Einleitung.
Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens.
(Phaenomenologie der Liebe.)
Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die Liebe als eineNaturerscheinungentgegen, die als solche dem Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen der bewusstlosen Notwendigkeit, ein Objekt derGeschichte, jenes Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen WorteHegel’szu reden, den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ darstellt. Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, dieFreiheit, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis, identisch ist.
So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: dasphysische, dashistorischeund dasmetaphysischeProblem.
Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen MethodeHegel’sfolgen, sind diese Probleme ebenso vieleStufen der Entwickelung, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahreWesen der menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener Weg von der sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen) Liebe, den bereitsPlatoerkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz andeuten wollen. Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung derNaturund als Erscheinung desabsoluten Geistes, die Liebe im Reiche der Notwendigkeit und im Reiche der Freiheit bisher am meisten Gegenstand einer wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir besitzen ausgezeichnete Werke über das menschliche Geschlechtsleben innaturwissenschaftlicherundmetaphysischerBeziehung. Dagegen ist jenes grosse Gebiet fortwährendergeistigerBefruchtung desnatürlichenGeschehens, welches sich in derGeschichtedarstellt, über Gebühr vernachlässigt worden. Und doch ist dieses wichtige Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des Sexuallebens, ganz allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns im Wesen und in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese „Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln durchgängig die Liebe alshistorischesProblem, aber nicht ohne Verknüpfung mit dem physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als einmal hoffen wir den Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen Betrachtungen manches Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen können.
Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst