Zwang und Blut, Gewalt und MesserÜber alles in der Welt!„Sieg!“ schrein Land- und Menschenfresser,Damit nichts zusammenhält.Amputiert die Menschentröpfe,Resezieret alles mit,Öffnet Bäuche, Mägen, Köpfe,Schneidet durch den Lebenskitt!
Zwang und Blut, Gewalt und Messer
Über alles in der Welt!
„Sieg!“ schrein Land- und Menschenfresser,
Damit nichts zusammenhält.
Amputiert die Menschentröpfe,
Resezieret alles mit,
Öffnet Bäuche, Mägen, Köpfe,
Schneidet durch den Lebenskitt!
Die furchtbare Wildheit erstarrt im Gesichte des Stabsarztes. Der Knochen ist durchgesägt. Unterm Knie. Der Sanitäter schiebt das abgesägte Bein zur Seite.
Der Amputierte liegt reglos. Seine Lippen sind weiß.
‚Sein Mund weint . . . Kann denn ein Mund weinen?‘ denkt der Stabsarzt, nimmt die Metallklemmen von den Adern ab, reinigt noch einmal sorgfältig die blutrünstige Innenseite der aufgesparten Haut.
Und während er die Hautlappen und die durchschnittenen Muskelstränge unter dem Stumpfe miteinander verbindet, klappert langsam der Zug weiter seine Melodie von ‚Deutschland, Deutschland über alles‘. Und aus dem Gehirn desStabsarztes fallen die Worte heraus und in sein Herz:
Dunkle, wilde LeidenssphäreHüllet die Millionen ein.Seht das neue Feld der Ehre:Kampf um Liebe, Recht und Sein!Die gewaltgen KrüppelheereBrechen in den Lichtkreis einJener großen, tiefen Lehre:Menschen werden Brüder sein.
Dunkle, wilde Leidenssphäre
Hüllet die Millionen ein.
Seht das neue Feld der Ehre:
Kampf um Liebe, Recht und Sein!
Die gewaltgen Krüppelheere
Brechen in den Lichtkreis ein
Jener großen, tiefen Lehre:
Menschen werden Brüder sein.
Eine weithin übersehbare Ebene, die schon in abendblauer Dämmerung liegt. Der Zug schleicht langsam weiter, vorüber an großen Reklametafeln.
Der Stabsarzt denkt: ‚Von allen Seiten kommen die langen, schmalen Spitale ins Land, auf allen Geleisen tragen die Lazarettzüge die Krüppel ins Land. Täglich seit drei Jahren. In alle Städte, in alle Städtchen, in alle Dörfer.‘
Er sieht in der Ferne die niedere, schwarze Silhouette von Berlin. Das Ziel der Reise.
Er will nicht glauben, daß dies die Sonne ist: eine ganz kleine Scheibe, nicht größer als eine halbierte Blutorange, dunkelrot wie eine halbierte Blutorange, steht tief am gefleckten Himmel krank und düster hinter Berlin.
‚Wie eine tödliche Wunde.‘
„Dunkle, wilde LeidenssphäreHüllet die Millionen ein“,
„Dunkle, wilde Leidenssphäre
Hüllet die Millionen ein“,
singt der Stabsarzt im Tempo des Zuges undtrocknet, den Blick auf Berlin gerichtet, die Hände ab am Tuche, das sich rosa färbt.
