4.
So war es Winter geworden und war wieder Frühling geworden. Das einsame Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stürme, die über die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schädel", wie Randers sagte, weggeblasen? Hatte der tägliche Verkehr mit den gesunden Insulanern, denen er sich in der langen Winteröde immer mehr angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen, die ihn vernünftig gemacht hatte?
Abend für Abend hatte er während des langen Winters in der Rantumer Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie allein waren, dafür mal von ihm küssen. Weiter ging's nicht. Er hatte seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein.
Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer,wenn andere Leute den Christbaum anzünden. Und er hatte sich einBäumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmückt und insFremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend für Abend bis in dieNeujahrsnacht leuchten.
Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen geblitzt. Aber er hatte sie plötzlich weggejagt, sie versäume gewiss was in der Wirtschaft.
"Durchaus nicht."
"Ja, doch! Geh."
Und er schob sie fast zur Tür hinaus.
Nein, das wäre doch. Unterm Tannenbaum!
Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, löschte die Lichter und ging in sein Zimmer hinunter.
Nachts träumte er von Moiken.
5.
Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die Weihnachtsstimmung weckte ihm das Bedürfnis danach. Er war etwas enttäuscht, beim Leuchtturmwärter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen zurückgezogen, er wollte es ja so.
6.
Gerdsen an Randers.
Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Hätten Sie doch noch drei Tage gewartet. Ich kam früher zurück, als ich dachte. Schade! Nun folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versäumen Sie nicht, mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles dürfte Sekt rechtfertigen.
Ihr Gerdsen.
Gerdsen an Randers.
Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo stecken Sie? An oder in der See? Unter den Trümmern Ihres Blockhauses? Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe, Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es wäre mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich weitertasten könnte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie angewiesen wäre. Als "Fachmann" müsste mir nun freilich schon klar sein, wie das Gebäude zu krönen ist. Aus dem, was ich habe, müsste ich schon als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens ist, die Konsequenzen ziehen können. Ja, ich müsste jetzt Ihnen Ihre künftigen Wege zeigen können. Aber ich will's Ihnen allein überlassen und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht heraustreten.
Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie Lügen. Also leben Sie fleissig à la Randers und führen Ihr Tagebuch für mich weiter.
Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans vermehren wird. Mich würd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die friesischen Holzpantoffeln führe.
Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer ältlichen Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche führt. Also!
Ihr Gerdsen.
7.
Randers an Gerdsen.
Dank für Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder "Stütze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des Zeitvertreibs wegen und um dem Mädel einen Spass zu machen. Genügt Ihnen das für den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren "Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen zerschlagen, oder—es ist mir wirklich so gleichgültig geworden. Täten Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich würde Sie bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand. Und damit viel Glück! Möcht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen.
Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer
Ihr getreuer
Randers.
8.
(Tagebuchblätter.)
Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der des Ozeans. Dieser grosszügige Wellengang seiner Melodie. Der hätte uns eine Ozeansymphonie schenken müssen.
Dass alle unsere Grössten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller,Beethoven.
Byron, der kannte das Meer!
Und Böcklin kennt es!
* * * * *
Wie organisch die Phantasiegebilde Böcklins sind, sehe ich an Thoma, diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfüsser nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Böcklinscher Faun, der ist echt.
* * * * *
Ich sehe die Natur böcklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das macht, Böcklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist böcklinisch. Nie erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre. Aber Böcklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Nähe des Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den Abendhimmel—Farbe, Stimmung, Musik: alles Böcklin. Oder die kleinen schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise heranspült, eine Möwe ruhte sich auf dem grössten Stein: Klinger zeichnet so was auch, ganz köstlich. Aber die Natur erinnert mich nie an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger.
Böcklin: Monolog! Klinger: Dialog!
Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Künstlersgehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespräch.Der Künstler hat geistreiche Antworten, Einwände, auch mal einen Witz.Er ist nicht—rein. Wohlverstanden!
* * * * *
Welcher Blödsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht über allen Zeiten, istimmerundniemodern.
* * * * *
Nordsee.
Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen,Er packt das Meer und zerrt es an den Mähnen.Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen,Viel tausend Rosse blecken mit den Zähnen;und lauter klatscht von seinen WolkenstufenDer Gott hernieder seine Peitschensträhnen;Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen,Den Griesbart greinend ich hintüberlehnen.
* * * * *
Non est.
In dieser grenzenlosen EinsamkeitBlüht neu in mir ein reineres Gefühl,Und aus dem Zwang der innern Qual befreit,Lausch ich der Wellen plätscherndem Gespühl;Und vor mir fliegt ein weisses Mädchenkleid,Es drängt der Locken wirrendes Gewühl,Und wie das Sternenlicht im Schaum versprüht,Seh ich ein Augenpaar, das mir erglüht.
* * * * *
Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quält? Mir ist diese ganze Idee mit dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemühen, oder es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger auch.
