23. Der Giftmord.
Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen. Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie dieBrinvilliersund dieVoisingeschlechtlich ausschweifende Weiber waren.Sade, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des menschlichen Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus erfasst und in der Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht. Höchst anschaulich malt er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei aus, die eine ungeheuere sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III, 214.) Auch ist der Giftmord wegen seiner Unauffälligkeit den anderen Arten der Tötung vorzuziehen. Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der Tod überrascht unter Deinen Augen die betreffende Person, ohne Lärm, ohne Skandal, kaum dass Du es merkst. O Justine! Justine! es ist eine herrliche Sache, das Gift! wie viel Dienste hat es schon geleistet! wie viel Leute bereichert, von wie viel unnützen Wesen die Welt befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal par excellence. (Juliette III, 220 ff.)Sadehat sie deutlich als krankhaft entartete Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit ihrem cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit das Bild der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen ganzenGarten mit Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte, Emmenagoga, Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren das „poudre du crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet wird, damit seine krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten Grad der Wollust bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de tigre d’Ethiopie“, mit der ein junger Mann aus der Welt geschafft wird, das „Königsgift“ (poison royal), durch welches nachSadeunterLudwigXV. viele Mitglieder der königlichen Familie vergiftet wurden. Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile, verschiedene Schlangengifte („Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“, „Aimorrhois“). Auch der Minister Saint-Fond betreibt Giftmord im Grossen, ebenso Noirceuil, der derBrinvillierseinen Lobhymnus singt (Juliette II, 31 und 85).
Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski Strammonium in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die Durand und Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit Giften eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).
Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der RegierungLudwig’sXIV. eine wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem Lande eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte AbbéGuibourg, der Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie mit Giften und Liebesphiltren.[391]Der Giftmord nahm so überhand, dass der König am 7. April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre royale de l’arsénale“ oder „Chambre ardente“ errichten musste, die ausschliesslich sich mit Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am bekanntesten ist die GiftmischerinMarie Madeleine Marquise de Brinvilliers, die auch der Marquisde Sadesehr häufig erwähnt.[392]Es ist interessant, dass dieses teuflische Weib, wie sich aus einer unter ihren Papieren aufgefundenen Autobiographie ergab,von frühester Jugend an in sexuellen Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete. Eine unersättliche Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben. Dies war offenbar das Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier, welche eigentlich nichts weiter ist, als ein potenzierter Egoismus, macht zuerst gefühllos gegen das Geschick und die Leiden Anderer. Diese Hartherzigkeit wandelt sich bei weiterem Fortschreiten der sexuellen Entartung in Grausamkeit und Mordlust um. So geschah es auch in diesem Falle. Erst nach längeren Ausschweifungen lernte dieBrinvilliersvon ihrem Geliebtende Sainte-Croixdie Giftmischerei kennen, die sie dann mit einer wahren Wollust betrieb. Sie vergiftete ihren Vater, ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und zahlreiche andere Personen. Nach Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie am 16. Juli 1676 enthauptet; ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut, so dass, wie Madamede Sévignéin ihren Briefen erzählt, „ganz Paris Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und dadurch von gleichem Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktiveVoisin, dieVigouroux, desŒillets, Delagragnesind die berühmtesten Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde dies Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt. Die bekanntesten Giftmischer sindDesruesund seine Frau, die sich um jeden Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der ihnen im Wege stehenden Personen griffen.[394]Sade, der alle ihm naheliegenden Vorbilder benutzt hat, lässt auch diesenDesrueszusammen mit dem grossen RäuberCartoucheals Henker bei einer Orgie fungieren, oder vielmehr durch Noirceuil zwei Männern diese berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI, 323). Ebenso erzähltRétif de la Bretonneim vierten Bande der „Année des dames nationales“ (S. 1166 ff.) die AffaireDesrues.