g.Die Freudenmädchen.
Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen, dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen Wollust das Jahrhundert derDirneist. Die Dirne wird vergöttert, idealisiert. Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr Wollust, je raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der Liebe, Madame de St.-Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie zum ersten Male höre. Diese erwidert (S. 52–53): „So nennt man diese öffentlichen Opfer männlicher Ausschweifungen, welche stets bereitsind, sich ihrem Temperament oder ihrem Interesse zu ergeben. Es sind glückliche und ehrenwerte Geschöpfe, die aber von der allgemeinen Meinung entehrt werden, während die Wonne sie krönt. Sie sind der Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen, weil sie den Mut besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft liebenswürdigen Weiber, die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die ich seit 12 Jahren diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich fern davon, mich dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es freut mich sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese Benennung höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“. Das ist das, was dieGoncourts„den Verlust seines guten Rufes geniessen“ nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts erklären.
Rétif de la Bretonneerhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem „Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht zur Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid doch noch nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr gewährt, durch die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten Männer in den Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen unsittlicheren Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre Gesundheit einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt daran, dass Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre Priesterinnen der Wollust.Achtet Euch!“[230]
Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So sprach ein Chevalierde Forgesbei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben dort finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im Genusse, in den Armen einer Prostituierten.[231]
Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert spiegelt sich am einleuchtendsten in dem Verhalten derPolizeiihnen gegenüber wieder. Wir sahen, dassde Sadedas Bordell der Duvergier ausdrücklich durch die Polizei geschützt sein lässt. So war es in der That zur Zeit der Entstehung der „Juliette“, während der Schreckensherrschaft und unter dem Direktorium. Doch unter der Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen bestraft, einzelne sogar nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon Lescaut“ erinnert, jene berühmte Erzählung des AbbéPrévost, mit welcher übrigens die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des 18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl wurden ab und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste der bekannte Polizei-InspektorMaraisdem KönigeLudwigXV. über die Dirnen von Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine ernsthafte Aufsicht fehlte.Parent-Duchatelethat die Archive der Pariser Polizeipräfektur vom Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und aus dieser entnommen[233]: „Dass die Duldung der Polizei in Betreffder öffentlichen Dirnen und Häuser unbegrenzt war, dass sie nur in sehr argen Fällen einschritt und unsern jetzigen Duldungsscheinen entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie Haussuchungen anstellte, ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn Klagen angebracht wurden.
„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen und Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich von verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.
„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch keine Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der Polizeikommissare und ihrer Diener abhing.
„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des verflossenen Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren minder roh und eilig war“.
Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene Zustände, wie siede Sadein seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit. NachParent-Duchatelet[234]wurden von 1791 an alle alten Einrichtungen abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr besonderer Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22. Juli dieses Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel der Zuchtpolizei in sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von öffentlichen Eingriffen in die Sitten, davon; allein offenbar wollte der Gesetzgeber jener Zeit nur die Geschöpfe erreichen, welche junge Leute deseinen und des andern Geschlechts verführen, um sie einem Richter zu überliefern. Von dem Treiben der Lustdirnen sagt er nichts, und es scheint, dass er dies für ein Gewerbe ansah, welches jede zu üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift deshalb ein Eingriff gegen die persönliche Freiheit sei.
So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen gleich gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit frei gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie zu keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.
Eine zügellose Frechheit, einbeispiellosesAergernis war die Folge. Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer Zeit und bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon jetzt daran, dass der Marquisde Sadediese ganze Zeit, von 1790 bis 1801, mit der kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller Freiheit in Paris zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des Dirnentums und der widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.
Jetzt wurde dieDirnezur „Göttin der Vernunft“, diealleanbeten müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis ablegt: „Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu Teil werden!“[235]Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht dar.[236]
Hier wurde das Ideal, das der Marquisde Sadein seinen Romanen aufstellt, verwirklicht:Die Massensuggestion der Wollust! Zu dem unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten Begierden hinabzuziehen. DieseInfectionder Moral durch das Gift der Wollust hatRétif de la Bretonnesehr schön wiedergegeben in seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: „Die Mädchengehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten — und unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach, aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges — Kinder haben es vor Augen — und man wundert sich noch über die Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration zu diesen Worten berichtet A.Schmidt nach Polizeiberichten— wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint — dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchenim Alter von 7 bis 14 und 15 Jahrenangefüllt waren, die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238]Es ist kein Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der Zeit der Terroristen erreicht wurde.de Sade, der im Dezember dieses Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „nackte Bälle“, bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl dertäglichenDirnenbälle aufmehrere Hundertstieg[240], auf denen die „Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.
Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000. Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].
Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier besonders in Betracht.
Merciererzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen ganz besonderen Reiz ausüben[242].La Mettrieruft emphatisch aus: „Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten TänzerinCamargound derJalé[243]. d’Alembertmeinte derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung sei“.[244]
Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei vonCasanovaerzählte Erlebnisse. Sein FreundPatuführte ihn zu einer berühmten Sängerin der Oper, der MademoiselleLe Fel, beliebt in ganz Paris und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. — „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen Gesichtsausdruck hat.“ — „Das glaube ich gern! Der älteste ist der Sohn des Herzogs vonAnneci, der zweite der des Grafen vonEgmontund der jüngste verdankt sein LebenMaisonrouge, der eben dieRomainvillegeheiratet hat.“ — „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ — „Darin haben Sie sich auch nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah siePatuan und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauenanmassende Angriffe auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.