* * * * *
Moiken. Aber nein!
Moiken hat so was dummes, so was—sachliches. Ein Stück Mensch. Isst, trinkt, schläft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie. Daran könnte sich eigentlich der Mann genügen lassen. Aber da hapert's. Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhäuser baut, Blumen in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht—ist man da eigentlich noch Mann?
* * * * *
Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spürt, sich zu ersäufen! Ich kann mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung über sich selbst zu grübeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhängnis!
* * * * *
Des Leuchtturmwärters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die Einsamkeit, die ihm Lebensbedürfnis ist. Er war früher Musiker bei der Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrückt! Natürlich! Ich aber verstehe ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben lässt, so oder so. Sie tut mir übrigens leid.
* * * * *
Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen, Leuchtturmwächter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, führt mich ganz auf mich selbst zurück. Ich möchte nach jeder Musik, die mich völlig ergriffen hat, in die Einsamkeit.
* * * * *
Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches Gemüt, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die Wagschale zu werfen hat, findet Töne, die einen den ganzen Geistreichtum der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Töne aber stammen aus einer Welt, für deren Seligkeiten alle Päpste und Könige dieser Welt ihre Kronen und Throne geben würden.
* * * * *
Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen.
* * * * *
Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen können, diese göttliche Freude, diese fröhliche Göttlichkeit, wiegt das nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein versprengter Tropfen des heiligen Öls traf. Wollen, wollen und nicht können. Glühen, aber es wollen keine Flammen werden.
* * * * *
Das denk ich mir die grösste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das,was in einem glühte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seineNächte und Träume wiedererkennen, seine gebärenden, schmerzlichenNächte.
* * * * *
Wenn ich von Fides träume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glüht in einem sanften Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie allmählich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin wegrückt. Wie die Entfernung wächst, ihre Gestalt undeutlicher wird, wächst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Küsse von Moikens Lippen.
9.
Im Rantumer Krug waren Gäste eingekehrt. Moiken hatte alle Hände voll zu tun, als auch Randers nach einer langen Dünenwanderung etwas ermüdet eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Männer von Rantum beim Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen Polstermöbeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern.
Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf hättest du auchAppetit.
Aber dann nahm ihn natürlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um diese Zeit?
Er stand ein paar Sekunden unschlüssig in der Tür, zwischen den beidenZimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um.
Das war ja Jens Petersen Dirks.
"Tag, Herr Dirks!"
Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem flüchtigen Blick auf ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn verwundert ansah.
Moiken kam aus der Küche mit einem Teller voll Butterbrot für dieRantumer.
"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als notwendig war.
Er ging händereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Füsse hätte.
Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf.
"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?"
Er ging ins andere Zimmer.
"Gnädiges Fräulein erlauben?"
Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen und liess sich an einem Nebentisch nieder.
Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm hinüber.
"Warm heute draussen, gnädiges Fräulein."
Es klang beinah hastig.
Sie hatte gerad ein Stückchen Brot in den Mund geschoben und konnte nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr sagte.
Randers sprang sofort auf.
"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er.
"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte dieFremde.
Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurück.
"Wer ist denn das?" fragte er Moiken.
Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenüber.
Sie zuckte mit den Achseln.
"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer hätten, wo sie allein essen könnte."
"Schon lange hier?"
"Halbe Stunde vielleicht."
"Will sie noch weiter?"
Moiken wusste das nicht.
Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geräusch im Nebenzimmer. Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie schenkte sich ein.—
Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte dasFrauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war.
Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurückrief, so schien ihm etwas von einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen.
Er winkte Moiken heran.
"Wo wohnt sie in Wenningstedt?"
Moiken wusste von nichts.
"Können Sie nicht mal fragen?"
Moiken antwortete nicht darauf.
Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen sich an, als sässen sie weit getrennt.
Nach fünf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tür zugemacht. Die Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein gewisser Trotz, oder war es Nervosität, hatte ihn dabei beharren lassen.
Jetzt ärgerte er sich. Was wird sie von dir denken?
Aber dann lächelte er.
Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von ihr, nicht einmal ob sie hübsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles, genügt, dich so aufzuregen.
"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in die Küche hinein, deren Tür Moiken immer offen liess.
"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurück.
Er ging an das Büffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den leichten; er brauchte drei Streichhölzchen, bis sie endlich brannte.
Die Rantumer erhoben sich geräuschvoll und gingen.
Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen würde? Das wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten sollte.
Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre ins Nebenzimmer.
"Gnädiges Fräulein gestatten?"
Sie war ein klein wenig verwirrt in die Höhe gefahren. Vielleicht hatte sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert?
Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond.
Das sah Randers flüchtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt, die hier aufgehängt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der Karte, während hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde; ungeduldig, nervös, wie es ihm schien.
Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor derKarte stehen bleiben.
"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu lärmend, gnädiges Fräulein," sagte er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man spricht sehr laut hier."
