Chapter 2

Hätte ich übrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so reagierte—und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm.

* * * * *

Ich kann übrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine etwas umständliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur wählt sonst kürzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen.

* * * * *

Heute Nacht wieder diese wüsten Träume. Es rührt doch daher. Naturam expellas furca …

Ich habe zu lange gefastet!

Übrigens die Mummsche Geschichte—alles schon dagewesen! Er wollte sie keinem andern mehr gönnen. Es war genug, dass er mit der andern unglücklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines anderen zu wissen, eines Glücklicheren, das ging über sein Vermögen.

Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir zahmen, moralischen Schwächlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur einen Tropfen Blutes vergiessen.

O, nur einmal einer solchen Leidenschaft fähig sein: Aber das wird uns nur einmal im Traum beschert.

Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich für immer abgewürgt.Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. EinKuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust.

Armer Mumm!

Man muss den Gespenstern nur über den Hals kommen, allen Arten Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Sägespänen ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie.

* * * * *

Übrigens zur Notiz für Gerdsen:

Ich sah bei einem Übergang über einen schmalen Wassergraben eine Dame auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne mich zu bemerken. Es war ein trüber, nebliger Novembernachmittag. Das Bild prägte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem Zustand, oder in Traumstimmung, zur Dämmerzeit sah ich sie manchmal vor mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art Gräberliebe, Gruselliebe.

Sie hatte mich übrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder da.

Ob sie nun tot ist?

11.

Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm.

Der Waldhüter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues hatte, bewahrte die Schlüssel. Der Mann stand vor der Tür und klopfte einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefährtin und schnupperte, als wünsche er an den Liebkosungen teilzunehmen.

"Der Graf ist oben," sagte Petersen.

"Darf man denn hinauf?" fragte Randers.

"Ei gewiss!"

Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. DerDamensattel auf der Stute kündigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.

Randers nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an, knöpfte seinenRock zu und rückte nervös an seinem Kneifer.

"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er.

"Liebenswürdiger Mann, gar nicht hoch—m—m—mütig," sagte Petersen.

Oben trafen sie einen Herrn von ungefähr fünfzig Jahren, in leichtem hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die Landschaft und wandte sich nur lässig, kaum das Glas von den Augen absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform betraten.

"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten Blicken.

Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!

Die letzte kuppelartige Krönung des Turmes, zugleich die Bedachung der Treppe, überragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse verdecken. Oder war sie überhaupt nicht mit hinaufgestiegen?

Der Lehrer trat mit einem tiefen Bückling an den Grafen heran.

"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute."

Er kam ohne Anstoss über die Anrede hinweg.

"Ah, Sie sind es, mein Lieber."

Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichteVerbeugung.

"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "DieFeuchtigkeit, der Dunst in der Luft."

"Ja, ja, zu f—feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen zuzustimmen.

"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich gegen den Grafen.

"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als hätte er ein wichtiges Versäumnis gut zu machen.

"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehört zu haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?"

"Sehr schön, sehr schön," fuhr er mit einer gewissen, gleichgültigenLebhaftigkeit fort.

"Wie gefällt es Ihnen bei uns? Schönes fruchtbares Land."

Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den Horizont ab.

Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers; so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe, immer reserviert.

Aber wo blieb denn die Dame?

Er blickte sich beständig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.

Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.

Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird sie schon zum Vorschein kommen.

Aber Petersen zupfte ihn am Arm.

"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?"

"Ja," sagte Randers, sah aber nichts.

"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad über meinen Stock."

"Ja, ja, ich sehe," log Randers.

Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch einen Damensattel.

"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Mädchenstimme. Eine schlanke Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.

"Die Komtesse," belehrte Petersen.

Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.

Was hatte dieses Mädchen für eine Stimme!

Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen, aber durch Randers gestört, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein flüchtiger, musternder Blick.

Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.

Wirst du mich vorstellen?

Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt zurück: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.

