16.

„Wohlauf, lieb Bruder und Gespiel,Quem sitis vexat plurima,Ich weiß ein Wirt im Tale kühl,Qui vina habet aurea!Er zapfet fleißig uns den WeinDe dolio in cantharum!Drum wollen wir auch fröhlich seinAd noctis usque terminum!Wer greinen oder murren will,Ut canes decet rabidos,Der mag wohl bleiben aus dem Spiel,Ad porcos eat sordidos!“

„Wohlauf, lieb Bruder und Gespiel,Quem sitis vexat plurima,Ich weiß ein Wirt im Tale kühl,Qui vina habet aurea!Er zapfet fleißig uns den WeinDe dolio in cantharum!Drum wollen wir auch fröhlich seinAd noctis usque terminum!Wer greinen oder murren will,Ut canes decet rabidos,Der mag wohl bleiben aus dem Spiel,Ad porcos eat sordidos!“

„Wohlauf, lieb Bruder und Gespiel,Quem sitis vexat plurima,Ich weiß ein Wirt im Tale kühl,Qui vina habet aurea!

„Wohlauf, lieb Bruder und Gespiel,

Quem sitis vexat plurima,

Ich weiß ein Wirt im Tale kühl,

Qui vina habet aurea!

Er zapfet fleißig uns den WeinDe dolio in cantharum!Drum wollen wir auch fröhlich seinAd noctis usque terminum!

Er zapfet fleißig uns den Wein

De dolio in cantharum!

Drum wollen wir auch fröhlich sein

Ad noctis usque terminum!

Wer greinen oder murren will,Ut canes decet rabidos,Der mag wohl bleiben aus dem Spiel,Ad porcos eat sordidos!“

Wer greinen oder murren will,

Ut canes decet rabidos,

Der mag wohl bleiben aus dem Spiel,

Ad porcos eat sordidos!“

Schon die zweite Strophe hatte Frater Severin mit wiegendem Kopfe mitgesummt; und jetzt ergriff er die Flasche und sog und schluckte, aber schon gehörig! Dann freilich, als er absetzte, machte er ein kummervolles Gesicht. „Jetzt hab ich halt doch getrunken! O Mensch, Mensch! Was bist du für ein Hafen vollteuflischer Suppe! Pfui!“ Mißbilligend schüttelte er den Kopf, setzte die Flasche an und trank. „Jetzt geht’s schon in einem hin!“

Ein paar feuchte Stunden verrannen den beiden, bis sie es zuwege brachten, daß die Flaschen einen trockenen Boden bekamen. Als Herr Schluttemann sich erhob, merkte er, daß er nicht mehr völlig Meister seiner Beine war — er merkte es, als er mit der Nase schon auf der Erde lag.

„En jacet in trexis!“ jammerte Frater Severin. „Sehet Ihr, Herr Vogt, sehet Ihr! Das ist Gottes Strafe, weil Ihr meine Seel in des Teufels Schlinge getrieben habt.“

Herr Schluttemann krabbelte sich mühsam an des Fraters Kutte in die Höhe. „Glaubet mir, Frater, das ist seiner Lebtag kein guter Fuhrmann, der nicht auch einmal umwerfen kann!“ Die Zunge wurde ihm schwer. „Und Ihr wisset doch, wie der gelehrte Philosoph sagt:

Wirft uns der Wein schon nieder,Gehn wir morgen doch zu ihm wieder.“

Wirft uns der Wein schon nieder,Gehn wir morgen doch zu ihm wieder.“

Wirft uns der Wein schon nieder,Gehn wir morgen doch zu ihm wieder.“

Wirft uns der Wein schon nieder,

Gehn wir morgen doch zu ihm wieder.“

Frater Severin hielt die Leiter, und Herr Schluttemann tappte über die Sprossen hinauf ins Heu.

[15]Tag des Zornes, an dem „das Turteltäubchen mit Besen schmeißt.“

Dem trüben Regentag folgte ein frischer, frühlingsduftiger Morgen. Jeder Rasenfleck auf den steilen Gehängen und alle Almen hatten über Nacht einen lichtgrünen Schimmer bekommen. Es war Lenz geworden auf den Bergen; er hauchte aus den lauen Lüften, blickte nieder aus dem tiefen Blau des Himmels, stieg aus der Erde mit würzigem Odem und wehte in den Düften, die der bergwärtsziehende Wind emportrug aus den Tälern, in denen die ersten Blumen sich schon erschlossen hatten.

Als die warme Sonne auf allem Grunde ringsum die Jägerhütte lag, durfte Haymo das Lager verlassen. Frater Severin und Gittli führten ihn zur Bank vor der Tür; doch hätte der Jäger kaum einer Stütze bedurft, so kräftig war sein Schritt; er wäre am liebsten vor Tag schon aufgestanden, um mit Herrn Heinrich auszuziehen zum Hahnfalz.

Da saßen sie nun zu dreien. Frater Severin erzählte Schnaken und Schnurren, Haymo schaute mit nimmermüden Augen über Berg und Wälder aus, Gittlis Hand in der seinen haltend. Schweigend saß sie an seiner Seite, die Augen gesenkt, mit der freien Hand an einem Zipfel ihrer Jacke nestelnd. Ihr war zu Mut, sie wußte nicht wie. Überall, meinte sie, wäre ihr wohler als hier auf dieser Bank. Nun tat sie einen stockenden Atemzug, stand auf und löste ihre Hand.

„Gittli? Was hast du?“ fragte Haymo.

„Schaffen muß ich!“ sagte sie und schlich davon. Als sie die Küche der Herrenhütte erreichte, drückte sie die beiden Hände auf die Brust. „Was hab ich denn, was hab ich denn nur?“ Wie konnte sie so fragen? Was ihr das Herz bedrückte und beängstigend umklammerte, daß ihr fast der Atem versagen wollte — was sonst denn konnte es sein als die Sorge um den Bruder und die Schwäherin? War doch Herr Schluttemann im Morgengrau mit Walti und zweiKnechten wieder auf die Suche gezogen. Auch Pater Desertus hatte sich ihnen angeschlossen, als wäre ihm das Bleiben bei den Hütten unerträglich. Und der mit seinen unheimlichen Messeraugen, meinte Gittli, würde gewiß etwas finden.

„O du gutes Engerl droben, jetzt halt aber fest!“

Mit diesem Stoßseufzer machte Gittli sich an die Arbeit. Immer wieder mußte sie Zähren aus den Augen wischen, und ein um das andere Mal schlich sie zum Fenster, um verstohlen hinüberzuspähen, ob Haymo noch auf der Bank säße — nein, um auszuschauen, ob nicht der Vogt mit seinen Knechten schon zurückkäme.

Da hallte aus dem Steintal herauf der langgezogene Jauchzer einer Mädchenstimme. Gittli sprang zur Tür und legte die Hand über die Augen, um in der grellen Sonne besser sehen zu können. Von weitem erkannte sie die Tochter des Eggebauern.

„Was will denn die daheroben?“

Gittli war der heiteren Nachbardirn immer gut gewesen. Jetzt mit einmal empfand sie etwas gegen das Mädel wie grollenden Unmut. Freilich, Zenza war die Tochter des Bauern, der das Kreuz auf den Wolfrat gelegt hatte.

„Was die nur will? Und aufgeputzt hat sie sich, uuh!“ Unwillkürlich guckte Gittli an sich hinunter.Ihrem abgeschabten Rock merkte man die Nächte an, die sie auf dem Herd verbracht hatte. Zögernd trat sie in die Küche zurück, aber nur so weit, daß sie die Zenza nicht aus dem Blick verlor.

Jetzt erschien das Mädel auf der Höhe. „Da schau,“ schmunzelte Frater Severin, „ich glaub gar, wir kriegen Besuch! Und was für einen! Ui jei!“

Haymo machte große Augen. „Was will denn die daheroben?“ murmelte er, als hätte er Gittlis Worte gehört und nachgesprochen.

Zenza kam näher; sie trug einen dicken Veilchenbusch im Mieder und hatte sich aufgeputzt, als ging’ es zum Hochamt in die Kirche. Ihr Gesicht brannte, und mit heißen Augen hing sie an Haymo.

„Grüß dich Gott, Mädel!“ rief Frater Severin. „Was für ein Heiliger hat denn dich daherauf geschneit?“

„Der heilige Hubertus!“ lachte Zenza. „Grüß Gott auch, Herr Frater! Und der heilige Leonhardus hat auch mitgeholfen. Ja! Nachschauen hab ich wollen auf meiner Alm. Bis zur Sennzeit ist nimmer gar so lang. Und weil ich schon auf meiner Alm war, hab ich mir gedacht, ich mach das Katzensprüngl noch herauf, daß ich doch selber schauen kann, wie’s eurem Letzerl[16]geht!“ Ihre Augen blitztenHaymo an, der in Unmut über den kindischen Kosenamen, den das Mädel ihm gab, die Brauen furchte.

Frater Severin hatte Zenzas Hand erfaßt und tätschelte ihre Finger. „Macht sich, ja, macht sich schon wieder. Schau ihn nur an: acht Tag noch, und er springt wieder über alle Berg aus. Aber sag, woher weißt du denn, daß ihm was geschehen ist?“

„Hat es ja der Polzer, der gestern seine Schwester gesucht hat, überall ausgeschrien!“

Gittli, die am offenen Fenster lauschte, erschrak bis ins Herz. Hatte Wolfrat den Verstand verloren, daß er selbst erzählte, was in der Röt geschehen war?

„Der bildet sich jetzt was ein auf seine Schwester!“ sprach Zenza weiter. „Aber das muß ich selber sagen, brav hat sie sich gehalten. Ein halbes Kindl noch! Ich weiß nit, aber ich glaub, ich hätt den Kopf verloren!“ Sie lächelte. „Was meinst du, Jäger?“ Wieder blitzten ihre Augen.

