Der Herr der Haubitzen

Der Herr der Haubitzen

Im September

Draußenin den Gräben von La Bassée und Violaines hörte ich plötzlich seinen Namen wieder. Von einer berühmten Batterie war die Rede. Als die Engländer einen Überfall ohne Artillerievorbereitung ausführen wollten, legte die Batterie innerhalb von dreißig Sekunden ein Höllenfeuer vor unsere Drähte, der Überfall brach kläglich zusammen. Dreißig Sekunden nach dem telephonischen Anruf krachte der erste Schuß! Ich verstehe nichts von Artillerie, aber ich begreife, daß es etwas ganz Unerhörtes ist. Laden, richten, Schuß! Und daraufWirbelfeuer. Überhaupt diese Batterie! Man brauchte nur anzuklingeln und hatte die Granaten gerade da, wo man sie haben wollte, Tag und Nacht, es war ganz einerlei. Die Offiziere priesen die Batterie, ein Kanonengenie, Hauptmann H. heißt er.

Ich kenne ihn. Plötzlich erinnerte ich mich auch, daß er, der mich durch sein ganzes Wesen bestach, so daß ich ihn nicht mehr vergessen werde, daß er mir sagte, er stehe gegenwärtig bei Violaines. Seht an, er war es also!

Ich fuhr mit ihm im Zuge, und er erzählte. Er fuhr in Urlaub, seit Kriegsbeginn zum erstenmal. Er hatte Glück, es gab viel Arbeit, und eigentlich war es gerade jetzt unmöglich abzukommen, aber er hatte, wie gesagt, Glück. Er hatte keine Batterie mehr, und aus diesem Grunde konnte er nach Hause fahren. Auf ein paar Tage.

Keine Batterie mehr?

Ja, sie hatten ihm ein paar Geschütze kaputt geschossen in den letzten Tagen, schweres Kaliber, englische Schiffsgeschütze, und das übrige Zeug, das er hatte, war total ausgeschossen. Das Dreifache, Vierfache hatte er gefeuert, was man normalerweise einem Rohr zumuten dürfe, in Friedenszeiten, aber schließlich sei es eben doch mit den Rohren zu Ende gegangen. Nun also müsse er neue Geschütze haben, denn es ginge einfach nicht mehr, und diesem Umstand verdanke er seinen Urlaub.

Er trauerte seinen Geschützen nicht nach! Er war in bester Laune.

Mein lieber Hauptmann, denke ich mir, Sie haben Ihre Batterie verloren und sind nicht im geringstenniedergeschlagen? Am Ende verstehen Sie Ihre Sache doch nicht recht?

Aber es war ihm ganz einerlei, was ich dachte. Er war seiner Sache sicher und guter Dinge.

Übrigens sah ich außen an der Front nie einen Offizier, der so viele Auszeichnungen trug. Alle Knopflöcher hatte er voll und das Eiserne Erster auf der Brust. Das machte mich immerhin stutzig. Denn er war sehr jung, kaum fünfunddreißig. Er sah gut aus und war von jener seltenen Männlichkeit, die es sich leisten kann, anmutig und liebenswürdig zu sein, ohne feminin zu wirken. Er glich Theodor Körner, er war schön. Einmal nahm er die Mütze ab, und da sah ich, daß er hellblondes Haar hatte, das sich in Locken legte wie bei Knaben. Seine Augen waren hellblau und heiter.

Und doch war er (wie ich später erfuhr!) der berühmte Batteriechef H. – Trommelfeuer in dreißig Sekunden, auf telephonischen Anruf, usw.

Er sprach sehr laut, er schrie, wie Leute, die immer in freier Luft leben und ein lärmendes Handwerk betreiben.

Er erzählte hundert Dinge im Gespräch durcheinander, aber was ihn als Batteriechef beleuchtet, das will ich hier wiedergeben.

Er war an vielen Stellen der Front während des Krieges. Wo es besonders heiß herging, da war er dabei. Zeitweise war er eine reisende Batterie, die Gastspiele gab. In den schweren Tagen von Ypern wurde er hinauf in die Gegend von Langemark geworfen. Es ging toll zu, und er mußte augenblicklich eingreifen. Er fuhr auf und feuerte los! Ja, seine Kanoniere, was sind dasfür Burschen! Ehe man sich umdreht, versinken die Geschütze in der Erde, eins, zwei und weg sind sie! Sie werden eingebaut, daß sie sich nach dem Schuß kaum regen, und das neue Einstellen geht blitzschnell. Das alles machen sie, ohne daß er ein Wort zu sagen hätte, sie verstehen es viel besser, als er es je verstehen könnte, es ist gar nicht zu sagen, was sie im Laufe des Krieges gelernt haben. Es sind Kerle! Richten also ist kaum mehr nötig nach dem Schuß. Ja, Donnerwetter, was für Richtkanoniere er aber auch hat. Und dann geht es los, wie gesagt. Granate eingeschoben, Verschlußstück zugeschraubt, ausgerichtet und Schuß! Sie haben die Sache nun heraus. Die Granaten wandern blitzschnell über Arme und Hände, es ist richtiges Schnellfeuer, und niemand hielt es früher für möglich, so rasch zu feuern, dreimal rascher als zu Anfang des Krieges; einfach unglaublich. Rasch, immer rasch! Sie kümmern sich Tod und Teufel um die Granaten, die herüberkommen, sie feuern.

