6. Kapitel.Im Todeskrater.

Jedenfalls war das Tier mit den sogenannten Lälaps verwandt, ein Tier der Vorwelt auf Erden, welches einem riesigen Känguru ähnelte, nur, daß dieses Tier den langen Schlangenhals besaß, der ihm das schlangenartige Aussehen sicherte.

Kapitän Mors konnte sich jetzt nicht um Lindo bekümmern und gewahrte nur bei einem gedankenschnellen Blick, daß sein treuer Gefährte mit dem zweiten Ungeheuer kämpfte.

Jetzt kam der Riese wieder herangehüpft, schnarchte laut und suchte mit seinen beiden gewaltigen Tatzen Kapitän Mors zu packen.

Diesmal bückte sich der Luftpirat nur und führte einen furchtbaren Stoß nach der Stelle, wo er das Herz des riesigen Ungeheuers vermutete.

Ein gewaltiger Blutstrahl sprudelte hervor, fast wie aus einem Springbrunnen. Kapitän Mors duckte sich schnell und entwischte gerade noch aus den Krallen des Ungeheuers, die ihn zu packen drohten.

Wieder tönte das Schnarchen, gräßliche Wut malte sich in den weiß leuchtenden Augen des Ungetüms, aber seine Bewegungen waren nicht mehr so schnell wie vorhin, es schien die Wirkung der blanken Waffe zu spüren.

Das Blut schoß wie eine Fontäne aus der Wunde in der Brust und es war möglich, daß der Stich das Herz verletzt hatte. Die Bestie warf schreckliche Blicke auf den Menschen, der jetzt mit Befriedigung die entschwindenden Kräfte des Angreifers bemerkte.

Inzwischen war Lindo auch nicht müßig gewesen und hatte mit der Axt auf die von Mors bezeichnete Stelle losgehauen.

Der Brave hieb zu, als wollte er einen Baumstamm fällen, aber das war sein Glück. Es gelang ihm, mit der haarscharf geschliffenen Axt den Halswirbel des Ungeheuers zu durchschneiden und das Rückgrat an der Stelle zu trennen, wo der Schlangenhals mit dem massigen Leibe verbunden war.

Auch dieses Ungeheuer stieß ein fürchterliches Schnarchen aus, welches aber fast einem Gebrüll ähnelte, dann drehte es sich ein paar Mal rund herum, fiel auf den Rücken und begann im Todeskampf schrecklich zu zappeln.

Da sah Kapitän Mors, der eben noch seine Aufmerksamkeit seinem Gegner zugewendet, das dritte Ungeheuer lautlos herangleiten. Kein Zweifel, es wollte Lindo von hinten packen.

„Drehe Dich um Lindo,“ schrie der Luftpirat mit furchtbarer Stimme. „Es ist noch eins hinter Dir! Rasch, rasch, es will Dich fassen!“

Der Inder sprang blitzschnell bei Seite und das war sein Glück, da im selben Moment das Ungetüm an der Stelle, wo er gestanden, anlangte.

Es röchelte und schnarchte und drehte den langen Schlangenhals bald nach rechts, bald nach links, indem es die beiden Männer mit den fürchterlich leuchtenden Augen anstarrte.

Aber jetzt wurde es von den beiden Männern angegriffen. Bald von links, bald von rechts, sodaß die Bestie gar nicht wußte, wohin sie sich zuerst wenden sollte.

Lindo hieb mit der Axt auf die Halswirbel der Bestie los, Kapitän Mors aber bohrte ihm das fußlange Dolchmesser in die Seite.

Jedesmal schnarchte das Tier laut und fuhr herum, um seinen Gegner zu packen, der aber sprang alsdann gewandt zurück, während sein Gefährte den Angriff erneuerte.

Immer lauter wurde das Schnarchen, das Röcheln; aber jetzt spritzte auch das schwarzrote Blut von allen Seiten hervor, das Ungeheuer taumelte. Kapitän Mors hatte sicherlich das Herz getroffen. Lindo aber hatte ihm mit einem furchtbaren Axthieb den Halswirbel fast ganz durchgeschlagen.