"Ja, das merkte ich schon."
"Gnädiges Fräulein sind schon lange auf der Insel?"
"Seit ein paar Tagen."
"Gnädiges Fräulein gestatten?"
Er zog einen Stuhl heran.
Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich.
"Sie wohnen in Westerland?"
"Westerland? Nein."
Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach derTür. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas.
"Sie befehlen?"
Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein.
"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde.
Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte zurückzuziehen.
Er war blutrot und ärgerte sich.
Er war gehörig abgeblitzt.
Was jetzt?
Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus demZimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung.
Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel umlegen.
"Famose Figur," dachte Randers, über die Zeitung hinwegsehend."Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit."
Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden eben bis an die Nasenspitze.
Randers stand auf.
Mit diesem königlichen Wuchs musste er sich messen.
Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder Maiblume?
Ihr Haar, im Nacken leicht gekräuselt, war ganz goldig, da gerade dieSonne drauf fiel.
Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kätzchen. Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Rücken. Das gefleckte kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfötchens in den Sand. Dem konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amüsierten ihn die Kätzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schönen Fremden war, deren Regenmantel hinter seinem Rücken rauschte.
Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung desKopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tür. Er sah ihr einenAugenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam denWiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hinverschwand.
Dann erst trat er vor die Haustüre, ging denselben Weg, blieb stehen, sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Dünen ein.
10.
Randers ging am Aussenstrand.
Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie.
Oder auch nicht.
Eigentlich hätte er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein das Recht, an der Wattenseite zu gehen.
Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht änglichst in solchen Sachen. Warum gerade jetzt?
Er kletterte zweimal auf die Dünen hinauf und hielt Rundschau. Aber keine Spur von einer Dame. Ein paar Dünenschafe jagte er auf, das war alles.
Du bist ein Narr!
Vielleicht ist sie längst wieder auf dem Rückweg.
Aber er lief doch bis Hörnum Odde, ganz bis an die äusserste Spitze. Er war tatsächlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot während der Ebbe dem Fussgänger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm. Er nahm seine Mütze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig war; sie war so schön weiss gewesen, leuchtend.
"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Mütze wieder auf, schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter.
Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerteer mit seinen langen Armen, als wäre er besonders unternehmungslustig.Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon inWesterland eine neue Mütze kaufen solle. Ja, das wollte er!
Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen.
"Winterstürme wichen dem Wonnemond."
Als er nach Rantum zurückkehrte, hörte er, die Dame sei nach einer halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Dünen hineingegangen und wäre wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurückgegangen.
Randers lächelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht so sehr ärgerlich. Nur etwas müde war er geworden und beschloss infolgedessen, die Mütze erst morgen zu kaufen.
Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte:
"Was sagen Sie zu der Mütze?"
Moiken wusste nicht, was er wollte.
"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er.
"Die ist noch lange gut," meinte Moiken.
Randers setzte die Mütze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer.
"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!"
Er warf die Mütze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, dieMoiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag.
Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast gespendet hatte.
Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm gewöhnlicher als sonst vor:
"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er.
Er duzte sie oft.
"Schlafen?" fragte sie verwundert.
"Du hast ja Punsch getrunken."
Sie lachte laut auf.
"Ach, das tut mir nichts."
"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?"
"Sie glauben auch wohl."
"Na, na!"
"Aber was ich sage!"
Sie war wirklich entrüstet.
Er lachte gutmütig.
"Lass gut sein. Ich scherz ja nur."
Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das wirklich ein wenig glühte, zwischen beide Hände zu nehmen.
Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen demSchraubstock.
"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach hinten.
"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er.
Aber es wurden zwei.
11.
Ausleben, nicht absterben!
Randers kaufte beim Gärtner in Westerland ein paar rote Astern und stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er lächelte dabei, ein wenig spöttisch:
"Ob sie wohl kommen wird?"
Aber es ward aus dem Lächeln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln.
Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Dünennest, und der Sturm darüber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien.
Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Dünenwildnis ging sie neben ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschäumten Strandes lag sie an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er sich abends müde in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier einsamen Wände, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer auf das eine zurückwiesen: Wo bleibt sie?
War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn indie Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere ArtVerrücktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebäude vonDünen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, dasWeib, wie er es träumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt?
12.
Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchigeTrübung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war völligeWindstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut.Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Mützen auf,ohne die sie ihm nie einen Besuch machten.
Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und war ärgerlich, trotz der schönen neuen weissen Mütze. Etwas auch gerade infolge dieser Mütze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand sich mit der Zeit alle seine Schwächen ein. Er wusste auch jetzt ganz gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der alten schmutzigen Mütze herumliefe.
Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich gemacht.
Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und wohin sie heute morgen gegangen war.
Und vor allem—sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt möglicherweise bis Mai oder gar Juni verlängern könne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte sie erst einmal fest gemietet.
