Der gefangene Sozialist
Im Juli
„Istder Schriftsteller hier? Er soll vortreten!“
Der Knäuel der Gefangenen kommt in Bewegung. Ein brauner, breitschulteriger Soldat in verstaubtem, blaugrauem Mantel tritt vor. Sein derbes Gesicht istheiß und schmutzig, seine Hände sind hart und groß. Sein Blick ist fragend und fest auf mich gerichtet. Er sieht aus wie ein Soldat, ganz wie die anderen, keineswegs wie ein Mann der Feder.
„Sie sind Schriftsteller?“ – „Ja, mein Herr. Ich bin Journalist.“ – „Ich bin ein Kollege von Ihnen und möchte mit Ihnen sprechen.“ – „Zu Ihrer Verfügung.“
Die andern sind stumm und hingerissen vor Neugierde. Sie verlieren vollkommen ihre militärische Haltung und verwandeln sich in Bauern und Handwerker, die zuhören wollen und ihre Neugierde nicht verbergen. Sogar der mit dem verbundenen Kopf ist herbeigekommen und dreht neugierig den Hals, soweit es seine Verwundung erlaubt.
„Gehen wir ein wenig.“ Ich winke den französischen Kollegen heran, und wir gehen in dem heißen Hofe hin und her.
„Wann wurden Sie gefangengenommen?“ – „Gestern abend. Im Labyrinth. Wir waren in den deutschen Graben eingedrungen und wurden abgeschnitten. Wir konnten weder vor noch zurück. Es war nichts mehr zu machen.“ – „Wie haben unsre Soldaten euch aufgenommen?“ – Er sieht mich an. – „Sie haben uns als Soldaten behandelt, ganz wie es bei uns zu sein pflegt, wenn wir deutsche Gefangene machen.“
Da vorn, ganz vorn, wo Mann gegen Mann steht, lernt der Soldat den Gegner achten. Ich sprach einen Feldgrauen, von einem badischen Regiment, der vierundzwanzig Stunden in französischer Gefangenschaft war. Er wurde bei einem Patrouillengang abgeknüpft.Wie es ihm drüben erging? Es ging ihm glänzend! Die Aufnahme war die allerherzlichste. Man brachte ihn in einen Unterstand, gab ihm Zigaretten, Kognak, Kaffee und Suppe. Man hänselte ihn ein wenig, aber das kümmerte den Schwaben nicht, denn er verstand keine Silbe. Es war auch nicht böse gemeint, das konnte er sehen, alle lachten vergnügt. Ein Offizier fragte ihn, wie der Kommandeur seines Regiments hieß? Der Schwabe weigerte sich, es zu sagen. „Na schön,“ sagte der Offizier, „ein rechter Soldat verrät nichts, hier, rauchen Sie!“ Dem Schwaben ging es, wie gesagt, gut. Fußtritte und Faustschläge sind auf jeden Fall nicht die Regel.
„Waren Sie früher Soldat, oder wurden Sie erst im Laufe des Krieges ausgebildet?“ frage ich den Franzosen und reiche ihm meine Zigaretten hin.
„Danke!“ Er verbeugt sich leicht und sein warmer Blick trifft mich. Seine Hand, hart und derb von Gewehr und Spaten, zittert heftig. Mit der Wollust des Rauchers zieht er den Rauch in die Lunge und stößt ihn durch Mund und Nase heraus. „Ich wurde im Januar eingezogen, ich bin vierunddreißig Jahre alt. An der Front war ich vier Wochen. Soldat war ich nie gewesen, nein. Ich war froh, daß man mich seinerzeit nicht tauglich fand. Offen gestanden bin ich nie ein Freund von allem gewesen, was Militär heißt. Ich bin Sozialist.“
„Sie sind Sozialist?“
„Ja, ich schreibe für sozialistische Zeitungen und Revuen.“
„Vielleicht können Sie mir dann die Stellung erklären, die Ihre Kameraden und Parteifreunde diesem Kriege gegenüber einnehmen?“
„Das kann ich wohl, so in großen Umrissen natürlich nur. Es ist selbstverständlich, daß wir im Prinzip gegen jeden Krieg waren. Heute macht man uns Vorwürfe, ob mit Recht oder Unrecht, daß wir die Mittel zur nationalen Verteidigung beschnitten. Heute ist alles anders geworden, ohne Frage. Wer hielt diesen Krieg ernstlich für möglich? Niemand. Zwei Tage vorher lachte man noch darüber. Ich war im Süden, in Marseille, um die Sitten des Südens zu studieren. Nein, ich glaubte nicht daran. Wir kämpften gegen die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit. Wir taten alles, was in unserer Macht stand. Aber Sie, Sie rüsteten immer weiter.“
„Glauben Sie nicht, daß wir durch Ihr Bündnis mit Rußland und England dazu gezwungen wurden?“
„Unsere Bündnisse waren eine Folge – aber ich bin weit davon entfernt, Ihnen und nur Ihnen allein Schuld an dieser Katastrophe zuzuschreiben. Es wurden überall Fehler gemacht; bei allen beteiligten Völkern. Die Völker müssen noch viel lernen! Nachdem es zu spät war und die Katastrophe hereinbrach, waren wir natürlich verpflichtet, uns für unser Land zu schlagen, genau wie Sie es waren. Es war zu spät. Jaurès wurde ermordet. Aber auch er hätte das Unglück nicht mehr aufzuhalten vermocht. Ich wenigstens glaube es nicht. Nur ein Wunder, aber es gibt keine Wunder mehr in unserer Zeit! Alles ist fürchterlich.“
Er schweigt, und wir gehen stumm, jeder in sich versunken, über den heißen Hof. Müde und gebückt schlürft er neben mir einher, staubig und schmutzig, die zerknüllte Mütze unordentlich auf das schweißige Haar gedrückt. Seine Augen sind eingesunken und verquält. Plötzlich gähnt er. Lange und herzhaft. Und mit derselben erschöpften Miene und dem gleichen verquälten Ausdruck in den Augen sagt er: „Ich habe eine Frau und ein Kind. Ich werde sie wiedersehen.“ Nein, er atmet nicht auf bei diesem Gedanken, er, der die Hölle von Arras lebendig durchschritt, hat noch nicht die Kraft, sich zu freuen!