Inzwischen waren auch die beiden anderen Ungetüme verendet, und nun sahen die zwei Männer auf die Kampfstätte, auf die drei Riesen der Tierwelt, auf die Lachen geronnenen, schwarzroten Blutes.

Aber da kam auch schon wieder der Tag heran, die kurze Nacht ging zu Ende, die Sterne verblichen, die Sonne erschien und beleuchtete die massigen Gestalten der erlegten Ungetüme.

Vom Weltenfahrzeug herüber hörte man die Schreie der Männer, welche die Besatzung bildeten. Aber die waren über den Anblick dieser unheimlichen Riesentiere so entsetzt gewesen, daß sie gar nicht wußten, was sie tun sollten.

Jetzt aber erschienen sie auf der Galerie und wollten ihren Augen nicht trauen, als sie die beiden Helden noch lebend sahen.

„Na, Ihr habt uns schön im Stich gelassen,“ rief Lindo ärgerlich. „Da seht mal, was der Kapitän wieder mal geleistet hat.“

„Laß es nur gut sein,“ erwiderte Mors. „Du hast Dein redliches Teil dazu beigetragen. Ich bin stolz auf Dich. Du hast gekämpft, wie ich es erwartete. Wir sind Sieger geblieben.“

„Hoffentlich kommen nicht mehr heraus,“ meinte Lindo, indem er nach der Kluft hinblickte. „Am Ende befindet sich eine ganze Herde darinnen.“

„Das glaube ich nicht,“ erwiderte Kapitän Mors. „Das halte ich für ausgeschlossen. Diese Tiere leben sicherlich nicht in größerer Menge, und ich glaube wohl, daß wir ein Pärchen dieser Kolosse mit einem ausgewachsenen Jungen bekämpfen mußten. Genug, das Abenteuer ist vorüber und wir sind die Sieger geblieben.“

Da deutete Lindo nach dem Vulkan hinüber, der von der Sonne beleuchtet wurde.

„Kapitän,“ schrie er. „Das Zeichen, das Signal! Kapitän, da weht die rote Fahne! Jetzt droht uns Gefahr von den Elementen der Tiefe! Da zischt es, da braust es schon wieder! Da will die Lava aus den Eingeweiden der Erde hervorquellen!“

In der Tat hatte der Professor mit seinen Gefährten das Warnungssignal erteilt.

„Geschwind, Lindo,“ rief Mors, für den das furchtbare Abenteuer schon vergessen zu sein schien. „Jetzt ist jeder Augenblick Zeit kostbar. Wir müssen die Arbeit am Riesenmagnet beenden. Ich denke, Star wird bald zur Unterstützung herbeikommen.“

Darin sollten sich die beiden Männer nicht täuschen.

Bald kam die kurze Nacht, aber die Ungeheuer der Tiefe ließen sich nicht mehr blicken, als es aber wieder hell wurde, kamen die Inder, Star und der Professor vom Vulkan herüber.

Die staunten nicht wenig, als man ihnen das Abenteuer erzählte und als sie die Körper der getöteten Ungetüme gewahrten. Der Professor vergaß sogar die Nachricht, die er brachte und mußte erst von Kapitän Mors daran erinnert werden.

Dann erstattete er seinen Bericht und deutete auf die Instrumente, die man wieder mit zurückgebracht.

„Die Katastrophe droht,“ sprach der Professor. „In spätestens vierundzwanzig Stunden werden die Lavamassen aus dem Innern der Erde hervorbrechen, und wenn wir bis dahin nicht das Weltenfahrzeug aus dem Krater befreit haben, ist alles verloren. Die Lavamassen würden das Fahrzeug mit einem hunderttausende von Zentnern schweren feurigen Mantel bedecken.“

„Ich weiß,“ erwiderte Mors. „Star, hierher, Du bist der einzige, der uns jetzt helfen kann. Wir arbeiten jetzt, so lange wir können. Wenn die Gefahr nahe rückt, muß ich zum letzten Mittel greifen, wenn es auch noch so gefährlich ist, es geht eben auf Tod und Leben.“

Da wurde kein Augenblick verloren.

