Chapter 54

3. Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille.

Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes Leben führte, wurdeSadeverhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner Frau zu gestatten.[522]Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in Verbindung, wie aus der vonGinistymitgeteilten Korrespondenz hervorgeht[523], und es gelang ihren Bemühungen, eine Revision des Urteils durchzusetzen.Sadewurde nach Aix gebracht, wo ihn der AdvokatSiméonglänzend verteidigte und unter dem 30. Juni 1778 die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch den Einfluss der PräsidentinMontreuil, die mit RechtSade’sFreiheit mehr fürchtete als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig gemacht und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns wohl bekannte PolizeiinspektorMarais. Es gelang dem Marquis, bei einem Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau zu entfliehen.Ginistyteilt den interessanten Polizeibericht über diese sehr romantische Flucht ausführlich mit.[524]Er wurde aber bald darauf (7. September) vonMaraisauf seinem Schlosse Lacoste entdeckt und diesmal ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht, von wo er im Jahre 1784 in die Bastille überführt wurde. AmVorabend des 14. Juli 1789 nach Charenton gebracht, soll er nachLacroixam Tage der Erstürmung der Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der „Biographie universelle“ aber erst am 29. März 1790 durch Dekret der constituierenden Versammlung befreit worden sein.

Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquisde Sadeim Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten Entwürfe zu seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher eine etwas eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein.

In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette, das er selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch ein Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies empfand er besonders schmerzlich, wie drei kleine auf der AuktionFossé d’Arcosseim Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen beweisen, wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi que ce soit au monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et permission d’écrire, une seule fois par semaine.“[525]

Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte ihm Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, sogar Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, ihn zu besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. Man musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres Gatten schützen. Am 25.September 1782 untersagte infolgedessen der PolizeileutnantLe Noirdiese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte sie den persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen waren stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527]Sadeheuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen zu überschütten.

Marciatfindet in dem Leben des Marquisde Sadevor seiner Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, eine unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf einen solchen Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an Intelligenz überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. bis zum 51. Lebensjahre,die ihm jede Befriedigung seines heftigen Geschlechtstriebes unmöglich machte, eine schwere psychische Schädigung ausüben müsse. Dafür spricht auch diekrankhaft gesteigerte Reizbarkeit, das unendliche Misstrauen, welches sich in den vonGinistyveröffentlichten Briefen an seine Gattin ausspricht. Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau die unflätigsten Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen der Gattin sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche bei Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss derGefangenschaftals eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ schildertSchülein ausgezeichneter Weise.[528]„Ungleich rascher, alsunter den Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch die Schändlichkeiten der Einzelhaft der Uebergang in geistige Schwäche.“ In der Einsamkeit der Zelle konnte die PhantasieSade’ssich ungezügelt in Bildern der Wollust und Grausamkeit ergehen. Ersatz für die ihm mit einem Male für lange Jahre abgeschnittene reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes konnte er nur in ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden Phantasien finden. Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern bekam, suchte er nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie universelle“ in der Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und Vorbilder für seine lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von zahllosen Manuscripten niederlegte. Auch dieseGraphomaniescheint uns das Bild einer gewissengeistigen Schwäche, die in dieser Zeit sich beiSadeausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der sehr fruchtbare Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen lernen werden. Er las unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt gehörig zu verdauen; er lernte aus ihnen nur ein oberflächliches Raisonnement, während zahlreiche einzelne Beobachtungen einen mehr als gewöhnlichen Scharfblick erkennen lassen. Er war wie so viele sexuell sehr veranlagte Naturen gross in derAnalysealler Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber klein in der allgemeinenSynthese, dem wahrhaft philosophischen Denken. Leider sind die während der Gefangenschaft verfasstenTagebücher Sade’svon 1777 bis 1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden, verbrannt worden, so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur Erkenntnis seines geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den Tagebüchern alles vermerkt,was er während dieser 13 Jahre „gesagt, gethan, gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“ (Biographie universelle.)[529]So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung seiner psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.

Von Interesse ist, dass der Marquisde Sade, wie es scheint, im Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. Im April 1864 wurde bei der vonCharavayveranstalteten Auktion der litterarischen Schätze des GrafenH. de M.ein Brief von 2 Seiten gezeigt, den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquisde Sadegeschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen versehen war.[530]

Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossenMirabeau, der zu gleicher Zeit wieSadein Vincennes interniert war und hier seine obscönen Bücher schrieb.

Ein merkwürdiger BriefMirabeau’süber dieses Zusammensein mit dem Marquisde Sadehat sich erhalten, der gerade nicht für freundschaftliche Beziehungen der Beiden spricht.[531]„Herrde Sade“, so heisst es in diesem Briefe, „hat gestern die Festung in Aufruhr versetzt und mir ohne die geringste Provokation meinerseits die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich würde von Herrnde Rougemont(dem Gouverneur) begünstigt, und damit ich spazieren gehen könne, verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat mich um Angabe meines Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die Ohren abschneiden könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein Name ist der eines Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und eingesperrt hat, der Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken schreiben wird. — Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu öffnen. Es ist schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu wohnen“.


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