29.

„Der Winter ist zergangen,In Bluh steht alle Heid,Da kam zu mir gegangenGar süße Augenweid.“

„Der Winter ist zergangen,In Bluh steht alle Heid,Da kam zu mir gegangenGar süße Augenweid.“

„Der Winter ist zergangen,In Bluh steht alle Heid,Da kam zu mir gegangenGar süße Augenweid.“

„Der Winter ist zergangen,

In Bluh steht alle Heid,

Da kam zu mir gegangen

Gar süße Augenweid.“

Immer lauter wurde sein Lied, bis es endete mit klingendem Jauchzen:

„Jo ho, jo ho,Mein Herzl, das ist froh!“

„Jo ho, jo ho,Mein Herzl, das ist froh!“

„Jo ho, jo ho,Mein Herzl, das ist froh!“

„Jo ho, jo ho,

Mein Herzl, das ist froh!“

Da brauchte er Gittli nicht mehr zu wecken; sie saß im Heu, lachte ihn an mit hellen Augen und streckte die Arme.

Als wär’ sie eine Feder, so schwang er sie in die Höhe und drehte sie im Kreis. Kichernd zappelte sie mit den Füßen. Aber auf die Erde kam sie nicht wieder; sie saß auf Haymos Schoß und wußte nicht, wie das gekommen war. Mit dem einen Arm hielt er sie an sich gedrückt, mit dem anderen zog er die Pfanne herbei. Und weil sich in der Hütte nur ein einziger Holzlöffel vorgefunden hatte, mußte Gittli dulden, daß Haymo ihr jeden Bissen zwischen die lachenden Lippen schob. Sie wehrte sich wohl, aber nur, weil ihr Sträuben das zärtliche Mahl verlängerte. Und wie sie jeden Bissen lobte! Haymo wurde stolz auf seine Kochkunst. „Ja, du,“ sagte sie, „das schmeckt einem! Weißt du, da drin,“ sie machte einen Deutermit dem Kopf und meinte das Heim der Domfrauen in Salzburg, „da drin hab ich Sachen essen müssen, daß einem völlig hätt grausen mögen. Was die Herrenleut manchmal für einen Geschmack haben! Ich begreif das nit.“

Er lachte und hielt ihr den vollen Löffel hin.

„Halt! Der gehört wiederdir!“ schalt sie, denn sie wachte sorgsam darüber, daß die Teilung redlich vollzogen würde: erst sie einen Löffel, dann er einen Löffel — und dazu einen Kuß als Merkzeichen.

Als die Pfanne leer war, sagte sie erschrocken: „So, schön! Jetzt haben wir der Zenza gar nichts übrig lassen. Aber was sagst du! Jetzt ist die noch allweil nit da! Komm, wir müssen uns ein lützel umschauen nach ihr.“ Sie lief zur Tür hinaus und rief mit heller Stimme: „Zenza, Zenza!“ Ringsumher hörte sie nur das dumpfe Brüllen der Kühe und das ruhelose Gebimmel der Almglocken. Als Haymo zu ihr trat, sagte sie: „Wirst sehen, die hat sich im Wald verschlafen. Aber wart nur, ich find sie schon!“ Mit klappernden Schuhen lief sie gegen den Bergwald. Haymo haschte sie, und nun wanderten sie langsam, eins ans andere geschmiegt, dem Schatten der Bäume entgegen, den die sinkende Sonne schon dunkel und lang über das Almfeld warf. Als sie den Waldsaum erreichten, hatten sie schon wieder vergessen, wassie hierher geführt. Wo sie gingen, blühten mit dunklem Rot die Almrosen. Sie pflückten die schönsten der blühenden Zweige, und nach einer Weile prangte ein Strauß an Gittlis Mieder, ein anderer auf Haymos Kappe. Er legte den Arm um ihre Schulter, sie lehnte die Wange an seine Brust, und so wanderten sie dem Feuerpalfen zu, aus dessen verbranntem Rasen schon wieder die grünen Grasspitzen hervorlugten.

„Hast du nit daherdenken müssen in der Sonnwendnacht?“ fragte er leis.

Sie nickte errötend. „Und wie ich eingeschlafen bin, da hab ich geträumt.“

„Was denn?“

„Daß du mir eine Scheib getrieben hättst!“

„Aber, Narrerl, du liebs! Das hab ich ja doch getan!“ lachte er. „Die allergrößte hab ich getrieben für mein kleines Schatzl. Und geflogen ist sie, als wär die Sonn heruntergefallen.“

Sie umschlangen und küßten sich, als fänden sich ihre Lippen zum erstenmal. Kein Wunder, daß sie dabei die näherkommenden Schritte zweier Männer und einen stammelnden Ruf überhörten, der vom Saum des Waldes herklang.

Nun standen sie aneinandergeschmiegt und blickten still hinunter in die gähnende Tiefe. Glatt und schwarzgrünlag der See zwischen seinen felsigen, schon von dunklen Schatten umwobenen Ufern.

„Schau, Haymo,“ lispelte Gittli, „siehst du das Schiffl im See?“

„Wo, Schatz?“

„Dort, wo der Wildbach auslauft wie ein weißes Band.“

„Wohl, jetzt seh ich es auch.“

„Das muß ein großes Schiff sein, es schaut sich schier an wie ein Scheit.“

„Wohl, ich mein’ auch, es müßten viel Leut drin sein. Schau nur, und hinter ihm kommt ein anderes!“

„Ein kleins, wie ein winziges Hölzl!“

Sie schauten den beiden kaum merklich gleitenden Schiffen nach, die hinter einem steil in den See abfallenden Waldrücken verschwanden.

„Geh, Haymo, komm,“ sagte Gittli tief aufatmend, „jetzt müssen wir die Zenza suchen. Mir tut schon völlig bangen.“

Sie wollten den Feuerpalfen verlassen. Als sie sich vom Absturz wandten, fuhr ihnen der jähe Schreck in alle Glieder; sie erblaßten und waren wie versteinert; nur ihre Hände suchten sich noch und schlossen sich fest ineinander.

Herr Heinrich und Desertus standen vor ihnen.

Eine Weile wurde kein Wort gesprochen. Ernstbetrachtete Herr Heinrich das Paar, während Desertus, mit heißem Glanz in den Augen, nur Gittli zu sehen schien.

„Es schattet, Haymo, und ich finde dich hier?“ sagte Herr Heinrich ruhig. „Hast du meines Gewildes ganz vergessen? Und deiner Pflicht?“

„Herr!“ stammelte Haymo, während brennende Röte über seine Stirne flog. Kein zornig scheltendes Wort hätte ihn eingeschüchtert; aber diese freundliche Mahnung brachte ihn um den letzten Rest seiner Fassung. Mit ratlosem Blick suchte er Gittlis Augen. „Ich muß gehen. Ich muß.“

Da erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Sie umschlang ihn mit beiden Armen, schmiegte den schlanken Leib an ihn, als möchte sie mit ihm in eins verwachsen, und drückte das bleiche Gesicht an seinen Hals: „Ich laß dich nimmer und ich laß dich nimmer!“

Verstört sah Haymo zu Herrn Heinrich auf. „Schauet, Herr! Wir haben uns lieb.“

„Und ich laß mich nimmer wegschaffen,“ fiel Gittli mit bebender Stimme ein, die fester klang von Wort zu Wort, „und ich laß mich nimmer wegreißen von ihm. Da darf kommen, wer mag. Ich laß mich nimmer wegreißen. Ich weiß nit, was man allweil von mir will? Ich hab doch keinemwas getan, ich bin doch ein braves Leut, und keiner hat ein Recht an mich, als der einzig, den ich lieb hab.“ Sie hatte sich aufgerichtet, ihre Augen blitzten, eine wilde Entschlossenheit verschärfte ihre Züge. „Und eh ich mich wieder wegreißen laß, eh spring ich lieber da hinunter, wo’s am tiefsten ist. Komm, Haymo!“ Sie klammerte die zitternden Hände um seinen Arm und zerrte ihn gegen den Abgrund. „Komm! Da haben wir Ruh und bleiben beieinander!“