Auch der Professor bot seine Hilfe an, aber Mors konnte nur Star und Lindo zu der Arbeit verwenden. Diese beiden waren die einzigen, die bei der Herstellung des Riesenmagneten und der Fertigstellung der Gelenkverbindungen Hand anlegen konnten.

Diese Männer mußten sich jetzt die Lufthelme mit den dazu gehörigen Apparaten aus dem Weltenfahrzeug holen, denn die Luft wurde dermaßen dick und schwer, daß sie kaum noch zum Atmen geeignet schien. Sie war jetzt nicht nur von Kohlensäure, sondern auch von Gasen gesättigt. Der blaue Himmel verschwand und an seine Stelle traten ungeheure dicke Wolken die ein schreckliches Aussehen hatten.

Zuweilen krachte der Donner und dann zuckten Blitze von einer solchen Helligkeit und solch enormer Ausdehnung, wie es die so viel gereisten Männer noch nie gesehen hatten. Es war ein Aufruhr der Elemente, der geradezu fürchterlich erschien und alles rührte, wie der Professor behauptete, nur von den unterirdischen Gewalten her, die sich zu einem geradezu fürchterlichen Ausbruch vorbereiteten.

Von dem mächtigen Vulkan war nichts mehr zu sehen, diesen bedeckten die ungeheuren Wolken, aber es krachte und prasselte unablässig in diesen dichten Massen. Man hörte ein greuliches Rollen und Poltern, ein Beweis, daß der riesige Vulkan sich bereits in voller Tätigkeit befand, daß sein Krater glühende Lavamassen emporschleuderte.

Aber nun begann es sich auch in der Nähe des Weltenfahrzeuges zu regen.

Lindo blickte zuweilen nach der Kluft hin, aus der die Saurier hervorgekommen waren, befanden sich dort noch mehr, so mußte sie der Aufruhr der Elemente aus ihren Schlupfwinkeln hervortreiben.

Aber das geschah nicht, die drei Tiere, welche dort gelebt, waren von Lindo und dem Kapitän getötet worden. Von den Bestien dieser neuen Welt war jetzt nichts mehr zu fürchten, wohl aber von den Elementargewalten.

Die unheimlichen Töne kamen aus dem alten Krater, in welchen das Weltenfahrzeug gestürzt war. Dort rauschte und zischte und brodelte es, das war ein richtiger Höllenkessel geworden.

Dort kam die Lava langsam empor, die feurige Masse, welche so lange in der Tiefe geschlummert hatte.

Man vernahm die unheimlichen Töne, welche diese siedenden Massen hervorbrachten. Die Hitze nahm zu, zuweilen glaubte Lindo schon, die glühenden Massen leuchten zu sehen.

So arbeiteten die drei Männer mit fieberhafter Hast an der Herstellung des Weltenfahrzeuges.

Es war aber vorauszusehen, daß die Elemente schneller arbeiteten, als die Menschenhand. Die Lava mußte hervorbrechen und das Weltenfahrzeug erreichen. Geschah dies, so wurde das geniale Wunderwerk in die glühenden Massen eingebettet und dann war es für alle Zeiten verloren.

Kapitän Mors holte jetzt den Professor, nicht um ihn arbeiten zu lassen, sondern damit van Halen die langsam empordringende Lava beobachtete.

Der Astronom konnte die Arbeitenden noch rechtzeitig warnen, damit sie sich mit ihm in das Weltenfahrzeug flüchteten.

War aber dann die Arbeit noch nicht getan, so mußte eben Kapitän Mors zum äußersten Mittel greifen, zu dem letzten Ausweg, der noch eine Rettung versprach, obwohl diese Hilfe das Fahrzeug und seine Insassen in die höchste Gefahr brachte.

Der Professor versah sich ebenfalls mit dem Lufthelm, und begab sich zu der schrecklichen Kluft.

Dort war bereits alles rötlich erleuchtet, der Widerschein der glühenden Lava, die langsam, aber unaufhörlich höher und immer höher drang, die zuletzt den unheimlichen Todeskrater überfluten mußte.