So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand, dass er ihr nach Kämpen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich ärgerlich. Die Insel war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufällig" zu treffen. Es könnte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, während dessen sie immer zwischen den Dünen hinter einander herliefen, um einander herum, nur durch einen Sandhügel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide störten vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der nächsten Düne einen Schrecken ein. Ja, das war alles möglich.
Der Gedanke machte ihn ganz nervös. Er würde sie nie treffen, wenn er nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel übernachtete und sich ihr morgen beim Frühstückskaffee vorstellte.
Fräulein Lorenzen aus Tönning. Randers war in Tönning bekannt. Da warder reiche Weinhändler Lorenzen. Aber der hatte nur verheirateteTöchter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhändler hatte einenBruder in Hamburg, einen Reeder.
Randers war geneigt, die Dame für Fräulein Lorenzen aus Hamburg zu halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter. Patrizierblut. Alter Hanseatenadel.
Randers lag in der Sonne und ärgerte sich. Er lag auf dem Rücken, die Mütze übers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf den rötlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er eine Handvoll Sand und warf sie über den Rand der Terrasse in die Luft. Dann wälzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand durch die hohle Rechte auf den Rücken der linken Hand rieseln, mit unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Plötzlich nahm er ganze Hände voll Sand und warf sie über die Terrasse in die Tiefe, immer mehr, immer schneller, der grosse Junge, der er war.
13.
Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schlürfte seinen Kaffee auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hörte. Sie beklagte sich beim Wirt halb ärgerlich, halb belustigt, dass sie sich umkleiden müsse. Irgend jemand hätte sie vom rotem Kliff herab mit Sand förmlich überschüttet.
Randers war betrübt, entsetzt. Er unterdrückte einen Fluch.
Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens.
Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der würde ihm natürlich die grosse Neuigkeit erzählen. Fräulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was sollte er dazu sagen, für ein Gesicht machen? Er würde sich verraten, sie erführe es, und es wäre aus, alles aus! Adieu!
Er schwang sich über die niedere Brüstung der Veranda und lief in dieHeide hinaus.
14.
Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht, der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz plötzlich erhoben hatte! Der Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem weisslichen Nebelmeer ertrunken.
Dumm! sagte Randers laut.
Ob er in den Krug ginge? Dahin fände er auch durch den Nebel.
Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er könnte auch zu Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes."
Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf:
"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, ursprünglichen Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Bedürfnis, die alte Hülle, die ihn bedrückte, zu zerbrechen und ihr als ein gänzlich neuer Mensch zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betrübt, von allen Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verführerische Vision eines zukünftigen Daseins, in dem er, erlöst von allen verhängnisvollen Eigenschaften, von aller äusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum, die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale sähe und vor sich das ganze weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?"
Das hielt ihn.
Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen.
Das neue Leben von diesem Weibe?
Er wollte gerade die Fensterläden schliessen als es draussen klopfte. Der wackelige Türgriff klirrte, und die Tür knarrte, als würde sie zögernd geöffnet.
Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fräulein Lorenzens.
"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier plötzlich ein Licht aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich nicht zurecht."
"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt.
Sie lachte.
"Höchst erfreulich. Aber ich sehe es nicht."
Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnässt vom Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste gefallen sein.
"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal gestolpert."
"Sie haben sich doch nicht verletzt?"
Sie besah ihre Hände, die ohne Handschuhe waren.
"Ein paar Schrammen," lachte sie.
"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie können in dem Nebel nicht weiter."
"O danke, bemühen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme."
"Es klärt sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin."
"Wenn es sich noch aufklärt, und Sie erlauben, dass ich verweile?"
Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder.
Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen.
"Mein Blockhaus," sagte er.
"Das ist ja märchenhaft. Sie wohnen hier?"
"Seit dem Herbst."
"Das muss köstlich sein."
"Wenn man Einsamkeit liebt."
Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Sünde vom roten Kliff fiel ihm plötzlich ein.
"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie, "ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine Badegäste kommen."
"Ja, die Badegäste!"
"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden länger hier hausen?"
"So lange es mir gefällt."
"Und ganz allein?"
Er zuckte die Achseln.
"Was soll man machen? Die schönste Einsamkeit ist freilich die zu zweien."
"Meinen Sie?"
Er lächelte etwas verlegen.
"Einsamkeit will sprechen," sagte er.
Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen flüchtigen Blick auf den Titel.
"Mögen Sie den?" fragte sie.
"Sie nicht?"
"Nein. Er quält mich. Er füttert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt eine Rose, einen Strauss, aber man schüttet einem nicht einen Waschkorb voll Rosen über den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen angenehm zu ersticken."
Er lachte.
"Sie haben nicht unrecht."
Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach demFenster.
"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlässt?"
"Übernachten Sie in Rantum."
"Kann man denn das?"
"Gewiss!"
Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker, undurchdringlicher Nebel.
"Er ist stärker geworden," sagte er.
Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse.
"Es ist nicht weit bis Rantum?"