Er musste wirklich vorübergehen, musste wieder um den Turm herumgehen und sich von Petersen die Lübecker Türme zeigen lassen. Nicht ein Wort war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung hätte anknüpfen können. Da er dem Grafen vorgestellt war, hätte er es ungezwungen wagen dürfen. Aber was sollte er diesen Augen gegenüber sagen? Augen, die zu dieser Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein norwegisches Berglied.

"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zuPetersen.

Der Lehrer sah ihn verständnislos an und lächelte:

"Norwegische Augen?"

"Ja, Fjordaugen," erklärte Randers.

In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und der norwegischen Stimme an ihnen vorüber. Der Graf folgte und nickte, seinen Hut lüftend, freundlich Abschied.

Und Randers hörte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen hinabrauschen, hörte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle, riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo Steine liegen.

Randers stand, weit über die Brüstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur, da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grünen Zelt leuchten zwei schöne, tiefe klare Augen.

Fjordaugen!

Aber vier schnelle Füsse führen sie in die Ferne. Dort hinten, weit hinten, hinter den Hügeln lag Rixdorf.

Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grüngoldigen Leuchten darüber.

Fjordaugen!

Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Füssen liegt das Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Möwenschwinge zuckt hell darüber hin.

Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!

Ein märchenhaftes Grauen überfällt ihn.

Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Höhe, unergründlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gäbe es keine Stürme.

Und jetzt plötzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied. Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klänge, tief und feierlich wie das ruhige Meer.

"Es w—w—wird w—wohl Zeit," meinte Petersen.

Randers schreckte auf.

"Ja, ja," sagte er hastig.

Unten musste Randers durchaus etwas trinken.

Er hatte Durst. Der Waldhüter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nurSchnaps und Bier.

Randers bestellte beides, für drei Personen. Sie stiessen an. Randers trank hastig.

"Sünd woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhüter.

"Ne, dat is't erste Mal in düssen Sommer. Süss kömen se öfter mal."

"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers.

"Anderthalb Stunden," sagte Petersen.

"Zu Pferde?"

"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhüter.

Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihmBescheid tun.

Nach dem dritten Glas sagte er:

"Verdammt hübsches Frauenzimmer! Noch jung, was?"

"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhüter den Lehrer. "So negentein, twintig."

"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all."

"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, undRanders lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.

"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schäumende Glas prüfend gegen das Licht haltend. "Vornehm, souverän, aristokratisch."

Er nahm eine hochmütige Miene an und näselte wie ein Gardeleutnant.

"Äh, ich lach auf die Welt!"

Der Waldhüter sah ihn belustigt an: Wat büst du för een?

"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers."Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her."

"Ja, es hat was f—f—f—für sich," stotterte Petersen.

Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhüter sah ihn an, wie einen, dem nicht zu trauen ist.

"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend, "hab ich nicht recht?"

"Ach wat," brummte der Waldhüter ärgerlich. "So'n Lüe möten sin, un anner Lüe möten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek."

"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber eine Sache für sich."

"Ja Mau, du v—v—versteihst den Herrn f—f—f—falsch," legte sich derLehrer ins Mittel.

"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bün man 'n schlichten eenfachen Kirl, dat heet, min Geschäft häw ik ook liert, da kann mi nüms nich watt in seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Lüe—na ja, du versteihst mi, Petersen."

Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte an ihm herum.

"Zweimalhundertausend Mark jährlich zu verzehren," stiess er nach einerPause heraus. "So viel muss man haben, um anständig leben zu können."

Nun lachte der Waldhüter aus vollem Hals.

"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um deBotter dorbi to hebben."

Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort zu kommen.

"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W—w—wissen Sie—HerrDoktor—w—w—w—". Aber er kam nicht zustande damit.

Als aber das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:

"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m—m—mir dann kaufte? Die W—w—welt kaufte ich m—mir! Die W—welt, Herr Doktor!"

* * * * *

Zweites Buch

1.

Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehörte zu Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fünf Minuten von einander entfernt.

Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tagelöhnerkaten. In Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte sich gesträubt. Aber Randers hatte ihn überredet, mit Worten und mit Geld.

Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was wollte er hier bei ihnen?

Seeluft geniessen und baden, sagte Randers.

Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfälschte Seeluft. Baden müsse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren gäbe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche.

Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Bäder da, längs der ganzen Küste.

Von Rosenhagen führte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene Ufer, schlängelte sich eine Strecke daran hin und führte dann allmählich zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er machte gewöhnlich den Umweg über Rixdorf, ging durch den Park, wozu er sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das grosse, zum Schlossgut gehörende Roggenfeld bis zum kleinen Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhöhe erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab.

Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich eine schöne, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, höchstens in der Ferne ein weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er, die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbäder. Und dies reine absolute Naturgefühl, sich so den spielenden Wellen überlassen zu können, Welle mit den Wellen sein, oder der stählende Kampf mit ihnen. Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses frühe Morgenbad, wenn die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte.

Tagsüber ging er viel spazieren, gewöhnlich in der Richtung durch denRixdorfer Park. Der Weg war so viel hübscher als nach der RosenhagenerSeite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen!

"Uns Fräulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das berührte ihn so patriarchalisch.

Abends sass Randers mit den Tagelöhnern im Krug. Er hatte gleich in den ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und hatte sein Vergnügen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig, dass es mit ihm nicht ganz richtig sein könne.

"He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand hätt he ja. Aber wat will he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht hochmütig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein Zehnpfennigstück für die Kinder übrig.

Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen? Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen konnte.

Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides im Park gesehen, sie über breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll begrüsst und hatte einen verwunderten Gruss zurückerhalten.

Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den Kätnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus; ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus.

Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie eine Windmühle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte er vorwärts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem alten dänischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermüdlich und mit einer tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren, ingrimmigen Brüllen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er Kopfschmerzen.

Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er musste doch vorsichtig sein.

Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte während der Zeit Fides zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er hielt es jetzt an der Zeit und für seine Pflicht, seinen Besuch im Schloss zu machen. Was müssen sie denken, dass du dich hier längere Zeit aufhältst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park betreten zu dürfen, und es nicht einmal für der Mühe wert hältst, deine Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal vorgestellt. Man wird dich für einen Flegel halten.

Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm ihn deshalb in die Hand.

Sein wichtiges Vorhaben prägte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die Frauen in den Katentüren sahen ihm länger nach als sonst, die Kinder hörten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit für sie.

Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigenGespräch, mit einer häufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinemBegleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase.

Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmädchen auf der Koppel.

Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen. Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefühl, als ob er sie geniere.

2.

Randers an Gerdsen.

Dank für Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Nächstens davon.

Feudales Weib! Hocharistokratisch, Dänenblut! Die ganze Familiehocharistokratisch, immens reich.

Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Dänemark verzweigt.

Es ist nichts mit den Direktricen. Überhaupt alle anderenWeiber—Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, vonGeschlechtern her.

Augen wie ein Märchen. Nordseeaugen! Das macht das Dänische.

Herrgott, was für ein betrunkener Brief!

Nächstens mehr von Ihrem

3.

Gerd Gerdsen an Randers.

Liebster Doktor!

Hat Ihr Dämon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin geführt? DerMensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adelzugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle IhreTalente weisen auf den Baron hin, den Lebemann—im feinsten Sinne.

Sie führen doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel für ihn, ein Kuriositätenkabinett für den Leser und eine Kurzweil für seinen Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine Psychologie allein reicht Ihnen gegenüber nicht aus, Sie müssen mir helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions?

Übrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch unseres Gesprächs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel über Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen für den unglücklichen Autokraten, und nicht nur für den Gemahl der dänischen Dagmar. Wie einträchtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie einträchtig stand dieses Bild neben dem Porträt der—Dolgorucki!

Siemüsseneinen Tropfen Dänenblut in Ihren Adern beherbergen und auch einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern delektiert haben. Dänischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenüber sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen auf die Knute. Das heisst, Sie würden vor der Anwendung zurückschrecken, aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es nötig wäre, und sonntags abwechselnd Gottesdienst und—nihilistische Vorlesungen.

Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Fäden, die ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe daraus.

Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu einem Kirgisen oder Tataren.

