Nach den Schlachten
Mai 1915
DieWelt des Feldsoldaten ist groß und erhaben. Der sausende Himmel, die Sterne, die Wolken und das freie Feld: das ist seine Wohnung. Vertraute Wege und bekannte Dörfer, die Heimat in der Ferne, Briefe, Zeitungen, alles gehört ihm. Kameraden, bekannte Gesichter, neue, immer neue Gesichter, neues Gelächter und neue Stimmen. Ein spukhaftes Dasein, voll des Unbekannten, stetig Wechselnden. Die alltäglichsten Dinge, Essen, Schlafen, abenteuerlich und absonderlich. Außergewöhnlich, groß und unerhört, voll nie gekannten Grauens und nie gekannter Wonnen sind seine Empfindungen. Der Feldsoldat ist kein gewöhnlicher Mensch mehr, er ist der Erkorene, er ist dasVolkselbst, für das er kämpft. Wäre es anders, nicht den zehnten Teil der Anstrengungen, die das Feld fordert, könnte er ertragen. Wenn er sein Geschütz abreißt, so ist es nichtseine Faust, die Millionen Fäuste seines Volkes reißen das Geschütz ab, und sein Volk sendet den großen Fluch hinüber zum Feinde.
Wehe aber, wenn er das Unglück hat, gefangengenommen zu werden! Seine große und stolze Welt bricht in einer einzigen unglückseligen Stunde zusammen. Er ist nicht mehr sein Volk, er ist ein gefangener Soldat, nichts andres. In einer Sekunde sind seine Tressen und seine Auszeichnungen verblaßt, die Bewunderung seiner Kameraden, die ihn belebte, ist verstummt. Kennt hier jemand seine Geschichte, seine Geschichte als Soldat, meine ich? Weiß hier jemand, wie er sich schlug, welch kühne Patrouillengänge er hinter sich hat, daß seine Offiziere ihm die Hand drückten und ihn vor versammelter Mannschaft lobten? Fremde Gesichter, fremde Worte, eine fremde Welt. Eine Ewigkeit trennt ihn von seinen Kameraden, seinem Pferde, seiner Batterie, seiner Heimat, seinen Angehörigen, unwirklich scheinen schon jetzt die Bilder zu sein, an die sein Gedächtnis sich klammert. Sein Mut, sein Ehrgeiz, sein Rausch, sie sind dahin. Er war alles, jetzt ist er nichts. Eine Nummer in den Listen der Gefangenenlager ist er, in dem das Herz seines ganzen Volkes schlug, geworden. Nüchtern, klein und erbärmlich ist jetzt seine Welt.
Sieht man Gefangene gehen, so versteht man alles. Sie trotten müde dahin, gleichgültig, ohne Haltung, aber nichts wäre verkehrter, als von Gefangenen auf die Truppe zu schließen, der sie angehörten. Häufig wird der stolzeste und stärkste Soldat der gebrochenste Gefangene sein.
Schlimmer noch, um vieles schlimmer ist es, verwundet in Gefangenschaft zu geraten. Noch kleiner und elender ist die Welt des verwundeten Gefangenen. Ein Bett, ein getünchter Saal, die Gesichter der Pfleger und Pflegerinnen und der Ärzte, nichts sonst. Der Schritt der Wache vor der Tür. Droben in Flandern habe ich verwundete Gefangene besucht, und von ihnen will ich erzählen.
Ich trete ein, und sofort sind alle Augen auf mich gerichtet. Ein neues Gesicht! Seit vielen Tagen, seit Wochen das erste neue Gesicht. Was will er, was tut er hier, was bringt er uns? All diese glänzenden Augen forschen neugierig und aufmerksam in meinen Zügen. Einzelne haben sich aufgerichtet, um mich besser sehen zu können. Niemand spricht ein Wort, alle stellen die Ohren und es ist ganz einerlei, in welcher Sprache ich rede, die Hauptsache ist, daß sie eine neue Stimme hören.
Da ist zunächst ein Neger. Schwarz und glänzend wie ein gewichster Stiefel, das Gebiß blendend weiß. Er ist eines der hübschesten Exemplare, die ich je sah, das sauberste gewiß, fast noch ein Kind, und versucht sofort, meine Milde durch ein naives, vertrauliches Lächeln zu gewinnen. Ich rede ihn englisch an, da ich bis heute nur Englisch mit Negern gesprochen habe, aber siehe da, er antwortet französisch. Aus dem Senegal. Und wie alt? Zwanzig. „Wo hast du gekämpft?“ – Er zeigt sein schönes Tiergebiß und lächelt. Er weiß es nicht. „Bei Ypern?“ – „Ja, bei Ypern.Chemin de fer, hin und her, immer hin und her,chemin de fer“ – er radebrecht, gestikuliert, nein, er weiß gar nichts. Vergnügt legt ersich in das weiße Kissen zurück. Nie in seinem ganzen Negerleben ging es ihm so gut, nie so sauber, Gott, er wird sich nie mehr zu waschen brauchen. Er hatte zwei Lungenschüsse, aber das schadete ihm ebensowenig, wie wenn man eine Katze anschießt.
