende. Aber auch Stephan sann über das Ende. Nicht über das Ende, das Maria meinte, sondern über das Ende der Geschichte von Adalbert und der Gräfin.

»Wie war denn das Ende?«

Aber niemand, selbst die ältesten Leute, die er heimlich ausholte, wußten etwas von der Geschichte. Und der alte Michl oben auf der Alm, der einzige, der vielleicht hätte Auskunft geben können, behauptete starrsinnig, er wisse kein Sterbenswörtlein weiter. Da nahm Stephan sich vor, den Adalbert selbst zu fragen, und weil er meinte, daß man mit Toten nur um Mitternacht reden könne, blieb er eines Abends auf seinem einschichtigen Bett sitzen, und als es zwölf Uhr schlug, fragte er laut in die leere monddurchleuchtete Stube:

»Wie war denn das Ende, Adalbert?«

Und jemand sagte:

»Ich bin schon so lange tot und habe es vergessen. Nur den Anfang weiß ich noch.«

»Wie war denn der Anfang?«

»O, den werde ich nie vergessen ... Ich pflügte das Feld und freute mich, daß die Erde so fett und locker war, so schwarz aussah, so gut roch und der Pflug so blitzeblank dazwischen fuhr.

Da flog auf einmal ein feines weißes Tuch daher und blieb vor mir liegen. Gerade vor meinem blitzeblanken Pflug. Ich reiß' ihn noch schnell zurück, sonst hätte er das feine Tüchlein in die schwarze Erde gegraben. Und wie ich es aufhebe und mich wundere, wie zart und fein es ist, kommt ein Zug Reiter dahergesprengt, und ganz vorne auf einem schneeweißen Pferd sitzt die Gräfin. Sie sah, daß ich das Tüchlein hatte und trieb ihr Pferd dicht an meinen Pflug. Ich wollte ihr das Tüchlein aufs Pferd reichen, aber in dem Augenblick sah sie mich an, und da zitterte ich so heftig, daß es mir aus der Hand fiel. Ich wollte es aufheben, aber da hatte sich schon einer ihrer vornehmen Begleiter von seinem Roß geschwungen, das Tüchlein rasch genommen und es ihr gegeben. Da schämte ich mich und stand beiseite, bis sie alle vorbei waren. Aber am nächsten Tag kam die Gräfin allein an meinem Acker vorbei und warf mir im Vorüberreiten eine Blume zu ...

Von dem Tag an ging ich jede Nacht um ihr Schloß herum, bis sie dann in der grauslichen Nacht voll Donner und Blitz zu mir herunterkam ...«

»Und dann ...?« sagte Stephan mit gespanntestem Lauschen.

Aber es blieb still, und plötzlich lachte er laut auf.

Diesen Anfang hatte ihm sicher nicht Adalbert erzählt, sondern den hatte er selbst gedichtet ...und wenn er einen Anfang dichten konnte, konnte er wohl auch ein Ende dichten ...

Es wurde ihm gar feierlich zumute, und er sagte, während er sann: »... dann haben wir uns geküßt, und ich habe sie fest in ihren seidenen Mantel gehüllt und durch den Blitz und Donner auf den Berg getragen. Mitten am Wege aber sagte sie:

›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹

Und ich sagte:

›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch gefallen.‹

Aber sie sagte:

›Du vergißt, daß ich eine Gräfin bin. Der schönste Bauernhof wäre zu schlecht für mich. Hast du kein Schloß?‹

Da wurde ich erst traurig, denn ich hielt viel auf den Klausenhof, aber weil sie nicht hinein wollte, sagte ich:

›Ein wenig weiter unten steht ein Schloß. Es ist schon ganz zerfallen, aber ein paar Mauern stehen noch. Es wird uns auch niemand hinausjagen, denn es gehört Leuten, die schon lange, lange tot sind. Willst du?‹

Darauf nickte sie, und nun trug ich sie hinab in das Schloß. Dort wuchsen Bäume in den Zimmern, und wir richteten uns unter den Bäumen ein. Aber wir wohnten doch in einem Schloß, und ich weiß, daß sie dort glücklicher war, als sie in dem schönsten Bauernhof hätte sein können. Undtrotzdem ich den Klausenhof sehr gern hatte, denn er war damals ganz neu, ließ ich ihn doch stehen, wo er stand, und kümmerte mich nicht mehr darum ...«

Stephan stieß jetzt trotz der tiefen Nachtstunde einen kletternden Juchzer aus ...

