Da blitzte es plötzlich auf den Strandbatterien auf, ein zweiter, ein dritter Schuß folgte und jetzt hörte man die Granaten sausen.
Orloff ballte die Fäuste, als er sah, wie die Schiffe mit der meuterischen Mannschaft plötzlich drehten. Das Panzerschiff war das erste, welches in das Schwarze Meer hinausfuhr, die beiden Torpedoboote folgten, nun schloß sich in größter Eile der bewaffnete Transportdampfer an, auf dem sich die eigentlichen Häupter der Verschworenen befanden.
„Der beste Augenblick ist verpaßt,“ rief Wassil wütend. „Aber nun werden wir andere Hafenstädte heimsuchen. Und die müssen bezahlen oder sie werden beschossen und geplündert.“
Vorerst aber fuhren die Schiffe in die hohe See hinaus, indem sie eine südwestliche Richtung einschlugen.
Sie wollten dadurch etwaigen Verfolgern entgehen, denn es war zweifellos, daß die Kriegsschiffe des Geschwaders nach den Meuterern suchten.
Der Mut der Männer stieg aber als sie nirgends ein solches Schiff sahen.
Matuschewsko kam jetzt auf das Transportschiff herüber.
„Ich glaube kaum, daß wir eine Verfolgung zu befürchten haben,“ sprach der Unhold, als ihn seine Gefährten mit Fragen überhäuften. „Wohl haben sich die Besatzungen der anderen Schiffe der Meuterei nicht angeschlossen, aber sie werden auch nicht feindlich gegen uns vorgehen. Sie sympathisieren mit uns, sie haben sogar Hurra geschrieen, als wir mit der roten Flagge von dannen fuhren. Sie werden ihren Offizieren auf keinen Fall gehorchen.“
„Desto besser,“ schmunzelte Orloff, dessen gute Laune allmählich zurückkehrte. „Desto besser, dann werden wir zunächst unbefestigte Hafenstädte aufsuchen und dort rauben und plündern, daß es eine Lust ist.“
„Da sind die Leute dabei,“ erwiderte Matuschewsko. „Wenn sie nur erst warm geworden sind, dann geht es schon, vor allen Dingen müssen sie tüchtig Branntwein trinken. Wir fahren jetzt auf die hohe See hinaus, sodaß niemand weiß, wo wir uns befinden. Dann fallen wir plötzlich aus dem Hinterhalt über eine Stadt her, wo man unser Nahen am wenigsten vermutet.“
Um Mittag waren die Schiffe schon wieder außer Sicht von Odessa, sie sahen von der Küste nichts weiter als einen fernen grauen Streifen.
Der Himmel war noch immer dick und schwer mit Wolken behangen. Der Regen aber hatte aufgehört, nur die Wolken hingen noch wie schwarze Leichentücher am Himmel.
Plötzlich schallten laute Rufe und Schreie, Gregor, Orloff und Wassil, die sich immer zusammenfanden, blickten verdutzt empor, da sahen sie, wie die Mannschaften auf den Schiffen alle nach den Wolken zeigten.
Dort aus dem tiefhängenden Gewölk kam etwas hervor, etwas Großes, Schwarzes, unheimlich Aussehendes, die abergläubischen Matrosen schlugen Kreuze, als sie die seltsame Gestalt sahen, die offenbar aus den Wolken herabschwebte.
Anfangs waren die Meuterer vollständig starr, denn die meisten von ihnen waren so ungebildet, daß sie die merkwürdige Erscheinung da oben für ein Wunder hielten.
Dagegen gab es unter den Verschwörern gebildete Männer, die sogar die Universität besucht hatten. Zu ihnen zählten Orloff, Gregor und Wassil.
„Zum Teufel,“ rief der erstere, „das ist ja ein Luftschiff von einer ganz merkwürdigen Form. Das ist am Ende eines jener Fahrzeuge, von denen man so oft in der Zeitung liest, und die jetzt dem Steuer gehorchen sollen, wie ein Schiff auf dem Wasser. Aber dieses Fahrzeug ist ja außerordentlich groß. Wahrhaftig, es scheint in die See zu fallen.“
Die Verwunderungsrufe schallten von allen Seiten, die Meuterer riefen sich zu, daß dies merkwürdige Ding ein Luftschiff sei, jetzt kam es in schräger Richtung zur Wasserfläche herabgefahren.