Dazu donnerte der Vulkan, man hörte sein Brüllen, man sah, wie die Lavablöcke durch die Dunstmassen heruntersausten. Man hörte das Aufprasseln der gewaltigen Massen, die auf dem steinigen Boden in tausend Stücke zersprangen.

Aber niemand hatte Zeit, einen Blick auf dies ebenso grausige, wie wunderbare Bild zu werfen. Die Sorge für das Weltenfahrzeug nahm alle Sinne in Anspruch.

Plötzlich kam der Professor zurückgerannt.

Seine Stimme klang dumpf und hohl in dem aus Metall und Glas bestehenden Helm. Er deutete mit der Rechten nach der Kraterkluft hinüber.

Es war gar nicht nötig, daß er sprach und die drei arbeitenden Männer auf die Gefahr aufmerksam machte. Diese sahen bereits, wo die Gefahr nahte.

Dort bei dem Kraterkessel war ja alles in wilder Bewegung, da stieg eine leuchtende, rote Masse hervor, rotglühender Brei floß zwischen den schwarzen Steinen hindurch, es war die glühende Lava, die einen Weg nach außen suchte.

Noch lag das Weltenfahrzeug höher, als die feurige Masse, aber es durfte keinen Augenblick Zeit verloren werden.

Diesmal klang Kapitän Mors’ Stimme dumpf und hohl, aber jedem verständlich.

Er forderte seine Begleiter auf, daß sie sich auf der Stelle nach dem Weltenfahrzeug begeben sollten.

Der Professor eilte hinüber, Lindo und Star folgten, nachdem sie die Werkzeuge zusammengerafft hatten.

Sie warfen dabei bedauernde Blicke auf den Lenkapparat, der noch immer nicht ganz in Ordnung war. Der Riesenmagnet konnte noch nicht in Tätigkeit treten.

Der Kapitän folgte als letzter und schloß hastig die beiden metallnen Türen.

Dann kam er nach dem Maschinenraum, wo Star, Lindo und der Professor auf ihn warteten.

„Wir hätten uns ohnehin zum letzten Mittel entschließen müssen,“ sprach der Luftpirat, als er den Lufthelm abgenommen. „Die Instrumente sind ja alle in wildester Verwirrung, wie es bei solchem Ausbruch elementarer Naturgewalten nicht anders sein kann. Da wäre es sehr fraglich gewesen, ob der Riesenmagnet gearbeitet hätte. Selbst wenn er sich in gutem Zustande befand, hätte also doch die Maschine, die hier für den Notfall aufgestellt ist, in Tätigkeit treten müssen. So, jetzt ist es Zeit, Professor, gehen Sie nach dem Mittelraum, damit Sie keinen Schaden nehmen. Wir wissen schon, wie wir uns hier schützen können. Lindo, Star, Ihr beide tretet hinter die Panzerwand, jetzt kommt die Entscheidung.“

Wenige Minuten später befand sich Kapitän Mors mit Star und Lindo allein im Maschinenraum.

Der Ingenieur und der Inder waren hinter die Panzerwand getreten, welche die Männer gegen die Wirkungen der Maschinengewalt schützte. Kapitän Mors aber hantierte an jenem eigenartigen Apparat, welcher bei einer früheren Fahrt die beiden Meuterer zu Asche verwandelt hatte.

Er zog an Hebeln, er drehte Schwungräder und bald erschallte ein Lärm, der die Sinne betäuben konnte.

Die seltsame Maschine war in voller Bewegung, die Schwungräder wirbelten mit fürchterlicher Schnelligkeit herum, man sah leuchtende Strahlen und zuckende Blitze, die zuweilen im Innern der Maschine entstanden, die sich gleich elementaren Blitzen kreuzten.

Die Maschine war eine Erfindung des Kapitän Mors, er hatte über ihre Konstruktion stets den Schleier des Geheimnisses gebreitet. Die Beschreibung dieser Maschine und ihre Wirkung war in der Bibliothek verwahrt und lag dort in einem stählernen Kasten, dessen Schlüssel Kapitän Mors niemals von sich ließ.