Mit der Liebe, die der Gelehrte für den Schmetterling hat, den er für seine Sammlung aufspiesst, bin ich

Ihr getreuer

Gerd Gerdsen.

4.

Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatür. Draussen band der Gärtner einen Zweig prächtiger Maréchal Niel, der sich unter der Last der Blüten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die in den Garten hinabführte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die Brust und gurrten.

Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein, machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt. Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen Ringel- und Kräusellöckchen über der Stirne sahen ganz goldig aus. Und die bunte Seide in ihrem Körbchen, die fast vollendete Stickerei im Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen.

Der süsse Duft der Rosen drang durch die offene Tür und erfüllte den ganzen Raum, bis zu Randers, der am Flügel sass und phantasierte.

Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken bändigen, sass er da; die Hände waren in rastloser Bewegung, eine eigenartige, steigende Bewegung, storchartig.

Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotischePhantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, glühendenFlüssigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich inwirren Selbstgesprächen verzehrte.

Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen übergegangen, dann hatte sie leise gelächelt. Ihr verwöhntes, geschultes Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber ermüdete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden, schlüpfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmässige Forte heftiger, böser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen, tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stören, ihn nicht kränken. Es war das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Flügel gesetzt hatte und seine Versicherung, er könne nicht spielen, Lügen strafte. Er hatte sich bisher immer nur begnügt, ihr zuzuhören, im Schaukelstuhl liegend, die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich gegen die Aussenwelt absperrend.

Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat in die Veranda hinaus. Sofort hörte er auf. Er hatte ihren Schatten durchs Zimmer gleiten sehen. Er fühlte es, dass sie ging, fühlte es körperlich.

Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter sich hörte. Sie wandte sich um, mit lächelndem, fragenden Blick.

"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequält mit meinem Unsinn."

"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmütig, etwas verlegen.

"Nicht der Rede wert, gnädigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht."

"In alle Tiefen," scherzte sie.

Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog einen vollen Zweig zu sich herab und sog den süssen Duft ein. Die Zweige schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit üppigen gelben Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden Scheitels, das in der Sonne einen rötlichen Glanz annahm und ihn an das Familienporträt im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond, derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte. Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges war in den Zügen der dänischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter schenkte und starb.

In dieser schlanken Mädchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzückend sah sie in dem leichten, hellblauen Kleid aus. Der Ärmel war leicht zurückgefallen, als sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei aller Fülle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz.

Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang machen wollten.

Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zögerte drinnen einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den Blicken.

In der Veranda fand er seine Mütze, eine schon etwas mitgenommene, einstweisse Strandmütze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband untermKinn, obgleich das schönste Wetter war und nur ein ganz schwachesLüftchen wehte.

"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich finde es hässlich."

"O," sagte er leicht errötend. "Mögen Sie es nicht? Ich finde, es sieht so—männlich aus."

Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck.

Sie lachte.

"Was ist denn da männliches dabei?"

"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklärte er. "Bei denKapitänen und nachher bei den Militärs. Ich denke dabei immer an einenMann im Sturm. Es ist gleichsam, als sässe nun mit der Mütze auch derKopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!"

Sie lachte wieder.

"Fürchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm."

"Aber es weht ja gar nicht."

"Das macht ja nichts."

"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigemWetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht."

"So dürfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich getroffen fühlte.

Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm das Band unters Kinn gezogen hatte.

"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so kleinen Äusserlichkeiten Luft. Der unterdrückte Seemann in mir."

Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemännisches, wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das Pincenez!

Aber er erzählte ihr, dass es sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur See zu gehen, Kapitän zu werden, aber dass ihn die Umstände, vor allem seine Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedrängt hätten.

"Ein bebrillter Seemann, wie lächerlich!" rief er aus.

Aber dann entwarf er ein glänzendes Bild von dem Leben eines Seemannes, von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte sich an seinen grossen Worten.

"Sie, als Aristokratin, müssen mir das nachempfinden können, Komtesse," eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des Kapitäns."

Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hörte aus dem Klang seiner Stimme den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht.

Er hatte das Sturmband nicht gelöst. Sie freute sich darüber. Er warwenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinenEigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechendenKritik wegblasen.

Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen, geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Mützenschirm beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass er doch männlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobrücke denken, den Südwester auf, oder die goldbordierte Mütze des Kommandeurs, natürlich mit dem Sturmband unterm Kinn.

Aber was daran so aristokratisch wäre, fragte sie.

"Vor allem die Exklusivität seiner Stellung, seine absolute Souveränität. Er ist Herr über Leben und Tod. Alle Verantwortung trägt er allein. Welch ein Gefühl für einen Mann! Welch ein Kraft- und Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht das Meer, er fürchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf, wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Männlichkeit, in seiner Grösse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!"

Sie lächelte über seinen Eifer, aber sie hörte ihm aufmerksam zu und streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick.

Aber er hatte ihr Lächeln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und gutmütig.

Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er wollte es von ihr bestätigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen das so wunderhübsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind."

Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel leuchtete. Ein Paar Möwen kreisten bis übers Feld.

Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Ähre nach der andern und zerpflückte sie.

Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee.

"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Dünen, oder oben in den norwegischen Schären?"

"Was Sie für Einfälle haben. Warum gerade ein Blockhaus?"

"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in grauer Wildnis. Aber innen muss es natürlich behaglich sein."

"Kienruss und Tran, und gedörrte Fische an den Wänden," spottete sie.

Er lachte.

"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable.Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielenChopin."

"Ich?"

"Ja, wäre das nicht schön? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, dieNatur. Musik, Bücher—"

"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn.

"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergänge in den Dünen, am Abendstrand."

"Und wenn wir heimkommen, schälen wir gemeinschaftlich Kartoffel, rösten einen Seehund am Spiess und kochen Tee."

"Sie spotten wieder."

Er war wirklich etwas gereizt.

Sie lachte hell heraus.

"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Nötigste denke. Sie wären imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen."

"Die soll ja auch da sein."

"Dann hört sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments. Ja, ich will es mir doch überlegen. Es wäre mal etwas anderes. Am Ende fänden sich noch welche, die sich anschlössen."

"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur zu zweien."

"Nur wir beide?"

Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm!

5.

Randers überlegte, ob es nicht besser wäre, er reiste ab. Wollte er warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er sie doch nicht.

Er würde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher wäre, keinenKorb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganzbesonderen Ansichten über Mesalliancen. Er hatte Grundsätze, die eineEhe mit ihr ausschlossen.

Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte.

Vorläufig war das ja auch noch keine Liebe, nur ästhetisches Gefallen,Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen.

Gestern, zwischen den Ähren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die graziöse Biegung des Halses—er hatte eine Ähre nach der andern gerupft und die Körner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdrücken.

Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck.

Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eröffnet werden, der Graf hatte ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut.

"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so plötzlich abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gründe. Da gab es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach Flucht aus, oder nach Gleichgültigkeit. Also noch ein paar Tage, ein paar Jagdtage. Dann aber weg von hier!

Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in Grashof verloren.

Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war es nicht Wahnsinn, sich ohne vernünftigen Grund in diesen Krug einzupferchen?

6.

Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hörte es unterwegs von denLeuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot.

Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so für das Segeln. Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat.

Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte, unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz hübschen, braunen Augen und einem etwas groben und lebhaften Teint.

"Sieht die gesund aus," dachte er.

"Fräulein Krüger," stellte Fides vor.

Also nichts Adeliges.

Eine leise Enttäuschung.

Das Fräulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus ihren Blicken: "Also das ist er?"

"Ich habe Fräulein Krüger von Ihnen erzählt," sagte Fides gleich.

Randers verbeugte sich.

"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte dasFräulein.

"Das nicht gerade."

"Ich meinte das."

Sie sah Fides fragend an.

"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er nicht anders sagen. "Ich reise überhaupt zu meiner Erholung oder Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist."

"Der Herr Doktor schwärmt für die See," sagte Fides.

"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fräulein.

Wie gewöhnlich sie sich ausdrückt, dachte Randers. Und ihre Stimme klingt wie eine verrostete Schiffsglocke.