Es sah direkt aus, als wollte sich das seltsame Luftfahrzeug in die Wellen stürzen, als sei es verunglückt, als müsse es jeden Augenblick im Schwarzen Meer versinken.
Aber das war nicht der Fall, das Fahrzeug, welches Anfangs in schräger Richtung herabsauste, war nicht verunglückt, nur fünfzig Meter über den Wogen richtete es sich plötzlich auf und schwebte waagerecht, dem Druck der Flügel und dem Steuer gehorchend.
Nun kam es herangeschossen, blitzschnell, mit unheimlicher Geschwindigkeit; in riesigem Bogen umkreiste es die Schiffe der Meuterer.
Den Mannschaften auf den beiden Torpedobooten begann die Sache unheimlich zu werden. Sie machten vollen Dampf auf und entfernten sich von ihren Begleitern.
Ja, das war dasselbe Luftschiff, welches damals die französischen Ballonfahrer gesehen hatten. Das war das rätselhafte Fahrzeug des Kapitän Mors, es umkreiste die beiden großen Schiffe in großem Bogen, deutlich hörte man schon die Maschinen knattern.
Und dann kam es immer näher heran, aber es bewegte sich auf das Transportschiff zu, auf dessen Deck neben anderen Verschwörern Orloff, Gregor und Wassil standen. Matuschewsko war wieder auf das Panzerschiff zurückgekehrt, welches er, der Mörder, kommandierte.
„Achtung, Achtung!“ schrie plötzlich Orloff. „Das seltsame Ding kommt auf uns zu! Teufel, wir müssen es abwehren, dies sonderbare Ding hat nichts Gutes im Sinne.“
Deutlich sah man den hohen Flaggenstock des lenkbaren Luftschiffes, aber noch wehte keine Flagge daran, da mit einem Male wurde eine solche aufgezogen.
Seltsam sah sie aus, das war nicht die Flagge einer Nation, nein, das war eine Flagge, wie man sie noch nie gesehen.
Ein äußeres blutrotes Viereck umgab ein inneres schwarzes Viereck und auf diesem schwarzen Viereck las man mit großen, schneeweißen Buchstaben das Wort Mors, unter welchem ein Totenkopf grinste.
Orloff rannte zu den Mannschaften, welche neben den Schnellfeuerkanonen des Transportschiffes standen.
„Schießt auf das Ding,“ rief er befehlend und von einer bösen Ahnung gepeinigt. „Die da haben nichts Gutes im Sinne. Schießt auf das Ding; eine Kugel genügt, um es zu versenken!“
Die Männer gehorchten, aber etwas zögernd; knarrend drehten sich die Schnellfeuerkanonen auf ihren Rädern, dann tönten kurz hintereinander zwei Schüsse aus Sechszentimeterkanonen.
Da stießen die Matrosen ein Ausruf der höchsten Verwunderung aus.
Die eine Kugel traf nicht, die zweite aber prallte gegen das Luftschiff.
Man hörte einen seltsamen Klang, gleich darauf glitt die Kugel ab und pfiff seitwärts in die Lüfte, um dann zischend in das Meer niederzufallen.
In diesem Augenblick beschrieb das Luftschiff einen kurzen Bogen und dann schwebte es dicht an der Seite des Transportschiffes. Fast Bord an Bord.
Man hörte ein kurzes Knacken. Auf einer der kleinen Galerien, welche die unteren Anbauten miteinander verbanden, erschien jener Mann, der den Widerstand in Odessa hervorgerufen.
Da stand Kapitän Mors, aber nicht mehr mit der schwarzen Binde über dem linken Auge, jetzt wieder in seiner blauen Uniform, die Mütze mit dem Goldstreifen auf dem Kopf.