Er war auch der einzige, der diese gefährliche Maschine in Tätigkeit setzen konnte und imstande war, bis zum letzten Augenblick in der Nähe der herumwirbelnden Schwungräder auszuhalten.

Plötzlich sprang der Luftpirat mit mächtigem Satz hinter die Panzerwand, welche Lindo und Star schützte.

„Nun kommt die Entscheidung,“ sprach Mors, während seine feurigen Augen nach der Maschine hinüberblickten. „Entweder kommen wir jetzt aus dem Krater heraus, oder wir werden samt dem Weltenfahrzeug in Atome zerschmettert. Menschliche Kraft und menschliches Wissen sind aufgeboten, aber jetzt stehe ich an der Grenze des Erreichbaren.“

Im Maschinenraum tobte jetzt ein wahrer Höllenlärm, das rätselhafte Werk des Kapitän Mors arbeitete, als würde es von bösen Geistern bedient und getrieben. Es war ein Sausen und Brausen, ein Knattern und Krachen, ein Zischen und Summen, daß Lindo und Star sich die Ohren zuhielten.

Plötzlich ging ein Ruck durch das Weltenfahrzeug, dem bald darauf ein zweiter und dritter folgte.

Nun geschah etwas anderes, schier Unheimliches, Star und Lindo hatten die Empfindung, als ob das Weltenfahrzeug emporgehoben würde.

„Die Lava ist unter unserem Fahrzeug,“ rief Star, als sich der Stoß wiederholte.

„Nein, sonst wäre alles vorüber,“ erwiderte der Kapitän. „Die Maschine hat jetzt ihre volle Kraft entwickelt und diese Kraft ist es, die uns emporhebt und uns ein Stück von der gefährlichen Stelle hinwegtragen soll. Gelingt dies nicht, so kann auch ich nicht mehr helfen.“

Eine unheimliche Ruhe lag in diesen Worten des Kapitän Mors, ein Beweis, daß diesem Manne der Tod gleichgiltig war. Der Ruck aber wiederholte sich und wieder hatten Star und Lindo die Empfindung, als wenn eine unheimliche Gewalt das Fahrzeug emporhebe und es gewaltsam hin- und herschüttelte.

„Wir schweben,“ erwiderte Kapitän Mors. „Ich habe den Kurs des Fahrzeuges nach Osten gerichtet, denn dort war eine ebene, wenn auch steinige Fläche. Aber dort droht kein vulkanischer Ausbruch.“

Das Weltenfahrzeug schwankte hin und her, aber es schwebte offenbar.

Sicherlich flog es nicht hoch und Star fürchtete, daß es jeden Moment gegen eine der nahen Klippen rennen möchte, zumal sich diese oft mehrere hundert Meter hoch erhoben.

Aber Kapitän Mors hatte den Kurs des Fahrzeuges aufs Genaueste berechnet und die Richtung des Fahrzeuges so bestimmt, daß es zwischen den drohenden Felsen hindurchfuhr.

Wieder schwankte der Koloß hin und her, dann erhielt es plötzlich einen Stoß, noch einen und das Weltenfahrzeug stand unbeweglich.

„Ich glaube, wir sind gerettet,“ rief der Luftpirat.

Star wollte hinter der Panzerwand hervorkommen, aber Kapitän Mors hielt ihn krampfhaft fest.

„Stürze Dich nicht ins Verderben,“ sprach er ernst. „Du siehst doch, daß die Maschine noch immer in Tätigkeit ist. Es dauert noch eine Weile, ehe sich die gigantische Kraft beruhigt.“

Diese Warnung war notwendig, denn im Maschinenraum leuchtete es zuweilen unheimlich auf. Es waren bläuliche und grünliche Blitze, welche die Maschine schleuderte, und jeden Menschen, der sich in ihren Bereich wagte, mit Verderben bedrohten.

Diese Entladungen ließen allmählich nach, auch die Schwungräder arbeiteten nicht mehr so wild wie erst. Sie drehten sich langsamer, immer langsamer, bis sie endlich unbeweglich stehen blieben.

