Das erstere war jetzt nicht mehr möglich; seine Würde als Abkömmling so tapferer Männer ließ einen solchen Rückzug nicht zu, und was würden seine Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen hätte? Die nächste schickliche Gelegenheit mußte entscheiden.
"Nun, Brüderchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so ziemlich unter uns;—gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit der kleinen Präsidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten, Zurückhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und —rühmte sich heimlich von ihr erhaltener Begünstigungen, die Emils Blut zu Eis erstarren ließen. Plötzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen Kindes mit ihrem sanften Blick, mit ihrem keuschen, jungfräulichen Erröten vor das Auge—Nein! nein! rief es mit tausend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt sich der Himmel nicht, daß er die heiligste Unschuld auf die Züge einer Metze malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von wem sprechen Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich nichts Erwünschteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von dem zivilen Gräfchen gewichen sei. Er wollte ihn miteinemBlicke einschüchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu lassen; da kam er aber an den Falschen.
Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; Hoheit,Mut, Zorn—alles sprühte auf einmal wie mit einem Feuerstrom aus diesenAugen auf ihn zu, daß er die seinigen betroffen niederschlug. "Was fälltIhnen ein? Was kümmert Sie unser Gespräch? Es ist hier niemand, der darnachzu fragen hätte."
"Sie haben," fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, "Sie haben dem ganzen Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzählt; es hat also auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen, undich fragejetzt!"
"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schätzchen reden, ohne daß ein anderer sich dareinzulegen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit Ihrer Gesellschaft beehren wollen—Kellner, noch einen Kelch hierher für den Herrn da!"
"Ist unnötig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, möchte ich gerne beantwortet haben."
"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine Herzensangelegenheiten mischen müssen, was ich übrigens nicht sehr delikat finde,—ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin, gesprochen."
"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie vorhin taten?"
"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und maß den Grafen von oben bis unten, wobei er übrigens sich hütete, seinem Auge zu begegnen. "Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!"
"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!"
"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an, anmaßend zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher—Polacken behaupten, was ich sagte."
"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die übrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatten, wie der Graf geschraubt würde, sich wandte, "nun ja, so, muß ich nurSiebedauern, meine Herren, daß Sie sich auf diese Art unterhalten lassen von diesem erbärmlichen Lügner."
"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen für blaue Bohnen."
"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist spaßig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von der Brust wegging, "das ist spaßig, daß ich in Freilingen einen kleinen Gang zu machen habe!"
Die Dragoner saßen noch ganz verdutzt über den schnellen Ausgang derSchrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "dasKerlchen nahm sich doch so übel nicht bei der Sache; er hat einenverfluchten Anstand, und es ist, als wäre er schon mehr dabei gewesen!"
Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen. Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht sonstwo einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeister zeigte eine ungemeine, spaßige Fröhlichkeit, meinte, es müsse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole losbrenne; den übrigen war es übrigens nicht so ganz wohl zu Mut; das schnelle Ende des Streites hatte aus allen Köpfen den Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich an die Affäre, und manchen wollte es bedünken, daß sie doch im heillosen Übermut herbeigeführt worden sei. Man äußerte dies auch unverhohlen gegen Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurück und sagte: "Sporeneck, morgen früh acht Uhr, auf Pistolen."
Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, und keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestürmte Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; er erzählte:
"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespräch miteinander im Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung zurücknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet, worauf er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die Wiese hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen Sekundanten lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm sei, werde ihm sekundieren." Der Rittmeister schien vor Freude außer sich zu sein, daß er seinem Rivalen mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne; er wollte mit dem Champagner weiter machen, die nüchtern gewordenen Kameraden ließen es aber nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen, um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu frühstücken.
* * * * *
Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden, eben sich mit der Toilette beschäftigte, hörte sie Pferdegetrappel gegenüber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig zurück. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine bestimmt für das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an diesem kalten Tag, ob er—" der Gedanke an eine plötzliche Abreise ohne Abschied durchblitzte sie, daß ihr die hellen Perlen in den zarten Wimpern hingen. Doch sie hatte ja darüber einen Trost, der sie zugleich tief betrübte; die Gräfin war ja noch hier, sie wußte nichts von seiner Abreise; er konnte also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem Torweg herauf zu hören: "Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der Mondwirtin; o wie gerne wäre sie in diesem Augenblicke die Ehehälfte des Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen Lippen zu hören!
Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den Zügel von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt kam Mart— nein, ein Offizier in fremder glänzender Uniform. Jetzt kam auch der alte Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich unterhalten hatte; wo blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behängt, schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der Offizier. "Eine schöne, geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn sie nicht irrte, eine polnische oder russische, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam ihr so bekannt vor; wie? sollte etwa Em— doch nein, er war ja nicht Soldat und trug auch keinen Orden, und diesem glänzte der Wladimir in Diamanten auf der Brust—wenn er—eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich—wenn er doch nur den hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, daß sie sein Gesicht sehen könnte.
Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und stieß den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf—es war Emil von Martiniz.
Wie schön, wie götterschön war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn die Uniform! Wie hingegossen saß er auf seinem stolzen Roß; die dunkeln Locken stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und beschatteten die blendend weiße Stirne; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heut eine Bedeutung, die sie beinahe noch nie an ihm gesehen; stolz und frei, als wollte es in einem Blick eine Welt ermessen, schweifte es her und hin; er klopfte den zierlichen, schlankgebogenen Hals des schönen Tieres, das er ritt, er sah so kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner Ulanen und es werde in schmetternden Tönen Marsch, Marsch! geblasen; sie konnte nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Negligé—sie öffnete das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schöneres sehen als das Mädchen, wie es hier im Fenster stand. Die Äuglein sahen so klar und freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft gerötet, das Mäulchen so süß und kußlich, um das feine, liebe Gesichtchen ein zartes, reinliches Nachthäubchen, der Hals frei und dann ein Spenzerchen, so weiß wie frischgefallener Schnee, über Nacken und Brust herab. Tausend Löckchen und Stränge, die, vom mutwilligen Morpheus entfesselt, unter dem Häubchen sich durchgestohlen hatten—das ganze Wunderkind sah aus wie ein süßer Morgentraum—
Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der Glorie der jungfräulichen Unschuld, mit der Wehmut gekränkter und doch verzeihender Liebe zu ihm herabsah—noch einmal, vielleicht das letzte Mal hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Träne blitzte in seinem Auge; jetzt aber stieß er seinem Pferde beide Sporen in den Leib, daß es wuterfüllt kerzengerade aufstand; unwillkürlich bog sich seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Kuß zu: "Adieu mon coeur!" rief er, und dahin flogen die Reiter; in einem Augenblicke war nichts mehr von ihnen zu sehen.
"Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zärtlich herauf—er warf einen Kuß herauf—wem flog er zu? Ihr oder der Grä— konnte diese nicht auch im Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuß zugeworfen—Sie mußte Gewißheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Gräfin schon aufgestanden sei.—Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und schliefen. "Also mir, mir,—" lächelte das stillselige Mädchen vor sich hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo er gehalten, wo er ihr seinen Gruß, seinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie, konnte er nicht nach der Gräfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr seinen Kuß geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben mußte, zu kränken? Doch nein;ihrhatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief in seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er gegrüßt, sie, sie war die Glückliche; wie weit er sich auch verirrt hatte, sie fühlte, daß sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.
Jetzt versank sie in angenehme Träume; sie wiederholte sich, wie engelhübsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht gut miteinander wären, ihn recht auszuschmälen, daß er sich nie vor ihr in der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschön stand. So träumte sie, das liebliche bräutliche Mädchen; sie ahnte nicht, welchen gefährlichen Gang der Geliebte ging und daß die Parze so schnell den Faden ihres Glücks zerreißen könne, daß dann das Herz, an dem sie so gerne ruhte, für immer ausgeschlagen haben würde, daß die kühnen, liebesprühenden Augen schnell sich zu jenem eisernen Schlummer schließen könnten, aus welchem auch die süßeste Stimme, das zärtlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt.