"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnädiges Fräulein?"

"Ja, haben Sie es gesehen?"

"Ich hörte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?"

"Mein Bruder."

Beide Damen unterdrückten mühsam ein Lächeln. Er nannte sie Fräulein und fragte nach ihrem Herrn Gemahl.

"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde über und über rot.

"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist einKapitän an ihm verloren gegangen."

War das Spott?

Er lächelte etwas gezwungen.

"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke.

"Wenn Sie erlauben, es würde mich sehr interessieren."

"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krüger?" fragte Fides. "Er würde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hört sie gerne loben."

"Ja, das ist seine schwache Seite," bekräftigte das Fräulein.

"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus noch nicht entschlossen, aber es kam plötzlich über ihn, er musste es sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnähme. "So plötzlich?" rief Fides. Sie schien ernstlich überrascht.

"Aber warum so schnell? Gefällt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte,Sie wollten die Jagd mitmachen?"

"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er.

"Sehen Sie," rief sie triumphierend.

Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl, selbst in der Gegenwart der Fremden.

"Papa hat übrigens Ihr Wort," sagte Fides.

"Dann freilich."

Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den jungen Gutsbesitzer, einen grossen schönen Mann, schlank, muskulös, mit gutmütigem, wettergebräunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann. Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig Unschöne in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei prächtige Reihen weisser, fester Zähne.

Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung:

"Er kann ein Segeltau durchbeissen."

"Was meinen Sie?" fragte Fides.

Randers erschrak und wurde rot.

Hatte er es denn laut gesagt?

"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann."

Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte:

"Was Sie für sonderbare Einfälle haben."

Die Jacht war wirklich sehr hübsch. Sie war ganz weiss angestrichen, hatte eine kleine Kajüte an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe.

"Ein hübscher Name," sagte Randers.

"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklärte Herr Krüger. "Es läuft seine zwölf bis dreizehn Meilen in der Stunde."

Er sprach hauptsächlich zu Randers und schien ihn für einen grossen Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich nicht blossstellen wollte.

Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er hätte es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand.

Sie hatten beide gleiche Mützen auf, weisse Schirmmützen, und sie hatten beide das Sturmband unterm Kinn.

Ob Fides darauf achtete?

Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben hätte, er hätte sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See hinausgeträumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen.

"Bis nach Grossenbrode."

"Da hätten Sie ja gleich zu uns herüber kommen können," meinte FräuleinKrüger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?"

"Nein."

"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit dem Boot zurück. Ich hole Sie auch ab."

"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich imSassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen."

Herr Krüger lachte gutmütig, halb geschmeichelt, halb bescheiden abweisend.

"Lassen Sie gut sein, lieber Krüger. Alles was recht ist. Durchaus musterhaft," sagte der Graf.

Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein hübscher Kerl. Was hat er für Zähne! Und obendrein hat er eine Jacht!

Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zähne zu schieben. Was er wohl für ein Gesicht machen würde?

Randers musste lachen.

Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden.Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm einSchiffstau zwischen die Zähne schieben würde. Er durfte ihn zuletzt garnicht mehr ansehen.

Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine Mustermenschen leiden.

Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also überflüssig.Mochten sie unter sich bleiben!

7.

Als die Jacht zwei Stunden später gegen den Wind weit in die See hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach.

Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drückte. Wie ein Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht über die Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts.

Wenn sie umschlüge?

Ob sie schwimmen könnten?

Bei diesem Wellengang würde es ihnen nichts nützen und in dieser Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es würde ihm nichts nützen, er würde hinunter müssen.

"Dann kann er Fides nicht heiraten."

Randers sagte das ganz laut.

Er verfolgte jede Bewegung der Jacht.

Jetzt legten sie um.

"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf.

Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer zu.

Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen Zähne. Lachte vielleicht über ihn, über eine Bemerkung der rostigen Schiffsglocke über ihn. Vielleicht sprachen sie auch über Fides. Sie waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz herüber. Übrigens kein übler Geschmack von dem jungen Mann.

Aber zum Teufel! Was waren das für Gedanken? War er denn eifersüchtig?Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten?