Gittli griff sich in ihrem Versteck mit beiden Händen an den Hals; alles in ihr begann zu wirbeln.

„Du? Und den Kopf verlieren?“ lachte Frater Severin. „Ja! Andere Köpf verdrehen! Das wird das richtige sein. Aber komm, setz dich, wirst müd sein von dem weiten Weg und hungrig auch. Wart ein Weil, ich hol dir eine Zehrung. Dann halten wir einen lustigen Haimgart.“ Flink zappelte er zurHerrenhütte hinüber.

Gittli erblaßte. „So, schön, jetzt laßt er sie gar allein mit ihm!“ stammelte sie. Aber weshalb nur sorgte sie sich, daß ihr einwendig völlig kalt wurde? „Am End weiß sie was? Und sagt es ihm!“ Das mußte sie verhindern.

Kaum war der Frater gegangen, da trat Zenza auf den Jäger zu. „Hast du viel ausstehen müssen?“ fragte sie mit leiser, bebender Stimme.

„Es hat grad ausgereicht!“ brummte er.

„Den wenn ich wüßt, der dir das getan hat!“ Sie ballte die Fäuste. „Da hast du freilich nit können zum Tanz kommen. Und ich wart allweil und wart, eine Wut hab ich gehabt, daß ich dich hätt zerreißen können.“

„So?“

„Und derweil liegt er daheroben, der arme Hascher, halb am Verscheinen! Aber schau, seit ich es gestern gehört hab, hat’s mich nimmer gelitten, ich hab herauf müssen!“

„Geh?“

„Ja! Und weil du mir keinen Buschen hast bringen können, schau, jetzt hab halt ich dir einen gebracht!“ Sie löste den Veilchenstrauß von ihrem Mieder. Als sie ihn dem Jäger reichen wollte, kam Gittli herbeigegangen, zögernd, mit finsteren Augen.Hastig legte Zenza die Veilchen neben Haymo auf die Bank, ging auf Gittli zu und streckte ihr beide Hände hin. „Grüß dich Gott, Kleine! Brav hast du dein Sacherl gemacht!“

Gittli legte die Hände auf den Rücken.

Zenza lachte. „Geh, du Dummerl, was hast du denn? Ich mein’ doch, du hättest dir ein Vergeltsgott verdient. Da schau!“ Sie löste das dünne Silberkettl von ihrem Mieder, haschte Gittlis Arm und zwang es ihr in die Hand. „Nimm’s nur, nimm’s! Ich schenk dir’s!“

Haymo sprang auf. Zornig klang seine Stimme. „Gittli! Gib ihr das Kettl wieder! Du brauchst dir nichts schenken lassen.“

„Ich hätt’s auch so nit genommen!“ sagte Gittli ruhig und streckte die Hand. „Da hast du es wieder, ich brauch’s nit, für mich tut’s auch ein Bändl!“

Bis in den Hals war Zenza erbleicht. Einen funkelnden Blick warf sie auf Haymo, einen auf Gittli, dann lachte sie. Mit zornigem Griff packte sie das Kettl, zerriß es, warf Gittli die Stücke ins Gesicht und ging davon, das Mädchen noch einmal streifend mit einem Blick des Hasses.

Zitternd stand Gittli, die Wangen von heißer Röte übergossen, Tränen in den Augen. „Was hab ich ihr denn getan? Ich hab ihr doch nie kein ungutesWort gegeben. Und jetzt tut sie mich so verschimpfen.“ Sie brach in Schluchzen aus.

„Gittli!“ stammelte Haymo und wollte sie umschlingen. Da kam Frater Severin aus der Herrenhütte, Teller und Becher in den Händen. Er machte große Augen und wollte fragen, wohin die Zenza geraten und was denn geschehen wäre. Nach dem ersten Wort verstummte er wieder und verschwand hurtig in der Tür. Er hatte Herrn Heinrich gewahrt, der von der Höhe niedergestiegen kam, den erlegten Auerhahn am Bergstock über der Schulter tragend.

Haymo stand wortlos und nagte an der Lippe. Gittli, als sie Herrn Heinrich erblickte, bückte sich und las die Stücke des zerrissenen Kettleins von der Erde. Was sie gefunden, reichte sie dem Frater Severin und sagte: „Ich bitt Euch, Frater, wenn Ihr wieder hinunterkommt ins Kloster, so legt das der Jesumutter in den Schrein. Es ist gefunden Gut und will keinem gehören.“

Herr Heinrich war näher gekommen. Er nahm den stattlichen Urhahn vom Bergstock. „Haymo, sieh her, ich habe Weidmannsheil gefunden!“

In Haymo kochte alles, aber er vergaß nicht seiner Jägerpflicht. Von der nächsten Fichte brach er das grüne Ende eines Zweiges, trat vor Herrn Heinrich hin, tauchte den Zweig in den roten Schweiß desVogels und sagte:

„Vor meinen Herren hin ich tritt,Mit Weidmannsgruß und mit der Bitt:Er hat ein’ gerechten Schuß getan,Drum soll er den Bruch auch nehmen anUnd tragen wohl in FreudeDem edlen Vogel zu leide!Jo! Hoch, o ho!Brauchet Eure gute WehrAllezeit zu Gottes Ehr!“

„Vor meinen Herren hin ich tritt,Mit Weidmannsgruß und mit der Bitt:Er hat ein’ gerechten Schuß getan,Drum soll er den Bruch auch nehmen anUnd tragen wohl in FreudeDem edlen Vogel zu leide!Jo! Hoch, o ho!Brauchet Eure gute WehrAllezeit zu Gottes Ehr!“

„Vor meinen Herren hin ich tritt,Mit Weidmannsgruß und mit der Bitt:Er hat ein’ gerechten Schuß getan,Drum soll er den Bruch auch nehmen anUnd tragen wohl in FreudeDem edlen Vogel zu leide!Jo! Hoch, o ho!Brauchet Eure gute WehrAllezeit zu Gottes Ehr!“

„Vor meinen Herren hin ich tritt,

Mit Weidmannsgruß und mit der Bitt:

Er hat ein’ gerechten Schuß getan,

Drum soll er den Bruch auch nehmen an

Und tragen wohl in Freude

Dem edlen Vogel zu leide!

Jo! Hoch, o ho!

Brauchet Eure gute Wehr

Allezeit zu Gottes Ehr!“

Herr Heinrich nahm den Bruch, steckte ihn auf die Kappe und gab mit Handschlag den Weidmannsspruch zurück:

„Habe Dank, mein lieber Jäger frei!Trag alleweil der Dinge drei:Wehr ohne Schart und Fehl,Graden Sinn ohne Hehl,Treues Herz ohne Wank!Habe Dank überall, habe Dank!“

„Habe Dank, mein lieber Jäger frei!Trag alleweil der Dinge drei:Wehr ohne Schart und Fehl,Graden Sinn ohne Hehl,Treues Herz ohne Wank!Habe Dank überall, habe Dank!“

„Habe Dank, mein lieber Jäger frei!Trag alleweil der Dinge drei:Wehr ohne Schart und Fehl,Graden Sinn ohne Hehl,Treues Herz ohne Wank!Habe Dank überall, habe Dank!“

„Habe Dank, mein lieber Jäger frei!

Trag alleweil der Dinge drei:

Wehr ohne Schart und Fehl,

Graden Sinn ohne Hehl,

Treues Herz ohne Wank!

Habe Dank überall, habe Dank!“

Lächelnd legte Herr Heinrich die Hand auf seines Jägers Schulter und sagte: „Ich habe meinen Spruch geredet nach Herrenpflicht. Auf dich, Haymo, paßt er nicht, denn ich habe dir wünschen müssen, was du schon hast. Zu dir hätt ich sagen sollen:

Bleib, wie du bist,Zu aller Frist!Und gesunde bald,Daß der liebe Gott es walt!“

Bleib, wie du bist,Zu aller Frist!Und gesunde bald,Daß der liebe Gott es walt!“

Bleib, wie du bist,Zu aller Frist!Und gesunde bald,Daß der liebe Gott es walt!“

Bleib, wie du bist,

Zu aller Frist!

Und gesunde bald,

Daß der liebe Gott es walt!“

Die Freude über diese herzlichen Worte färbte Haymos Wangen. Nun gingen sie zur Bank, und es begann das Erzählen. Rechte Jagd muß immer zweimal gehalten werden: erst mit der Waffe in der Hand, dann mit dem Herz auf der Zunge. Frater Severin hatte sich lauschend herbeigeschlichen; Gittli schaffte mit stiller Geduld in der Herrenhütte.

Als in Herrn Heinrichs Erzählung die Sehne der Armbrust schwirrte und der stolze Vogel niederrauschte durch das Gezweig, da kamen die Knechte mit den Hunden über das Steintal her. Hellen Lautes begrüßten die schönen, geschmeidigen Tiere den Anblick der Hütte; wie der Wind kamen sie herbeigesaust und sprangen mit so ungestümer Freude an Haymo empor, daß Herr Heinrich ihm helfen mußte, sie abzuwehren. Nun sollte in aller Eile ein Imbiß genommen werden, und dann sollte es mit den Hunden hinausgehen auf die Luchsfährte, auf welcher Herr Heinrich am Morgen reichlichen Schweiß gespürt. Haymo wurde in die Hütte geschickt, um wieder ein paar Stunden zu ruhen. Als er sich von der Bank erhob, sah er die Veilchen liegen; er faßte sie und hob die Hand zum Wurfe; lächelnd schüttelte er den Kopf, brach unter den Fichten einen Büschel der langen Schmelen, die vom vergangenen Sommer noch standen, und nahm sie mit den Veilchen in die Hütte.