* * * * *
Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen sie jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang, und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen. Emils Brust erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der Eifersucht über ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern—"Nein!Sie ist schuldig," rief er laut und unmutig. Gestern abend nämlich, als Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein müsse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er Ladenstein das Billett, und dieser las:
"Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir übrigens an einem Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du eine Busenschleife? Willst Du ein Schnürband von meinem Korsettchen?"
"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen, "kennst Du die Handschrift?"—"Von wem soll es sein als von ihr, die mich um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!"
"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es kommt hiebei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst."
Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne es ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die Adresse lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden; nachher werde sich vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: "Sie ist dennoch schuldig," entlockt.
Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: "Urteile nicht zu frühe! Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer Dame; so lange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir: das Mädchen, so hold und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst—und du wirst freudiger streiten."
Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein Roß zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an.
Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit; denn sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im Morgenrot; der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches, das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten.
"Alle Teufel, wer hätte das gedacht?" flüsterte Sporeneck. "Hätte ich das gewußt—weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen."
"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, wie der behängt ist, eins—zwei—drei—sieben Orden hat das Kerlchen und noch obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz—und weiß Gott, den Kommandeur der Ehrenlegion! Das muß ein fixer Kerl sein."
Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus. "Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefällig ist!"
Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Äußerung des Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre, er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; man maß die Schritte ab, man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen—fertig!
Sporeneck hatte den ersten Schuß. "Nun, wenn es denn einmal sein muß," sagte er, drückte ab und—den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf; mitten durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab; zweimal setzte er an, zweimal ließ er das Pistol wieder sinken. Da rief der Rittmeister mit bitterem Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in demselben Augenblicke krachte es; Sporeneck schwankte und fiel.
Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. DerRegimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenigHoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor derStadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiterzur Stadt zurück.
* * * * *
Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen habe. Von dem Duell war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden. Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest, daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme; die übrigen hatten sich das Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.
Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und hatte heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Gräfin Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags hinüber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer sehr langweilte, hätte konversieren mögen.
Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die Kugel herausgenommen, die Ärzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu besuchen. Sie gingen mit.
In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die übrigen Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flüsterten etwas mit Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er erklärte, daß er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, über sich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer Stunde selbst noch gewünscht habe.
Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht entstellt, nur daß sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte dann hastig seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?" rief er. "Was schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?"
Die Anwesenden waren alle höchst betreten, als der Verwundete so aus der Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es möchte doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkäme. Es scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkürlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort: "Laß dich nicht von diesem da forttreiben, lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die Schlüssel geben und schließ auf! Dort findest du ein Strumpfband mit goldenem Schloß—" er hielt inne, als ob er nachsänne; der Graf aber trat in der höchsten Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er sprechen würde,—"und richtig,Honny soit qui mal y penseist drauf gestickt: Das bringst Du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich könne heute nicht selbst kommen. Ja—und weiter sage ihr, mit der Ida sei es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu schneiden, nur um das Gräfchen eifersüchtig—ja, halt, bei dem Grafen fällt mir ein—sage ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker, sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle, so habe sie es mit mir zu tun."
Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte. Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so töricht gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert, daß er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren aber von beiden ganz entzückt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß ein Kommandeur der Ehrenlegion, ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der größten Freundlichkeit "Herr Kamerad" titulierte.
Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnehme, die Proposition, ob er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt vom Haus sei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.
"Lieber Gott," sagte er, "ich weiß, wie es in der Garnison ist, habe auch lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, daß man immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß immer dem andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege, Herr Kamerad—ich denke, wir könnten darüber einig sein."
Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte den Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen, sich an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele zuwider; lieber hätte er sein Pferd verkauft—da kam ihm nun das Anerbieten des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich und ehrenvoll angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wäre er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle Höllengeister am Kollet gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer gegangen.
* * * * *
"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu Martiniz, als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der schönen Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!" antwortete Emil nachdenklich—"daß er mit der Gräfin in einem sehr unanständigen Verhältnis steht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarstein heiraten solle?"
"Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen," sagte jener und zog einen Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um womöglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und düsterer wurden seine Züge; der alte Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang dieser auf und rief: "Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit mir ein solches Spiel spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen? Wie reimen Sie dies alles zusammen?"
Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich sechzig Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter betrachte und darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Daß dich in diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben, zu angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun durch Kundschafter, oder wie es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen kannst, in einem zärtlichen Verhältnis mit Ida; daß der Gräfin daran lag, dich oder vielmehr dein Vermögen nicht hinauszulassen, kannst du dir denken. Daher kam sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber auch, daß sie Ida von deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus dem Strumpfbandbillett, das also vonihrist; wie er aber mit Idchen, dem keuschen, reinen Engel, stand—und hat er sein ganzes Leben hindurch gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr—erinnerst du dich, daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden Mädchen nichts anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen; so und nicht anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?"
Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte sein Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. "O Ida, wie tief habe ich dich beleidigt!" flüsterte er. "Was war ich für ein Tor, wie war ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam und konnte das gute, sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!"
Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue sein Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann man alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich ist nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden. Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen!" Und nun setzte er dem Grafen auseinander, daß er sich so bald als möglich mit seinem Mädchen versöhnen müsse; aber dabei dürfte er nicht stehen bleiben; er zeigte ihm, wie viel er diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst mit der Welt wieder ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle mögliche falsche Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn zu zerstreuen und zu erheitern. "Wahrlich," schloß er, "diesem Mädchen bist du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister abbittest—du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so sehr sich auch," setzte er schalkhaft lächelnd hinzu, "so sehr sich auch dein Herz dagegen sträuben mag!"
Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit zehnmal größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein "Amen, gehe hin und tue also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Tränen waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen, die aus dem dunkeln Auge sprühten; ein holdes Lächeln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff die Hände des guten Alten und preßte sie an sein lautpochendes Herz, an die glühenden Lippen. "O, wie Herrliches verheißen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein väterlichen Freund, mein guter, teurer O—" doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert, die jetzt noch verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die Arme und ging dann an die Türe: "Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als möglich!"
Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichsten Xeres loben. "So—o?" sagte er, "nun, da muß ich ja gra—tulieren!" "Nun wie, alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht zu freuen? Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?"
"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schön, die Frau Gräfin—"
"Wer spricht denn von der Gräfin?" sagte sein Herr, "Fräulein Ida meinen wir!"
"Was?" rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig; denn jetzthatte er wirklich süßen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind? Also hat GottIhr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden?Hurra, das ist einmal schön!"
Man mußte seinem Jubel Einhalt tun; er wäre sonst spornstreichs durch die Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt. Das helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen; er küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war es ein neuer schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen bezauberte; hatte sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten, eingeschnurrten, winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden Kinde gemacht.
* * * * *
"Und nun noch eine Bitte," sagte der glückliche Graf zu seinem Retter undRatgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage her sowehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe,—lassenSie es mich heute noch gut machen!"
Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle seine Ungeduld bis morgen zügeln; aber der Graf bat immer dringender. "Kann ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche Versöhnung nicht gut. Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber! Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich mich ja nicht zu genieren."
"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes Namen, komm!—wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt oder nicht. Aber das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den Familienehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst! darfst dich weiß Gott, vor König und Kaiser darin sehen lassen; darum tritt als Soldat auf, wenn du dein Mädchen zum ersten Male ans Herz drückst!"
"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen Säbel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Gräfin kam dazwischen, als ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte."
"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und wenn eine Kartätschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß."
Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an dasReglement des alten Herrn zu halten.
In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von Ladenstein hinüber kam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber gab ihr kurz zur Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber dachte: "Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer zuletzt lacht, lacht am besten!"
Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, das sie, weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur keinen falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," sagte sie; "aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich aus meinen vier Wänden, die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht, bis ich hier heraufzog."
"So, das hat die Gräfin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sichad notam, um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke, daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, "wunderschön und genial gedacht" fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler ein Raphael oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage selten mehr findet und die man gerade an den größten Kunstwerken alter Meister so hoch schätzen muß.
Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verließ, heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner, als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren alle meisterhaft; er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt überrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreißen, sie bat, sie flehte—es half nichts; es war ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es hätte unbetrachtet aus den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur—bei Gott, bis zum Sprechen ähnlich—Emil; der tiefe, wehmütige Ernst, der sonst in seinen Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn man in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den feinen Lippen schwebte: zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige, ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war außer der Ähnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es war nämlich Nacht in der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus, so daß nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war.
Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt; aber er kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr herab; auch sie war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den sie rettete, der nachher, aufgelöst von Dankbarkeit, nur ihr gehört hatte, daß dieser auf die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?—Sie stand, das holde Amorettenköpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl sich aus ihren Augen und rieselte über die Wangen herab.
Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer. Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen in Lächeln verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da, den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder gut machen."—
Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das Köpfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein Ende." Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muß heran und muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb—"
Das Mädchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischenWehmut und Unmut kämpfend, "ich hätte nicht geglaubt, daß Sie—"
"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände geben." Damit schritt er zur Türe und riß sie auf.
* * * * *
Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah, und traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und freundlich wie der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag Emil vor ihr auf den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küsse der Liebe darauf, Sie wollte die Hand zurückziehen, sie zog ihn mit herauf, und ehe sie sich es recht versah—doch das konnte man doch nicht sagen—sie sah sich mit einem blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um; doch der schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus—also ehe sie sich kaum recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf ihren Lippen und—"Solchein Kuß, das ist ein Kuß!"
Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Gräfin so eifersüchtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräfin die Cour gemacht, wie er—nun, er hatte sich stark versündigt, aber sie ließ ihn nicht weiter reden; mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer verschwunden. Sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhändchen auf den Mund und wisperte ihm errötend zu, daß sie alles vergeben und vergessen wolle; und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Küßchen zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Versöhnungskuß, dann einen langen dito, daß sie ihm nimmer bös sei, dann einen noch längeren, daß sie ganz gewiß nimmer zürne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.
"Aber Kinder, es wird spät," sprach endlich schon zum drittenmal der alte Herr und tippte Ida auf das Ärmchen, das den reuevollen Geliebten umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte; denn an diesen Zeugen hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.—"Kinder, es wird spät, und die Bilder könnten alle schon zehnmal gezeigt sein; wir müssen hinunter zur Gesellschaft."
"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war, herabzusteigen in einen nüchternen irdischen Tee."
Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüber zu spedieren, und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuß mußte er gestatten. Er würde in zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und jetzt endlich trennte man sich.
Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nureineswar ihr recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich glückselig sei, daß er sie gek— Sie errötete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das Mäulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten, daß es so wundersüß schmeckte.
Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht, da mußte man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter; aber sie mochte es machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustige Köpfchen mit einem spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles mögliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen Verwunderung die gleichgültige Miene, bis man sich verabschiedete.
Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beißen und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam.
Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe sehen lassen. "Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht," setzte sie preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die verberstet vor Neid," während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte,—"wenn er morgen früh mich zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags—nicht angenommen, und abends—nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, daß er nicht mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren."
"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" lächelte Fräulein von Sorben mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.
"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.
* * * * *
Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam noch nicht. Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl; denn der Graf hatte sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen anzuhalten. Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu seinem Frauchen machen will.
Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sie sehr anständig finden würde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöchsten Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen für eine andere bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,—sie hatte vom Hofrat gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann, von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch seine Einwilligung geben?—
Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz von ihr abzureißen, überwunden zu haben; aber sie scheute sich doch beinahe ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was sie für ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es ankündige.
Endlich—ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat er heraus,—mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte, als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen ….schen Gesandten gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die Brust quer herab, auf der Brust—was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das muß doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida und machte große Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus."
Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe; gewiß wollte Emil noch einmal—nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen. Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als könne sie heute nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hof- Gala-Knix, als er so bebändert, besternt und übergoldet zu ihr eintrat, und wußte nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr gerade ins Gesicht: "Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida nicht empfängt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das hätte ich doch nicht gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so einschüchtern ließe!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht aus, daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den Divan und erzählte, daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde.—
Das Mädchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch kam es ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zu Mut.—
Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon undHinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputzangetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa noch einigesBedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen.
Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es denn doch fehlen könne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte; aber der Onkel—"—"Nun, was für ein Onkel ist denn das?" fragte Ladenstein aufmerksam und neugierig.