Nun mochten sie seinetwegen auch das Korn schneiden.

Als Stephan aber den nächsten Abend die stattlichen Garben überschaute, die die fleißigen Hände seiner Knechte freudig und eilfertig auf dem untersten Felde, wo sie zuerst begannen, aufgerichtet hatten, verschwand in ihm die stille Freude, die er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte. Ein wenig barsch mahnte er die Leute daran, daß längst Feierabend sei, und schritt, nachdem sie endlich fort waren, ruhelos zwischen den Garben hin und her. Er dachte wieder an das Ende, an das Ende wie er es in der Nacht gedichtet hatte, und es kam ihm jetzt im Angesicht des goldstrotzenden Bauernsegens lächerlich und unmöglich vor. Den Hof stehen lassen, wo er stand, und sich nicht mehr darum kümmern, das hätte der Adalbert bestimmt nicht getan. Es war auch gegen alle Wirklichkeit,denn wäre Adalbert mit seiner Gräfin unten im Schloß geblieben, wie wären dann die späteren Klausen zum Klausenhof gekommen? Nein, das Ende war anders. Vielleicht war es so:

»... dann habe ich sie fest in ihren seidenen Mantel gehüllt und durch den Blitz und den Donner auf den Berg getragen. Mitten am Wege aber sagte sie:

›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹

Und ich sagte:

›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch gefallen.‹

Aber sie sagte:

›Meinst du den Kasten da? Er hat keine Zugbrücken und keinen Graben, keine Anlagen und keinen Teich, keine Erker und kein Wappen. Ich habe nie ein so häßliches Haus gesehen, und es ist ein Glück, daß es so hoch oben und so verborgen steht. Mich aber trage in mein Schloß zurück.‹

Da trug ich sie zurück und eilte mich sehr, denn sie befürchtete nun, daß ihre Frauen sie vermissen könnten. Als ich sie dann sicher im Schlosse wußte, ging ich nach Bozen und kaufte mir eine schöne rote Farbe. Damit schrieb ich auf den Klausenhof den Spruch, den du ja kennst und der dir auch so gut gefällt. Danach fand ich den Klausenhof noch schöner als vorher. Ich arbeitete fleißig und dachte auch nicht mehr so oft an die Gräfin. Als ich sie aber ganz vergessen hatte, heiratete ich eine brave Müllerstochter ...«

Leise stöhnend lehnte sich Stephan an ein Büschel Garben.

Ja sicher, so war das Ende. Denn den Hof stehen lassen, wo er stand, und sich nicht mehr darum kümmern, brachte kein Klausen zuwege. Und was hatte auch Maria gesagt, als er ihr vor ein paar Tagen beiläufig erzählte, daß der Staffler Bauer vom Ritten drüben anstatt zu pflügen und zu säen, in Bozen unten herumsitze und Weinhandel treibe ...?

»Wo ein Hof ist, muß ein Bauer sein. Der Bauer gehört zu seinem Hof ... und Schuster bleib bei deinem Leisten ...« hatte sie gesagt. Und sie hatte recht. Eine Gräfin kann keine Bäuerin, und ein Bauer kann kein Graf werden. Bei der einen stand das Schloß und bei dem andern stand der Hof im Wege ...

Und während Stephan noch so sann und gar nicht merkte, daß es längst finster war, stand plötzlich Margarete vor ihm.

Nicht fest und greifbar, wie sie damals auf der Wiese vor ihm gestanden hatte, sondern ein wenig verschwommen und beinahe unkenntlich unter einem feinen silbernen Nebel.

Aber er kannte sie an ihrem Haar und an ihrer Stimme.