Ja, bei Langemark, alle Achtung, da wurden sie schon nach einer halben Stunde zugedeckt. Es wimmelte von Fliegern in der Luft. Abrücken! Im Feuer! Ein Geschütz geht zum Teufel, ein paar Leute bekommen etwas ab und zwei Pferde bleiben liegen. Weiter!

An anderer Stelle haben sie mehr Glück. Sie feuern, bis sie umfallen. Befehl, abends: da- und dorthin. Verladen in der Nacht, am nächsten Morgen sind sie schon wieder in Stellung. Hier steht Rad an Rad, die guten Plätze sind besetzt, Flieger oben, schon sind sie entdeckt. Abrücken. Strahlenförmig spritzen die Geschützemitten im Feuer übers Feld. Doch nichts geschieht. Haha, ja es war wirklich eine tolle Geschichte.

Nun haben sie es aber gut getroffen. Sie liegen ein paar Wochen unentdeckt. Hundert Meter von der Batterie steht ein zerschossenes Gehöft, und so oft ein Flieger erscheint, machen sie Rauch in dem Gehöft, und die Engländer feuern wütend in die Ruine. Am Abend und in der Nacht lassen sie einen Feuerstrahl aus dem Gehöft fahren, bei jedem Schuß, den sie abgeben, und der Engländer schießt das Gemäuer in Grund und Boden. Und die Kanoniere lachen, es macht ihnen heidenmäßigen Spaß. Wochenlang denselben Scherz, sie lachen bei jeder Granate, die in das Gehöft fährt, denn sie haben Sinn für Komik. Überhaupt, was für Leute!

Der Hauptmann rückt begeistert die Mütze über das blonde Haar.

Dann kamen sie zur Lorettoschlacht in eine ganz windige Ecke. Später nach La Bassée hinauf. Im Herbst waren sie in Lothringen. Vom ersten Tage waren sie dabei. Er, der Hauptmann, fast täglich vorn in den Gräben zur Beobachtung. Fesselballon, Flugzeug. In Lothringen, seinerzeit, gelang ihm eine glänzende Sache. Es kamen da plötzlich ganz schwere Dinger auf die Gräben geflogen. Alle Welt staunte, was war das? Flieger gingen hoch. Nichts zu finden. Der Franzose mußte ein außergewöhnlich weittragendes Geschütz aufgestellt haben. Aus den Gräben kam die Meldung, daß man die Granaten kurz vor dem Aufschlag ankommen sehe. Sofort ist der Hauptmann draußen. Es gehören Nerven dazu, den Kopf gerade in dem Augenblick aus dem Grabenzu stecken, da so ein „alter Herr“ ankommt und einschlägt. Erst zuckt der Hauptmann zurück, aber es muß sein. Jawohl, man sieht sie kommen. Er schneidet die Kurve an, berechnet und findet auf diese Weise ungefähr Richtung und Standort. Flugzeug! Immer höher und weiter. Nichts regt sich, aber in der Nähe des berechneten Standortes kommt dem Hauptmann ein Wäldchen verdächtig vor. Dahin dirigiert er das Feuer seiner Haubitzen. Am andern Morgen fliegt er wieder darüber: das Wäldchen ist zerschossen. Das weittragende Geschütz ist seither verstummt.

Und so geht es weiter. Haubitzen, Granaten, Beobachtungsstände, Sprengstoffe, Flugzeuge, Trommelfeuer. Die helle Stimme des frischen, jungen Hauptmanns mit den vielen Bändern klingt und schmettert. Die Batterie, ja, er liebt seine Batterie, er liebt es, darauf loszufeuern, er liebt seine Leute. In acht Tagen wird er ganz neue Geschütze haben, dann kann es wieder losgehen. Zwölf Monate lang macht er die Sache schon mit, zwölf Monate ohne Unterbrechung lacht er dem Tod ins Gesicht. Seine Kanoniere fielen, seine Kameraden sanken in die Erde, Tausende von Feinden hat er vernichtet, er, der Herr der Haubitzen. Ich suche in seinem jungen Gesicht nach irgendeinem kleinen Zug von Ermüdung, Nervosität, Leid – nicht eine Spur ist zu finden. Hut ab vor dem Hauptmann!

Neulich aber wäre es ihm bald übel gegangen. Er hatte sich da seinen Beobachtungsstand in ein zerschossenes Haus aufs Dach gebaut, plötzlich kam eine Granate und schlug ausgerechnet in das Haus. Imnächsten Augenblick stürzten sie, sein Unteroffizier und er, mit Balken und Brettern vom Dachfirst in das Erdgeschoß hinab. Sie fielen durch eine rote qualmende Wolke und waren ein paar Minuten betäubt. Nichts geschehen, ein paar Schrammen, das war alles. Der Unteroffizier aber sagt: „Ich muß hinauf, Herr Hauptmann und den Batterieplan holen!“ –

Der Hauptmann lacht. Ein kerniges und gewinnendes Lachen.

„Hat er ihn geholt?“

„Natürlich! Das ist ja ein prachtvoller Kerl, dieser Unteroffizier, den sollten Sie kennen – haha!“

Ich steige aus. Der Hauptmann fährt weiter. Morgen nachmittag um sieben Uhr wird er in Starnberg sein, bei seiner Frau. Sie weiß nicht, daß er kommt. Er will sie überraschen.

Wie eine Granate kommt er aus La Bassée in das stille Haus am Starnberger See geflogen.


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