Einer der Knechte hatte Gittli in der Küche des Herrenhauses aufgesucht und reichte ihr ein kleines Bündel. „Das hat mir dein Bruder mitgegeben. Und grüßen soll ich dich von ihm.“

Gittli hielt die Augen gesenkt. „Weißt du nit, wie’s meiner Schwährin geht?“

„Wie soll’s ihr gehen? Gut halt!“ sagte der Knecht; er hatte Sepha gar nicht gesehen.

„Gott sei Dank!“ seufzte Gittli erleichtert auf; dann öffnete sie das Bündel; Freudenröte schlug ihr über die Wangen, als sie ein frisches Hemd und ihr gutes Gewand in dem Bündel fand. Jetzt konnte sie sich doch auch ein bißchen sauber machen. Freilich, um so schmuck auszusehen wie die Zenza, dazu hätte sie die Tochter des Eggebauern sein müssen und nicht die Schwester des armen Sudmanns. Hastig versteckte sie das Bündel und ging wieder flink an die Arbeit.

Eine Weile später machte sich Herr Heinrich auf den Weg. Einer der Knechte mußte ihn begleiten und die ungeduldig ziehenden Hunde an der Leine führen. Über eine Stunde galt es zu steigen, bis die Stelle erreicht war, an welcher Herr Heinrich den Schuß auf das Raubtier getan hatte. „Gib mir den Weckauf und halte dich mit der Hel auf hundert Schritte hinter mir!“ sagte er zu dem Knecht, übernahm den Hund und setzte ihn auf die Fährte, die mit reichlichemSchweiß gezeichnet war. Der Hund legte sich in den Riemen, fiel die Fährte gierig an und zog Herrn Heinrich hinter sich her. Das war nun ein mühsamer Weg: durch Wald und über grobes Geröll, durch fast endlose Dickungen der Krummföhre, über Bergrippen auf und nieder, empor bis unter die kahlen Steinwände, wieder herab durch ein felsiges Tal, bis zu den Almen, und quer über das Almfeld in den dunklen Wald. Wohl eine halbe Stunde zog hier der Hund noch auf der Fährte, bis er in einem wirren Gestrüpp den Luchs aus seinem Lager stieß. Als wär’s eine große langgestreckte Flamme, so fuhr die rote Bergkatze aus ihrem Versteck hervor.

„Los die Hel!“ schrie Herr Heinrich, während er den im Riemen würgenden Weckauf befreite. Die Hunde schossen wie Pfeile dahin und begannen mit läutenden Stimmen die Hatz. Der Luchs suchte aufzubäumen, aber die Krallen der wundgeschossenen Tatze versagten den Dienst, er fiel zurück, im gleichen Augenblick waren die Hunde über ihm: alle drei Tiere zu einem wirren Knäuel geballt, die Hunde heulend, der Luchs fauchend und mit den Waffen schlagend. Bevor es Herrn Heinrich gelang, herbeizuspringen, wurde der Luchs wieder hoch, floh in weiten Sätzen davon, und hinter ihm her ging die kläffende Jagd der Hunde.

Herr Heinrich lauschte den läutenden Stimmen.Eine Weile, dann verwandelte sich der Laut der Hunde in zorniges Gebell, das immer aus der gleichen Richtung kam. „Sie haben ihn gestellt, sie geben Standlaut!“ rief Herr Heinrich dem Knechte zu und eilte zwischen den Bäumen dahin, dem Ruf der Hunde nach.

Nun erreichte er sie; zu Füßen einer aus dem Waldgrund aufragenden Felswand standen sie und bellten zu einer vorspringenden Platte empor, auf die sich der Luchs geflüchtet hatte. Er war in eine Falle geraten; rings um ihn her der kahle, glatte Fels, unter ihm die Hunde, vor ihm der Jäger.

„Schießet, Herr, schießet doch!“ rief der Knecht.

Herr Heinrich aber warf die Armbrust hinter den Rücken, zog den blitzenden Fänger aus der Scheide und ging auf das Raubtier zu, bis ihn von der Felswand nur noch eine Strecke von zehn Schritten trennte. Sein Kommen machte die Hunde noch ungestümer, sie heulten mit heiseren Stimmen und versuchten an der Felswand emporzuspringen. Um sie kümmerte sich der Luchs nicht mehr; er saß geduckt, die spitz behaarten Lauscher vorgestellt, die großen, feurig funkelnden Augen auf den Jäger gerichtet, regungslos; nur die langen, weißen Barthaare zitterten über dem gefletschten Rachen.

„Nun?“ lächelte Herr Heinrich. „So spring doch!Du siehst, ich warte.“

Die rote Katze drehte den Kopf, als könnte sie den scharfen, ruhigen Blick dieser klaren Menschenaugen nicht länger ertragen. Sie glotzte auf die kläffenden Hunde nieder, dann rings umher, wie nach einem Ausweg, und wieder richtete sich ihr funkelnder Blick nach dem Jäger. Ein leises Zittern rann über ihr gesträubtes Fell, sie duckte sich noch tiefer, die Tatzen streckten und spannten sich — nun sprang sie — blitzschnell hatte Herr Heinrich den Fänger gehoben, mit der ganzen wilden Kraft des Sprunges bohrte sich der Luchs in den vorgestreckten Stahl und plumpste verendet zu Boden.

„Gelt? Jetzt haben meine Gemskitzen und Hirschkälber Ruh vor dir!“ lachte Herr Heinrich, wischte am Moos den blutigen Fänger rein und verwahrte ihn in der Scheide. Der Knecht kam herbeigerannt, um das Raubtier zu betrachten. Aber die Hunde ließen ihn nicht zu; sie würgten und zerrten an dem erlegten Tier, bis Herr Heinrich sie abrief, um nachzusehen, ob sie auch glimpflich aus der Balgerei mit dem Luchs entkommen wären. Weckauf war unversehrt, die Hel hatte einen tiefen Riß über die Schulter.

„Hast du Feuerstein und Schwefelfaden?“ fragte Herr Heinrich den Knecht.

„Ja, Herr!“

„So mach Feuer an und brich den Stachel von deinem Griesbeil. Die Hel ist gerissen, wir müssen die Wunde brennen.“

Bald flammte ein kleines Feuer, an dem das Eisen zum Glühen gebracht wurde. Herr Heinrich ließ sich auf die Knie nieder, nahm die Hel in den Schoß und drückte ihren Kopf an seine Brust.

„Gib her den Dorn!“

Es zischte — heulend vor Schmerz riß sich der Hund los, rannte mit tollen Sätzen umher und schüttelte immer wieder das Fell.

„Komm, Hel, komm, da komm her!“ lockte Herr Heinrich, mit den Fingern schnalzend. Der Hund machte einen scheuen Kopf, zog den Schweif ein und kroch, immer wieder zögernd, vor die Füße seines Herrn. Da er zu merken schien, daß ihm ein neuer Schmerz nicht drohe, sprang er mit freudigem Winseln an seinem Herrn hinauf.

„Hat’s weh getan, Heleli?“ schmeichelte Herr Heinrich, den Kopf des Hundes streichelnd. „Weißt du, es hat sein müssen. Und gelt? Du fragst nicht: warum? Und bellst nicht gegen die Hand, die dich brennt. Ja! Du bist halt kein Mensch, du bist ein kluges Tier! Ja, Heleli, ja!“ Nun rief er den Knecht. „Trag den Luchs hinunter ins Kloster! Ich laß meine Chorherren grüßen, sie sollen sich den Bratenschmecken lassen. Den Weckauf nimm mit dir! Die Hel darf bei mir bleiben. Komm, Hel, komm!“

Gemächlichen Ganges stieg Herr Heinrich durch den Bergwald empor.

[16]Ein krankes Kind, Pflegling.

Zu später Nachmittagsstunde erreichte Herr Heinrich die Hütten. Unter der Tür des Herrenhauses trat ihm der Vogt entgegen, brennend vor Erregung.

„Reverendissime!Könnt Ihr Euch denken, was wir gefunden haben?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte Herr Schluttemann in die Hütte und kam zurück, in der Hand den schon übel duftenden Kopf eines Steinbocks mit mächtigem Gehörn.

Über die Lippen des Propstes flog ein zornigesWort. Sie traten in die Stube, und Herr Schluttemann begann zu erzählen.

Bis gegen Mittag hatten sie vergebens gesucht; alle Fährten und Schweißspuren waren im Regen erloschen. Schon wollten sie sich auf den Heimweg machen, als Walti in einer tiefen, dunklen Felsspalte etwas Verdächtiges erblickte. Es war der erlegte Steinbock. Er wurde in die Höhe gehoben und genau untersucht; da zeigte sich, daß an dem Tier nichts fehlte — nur das Herz. Der Vogt ließ dem Bock das Haupt abnehmen, um Herrn Heinrich das Gehörn zu bringen. Als sie auf dem Rückweg am Kreuz vorüberkamen, machte Walti abermals eine Entdeckung. „Der Bub,“ meinte Herr Schluttemann, „hat Luchsaugen und eine Hundsnase.“ Walti bemerkte an dem Christusbild die Blutflecken. „Schier noch so rot, als wären sie auch gemalt wie die anderen!“ Das Dach über dem Kreuze hatte den Regen verhindert, die bösen Spuren auszulöschen.

Da war es in Herrn Schluttemanns Gehirn wie eine Fackel aufgegangen, bis sein Verdacht das eine zum andern fügte, wie Glied um Glied zu einer Kette.