Die Maske trug er auch jetzt, aus den Oeffnungen glühten seine feurigen Augen, er sah nach Orloff, Gregor und Wassil hin, welche aufgeregt einander zuschrieen.
„Ich habe Euch wieder erkannt,“ donnerte seine Stimme. „Ihr kennt auch mich oder habt Ihr den Ingenieur vergessen, den Ihr dem Unglück, dem Verderben überliefert habt? Ihr glaubtet, ich sei längst verdorben und gestorben. Aber jetzt bin ich hier, jetzt ist die Stunde der Vergeltung gekommen.“
Orloff war totenbleich geworden.
Auch seine beiden Gefährten waren zusammen gefahren. Nun aber griffen sie wie auf ein Kommando zu ihren Revolvern, die sie im Gürtel trugen. Hastig und ohne zu zielen schossen sie auf den stolzen Mann, der die Schüsse mit furchtbarem Hohngelächter beantwortete.
Im nächsten Moment verschwand der Rätselhafte wieder im Anbau, dessen Wände auch aus undurchdringlichem Metall bestehen mußten. Man hörte deutlich, wie die Revolverkugeln dagegen klatschten.
„Er war es, er war es,“ brüllte Orloff, „den muß der Teufel aus der Hölle geschickt haben. Wie kommt dieser Narr zu einem solchen Fahrzeug! Pest und Verdammnis, wir müssen es in Grund und Boden schießen!“
Wieder sprang er nach den Kanonen, da im selben Moment wendete sich das Luftschiff, jetzt neigte es den merkwürdigen Rammsporn, der an seinem Vorderteil befestigt war.
„Es kommt heran,“ schrieen die Matrosen wie die Tollen. „Es kommt auf uns zu.“
Richtig, da kam das Luftschiff nur wenige Ellen über dem Meere entfernt herangesaust, die Besatzung des Transportschiffes schrie wie toll, die Verschwörer rannten über die Planken.
„Ein Zusammenstoß! Ein Zusammenstoß!“ brüllten sie. „Das unheimliche Ding will gegen uns anrennen.“
Im nächsten Augenblick vernahm man ein dumpfes Krachen.
Ja, das Luftschiff war da, es hatte sich mit seinem eisernen Sporn dicht an der Wasserlinie in die Seite des Transportschiffes gebohrt, und dort ein klaffendes Loch gerissen.
Das gerammte Schiff neigte sich zur Seite, als wollte es kentern, es richtete sich aber wieder empor, und jetzt stürzten Wassermassen in das Loch hinein, sodaß sich das Schiff schwerfällig nach dieser Seite neigte.
Die Verwirrung an Bord des meuternden Schiffes war fürchterlich, auf ihm befanden sich die Schlimmsten der Rebellen, vor allen Dingen jene Verschwörer, welche alles leiteten.
Sie rasten jetzt wie toll umher, zumal sie ja ein Sinken des Schiffes vermuteten.
Immer schwerfälliger schlingerte das Transportschiff, es wankte hin und her, doch nur, um neue Wassermassen aufzunehmen, die Boote konnte man in der Konfusion nicht benutzen. Viele sprangen jetzt ins Wasser, um nach dem Panzerschiff hinüber zu schwimmen.
Da senkte sich das Fahrzeug noch tiefer, es schwebte fast unmittelbar auf der Wasserfläche. Auf den Galerien aber erschienen plötzlich zehn oder zwölf seemännisch gekleidete Männer mit finsteren, harten Gesichtszügen, die förmlich steinern erschienen.
Einzelne dieser Männer verrieten durch dunkle Färbung, daß sie aus anderen Weltteilen stammten.
Sie hielten mit eisernen Haken beschlagene lange Stangen in der Hand, mit denen sie jetzt einige der Schwimmer aus dem Wasser zu ziehen suchten.
Zwischen diesen seltsam aussehenden Männern aber stand Kapitän Mors, die Flammenaugen auf die See geheftet, während das Transportschiff immer tiefer sank, und noch immer Männer über Bord ins Wasser sprangen.