Neben ihm liegt ein Engländer, ebenfalls Lungenschuß. Ein junger, zarter, hellblonder Bursche, der eben aus dem Jenseits zurückkommt. Er hat noch die großen, glänzenden Augen, die man von dort mitbringt, und die durchsichtigen, schmalen Wangen. Er ist aus Birmingham, Kaufmann. Aufrecht sitzt er in seinem Bett, die beiden Hände auf der Decke, und sein Kopf sinkt schwach von einer Seite auf die andre, während er flüsternd antwortet. Er trägt eine Kette mit einem kleinen Kreuz um den dünnen Hals. – „Was bedeutet das Kreuz? Seid ihr Katholiken in Birmingham?“ – „Nein, ich war protestantisch, aber nun bin ich katholisch geworden.“ Eine Nonne steht neben dem Bett, eine belgische Schwester, rotbäckig und gesund, und blickt auf ihr blondes Lämmchen.
„Hier sind Kanadier!“ sagt der Arzt.
Ja, das sind sie. Schmale, feste Schädel, klar gezeichnete Gesichter, kräftige Augen, breite Schultern, die Arme lang gemessen, das Haar weich und kurz. Es sind Amerikaner, ohne jeden Zweifel, wenn sie auch etwas nördlich von den Staaten geboren wurden. Ich sehe mir sie an, und sie betrachten mich mit der gleichen Aufmerksamkeit. Sie wissen genau, daß sie nun an die Reihe kommen, und haben keine Angst.
„Wer von euch war beim Sturmangriff von St. Julien dabei?“
„Wir alle.“
Nun sehe ich, daß sie geschient und verbunden sind. Trotzdem sehen sie gesund und kräftig aus. Es sind Leute, die einen Stoß vertragen können, ausgezeichnetes Material. Sie antworten höflich, aber sie sagen nicht mehr als gerade nötig ist. Allmählich erst werden sie etwas gesprächiger. Sie sind zufrieden, sie beklagen sich über nichts. Jeder deutsche Soldat, mit dem sie es zu tun hatten, war „gut“ zu ihnen. „Nach dem Kriege werden wir uns die Hände drücken.“ – „Aber die englischen Zeitungen? Sie sind die gemeinsten Lügner der Welt!“ – Ihre Augen stehen auf Abwehr. – „Wann seid ihr herübergekommen?“ – „Ich im September, die andern später.“ – „Wieviel wart ihr? Seid ihr in England gelandet oder in Frankreich?“ – Die schönen Augen des Clerks von Toronto sehen mich offen an und schweigen. Er will nicht sprechen. Aber später, als wir mehr Vertrauen zueinander gefaßt hatten, kam er ganz von selbst auf den Transport zurück und sagte mir, daß sie 30000 waren, 21 Dampfer, drei Wochen auf See, in Plymouth gelandet, in England noch ein paar Monate gedrillt. Es war sehr schlechtes Wetter, immerzu Regen, einer ist am Regen gestorben.
„Am Regen gestorben?“ – „Ja!“
Der Seemann im Nachbarbett, dessen Fuß zerschossen ist, lacht. „Es war verdammt schlechtes Wetter, Sir!“
Sie erzählen mir alles mögliche, und ich bemühe mich, sie gesprächig zu halten. Die Deutschen schießen gut, sie würden es niemand raten, den Kopf auch nur eine Sekunde aus dem Graben zu strecken. Weshalb sie ausKanada herüberkamen, um gegen uns zu kämpfen, das wollen sie mir auf der Stelle sagen. „Die Neutralität Belgiens, Sir! Wir sind gekommen, um euch aus Belgien zu vertreiben.“ – „Weshalb überlaßt ihr das nicht den Engländern, haben sie nicht genug junge Leute? Weshalb sollt ihr Kanadier die Arbeit der jungen Engländer tun?“ – Das Gespräch wird lebhafter und die Franzosen auf der andern Seite recken die Hälse.