„Wenn Sie den Vertrag nicht einhalten, gerate ich mit meiner ganzen Familie ins Elend.“
„Das täte mir ja sehr leid, wirklich sehr leid . . . Aber in unserer Branche muß, wie Sie ja wissen werden, mein Vertreter fortwährend mit in der Regel sehr vornehmen und, sagen wir . . . empfindlichen Damen verkehren und unterhandeln. Im Geschäftsinteresse. Er muß diese Damen unausgesetzt mit allen möglichen Feinheiten bearbeiten. Das verlangt nun einmal das Geschäftsinteresse. Es handelt sich in jedem einzelnen Falle um den Gewinn oder den Ausfall von Tausenden. Sehen Sie ein, mein Vertreter muß diesen Damen doch . . . die Hand geben können. Das zum Beispiel ist unbedingt notwendig. Aber Sie können das nicht . . . gut, da Sie ja keine Hände haben . . . Tut mir ja wirklich sehr leid, aber diesen Direktorposten können Sie nicht versehen. Das ist unmöglich.“
„Das mag ja . . .“
„Wirklich unmöglich!“
„. . . vor dem Kriege so gewesen sein, . . .“
„Ganz und gar unmöglich!“
„. . . aber für jetzt, für diese Zeit gilt das sicher nicht mehr. Jetzt ist doch jeder anständige Mensch in dieser Hinsicht rücksichtsvoll. Jetzt stößt sich doch niemanddaran, stößt sich doch eine noch so vornehme Dame nicht daran, daß ein Mensch . . . keine Hände hat.“
„Jetzt? Gewiß, jetzt vielleicht noch nicht. Aber — es tut mir ja wirklich sehr leid, Ihnen das sagen zu müssen — meiner Meinung nach wird das nicht immer so bleiben. Es wird nicht einmal allzu lange so bleiben . . . Das Leben geht weiter. Bekanntlich. Und ich brauche für mein großes, erstklassiges Unternehmen einen repräsentativen Vertreter, der im vollen Besitze seiner, sagen wir . . . gesellschaftlichen Fähigkeiten ist. Das begreifen Sie. Ja wirklich leid . . . Eine entsprechende Entschädigung — in Grenzen — steht Ihnen natürlich gerne zur Verfügung.“
„Danke. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf den gesetzlichen Rechtsstandpunkt zu stellen. Ihr früherer Vertreter hat, während Sie im Militärdienste waren und bevor er selbst einrücken mußte, einen rechtsgültigen Vertrag mit mir abgeschlossen. Er war von Ihnen ermächtigt, Angestelltenverträge abzuschließen. Der Vertrag ist juristisch unanfechtbar.“
„Also tun Sie mir den Gefallen, und reden Sie nicht von Verträgen. Verträge sind nur . . . Papier. Kanzleipapier.“
Auch der verstümmelte Herr erhebt sich. „Darin wird Ihnen kein Richter der Welt, kein objektiver Richter recht geben. Keiner wird sagen, Verträge seien nur Papier.“
„Möglich. Aber, sagen Sie selbst, was kann ich tun? Es handelt sich hier um den exponiertesten, wichtigsten Posten meines ganzen Unternehmens. Halte ich den Vertrag ein, dann wird meine Firma mit mathematischer Sicherheit von der Konkurrenz überflügelt. Und in der Not . . . was tut ein Mensch, der vorwärts kommen will, der etwas erreichen will, sagen wir, ein bestimmtes Ziel erreichen will, was tut der nicht alles in der Not . . . Wir haben in dieser Hinsicht schon ganz andere Dinge erlebt.“
Der Herr ohne Hände fragt noch ganz ruhig: „Und wenn nun alle nach . . . diesem Prinzip handeln würden? Wenn das ganze Geschäftsleben unseres Landes nach dem Prinzip: Verträge sind nur Kanzleibogen, gehandhabt würde?“
Der Kaufmann hebt die Schultern. „Jeder sehe, wie er fertig werde . . . Soweit wie möglich will ich ja gerne die Sache wieder gutmachen. Zu einer entsprechenden Entschädigung — in Grenzen — bin ich jederzeit bereit.“
„Ich sage Ihnen aber: Verpflichtungen müssen eingehalten werden. Verträge müssen eingehalten werden. Das ist ein moralisches Gesetz, das in ganz Europa sogar zum geschriebenen Gesetze erhoben worden ist.“ Das Gesicht des Verstümmelten wird dunkelrot. „Und ich sage Ihnen: es gibt im deutschen Volke noch Menschen, die das Raubsystem nicht mitmachen. Die unser Volk wieder rehabilitieren werden . . . Auf Kosten der Straßenräuber Ihrer Art.“
„Das ist eine Beleidigung. Ich kann Sie belangen“, schreit der Kaufmann in falschem Zorne und freut sich.
Der Verstümmelte geht. Sein Schicksal ist das Schicksal der Kriegsbeschädigten.