„Diesen muß ich haben,“ tönte die Stimme des Rätselhaften. „Und dann jenen dort mit der Narbe über der Stirn! Und da aufgepaßt, dort den riesengroßen Mann, welcher soeben aus dem Wasser emportaucht! Heran mit ihnen, diese laßt unter keinen Umständen entkommen!“
Das lenkbare Luftschiff schien von Geisterhänden regiert zu sein, mit unheimlicher Sicherheit bewegte es sich nach jenen Stellen, welche der Kapitän bezeichnete.
Dann fuhren die Stangen ins Wasser, die Eisenhaken packten die Bezeichneten, wo sie dieselben gerade zu fassen bekamen. Und nun wurden die Unholde trotz fürchterlichen Gebrülls und Sträubens nach den Galerien hingezogen.
Kräftige Fäuste bemächtigten sich ihrer, die sich wie toll Gebärdenden wurden auf die Galerien gezerrt, dort trotz fürchterlichen Widerstandes niedergeworfen und augenblicklich gefesselt.
Wenige Minuten später befanden sie sich in einem wie eine Schiffskajüte ausgestatteten Raum, wo man sie in eine Ecke schleuderte.
Da lagen Gregor, Orloff, Wassil, aber zu ihnen gesellten sich in kurzer Zeit noch fünf Verschwörer, die sich durch ihre wüsten Gesichtszüge als brutale Schurken zu erkennen gaben. Auch diese hatte Kapitän Mors bezeichnet, auch sie wurden mit den Haken aus dem Wasser gezogen, gefesselt und in den Raum neben die drei Bösewichter geschleudert.
Inzwischen hatten die Seeleute vom Transportschiff das Panzerschiff erreicht, einige von den Verschwörern, die nicht schwimmen konnten, waren rettungslos zu Grunde gegangen, aber das schien den furchtbaren Kapitän Mors wenig zu kümmern.
Er hielt jetzt nur das Panzerschiff im Auge, und beobachtete offenbar, ob man von dort aus auf ihn feuern wollte.
Einstweilen hatte man dies noch nicht getan, weil das merkwürdige Luftschiff zwischen dem Transportfahrzeug und dem Panzerschiff lag, auch fürchtete man, die Schwimmenden durch Schüsse zu gefährden.
Nun aber spritzte die See empor, und das Transportschiff versank wie ein Stein in den Wogen, welche über dem Fahrzeug der Verschwörer zusammenschlugen.
Die beiden Torpedoboote sah man nur noch in weiter Ferne, dagegen schickte man sich jetzt auf dem Panzerschiffe an, mit den schweren Kanonen auf das lenkbare Luftschiff zu schießen.
Da hob sich dieses mit einem Male in die Höhe und gerade, als man die schweren Kanonen zum Feuern fertig machte, beschrieb das merkwürdige Fahrzeug immer höher steigend einen großen Bogen, um über dem Panzerschiff plötzlich still zu stehen.
In der nächsten Minute hörte man das Zischen und Pfeifen, dann das Aufschlagen von Kanonenkugeln, wenigstens schien es den dichtgedrängten Mannschaften so. Sie stoben entsetzt auseinander, denn die Wirkung der explodierenden Kugeln war furchtbar.
Aber auf das Verderben des Panzerschiffes war es offenbar nicht abgesehen. Die Explosion brachte das Schiff der Meuterer zwar in eine bedenkliche Lage, weil das Leck, das entstand, sofort voll Wasser lief, sodaß sich das Schiff tief nach vornhin senkte. Aber die anderen wasserdichten Abteilungen hielten das Schiff schwimmend, doch war es jetzt unfähig, weiteren Schaden anzurichten.
Und wieder zeigte sich die Gestalt des Kapitän Mors auf der Galerie des Luftschiffes und zwar über dem Panzerschiffe, welches er gehindert, wehrlose Küstenstädte zu bombardieren und zu brandschatzen.
