Chapter 46

2.Die Königin Karoline von Neapel.

Die KöniginKarolinevonNeapelschildert der Marquisde Sadeals vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der KönigFerdinandIV., zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in verschiedenen vonSadegeschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469]

Hier hat der Marquisde Sadewirklich durchaus „nach der Natur“ geschildert. Man darf sagen, dass vonHelfert’sAufsehen erregender Versuch einer Ehrenrettung der KöniginKarolinevonNeapel[470]vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung derHelfert’schenAusführungen durchMoritz Broschwohl definitiv dargethan hat.[471]Danach bestehen die vonGorani, Colettaund vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der KöniginKarolinezu Recht.

Colettasagt von ihr, dass sie „mehr als eineLeidenschaft besass, rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust verblendet wurde“.[472]

Gorani, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779 bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto seiner Memoiren gilt:

Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.Je vais le déchirer....

Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.Je vais le déchirer....

Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.Je vais le déchirer....

Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,

Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.

Je vais le déchirer....

Karolineist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust einer Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. Sie gab sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und verworfensten Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine Liaison. Dieses „unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre Kinder oder machte sie krank. Einmal schrie ihr GemahlFerdinandihr durch’s Schlüsselloch zu: „Ce n’est point une reine, une épouse, une mère, que l’Autriche nous a’donnée, c’est une furie, une mégère, une Messaline qu’elle a vomie dans sa colère et lancée parmi nous“.[473]

Besonders berüchtigt wurdeKarolinen’sVerhältnis zu der berühmten LadyEmma Hamilton, der GeliebtenNelson’s.Coletta’sUrteil über diese tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften Forschern bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico passeggio Emma sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali della casa, la mensa,il bagnoil letto si godevan communi. Emma era bellezza per tutte le lascivie“.[474]

Die vonSadebeschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert worden. Denn im Jahre 1798 wurde zu EhrenNelson’san diesen Stätten ein solches üppiges Fest veranstaltet.

Auch der grosse Massenmord, von demSadespricht, ist historisch. Am 18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele verwundet wurden.

Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. NachGoranisoll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis gesehen haben, wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche Messalina, wie die KöniginKaroline.Nelsonsagte von Neapel: „Von den Frauen ist nicht eine tugendhaft, von den Männern ist nicht ein einziger, der nicht an den Galgen oder auf die Galeere gehörte.“[475]Ja, nachGoranimuss Neapel lauter Gestalten aus den Romanen des Marquisde Sadeenthalten haben. Der Neapolitaner sei von Natur böse, überlege sich mit kaltem Blute die Verbrechen, die er begehen wolle, und füge denselben noch tausend Grausamkeiten hinzu. 30000 Menschen trieben sich obdachlos umher. DieZahl der Gefangenen sei ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre Geliebten durch Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die öffentlichen Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die schönsten seien Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich und unreinlich, aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse Mund derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass ein hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.

KönigFerdinandIV. vonNeapelwar nachGoraniein Lüstling von grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen und zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche Liebesverhältnisse zu unterhalten, währendActonund die KöniginKarolineohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]

Wir sehen, dass auch hier der Marquisde Sadewiederum die Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke daher einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem ersten Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.


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