„Und jetzt,Reverendissime, hoc igitur censeo!“ Er legte die Arme über den Tisch und begann an den Fingern herzuzählen: „Primo:beim Kreuz muß der Lump den Steinbock angeschweißt haben, oder derangeschweißte Bock ist auf der Flucht am Kreuz vorbeigekommen und hat gespritzt. So muß es einer getan haben, der am Ostermorgen vor Tag beim Kreuz war. Einer, den ich kenneeeeh!“ Herr Schluttemann dehnte die letzte Silbe wie einen Teigfaden. „So ein Gauner! Hat es mir noch selber erzählt! Warte nur, dir zünd ich auf mit deiner Schlauheit!Secundo:es fehlt nur der Schweißsack.[17]So hat es einer getan, oder vielmehr —“ Herr Schluttemann machte verschmitzte Augen, „einer hat es angestiftet, dem es um ein Herzkreuzl zu tun war. Einer, den ich kenneeeeh! Ist zu mir gekommen und hat eins haben wollen, ich hab ihm aber einen Tritt gegeben.Post autem:wenn es einer getan hat für den anderen, so hat er’s getan um silbernen Dank. Weil er Geld gebraucht hat, wie der Bäck die Hefen. Sagen wirexempli causa:einer, der am Charsamstag das Lehent nicht hat zahlen können, und am Ostermontag bringt er das Geld! Bringt es! Bringt es! Und haut mir’s auf den Tisch! Und sagt, der ander hätt’s ihm geliehen! Haha! Geliehen! Warte nur, Bursch, dir will ich was borgen, das hat der Freimann im Kasten!“

Herr Heinrich war betroffen aufgesprungen. „Vogt? Ihr meinet den Sudmann, den Wolfrat?“

„Stimmt,Reverendissime!Und der andere, das ist dieser Schmerwanst, der Eggebauer. Der bleibt uns schon, wenn wir nur erst den Sudmann haben. Heut in der Nacht laß ich ihn ausheben. Ich habe die Knechte schon hinuntergeschickt. Sie bringen ihn morgen, damit der Haymo gegen ihn zeugen kann.“

„Da habt Ihr übereilt gehandelt!“ zürnte Herr Heinrich. „Ihr hättet zuvor meine Stimme hören sollen. Wollt Ihr den Mann gefangen hieher bringen lassen vor die Augen seiner Schwester?“

Herr Schluttemann machte ein verblüfftes Gesicht; er hatte Lob erwartet und wurde gescholten. Bei seiner fundfrohen Weisheit hatte er mit keinem Gedanken an Gittli gedacht. Aber holla, das war ja ein neuer Beweis!

„Herr Heinrich!“ stotterte er. „Scheint es Euch nicht seltsam, daß geradedieseDirn den Jäger gefunden hat? Gleich hängen laß ich mich, wenn sie nicht um die Tat gewußt hat.“

„Gewußt? Nein! Aber sie mag davon erfahren haben, da es geschehen war. Und da wollte sie helfen, wenn noch zu helfen wäre. Sprechen durfte sie nicht, wenn sie nicht den Bruder verderben wollte. In Gottvertrauen hat sie es gewagt mit eigener Kraft, und Gott ist ihr beigestanden. Ihr aber, Vogt, Ihrmeint, alle Schuldigen gefunden zu haben? Denket nach, denn es fehlt noch einer!“

„Einer? Noch einer?“ stotterte Herr Schluttemann.

„Ja, und Ihr selbst seid dieser eine!“

Das Gesicht des Vogtes färbte sich dunkelrot, und seine Nase wurde zur Fackel.

„Ja, Ihr!“ wiederholte Herr Heinrich. „Mit Eurem rauhen Wesen, mit Eurem Schreien und Schelten. Besinnt Euch nur, wie das arme Kind vor Euch stand, bleich und zitternd. Die Leute mußten ja glauben, sie würden über Nacht schon von Haus und Hof gejagt. Wenn der Mann die Tat wirklich begangen hat, dann habtIhrihn dazu getrieben, nicht der Eggebauer!“

Herr Schluttemann war wie ein hilfloses Kind. Er wagte kaum aufzublicken. „Ach, Herr Heinrich,“ stöhnte er, „wenn Ihr mir doch ins Herz schauen könntet! Meiner Treu, ich bin ein seelensguter Kerl! Aber in der Früh halt, in der Früh! Da steckt mir das Weib in allen Knochen und hebt mir die Fäust und blast mir die Backen auf.“

„Wenn Frau Cäcilia das Zanken nicht einstellen will, so laßt ihr doch einmal den Pagstein[18]um denHals hängen und laßt sie vom Fronknecht durch die Gassen führen. Ihr seid ja der Vogt!“

Herr Schluttemann kraute sich hinter den Ohren. Freilich, er war der Vogt. Aber Frau Cäcilia war der Obervogt!

Herr Heinrich verwand das Lächeln. „Sagt mir, weiß das Mädchen schon von Eurem Fund?“

„Nein,Reverendissime!“ gab Herr Schluttemann eilfertig zur Antwort. „Die Dirn war weggegangen, als wir kamen.“

„Weggegangen? Wohin?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie soll kein Wort von allem erfahren. Und Haymo?“

„Er ruhet wieder.“

„Schweigt auch gegen ihn. Mit Eurem Gewissen aber, Vogt, mit dem dürft Ihr reden, so laut Ihr könnt.“

Mit zerknirschter Miene machte der Vogt einen tiefen Bückling, als Herr Heinrich die Stube verließ. Draußen rief der Propst den Knecht herbei, der am Morgen mit den Hunden gekommen war; er sollte die beiden einzuholen suchen, die der Vogt hinuntergeschickt; sie möchten den Sudmann in Ruhe lassenund von der Sache schweigen, bis Herr Heinrich selbst hinunterkäme; könnte der Knecht die beiden nicht mehr einholen und hätten sie den Mann schon gefaßt, dann sollte er sie tun lassen, wie es ihr Auftrag heische. „Und im Salzhaus laß dir ein Saumpferd geben! Ich will morgen zu Tal und kann den Haymo nicht in der Einöd lassen.“

Der Knecht machte sich auf den Weg. Herr Heinrich ging in die Jägerhütte, setzte sich zu Haymo an das Lager und ließ sich noch einmal erzählen, wie alles geschehen wäre. Mit stockenden Worten berichtete Haymo.

„So hat er den Stoß an der Stelle geführt, an der das Mädchen dich gefunden hat?“

„Ja, Herr!“ sagte Haymo leis.

„Es ist also nicht beim Kreuz geschehen?“

Haymo sah den forschenden Blick des Propstes auf sich gerichtet. Zugleich aber war es ihm auch, als stünde Gittli neben ihm, mit angstvollen Augen und bittend erhobenen Händen. Er senkte den Blick. „Nein, Herr!“ Kaum war das Wort gesprochen, da hätte er’s gerne wieder zurückgenommen. Nur wenige Stunden waren vergangen, seit er von seines Herren Lippen den Spruch vernommen:

„Wehr ohne Schart und Fehl,Graden Sinn ohne Hehl —“

„Wehr ohne Schart und Fehl,Graden Sinn ohne Hehl —“

„Wehr ohne Schart und Fehl,Graden Sinn ohne Hehl —“

„Wehr ohne Schart und Fehl,

Graden Sinn ohne Hehl —“

Und jetzt hatte er schon dawider gesündigt. Aber er fühlte, wenn er ein zweites Mal gefragt würde, so könnte er wieder nur sagen: „Nein, Herr!“

Man hörte draußen den Frater mit Walti reden; er suchte Herrn Heinrich, auf den die Mahlzeit wartete. Der Propst erhob sich und ging in die Herrenhütte. Verwundert fragte er: „Wo ist Pater Desertus?“

„Ich weiß nit, Herr!“ sagte der Frater. „Er ist fortgegangen.“

„Auch fortgegangen? Und weißt du nicht, wohin das Mädchen gegangen ist?“

„Nein Herr! Ich weiß nit, was über die Dirn gekommen ist. Der Haymo hat sie doch nit vertrieben.“ Frater Severin lachte. „Ich bin mit ihr hinübergegangen, um dem Jäger das Essen zu bringen, und da war zuvor eine Dirn da, die hat dem Haymo einen Veiglbuschen gebracht, und aus den Blumen hat er ein feines Kränzl gewunden. Wie wir nun zu ihm hineinkommen, und die Gittli geht vor sein Lager hin, da drückt er ihr lachend das Kränzl auf den Scheitel. Rot ist sie geworden wie ein Krebs und ist davongeschossen, ohne ein Wörtl zu reden. Und seit der Zeit hab ich sie mit keinem Aug mehr gesehen.“