»Du bist so dumm, Stephan,« sagte sie, »was geht uns der Adalbert und seine Gräfin an? Das ist eine alte Geschichte und kann für dich und fürmich nicht passen. Erstens bist du kein gewöhnlicher Bauer, wie der Adalbert war, und zweitens bin ich keine Gräfin, wie es die Gräfin von Adalbert war. Wir sind ganz andere Menschen. Du bist im Gegensatz zu Adalbert ein Studierter ... nein, sage nichts ... du bist doch in Innsbruck gewesen, und ich bin im Gegensatz zu der Gräfin ein einfaches Mädchen, das einen Landmann zum Vater hat. Denn mein Vater ist, wie du schon gesehen haben wirst, ein schlichter Mann, der dich lieb haben wird ... Nur meine Mutter ist ein wenig stolz, und es wird einen kleinen Kampf mit ihr geben. Aber ich fürchte mich nicht, wenn du dich nicht fürchtest ...«

Auf diese Rede hin fuhr Stephan freudig zusammen und sagte:

»So meinst du, Margarete, daß dir der Klausenhof gut genug wäre, so wie er ist, ohne Graben und Zugbrücken, ohne Anlagen und Teich, ohne Erker und Wappen ...?«

Darauf senkte sie den Kopf ein wenig verwirrt, ein wenig beschämt.

»So meinte ich es gerade nicht, Stephan. Ich meine ... du bist eigentlich kein Bauer und brauchtest darum keinen Hof.«

Stephan erbleichte.

»Du meinst den Hof verkaufen?«

»Oder verschenken ...« und sie sah ihm fest in die Augen und faßte nach seiner Hand. Esdauerte lange, bis Stephan zu sich kam, und endlich sagte er:

»Du redest, wie du es verstehst, Margarete. Der Klausenhof und die Klausen, davon läßt sich nichts trennen. Den Hof verkaufen täte mir vorkommen wie eine Sünde, und den Hof verschenken täte mir vorkommen wie ein Undank. Stelle dir das einmal vor.

Ich verkaufe den Klausenhof, oder ich verschenke ihn, ganz wie du willst, und ich ziehe fort mit dir. Irgendwohin. Aber der Klausenhof bleibt da, immer noch der Klausenhof, trotzdem kein Klausen mehr drinnen ist, denn die Treuen liegen unten im Kirchhof, und der Untreue ist ... ich weiß nicht wo. Das weiß ich, und das wissen viele andere, aber der Klausenhof weiß nichts davon. Er kann es sich nicht vorstellen, daß ihm einer von den Klausen untreu sein könnte ... daß er einem Klausen nicht genug sein könnte, wo er ihnen durch so viele Jahre den Sturm von ihrem Feuer abgehalten hat und Segen und Sorgen und alles mit ihnen teilte. Nein ... der Klausenhof würde so etwas nicht glauben. Er würde es nicht glauben, denn ich war schon einmal fort ... damals in Innsbruck ... und als ich kam, da weinte ich in meinem Knabenstübchen vor Heimweh und Seligkeit und tausend Dingen, die niemand verstand. Nur der Hof verstand mich, denn er redete zu mir in seiner alten wunderlichen Weise, und ich wurde still und froh unter seinen ernsten Augen.

Und wenn ich jetzt wieder fortginge, der Hof würde auf mich warten. Und ich würde es spüren, Margarete. Immer würde ich ihn vor mir sehen, wie er wartet. Wie er da oben steht im rauschenden Regen, im peitschenden Sturm oder im lautlosen Schnee. Tag und Nacht würde ich ihn vor mir sehen, wie er wartet, daß ich wiederkomme.

... und, o Margarete! ich würde wiederkommen, denn der Hof gibt mich nicht frei ...«

Darauf wußte Margarete offenbar nichts zu erwidern, denn es entstand ein langes Schweigen, und Stephan hatte einen Moment lang das Empfinden, als ob der feine silberne Nebel zerrinne. Er hielt den Atem an, um sie nicht zu verscheuchen, und endlich redete sie wieder, aber diesmal langsam und zögernd, als hinge ein schweres Gewicht an jedem Wort:

»Du bist nicht frei ... und weil du nicht frei bist, so mußt du dich frei machen. Was aber heißt frei sein? ... Frei sein heißt froh sein; froh sein heißt stark sein; stark sein aber heißt Herr sein. Nicht Herr über einen Hof und über ein paar Knechte, sondern Herr sein über die Dinge, die man liebt. Das ist nicht leicht, Stephan. Aber wenn der Feind ein Land bedrängt, was tut das Volk? ... Es reißt seine Brücken, seine Dörfer, seine Wälder ein, um die Hauptstadt zu sichern ... denn es gibt immer noch eine größere Liebe ...