"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar böser alter Herr sein,"—Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die Länge bei diesen Nachrichten—"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil ab; denn er soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr viel an dem Neffen tun—"—es zuckte wie tiefe Rührung in Ladensteins Gesicht—"wenn nun dieser die Sache erfährt," setzte sie traurig hinzu, "wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere ausgesucht hätte, wenn erneinsagt—"
"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie der alte Herr voll wunderbarer Rührung.
"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn man nur den erweichen könnte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter Tränen lächelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche, die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich für den alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich seinem Neffen so recht von Herzen gut bin, so—das tun Sie mir schon zu Gefallen, und Sie kennen den alten Herrn gewiß—so zeigen Sie ihm die Gruppe da, sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen Wahn befreite; wollen Sie?"
Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen. Endlich faßte er sich doch wieder; er wischte die Tränen hinweg, er war freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.
"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er lächelnd, "ich kenne ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, daß ich sein innigster—bester Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte schlägt mit Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstück sein."
* * * * *
Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stürmischer Eile Ladenstein zum Präsidenten hinabrief. Dieser ging und ließ die beiden allein. Emil sagte seinem Mädchen, daß der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine; nur habe er bange, was der Hof dazu sagen werde. Er für seinen Teil könne diese Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar gehe es den Hof nicht im mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte wohl ahnen, was ihr Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verstand; aber sie scheute sich, den Geliebten darüber zu belehren. Es wäre aber auch Sünde gewesen, ihn in seinem Glück zu stören. Er saß so selig neben dem bräutlichen Mädchen, er war so trunken von Wonne und Glück, daß er nichts anderes mehr zu hören und zu denken schien als sie.
Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Mädchen.Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heiligeFrührot der bräutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Lächeln,das bald Verlegenheit über den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, baldWonne und Freude verriet.
"Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen," rief der glückliche Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und barg ihr tief errötendes Köpfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen, das schöne Haar mit seinen Ringellöckchen zu betrachten und in den herrlich gewölbten Nacken, so rein und weiß, so glänzend wie aus Wachs geformt, niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite mehr Freude. Er faßte das Engelsköpfchen an dem sanften Kinn und hob es aufwärts. Wie mild, wie treu blickten ihn diese Augen an, wie würzig wölbten sich die Purpurlippen ihm entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er preßte sie an sich und sog in langen, langen Küssen das süßeste Leben in sich ein.
Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen, bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als sollte sie, aufgelöst in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen und hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schämen und schalt sich wieder aus über die Torheit; denn es war ja ihr Bräutig—; nein, das fiel ihr eben siedendheiß ein, es war noch nicht ihr Bräutigam, Papa hatte ihm seine Einwilligung noch nicht zugesagt—es schickte sich doch nicht so recht; sie wand sich verschämt aus seinen Armen und wollte eben sagen, daß er doch ein wenig einhalten—
Da ging die Türe auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den lächelnden Präsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere," rief er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine Wangen und küßte ihn und war ein so munteres, wöhliges Kind, als habe er ihr eine hübsche Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geschenkt.
Auch Emil war aufgestanden und zum Präsidenten getreten. Er fragte ihn vollFreude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen.
Der Präsident lächelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was SeineExzellenz, Ihr Herr O—" ein Wink des alten Herrn machte, daß er sichschnell korrigierte—"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus keinZweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wäre."
Die Glücklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, den guten Ladenstein, ja, es schien fast, als möchten sie noch mehr Zeugen ihres Glückes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der Hochzeit; der Graf wollte lieber heut als morgen und hätte gerne sein liebes Bräutchen nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Münster geführt. Aber dagegen sträubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv aus, als sie so ernsthaft sagte—"Nein, wenn es einmal sein muß, so muß es auch recht sein. Im Hausüberröckchen traut man kein reputierliches Fräulein." Der Präsident stimmte bei; er sagte: "Sie haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!"
Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr ist viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten, da habe ich ein so anständiges Plätzchen ausersehen, wie man es nur wünschen kann. Da ist—" er zog eine große Schreibtafel hervor, nahm mehrere Papiere heraus und entfaltete sie—"da ist ein gerichtlich ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrschaft Groß-Lanzau, drei Viertelstunden von hier, angekauft für den Herrn Grafen Emil von Martiniz, wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim zur Morgengabe übermacht, kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm gefällig ist."
Die drei machten große Augen. Emil stürzte dem alten Herrn an den Hals."Mein teurer väterlicher—"
"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur den Geschäftsträger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da ist!"— "Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "daß ich ihm danken kann für seine unendliche Güte?"
"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eineTräne der Rührung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude anseinem holden Töchterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinemNamen küssen." Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die schöneStirne.
Der Präsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je länger er las, desto größer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll faltete er die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das ist zu viel; bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Groß-Lanzau mit dem schönen, neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmöbliert, mit Stallung und Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und Feldern, weiß Gott, seine zweimalhunderttausend Taler unter Brüdern wert, nein, bedenkt auch noch—"
"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen von dem Zeug! Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern. Da ist auch noch etwas in den Papieren für das liebe Bräutchen, nämlich ein kleines Schlößchen, hart am Fluß, ein Stündchen von hier. Man hat mir gesagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen gewesen sei, und deswegen hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte erb- und eigentümlich zum Brautgeschenk übermacht."
Voll freudigen Schreckens schlug das Mädchen die Hände zusammen. "Doch nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete Ladenstein und überreichte ihr die Schenkungsakte.
Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer umherwie närrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes, herzigesBlauenstein!" daß die drei unwillkürlich über die possierliche Freude desMädchens lachen mußten.
Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schöneres sehen als dieses Blauenstein. Ein allerliebstes Schlößchen mit fünf bis sechs elegant eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem schönen Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des Schlößchens, gegen den schönen Fluß geöffnet, und eine paradiesische Aussicht hinüber in Täler und Berge—und dieses lauschige, liebliche Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem fröhlichen Bräutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil— gewiß, ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht!
Und jetzt hatte der Präsident auch nicht das geringste mehr einzuwenden, und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errötenden Mädchens auf die nächste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte Papa Präsident große Gesellschaft geben und dort das junge Paar als Braut und Bräutigam präsentieren.
* * * * *
"Was aber der Präsident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als jetzt die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die meisten dachten, es geschehe der Gräfin Aarstein zu Ehren, bei welcher er sich auf alle mögliche Weise zu insinuieren suche, um später einmal Minister zu werden.
Als man aber abends in den Salon des Präsidenten trat, wurde man noch mehr von diesem "Dicketun" überzeugt. Außer den prachtvollen Lüstres, die gewöhnlich bei Gesellschaften angezündet wurden, war eine ganze Galerie der geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und Walratlichter, so durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erscheinung für Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die Wände waren mit Festons von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, die sich in den deckenhohen Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen und Girlanden vervielfältigten. Ein ganzer Hausrat der prächtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher, Platten, Schüsseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermänniglich war erstaunt über diese Pracht.
Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die Finger daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Not und wichtige Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man nicht recht vernehmen, was er in petto habe, Er empfing seine Gäste höchst freundlich, aber zeremoniös, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern teilte sich überall und allen mit. Die Gräfin—nun, die kam endlich, sah aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehöre; denn sie war wie gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet.
Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr über die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlüpfen würde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehören soll," hatte Schulderoff geäußert, "so gönne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat und, das muß man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und fest habe ich in meinem Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte er doch recht; denn Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir selbst das Herz im Leibe hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, der nicht von ihren Reizen hingerissen wird."
So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte dieUniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert.
Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin hatte den größten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie müsse doch vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja, Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Gräfin suchte vergebens mit ihren rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung zu strafen; überhaupt hatten sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrängt—der Graf, der sich doch sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß er heute im Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der Rittmeister—der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf ihn. Im ganzen war er ihr gleichgültig; denn ihre Neigungen waren sehr flüchtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe Liebe war,—aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer derCavaliere serventesein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die übrigen Offiziere äußerten, so hätte er wenigstens ein Billett an sie hinterlassen können—aber sie wollte es ihm entgelten.
Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser Sirene begeben habe.
* * * * *