„Macht, daß Ihr ans Land kommt,“ donnerte die Stimme des furchtbaren Mannes herunter. „Nur die Rücksicht auf die vielen irregeleiteten Matrosen verhindert es, daß ich auch dies Schiff in den Grund bohre. Aber diese Irregeleiteten tun mir leid, deshalb verschone ich ihr Leben. Fahrt nach der Küste Rumäniens, so lange wird sich das Schiff noch über Wasser halten. Wagt Ihr es aber, wehrlose Städte anzugreifen, Ihr wißt, daß ich zur Stelle bin, dann versenke ich Euch in die Tiefe des Schwarzen Meeres!“
Wie Donnerton hallten diese furchtbaren Worte. Abergläubisch schlugen die meuternden Matrosen Kreuze über Kreuze. Das seltsame Luftfahrzeug aber hob sich hoch empor, aufwärts nach den dichten Wolkenmassen, die tief über den schäumenden Wellen des Schwarzen Meeres herabhingen.
Kapitän Mors sah auf die gedemütigten Meuterer herab, bis er gewahrte, daß das schwerfällig stampfende Panzerschiff seinen Kurs nach dem Westen richtete. Da ging er befriedigt in den Raum, wo die acht Gefangenen lagen.
Dort standen auch die Männer, welche auf dem lenkbaren Luftschiff Dienste verrichteten. Gleich Bildsäulen an der Wand lehnend, begrüßten sie den Kapitän beim Eintritt. Sie beobachteten seine Augen, offenbar bereit, jeden Moment seine Befehle zu vollziehen.
Als Mors eintrat, erhoben Orloff, Gregor und Wassil ein Wutgeheul, und rissen wie toll an ihren Fesseln.
„Gebt Euch keine Mühe,“ tönte die Stimme des seltsamen Mannes. „Wen meine Leute gebunden haben, der kann sich unmöglich befreien. Die Fesseln vermag niemand zu zerreißen. Und nun ist die Stunde da, die ich so lange ersehnte. Wißt Ihr noch, Ihr Schufte, wie Ihr mir einstmals mit süßen Worten geschmeichelt habt, wie ich von Euch aufgefordert wurde, mein Können und mein Wissen in Eure Dienste zu stellen? Damals habe ich Euch zurückgewiesen und dafür habt Ihr mich vernichten wollen. Alles habt Ihr mir geraubt, was ich besaß, alles, sogar meine Ehre! Zum Verbrecher habt Ihr mich gestempelt, aber ich habe mich dennoch emporgerafft! Und jetzt seht Ihr mich vor Euch auf meinem Fahrzeug, das mein Genie geschaffen, das mich zum furchtbaren Manne macht! Ein Herrscher der Lüfte bin ich, wie andre Herrscher auf der Erde.“
Die Elenden wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten. Sie antworteten mit grauenvollen Flüchen.
„Ja, Ihr habt es erreicht,“ fuhr Kapitän Mors fort. „Zum Teufel habt Ihr mich ja gemacht und wenig fehlte, so hätte ich der ganzen Menschheit den Krieg erklärt. Aber das Angedenken an diejenigen, welche ich einst liebte und die von Euch gemordet wurden, diese Gedanken verhinderten, daß ich mich in einen Satan verwandelte. Freilich, die Erde ist mir versperrt, dafür habt Ihr gesorgt, aber ein Herrscher der Lüfte bin ich, ein Freibeuter über der Erde und dem Wasser. Ein Mann, dem nichts unerreichbar sein wird, was er begehrt. Lange habe ich Euch gesucht, bis ich endlich erfuhr, wo Ihr Euch aufhieltet. Auf dem Dache Eures Landhauses bei Odessa habe ich gestanden, da habe ich Eure Stimmen erkannt. Da wußte ich, an welchem Orte ich Euch zur Verantwortung ziehen würde.“
Orloff hob wütend den Kopf empor.