Freilich! Denn ehe der Frater in die Herrenhütte zurückkam, hatte Gittli ihr Bündel aus demWinkel gezogen und war davongesprungen, um irgendwo im Gebüsch ein Versteck zu suchen, in dem sie die rußigen Kleider gegen ihr gutes Gewand vertauschen könnte. Mit Suchen und Suchen — auf jedes Flecklein blickten die Hütten her — war sie tief hinunter in das Steintal geraten. Endlich fand sie eine sonnige Mulde mit dichtem Föhrengestrüpp, versteckt zwischen Felsgewirr. Gittli schlüpfte durch das Gezweig und fand inmitten des Gebüsches einen kleinen Teich, zu dem sich das Regenwasser über dunklem Moos und weißem Sande gesammelt hatte; wie ein Spiegel blickte ihr das klare Wasser entgegen, von keinem Lüftchen gewellt, von keinem Staub getrübt, farbig schimmernd in der sinkenden Sonne. Gittli klatschte vor Freude die Hände ineinander. Keine Fürstentochter hatte in ihrer stolzen Burg ein Stübl, wie sie es hier gefunden: mit weichem Teppich, mit immergrünen Wänden, umgeben von himmelhohen Mauern, darüber die blaue Decke, an der die Sonne als Lampe hing — und mitten drin in der grünen Stube ein lockendes Bad, das der Wettermacher des Himmels, der heilige Petrus, als Marschalk ihr bereitet hatte. Hastig tauchte sie die Hand in das Wasser; es war nicht allzu kühl, denn der Regen war lau gefallen, und die Sonne hatte gut geheizt. Im Gebüsch legte Gittli das Gewand zurecht, das siemitgebracht, dann schlüpfte sie aus den Kleidern und huschte ins Wasser, flink und schlank, zart und geschmeidig wie ein Elf, bis zu den Knien umhüllt vom schwarzen Mantel der gelösten Haare. Da plätscherte sie nun in der Sonne und schauerte und kicherte und wusch und rieb sich das Gesicht, daß ihr die Wangen zu brennen begannen. Dann plötzlich erschrak sie und lauschte — es raschelte im Gebüsch — mit leisem Aufschrei tauchte sie in das Wasser, daß nur die Augen noch hervorlugten, vom schwimmenden Haar umgeben wie von einem dunklen Schattenkreis. Es war still in den Büschen. Doch nein, jetzt wieder begann das Rascheln, ganz leise, und immer näher kam es. Gittli zitterte vor Angst und Kälte und wagte sich nicht zu regen; sie sah im Dickicht die Spitzen der Äste sich bewegen, etwas Graues schlich da drinnen hin und her, nun teilten sich die Zweige, und zögernd trat aus den Büschen ein Hirschkalb hervor, das der nahende Abend aus dem Lager getrieben hatte.

Beim Anblick des Wassers verhoffte das Tier, denn vor zwei Nächten war an der Stelle, wo der Teich sich gebildet hatte, noch Weide gewesen. Scheu, mit vorgestrecktem Halse, kam es näher, stieg mit tastenden Schritten in das Wasser und schaute verwundert auf sein Spiegelbild.

Das war so drollig anzusehen, daß Gittli, die sich mäuschenstill gehalten, kichern mußte. Das Wild hob mit jähem Ruck den Hals und gewahrte nun das weiße Gesicht mit den großen, leuchtenden Augen; ungeduldig stampfte das Kalb mit den Läufen, denn die seltsame Wasserblume mit den tausend schwarzen, schwimmenden Blütenfäden und dem silberweiß aus dem Teich hervorschimmernden Stengel mochte ihm nicht ganz geheuer erscheinen. Da tauchte Gittli hurtig in die Höhe. „Brrrr!“ machte sie, mit beiden Händen Wasser spritzend. Und mit einer hohen Flucht stob das erschrockene Wild in das Dickicht zurück, daß die Äste rauschten und die Zweige knackten.

„Hast du mich erschreckt, hab ich dich erschreckt!“ lachte Gittli; aber sie brachte die Worte kaum heraus; so fröstelte sie. Eilig schüttelte sie das Haar, rang das Wasser aus den Strähnen und huschte ins Gebüsch zurück.

Eine Weile, und sie erschien im blauen Rock und schwarzen Mieder, in jenem schmucken Staat, in dem sie am grünen Donnerstag das nörgelnde Staunen des Herrn Schluttemann geweckt hatte; die Haare ließ sie offen hängen, damit sie auf dem Heimweg trocknen möchten; und über ihrem Scheitel saß, als lieblicher Schmuck, der duftende Veilchenkranz. Sie trat an das Ufer, zog den Rock an die Knie undneigte sich vor; mit ernsten Augen betrachtete sie ihr Spiegelbild, dann lächelte sie ein wenig. Sie schien sich zu gefallen. Aber gleich wieder schüttelte sie den Kopf und seufzte: „So schön wie die Zenza bin ich allweil nit!“

Langsam stieg sie durch das Steintal empor und suchte den Pfad zu gewinnen. In der scheidenden Sonne trocknete ihr Haar und begann sich zu locken. Als sie den Steig erreichte und über das Tal hinwegblickte, blieb sie zögernd stehen. Saß dort drüben, einem Fels zu Füßen, nicht Pater Desertus? Doch es gab keinen anderen Weg zu den Hütten; sie mußte an ihm vorüber. Aber weshalb nur war ihr bange vor diesem Mönch? Sie hatte ihm nichts zuleide getan und hatte keine Ursach, ihn zu fürchten. Wohl hatte Haymo ihr geraten: geh dem Chorherren aus dem Weg — aber sie hatte keinen anderen Pfad.

Ruhig schritt sie weiter. Als sie in eine tiefe Senkung des Tales kam, entschwand der Pater ihrem Blick.

Desertus hatte das Mädchen noch nicht gewahrt. Seine Augen blickten — wie Gittli zu Herrn Heinrich gesagt — wieder einwendig. Er saß auf einem niederen Stein und hielt den das Haupt stützenden Arm über einen höheren Felsblock gelehnt. Warm lag die sinkende Sonne auf seinem bleichen Gesicht;und um die schmalen Lippen spielte ein träumendes Lächeln. Die holden Bilder der Vergangenheit webten vor seinem Geist. Frühling war’s, und schüchtern begannen im Laubwald die Blätter zu sprossen. Zwischen den Bäumen läuteten die Stimmen der Bollbeißer, die Hörner klangen, und jagender Hufschlag tönte. Nun geben die Hunde Standlaut. „Sie haben ihn!“ Allen anderen fliegt Dietwald auf schäumendem Pferde voran und löst schon den Riemen, mit dem der kurze Speer, die ‚Feder‘, lose an seinen Arm gekoppelt ist. Auf einer kleinen Blöße haben die Beißer den Bären gefaßt, wie die Kletten hängen sie an seinem Gehör. Dietwald schwingt sich vom Pferde, sicher führt er den Stoß. Der Bär hat seinen ‚Fang‘ erhalten und liegt verendet unter den Hunden. Nun geht es heimwärts durch den Wald mit Lachen und Plaudern. Von den Zinnen seiner Burg weht eine weiße Fahne, frohe Botschaft kündend. Er spornt das Roß, jetzt hat er den Hof erreicht, mit langen Sprüngen nimmt er die Stufen. Unter der Tür der Frauenstube treten ihm die Mägde entgegen und bringen ihm sein Dirnlein, das ihm Gott geschenkt, derweil er den Bären jagte. Ach, Herr, solch ein Würmchen! Kein Gesicht, nur Augen! Mit denen schaut es umher in der Welt, in die es geraten, so neugierig, so erstaunt! Er wagtdas winzige Ding kaum anzurühren, fürchtet, es möchte ihm zerbrechen unter den Händen. Da war sein Junge schon aus festerem Holz; der schrie wie ein kleiner Geier, zappelte mit den Füßen, schlug mit den kleinen Fäusten um sich, ließ sich drücken und küssen.

„Dietwald!“ Ach, wie matt diese Stimme klang! Er reicht das Dirnlein den Mägden und tritt auf den Zehen in die dunkle Stube, aus deren Ecke die weißen Linnlaken des Bettes schimmern. Er tritt hinzu, noch finden sich seine Augen nicht zurecht, doch eine kleine, weiche Hand erfaßt die seine. „Judita!“ stammelt er in seliger Freude und überströmt die zitternde Hand mit seinen heißen Küssen. Da er aufblickt, lächelt ihm die junge Frau entgegen; sie kann in ihrer Schwäche das Haupt nicht erheben, es ruht auf schwarzen Kissen — nein doch, das sind die gelösten Haare, die um ihre Wangen gebreitet liegen wie schwarze Seide.

Sie soll nicht reden, und er darf nicht sprechen zu ihr; aber an ihrem Lager darf er sitzen und ihre Hand in der seinen halten und träumend alle Freude nachgenießen, die er mit diesem holden Weibe gewann. Er hatte sie zum erstenmal gesehen, da er mit König Ludwig einritt in die Passauer Bischofsburg; als das Turnier gehalten wurde, warf er seineGegner spielend in den Sand; die schönen Augen, die aus allen Fenstern auf ihn gerichtet waren, störten ihn nicht; in seinem Herzen glühte nur die Freude am Kampfspiel; doch als ihm Frau Irmgard, des Bischofs Schwester, den Turnierdank reichte, sah er neben der stolzen Frau ein Mägdlein sitzen, fast noch ein Kind, mit feingeschnittenem Gesicht, mit tiefen Rätselaugen, Stirn und Wangen dicht umringelt von schwarzem Gelock. Die Blicke der beiden trafen sich, und leis errötend senkte das Mädchen die Lider. „Nun, Herr Graf, was zögert Ihr?“ lächelte Frau Irmgard. „Ihr habt den Dank verdient!“ Dietwald beugte das Knie und ließ sich den Kranz um die Stirne legen. Als er zurücktrat, winkte er dem Seneschall des Bischofs. „Wer ist das holde Kind?“ „Frau Irmgards Tochter Judita, ihr Vater hauset auf der Ortenburg.“[19]Bei der Tafel fand sich Dietwald an Juditas Seite. Drei Maitage schwanden mit allem Sonnenglanz und Blütenduft der ersten jungen Liebe, mit ihrem sehnenden Sichsuchen, ihrem zagenden Sichfinden, ihrem seligen Stammeln und Verstummen und mit der süßen, alles Verschwiegene bekennenden Zwiesprach der kühneren Augen. Und als Frau Irmgard Abschied nahm, und Dietwald undJudita schweigend standen, sagte die lächelnde Mutter: „Nach der Ortenburg habt Ihr ein kurzes Reiten, Graf, lasset Euch einmal blicken bei uns, ehe Herr Ludwig wieder heimzieht nach seiner Pfalz!“

Einen Tag lang wehrte Dietwald seiner Sehnsucht, am zweiten Morgen saß er zu Pferd. Über blumige Wiesen ging der Weg, durch jung ergrünenden Wald. Auf einem Hügel erhob sich die stattliche Burg, und ihr zu Füßen lag das kleine Dorf. Dort tönten die Pfeifen, und jauchzende Stimmen klangen. „Sie halten den Maitanz,“ sagte ein Bauer, „und die Burgleute sind auch dabei, und das liebe Fräulein tanzet mit jedem braven Buben und ist gewandet wie ein Bauernkind!“

„So will ich mir auch einen Reigen holen!“ lachte Dietwald, sprang vom Pferde, warf die Zügel dem Knechte zu und eilte dem Dorf entgegen.