„Kind!“ schrie Desertus erblassend. Auf Gittli zustürzend, umfing er sie mit beiden Armen und riß sie vom Rand der Felsen zurück. Gittli wehrte sich gegen ihn mit zorniger Kraft, er aber ließ sie nicht mehr. „Kind! Du Kind!“ Und die Lippen zu ihrem Ohr neigend, flüsterte er, nur ihr allein verständlich: „Es will dich niemand wegreißen von ihm!“ Da erlahmte ihr Widerstand. Scheu erschrocken blickte sie zu ihm auf, und als sie seine Augen sah, diese zärtlich leuchtenden Augen, fiel es in ihr gemartertes Herz wie eine Offenbarung: hier ist Hilfe, hier ist einer, der es freundlich meint. „Herr, guter Herr!“ stammelte sie. „Stehet mir bei in meinem Leid! Ihr habt doch auch eine liebe Frau gehabt und liebe Kinder. Schauet, ich hab ihn halt so lieb, so lieb!“

Haymo stand mit blassem Gesicht. Sein Atem ging keuchend, und unstet blickten seine Augen. Er sah, wie Desertus die Arme um Gittli geschlossen hielt und ihren schlanken Körper an sich drückte. Haymos Fäuste ballten sich. Um gewaltsam zu bezwingen, was sinnverwirrend in ihm aufstieg, packte er mit den Fäusten die eigene Brust.

Herr Heinrich ging auf ihn zu. „Haymo! Was hast du aus diesem Kind gemacht?“

„Ich, Herr?“

„Hast du nicht gehört, was sie gesprochen hat?“

„Es hat halt in ihr das Herz geredet, wie in mir das meinige. Wenn Euch das nit gefallt, Herr, dann müsset Ihr rechten mit Eurem Herrgott!“

„MitmeinemHerrgott? Hast du einen anderen? Oder gar keinen?“

„Wohl, Herr, ich hab schon einen. Das ist ein guter. Es ist derselbig, der das in uns zwei hineingelegt hat, daß es keiner nimmer herausreißt. Und wenn Ihr meinet, daß es doch geschehen könnt, so habt Ihr einen andern.“

„So?“ lächelte Herr Heinrich.

„Ja, und dann vertragt sich auch der meinig mit dem Eurigen nimmer.“ Haymos Stimme verlor sich in dumpfes Murmeln. „Und wir zwei taugen auch nimmer zueinander!“

„Du sagst mir den Dienst auf?“

Haymo senkte den Kopf, ein Schauer rüttelte seinen Körper, er blickte wieder auf und suchte mit irrenden Augen das Gesicht des Propstes; aus seiner Kehle wollte kein Laut.

„Gut! Ich kann dich nicht zwingen!“ sagte Herr Heinrich. „Du bist kein Höriger, du bist ein freier Mann. Aber ich lasse dich ungern ziehen. Ich war dir gut, denn du hast mir treu gedient. Und so gerne wie dir hab ich noch keinem den Spruch gesagt: ‚Wehr ohne Schart und Fehl, graden Sinn ohne Hehl, treues Herz ohne Wank‘. Was hast du? Wolltest du etwas sagen?“

Haymo würgte nach Worten und schüttelte den Kopf.

„Gut also! Wenn du es nicht anders willst. Am Michelstag bist du deines Dienstes enthoben. Als Klosterjäger!“ Ein Lächeln spielte um Herrn Heinrichs Mund.

„Am Michelstag also! Am Michelstag!“ raunte Haymo vor sich hin, während er sich mit der Hand über das Haar strich. „Wohl, am Michelstag, da geh ich. Wenn ich gleich mein halbes Leben dahint laß. Und daß ich bis selbhin meine Pflicht tu, ich mein’, Herr, dafür kennet Ihr mich.“ Er wandte sich zu Gittli, die blaß und zitternd stand. „Behüt dich Gott!Es schattet, und ich muß nach dem Gewild schauen. Das ist Jägerpflicht, die ich beschworen hab. Behüt dich Gott derweil!“

„Haymo!“ stammelte sie; aber nur eine ihrer Hände ließ Pater Desertus frei, und diese Hand streckte sie dem Jäger hin, der sie mit festem Druck umfaßte.

„Ich muß gehen,“ sagte er mit schwankender Stimme, „aber am Michelstag, da bin ich mein eigener Herr, da komm ich und such dich wieder. Was die Herrenleut von dir wollen mögen, ich weiß es nit. Aber ich komm und such dich, da kannst du dich verlassen drauf. Und wenn ich dich nimmer find, so mein’ ich wohl, daß man auch mich wird suchen müssen. Unter der Landtaler Wand ist ein Fleckl. Da geht einer nit irr, der mich suchen mag.“

„Haymo, Haymo!“ schluchzte Gittli und klammerte die Finger um seine Hand. Er riß sich los und stürzte der Hütte zu.

Herr Heinrich blickte ihm nach und schüttelte den Kopf. „Amantes amentes!“

Desertus schlang die Arme um Gittli, zog sie an seine Brust und flüsterte: „Laß ihn doch, du Närrlein, er kommt schon wieder!“

Als Haymo die Hütte erreichte, riß er die Armbrust von der Wand und faßte das Griesbeil. Aufeiner Holzbank sah er das übel zugerichtete weiße Kleid und das Mäntelchen liegen, packte beides mit zornigem Griff und warf es in die glühenden Kohlen. Eine Flamme loderte auf, und im Hui war das dünne Gewebe in Asche zerfallen.

Er trat ins Freie. Drüben über dem Almfeld wanderte Gittli langsam, mit gesenkter Stirne, den Waldsaum entlang, zwischen Herrn Heinrich und Pater Desertus, der sie an der Hand führte.

„Der! Und allweilder!“ stammelte Haymo. In wirren Gedanken blickte er den dreien nach, bis sie im Wald verschwunden waren. Dann stieg er den höheren Bergen zu, mit so ungestümer Eile, daß er bald den Atem verlor und rasten mußte.

Fünf lange, bange Stunden währte der Weg, auf dem er kreuz und quer sein ganzes Revier durchwanderte. Er suchte die steilsten Gehänge und die gefährlichsten Pfade, um durch die Erschöpfung des Körpers seine Gedanken und sein Herz zu betäuben.

Als er zu den Hütten kam, lag über den Bergen schon die tiefe sternhelle Nacht. Aus der halboffenen Tür des Herrenhauses leuchtete ein matter Feuerschein. Haymo wollte zur Jägerhütte gehen. Da rief ihn Herr Heinrich an. Der Propst und Desertus saßen vor dem Herrenhaus auf der Bank. Haymospähte und lauschte, aber von Gittli war nichts zu sehen, nichts zu hören.

„Nun? Wie ist der Pirschgang ausgefallen?“ fragte Herr Heinrich. „Hast du Wild getroffen?“

„Wohl, Herr,“ erwiderte Haymo, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, „unter den Wänden ist eine Fahlgeiß mit ihrem Kitz gestanden, Gemsen hab ich zweiunddreißig gezählt, und auf dem Kreuzwaldlahner ist ein guter Hirsch ausgezogen, dem das Geweih bald reifen wird. Die Kolben zeigen schon die vierte Kron.“

„Brav, Haymo, den wollen wir uns holen in der Brunft.“ Herr Heinrich stockte. „In der Brunft? Ach so, ich vergesse! Die gute Brunft beginnt um den Sankt Pelagitag. Und eine Woche früher fällt schon der Michelstag. Schade! Schade!“

Haymo erzitterte, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten.