Bei dir handelt es sich auch um einen Feind. Allerdings um einen unsichtbaren. Nenne ihn Pflicht oder Angst oder wie du willst. Aber der Weg, auf dem er herankommt, ist etwas Sichtbares, etwas Äußerliches ... der Hof. Aber etwas Äußerlichem kann man an den Leib, und etwas Sichtbares kann man unsichtbar machen ... dann bist du frei ...«

Nun erschrak Stephan so heftig, daß er wie in Abwehr beide Hände von sich streckte und dabei unversehens den silbernen Nebel zerriß. Da sah er, daß er allein auf dem mondbeschienenen Felde stand. Ein unbekanntes Grauen schüttelte ihn, und seine Zähne schlugen fröstelnd aufeinander trotz der warmen, schwülen Nacht. Wie gehetzt lief er an den schweren, blinkenden Garben vorbei und hielt erst inne, als er auf die Höhe kam.

Dort oben stand sein Hof alt und grau, ernst und feierlich wie eine Kirche. Stephan aber wagte nicht, ihn anzuschauen. Mit gesenktem Blick, als hätte er Verrat im Sinne, ging er durch das Tor.

»... weil ich frei sein will,« sagte Stephan, »und weil der Freiheit nichts im Wege stehen darf ... nichts ... selbst du nicht, du alter ehrwürdiger, du heiliger Hof ...«

Und er streichelte die alten Mauern scheu und zärtlich, als wären sie Grabsteine, und trat leise und behutsam auf, als träte er geweihten Grund.

Und allen im Hause, besonders aber Maria, hätte er gerne gesagt, sich den Hof noch einmal anzuschauen, sich jede Wand und jeden Winkel einzuprägen, damit sie ihn zeitlebens in Erinnerung behalten. Aber er konnte das niemand sagen, denn es hätte ihn keiner verstanden. Und weil er also schweigen mußte und genau wußte, daß es gerade Maria am schwersten treffen werde, war er ihr gegenüber so voll Zartheit und Liebe, ungefähr wie jemand, der eine große Schuld zu tilgen hat.

Lange, lange saßen sie diesen letzten Abend beisammen und redeten wieder einmal vom Vater, der nun schon so lange tot war. Und weil der Tod des Vaters so innig mit der neuen Villa zusammenhing und das ein Boden war, den sie noch immer nicht zu betreten wagten, sprang das Gespräch auf Therese über, auf ihren Mann und den Kleinen, der als ein echter Bauernsohn rund und rotbäckig gedieh. Zum Schluß aber redeten sie über die Ernte. Über den Segen, der von den Feldern in die Scheunen strömte, ein Segen, so ausgiebig, wie sie sich auf keinen zweiten besinnen konnten. Endlich aber stand Maria auf, richtete noch Kleinigkeiten da und dort und wünschte Stephan gute Nacht. Da hielt er ihre Hand länger als gewöhnlich, und es schien, als ob er ihr nochetwas sagen wollte. Aber er sagte nichts und ließ sie gehen.

Eine Weile blieb er noch in der Stube vor der brennenden Lampe sitzen, dann löschte er sie aus und ging ebenfalls in seine Kammer. Dort machte er aber kein Licht wie gewöhnlich, sondern setzte sich an sein Bett und wartete.

Eine Stunde mochte er so gewartet haben, dann erhob er sich und schritt hinaus. Voll und weiß stand der Mond am Himmel, und der ganze Hof sah aus, wie aus einer silbernen Flut gezogen.

Stephan aber gab sich jetzt nicht mehr ab mit schwärmerischen Gedanken. Abschied hatte er von dem Hof schon genommen.

Vorhin schon ...