Hunderttausende werden mit ähnlichen Gründen abgefertigt von den Unternehmern. Hunderttausende — Schlosser, Schreiner, Spengler, Maurer, Schmiede, Bergleute, Handlanger, Taglöhner, Erdarbeiter, Bauarbeiter — verlassen als Abgewiesene, stillgeworden und hoffnungslos, die Fabriken, die Werkstätten, die Baubüros. In den Arbeitsnachweisen hängen Tafeln, auf denen steht: ‚Für diese Arbeiten kommen nur kräftige, unbeschädigte Leute in Frage‘. ‚Kräftige, unbeschädigte Leute haben den Vorzug‘. ‚Für diese Stellen kommen . . .‘
In keinem Berliner Grandhotel sind Servierkellner angestellt, die künstliche Hände haben. Der Anblick einer Kunsthand verschlägt Gästen, die zehn Mark für das Diner bezahlen, den Appetit. Sie bezahlen in einem anderen Grandhotel lieber zwölf Mark für das Diner und lassen sich dafür von gepflegten Händen bedienen, die gewachsen sind. Das weiß der gebildete Hotelier. Aber sein Konkurrent weiß das auch. Der Servierkellner begreift das auch sehr schnell und wird Zuhälter oder Bordellwirt.
Kinder und Frauen, die sich während des Krieges in die Berufe eingearbeitet haben, lassen sich nichtverdrängen, werden von den Unternehmern den Krüppeln vorgezogen. Nur wenn große Aufträge schnell ausgeführt werden müssen und Mangel an tüchtigen Arbeitskräften ist, stellt der Unternehmer Krüppel vorübergehend ein. Auf Akkordarbeit. Die Entlohnung entspricht genau der Leistung. Die Leistung bleibt weit zurück hinter der des unbeschädigten Arbeiters. Der Krüppel wird entlassen, sobald Ersatz für ihn zu haben ist.
Für Sentimentalität ist jetzt nicht die Zeit. Jetzt nicht. Gewaltige Steuern. Gewaltige Konkurrenz. Gewaltige Bestellungen. Phantastisch kurzbemessene Lieferungstermine. Atemlose Hetze des Unternehmers nach Verdienst. Sein oder Untergang.
Das Tempo eines Kartonnagenarbeiters, der, wenn er das Allernötigste verdienen will, jetzt nicht mehr in zwölf Minuten vierzehnhundertmal, sondern sechzehnhundertmal in zehn Minuten denselben Handgriff machen muß, kann der Beschädigte, auch wenn ihm nur ein halber Finger fehlt, nicht einhalten.
Das Mitleid mit den invaliden Vaterlandsverteidigern fliegt weg. Das Wort des Kaufmanns ‚Das Leben geht weiter‘ schlägt seinen Bogen über die Enterbten des Lebens.
Und gegen die verkrüppelten Kopfarbeiter — Lehrer, Wissenschaftler, Bank-, Magistrats- und Staatsbeamten — holt das Leben von einer andern Seite her aus: junge, streng erzogene Bürgermädchenvertrauen einander freimütig den Entschluß an, Krüppel zu heiraten, um versorgt zu sein, und sich dann an den Gesunden, die zu selten und nicht zu haben sind, schadlos zu halten. Das werde jeder Mensch begreifen.
Der verstümmelte junge Kaufmann steht noch im kostbar und geschmackvoll eingerichteten Vorraume des Geschäftspalastes. Sieht, wie eine jener vornehmen Damen vorfährt, vom Besitzer devot empfangen wird. Und begreift in einer Sekunde, daß das Leben weitergeht. Sein knabenhafter Glaube an die strömende Dankbarkeit gegenüber den tapferen Opfern des Krieges fliegt weg, als er die Verbeugung und das zerfließende Gesicht des Geschäftsinhabers sieht, hinter dessen Rücken das Unternehmen zittert und wackelt und die gewaltigen Steuern und die rücksichtslos strebende Konkurrenz grinsen.
Die heimatlosen, alternden Landstreicher, die Leierkastenmänner, die Straßensänger, die verkrüppelten Bettler, die an der Hausmauer auf dem Pflaster hocken und den Filz vorstrecken, sind keine aussterbenden Erscheinungen einer alten Zeit mehr, sondern zählen nach Hunderttausenden und sind deshalb von Geldsorgen und gewaltiger Konkurrenz nicht weniger hart bedrängt, als der Besitzer des Geschäftspalastes.
„Ich habe ‚Uu!‘ geschrien. Tag und Nacht ‚Uu!‘ geschrien. Das half mir“, erzählt in derStadtbahn der verstümmelte Kaufmann einem jungen Burschen.
Der Stabsarzt nennt seinen Namen. Wird erkannt. Und läßt sich die Adresse des Verstümmelten geben. Nichts sonst wird gesprochen. ‚Ist auch nicht nötig‘, fühlen beide.