„Aber jetzt geh, Haymo, koch dir ein Nachtmahl und dann leg dich schlafen! Du mußt morgen wieder zeitig auf den Beinen sein.“

Ein paar heisere Laute würgte Haymo zum Gruß heraus und wollte zur Jägerhütte gehen.

„Nicht dort!“ rief ihm Herr Heinrich nach. „In deiner Hütte schläft das Mädchen. Du mußt dich für heute mit dem Heuboden begnügen. Drinnen auf dem Herde findest du, was für deine Mahlzeitnötig ist.“

Haymo trat in die Herrenhütte, schürte das erlöschende Feuer und begann seinen Imbiß zu bereiten. Er tat es nur, weil Herr Heinrich gesagt hatte: Koch dir dein Nachtmahl! Noch eh er damit zu Ende war, kamen die Herren in die Hütte. Der Propst ging in die Stube, Desertus blieb unter der Tür mit verschränkten Armen stehen und wandte keinen Blick seiner stillen, warm leuchtenden Augen von Haymo. Dem Jäger wurde unter diesem forschenden Blick unheimlich schwül zu Mut. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Aber er tat, als sähe er den Chorherren nicht, hockte sich mit der Pfanne in einen Winkel und würgte Bissen um Bissen hinunter. Das Mittagsmahl hatte ihm besser geschmeckt! Mit einem tiefen Atemzug sprang er auf. Als er über die Leiter emporsteigen wollte, trat Desertus auf ihn zu, streckte ihm die Hand hin und sagte lächelnd:

„Gute Nacht, Haymo!“

„Gute Nacht, Herr!“ murmelte der Jäger. Die gebotene Hand übersah er. Droben warf er sich über das Heu und grub das Gesicht in die Arme.

Als er nach einer Weile wieder ruhig wurde, hörte er die Herren in der Küche noch miteinander reden. Dann wurde alles still.

Leise strich der Nachtwind über das Schindeldach. Haymo wachte mit klopfendem Herzen. Als er meinte, daß Mitternacht schon vorüber wäre, streifte er die Schuhe von den Füßen, stieg lautlos über die Leiter hinunter und tappte durch die Finsternis zur Hüttentür.

Sie war versperrt. Der Schlüssel war abgezogen.

Fast eine Stunde stand Haymo zitternd auf einem Fleck. Als er sich endlich wieder zu rühren wagte und zum Heuboden hinaufstieg, knarrte auch noch die Leiter.

Draußen war der Mond aufgegangen; sein bleicher Schimmer quoll durch die Lücken im Dach. Haymo lag schlaflos; er hielt die Hände unter dem Nacken verschränkt und starrte mit brennenden Augen auf eine der hellen Lücken.

Als er meinte, daß der Morgen zu grauen begänne, erhob er sich und stieg in die Küche hinunter. Dabei machte er Lärm und hustete. An der Türe rüttelte er, als wüßte er noch nicht, daß sie versperrt wäre.

Er trat in die Stube.

„Haymo?“ fragte Herr Heinrich in der Schlafkammer.

„Wohl, Herr! Ich kann nit hinaus. Es muß einer die Tür versperrt haben.“

„Komm her zu mir!“ Herr Heinrich griff unter das Lederpolster und zog den Schlüssel hervor. „Da nimm! Und kannst auch gleich am Fenster den Laden aufstoßen. Ich mein’, der Morgen wird schön.“

Haymo tat, wie ihm geheißen war. Nun trat er ins Freie. Das graue Licht des Morgens kämpfte mit dem Mondschein. Still und dunkel lag die Jägerhütte. Als Haymo ihr entgegenschritt, schlug ihm das Herz bis an den Hals herauf. Trotz der Dämmerung sah er mit seinem Falkenaug, daß am Fenster der Laden offen stand. Aber ein offenes Fenster war auchhinterihm.

„Wart nur,“ murmelte er und raffte ein Steinchen von der Erde, „so gescheit wie die Herrenleut bin ich auch noch!“

Als er die Hütte erreichte, warf er, fast ohne die Arme zu rühren, das Steinchen ins Fenster. Ein leiser Schrei klang aus der Stube. Haymo lehnte das Griesbeil an die Blockwand und bückte sich, als müßte er die Schuhriemen fester knüpfen.

„Gittli!“ flüsterte er.

„Haymo!“ klang es in der Stube mit zitterndem Laut, und gleich darauf erschien ein weißes Gesicht am Fenstergitter.

„So, jetzt kann er meintwegen zuschauen, wie er mag!“ Mit flinkem Satz sprang Haymo auf dasFenster zu. Das war nun freilich ein beschwerlicher Kuß, denn die Lücken des Fensters waren eng, die eisernen Stäbe dick — aber ein Kuß war es doch.

„Laß dich nur nichts verdrießen, Gittli! Tu nur festhalten, gelt?“

„Wie ein Astl am Baum!“

Wieder fanden sich ihre Lippen.

„Behüt dich Gott, Schatzl!“

„Behüt dich Gott tausendmal, mein lieber, lieber Bub!“

Haymo faßte das Griesbeil und taumelte davon, das Herz zum Springen voll von Leid und Freude.

Hinter dem offenen Fenster des Herrenhauses standen der Propst und Desertus.

„Es eilt, Dietwald, es eilt!“ sagte Herr Heinrich lächelnd.

„Das merk ich, Herr! Wenn ich nicht das Elend meines Kindes will, muß ich flink die Hände rühren zu seinem Glück.“

Haymo war schon hinausgewandert in die Dämmerung. Er kam an diesem Morgen mit seinem Hegergang so rasch zu Ende wie noch nie. Als die Sonne über die Berge emportauchte, war er schon wieder auf dem Heimweg. Von der Kreuzhöhe sah er dieHütten; sie waren geschlossen. Spähend blickte er über die Täler, die der Pfad durchschnitt. Nahe dem Bergwald sah er die Herren mit Gittli gegen die Almen wandern; sie verschwanden unter den Bäumen und kamen auf dem Almfeld wieder zum Vorschein. Aus der Sennhütte lief ihnen ein Mädel entgegen. Das mußte wohl die Zenza sein? Eine Weile standen die viere beisammen. Dann gingen sie der Hütte zu, und trotz der weiten Ferne meinte Haymo zu erkennen, daß Gittli von den Herren gestützt und geführt wurde.

„Lieber Herrgott,“ stammelte er, „sie wird doch nit letz geworden sein!“ Über Felsen und Buschwerk stürmte er hinunter ins Tal.

Als er nach einer halben Stunde atemlos die Alm erreichte, trat ihm unter der Hüttentür eine fremde Person mit verweinten Augen entgegen.

Er starrte sie an. „Sind die Herrenleut schon wieder fort?“

„Schon lang wieder.“

„Wo ist die Sennerin?“

„Die bin ich selber. Oder weißt du noch nit, was geschehen ist?“ Weinend erzählte sie.

Haymo sank erblassend auf die Bank.

„Gestern um Mittag hat man das arme Leut gefunden. Und der Jörgi geht ab. Seit der Frühschon sucht man nach ihm.“

„Suchen?“ stammelte Haymo. „Wo?“

„Beim Wildbach drunten.“

Sich bekreuzend und ein Vaterunser betend, stürzte Haymo davon, um sich den Suchenden anzuschließen.

Es war Herbst geworden. Von den Buchen fiel das welke Laub, und in den kühlen Nächten begannen schon die Hirsche zu röhren.

Wieder erwachte ein Morgen über dem See. Ein grauer, schwerer Nebel lagerte über dem Wasser und flutete um die Bartholomäer Klause. Man konnte kaum auf zwanzig Schritte sehen. Die Tür der kleinen Kirche war offen, und im Dämmerlicht der schmalen Halle stand Pater Eusebius neben dem Altar. Auf den Stufen kniete Wolfrat. Als er sicherhob, schlug er das Kreuz mit der linken Hand; der rechte Arm, den der Ärmel umhüllte wie einen dürren Stecken, hing in einer ledernen Schlinge.