Der Kapitän aber betrachtete mit stolzen Blicken dieses Werk, das sein Genie geschaffen.

„Ich habe viel von dieser Maschine erwartet,“ sprach er halb für sich, halb zu seinen Leuten. „Aber, sie hat meine Erwartungen übertroffen. Jetzt, Star, kannst Du einen der Schieber vor dem Glasfenster öffnen.“

Der Ingenieur tat, wie ihm geheißen, der schwere Schieber bewegte sich seitwärts, ein roter Schimmer drang in das Innere des Maschinenraumes.

Star stieß einen Ausruf des höchsten Staunens aus, als er ein nie geschautes Bild erblickte. Lindo und Kapitän Mors waren sofort an seiner Seite.

Das Weltenfahrzeug lag auf einer steinernen Hochfläche, wenigstens tausend Meter vom Todeskrater entfernt, aus dem es das Geschick und das Genie seines Erbauers emporgehoben hatte.

Dort aber war jetzt der Tod und das Verderben entfesselt, deutlich sah man von diesem hochgelegenen Standpunkt aus die Lavaströme aus dem scheinbar erloschenen Krater hervorbrechen und allgemach die Umgebung überschwemmen.

Man sah, wie die glühenden Lavamassen die Körper der drei getöteten Rieseneidechsen umspülten und wie die Kolosse unter der Lava zu Asche verbrannten. Dann bildeten die glühenden Massen einen kleinen See, aus dem nur die höheren Felsen aus der Nähe des Todeskraters hervorragten.

Dazu kam noch das Gebrüll des Vulkans, den man aber noch immer nicht zu sehen vermochte. In der Nähe des Feuerberges wirbelten jetzt dicke Mengen von Dampf und Qualm, die nur zuweilen durch die herniederprasselnden, glühenden Steine erleuchtet wurden.

Star betrachtete dieses großartige Bild, er sah, daß auch weiterhin Ausbrüche stattfanden. Die Oberfläche des kleinen Planeten schien jetzt ein Bild des Grauens und der Verwüstung zu bieten.

„Es scheint, als ob der ganze Weltkörper auseinander gehen wollte,“ sprach der Ingenieur endlich zum Kapitän, der mit eiserner Ruhe das großartige Bild betrachtete.

„O nein,“ lautete die Antwort, „das mag hier öfters vorkommen, und so ist es auch früher auf der Erde gewesen. Das sind eben noch die entfesselten Naturgewalten, die in der Erde nur noch in der Tiefe schlummern. Hier ist die Kruste, welche diese Erde bedeckt, noch nicht stark genug, um die tobenden Elemente zu bändigen, aber mit der Zeit wird auch hier die Erstarrung eintreten.“

Damit sah Kapitän Mors nach rechts und links, um die Umgebung des Weltenfahrzeuges in Augenschein zu nehmen.

Er war offenbar befriedigt.

All seine Berechnungen waren in Erfüllung gegangen, der „Meteor“ lag an einer Stelle, wo ihm keine Gefahr drohte. Hier konnte man, wenn die Luft wieder reiner geworden war, die Reparatur des Lenkapparates beenden und den unheimlichen, kleinen Planeten verlassen.

Nicht weit von der Fläche sah man Wald, der ebenfalls von Sumpf umgeben war. Der Wald schien sich überhaupt nur an Stellen zu befinden, wo der Sumpf die tieferen Stellen des Planeten bedeckte.

In diesem Walde war alles in Bewegung, die tierischen Bewohner schienen sich zu flüchten. Man sah zuweilen große graue Massen, die am Rande des Gehölzes sichtbar wurden, aber sofort wieder in dem undurchdringlichen Unterholz verschwanden.

Am wunderbarsten aber sahen jene fledermausartigen Geschöpfe aus, die jetzt durch das Toben der Elemente aufgestört, zuweilen über den Kronen der Palmen oder der Riesenfarren auftauchten und mit sonderbaren gaukelnden Bewegungen hin- und herflatterten.

Es war jetzt gerade der kurze Tag und da konnte man diese Tiere durch Ferngläser genauer betrachten. Sie waren halb Vögel, halb Eidechsen und besaßen Flughäute wie die Fledermäuse, sowie große mit spitzen Zähnen besetzte Rachen.