"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell."
"Entsetzlich!"
Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei.
"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein Fremdenzimmer, ganz komfortable."
Er war ganz rot.
"Aber nein," rief sie ungläubig aus.
"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie bedürfen könnten, wenigstens für eine Nacht."
Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja".
"Welch ein Abenteuer!"
"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er.
15.
(Tagebuchblätter.)
Der Strandvogt, dieser Hüne, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel seiner Frau zu stehen. Wenigstens überlässt er ihr das Regiment. Die schwerfällige Kraft räumt der rührigen, feineren Intelligenz freiwillig das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kürzeren, denn seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Fäuste ihn durchzusetzen. Eigentlich ein sehr glückliches Verhältnis.
* * * * *
War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder nachsehen, was noch zusammenhält von dem Kasten. Wie die Säcke rutschten die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg.
Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den stärksten Sturm mit der Gewalt seiner Lungen überbrüllend. Es ist doch etwas herrliches um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der stärkste Mann der Welt! Preisochse!
* * * * *
Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein prächtiger, himmelblauer Tag. Die See gleisst. Ganz köstlicher Anblick, diese gleissende See, ein flüssiges Metall. Von Hörnum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten in der See, wie sie über die Sandbank schäumt.
Böcklinsche Meerweiber natürlich darin, weisse Leiber, in der Sonne leuchtend, triefende Arme, Gelächter, wie wenn Wellen über Muscheln spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurück, balgen sich, toll ausgelassen.
O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton, urfrische Sinnesfreude.
* * * * *
Famoses Weib. Muss doch aufspüren, wo sie sich eingenistet hat. DieseFigur, diese imponierende Zurückhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allenRegeln.
* * * * *
Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hörnum, sitzt sie natürlich inList. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten.
* * * * *
Fräulein Lorenzen aus Tönning. Sie will bleiben, so lange es ihr gefällt, will Einsamkeit. Fräulein Lorenzen aus Tönning, ich suche Sie, wir gehören zusammen.
* * * * *
Natürlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein Dieb übern Zaun.—
Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich träume nur, und nur von ihr. Es ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschäftigt, einen ausfüllt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem Lotteriegewinn.
* * * * *
Wenn man so im Dünensand liegt, der Wind geht über einen weg, und um einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die tausend feinen Körnchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlägt. Und plötzlich fängt der Magen an zu knurren, will nicht länger so liegen, hat Hunger. Aber man hält's eine Weile aus, man liegt gerade so schön, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross wird—das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen.
* * * * *
Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlägt die Zähne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der Strandhafer hält's fest, das Land wächst, die Dünen wachsen, und der Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal wild, brüllt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer weisser Bart weht über den Dünenkamm.
Trutz blanker Hans!
* * * * *
Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich wälze mich schlaflos, stehauf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schläft Fräulein HelgaLorenzen aus Tönning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtigesKichern.
Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spät für Wenningstedt. Gott sei Dank!
Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz unbefangen. Diese schönen Hände. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der Seele aufsteigen.
Also nicht Tönning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Tönning. Reiche Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Übrigens ist sie mündig und wird über Vermögen zu verfügen haben. Gefällt mir ausnehmend, dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor davongegangen. Auf eigenen Füssen, Ibsenweib.
* * * * *
Fräulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt täglich. Ist das einMädchen! Sie hat Vermögen und will vorläufig "ohne Engagement" leben;Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Nächstes Jahrwill sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit.
16.
Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Füssen imSand. Überall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher.
Helga hatte mit einem Stückchen Muschelkalk Randers Profil auf ein grösseres Schieferstück mehr gekratzt als gezeichnet.
"Getroffen?"
Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab.
Er lachte.
"Aber nein!"
Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit kräftigem Wurf nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin.
"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir IhrSkizzenbuch noch nicht wieder gezeigt."
"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? DasMeer? Man schämt sich hier seiner Unzulänglichkeiten mehr als anderswo."
"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern gemacht hatte und die er gerne vorgelesen hätte. Jetzt verging ihm der Mut dazu.
"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurück?" fragte er.
"Nein, es ist nicht mein Beruf."
"Sollten Sie sich nicht täuschen? Ihre Hedda Gabler gestern—"
"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie Ihnen gestern überzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen überhaupt. Aber sehen Sie, es treibt mich nicht, hält mich nicht. Ich habe mir selbst den Beweis geben wollen, dass ich etwas könne, etwas war es auch Trotz gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss man ganz gehören, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht dabei verlieren will."
Er schwieg einen Augenblick.
"Aber Sie sind doch eine Künstlernatur," sagte er dann.
"Weil ich eine Seele habe?"
"Sie haben doch auch Talent."