Es liegt in der leidgesättigten Zeit, daß Dinge, die früher erklärt werden mußten, jetzt als Selbstverständlichkeiten ohne Erklärung von manchen Leuten begriffen werden.
Die Absicht, die den Stabsarzt veranlaßt, in Fühlung zu bleiben mit den dreihundertfünfzehn revolutionierten, invaliden Soldaten, die in Berliner Irrenhäusern, Krankenhäusern und zum Teile bei ihren Angehörigen untergebracht sind, führt ihn auch mit dem Kellner zusammen.
Der Kellner sagt unvermittelt: „Uns alle wird man hinrichten . . . vorher.“ Und das kleine Lächeln zeigt seine absolute Bereitschaft zum Sterben für die Idee.
Die Stille steht im Zimmer.
„Sehen Sie“, sagt der Stabsarzt, „das können die Herren heute nicht mehr wagen; sie wissen, daß für jeden Platz, der heute auf diese Weise frei wird, sofort hundert Anwärter da sind, hinter denen Millionen Anhänger stehen. Heute ist das so . . . Auch der mutige Sozialdemokrat sitzt nicht umsonst im Zuchthause; dieses Ereignis bohrt in hunderttausend Köpfen.“
Der Zwanzigjährige sagt: „Zum Beispiel könnte man die ganz hartnäckigen Untertanen auch auffordern: gut, stellt euch einmal glatt auf den Standpunkt der Regierung: ‚Kriege müssen sein. Sieg bringt Macht und Reichtum‘. Und jetzt betrachtet das Resultat: Millionen Tote, Millionen Krüppel, Elend und Leid in jedem Hause, in jeder Familie, ein ausgehungertes Volk, hundert Milliarden Schulden, für die wir, unsere Kinder und Kindeskinder die Zinsen erarbeiten sollen. Und die ganze Welt gegen uns . . . Und jetzt fragt euch: hätten zwölf Männer, die aus dem Vertrauen der Massen emporstoßen, das nicht verhindern können? Nicht verhindern können, daß die ganze Welt gegen uns aufsteht? Besitzen diese Männer aus dem Volke nicht soviel einfache Lebensklugheit, daß sie diesen Krieg und den Zusammenschluß der ganzen Welt gegen uns hätten verhindern können?“
Der verstümmelte junge Kaufmann tritt ein; er kommt von der Unterredung mit dem Besitzer des Geschäftspalastes, erzählt sachlich, was er eben erlebt hat. Und geht wieder.
‚Solche und Milliarden ähnliche Erlebnisse, dazu der Hunger, die phantastischen Steuern und Milliarden andere Erlebnisse‘, denkt der Stabsarzt und denkt an die ‚Metzgerküche‘, ‚ballen sich zusammen . . . Und platzen endlich.‘
Jemand sagt: „Wirklich, eine Sekunde spielt jetzt labil im Raume, schwebt jetzt labil zwischen zweiEwigkeiten. In dieser Sekunde geschieht der neue Anfang.“
Und der Stabsarzt denkt: ‚Man kann nur auf die Sekunde warten, lauern, in der das Leid so ungeheuer geworden ist, daß das Volk nicht mehr nur leidet, sondern auch darüber nachzudenken beginnt, was und wer dieses ungeheuere Leid verursacht hat. Man muß fühlen, wann dieser Augenblick da ist. Dann muß man die Sekunde aufreißen. Den letzten kleinen Stoß geben.‘ Er denkt brennend an die zwischen zwei Ewigkeiten labil spielende Sekunde, der sich die Ereignisse nähern. ‚Vielleicht schon morgen? In einem Monat? In einem Jahre? In einer Woche? . . . In einer Woche?‘
Der Zwanzigjährige bemüht sich, den Gedanken zu formulieren, daß die Bewegung nicht vom Hunger — „wenigstens nicht vom Hunger allein“ — ihren Antrieb bekommen dürfe. „Das ist nicht durchgreifend genug und reicht nicht weit . . . Dreht sich ins Alte zurück.“
„Der Mensch ist gut“, sagt der Kellner. „Das Gute im Menschen und das unermeßlich furchtbare Leid werden die Bewegung verursachen.“
‚Die Leidtragenden‘, denkt der Stabsarzt, denkt an die zweitausendfünfhundert Kilometer amputiertes Menschenglied.
Und der Kellner sieht die Agentenwitwe, die fanatisierten Kriegswitwen. Er sieht die Mutter, dieden gekreuzigten Sohn dem gewaltigen Zuge der Mütter voranträgt.
Alle schweigen. Alle glauben an die Sekunde.
Und plötzlich gewähren alle den Anblick von zertrümmerten Kindheiten, von seelisch restlos erschöpften Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, als ihre Idee und der Ausblick in die nahe Zukunft.
Da tritt dieser Mensch ein, über den ein Wort auszusagen, dessen Namen zu nennen, keine Tortur der Welt von den im Zimmer Versammelten erzwingen kann.
Und draußen in den Straßen der Millionenstadt, in allen Häusern aller Städte, in allen Dörfern arbeitet das Leid, rundet sich die Zeit, rollt der Sekunde entgegen.
Massenstreike, nicht nur vom Hunger verursacht, entstehen von einem Tage zum andern, brechen aus, brauchen nicht gemacht, nicht organisiert zu werden. Sind da. Plötzlich legen Hunderttausende das Werkzeug hin. Trotz des raffiniert und glänzend organisierten Zwanges, ruhen die Maschinen.
Aus jedem Fenster jeden Hauses schaut dunkel das Leid heraus. Es gibt keinen Pflasterstein mehr, der nicht schon vom Leide berührt worden ist. Denn es gibt keinen Menschen mehr, den das Leid nicht schon getroffen hat. Und verwandelt hat.
Und das Ungeheuerste wird zum Ereignis: es kommt vor, daß man auf der Straße Menschenbegegnet, denen man ansieht, daß sie nicht nur leiden, sondern auch . . . denken.
Der Stabsarzt auf Urlaub, immer unterwegs, von Krankenhaus zu Krankenhaus, von Krüppel zu Krüppel, blickt auf der Straße die Menschengesichter an und denkt: ‚Der Geist bricht los. Und wo der Geist losbricht und Macht und Wirkung erlangt, gehen die Herren der Gewalt von selbst . . ., wenn sie klug sind.‘
Seismographen, die ausschlagen, noch bevor das Erdbeben Ereignis ist, gibt es nicht. Es gibt Seelenseismographen, Menschen, die fühlen, wann die Sekunde da ist, in der das verhärtete, versteinerte Leid eines ganzen, niedergehaltenen, unermeßlich gequälten Volkes plötzlich in Fluß gerät und die Dämme des organisierten Zwanges, der Gewalt, der Lüge, der Autorität, der falschen Pflicht sprengt.
An diesem Tage reißt der Stabsarzt die erste Sekunde des neuen Zeitalters auf:
mit einem Krüppelzuge, der schon früh um neun Uhr aus zwanzigtausend amputierten Soldaten besteht.
Eine halbe Stunde später fünfzigtausend; das Leid schmettert die niedergehaltenen, plötzlich fanatisierten Arbeitermassen in den Zug hinein. Jedes Lazarett am Wege wird vom vorüberwallenden Krüppelzuge ausgesaugt.
Blinde, die Hand auf den Schultern der Armlosen. Irre, die, ernst und schweigend, aufgeregt sprechend, gläubig lächelnd, mitgehen. Beinlose in Selbstfahrern. Zwischen Krücken rhythmisch baumelnde Soldatenkörper. Hinken der Invaliden. Stampfen der Stöcke, Krücken und Kunstbeine auf dem Asphalt.
Ein grauer Zug. Stiller Zug. Endlos. Langsam durch die Straßen. Nicht einem Ziele zu. Sie bewegen sich im Ziele. Tragen das Ziel in sich. Sind selbst das Ziel: denkende Seelenträger.
Sie sprechen nicht. Beratschlagen sich nicht. Das verlorene Augenlicht, die Gliederstumpfe, der entschwundene Verstand, das losgebrochene Leid des ganzen Volkes spricht: lehrt allen leiddurchseuchten Zuschauern, Spaziergängern und Geschäftigen in einer Sekunde das ABC: ‚Einander zu erschlagen, einander zu zerfetzen, ist der Sinn des Lebens nicht.‘
Bei den Zuschauern platzt die dünne Haut. Ekstase flammt. Schreie steigen. Die Wahrheit gerät in Fluß. Die Seele tagt. Und reiht die Träger der befreiten Seele ein in den Zug.
Kein Mensch bleibt zurück. Die durchkrückten Straßen sind leergesaugt.