Nun plötzlich rann es ihm heiß und kalt durch das Herz — dort, zwischen den grünen Büschen, kam sie gegangen, zögernden Schrittes, leise lächelnd, gekleidet wie ein Kind des Dorfes, in blauem Rock mit schwarzem Mieder, die Schultern umringelt von dunklem Gelock, um die Stirn den Veilchenkranz, sie selbst eine liebliche Blume, die ein Wunder verwandelte in Fleisch und Blut.

„Judita!“ schrie er, stürzte ihr entgegen und umschlangsie mit zitternden Armen.

Das Mädchen erblaßte, riß sich mit angstvollem Aufschrei von seiner Brust — und hinter ihm rief eine zornige Stimme: „Desertus!“

Taumelnd griff er mit beiden Händen nach seiner Stirn, erwachend starrte er um sich her, und da sah er in weitem Kreis die kahlen Felsen ragen, Herr Heinrich stand vor ihm, und auf dem Pfade floh Gittli, von Schreck gejagt, den Hütten zu.

„Welch ein Erwachen!“ stöhnte er, schlug die Hände vor das Gesicht und sank vor Herrn Heinrichs Füße.

Zwischen den Brauen des Propstes glättete sich die zornige Furche. Er legte die Hand auf den Scheitel des Chorherren.

„Dietwald! Erhebe dich!“

Desertus drückte das Antlitz in Herrn Heinrichs Gewand und umklammerte ihn wie der Sinkende den rettenden Baum.

„Komm, Dietwald, steh auf!“ Herr Heinrich nahm ihn bei den Armen, hob ihn empor und führte den Wankenden zu einem Stein. „Rede! Wie kam es, daß du dich so vergessen konntest?“

Desertus schaute zu ihm auf mit dem Blick der Verzweiflung; er drückte die eine Hand auf seine stürmisch bewegte Brust und führte die andere anden Lippen vorüber, wie um zu sagen: ich kann nicht sprechen! Herr Heinrich ließ sich auf einen Felsblock nieder und wartete. Es währte lange, bis Desertus zu sprechen begann, heiser, mit abgerissenen Worten: „Ich saß und schlief mit wachenden Augen und träumte, und da stand es wieder vor mir, wie herausgetreten aus meinem Traum.“

„Dein Gespenst?“ sagte Herr Heinrich betroffen. „So hätt ich dich falsch verstanden bei der Klause? Nicht eine Ausgeburt deiner irrenden Sinne? Ein Gespenst aus Fleisch und Blut? Dieses Kind hat die Versuchung über dich gebracht?“

Desertus starrte Herrn Heinrich an, als verstünde er ihn nicht. „Versuchung? Nein, Herr! Es war noch kein Lebender seinem atmenden Glück so treu, wie ich an meinen Toten hänge. Eh’ ich Judita fand, hab ich kein Weib mit Mannesaugen angesehen, und seit ich sie verlor, ist mir, was Weib heißt, aus der Welt gestorben. Ich wäre Mönch gewesen, es hätte der Gelübde nicht bedurft. Versuchung? Nein! Ihr müßt es Wahnsinn nennen, den ein grausam spielender Zufall der Natur in mir entzündet!“ Wie im Fieber flogen seine Worte. „Ich hab es mit eigenen Ohren doch gehört von den bleichen Lippen meiner Sassen, die den mörderischen Räubern noch entkamen und es ansahen mit entsetzten Augenwie mein Weib auf den Altan des brennenden Turmes flüchtete, meinen Knaben an sich gedrückt, mein Töchterlein auf den Armen, und wie die Mauern barsten und die Balken stürzten, mein Glück begrabend unter Flammen, Rauch und Trümmern. Ich habe doch meines armen, süßen Weibes verkohlte Beine gefunden, noch umwunden von dem goldenen Kettenschmuck, den Judita als mein Angebinde getragen. Ich weiß doch, daß aus dem Reich des Todes keine Straße zurückführt in das Leben. Und doch! So oft mir dieses Kind vor Augen tritt, mein’ ich, ein Wunder hätte sich vollzogen, der Lauf der Zeiten wäre still gestanden, und alles Geschehene wäre ein böser Traum gewesen, der sich nun löst von mir, da ich erwache. Denn dieses Kind, Herr Heinrich — wo find ich Worte für das Wunder? Ich suche auf der Erde: so gleichet keine Blume ihrer Schwesterblume. Ich suche am Himmel: so gleichet kein Stern dem Stern, wie dieses Kind an Haar und Augen, an Antlitz und Gestalt, an Reiz und Wesen meinem Weibe! Und so, wie dieses Mädchen jetzt, im Kleid des Dorfes, mit gelöstem Haar, den Kranz von Veilchen über der Stirn, so trat mir Judita entgegen, als ich in seliger Freude den ersten Kuß auf ihre Lippen drückte.“ In sich versinkend schlug er die Hände vor das Gesicht.

„Dietwald!“ rief Herr Heinrich in tiefer Erregung.„Sage mir —“ Er verstummte wieder. Es war ein Unmögliches, was er dachte! Und durfte er aus der schmerzvollen Seele dieses schwer Gebeugten einen Wahnsinn reißen, indem er einen andern Wahn in ihr erweckte? Er strich ihm langsam die Hand über den Scheitel. „Vergib mir, Dietwald, daß ich dich falsch verstand und dich aus der Pein in die Marter stieß, als ich dich hieherführte, statt weite Meilen zwischen dich und diese Hütten zu legen. Du darfst nicht bleiben. Nicht um deinetwillen, nicht um des unschuldigen Kindes willen, das du erschreckt hast bis ins innerste Herz.“

Desertus nickte vor sich hin.

„Weißt du den Weg nach deiner Klause zu finden?“

„Nein, Herr! Aber fort, fort, nur fort!“

„So warte hier. Ich will dir den Walti senden. Er soll dir den Basthut und das Griesbeil bringen und soll dich führen. Auch eine Fackel soll er mitnehmen, denn ihr kommet in die Nacht hinein. Und wenn du in der Klause bist, dann halte den Buben bei dir, er plaudert gern, und laß die Fackel brennen die ganze Nacht. Beten kannst du nicht mit diesem Irrsinn im Herzen. Und schlafen noch minder. Nimm die Schnüre und beginne ein Netz zu flechten mit engen Maschen! Ich komme morgen abend zu Tal.Eine Klafter hoch und drei Klafter lang soll das Netz geraten sein, bis ich komme. Und weniger will ich nur finden, wenn dich der Schlaf befiel. Bessere Hilfe weiß ich dir nicht, als schaffen, schaffen und schaffen, bis dir die Augen sinken und die Arme erlahmen. Und übermorgen sollst du reisen!“

Sie reichten sich die Hände.

„Ich gehorche!“ flüsterte Pater Desertus.

Und Herr Heinrich ging, an der Wende des Pfades noch einmal zurückschauend mit bewegtem Blick. Als er das Herrenhaus erreichte, kam Frater Severin aus der Jägerhütte.

„Wo ist Walti?“

„Ich habe den Buben um Holz geschickt.“

„Und das Mädchen?“

„Ich glaub, sie hockt in der Küche. Was die nur hat! Als wär die Drud hinter ihr, so ist sie gerannt gekommen, und vor Haymos Lager ist sie hingefallen und hat kein Wort geredet, was wir sie auch gefragt haben. Ich hab schon gemeint, der Haymo fahrt aus der Haut, so hat er’s getrieben mit der Dirn. Aber sie hat ihm nit Red gestanden, und weil er gar nit hat aufhören wollen mit Fragen, ist sie zur Tür hinausgeschossen. Der Haymo hat gleich aufspringen und ihr nachlaufen wollen. Ich hab ihn gehalten, und weil ich gesehen hab, daß die Dirn ohne die Veiglengekommen ist, hab ich ihm eingeredet, daß sie so verdreht wär, weil sie die Blumen verloren hat. Da drüber hat er sich gefreut.“

Herr Heinrich trat in die Küche und sah das Mädchen verschüchtert in einem Winkel sitzen.

„Gittli!“

Sie folgte ihm zögernd in die Herrenstube.

„Wo hast du deine schönen Blumen?“

„Verloren!“ lispelte das Mädchen. „Die müssen mir heruntergefallen sein, wie er mich —“ Sie verstummte.

„Du bist wohl arg erschrocken?“

Schweigend stand sie, mit gesenkten Lidern.

„Vergiß es, Gittli! Weißt du, der Pater ist ein armer, kranker Mann, krank im Herzen.“

Sie sah zu Herrn Heinrich auf.

Freundlich strich er mit der Hand über Gittlis Haar. „Denk nur, ehe der Pater in das Gotteshaus getreten ist, war er ein Rittersmann, hatte eine junge, schöne Frau und holde Kinder und hat alle seine lieben Leut verlieren müssen in einer einzigen Nacht.“

Gittlis Augen wurden feucht.