Schweigend traten sie ins Freie und gingen zum Ufer.

„Schau, Wölfi, da wartet schon das Schiffl!“ sagte Pater Eusebius und legte seine Hand auf die Schulter des Sudmanns. „Jetzt schau halt, daß du gut heimkommst. Und sei gescheit und mach keinen Streich mehr!“

Wolfrat schüttelte den Kopf und tappte nach der Hand des Paters. Die Augen gingen ihm über. „Vergeltsgott für alles, Vergeltsgott tausendmal!“ So stammelte er und quetschte dabei die Hand des Paters, als wäre sie eine Nuß, die er knacken müßte.

„So hör doch auf!“ stöhnte Eusebius und befreite seine rotüberlaufenen Finger. „Der Kerl druckt noch miteinerHand wie ein anderer mit zwei Fäusten. Jetzt aber mach, daß du weiterkommst! Oder hast du an den fünf Monaten daherin nicht genug gehabt? Geh, Wolfrat! Wenn der Schnee fallt, komm ich auch hinaus, und dann schau ich schon einmal, wie’s geht bei dir daheim.“ Er schob den Sudmann in das Schiff, in dem ein Knecht schon das Ruder bereit hielt.

Wolfrat konnte nicht sprechen, er nickte nur und winkte mit der Hand. Ein Ruck des Schiffes warf ihn auf den Sitz nieder. Schon nach wenigen Ruderschlägen war das Ufer im Nebel verschwunden. Wolfrat starrte in die grauen Schleier, die ihn umhüllten, ihn und das dunkle Los, dem er entgegenfuhr. Sein Herz dürstete nach Weib und Kind. Aber wie durfte er sich freuen, da ihm das Schwerste noch bevorstand. Mit dem lieben Herrgott war er vielleicht auf gleich gekommen; aber der Vogt hatte auch noch ein Wort zu reden. Und wenn die Strafe überstanden war, wie sollte er dann schaffen für Weib und Kind, mit seinem lahmen Arm? Im Sudhaus war es vorbei mit der Arbeit; da brauchte man Leute, die ihre ganzen, gesunden Glieder hatten. Mit der Bauernarbeit war es auch nichts; noch weniger mit Holzen und Flößen. Vielleicht aber fand sich etwas für ihn im Bergwerk? Auf einen Häuerdienst durfte er freilich nicht rechnen; aber einen guten Schlepper[34]gäbe er wohl noch ab; so schwer möchte niemand den ‚Hund‘ laden, daß er ihn nicht vom Fleck brächte. Ein Schlepper also!

Er seufzte tief und strich mit der linken Hand über den dürren Arm.

Da blies ihm ein frischer Wind in den Nacken; der See begann sich zu kräuseln, und der Nebel kam in Bewegung. Wie in Streit und Kampf wallten die grauen Massen durcheinander, wirbelten in drängender Eile über das Wasser, rissen entzwei, zeigten für einen Augenblick einen blauen Fleck des Himmels und eine sonnig schimmernde Bergzinne, schlossen sich wieder und flossen wogend durcheinander. Immer dünner wurden die grauen Schleier. Bald waren sie nur noch anzusehen wie bläulicher Duft, durch den der Glanz der Sonne schon herunterquoll auf das Wasser; jetzt teilten sie sich mit einem klaffenden Riß über den ganzen See hin, legten sich an beiden Ufern mit fließenden Falten über den steilen Bergwald und schwammen langsam in die Höhe, spurlos zerrinnend in der leuchtenden Luft.

Welch ein schöner Morgen! Mit trinkenden Augen blickte Wolfrat umher in dieser farbigen Pracht des Herbstes: tiefblau der Himmel, weißglänzend alle Kalksteinfelsen der hohen Wände, die Nadelwälder saftig grün, alles Laub so feurig gelb und rot, als stünde jede Buche und jeder Ahorn in Flammen. Und über dem ganzen See, auf all den kleinen laufenden Wellen blitzte der Widerschein der Sonne mit tausend gaukelnden Lichtern.

Der Nachen fuhr ans Land. Wolfrat stieg aus,reichte dem Knechte wortlos die Hand und ging mit raschen Schritten davon. Er atmete freier; es war etwas in seine bedrückte Seele gefallen wie ein Trost. Wo er auch ging, überall Glanz und Licht. Die braunen Wiesen im Tau, die von Spinnwebnetzen überzogenen Stoppelfelder, die welken Hecken und Bäume, die weiße Straße, die fliegenden Fäden in der Luft — alles schimmerte. Aus Höfen und Hütten, das weite Tal entlang, stieg in geraden Säulen der blaue Rauch. In der Ferne, zwischen schlanken Fichtenwipfeln, funkelten die vergoldeten Kreuze auf Turm und Dach des Stiftes, und dahinter, gleich einem riesenhaften Grenzstein des Klosterlandes, erhob sich der Untersberg, über dessen höchste Felsen schon ein dünner Schnee gefallen war, so zart und duftig, als hätten die roten Marmorstöcke weiß geblüht.

Nicht weit von der Seelände blieb Wolfrat verwundert stehen. Da war ein neues stattliches Haus aus der Erde gewachsen; es stand zwischen Bäumen auf einer Wiese, die von einem frischgeflochtenen Hag umschlossen war. Der Unterstock gemauert, der Oberstock aus gefächertem Sparrenwerk gebildet. Auf dem Giebel des weißen Schindeldaches war, die Vollendung des Hauses kündend, ein mit bunten Bändern geschmücktes Tannenbäumchen errichtet. Dem Haus zur Seite stand ein zweiter Bau: Stall und Scheune.Eine Schar von Arbeitern tummelte sich, um den Bauplatz zu räumen; aus allem Lärm klang immer wieder eine befehlende Stimme, die der Sudmann zu kennen meinte.

„Wohl, das ist er schon!“ murmelte er und folgte mit sinnendem Blick dem Chorherrn, dessen weißer Talar bald hier, bald dort, an allen Ecken und Enden auftauchte und wieder verschwand in treibender Geschäftigkeit.

Auf der Straße stand ein Wagen, der mit dem Abrat des Baues beladen wurde. Einen der Knechte, die Gebälk und Bretter zum Wagen trugen, fragte Wolfrat: „Wem gehört das Haus?“

„Dem Kloster. Um Sonnwend ist kein Stein noch gestanden, und jetzt schau das Haus an!“ Der Knecht maß ihn mit zwinkernden Augen: „Wer bist denn du?“

Wolfrat ging ohne Antwort davon; hinter seinem Rücken hörte er den Knecht noch sagen: „Meiner Seel, das ist heilig der Sudmann, den der Bär in der Arbeit gehabt hat!“

Je näher Wolfrat dem Klosterdorf kam, desto heißer wurde ihm ums Herz. Von weitem schon suchte er den Giebel seines Lehens; er fand ihn nicht. Ein quälendes Bangen beschlich ihn, als er neben dem Dach des Eggehofes, dort, wo sonst der moosbehangeneGiebel seines Hauses hervorgelugt hatte, einen First von frischen Brettern leuchten sah. Immer größer wurden seine Augen, je näher er kam. War denn das noch sein Lehen? Die Lehmwände weiß getüncht, das Dach geschindelt, kein schiefer Laden mehr, überall neue Bohlen und Bretter, das ganze Haus um ein Doppeltes gewachsen: denn aus dem niederen Schuppen war ein Stall und eine Scheune geworden. Und das Rote im Garten? Was war denn das? Herr Gott, das waren zwei grasende Kühe!

Wolfrat wurde bleich und zitterte. Jetzt wußte er, wie es stand. Sein Lehen war an einen anderen gefallen, der sich das Nest schön warm und sauber gerichtet hatte.

Taumelnden Ganges folgte er der Straße. Da sah er das Totenbrett seines Kindes.