"Ja, ein paar Talente. Ich singe, schauspielere. Und weil ich eine lebendige Seele habe, kommt auch etwas dabei heraus. Andere würden zufrieden damit sein und sich ein bescheidenes Häuschen mit allerlei Ruhmesflitter daraus aufbauen. Ich aber will kein Häuschen, ich will ein Haus mit einem stolzen Turm darauf. Und dazu reicht's nicht."
"Sie sind zu bescheiden."
"Ich kenne mich und richte mich ein.—Und dann hab ich's ja nicht nötig," setzte sie leiser hinzu.
"Aber Naturen wie Sie müssen doch einen Beruf haben, eine Aufgabe!"
"Das sagen Sie?"
Es klang wie Spott.
Er errötete.
"Ach ich. Ich bin verfehlt, verpfuscht."
"Und wer trägt die Schuld?"
"Ich selbst natürlich."
Sie sagte nichts und malte mit der Hand Kreise in den Sand.
"Etwas natürlich auch die Verhältnisse," setzte er hinzu.
"Die muss man meistern."
"Das geht nicht immer."
"Man muss wissen, was man will und was man kann.
"Und wenn man was will, was man nicht kann?"
"Das ist ja ein grosses Unglück."
"Man kann nichts dafür."
"Na—"
Sie brach kurz ab.
"Sie meinen doch?" fragte er.
"Ja, mit der Zeit muss man doch zur Erkenntnis kommen. Einsehen, was man ist, wer man ist. Und dann heisst's, seinen Pflock einschlagen, so, hier wirkst du, hier ist dein Land."
"Wenn aber diese Erkenntnis zu spät kommt?"
"Was nennen Sie zu spät?"
"Nun, so in meinen Jahren."
"Freilich, im Greisenalter."
Sie lachte spöttisch, und er stimmte herzlich ein.
"Also zur Erkenntnis sind Sie doch schon gekommen?" sagte sie etwas boshaft.
"Dass ich nicht kann, was ich möchte? Ja."
"Was möchten Sie denn?"
Er besann sich einen Augenblick und sagte dann wie im Scherz:
"Heiraten."
Sie lachte laut auf.
"Und warum können Sie es nicht?"
"Weil ich keine Frau finde."
"Die Ihrer wert ist?"
"Die zu mir passt."
"Und, wie muss dies begnadete Wesen geschaffen sein?"
"Ja wenn ich das nur wüsste."
17.
Randers an Gerdsen.
Lieber Freund, wie steht's mit unserm Roman? Für heute nur dieseAnfrage. Ein neues Kapitel fängt an!!
18.
Gerd Gerdsen an Randers.
Lassen Sie endlich von sich hören? Ihr Schweigen war mir rätselhaft.
Also wieder im Netz? Ich glaube, Sie leben ein wenig unserm Roman zuliebe und stürzen sich deswegen in Unkosten. Wie soll ich Ärmster das alles bewältigen! Kaum glaube ich, Sie gefasst zu haben, verwandeln Sie sich proteusartig; oder vielmehr lassen sich verwandeln von irgend einer Circe. Oder sind Sie konsequent in der Entwickelung? Ist es die Künstlerin, die Ihnen nach der Aristokratin noch fehlte? Nur dann würde ich mir weitere Materialien erbitten.
Ich hatte mir schon vorgenommen, Sie im November zu besuchen, "studienhalber". Sie sollten mir wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie Ihr Blockhaus bauen würden, und ich wollte wenigstens die aufgebrachten Wellen sehen, die zuletzt ihre Leiche dem erschütterten Leser vor die Füsse werfen sollen. Eine Blockhausgefährtin aus Fleisch und Bein zu sehen, darauf hatte ich schon Verzicht geleistet. Und nun ist sie doch Wirklichkeit geworden.
Lassen Sie mich jetzt aber auch mehr hören. Der Roman stockt. Ich brauche Dampf. Lassen Sie mich im Stich, muss ich's auf meine Weise deichseln. Und ob Sie dann zufrieden sein werden?
Kraus genug wird das Ding. Mehr Materialien zu einem Lebensbild als Roman. Aber Warum muss es denn gerade ein Roman sein? Es wird ein buntes Buch, und wir wollen zufrieden sein, wenn der Leser gestehen muss, dass er schon schlechtere Bücher gelesen hat. In Zukunft bin ich übrigens vorsichtiger in der Wahl meiner Modelle. Ihr Fall wäre etwas für das Genie eines Cervantes oder für die Psychologie eines Dostojewsky.
Mit Herz und Hirn Ihr
G. Gerdsen.
19.
Randers an Gerdsen.
Nur ein paar Dankeszeilen für Ihren Brief, lieber Freund, der meine wunderliche Stimmung noch bunter macht.
Alle Erklärungen nächstens. Halten Sie mich nicht für den oberflächlichen Don Juan, als der ich Ihnen erscheinen muss. Es sieht wunderlich in mir aus. Den Don Quijote will ich Ihnen zugeben! Sie spielten mit dem Cervantes so freundschaftlich darauf an. Aber vergessen Sie nicht, dass der edle Ritter sich selbst verzweifelt ernst nahm. Die Tragik eines solchen Charakters!