„Weißt du, und seit der Zeit ist er manchmal so träumig wie ein Kranker. Und wie du jetzt gekommen bist, hat er völlig gemeint, seine liebe Frau tät ihm erscheinen.“

„Wohl,“ fiel Gittli hastig ein, „er hat auch einen Namen gerufen, wie ich gar nit heiß.“

„Siehst du!“

„Mein, jetzt tut er mich dauern!“ Sie streckte Herrn Heinrich die Hand hin. „Saget ihm doch, daß ich ihm nimmer harb sein will, gar nimmer!“

„Ja, Kind, das sag ich ihm, und das wird ihn freuen. Mußt auch mit keinem davon reden, weißt, die Leut täten ihn drum anschauen.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Aber komm, setz dich ein Weil! Ich bin ganz allein, wir wollen ein wenig haimgarten!“

Schüchtern setzte sie sich auf die Bank und strich an ihrem Rock die Falten glatt.

„Wie alt bist du, Gittli?“

„Im letzten Anderherbst[20]bin ich fünfzehn Jahr geworden.“

„Fünfzehn Jahr?“ wiederholte Herr Heinrich. Und nach kurzem Besinnen sagte er: „Weißt du nicht auch den Tag, an dem du geboren bist?“

„Wohl, Herr, am heiligen Pelagitag.“[21]

Betroffen blickte der Propst das Mädchen an.

Am heiligen Pelagitag? Das war zehn Tage nach der Ampfinger Schlacht undeinenTag nach demBrande der Burg Falkenberg! Hier hatte die Natur ein seltsames Spiel getrieben, oder — — Tief atmend schüttelte Herr Heinrich den Kopf und fragte: „Wo seid ihr daheim gewesen?“

„In Dorfen,[22]Herr, wir haben aber nit im Ort gehauset. Unser Haus ist einödig im Wald gestanden, denn der Vater hat gekohlet.“

„Kannst du dich noch besinnen auf Vater und Mutter?“

Sie sah ihn mit feuchten Augen an. „Kann denn eins Vater und Mutter vergessen? Ich bet doch alle Tag dafür, und da seh ich sie allweil wieder dastehen vor mir, der Vater, der wie ein Baum gewesen ist, wenn das Mies dran hängt, ja, so einen langen Bart hat er gehabt, und wisset, Herr, er hat schon ein lützel gegrauelet. Aber die Mutter hat noch allweil Zöpf gehabt wie ein Junges. Und so gut schauen hat sie können, und eine Hand hat sie gehabt, wenn sie einen damit angerührt hat, das ist einem völlig gewesen, wie an einem Abend, wenn’s recht warmelet und es streicht ein Lüftl an einen hin. Und so viel lieb hat sie mich mögen! Ich glaub, es hat noch keins auf der Welt eine so gute Mutter gehabt, wie ich!“ Sie fuhr sich mit dem Arm über die Augen.

Herr Heinrich erhob sich, trat auf Gittli zu undnahm ihre Wangen in seine Hände. „Diese Mutter nimmt dir keiner mehr, und wenn er dir auch eine andere geben könnte!“

Sie sah ihn fragend an.

Frater Severin erschien. „Der Bub ist daheim.“

„Er soll kommen.“

Walti trat in die Stube, und während Herr Heinrich leise mit ihm redete, erhob sich Gittli und schlich zur Türe. Draußen fuhr sie sich noch einmal über die Augen, dann ging sie der Jägerhütte zu. Ehe sie das kleine Haus erreichte, blieb sie stehen, als besänne sie sich. Und nun eilte sie dem Pfad entgegen, der in das Steintal führte. Sie wollte die verlorenen Veilchen suchen.

Als sie die Wende des Steiges erreichte, fuhr sie erschrocken zurück. Dort auf dem Stein saß immer noch der Chorherr; und in seinen Händen hielt er ihren Kranz und blickte darauf nieder mit regungslosen Augen. Jetzt hörte sie auch Tritte hinter sich; dort kam der Bub mit zwei Bergstöcken und einer Kienfackel. Lautlos schlüpfte sie in eine Staude und wartete. Sie hörte, wie die beiden einige Worte wechselten und sich entfernten.

Nun kam sie wieder hervor und begann zu suchen. Das Kränzl wollte sich nicht finden lassen.

„Jetzt hat er’s mitgenommen!“ stammelte sie;aber sie zürnte nicht. „Vielleicht hat er eine Freud dran?“ Und einem, der so viel Schmerzen getragen, war eine Freude zu gönnen. Weib und Kind verlieren müssen, ineinerNacht! Wer hätte mit ihm Erbarmen fühlen sollen, wenn nichtsie? Hatte sie doch Vater und Mutter auch aneinemTag verloren — damals, als im Land das große Sterben umging.

Lange, lange stand sie und blickte dem Chorherren nach, wie er bald im Gewirr der Felsblöcke verschwand, wieder auftauchte, zwischen dunklen Gebüschen sich verlor und wieder erschien.

Der frischer ziehende Abendwind spielte mit ihrem lockigen Haar. Unter ihr im Bergwald rief ein Kuckuck, der erste, der mit dem Frühling gekommen war. Und über den Halden begannen die steilen Wände, zwischen denen der Schnee nur noch in einzelnen Schluchten hing, mit warmer Röte zu glühen.

[17]Alter Weidmannsausdruck für das Herz des Wildes.

[18]Das Mühldorfer Stadtrecht im 14. Jahrhundert bestimmte: „Welleich leicht Weib pagent (zanken) mit den Worten die sie vermeiden sollen, der soll man den pagstein an irn Hals hengen und soll si von gazzen ze gazzen traiben.“

[19]Zwei Stunden südwestlich von Passau.

[20]Oktober.

[21]Den 9. Oktober.

[22]Fünf Wegstunden südlich von Landshut.

Die Dämmerung, die über den Bergen die ersten Fäden spann, webte im Tal schon die grauen Schleier.

Wolfrat war aus dem Sudhaus heimgekehrt und saß mit Sepha am Tisch. Sie hatte die Kraft gefunden, das Bett zu verlassen — es war die Kraft, die der Kummer und die Sorge gibt.

Ihr karges Nachtmahl hatten sie schon verzehrt, aber sie saßen noch, schweigend; jedes hielt die Arme über den Tisch gelehnt und grübelte vor sich hin.

Lippele kniete auf der Bank und guckte zum Fenster hinaus. „Schau, Mutter, schau, der Berg tutbrennen!“ Es störte ihn nicht, daß er keine Antwort erhielt. „So, so,“ schmollte er mit nickendem Köpfl, „wenn die Dittibas verbrennen tut, da droben!“

Wolfrat erhob sich ungestüm, schritt ein paarmal in der Stube auf und nieder und warf sich im Ofenwinkel auf die Bank. Sepha schlug die Hände vor das Gesicht.

Eine stille Weile verging, dann streckte Lippele neugierig den Kopf. „Vater! Mannerleut kommen.“

Seph erblaßte und Wolfrat sprang auf das Fenster zu.

„Sie kommen, Seph!“ sagte er und griff nach dem Tisch, als befiele ihn ein Schwindel.

„Jesus Maria!“ stöhnte das Weib, flog auf ihn zu und umschlang ihn mit zitternden Armen.

Er richtete sich auf. „Nimm dich zusammen, Seph!“ sagte er ruhig. „Sie dürfen kein unrechtes Wort hören. Komm, setz dich her da!“ Er drückte sie auf die Bank. „Und red keinen Laut! Vom Gesicht schaut dir im Zwielicht keiner was ab. Und wenn es schief ausgehen sollt — ich glaub’s nit, Seph, sei ruhig — ich mein’ halt für alle Fäll,“ seine Stimme dämpfte sich zu hastigem Geflüster, „so laß ich dir eine Hilf zurück in der Not, einen Schatz, der zu heben ist. Mir ist er verschlossen, solang ich leb. Aber wenn’s einmal aus ist mit mir, dann sollst du was habendavon, und mein Bub. Ein goldener Schatz, Seph! Und der Schlüssel dazu: das ist die Dirn.“

Sie starrte ihn an; von allem, was er sagte, verstand sie nur das eine: daß er an das Schlimmste dachte.

Das Fenster wurde dunkel, als die Männer draußen vorübergingen.

Wolfrat nahm hastig seinen Platz hinter dem Tisch wieder ein.

Die beiden Knechte, die Herr Schluttemann ausgeschickt, traten in die Stube; der Fronbot, den sie mitgenommen, blieb draußen vor der Haustür stehen.

Lippele rutschte hurtig von der Bank herunter, lief auf die Mutter zu und schmiegte sich hinter ihren Arm.

„Ist der Polzer daheim?“ fragte einer der Knechte.

„Wohl!“ sagte Wolfrat. „Was gibt’s?“

Der Knecht zögerte mit der Antwort; sein Blick streifte das Weib. „Geh, komm ein Weil mit uns vors Haus!“

„Ich hab den ganzen Tag geschafft und bin müd.“

„Wirst aber heut noch einen weiten Weg machen müssen.“

„Warum? Und wohin?“

„Warum, das wirst du erfahren, und wohin, das wirst du sehen.“

Wolfrat lachte. „Da bin ich aber neugierig. Wer will denn was von mir?“

„Der Vogt.“

„Der Vogt?“ wiederholte Wolfrat überrascht. „So? So?“ Er strich mit der Hand übers Haar und erhob sich. „Ja, freilich, da muß ich schon gehen. Aber wenn ich recht gehört hab, ist ja der Vogt seit Freitag im Gejaid — freilich, hab’s ja von euch selber gehört, wie ich auf der Alm meine Schwester gesucht hab. Was will er von mir? Da droben?“

Die Knechte wollten ihn fassen; er trat zurück und machte zwei Fäuste. „Oho! So ist’s gemeint? Ich geh von selber mit, weil der Vogt mich haben will. Aber anrühren soll mich keiner, sonst schlag ich zu.“

„So komm!“

Wolfrat nahm den Hut von der Ofenstange und ging auf sein Weib zu. „Behüt dich Gott, Seph! Bis morgen abend bin ich wieder daheim.“ Er reichte ihr die Hand und hob den Buben in die Höhe.