„Schau, das hat er doch stehen lassen?“

Aber schief stand es, als wär es von einem Wagenrad gestreift worden. Wolfrat richtete es gerade und stampfte den Rasen fest, in dem es stak.

„Mariele!“

Er starrte die Zeichen des Namens an, von denen der Regen fast die ganze Farbe gewaschen hatte.

Dann ging er mit hängendem Kopfe weiter. Ermachte einen Umweg, um nicht am Sudhaus vorüber zu müssen.

Nun stand er am Fuß des Nonnberges, vor der Gartenmauer des kleinen Klosters, und zog den Glockenstrang. Eine dienende Schwester öffnete.

„Was willst du?“

„Ist die Seph noch da? Die Polzer-Seph? Ich möcht reden mit ihr.“

Die Schwester nickte und schloß die Tür. Er hörte die Nonne auf dem knirschenden Kies davongehen. Nach einer Weile näherten sich langsame Schritte, und Seph erschien auf der Schwelle. Sie erblaßte vor Schreck und Freude. Wortlos reichten sie sich die zitternden Hände und sahen sich an.

Endlich atmete Sepha tief auf. „Grüß dich Gott, Polzer!“

„Grüß dich Gott auch, Seph!“

„Weil du nur wieder da bist! Mein Gott, ist das eine schieche Zeit gewesen!“

„Gelt ja?“

Er zog sie sanft von der Türe weg. Der Mauer zu Füßen setzten sie sich auf den welken Rasen und ließen die Füße in den Straßengraben hängen.

Sie sah ihn kummervoll an. „Hast du auch völlig den Gesund wieder?“

„Wohl! Bis auf den da halt!“ Er streifte miteinem Blick seinen lahmen Arm. „Der wird nimmer anders. Den muß ich haben.“

Ein Schauer rüttelte ihre Schultern, als sie mit den Fingern über den schlotternden Ärmel streifte und den leeren Knochen fühlte. Eine stille Weile verrann.

„Aber du?“ sagte er. „Wie geht’s denn dir? Ich mein’, du tust noch ein lützel blasselen?“

„Da mußt du keine Sorg haben. Ich bin lang wieder richtig beinander und kann wieder schaffen wie eh. Aber jetzt halt, weißt, ich schau nur so aus, weil — weil halt —“ Sie wurde rot. „Merkst du es nit?“

Er warf einen Blick über ihre Gestalt. „Seph! Seph! O du lieber Herrgott!“ stammelte er und drückte sie an seine Brust. So saßen sie schweigend und blickten ziellos in den schimmernden Morgen.

„Jetzt kommt’s mir erst doppelt schwer an!“ murmelte er.

„Das wird wohl ein Schmerzenkindl werden, das arme Würml!“

„Und der Bub? Was macht der Bub?“

Da huschte ein Lächeln über ihre Züge. „Den wirst du schier nimmer kennen! Wie der ausschaut! Wie’s helle Leben! Und gut hat er’s. Die besten Bröcklen schieben ihm die Schwestern zu. Überhaupt, Polzer, wie man da gut ist mit uns, das kann ichdir gar nit sagen.“ Die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Sie fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht. „Wart, ich hol dir den Buben, daß du doch auch eine Freud hast!“ Sie erhob sich und wollte zur Tür.

Er schüttelte den Kopf und hielt sie zurück. „Laß ihn, Seph, bis ich wiederkomm!“

„Wo gehst du hin?“ Da sah sie den verstörten Ausdruck seiner Züge und stotterte: „Was hast du denn?“

„Zum Vogt muß ich. Und muß mich angeben.“

„Polzer!“ schrie sie und sah sich erschrocken nach allen Seiten um. Die Sprache versagte ihr; nur mühsam brachte sie noch die Frage heraus: „Esmußwohl sein?“

Wolfrat nickte. „Komm, Seph, machen wir’s kurz! Behüt dich Gott derweil!“

Sie umklammerte seine Hand; es kam kein Laut mehr über ihre Lippen.

Er machte sich los und ging davon. Als er nach einer Weile zurückschaute, stand Sepha noch unter der Tür. Langsam schritt er weiter. Bei der Wendung der Straße blieb er wieder stehen. Sepha stand noch immer auf dem gleichen Fleck.

„Geh, Sepha,“ rief er, „geh doch hinein!“

Da wandte sie sich und verschwand in der Tür.

Aufatmend schritt er dem Markt entgegen. Einige Leute sprachen ihn an; er nickte nur einen Gruß und ging vorüber. Bald erreichte er das Stift. Die Wartestube des Vogtes war überfüllt. Eben schob Herr Schluttemann zur Tür ein altes Bäuerlein hinaus, das unter stotterndem Dank einen Bückling um den andern machte.

„Ja, Mannderl, ja, ist schon gut!“ sagte der Vogt. „Und wenn du wieder was brauchst, nachher komm nur gleich, gelt?“ Da gewahrte er den Sudmann: „Grundgütiger Herrgott! Seh ich denn recht? Wolfrat! Du? So komm doch!“ Er packte ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her in die Stube.

Wolfrat riß Mund und Augen auf und starrte Herrn Schluttemann an wie ein heiliges Wunder. Eh er noch wußte, wie ihm geschah, saß er schon in einem Lehnstuhl, und vor ihm hockte Herr Schluttemann mit schlenkernden Beinen auf dem Tisch. Lachend und immer die Hände reibend haspelte der Vogt ein Dutzend Fragen herunter, ohne die Antwort auf eine einzige abzuwarten. Erschrocken hielt er inne, als Wolfrat sich plötzlich aufrichtete mit aschfahlem Gesicht.

„Was hast du, Wolfrat, was hast du denn?“

„Reden muß ich was! Fürs erste aber will ich noch ein Vergeltsgott sagen für alles, was man anmeinem Weib und Kind getan hat. Und nachher will ich sagen —“

„Was denn? Was denn? Was denn?“

„Von wegen dem Jäger. Derselbig, der ihn gestochen hat — ich bin’s gewesen!“

Herr Schluttemann verlor die Fassung. „Du Mensch du,“ stammelte er, „aber das ist ja doch gar nicht möglich!“

„Wohl, ich bin’s gewesen.“

Der Vogt starrte den Sudmann an, griff sich an den Kopf und rannte davon, hinein in die Stube des Propstes.

Herr Heinrich erhob sich von seinem Schreibpult; die Tür blieb offen stehen, und Wolfrat konnte jedes Wort vernehmen.

„Reverendissime!Denket! Jetzt kommt dieser Wolfrat und gibt sich an und sagt, daß er es doch gewesen ist, der den Haymo gestochen hat.“

„Der Wolfrat?“ Herr Heinrich schüttelte den Kopf.

„Ja, der Wolfrat! Ich hab auch den Kopf geschüttelt. Aber der Mann ist da und sagt, er hat’s getan.“

„Der Haymo hat aber für ihn gezeugt. Und ein Jäger hat gute Augen.“

„Vielleicht hat er Erbarmen gehabt?“

„Der Haymo lügt nicht. Ja, Vogt, Ihr habt dem Wolfrat damals unrecht getan.“

„Aber meiner Seel,“ stotterte Herr Schluttemann, „er steht doch draußen und sagt, er hat’s getan!“

„Das ist mir unbegreiflich. Aber wißt Ihr, was ich meine? Der Mann trägt es Euch nach, daß Ihr ihm unrecht getan habt. Jetzt will er Euch den Streich heimzahlen und kommt und spielt Euch einen Possen und bindet Euch einen Bären auf, zur Heimzahlung für den, der über ihn gekommen ist.“

„Da soll ihn doch gleich —“ Herr Schluttemann zog mit der Faust aus, um der Tischplatte eins zu versetzen; aber er besann sich noch rechtzeitig.

„Ich muß gestehen, das ist ein keckes Stück!“ lächelte Herr Heinrich. „Der Mann geht zu weit. Das greift hart an Eure Würde, Vogt! Das dürft Ihr Euch nicht gefallen lassen.“

„Und ich laß es mir auch nicht gefallen! Da soll ja doch —“ Herr Schluttemann stürmte mit purpurrotem Gesicht hinaus in die Amtsstube. Er war seit Monden zum erstenmal wieder in hellem Zorn.

Wolfrat stand mit weit aufgerissenen Augen, zitternd am ganzen Leib, bei jedem Atemzug die Farbe wechselnd.

Herr Schluttemann hielt ihm die Fäuste unterdie Nase und schrie: „Gelt? Jetzt steigt dir das Grausen auf! Wart, du Gauner, du schwollkopfiger, dir will ich die Späßlen noch austreiben! Du sag mir noch einmal, daß du’s gewesen bist! Gelt? Jetzt verschlagt’s dir die Red! Wart nur! Wart! Den Vogt uzen! Wart nur!“ Herr Schluttemann stürzte auf die Wand zu und riß am Glockenstrang; ein Fronbot trat in die Stube. „Pack den Kerl! Marsch in den Block mit ihm! Und nur fest hinein!“

Der Fronbot faßte den Sudmann, der wie ein Trunkener zur Türe schwankte.

Herr Schluttemann tat einen Pfiff, und als der Fronbot zurückkam, tuschelte er ihm zu: „Aber gib ein lützel Obacht auf seinen lahmen Arm!“

Der Fronbot nickte und packte den Sudmann wieder beim Kragen. Eine Weile später saß Wolfrat im Hof des Klosters auf der Erde, mit Arm und Füßen an den Block gefesselt. Warm schien die Sonne auf ihn nieder. Ein Finkenweibchen kam herbeigeflattert, guckte ihn neugierig an und flog wieder auf das Dach. Aus dem offenen Fenster einer hochliegenden Zelle klang das sanfte Spiel einer kleinen Orgel.

Stunde um Stunde verging. Wolfrat rührte sich nicht; wohl brannten die Knöchel, und sein Rücken schmerzte; aber er saß wie ein Träumender, und seine Augen glänzten.

Als die Glocke zu Mittag läutete, kam Frater Severin mit einer Holzbitsche und hielt sie an Wolfrats Lippen. „Da trink!“

In langen Zügen schlürfte der Sudmann den Wein, bis ihm der Frater die Bitsche wegnahm mit den Worten: „Halt aus ein lützel, mußt nit alles auf einmal schlucken! Sonst kriegst du am End noch einen Rausch!“ Er stellte die Bitsche auf die Erde, stemmte die Fäuste in die Hüften und schnaufte. Wahrlich, Frater Severin hatte in diesen Monaten sein möglichstes getan, um das ‚vollgedrückte Maß‘, das ihm Gott der Herr gegeben, in unversehrter Fülle zu erhalten. Die paar Pfunde, die er auf den Bergfahrten verloren, hatte er reichlich wieder zugesetzt.

„Viel Schweiß hat’s freilich gekostet, ui jei!“ sagte er. „Aber schön ist’s da droben doch allweil gewesen! Jetzt hat’s ein End mit dem Bergsteigen. Weißt du, jetzt muß ich Tag um Tag in der Küch stehen. Von der Hitz geht der Mensch auseinander wie der Teig in der Pfann.“ Er verschränkte die Hände über seinem wölbigen Bäuchl. „Ein Kreuz! Ein rechtes Kreuz! Lieber wär ich in meinem Garten geblieben. Aber weißt du, ich hab die Herdregentschaft erben müssen, seit Frater Friedrich, der Küchenmeister, am Lachen gestorben ist.“

Wolfrat hob verwundert die Augen. „An was?“

„Am Lachen!“ sagte Frater Severin ernst.

„Sonst macht das Lachen die müden Leut lebendig. Kann eins denn sterben am Lachen?“

„Leichter als an der Sorg. Mit dem Bruder Friedrich ist’s gegangen, so schnell, ich weiß nit wie.“ Eine wehmütige Trauer war noch in Frater Severins Augen, als er das Gesicht hinüberdrehte zu den offenen Küchenfenstern, aus denen zarte, wohlduftende Dämpfe sich herauskräuselten. Je länger Severin diese grauen Flatterfähnchen seines ererbten Reiches betrachtete, um so fröhlicher wurden seine Augen; nun fing er leise zu lachen an, und auf dem strebsamen Hügel seiner Nabelstätte machten die verschlungenen Hände hurtighüpfende Bewegungen. Dabei sagte er: „Eigentlich ist’s ein schandbar Ding, daß man beim Gedenken an eines guten Menschen gottseliges Sterbstündl so lustig wird. Aber das ist gewesen wie ein Fastnachtsspiel, so übermütig, daß es der Keckste von allen Klosterpoeten nit spassiger hätt ersinnen können.“

Er wischte die Lachtränen aus den kleinen Augen. Und während der Sudmann aller drückenden Pein des Blockes zu vergessen schien, fing Frater Severin zu erzählen an.

Daß der tonnenrunde Küchenmeister Friedrich vor Lachen sterben mußte, das geschah in der Woche nach Sankt Jakobi. Schon seit Beginn des heißenSommers hatte es den schwerbefrachteten, an Luftnot und Aderverhärtung leidenden Bruder — wie Frater Severin sich ausdrückte — ‚arg beim Zwickel‘. Jeder Schnaufer wurde ihm zu einer so harten Mühsal, wie wenn man ein gewichtiges Essigfaß heraufziehen muß über die steile Kellertreppe und es quieksen beim Rutschen die Dauben und Reifen. Seit einigen Tagen wollte ihm auch der Marksaft der Schneerosenwurzel nimmer richtig helfen, den gedrosselten Atem nicht mehr erleichtern. Dennoch harrte er, wie eine arme Seele auf den Himmel wartet, an jedem Morgen auf die Mittagsstunde, in der ihm nach sparsamer Krankenkost die ‚zwei Tropfen‘ gereicht wurden. Wollte die Erleichterung dann nicht kommen, so bettelte er hundertmal wie ein krankes Bübl: „Noch! Noch!“ Hätte man es ihm nicht gewehrt, er hätte den Nießwurzgeist geschluckt wie Rechberger Auslese — Frater Severin sagte: ‚wie des liebreichen Himmels allerhöchste Gnad‘. Immer mußte jemand bei dem Kranken sitzen und ihm den Weg zum Fenster versperren, wo die kleine Phiole mit dem wasserklaren Schneerosenblut in der Sonne stand, um die belebende Kraft des Heilsaftes in der firmamentischen Wärme zu steigern.

„Und da bin ich am Freitag nach Sankt Jakobi neben seinem Lehnstuhl in der Küchenzell gesessen.In seiner schmerzhaften Sehnsucht hat er mit den eingesunkenen Durstaugen allweil hinübergeschaut zum Fenster, hat allweil die Hand gestreckt, die so rund gewesen ist wie ein Butterkrapfen. Und endlich hat das Stündl geschlagen, wo ich das Fläschl hab holen dürfen. Sein Gesicht, ui jei, das ist gewesen wie eine mondgewordene Menschenfreud. Und derweil ich fürsichtig die zwei Tröpflen hineinfallen laß in seinen gewässerten Metbecher, geht draußen in der Küch ein Bubengelächter los, daß man meinen hätt können, der Teufel hätt seinen Schwanz verloren. Ich stell das Fläschl auf den Tisch und spring zur Tür hinüber, will gucken, was da draußen geschehen ist — und da seh ich die Küchenbrüder und Laufbuben herumstehen um die Anrichttafel. Und jeder von ihnen muß sich vor Lachen zusammenbiegen, muß die gespreizten Händ heben oder ein Hockerl machen. Und der Walti schreit wie ein lustiger Narr: ‚Mirakel, Mirakel, der Frater Küchenmeister hat —‘ Er kann vor Lachen nit weiterreden. ‚Was hat er?‘ frag ich. Und der Walti kudert: ‚Ein Kindl hat er gekriegt! Das schaut ihm gleich wie ein grünes Johannisbeerl dem Kürbis!‘ Ich will dem Buben wegen seiner ehrfurchtswidrigen Red eine Gesunde hinter die Ohren hauen. Aber kaum ich hinguck auf die Anrichttafel, da muß ich selber lachen — ui jei, schau her, ich kann schier nimmer reden,so tut mir das Lachen weh!“