Ohne jede Hast oder Überstürzung, mit klarem Kopf und ruhiger Hand ging er ans Werk. Und während er über den Hof nach der Scheune schritt, dachte er: »Ich bin nicht wahnsinnig, o nein! Ich will frei sein, und frei sein heißt Herr sein über die Dinge, die man liebt ...«

Das Tor knarrte leise, als er es öffnete; und der Hund an der Kette hob den Kopf und spitzte die Ohren. Stephan nickte ihm beschwichtigend zu. Dann drängte er sich in die Scheune und konnte beinahe nicht hinein, so voll stak sie von oben bis unten mit schwerem ungedroschenem Korn. Wie eine Mauer erhob es sich links und rechts und knisterte dürr, als Stephan daran streifte ...

»... Weil ich frei sein will ...« sagte er noch einmal. Dann flackerte das Zündholz auf, und er hielt es unter die hängenden Halme. Eine Weile wartete er noch, um sich zu vergewissern, daß die Flamme faßte; dann ging er in das Haus zurück und läutete mit weitausholenden Schwingen die Alarmglocke. Und gleich darauf mischte sich in das Kreischen der Alarmglocke das langgezogene, wimmernde Heulen des Hundes. Da hörte Stephan zu läuten auf und befreite den Hund. Währenddem erschienen notdürftig angezogen Knechte und Mägde, die kopflos durcheinander fuhren und mit mächtigen Eimern zum Brunnen liefen. Aber Stephan schickte sie mit donnernder Stimme hinein in das Haus, ihre eigenen Sachen zu retten. Dann ging er in den Rinderstall und löste die eisernen Ringe von den Mauern, woran die Tiere gehalten waren. Mit gereiztem Gebrüll strömten sie ins Freie und rasten schweifschlagend aus dem Bereich der rauchgebeizten Luft. Beim Schweinestall entstand Verwirrung. An zwanzig bis dreißig kegelten, kugelten sie heraus, und einen Augenblick schien es, als liefen sie direkt in die Flammen. Dann aber erkannten sie die Gefahr und schossen nach unten. Die Hühner flogen kreischend in die Höhe, wußten nicht wo aus und ein und flatterten endlich mit den Funken in den Flügeln dem Walde zu.

Unterdessen hatte das Gesinde seine Habe gerettet.

Bündel um Bündel trugen sie hinunter auf die Wiese und legten sie zu Füßen des Kreuzes, das die Klausenbäuerin in jenem heißen Sommer hatte hinausschaffen lassen. Es war auch die höchste Zeit, denn klingend und krachend sank die Scheune zusammen und sandte aus ihrem geborstnen Leib einen riesigen, glühenden, schaumigen Strahl hinüber zum Hof. Und noch einen ... und noch einen ...

Stephan wußte jetzt, daß der Hof verloren war. Darum ließ er die Leute mit ihren Eimern gewähren und sah sich nach Maria um.

Sie stand beim Kreuz vollkommen untätig, die Augen auf die spritzenden Flammen gerichtet, die Finger ineinander, den Mund hilflos verzogen. Aber es rührte ihn nicht, und er empfand keine Scham über seine Tat. Erst als sie wild aufschluchzte und ihr Körper krampfhaft in seinen Armen zuckte, dachte er:

»Mein Gott ... es war ja ihr Heim.«

Er ließ sie ausweinen, und als sie endlich ruhiger wurde, sagte er so sanft und gut wie er nie geredet hatte:

»Höre, Maria, ... ich glaube nicht, daß etwas Lebendiges umgekommen ist, aber die Katze ... sag, hast du die Katze gesehen ...?«

Was er wollte, gelang ihm, denn Maria zwang ihre Gedanken und dachte an die Katze, die sie als braves Hausmütterchen immer gut gehalten hatte.Verstört und verweint, aber doch gefaßt, schaute sie suchend umher. Die Katze war aber nirgends zu sehen. Da fiel ihr denn ein, daß die Katze umgekommen sein müsse, weil sie ja immer in der Küche oben auf den Kacheln schlief und die Küchentüre sicher kein Mensch geöffnet hatte. Nun weinte sie abermals, doch jetzt weinte sie um die Katze; und Stephan fühlte, daß dieser neue Kummer, der sanft und harmlos war, den Schmerz von vorhin leise und unmerklich verdrängte. Da wurde er wieder froh und zuversichtlich, blieb aber voll Ernst und Schonung Maria gegenüber. Gerne hätte er ihr alles gesagt, aber er spürte, daß sie ihn jetzt im Angesichte des brennenden Hofes, der ihnen so lange Welt und Heimat war, nicht verstanden und ihm nicht verziehen hätte. Aber er ließ ihre Hände nicht los und führte sie herum, wie man Kinder führt. Aber immer so, daß sie den Hof im Rücken hatte ...