„Sie sind glücklicher als viele andere!“
„O ja, mein Herr, gewiß. Aber –“
Er findet, daß es zu wenig ist, was er aus diesem Leben gerettet hat, seine Frau, sein Kind – –
Ich beginne von gleichgültigen Dingen zu sprechen, um ihn abzulenken, von Marseille, von den südlichen Provinzen Frankreichs, aber in den nächsten Minuten sind wir von selbst wieder beim Krieg und der Politik angelangt. Es geht nicht anders. Unsere Debatte wird lebhafter. Langsam finde ich mich in seinen Zügen zurecht. Ich taste mich zu seinem früheren Gesicht durch, wie es aussah, bevor er mit Gewehr und Spaten arbeiten lernte. Es ist weniger das Gesicht eines außergewöhnlich klugen, als vielmehr eines aufrichtigen Menschen.
„Glauben Sie,“ frage ich ihn, „daß das Verhältnis zwischen dem deutschen und dem französischen Volk in absehbarer Zeit wieder freundschaftliche Formen wird annehmen können?“
Er schüttelt den Kopf und verzerrt die Lippen. „Nein,“ sagt er, „ich glaube es nicht, leider. Ich kenne Deutschland, ich war in Stuttgart, München, Dresden. Aber nein. Jahre, Jahre wird es dauern.“
„Veröffentlicht Ihre Regierung noch immer keine Verlustlisten? Wie kommt es, daß Frankreich sich so etwas gefallen läßt?“
„Man klagt viel darüber. Aber man hat sich damit abgefunden. Es ist ein Opfer wie manches andere, aber das französische Volk ist bereit, dieses Opfer zu bringen.“
„Und wie ist die Stimmung im allgemeinen? In Paris? Im Volk?“
Er bleibt stehen. „Die Stimmung? Paris? Ich bin seit dem Januar nicht wieder nach Paris gekommen. Seit ich an der Front bin, seit vier Wochen habe ich überhaupt nichts mehr gehört. Wir werden hin und her geworfen und sind seit Wochen ohne jede Verbindung mit der Heimat. Ich weiß nicht, was in den letzten vier Wochen vor sich ging, von rein kriegerischen Ereignissen abgesehen. Ich weiß nur, daß unser Volk mutig ist und unerhörte Opfer bringt, weil es sein muß. Auch bei Ihnen zu Hause wird die Stimmung ja keineswegs rosig sein, wir haben den Feind im Lande, wir leiden mehr unter dem Krieg, das ist nur natürlich. Dieser Krieg hat Frankreich sehr unglücklich gemacht, ich brauche Ihnen das nicht erst zu sagen. Die Stimmung bei uns, mein Herr, soweit ich urteilen und beobachten kann, ist – nun, sie ist keineswegs glücklich.“
Eine Viertelstunde später stehe ich vor einem gefangenen französischen Offizier. Er ist rasiert, gewaschenund gebürstet, ein schöner junger Mann mit edel gezeichnetem Gesicht und klaren, klugen Augen. Man erzählte mir, daß er sich hervorragend geschlagen habe.
Klar, ohne Pose, ohne den leisesten Verdacht von Hochmut und Provokation, im schlichtesten und natürlichsten Ton der Welt versichert mir dieser Offizier: „Die Stimmung in Frankreich ist ausgezeichnet. Nie war sie besser. Wir werden uns bis zum letzten Mann schlagen. Vergessen Sie nicht, mein Herr, daß unser Heer nicht mehr jenes vom Anfang des Krieges ist. Es ist reformiert, es wird besser mit jedem Monat!“