Frater Severins runde Mitte wackelte so hurtig, als wäre die Erinnerung für ihn zu einer Wirklichkeit geworden, die er abermals erlebte. Auch Wolfrat in seinen Schmerzen mußte schmunzeln und sagte: „Ich hätt mir im Leben nit denken mögen, was für ein kurzweilig Ding das sein kann, im Block sitzen.“ Und weil der Frater in seinem fröhlichen Erinnern noch immer schweigsam blieb, fragte der Sudmann: „Sag? Warum ist’s in der Klosterküch am selbigen Freitag nach Jakobi so lustig zugegangen?“

Einer von den Küchenjungen hatte einen Bubenscherz getrieben, um den sich so viel Heiterkeit entspann, daß die Lachenden nicht merkten, wie grausam er war.

Halb aufrecht, mit den unbehilflichen Zappelhändchen in der Luft, saß inmitten der großen Anrichttafel ein winziges, drollig entstelltes, weißgrünes Geschöpf, wie ein kugelförmiger Märchenzwerg — ein Laubfrosch, den der Küchenjunge mit einem Strohhalm aufgeblasen hatte. Weil das Tier bei der prallen Rundung seines silberweißen Ränzleins nimmer auf alle Viere kam, mußte es aufgerichtet sitzen gleich einem gläsernen Männlein Steh-auf. Bei der geringsten Bewegung geriet es ins Kollern und überrollte sich ein paarmal, bis es sich mit den Hinterpfoten wieder an derTischplatte festsaugen und zu dieser Predigerstellung aufrichten konnte, die von unwiderstehlicher Komik war.

„Ist kein neuer Spaß gewesen, Gott bewahr,“ sagte Frater Severin, „die Unsinnigkeit der jungen Menschenleut ist ein ewiges Ding, und jeder Lausbub lernt es vom andern. Man hätt sich ärgern sollen in Barmherzigkeit. Aber das kürbisfeiste Fröschl hat ausgeschaut — meiner Seel, es hat grad so ausgeschaut als wie —“ Er mußte wieder verstummen, weil ihn die lustige Erinnerung aufs neue überwältigte.

Wie der kleine, um das Vielfache seines Umfanges ausgedehnte Frosch so inmitten der großen Tafel saß, glich er in seiner vorderen, milchweißen Hälfte einem drastisch geformten Augustinerpüppchen. Und mit der straffgedunsenen Trommel, mit den hilflos tappenden Händchen, die immer zu verlangen schienen: „Noch!“, und mit den weißen Schlotterbacken unter dem klagend verzogenen Mundschnitt hatte das Fröschl mit dem leidenden Frater Küchenmeister in seiner weißen rundgepolsterten Kutte eine so flink erkennbare Ähnlichkeit, daß jeder vom Gesind der Klosterküche bei diesem Anblick brüllen mußte, ob er wollte oder nicht.

„Und derweil wir alle so kudern, hören wir gählings hinter uns ein Lachen, als tät einer mächtig herumklopfen auf einem hohlen Faß. Wir gucken wie die Narren. Und was sagst du — der Frater Küchenmeister,der seit Wochen schier nimmer aus seinem Lehnstuhl gekommen ist, steht fest und munter vor uns da! Kann schnaufen wie ein Gesunder! Und lacht und lacht, ui jei, ich sag dir, in seinen Äugerln ist’s gewesen wie neuvergoldeter Lebensglanz. Und er muß auch gleich gemerkt haben, was uns alle so lustig macht. ‚Hoi,‘ sagt er, streicht wie ein Schwimmer die runden Händ auseinander, schupft zur Linken und Rechten einen Laufbuben davon — ‚hoi,‘ sagt er, ‚so lasset mich doch ein lützel hingucken zu meinem Ebenbild!‘ Und da muß er lachen, daß er nimmer hat reden können! Und buckelt sich mit Brust und Armen über die Tafel hin. Und lacht und lacht, als hätt er so was Viehnärrisches im Leben noch nie gesehen. Und wie wir alle vom Brüllen schon müd geworden sind, und es ist ein lützel stiller um die Tafel gewesen, da hören wir ein feines, langgezogenes Tönlein — piiiiiiiii — als tät ein Spielmann lindhändig über die Fiedel streichen. Erst haben wir gemeint, der Frater Küchenmeister hätt so geschnauft. Aber Gott bewahr! Das ist die Luft gewesen, die dem Fröschl wieder entronnen ist. Und wie ihm so langsam das Bäuchl schwindet, und wie wir das Fröschl so als Singvogelin contrariohaben schrumpfen sehen zu der neidhaften Magerkeit, die der liebe Gott bei Erschaffung der Welt den Laubfröschen gegeben hat — ui jei, das kannstdu mir glauben, Sudmann, das ist von allem das Allerlustigste gewesen.“

Frater Severin mußte Atem holen.

„Wir brüllen noch alle, derweil das Fröschl munter und vergnügt schon auf der Anrichttafel herumhupft und einen Ausweg sucht. Da merk ich gählings, daß der Frater Küchenmeister nimmer lacht. ‚Bruder, was ist dir?‘ frag ich. Und wie ich ihn anrühr beim Ellbogen, rutscht er langsam von der Tafel auf den Boden hin. Und ist ein maustoter Mann gewesen! — Freilich, der Tod schaut allweil aus wie ein trauriges Ding. Aber am Lachen sterben? Ist das nit besser, als sterben an der Pest?“

Wolfrat nickte. „Ich wollt, ich tät das Lachen schon wieder können!“

Eine Weile schwieg der Frater. Dann sagte er ein bißchen verdrießlich: „Mir hat man selbigsmal den Fürwurf gemacht, ich hätt nit obacht gegeben auf das Fläschl mit dem Nießwurzgeist. Zehn Tropfen, heißt es, machen tot. Aber ich laß mir ein Ding, das mich reuen müßt, nit einreden. Das Fläschl wird umgefallen sein, und das Schneerosenblut ist ausgeronnen und verdunstet.“ Er lächelte schon wieder. „Und denk, das Fröschl hat keiner mehr gesehen. Möcht wissen, was geschehen ist mit ihm. Und ob’s noch lebt?“

Der Sudmann murrte: „Möcht lieber wissen, werden Kuchlbuben bei den Ohren genommen hat?“

„Freilich, ja!“ Frater Severin nickte nachdenklich vor sich hin. „Aber —“ Sein fettes Rundgesicht bekam den Ausdruck tiefster Philosophie: „Wer blast dennunsso auf?“ Langsam strich er mit den Händen über sein ‚vollgedrücktes Maß‘. Und weil ihm Wolfrat keine Antwort gab, hob er die Bitsche von der Erde und hielt sie dem Sudmann an den Mund: „Komm! Schluck wieder ein lützel!“

Wolfrat trank.

„Der liebe Herrgott soll’s gedeihen lassen!“ seufzte Frater Severin, sog den Rest aus der Kanne und ging davon. „Auf den Abend komm ich wieder.“

Er hatte da ein Versprechen gegeben, das er nicht halten konnte. Denn als die Sonne von den Dächern geschwunden war, als es zwischen den hohen Mauern schon zu dämmern begann und Wolfrat einmal aufblickte, stand Herr Heinrich vor ihm.