Man konnte sogar im Weltenfahrzeug die schrillen Laute hören, welche die flatternden Ungetüme ausstießen. Sie wußten offenbar nicht, wohin sie sich wenden sollten und waren auch wohl durch das Licht der Sonne geblendet.

Dann aber verschwand wieder alles und es war, als ob sich ein dichter Schleier auf diese Landschaft legte. Aschenwolken verhüllten die Landschaft, sie senkten sich vom Vulkan herab und die Asche bedeckte die ganze Umgegend mit einer silbergrauen Schicht, die sich zuletzt zollhoch anhäufte.

Aber das war ein gutes Zeichen.

Kapitän Mors wußte, daß große Vulkanausbrüche gewöhnlich mit einem Aschenregen zu enden pflegen. So war es auf der Erde, so war es auch höchstwahrscheinlich auf dem neuen Planeten.

Er täuschte sich nicht, denn das fürchterliche Donnern ließ allmählich nach, das Krachen und Prasseln verstummte, der Boden zitterte nicht mehr so wie bisher, der Vulkan ging zur Ruhe.

Noch mußte man stundenlang ausharren und es wurde abwechselnd Nacht und Tag, aber dann konnte man das Weltenfahrzeug verlassen und sogar die Lufthelme zur Seite legen.

Freilich war die Luft noch immer dick und schwer, aber viel reiner als vor dem Vulkanausbruch, die ungeheuren Naturgewalten schienen die Wirkung eines Gewitters gehabt zu haben. Sie hatten die Luft gereinigt.

Dort aber am Todeskrater, wo das Fahrzeug gelegen, brodelte und kochte ein Feuersee, dort war die Lava hoch emporgestiegen, der Krater war vollständig ausgefüllt, später mußte dann diese brodelnde Masse erstarren.

Mit Bewunderung betrachteten die Mannschaften des Weltenfahrzeuges den genialen Führer, der sie alle vom Tode rettete und der jetzt, als wäre nichts geschehen, mit Star und Lindo die Arbeit am Lenkapparat fortsetzte.

Freilich hatte das Fahrzeug andere Beschädigungen erlitten.

Als es durch die unheimliche Maschine emporgehoben den Todeskrater verließ, war es ziemlich schwer, ja unsanft auf die Steine gestoßen. Die Röhren, welche die flüssige Luft im Fahrzeug verteilten, waren zum Teil verbogen, gequetscht, auch die Einrichtung für die Luftversorgung hatte gelitten.

Freilich reichte der Vorrat der verwendbaren Luft noch einige Zeit, aber eine Fortsetzung der großen Fahrt konnte vorerst nicht unternommen werden. Man mußte die vorhandenen Vorräte benutzen, um zunächst nach der Erde zurückzukehren. Die Fahrt nach dem Monde mußte von neuem unternommen werden.

Aber Kapitän Mors gehörte ja zu jenen Männern, die nie die Geduld verlieren, er wußte, daß dies, was er unternommen, von niemand anders auf der Erde geleistet werden konnte. Er hatte auch keine Veranlassung, alles, einem verzweifelten Spieler gleich, auf eine Karte zu setzen.

„Sowie der Lenkapparat in Tätigkeit gesetzt ist, nehmen wir Kurs nach der Erde,“ sprach der Kapitän, indem er auf die kleine, seltsam leuchtende Scheibe zeigte, die jetzt wieder am Himmel sichtbar wurde. Das war die Erde, dorthin ging der Lauf, nach dem irdischen Planeten zurück, dessen Beobachter nichts von dem Vorhandensein des kleinen Planeten ahnten.

Nach harter Arbeit war das Werk vollendet, der Riesenmagnet konnte wieder in Tätigkeit treten, der Lenkapparat gehorchte der Hand des Meisters und als wieder eine der kurzen Nächte vorüber war, erhob sich der „Meteor“ stolz von der Oberfläche des kleinen Planeten.