„Vater,“ klagte Lippele, „du tust mich drucken!“ Als der kleine Bursch auf der Erde stand, rollte er die Schultern, dehnte die Ärmchen, als wären ihm alle Knöchlein aus den Fugen geraten, und als müßte er sie wieder einrenken.

„Also weiter!“ sagte Wolfrat und ging den beiden Knechten voran zur Stube hinaus.

„Mutter?“ fragte Lippele. „Wohin muß der Vater?“

Dumpf schluchzend warf Sepha sich über den Tisch; sie hatte ein Gefühl, als wäre ihr jählings etwas eisig Kaltes in das Herz gefallen.

Als Wolfrat aus der Haustür trat, packten ihn die Knechte unversehens, der Fronbot warf den Strick, und ehe Wolfrat ans Wehren denken konnte, waren ihm schon die Hände hinter dem Rücken gebunden. Er sprach kein Wort mehr. Als sie ihn durch den Hag auf die Straße führten, warf er einen langen Blick auf das Totenbrett seines Kindes.

„Bet, bet,“ sagte das Brett, „vielleicht bist du der nächst!“

Da kam der Knecht, den Herr Heinrich geschickt hatte, die Straße einhergerannt. Keuchend blieb er vor den anderen stehen.

„Willst du was?“ fragten sie.

Er schüttelte den Kopf und ließ sie ihres Weges ziehen. Während er ihnen nachblickte, hörte er aus dem Haus des Eggebauern lautes Geschrei und wirren Lärm, dann eine heulende Weiberstimme. Gleich darauf kam eine Magd durch den Garten auf die Straße gerannt.

„Was ist denn los bei euch?“ fragte der Knecht.

„Der Bäuerin ist was geschehen, ich muß zumBader laufen.“

Er rannte neben ihr her. „So red doch, was ist denn der Bäuerin?“

„Der Krank ist schon über ein Jahr lang in ihr und hat ihr ungut zugesetzt. Und da hat ihr der Bader gesagt, sie könnt nur gesunden, wenn man ihr ein Herzkreuzl eingeben tät. Der Bauer hat ihr keins verschaffen können, und deswegen ist die Bäuerin allweil so schiech mit ihm gewesen und hat gezannt und gepaget in einem fort. Heut auf den Abend sind sie wieder aneinander geraten, und die Bäuerin im Zorn ist aus dem Bett gesprungen und hat ihm die Kunkel an den Kopf gehaut. Dabei ist sie ausgerutscht und der Läng nach hingeschlagen auf den Boden. So ein schweres Leut! Und da muß ihr einwendig was gebrochen sein, und drum muß ich zum Bader laufen.“

Die Dirn wurde dem Knecht zu flink; er blieb hinter ihr zurück und wartete auf den Fronboten, der die beiden Knechte und ihren Gefangenen nur eine kurze Wegstrecke begleitet hatte.

Die Dämmerung wandelte sich zur Nacht. Als die Knechte mit Wolfrat das Seedorf hinter sich hatten und den Wald erreichten, steckten sie die Fackel in Brand; der sie trug, stieg voran; dann kam Wolfrat, und hinter ihm ging der andere Knecht; er hatte denStrick, der von Wolfrats gebundenen Händen ausging, an seinen ledernen Gurt befestigt. Nur zuweilen sprachen die Knechte ein paar Worte, die den Weg betrafen. Wolfrat redete keinen Laut. Er starrte vor sich hin auf den Pfad oder in den Wald hinein, in dem der rötliche Schein der qualmenden Fackel einen gespensterhaften Kampf zwischen der fahlen, unruhig zuckenden Helle und den schwarzen Schatten erregte; alles erhielt Leben; die moosigen Felsblöcke waren anzusehen wie die Köpfe von Ungeheuern, die aus der Erde zu steigen schienen; Baumstrünke mit dürrem Astwerk tauchten aus der Finsternis hervor gleich abenteuerlichen Gestalten, mit borstigem Haar und zum Fang gestreckten Armen.

Als Wolfrat vor fünf Tagen diesen gleichen Weg in der Nacht emporgestiegen, war es still und finster gewesen im Wald. Und langsamer war’s gegangen. Das Kreuzbild, das er auf dem Rücken getragen, hatte sich mit den ausgestreckten Armen bald an Bäumen, bald an Zweigen verfangen. „Grad, als hätt’s mich halten wollen!“ dachte er.

Auf den Almen rasteten sie; dann ging’s wieder weiter.

Der Morgen dämmerte, als sie sich der Kreuzhöhe näherten. Mit scharfen dunklen Linien hob sich das heilige Bild vom bleichen Himmel ab. SeitWolfrat das Kreuz gewahrt hatte, konnte er den Blick nimmer von der Erde erheben. Als er am Kreuz vorüberschritt, geneigten Hauptes, mit scheuen Augen, rann ihm ein kalter Schauer durch das Herz. „Er lebt doch, ich hab ihn doch nit erschlagen!“ schrie es in seiner Seele. Aber die Furcht wollte nicht von ihm weichen. Und eines wußte er: beten konnte er niemals wieder in seinem Leben, seit er an dieser Stelle, den Namen Gottes heuchlerisch auf den Lippen tragend, den Mordgedanken unter seiner Stirn geboren hatte. Er hatte nicht einmal beten können am Grab seines Kindes; so oft er auch begonnen: „Vater unser“ — immer wieder stand das blutbefleckte Kreuz vor ihm und schloß ihm die Lippen.

Er atmete auf, als sie an der bösen Stelle vorüber waren.

Über das Steintal blickten im Morgengrau schon die Hütten her. In den Felswänden hörte man die Steine gehen, die von den ziehenden Gemsen gelöst wurden. Einzelne Wölklein, tief violett, schwammen langsam am blassen Himmel.

Es begann schon voller Tag zu werden, als sie die Hütten erreichten. Auf der Bank vor dem Herrenhause ließen sie sich nieder; die Türen waren noch geschlossen, alles war still; sogar die Quelle murmelte schläfrig, als wäre sie versiegt in der Nacht und begänneerst jetzt wieder zu fließen, da es tagen wollte.

In der Jägerhütte schlummerte Haymo auf seinem Lager, und Frater Severin, der bei ihm hätte wachen sollen, schnarchte auf der Holzbank; er hatte am vergangenen Abend ein schweres Werk geleistet: er ganz allein hatte das dritte ‚Pärchen‘ Rechberg und Stein bezwingen müssen, da Herr Heinrich den Vogt zu sich in die Schlafstube genommen, um den Heuboden für Gittli zu räumen.

Herr Schluttemann, dem die gewohnte ‚Bettschwere‘ fehlte, erwachte zuerst. Lautlos öffnete er den Fensterladen, und da gewahrte er die Knechte und den Sudmann; eine Weile stand er unschlüssig und kraute sich den Kopf; dann ging er hinaus; darüber erwachte Herr Heinrich.

Wolfrat und die Knechte erhoben sich, als der Vogt aus der Tür trat; kopfschüttelnd ging er auf den Gefangenen zu; er donnerte und blitzte nicht wie sonst; nur ernster Vorwurf klang aus seiner Stimme, als er zu Wolfrat sagte: „Polzer, Polzer! Was hast du da jetzt angestellt? Das wird dir einen bösen Tag bringen.“

Es wäre Wolfrat wohler zu Mut gewesen, wenn der Vogt geschrien und mit den Fäusten gefuchtelt hätte. „Ich weiß nit, was Ihr meinet, Herr! Aber wissen möcht ich wohl, warum mich Eure Leut überfallen und am Strick dahergeführt haben wie einenOchs, den man metzgen will.“

„Polzer! Polzer! Tu nicht leugnen!“ sagte Herr Schluttemann mit den sanftesten Lauten, deren er fähig war. „Sonst wird dich einer fragen müssen, der eine glühende Zung hat und eiserne Zähn.“

Wolfrats bleiches Gesicht wurde aschfarben. „Ich brauch nichts leugnen und nichts eingestehen. Ich weiß nit, was Ihr wollt von mir.“

„Polzer, Polzer! Ich will dir in aller Güt nur sagen —“ Der Vogt verstummte, denn Herr Heinrich war aus der Tür getreten. Nur einen Bückling machte Herr Schluttemann und deutete auf den Gefangenen.

Lange ließ Herr Heinrich schweigend seinen Blick auf Wolfrat ruhen, und dieser ertrug den Blick und zuckte mit keiner Wimper.

„Bindet ihm die Hände los!“

Herr Schluttemann machte große Augen. „Reverendissime, ich bitte zu bedenken —“

„Ich habe bedacht!“ sagte Herr Heinrich kurz. „Löset ihn, dann soll er mir folgen.“ Er trat in die Herrenstube.

Wolfrat atmete auf, reckte die befreiten Arme und folgte dem Propst.

„Weck einer den Frater!“ sagte Herr Schluttemannzu den Knechten und ging hinter Wolfrat her. Kaum hatte er die Herrenstube betreten, als Gittli vom Heuboden über die Leiter niederglitt, verstört und totenblaß. Die Stimmen hatten sie geweckt. Sie wankte zur Tür hinaus, hörte die Worte nicht, die Frater Severin ihr zurief, sah die Knechte nicht stehen und glotzen — mit gestreckten Händen und fliegenden Haaren stürzte sie der Jägerhütte zu und brach vor Haymos Lager in die Knie.

„Jesu mein! Gittli! Was hast du?“ stammelte Haymo, dem der Schreck fast die Sprache nahm.


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