„Nun? Wird’s dir schon bald zu lang?“

Wolfrat schüttelte den Kopf. „Ach, lieber, guter Herr! Ich sitz mit Freuden, bis ich umfall. Das ist doch keine Straf.“

„So? Meinst du?“ Herr Heinrich setzte sich auf den Block. „Dann muß ich raiten mit dir. Hast du nicht Sünde mit Reue, Blut mit Blut bezahlt? Hast du für das Leben, das du dem Jäger nehmenwolltest, nicht dein eigenes Leben schier hingeben müssen? Hat dich nicht einer, der klüger ist als alle Richter der Welt, ein halb Jahr lang in den Block gelegt? Trägst du nicht ein Merkzeichen davon für deine Lebzeit? Und den Steinbock hast du teuer genug erkauft: mit dem letzten Blick deines Kindes. Hätt ich dich härter strafen können?“

Wolfrat ließ den Kopf sinken.

„Schau, noch keiner hat, wo er Böses gesät, eine volle Ähre geschnitten. Einen wachsenden Kern hat nur das Gute. Man muß nur nicht allweil gleich die eigene Scheuer damit füllen wollen, muß auch säen können, wo andere ernten.“

„Wohl, Herr, das muß heilig wahr sein. Was wär denn jetzt mit mir, wenn’s nit gute Leut auf der Welt gäb!“

„Ja, Wolfrat, das sag dir nur allweil, dann wirst du auch nimmer vergessen, daß man zusammenhalten muß und gut sein mit den anderen, hart nur gegen sich selber. Ich mein’, du hast es doch gespürt, wie schwer und finster das Leben ist, und wie es über einem oft liegen kann, als wär es ein ganzer Berg. Wenn du so einem begegnest, dann mußt du halt auch flink zuspringen. Wirf nicht einen Stein noch drauf, sondern hilf ihm tragen! Wirst sehen, dann kommt ihr beide zu einem sonnigen Fleck, wo manrasten und ausschnaufen kann für den weiteren Weg!“

„Wohl, Herr!“ Wolfrat blickte mit feuchten Augen zu Herrn Heinrich auf. „Aber wie soll ich noch etwas helfen können in der Welt? Ungrade Finger greifen schlecht.“

„Nützen und zum Guten helfen kann einer auch mit halben Armen. Wenn nur ein ganzes Herz dabei ist! Und schaffen wirst du wohl auch noch können für Weib und Kind. Man muß halt ein richtiges Geschäftl suchen für dich.“

„Vergeltsgott, Herr, Vergeltsgott!“ stammelte Wolfrat. „Schauet, da hab ich halt so für mich gemeint: einen Schlepper im Salzberg tät ich allweil noch abgeben.“

„So? Hast du denn schon einmal im Berg gefördert?“

Der Sudmann schüttelte den Kopf.

„Da wird’s schwer halten! Alles will gelernt sein. Ich mein’, du wirst im Sudhaus bleiben müssen. Mit dem Feuern und Sieden hat’s wohl ein End. Aber Ausschau halten und in die Pfannen lugen und Kerbschneiden[35]wirst du allweil noch können. Da verdienst du auch ein lützel mehr dabei. Der alte Rottmann[36]will sich zur Ruh setzen. Was der gehabt hat, wirst du ja wissen. Und jetzt komm, steh auf!“

Herr Heinrich erhob sich und öffnete den Block. Wolfrat aber blieb sitzen und rührte sich nicht; er starrte immer den Propst an und würgte nach Worten. Herr Heinrich mußte ihn am Arm fassen und aufrichten.

„Geh, Wolfrat! Deine Seph wartet daheim, sie wird sich ängstigen, wenn du so lange bleibst. Streck dich! Und geh heim!“

Wolfrat stand mit gebeugtem Rücken; das Sitzen im Block hatte ihn ganz steif gemacht; aber das schien er nicht zu fühlen.

„Heim? Heim?“ stotterte er mit halb erstickten Lauten. „Wo bin ich denn daheim? Jetzt saget nur gleich: im Himmel — und ich glaub’s!“

„Später einmal!“ lächelte Herr Heinrich. „Für jetzt noch in deinem Lehen. Wo denn sonst? Nun aber geh und behüt dich Gott!“ Er führte den Wankenden zum Tor und schob ihn auf die Straße.

Ein paar Schritte taumelte Wolfrat vorwärts. Als er hinter sich das Tor ins Schloß fallen hörte, stammelte er erschrocken: „Jesus Maria! Ich hab vergessen —“ Er sprang zurück und schlug mit derFaust an die Bohlen. „Herr, Herr! Lasset mich doch hinein! Lasset mich doch ein Vergeltsgott sagen.“

„Dank einem anderen!“ klang die Stimme des Propstes, während seine Schritte sich entfernten.

Wie ein Berauschter schwankte Wolfrat auf die Straße und starrte in der Dämmerung umher, als wär’ es eine neue Welt, die ihn umgab. Da sah er die Mauer des Friedhofs und hinter ihr die steinernen Kreuze. Er trat hinzu und fand auch hier ein geschlossenes Tor. Am eisernen Gitter streckte er den Arm durch die Stäbe, als könnte er hineingreifen bis zum Grab seines Kindes.

Auf dem Turm begann die Glocke zu läuten. Sanft hallend schwebten ihre Klänge über das weite Tal, zu Ruh und Frieden mahnend. Wolfrat bekreuzte sich und murmelte den Mariengruß. Dann rannte er davon.

Keuchend erreichte er sein Lehen. In der Stube brannte schon das Licht. Unter der Türe trat ihm sein Weib entgegen.

„Seph! Seph!“

Mehr brachte er nicht heraus. Er wankte, und sie mußte ihn stützen. Als er in die Stube trat, streckte er die Hand, wie um mit einem einzigen Griff alles zu fassen, was ihn umgab. Sepha ließ ihn auf die Bank sinken, und da saßen sie nun und hielten sichwortlos umschlungen, bis von draußen ein aufgeregtes Stimmchen tönte:

„Mutter! Mutter! Alle zwei sind hinein in den Stall, ganz alleinig!“

Wie eine Hummel kam Lippele in die Stube gesurrt und stand erschrocken still.

„Bürscherl?“ fragte Wolfrat mit schwankender Stimme. „Kennst du mich nimmer?“

„Jöi, der Vater, der Vater!“ schrie der Bub in Freude, kletterte auf Wolfrats Knie und drückte und küßte, daß ihnen beiden fast der Atem verging.

„Aber Seph! Wo ist denn die Dirn?“

„Ich weiß nit, was da sein muß! Jetzt hat man sie wieder im Klösterl gehalten. Und die ganze Zeit her —“

Sepha konnte nicht weiter sprechen. Denn Lippele drückte ihr die Hand auf den Mund und gebot: „Sei still, Mutter, ich muß dem Vater was zeigen!“ Und von Wolfrats Knien auf die Erde niederrutschend, schrie das Bübl mit brennendem Gesicht: „Schau, Vater, schau, was ich schon kann!“

Im Hui hatte der kleine Kerl das Jöppl heruntergerissen; er warf es auf den Boden, duckte sich, und schwupp, stand er kerzengerade auf dem Kopf. Freilich plumpste er gleich wieder auf die Seite; aber das tat dem Stolz keinen Eintrag, mit dem er sich erhob.

„Und das hast du im Klösterl gelernt?“ staunte Wolfrat.

„Wohl! Aber nit von den Klosterfrauen.“

Seph und Wolfrat sahen sich an und mußten lachen.

Wie lange war es her, seit diese Stube das letzte Lachen vernommen hatte!

Und dieses neugefundene Lachen war gesünder als jenes, an dem der Frater Küchenmeister hatte sterben müssen.

[34]Ein Bergknappe, der die geförderten Erze auf einem kleinen Wagen (Hund) hinwegschafft.

[35]Jede Schicht eines Arbeiters wurde in zwei aneinander gelegten Stäben durch eine Kerbe verzeichnet; den einen Stab behielt der Aufseher, den anderen der Arbeiter.

[36]Aufseher.


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