Und dann, wie lächerlich! Die schönen Zähne und die Musterwirtschaft machten den jungen Mann noch nicht ebenbürtig.

Komtesse Fides Bruckner und Herr Krüger, Gutsbesitzer auf Fehmarn.

Die Jacht lief jetzt wieder seewärts. Randers kletterte die steileUferhöhe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht länger nachgaffen.

"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut.

Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinüber, kletterte über ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig längs einer Weide, wo ein paar Kätnerkühe lagen und wiederkäuten. Wie dumm die Tiere glotzten.

Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach.

Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren.

"Glückliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satteZufriedenheit."

Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfüssiger Bengel, den das lauteSprechen anlockte.

"Sind dat din Köh?" fragte Randers.

"Nee."

"Hört de to 'n Haf?"

"Nee."

"Wen hört se denn?"

"Peemöller sin."

"Wat deihst du hier denn?"

Der Junge wandte sich verlegen ab.

"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?"

Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg.

Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstück und ging weiter.

Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zögerte er.

Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen den hohen Parkbäumen herüber.

Er fühlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersüchtiges Verlangen, mit ihr über die Sassnitzer zu sprechen.

Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage entschuldigt hätte.

Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleineLaube hinter dem Hause.

Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Hühner kamen und bettelten.

Sch, sch, jagte er sie.

Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten dieHälse und blinzelten ihn an.

Aber er hatte nichts für sie übrig. Er kritzelte in sein Tagebuch.

8.

Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune.Es war, als hätte ihm nur dieser Regen gefehlt.

Der Himmel war gleichmässig bewölkt, alles Laub feucht und glänzend. Beständig tröpfelte es von den Bäumen, von den Hecken, hing in tausend blitzenden Perlen an den Gräsern, an den Ähren, die noch ungeschnitten auf den Feldern standen, und an den Ähren, die schon in Garben zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der Veranda tröpfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plätscherte aus der Traufe in die grosse Tonne.

Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerückt, sass vornüber gebeugt, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche Regenmusik mit entzücktem Ohr. Er war ganz glücklich in einer sanften, zufriedenen, dankbaren Stimmung.

Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte endlich die Einladung wenigstens für einen Tag angenommen und war dann doch für die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht.

Er hatte sie halb am offenen Fenster verträumt, voll von den Gesprächen des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem Lichte ihrer Augen.

Sie hatten über die Krügers gesprochen, über den Segelsport, und er war wieder in seine nautische Schwärmerei verfallen und war wieder auf seine Kapitänsaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen für die Geschlechter gegen die plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als sie selbst sein wolle?

Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnäckig immer wieder auf den Geburtsadel zurück.

"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind die feinsten, höchsten Kräfte der Familie, des Stammes, der Rasse bis zur Blüte getrieben."

"Bis zur Überkultur!" warf der Graf ironisch ein.

Aber Randers liess sich nicht irre machen.

"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine höchsten Güter nicht preisgeben, seine Exklusivität bewahren. Da darf sich nichts eindrängen, was nicht hineingehört, nichts Fremdes, Zerstörendes, Nivellierendes."

"Sie plaidieren für standesgemässe Verbindung," warf Fides etwas spöttisch ein.

Ihr Spott kränkte und reizte ihn.

"Ja," sagte er.

"Auch bis zur letzten Konsequenz?"

"Ja, wie so?"

"Sie würden selbst unter keinen Umständen eine Aristokratin heiraten?"

"Nein."

Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus nicht mit lächerlichen Absichten und überhebenden Hoffnungen trug. Jetzt konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme einer norwegischen Hirtin.

Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt.

"Ich habe alle diese Zeit darüber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen,Komtesse."

Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurück, um von denTropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden.

"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?"

"Sie waren nie in Norwegen?"

"Nein."

"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen den Schären. Klar und blank, und blau, als läge der Himmel zu ihren Füssen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe, die wundersame, beängstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und über dieser Tiefe das goldige, grüngoldige Flimmern der Sonne, und in diesem Spiegel die Felsen, die Wälder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so sagen, wie es ist."

"Und das alles finden Sie in meines Augen?"

