b.Justine Paris und das Hôtel du Roule.
Am 14. November 1773 hielt MadameGourdanauf ihre verstorbene KolleginJustine Pariseine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 401 bis 412) abgedruckt ist und so vollsadischen Geistesist, dass wir einen kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die Idee zu dieser Leichenrede concipierte der PrinzConti, einer der berüchtigsten Lebemänner des ancien régime.Ausgeführtwurde sie von derGourdan, welche die Rede bei einerOrgie inConti’sHause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-puissante Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè, Paphos, Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame Gourdan, sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte das charakteristische Motto:
La vérole, o mon Dieu,M’a criblé jusq’aux os.
La vérole, o mon Dieu,M’a criblé jusq’aux os.
La vérole, o mon Dieu,M’a criblé jusq’aux os.
La vérole, o mon Dieu,
M’a criblé jusq’aux os.
Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man in den Romanen desMarquis de Sadefast auf jeder Seite findet, schleunigst in die Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer Eltern hin. Darauf tritt sie in ein Pariser Bordell ein, wo sie schnell grosse Fortschritte im Dienste der Venus macht, und durch ein Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald berühmt wurde. Reisen nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie phlegmatisch mit dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig (emportée) mit dem Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nachItalienund ist in Rom die „Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie durchreist ganz Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt. Leider macht sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend, die sie aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin eines Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.
Sollte dem Marquisde Sadediese Leichenrede ganz unbekannt geblieben sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in MadameParisund ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als Königin der Welt und als Idealhure gefeiert wird.
Casanova, dieser geniale Schilderer, dessen historische Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift vonBarthold[214]überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren von einem Besuche im Bordell derParisim Jahre 1750, dem sogenannten Hôtel du Roule, und führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und Treiben in einem Pariser Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor Augen, das als Ergänzung der mehr systematischen Beschreibung des HausesGourdanhier Platz finden möge.[215]„Das Hôtel du Roule war in Paris berühmt, mir aber noch unbekannt. Die Besitzerin hattees elegant möbliertund hielt zwölf bis vierzehnausgezeichnete Nymphen. Man fand bei ihr alle wünschenswerten Bequemlichkeiten; guten Tisch, gute Betten, Reinlichkeit,Einsamkeit in herrlichen Gebüschen; ihr Koch war vortrefflich, ihreWeineausgezeichnet.
„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber Alle befriedigte.
„Durch die Polizei geschützt, war sie weit genug von Paris entfernt, um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die über der Mittelklasse standen.
„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen hatten einen gewissen Tarif.
„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück miteiner Nymphe, zwölf für ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.
Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese SchilderungCasanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris „einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“, ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends einKocherwähnt wird, dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta beiCasanovaundde Sadegenau dieselbe ist, endlich dassCasanova, der im Juni 1798 starb, nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquisde Sadenicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird, mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquisde Sadehat unter dem Namen der Duvergier das Treiben derJustine Parisgeschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus ergiebt sich, dass dieWerke des Marquisde Sade ebenso ein Objekt der Kulturgeschichte wie der Medizin sind. Dieser merkwürdige Mensch hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten ihnverstehen, um ihnerklärenzu können, und wir überzeugten uns bald, dass auch derArzthier die wichtigste Belehrung nur aus derKulturgeschichteempfangen kann. DasIndividuum de Sadewird erleuchtet durch dengeschichtlichenMenschen.
Kehren wir nach diesem Excurse zu der SchilderungCasanova’szurück. „Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach Chaillot‘.
„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.
„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig, öffnete und wir fuhren hinein.
„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.
„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.
„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr anmutige Verbeugung.
„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.
„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.
„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.
„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können, und wir gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner rufen würde.
„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er den Freuden der Liebe dienen konnte.
MadameParissagte:
„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und halten Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe und der Gesundheit.“
„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.
„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um uns zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.
„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.
Schliesslich lassen sichCasanovaund sein Freund dazu bewegen, die Nacht in dem Bordell zu verleben.
Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18. Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert die mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:
Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,Est un temple charmant consacré par l’Amour;C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presseVa porter son encens an dieu de la tendresse.
Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,Est un temple charmant consacré par l’Amour;C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presseVa porter son encens an dieu de la tendresse.
Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,Est un temple charmant consacré par l’Amour;C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presseVa porter son encens an dieu de la tendresse.
Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,
Est un temple charmant consacré par l’Amour;
C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse
Va porter son encens an dieu de la tendresse.
Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A la nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten). Ich citire eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass dieParisihren Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu geben pflegte, ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch geschieht:
Des noms mignards, respirant la luxure,Feront an cœur la première blessure;Margot sera la charmant Aglaé,Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.
Des noms mignards, respirant la luxure,Feront an cœur la première blessure;Margot sera la charmant Aglaé,Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.
Des noms mignards, respirant la luxure,Feront an cœur la première blessure;Margot sera la charmant Aglaé,Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.
Des noms mignards, respirant la luxure,
Feront an cœur la première blessure;
Margot sera la charmant Aglaé,
Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,
Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,
Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.