Durch die dicken Glasfenster aber sahen die Männer herunter auf den kleinen Planeten, auf dem sie so viele Abenteuer erlebt hatten. Sie sahen den Todeskrater oder vielmehr die Stelle, wo sich derselbe befunden. Sie sahen den glühenden Lavasee und den Vulkan, aus dessen Krater noch immer dicke schwarze Dampfwolken stoßweise emporfuhren.

Sie sahen die Wassermengen in den tiefen Tälern, die Sümpfe, die unheimlichen Wälder, welche eine noch unheimlichere Tierwelt bargen, aber das alles entschwand in wenigen Minuten.

Kleiner, immer kleiner wurde der seltsame Planet, jetzt zeigte er schon die Kugelgestalt, dann schrumpfte er allmählich zum Stern zusammen, ein winziges Teilchen des Weltalls wurde der kleine Planet, während das Weltenfahrzeug mit furchtbarer Schnelligkeit zurück nach der Mutter Erde sauste.

Das Weltenfahrzeug schwebt im Weltenraum. Links unten sieht man die Oberfläche des Mondes mit seinen Ringgebirgen; rechts den Planeten Saturn mit seinen eigenartigen Ringen, die den Planeten umkreisen.1.Der Metallrumpf des Weltenfahrzeuges.2.Fenster aus stärkstem Glas, durch Gitter geschützt und durch Metallschieber verschließbar.3.Die Tür zur Außengalerie, luftdicht verschließbar.4.Treppe zur oberen Galerie.5.Der Ausguck.6.Obere Galerie.7.Der Scheinwerfer.8.Der Riesenmagnet.9.Die Leitungen für den Riesenmagneten, mit ungeheuren Diamanten.10.Lenkapparat.11.Die Kraftzentrale.12.Einrichtung für die Luftversorgung.13.Elektrizitätsbehälter.14.Metallbehälter.15.Röhren für flüssige Luft.16.Apparat für Gegenwirkung des Riesenmagneten, auf Diamanten montiert.17.Beweglicher Metallring.18.Klappen, zu luftleeren Räumen führend.19.Das „Gelenk“ des Riesenmagneten.20.Der elektrische Lichtkegel.

Das Weltenfahrzeug schwebt im Weltenraum. Links unten sieht man die Oberfläche des Mondes mit seinen Ringgebirgen; rechts den Planeten Saturn mit seinen eigenartigen Ringen, die den Planeten umkreisen.

1.Der Metallrumpf des Weltenfahrzeuges.2.Fenster aus stärkstem Glas, durch Gitter geschützt und durch Metallschieber verschließbar.3.Die Tür zur Außengalerie, luftdicht verschließbar.4.Treppe zur oberen Galerie.5.Der Ausguck.6.Obere Galerie.7.Der Scheinwerfer.8.Der Riesenmagnet.9.Die Leitungen für den Riesenmagneten, mit ungeheuren Diamanten.10.Lenkapparat.11.Die Kraftzentrale.12.Einrichtung für die Luftversorgung.13.Elektrizitätsbehälter.14.Metallbehälter.15.Röhren für flüssige Luft.16.Apparat für Gegenwirkung des Riesenmagneten, auf Diamanten montiert.17.Beweglicher Metallring.18.Klappen, zu luftleeren Räumen führend.19.Das „Gelenk“ des Riesenmagneten.20.Der elektrische Lichtkegel.

Anmerkungen zur TranskriptionDieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 123-160. Moderne Zusätze und Anmerkungen wurden nicht übernommen.Eine Ungereimtheit findet sich inKapitel 3: Lindo, der eigentlich die Arbeiten am Weltenfahrzeug fortsetzten sollte, ist plötzlich doch unter den Teilnehmern der Expedition anzutreffen.Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert. Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Anmerkungen zur Transkription

Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 123-160. Moderne Zusätze und Anmerkungen wurden nicht übernommen.

Eine Ungereimtheit findet sich inKapitel 3: Lindo, der eigentlich die Arbeiten am Weltenfahrzeug fortsetzten sollte, ist plötzlich doch unter den Teilnehmern der Expedition anzutreffen.

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert. Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.


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