Sie lächelte und sie errötete.

"Und in Ihrer Stimme," sagte er.

"Das wird immer wunderlicher. Was Sie für Einfalle haben."

Randers lachte. Sein gutmütiges, überlegenes Lachen.

Dann nach einer Pause:

"Ich habe einmal ähnliche Augen gesehen."

Also doch, dachte Fides.

"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim."

"Also Kirchenaugen," lachte sie.

"Ja, Kirchenaugen."

Der Ausdruck gefiel ihm.

"Haben Sie die Dolgorucki gehört?" fragte er.

"Die Dolgorucki? Die—(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin?Nein, ich hatte nicht die Ehre."

"Warum sprechen Sie so verächtlich von ihr?"

"Nun, ich bitte!"

Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen.

"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses stolze Sichhinwegsetzen über Familie und Gesellschaft, über alle Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?"

"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie.

"Sie vergessen die Künstlerin."

"Wenn es nur das wäre."

"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn—"

"Also."

Eine lange Pause entstand. Er fühlte, dass sich das alles nicht so ganz mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte.

"Sie vergessen die Künstlerin," wiederholte er.

Sie lächelte über seine Hartnäckigkeit.

"Und diese Künstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie.

"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu denken. Das heisst, nur wenn die Fürstin spielte. Dann war ein wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in diese Kirche, die ganz aus bläulichem Stein erbaut ist. Die blauen Pfeiler, die blaue Wölbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen."

"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht,Verse zu machen," sagte Fides.

9.

Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kühl und windig, und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Flüchtlinge eines zersprengten Heeres.

"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche Befriedigung gewährt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so verzweifelt farblos, öde, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun—aus unsern innern Farbtöpfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten Schleier darüber decken?"

Fides sass am Flügel, die Hände in dem Schoss, mit dem Rücken gegen dasInstrument.

"Die Philosophie eines Träumers, die nur Traumfrüchte pflücken wird. Wie wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschlössern kann man doch nicht wohnen."

"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschlössern? Unser eigenstes, höchstes und feinstes Leben—"

"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitäten. Wünsche und Träume haben wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung."

"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?"

"Dann resigniert man eben."

"Oder begnügt sich mit dem Traum der Erfüllung."

"Das versteh ich nicht."

"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen können Sie doch im Traum besitzen, in der Einbildung."

"Um nachher doppelt enttäuscht zu werden?"

Er zuckte die Achseln.

"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu können," sagte er.

"Oder Eroberer."

Er sah sie gross an.

"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?"

"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an derPhilosophie genügen lassen."

"Also."

Eine Pause, die sie mit ein paar Läufen ausfüllte.

"Im Besitz liegt das Glück doch nicht," stiess er hervor.

"Aber man will doch schliesslich besitzen."

"Glück ist Sehnsucht, Erfüllung ist Tod."

"Ist das von Ihnen?"

"Wie so?"

"Das klingt wie aus einem Gedicht."

"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf ihre Bemerkung nicht eingehend.

"Sie meinen, die hört mit dem Besitz auf?" fragte sie.

"Ja."

"Sprechen Sie aus Erfahrung?"

Sie lachte ein wenig spöttisch und überlegen, als wüsste sie das besser.Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten?

"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er.

"Also doch."

"Die Liebe kennt überhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen."

"Also Streit um des Kaisers Bart."

"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder denTotentanz."

"Ihr ewiger Totentanz."

Sie präludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung zum Tanz".

Er schüttelte missbilligend den Kopf.

Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offeneVerandatür und sah in den windbewegten Park hinaus.

Ob sie es gemerkt hatte?

Sie hielt mitten im Stück auf.

"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen."

10.

Der nächste Tag war ein Sonntag.

Ob er mit in die Kirche wolle?

Ja.

Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte, obgleich sie kein Wort darüber verlor.

Sie musste ihn natürlich für einen Freigeist halten, für einen Religionsverächter. Darüber musste er sie doch gelegentlich aufklären. Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er wäre aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklärten" Leute, die an dem Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie hätten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und hinausexperimentiert?


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