„Und St. Julien? Wie war es da?“
Der hübsche Clerk mit dem geschienten Arm, drei Kugeln, richtet sich im Bett auf, so gut es geht: Sie kamen also da in Gräben, in denen vorher Engländer lagen. Aus welchem Grunde gewechselt wurde, wußten sie vorläufig noch nicht. Später erst begriffen sie es. Zwei Tage lagen sie da. Sie wußten gar nichts, weshalb, warum, nichts. Essen gab es nicht regelmäßig. Die Straßen um Ypern herum lagen unausgesetzt unter Feuer. Plötzlich aber hieß es vorgehen! Weshalb, warum, wohin, kein Mensch wußte es. Nun aber bekamen sie furchtbares Feuer, schwere Granaten, auf offenem Felde, ohne jede Deckung. „Ich lag hinter einem Haufen von gefallenen Kameraden, den rechten Arm zerschossen. Die Kameraden stürmten weiter, plötzlich Maschinengewehrfeuer, Flankenfeuer, Gewehrfeuer. Die Kameraden fielen wie hingemäht. Es war zu Ende.“
Er sieht mich an. „Wie groß sind die Verluste, Sir?“ Seine Augen fragen, er denkt, ich könnte mich jetzt recht wohl revanchieren für die Angaben, die er mir über die Transporte machte. Aber ich weiß es wirklich nicht. Sehr große Verluste!
Der Clerk nickt und wendet den Blick ab. „Ich glaube nicht, daß viele davongekommen sind!“ sagt er ruhig und schlicht.
„Sie haben wohl genug vom Krieg?“ frage ich ihn, indem ich mich verabschiede. „Werden Sie wieder gegen uns kämpfen?“
Er lächelt. „Nein!“ Und leiser, so daß es die Kameraden nicht hören, fügt er hinzu: „Es war die Hölle, Sir!“
Nun kommen die Franzosen an die Reihe. Sie haben die ganze Zeit aufmerksam zugehört, die Ohren gespitzt, auf jede Bewegung geachtet, damit ihnen ja nichts entgehe; verstanden haben sie kein Wort. Sie wußten, daß auch ihre Zeit kommen würde. Höflich und gefällig erwidern sie den Gruß. Selbst der Landwirt aus der Gegend von Rouen nickt mit dem dicken rechteckigen Schädel, obwohl er Schmerzen hat und fiebert. Mich interessiert mehr als alle andern der Greis an seiner Seite, ein schmächtiger Mann mit ausgeprägt französischen Zügen. Sein weißgraues Haar zieht mich an und seine lebendigen, fröhlichen Augen. Er stammt aus der Bretagne, und da ich mich dort auskenne, so haben wir gleich ein Thema, um bekannt zu werden.
„Wann wurden Sie verwundet?“ frage ich. „Im Herbst.“ Er hebt die Decke in die Höhe, und nun sehe ich, daß ihm das linke Bein bis zur Hüfte amputiert ist.
„Wie alt sind Sie?“
„Siebenunddreißig Jahre, mein Herr.“
Um meine Überraschung zu verbergen frage ich rasch nach dem Alter des Landwirts aus Rouen. Er ist zwei Jahre jünger.
„Sie fühlen sich jetzt gesund?“ „Sehr wohl!“ Und der Mann aus der Bretagne sprudelt seine Geschichte heraus, ungeheuer lebhaft, mit vielen plastischen Gesten. „Ja, man muß Glück haben, mein Herr, das ist alles. Es war im Herbst, hier oben in Flandern. Wir mußten zurück, die Deutschen waren hinter uns her. O, lala, wir hatten es eilig! Da – eine Granate zerreißt mir den Fuß. Ich verkrieche mich in ein Loch in der Erde und warte. Die Kameraden sind fort, alle weg, niemand zu sehen. Ich warte, immer in meinem Loch. Zweiunddreißig Stunden liege ich da, aber nun hören Sie! Plötzlich Schritte. Ich spitze aus meinem Loch hinaus. Ein Sergeant vom Roten Kreuz. Ich rufe, er hört. Ich strecke die Arme hoch – so – er kommt heran und sagt: ‚Rühren Sie sich nicht!‘ Zwei Stunden später war ich im Lazarett. Man muß Glück haben.“
Fröhlich und heiter ist der Mann aus der Bretagne. Er hat dem Tod ein Bein hingeworfen wie einem Haifisch und triumphiert über den Handel. Im Krieg wird der Mensch bescheiden.
Unten im Garten des Klosters treffe ich einen Scheich, mit Turban, würdigem Bart, elfenbeinernem Gesicht und elfenbeinernen Händen. Er bittet mich um eine Zigarette. Vielleicht hat er ein Dutzend Frauen zu Hause, vielleicht ist es Sünde, daß er etwas aus meinen Händen entgegennimmt, vielleicht verliert er seine Kaste. Einerlei, es ist nun doch so weit mit ihm gekommen, daß er bettelt.