„MademoiselleLe Felwar gleichwohl nicht frech undgehörte sogar der guten Gesellschaft an, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich gewusst haben,dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren. Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben starke Pensionen zahlten.Folglich lebten diese Damen um so mehr im Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.“[245]
Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sahCasanovabeiLani, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über Kopfschmerz. WährendCasanovaihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für eine Jungfrau gehalten hatte, sagteCasanova: „Ich glaubte nicht, dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette.[246]
Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage, sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“. Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen „verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]
Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über dieberühmtesten Dirnenvon Paris erfahren wir, dass dieselben fast durchweg der Theaterwelt angehören.[248]
Die OpernsängerinLa Guerrewar jene Dame, für welche der Herzog vonBouillonin drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.
Die DirneLa Prairiegehörte zu denjenigen Weibern, welche sich dem Marschall Prinzen vonSoubisein dessen „petite maison“ nackt zeigen mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé Terrai!“ Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue Notre-Dame ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige Angebetete hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der Enthüllung den schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est le costume“, bemerkte derAbbékaltblütig, indem er ihr durch diese Worte anzeigte, dass er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben wünschte.
Die berühmte MademoiselleDu Théwar anfänglich als „Rosalie“ Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen Herzog vonChartresin die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie von diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte dort mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle eröffnete, die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt gestattete. Diese Messalina war überaus geldgierig und eigennützig. Später wurde sie die Geliebte des Grafen vonArtois. Ein junger in sie verliebter Musketier, der keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes malitiöse Gedicht:
Du Thé tu cherches à plaireA qui peut t’enrichir;Moi qui suis mousquetaireJe n’ai rien à t’offrir.Mais je sais faire usageD’un moment de loisir,Un homme de mon âgeNe paie qu’en plaisir.[249]
Du Thé tu cherches à plaireA qui peut t’enrichir;Moi qui suis mousquetaireJe n’ai rien à t’offrir.Mais je sais faire usageD’un moment de loisir,Un homme de mon âgeNe paie qu’en plaisir.[249]
Du Thé tu cherches à plaireA qui peut t’enrichir;Moi qui suis mousquetaireJe n’ai rien à t’offrir.Mais je sais faire usageD’un moment de loisir,Un homme de mon âgeNe paie qu’en plaisir.[249]
Du Thé tu cherches à plaire
A qui peut t’enrichir;
Moi qui suis mousquetaire
Je n’ai rien à t’offrir.
Mais je sais faire usage
D’un moment de loisir,
Un homme de mon âge
Ne paie qu’en plaisir.[249]
DieDu Théschwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des PolizeiinspektorsMaraisvom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern hatte dieDu ThékeinenSou! sie musste sich einen Thaler und 6 Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]
Die SchauspielerinDuboisvon der Comédie française hatte einen Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits 16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“
Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquisde Sadebeeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der Wirklichkeit.
DieLa Chanterie, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251]
Neben den Theaterdamen erfreuten sich dieModistinnenundVerkäuferinneneiner grossen Beliebtheit. Die „jeunes ouvrières“ kommen denn auch beide Sademehr als einmal vor.Rétifde la Bretonnehat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine MadameDevilliers, die für die Gräfindu Barryarbeitete. Letztere war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell derGourdaneintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildertRétifbesonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252]NachParent-Duchatelet[253]traten Lustdirnen während der Revolutionszeit mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle und — eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr besuchen.
Dass in denRestaurationen,Cafés,Kneipen u. s. w.die Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen.Casanovapflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, 100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254]
Auch dasZuhältertumwar bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt. Der Marquisde Sadezeichnet mehrere Typen desselben, z. B. denDorval(Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 sprichtPeuchetin seiner Encyclopädie von den Zuhältern undRétif de la Bretonneebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen „Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer bestehen. — Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen, so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; siemuss ihn in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]
Zahlreich waren endlich dieUnterhändlerinnen,Kupplerinnen,Begleiterinnen u. s. w., dieses notwendige Correlat der Prostitution, das natürlich beiSadein allen Gattungen vertreten ist. Auf den letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser „mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]
Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen „maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“, „mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796 auf.[257]
In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier den Zwecken derWollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung desKnaben- undMädchenhandelsim 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258]Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebtRétif de la Bretonneausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ sagtRétif, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“ Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime existierte und — horribile dictu — eineHaupteinnahmequelle des Inspektors der Prostituierten bildete, der davon vielleicht dem Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals unterdrückt. Der CensorMairobertkannte alle Details und machteRétifdamit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes enthüllte.[259]
Rétif de la Bretonnehat sich vielfach mit derOrganisationder Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, 1770, 1786), einem Buche, in dem man nachParent-Duchatelet„Fragen von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines EngländersLewis Moore, des AdvokatenLinguetund des königlichen CensorsPidanzat de Mairobert.[260]Rétifschlug darin der Polizei vor, in grossen Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welchealle(!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann. So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses; ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen, welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken, Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung, wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab ein vielleicht vonRétif’s Schrift begeisterter Anonymus in einer Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eineSuperiorinhaben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu erleichtern, auffünfhundert(!) beschränkt.[261]
Rétif’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr.Robertnahm in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la population“ (Paris, an X, 2 Bände) den PlanRétif’s wieder auf und schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der Marquisde Sade, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten. Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen aufSadesich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ — jede derselben dient einer besonderen Art von Folterung — genau beschrieben werden. Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262]