Kleine Trupps stoßen aus den Nebengassen im Laufschritt auf den Zug zu.
Siebzig Fensterausschnitte eines Lazarettes, dicht ausgefüllt mit den Köpfen heißblickender Soldaten, werden plötzlich siebzig leere, schwarze Löcher: unddreihundert Krüppel und Invalide, noch in der blauweiß gestreiften Anstaltskleidung, humpeln, hinken, schwanken, krücken mit dem Zuge.
Kinder, auf dem Wege in die Schule, verlängern den Zug. Verzweifelte, auf dem Wege zur Kirche, verlängern den Zug. Die Bewohner der engen Gassen, in denen der Gestank der Armut steht, verlängern den Zug. Aus den Parterrefenstern einer Fabrik springen die Arbeiter heraus.
Zwei Regimenter siebzehnjähriger Infanteristen, auf dem Wege zum Religionsunterricht, werden geschluckt.
Dem Zuge voran fährt langsam ein flacher Lastwagen, auf dem sonst mehlgefüllte Säcke transportiert werden. Zwölf kräftige Männer, die zusammen fünf Arme und sieben Beine haben, stehen und sitzen auf dem Wagen. An der Längsstange, an der sonst das zum Schutze für das Transportgut bestimmte Segeltuch befestigt ist, hängen große, farbige Papierlampions. Blau. Rot. Grün. Violett. Rot. Eine Reihe schaukelnder, erleuchteter Papierlampions. Auch die Sonne leuchtet.
Der Atmende, dem ein Geschoß den Magen und das Zwerchfell verletzt hat, ist um acht Uhr früh verendet. Sein noch uniformierter Leichnam sitzt neben dem Kutscher auf dem Bocke. Die angebundene Leiche wackelt. Das Gesicht ist weißlich-grün. Die toten Augen sind offen.
Von der Stange, an der die leuchtenden Papierlampionsschaukeln, hängt ein Seil herunter; und in der Schlinge, die unter den Armen um die Brust herumgelegt ist, hängt der Soldat, der kein Kinn, keinen Mund, keine Nase, keine Augen, kein Gesicht mehr hat. Links von ihm hängt ein Seil herunter, das den ‚Rechten Menschenwinkel‘ hält. Er stützt sich auf seine fünfzig Zentimeter hohen Spazierstöckchen. Die Asphaltstraße gleitet vorüber unter seinem Gesicht, das der Krieg horizontal gestellt hat.
In der Mitte hockt der Rumpf erhöht auf einem thronartigen Aufbau mit Rückenlehne, an welcher der Rumpf festgeschnallt ist. Der Rumpf ist nackt. Eine Infanteristenmütze sitzt schief auf seinem Kopfe. Die inkarnierte Liebe lebt in seinen tiefen, ruhigen Augen.
Untertanen, die ihn erblicken, bekommen weiße Lippen, erleben die Sekunde. Menschen, die ihn erblicken, brüllen auf und brechen brüllend in die Knie. Eine Katze faucht entsetzt den Rumpf an und rettet sich unter den Wagen. Kinderhänden entfallen die kleinen Spielzeug-Degen, die Schießgewehrchen aus Blech. Elegante Damen brechen im Weinen zusammen und erheben sich als Magdalenen.
Jesus-Christus allein hat, als er am Kreuze hing und für die Menschheit starb, im Leiden so tiefstes Glück der Liebe empfunden, wie der nackte, von farbigen Lampions beleuchtete, auf den Thron des Krieges festgeschnallte Rumpf empfindet.
Schutzleute erbleichen, erlahmen, erleben die Sekunde. Sein Anblick saugt die Straße leer. Saugt die Menschen aus den Häusern heraus. Aus den Ladengeschäften heraus. Aus der Lüge heraus. In die Wahrheit, in die Liebe hinein.
Es gibt keinen Soldaten, der den Befehl, auf den Rumpf zu schießen, ausführt. Die Division, die hineinschießt in den Zug der Krüppel, in den Zug der Kameraden, gibt es nicht.
Die Rolläden der Geschäfte, an denen der Zug vorüberwallt, rasseln herunter. Ladnerinnen, Hausdiener, Liftjungen schließen sich an. Staunende Kommis zögern, begreifen das Ereignis, daß die vom Leide durchstürmten Bewohner der Millionenstadt in Bewegung geraten sind, und schließen sich an.