Und abseits von ihnen stand das Gesinde, müßig und erregt, und schaute zu, wie der Wind in die Windmühle griff und ihre feurigen Räder herumriß, bis sie knisternd zerstoben.

Frau Therese hatte Einquartierung bekommen.

Alle seine Leute und alle seine Tiere – dieKatze ausgenommen – hatte ihr Stephan gebracht. Da gab es Arbeit in dreifacher Fülle. Maria stand Therese treulich bei, und auch Stephans Gesinde tat das seine. Aber es war nicht sehr viel, denn Stephan kundschaftete nach Bauernhäusern, die Knechte und Mägde brauchten, und schickte bald den einen, bald den andern, um sein Büchel zu zeigen.

Und als der letzte Knecht und die letzte Magd versorgt war, führte Stephan lange Reden mit Therese, wobei sie oft zornig und unwirsch wurde; und zum Schluß doch immer nachgeben mußte, weil Stephan kein Strichelchen von dem Gesagten änderte, was da war, daß er den Klausenhof nicht mehr aufbauen lassen werde und daß er überhaupt aus der Gegend gehe ... nach Wien vielleicht.

Und eines Tages kam ein alter Advokat aus Bozen, der das Vermögen der Klausen in drei gleiche Teile teilte. Da erwarb Therese alle Wiesen, Felder und Hänge, die nah und fern zum Klausenhof gehörten, und Stephan und Maria erhielten viel bares Geld.

Nun war alles geordnet, und nur eines blieb Stephan noch zu ordnen. Und es war höchste Zeit dazu, denn die grünen Fensterläden an den Villen auf den Höhen schlossen sich einer nach dem andern. Aber noch mußte er warten, bis die Anzüge aus Innsbruck kamen. Allerfeinste Anzüge, die er sich bestellt hatte, denn in dem lümmelhaftenBauerngewand – kurze Joppe, kurze Hose – konnte er um kein Mädchen freien. So vergingen die Tage, und es ereignete sich nichts Besonderes. Nur einmal wurde die Gleichmäßigkeit der Woche unterbrochen, und das war, als eines Nachmittags ganz unerwartet der Josef kam. Vor einiger Zeit war ihm seine Mutter gestorben, und da mochte ihn wohl Trauer und Einsamkeit zu den alten Freunden getrieben haben. Vielleicht! denn noch hatte er kein Wort über die Mutter oder über die Einsamkeit gesagt und nur über den Wald und sein Gewehr und die früheren Zeiten geredet. Aber voll Vorsicht und Schonung, damit niemand wehmütig zumute würde. Und dabei sah er manches Mal auf Maria, die es aber gar nicht merkte, denn sie nähte an einem Höschen für Theresens kleinen Schatz. Aber trotzdem sie sehr eifrig nähte, wurde das Höschen doch so schnell nicht fertig, denn sie nähte ganz verkehrt und merkte es auch nicht. Und nach einer Weile saßen sie gar allein, da Therese anderswo zu tun hatte und Stephan auch plötzlich verschwunden war. Nun hätte Josef eigentlich sagen können, warum er gekommen sei, denn vielleicht war es nur etwas für Maria. Aber ein feiner Instinkt hielt ihn davor zurück. War es die Blässe ihrer Züge? war es das Zittern ihrer Hände? Er wußte es nicht.

Nur daß Wunden in Frauenherzen wie Wunden in Blüten sind ... so verheerend und so schwerheilbar, wußte er. Darum verschwieg er, warum er eigentlich gekommen war, und redete weiter über den Wald und über die früheren Zeiten. Aber etwas in Marias scheu gesenkten Augen gab ihm Glauben und Gewähr für die Zukunft ...

– – Endlich kamen auch Stephans Kleider aus Innsbruck.

Keuchend und schwitzend brachte sie der alte Briefträger herauf, und Stephan gab ihm selig ein reichliches Trinkgeld. Dann ging er mit dem schweren Pack in die Kammer, die ihm Therese eingeräumt hatte, und probierte. Er suchte den feinsten und schönsten Anzug heraus. Darin wollte er bei ihrer stolzen Mutter um sie bitten. Aber der Anzug paßte nicht. Er war ihm zu kurz und zu eng, und als er sich in dem kleinen Spiegel besah, gefiel er sich nicht. Mißmutig zog er ihn wieder aus und probierte den nächsten. Dann den nächsten ... dann den nächsten ...

Aber es paßte keiner, und er warf sie endlich zornig auf den Tisch. Dann schlüpfte er wieder in sein Bauerngewand – kurze Joppe, kurze Hose – und machte sich mit einer trotzigen Falte zwischen den Brauen auf den Weg. Er war halt ein Bauer, und das wird sich nicht leugnen lassen, auch in Wien nicht. Aber wer weiß ...?

Fröhlich und sicher, immer nur des Augenblicks gedenkend, da Margarete ihre Wangen an seine Finger legte, ging er zwischen den steilaufsteigendenWäldern dahin. Plötzlich aber blieb er stehen und spürte einen heftigen Schreck und konnte doch die Blicke nicht wenden von dem, was ihn so erschreckte.

Es waren unter Fichten und Lärchen drei ragende Türme mit leuchtenden goldenen Spitzen. Eine unendliche Bangigkeit überfiel ihn, und wie ein Wahnsinn erschien ihm, was er schon getan hatte und was er noch tun wollte. Seinen Hof hatte er angezündet, und ein feines Mädchen ging er freien ... er ein Bauer, im Bauerngewand ...

Zerknirscht und verzweifelt hockte er sich auf einen Stein und dachte an die Anzüge aus Innsbruck. Bald aber merkte er, daß es eine schmähliche Schwäche war, die ihn da im Angesicht der Villa überfallen hatte, und um sich Mut zu machen, langte er mit den Armen nach links und rechts und rupfte alle Blümlein aus der Erde, deren er habhaft werden konnte. Und weil das noch immer nichts half, er merkte es an dem Zittern seiner Knie, fing er zu singen an und sang:

Das sang er drei- viermal hintereinander, und weil er glaubte, nun sei es genug, stand er auf. Aber seine Knie zitterten noch stärker als vorher. Da hockte er sich wieder auf den Stein und dachtenun wieder an die Anzüge aus Innsbruck. Und wie er noch so dachte, rauschte es plötzlich hinter ihm, und als er aufblickte, stand Margarete neben dem Stein. Aber nicht wie an jenem Abend im Feld, weich und verschwommen, beinahe unkenntlich unter einem Nebel, sondern deutlich und greifbar und untrüglich wahr. Nur der Schalk, der früher in ihren Augen spielte, war nicht da. Blaß und tiefernst war ihr liebes Gesicht, und in sein Herz quoll plötzliche Sorge. Er stand rasch auf, aber nun stand er sicher und fest, und der Mut, der ihm vorhin nicht kommen wollte, kam jetzt mit tausendfacher, todesverachtender Stärke ...

Und während er den Weg nach der Villa einschlug und Margarete sich gehorsam neben ihm hielt, sagte er:

»Ich weiß jetzt das Ende, Margarete. Soll ich es dir erzählen?«

Aber sie wurde nur noch blässer und schüttelte hastig den Kopf. »Nein ... nein ... ich weiß es ja schon ... nur von selbst hätte es kommen sollen ...« und weil sie sah, daß er jäh erblaßte, faßte sie schnell seine Hand ... »aber ich bin nicht böse ... nur stolz, daß du mich so liebst ...«

Darauf schwiegen sie.

Als sie aber vor dem Tor der Villa standen, sagte Margarete ganz wie damals ihr Scheinbild auf dem Felde:

»Mein Vater ist ein schlichter Mann, der dichlieb haben wird. Nur meine Mutter ist ein wenig stolz, und es wird einen kleinen Kampf mit ihr geben. Aber ich fürchte mich nicht, wenn du dich nicht fürchtest.«

Stephan aber fürchtete sich nicht.