„Einige von uns hast Du,“ knirschte er, wohl wissend, daß ihn ein furchtbares Urteil erwartete. „Aber die gefährlichsten von uns und Deine erbittertsten Feinde, die hast Du noch nicht bekommen, die leben noch, die sind frei, die werden uns rächen!“
„Und wo sind diese?“ fragte Kapitän Mors, nähertretend. „Wohl weiß ich, daß Eure Vereinigung größer war und daß außer Euch noch andere existieren, die mich später mit solchem Hasse verfolgten. Wo finde ich sie, gib Antwort!“
„Nichts wirst Du erfahren,“ brüllte Orloff mit wildem Hohngelächter. „Nichts wirst Du erfahren, und solltest Du uns gleich in Stücke schneiden. Nein, nein, warte nur, die Stunde kommt, wo unsere Anhänger Dir und Deinem vermaledeiten Luftschiff den Garaus machen. Und denke daran, wenn es soweit ist!“
Kapitän Mors machte eine verächtliche Gebärde.
„Ich bin noch immer ein Mensch geblieben und keine Bestie,“ entgegnete er. „Wohl gibt es keinen Menschen, den ich glühender hasse, als Euch, aber nie lasse ich mich so herabwürdigen, daß ich Dinge vollbringe, wie Ihr sie oft an Wehrlosen und Unglücklichen verübt habt. Euer Urteil ist gefällt, Euch erwartet der Tod durch den Strang, und wie auf einem Schiffe so sollt Ihr mit Euren Genossen an den Geländern der unteren Galerie baumeln.“
Gleichzeitig wendete sich der Kapitän Mors an seine Leute und rief ihnen eine Anzahl Worte in einer den Gefangenen fremden, gänzlich unbekannten Sprache zu, es war offenbar die Sprache, deren man sich auf dem seltsamen Luftschiff bediente.
„Nun fahrt in die Hölle,“ sprach der Kapitän dann zu den Verurteilten. „Ich aber werde meinen Weg weiter verfolgen. Ich werde nach den anderen Schurken suchen, die zu Euch gehören, ich werde mir weder Rast noch Ruhe gönnen, bis ich sie endlich entdecke.“
Orloff stieß ein wildes Hohngelächter aus und schrie dem stolzen Manne Schmähungen zu, der aber wendete sich verächtlich um und schritt hinaus, während die Männer von der Besatzung des Luftschiffes wie Tiger über die Meuterer herfielen.
Da schallte wildes Gebrüll, da versuchten die Unholde, nochmals ihre Fesseln zu sprengen, sie kreischten wie wilde Tiere, als man sie einen nach dem anderen auf die Galerie hinausschleppte.
Draußen tönte das wilde Geschrei fort, da vernahm man gellende Rufe, das Todesgeschrei der acht Scheusale, und jetzt sah man einen Körper nach dem anderen an einem langen Strick unter dem Luftschiff hin- und herschwanken.
Gregor, Wassil und Orloff kamen zuletzt an die Reihe, diese Schufte sollten die Todesangst bis zuletzt fühlen. Orloff war der letzte, über dessen Kopf die Schlinge gezogen wurde.
„Sagt Eurem Kapitän, er wird mir bald in der Hölle Gesellschaft leisten!“ waren die letzten Worte des Elenden.
Gleich darauf schleuderte ihn ein Fußstoß in die Luft hinaus und der Körper des Gerichteten baumelte neben den Leichnamen seiner Gefährten.
Das Luftschiff aber stieg höher und höher hinauf, bis es in den Wolken verschwand. Dann fuhr es schnell nach Osten, zu neuen Abenteuern, zu furchtbaren Erlebnissen aller Art, auf der Erde, über dem Meere, ja sogar im unbekannten Weltraume.
Anmerkungen zur TranskriptionDieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 47-83. Moderne Zusätze und Anmerkungen wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.Der Titel auf dem Buchdeckel und der Titel auf der ersten Seite unterscheiden sich leicht (wie schon in der Originalvorlage).Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert. Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Anmerkungen zur Transkription
Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 47-83. Moderne Zusätze und Anmerkungen wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.
Der Titel auf dem Buchdeckel und der Titel auf der ersten Seite unterscheiden sich leicht (wie schon in der Originalvorlage).
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert. Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.