Der Zug schließt die Werkstätten, schließt die Büros, schließt die Geschäfte, schließt die Fabriken. Der Zug zieht durch lange Geschäftsstraßen, in denen er noch nicht gewesen ist. Und doch sind alle Rolläden schon heruntergelassen. Das Ereignis fliegt dem Zuge voraus. Es gibt in der ganzen Stadt keinen Menschen mehr, dessen Seele nicht schon berührt worden ist von dem Ereignis.
In den Vorstädten bilden sich schnellmarschierende Züge, die zum Hauptzuge stoßen.
Aus den letzten Fabriken brechen die Arbeiter aus: Fanatismus in den ölverschmierten, rußigen, bleichen Gesichtern; Hämmer und kleine, spitzige Dreikantfeilen in den Fäusten.
Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, spricht zu den Arbeitern. Und sie legen, von der Macht des Geistes berührt, Hämmer und Dolchfeilen weg, auf den Wagen, von dem der Rumpf pyramidisch aufsteigt als nacktes Symbol des Krieges.
Gewaltige Züge leiddurchtobter Mütter, Kriegswitwen, Väter, Bräute stoßen im Eiltempo durch die Menge, lösen sich auf, bilden sich neu.
Die Knechte der Liebe verlassen die aufspringenden Zuchthauszellen und stoßen, geführt von dem Einen, dessen Namen die ganze Menschheit kennt und ehrt, zum Zuge.
Die breiten, unübersehbar langen Asphaltstraßen sind zu schmal und zu kurz für den Zug. Der Zug schwillt von Sekunde zu Sekunde. Strömt über. Steht. Ist kein Zug mehr. Alle Straßen stehen voll Menschen.
Die entfesselten Bewohner der Millionenstadt stehen.
Um fünf Uhr nachmittags fliegt die Nachricht von Herz zu Herz, daß auch in den großen Provinzstädten das Leid geplatzt ist und die Menschen zusammengeschweißt hat in Züge von Frauen, die ihre Männer, von Müttern und Vätern, die ihre Kinder, von zahllosen Kindern, die ihre Väter, von Soldaten, die ihre Glieder, von Blinden, die das Augenlicht, von Irren, die den Verstand verloren haben.
Das ganze vergewaltigte Volk steht.
Die uniformierte Leiche des Atmenden auf dem Bocke glotzt tot und wackelt. An seinem Seile schwankt rhythmisch der rechte Menschenwinkel. Der Krieg ist plakatiert auf der Riesennarbe, die an der Stelle des Menschengesichtes grinst. Der nackte Rumpf thront erhöht und blickt die Menschheit an.
Der Anblick der hunderttausend Krüppel reißt die Untertanen hoch ins Menschentum. Leidausströmende Freiheitsschreie ordnen sich zu Liebesgesängen. In den Gesängen der Liebe pulst die Ekstase der Verbrüderung und Freiheit.
Die vom Blitze der Liebe getroffene, erleuchtete und dem Zwange entrissene Militärwache des Gebäudes, in dem der Herr und alle Machthaber versammelt sind, wird aus der Wachstube herausgesaugt und geschluckt vom Krüppelheere der Kameraden, in deren Augen die Freiheit brennt.
Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, geht ganz allein durch das Tor. In das Gebäude hinein.
In dieser weißen Sekunde wird es vor dem Gebäude totenstill.
Die Stille wirft Wellen, breitet sich aus; eine Bewegung zieht über den Platz:
die Menge, die Menschheit steht, steil durchstoßen und im Tiefsten berührt von dem Triumphe, das zukünftige Geschehen in das Zeichen der großen Liebe gestellt zu haben, und blickt empor zumFenster, an dem, neben einer Uniform und den Gesichtern der Machthaber, der Mensch erscheint und herunterdeutet.
Der Atem setzt aus.
Der Mensch tritt vom Fenster zurück. Die Gesichter verschwinden. Die Uniform verschwindet.
Verschwindet aus der Welt.
Minuten später telegraphieren die vor den Morse-Apparaten sitzenden Beamten, die kurz vorher noch Bekanntmachungen, Erlasse, Befehle, Zwangsverordnungen in das gemarterte Volk hineingestoßen haben, die Namen der neuen Männer: den Aufstieg der Freiheit und der Liebe ins Land.
Der Vater7Die Kriegswitwe23Die Mutter72Das Liebespaar113Die Kriegskrüppel146
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