Stephan war bereit ... bereit zum Bösesten und Besten, und gemeinsam stiegen sie über die breite teppichbelegte Treppe.

Ende

Stromaufwärts

Aus einem FrauenlebenvonAngela Langer

Zweite Auflage. Geheftet 3 Mark, in Leinen 4 Mark.

Aus kümmerlichster Existenz, ohne fremde Hilfe, mit eigener Kraft, die durch alle Hemmungen sich sieghaft bewährt, ringt sich eine Frau zu eigener geistiger Freiheit und zu selbständigem Menschentum. Nur wenige Schimmer zagen Glücks mischen sich in dies unsäglich schwere Werden, aus dem wie ein Triumph weiblicher Hoheit das Ende aufstrahlt: da in dieser einfachen Frau von selbst die Religion des Lebens aufdämmert, das sie bis in die letzten Tiefen gütig versteht. Aus schmerzlichem, wehem Erleben wächst hier eine innere Klarheit, die das Leben überwand, um es sich neu zu schaffen. Dies Buch redet in seiner Schlichtheit die ergreifendste Sprache, die seit langer langer Zeit eine Frau für das gefunden hat, was sie erlebte, was sie litt.

(Badische Neueste Nachrichten, Mannheim)

Die ganze Geschichte ist eingetaucht in die Kraft des vollen Erlebnisses. Man liest mit großer Bewegung ein schweres und an Zartheiten und Schönheiten reiches Stück Frauenleben, das nicht am Schreibtisch erfunden sein kann, sondern zum mindesten auf genauer Kenntnis nicht einfacher Lebensgänge beruht. Es ist ein edel empfundenes, schönes Buch, eben deshalb, weil es beweist, daß der Realismus durchaus nicht den Hochsinn seelischer Empfindungen verhindert.

(Kölnische Zeitung)

Dies Buch ist gewiß nicht typisch. Ein Mensch mit so starker künstlerischer Anlage, so reicher Phantasie und solchem Drang nach Erkenntnis des Lebens dürfte sich unter den einfachen Dienstmädchen, wie es die Verfasserin war, nicht allzu häufig finden, so wenig häufig wie irgendeine andere ausgeprägte geistige Besonderheit. Aber mit ergreifender Gewalt packt uns dabei doch wieder der Gedanke, wie unendliche seelische Kräfte, welche Fülle heißen Lebensverlangens in der stumpfen Einförmigkeit des Daseins für die Mehrzahl der Menschen ungenutzt verdorren mögen.

(Sozialistische Monatshefte, Berlin)

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Auslassungen mit zwei Punkten wurden auf drei Punkte erweitert

Seite32:"«," geändert in ",«"(»Weißt du, Maria,« sagte sie)

Seite38:"natürich" geändert in "natürlich"(Ich hatte natürlich nichts Schlechtes im Sinne)

Seite48:"." geändert in "?"(»Interessieren Sie sich denn nicht für Aviatik?«)

Seite72:"«," geändert in ",«"(von einer schönen Blüte streift, denn,« und)

Seite100:"unseli-ligen" geändert in "unseligen"(lächerlichen, unseligen, unmöglichen Bildern)

Seite102:"«," geändert in ",«"(warte, Maria ...,« die Bäuerin zögerte)

Seite121:"«," geändert in ",«"(Aber insonsten ...,« und der Altweiberkopf wackelte)

Seite143:"«" hinter "Stube." entfernt(und trug sie zurück in die Stube.)

Seite145:"«" hinter "Mann ..." entfernt(Also doch ein Unglück mit Theresens Mann ...)

Seite145:"«" eingefügt(»Ist etwas passiert mit deinem Mann?«)

Seite153:"«," geändert in ",«"(mit dem Teufel hat sie nichts zu tun ...,« sie schlug)

Seite176:"«" hinter "getragen." entfernt(durch den Blitz und Donner auf den Berg getragen.)

Seite176:"‹" eingefügt(schon lange, lange tot sind. Willst du?‹)


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