Was ist überhaupt das Leben anders, als ein beständiger Kampf gegenWindmühlen.
Übrigens, sie kam im Nebel zu mir, verirrt. Mein Blockhaus wurde ihreRettung. Soll man nicht an höhere Lenkung glauben? Diese "verrückte"Blockhausidee (wie oft werden Sie sie so gescholten haben) rettete ihrdas Leben. Kennen Sie den Nebel? Ein Irrgang im Wattennebel?
Adieu! Ich muss Helga treffen. Helga heisst sie, ich heisse Henning.Klingt das nicht hübsch zusammen, was?
Herzlichst
Ihr Randers.
20.
Das ganze Blockhaus duftete nach Veilchen. Randers hatte zu Helgas Geburtstag aus Hamburg Veilchen bestellt. Zwei grosse Körbe voll. Er hatte den einen auf ihr Zimmer gestellt, den Inhalt, des anderen unten in der Wohnstube verstreut, über alle Möbel, und über den Fussboden.
Helga teilte seit ein paar Tagen das Blockhaus mit ihm. Warum nicht? DerLeute wegen? der Rantumer?
"Wir wollen gute Kameraden sein." Damit hatte sie seine Einladung angenommen.
Als sie zum Morgenkaffee herunterkam, auch hier Veilchen sah, zu ihren Füssen, nicht zutreten mochte und dann, als er sie erwartungsvoll ansah, mit einem glücklichen, gerührten Lächeln auf ihn zukam, der Veilchen nicht achtend—da sagte Randers zum erstenmal leise:
"Wie lieb habe ich Sie."
Ein flammendes Rot überflog sie, verging aber schnell.
Sie lächelte.
"Wie gut Sie sind."
"Weil ich Sie so liebe?"
Sie legte den Finger auf den Mund.
"Seien Sie nicht töricht," sagte sie. "Wir wollen gute Kameraden sein."
Er küsste ihr die Hand.
Nachher gingen sie auf die Dünen hinauf.
Es wehte stark. Helgas Kleid klatschte im Wind. Sie atmete tief und musste auf dem Dünenkamm einen Augenblick stehen bleiben. So wehte es.
Da gab er ihr seinen Arm.
Sie standen und sahen auf die unruhige See, die ganz stahlblau aussah.
Die Möwen pfeilten vorm Wind, kreisten furchtlos in ihrer Nähe.
"Da drüben liegt Schottland," sagte Helga.
"Lassen Sie Schottland jetzt," sagte er.
Sein Herz war voll. Er spürte den Veilchenduft, der von ihrem Gürtel aufstieg, von dem Sträusschen, das sie dort befestigt hatte.
Er hätte sie an sich reissen mögen.
Drüben liegt Schottland.
Er verstand sie wohl.
"Wir wollen gute Kameraden sein."
Am Abend las er Helga seine Blockhausphantasie vor.
"Wie denken Sie über Jolanthe?" fragte er.
"Die Ärmste," sagte Helga.
"Er kann sie doch nicht heiraten," meinte Randers.
"Nein. Er ist ein Phantast. Er bleibt auch besser davon," sagte sie leichthin.
21.
Es war der Jahrestag von Helgas erstem Auftreten als Hedda Gabler.Randers stiess mit ihr an.
"In Schönheit sterben," sagte er.
"In Schönheit leben," antwortete sie.
"Aber dann in Schönheit sterben," beharrte er.
"Wie's kommt."
"Das sagen Sie, Hedda Gabler?"
"Ich bin keine Hedda Gabler."
"Aber möchten Sie denn nicht—"
"In Schönheit sterben?"
Sie lachte.
"Wissen Sie, was Hedda dem Eilert so hoch anrechnet, dass er den Mut gehabt hat, sein Leben nach seinem eigenen Sinn zu leben und dann die Kraft, den Willen hatte, vom Gastmahl des Lebens aufzubrechen—es kommt doch immer auf das Leben an, das geendet wird. Ein verpfuschtes Leben mit der Pistole abzuschliessen, was ist da Schönes dabei? Kraft und Willen zu neuem Leben haben, das wäre schön. Das andere ist am Ende nur ein billiger Ausweg aus der Klemme, eine Tat der Ohnmacht, der Verzweiflung."
"Unter Umständen—"
"Ach lassen wir das. Warum vom Sterben reden. Ich halt's mit dem Willen zum Leben und mit der Kraft, aus sich herauszukommen, nicht einfach sich wegzublasen."
"Aber wenn die Kraft nicht mehr da ist."
"Dann mag der Abgewirtschaftete sich aus dem Weg räumen. Ich billige das sogar. Aber wir wollen da nicht von Schönheit reden. Er erleichtert sich, und Sie wollen sich hinstellen und ihn bewundern, den Mut bewundern, der sich eines unbequem gewordenen Rockes entledigt."
