4. Adel und Geistlichkeit.

4. Adel und Geistlichkeit.

Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquisde Sadedie Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten neben dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller Orden, Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und atheistische Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime zieht vor unserem Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich eigentlich nur einen einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils aus dem Adel sich rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde Offizier, der zweite Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich aus Mangel an Mitgift nicht verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65]Die Begünstigung des Adels von Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert unerhörte Dimensionen angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter- und militärischen Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben. Mit 18 bis 20 Jahren erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne von der militärischen Praxis eine Ahnung zu haben. Sieverbringen ihre Jugend in Luxus und Sinnengenuss mit Weibern.“[66]

Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das Institut derAbbésein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die man überall fand und die nichts war.“[67]Mercier[68]erzählt, dass Paris voll von Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der Kirche dienten noch dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten, und nur unnütze Dinge und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine unwichtige Rolle als „Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w. spielten. Auch waren sie in allen Bordellen zu Hause, obgleich früher jede Kourtisane, die den Besuch eines Abbé anzeigte, 50 Francs bekam. Das hatte aber unterLudwigXVI. aufgehört. Eine köstliche Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts entwirft der berühmte GastronomBrillat-Savarin[69]: „Wenn eine adlige Familie viele Söhne hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam anfänglich einfache Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung hinreichten, später wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er mehr Fähigkeit zum geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus der Abbés. Aber es gab auch viele falsche, und viele wohlhabende junge Leute traten in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer — durch eine leichte Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines Benefiziaten und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde, Geliebten und Gastgeber, denn jedesHaus hatte seinen Abbé! — Die Abbés waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig, Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben, sind fette Betbrüder geworden.“Sadehat diesen Typus im Abbé Chabert (Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer Tochter gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den PolizeiberichtenManuelsüber die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später sehen werden.

Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der „Ritter“, der Chevalier. Auch er hat inBrillat-Savarineinen liebevollen Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft gefunden, sich selbst den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist hübsche Männer. Sie trugen den Degen senkrecht, den Kopf hoch, die Nase im Winde, das Bein steif; sie waren Spieler, Verführer, Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge einer Modedame. Zu Anfang der Revolutionskriege gingen die meisten Ritter zur Armee, andere wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der Menge. Die wenigen Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck erkennen. Aber sie sind mager und können nur mühsam gehen.Sie haben die Gicht.“[70]

Die Vertreter des Klerus sind inSadesRomanen die Verüber der allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setztSadedie Schandtaten, die Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden Ranges ins rechte Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten Schimpfworten.Und er hat Grund dazu.Gerade bei der Erörterung der Lasterhaftigkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert werdenwir uns stets auf authentische historische Dokumente stützen. Nicht wir reden, sondern der Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen derPolizeireden und gebenSadeRecht, dessen Werke bekanntlich auf den Index gesetzt wurden, wohl weniger wegen ihrer Obscönität als wegen ihres antiklerikalen Inhaltes.

So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und die übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt. Die Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches sind die einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester! Wer verführt und notzüchtigt täglich unsere Frauen und Kinder? Die Priester! Wer ist der grösste Feind jeder Regierung? Die Priester! Urheber der Bürgerkriege? Die Priester! Wer vergiftet uns beständig mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns bis aufs Letzte? Arbeitet am meisten an der Vernichtung des Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am meisten mit Verbrechen und Infamien? Welche sind die gefährlichsten und grausamsten Menschen?Und wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der Erde zu beseitigen?Wir verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle Schmerzen Frankreichs sind das Werk der Jesuiten (Juliette III, 169). Zahllos sind die Orgien und Ausschweifungen, welche von Geistlichen in den RomanenSadesveranstaltet werden. Alle sexualpathologischen Typen sind vertreten. Der Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der „sanguinaire“ u. s. w. Wir erwähnen nur die schauerlichen Orgien im Karmeliterkloster (Jul. III, 143), beim Erzbischof von Lyon (Jul. I, 234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I, 238), in den Katakomben des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und Nonnen (Jul. I, 96) beim Papst Pius V. und den KardinälenAlbaniundBernisin Rom (Jul. IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und Gotteslästerer,Sadelässt sogar — ein Unikum in seinen Werken — im vierten Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des KardinalsBernisvorlesen (S. 162–169). Wir gehen dazu über, aus den Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquisde Sadenicht Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so schimpflicher Weise blosstellt.


Back to IndexNext