"Ich glaube, Sie sind denn doch nicht ganz gerecht."
Sie zuckte die Achseln.
"Ich denke nun einmal so. Aber lassen wir das. Nichts vom Sterben."
Es war ein köstlicher, sonniger Tag, und sie liessen das Thema vom Sterben ruhen. Sie gingen in die Dünen und waren still und froh miteinander.
Und wenn Randers sie ansah, dachte er immer: "In Schönheit leben!" Ja, mit ihr, an ihrer Seite. Und er sagte es ihr, und sie lächelte. Sie liebte jede Art Tapferkeit, und er sagte es so tapfer, so ganz überzeugt, dass es ihm möglich sei. Und er lachte so laut und fröhlich und warf die Arme und trug den Kopf hoch und schob die Mütze in den Nacken, dass die ganze, hohe, gebräunte Stirn frei wurde.
Im Sand lagen sie und sprachen wieder von Hedda Gabler, und dann kamen sie auf Nora.
"Sie wollten mir noch tanzen," bat Randers.
"Wollt ich?"
"Sie versprachen's. Ich bin so begierig, Sie tanzen zu sehen. Wie werden Sie als Nora tanzen, diesen Tanz mit der Verzweiflung im Herzen. Und hier ist die Heide so glatt und hart. Die reinste Tenne. Und der Wind wird Ihren Schal fangen, und die Möwen werden Ihren Pas folgen, der Tanz über dem Tanz. Und ich werde klatschen und dankbar sein."
So bat er, beredt und von ihrer Schönheit in einen Rausch versetzt, der ihn zum Dichter machte.
Und Helga erhob sich zum Tanz.
"Nun spiel mir auf. Nun will ich tanzen," rief sie mit Nora.
Aber das war keine Nora, die da tanzte, kein gequältes Weib, dasBetäubung suchte. Es war ein wirbelndes, leidenschaftliches Kreisen undGleiten und Auf- und Niederschnellen.
Sie ist zu gross für Nora, dachte Randers.
"Mir fehlt ein Tambourin," rief Helga.
"Es geht doch nicht auf dem Heideboden," entschuldigte Randers.
"O doch, es liegt an mir. Ich bin nicht Nora heute. Aber was ich Ihnen tanzen möchte. Haben Sie die Sorma als Salome gesehen? Das möchte ich Ihnen tanzen können."
Und sie versuchte es, machte ein paar Schritte über die Heide, kam inFeuer, ward geschmeidig, verjüngte sich vor seinen Augen, tanzte um denKopf des Täufers. Und ein Wolkenschatten hüllte sie ein. Und der Windwehte frischer und rang mit ihr und löste eine ihrer schweren blondenFlechten.
Und Randers starrte sie, halb aufgerichtet, an.
Und die Wolke zog vorüber, und die Sonne liess Helgas Schatten über die Heide tanzen. Und eine Möwe wiegte sich, leuchtend, über Salome, umkreiste sie und schoss plötzlich wie ein zuckender Blitz davon.
"Bravo! Bravo!" rief Randers, klatschte in die Hände, sprang auf und auf die ihm entgegen Taumelnde zu.
Helga glühte, lächelte, und wehrte ab. Sie sank ins weiche Dünenbett und fächelte sich Kühlung zu.
"Es ist nichts, ich kann's nicht," stiess sie hervor. "Aber ich möcht's können. Mit Genie tanzen."
"Sie können's," rief er warm.
"Nein, nein. Es ist nichts."
"Vielleicht, wenn ich um einen Kopf tanzte," setzte sie lächelnd hinzu.
"Meiner steht Ihnen zur Verfügung," sagte Randers.
"Sie sind kein Johannis."
Er lachte, aber er suchte einen Hintergedanken darin, fühlte sich verwundet.
"Was wollten Sie mit Johannis?" meinte er.
"Was wollte Salome mit ihm?"
"Sie liebte ihn."
"Nun also. Aber ich müsste diese Liebe empfinden, nicht nur schauspielern. Die Liebe ist das einzige, was bei uns Frauen das Genie ersetzt."
"Und waren Sie nie—"
"Genial?" fiel sie ihm ins Wort. "Nein, lieber Freund."
Er sah sie forschend an.
Sprach sie die Wahrheit?
"Und wie müsste der Mann sein, um dessen Kopf Sie—"
"Männlich!"
"Ja, wie?"
"Stark, klug, klar und tapfer. Mit Willen zum Leben. Fest auf den Füssen und Herr über sich."
Randers wurde rot, glühte vor Scham.
"Der ideale Mann," sagte er.
Sie sah sein Erröten, und ein warmes Gefühl für ihn stieg in ihr auf.
"Ideal?" sagte sie. "Solche Männer gibt es genug. In allen Ständen, Gott sei Dank!"