Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes KapitelHankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen. Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeitmüde sei und daß sie endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt vergessen.Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu und sah die Zukunft klar.Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität. Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten, suchte er sich doch Natalieals eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht. Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen? Wo ist Ihre Frau?«»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.«Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist, wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen bestätigt fand.Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte Petra den erstaunten Hanka auf.Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf Fragen. Er hatte geglaubt,Natalie allein zu finden und es schien ihm nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor diesem Menschen.»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.« Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht. Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold.Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf.»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der stille Mann fing an, ihm zu gefallen.»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße.Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie, Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch eine Donquichoterie.«»Was heißt das?«»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens, ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden sollte.Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk.Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl und blickte regungslos an die Decke.»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.«Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete sie sich um und saß bald darauf mitfestlichem Gesicht an seiner Seite im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig, sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran, sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen, erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe,daß ihr Geist nicht zum Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich sehen.Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am schnellsten entdecken.In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter, um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,« flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst du?«Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«, sagte sie.Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen, aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind, das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft, das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.Siebenundzwanzigstes KapitelAls Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl und Pottgießer bei Anna Borromeo.Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte und lud Arnold ein.Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für dich, Arnold.«»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres Bezirks dazu veranlaßt.«Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte selber austragen.«»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn von oben bis unten. »Gestern erst hat mir’s jemand erzählt, zufällig.«Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die Lippen.»Ichwarein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte halb spöttisch, halb verlegen.Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen, auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele vonden Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes, das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen. Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm, der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich, gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges Wort gar nicht mehr herausdrang.Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte, und es wurde von etwas anderm gesprochen.Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust, hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!« rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen. Langsamöffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«, begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor und sah ihn erwartungsvoll an.»Was ist es?« fragte Arnold.Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du nicht Platz?«Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich wissen, was es ist«, sagte er kühl.»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm starr in die Augen.»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.«»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert. Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir’s zurückgeben.«»Ah so!« sagte Arnold.»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort. Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte emporund sah das weiße Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.Achtundzwanzigstes KapitelVon den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab, um mit Geringschätzungwahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen abfragte.Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung; oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden. Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel gesprengt. Wie dieSehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen, der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet.Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst, weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes empfunden hatte.»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.«Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch’ das nicht,« erwiderte er abwehrend. »Das Geistreicheschmeckt mir nicht. Romane les’ ich nicht. In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.«Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er.»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold.»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt, von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.«»Ja, das haben Sie immer behauptet.«»Und finden Sie das nicht?«»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.«»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier, Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum Minister bringen.«Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen; er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu.Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß es gut gehen.Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. DieserAbend stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft. »Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor.»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,« fügte sie kalt hinzu.Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe.»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd.Der Doktor bejahte.»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartetund sehe nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen versteht.«Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.«Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen, daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist das, wasduin ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen. Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er nichts, was mir imponiert?«Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete.»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab.»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna. »Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.«Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde, worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu erwarten, was die Natur in ihm erschafft –«Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das Zimmer.Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit. Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände, Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle.Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem Moireekleid, trug Perlen um denHals und Diamanten im Haar. Es war bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden, schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie, jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau, sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm, geboren zu werden.Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung.Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, – ist es nicht unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden. Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt. »Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie.Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte. Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß sie nur die Lippen öffnen brauchte.Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr. Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit, sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn, und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden mußte.Neunundzwanzigstes KapitelNatalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht. Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.«Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit, die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich erwerben.«Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort: »Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.«Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein, dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck nicht wieder zu versetzen.»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.«Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,« sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern aber ...«»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun, und in der andern?«»Etwas Giftiges.«Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft, Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit langen, weißen Haaren.Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage zu reden.«Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor. Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann sagen. »Fabelhaft? was?«»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus überAktien, Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt. Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann, verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafterNacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte Arnold, das gefällt mir.Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte, hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich vor und drückte beide Hände an die Augen.»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit forschend ins Gesicht.Dreißigstes KapitelMaxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes geworden, welches von der Regierung unterhaltenwurde. Er verdiente durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm. Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde erbärmliches Dasein fortzuführen.Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam, hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden als Darlehen.Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd.Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen will ich es Ihnen schicken.«Er betrachtete das Gesicht Spechts und es erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was mit ihm vorgeht.Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen tiefen Eindruck gewonnen.Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann. »Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas gönnerhaft.»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold.»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht wahr, ist lauter verlogenes Zeug.«»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele krank oder angefault ist.«»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?«Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm, schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid, welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern, Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu freuen schien, dennihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu Wand, von Gesicht zu Gesicht.»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was, Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns essen ...«»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka.Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden. Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht aus wie eine Prinzessin.«Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.Einunddreißigstes KapitelSeitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand eine kleine, uralte Zimmerorgel.In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner Gäste.Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden.Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer russischen Studentin.«»Aus welchem Grund?«»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.«»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.«»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich ja. Lebt die nicht mit einem gewissen Tetzner?«»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.«»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist. Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge,werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen abholen und wir fahren zu Verena.«Arnold nickte.»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft haben als allein sein.«»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, in Gemütsruhe erledige.«»Was heißt das?«»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.«Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen undempfindsamen Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen Feder nach.Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.VerenaZweiunddreißigstes KapitelAm folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, – wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung eines Freundes zu genießen.Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte.Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile, bevor er auf den elektrischenKnopf drückte. Als es läutete, hatte er das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte, Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und etwas ausländischer Betonung.»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,« antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und setzte sich ebenfalls.»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon langebekannt wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit, sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in mein Leben aufnehmen.«Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,« entgegnete er schnell.Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.»Medizin.«»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme. »Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.«Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu öffnen.Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr Tetzner, Herr Ansorge.«Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an und lachte gutmütig.Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.Dreiunddreißigstes KapitelVon nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und Griechisch treiben konnte; von beidenSprachen waren nur Anfangsregeln in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein, und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener. Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden, das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »unddas muß ihm ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.«Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit, die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es Geschwätz sein, so hätteich den Mann unterschätzt, der so etwas für ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau wie Verenas Hals und Hände.Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat. Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, – meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.«Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch, liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen durch die Finger zu blasen, ich aber –,« er wolltenach der Uhr sehen, zog aber die Hand zurück – »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen und fuhr damit um den Hals.»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag, Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.«»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte tragen.«Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen, offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und nicht gar zu mürbe zu erscheinen.»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf mich rechnen, muß ichvielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will Ihnen also das Geld geben.«Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. »Sind Sie nicht ein wenig ungerecht gegen mich?« fragte er mit einem fast sichtbaren Aufatmen der Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit genug, uns gegenseitig anzuschließen, statt uns abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein sollte, ist immer Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte er hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen sehen.«Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine frischen Kräfte verfügen.Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seitenicht Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster.Vierunddreißigstes KapitelIndem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs Herz.Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen. Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu handeln.Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.Er ging hin.Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu’ mich riesig auf Wälder, Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg? Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.«Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so! richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?«Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er und runzelte die Stirn.»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus. Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und sie schluchzte weiter.Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm sinnlos und widerwärtig.»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt. »Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.«Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie, daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit besteht?«Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich. »Ich?« erwidertesie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas gesagt? Wann denn?«»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben –«»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?«»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie doch.«»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen, mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu wissen –«

Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen. Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeitmüde sei und daß sie endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt vergessen.

Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu und sah die Zukunft klar.

Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität. Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.

Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten, suchte er sich doch Natalieals eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.

Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht. Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen? Wo ist Ihre Frau?«

»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.«

Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist, wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen bestätigt fand.

Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte Petra den erstaunten Hanka auf.

Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf Fragen. Er hatte geglaubt,Natalie allein zu finden und es schien ihm nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor diesem Menschen.

»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.« Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht. Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold.

Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf.

»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«

Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der stille Mann fing an, ihm zu gefallen.

»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße.

Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie, Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.

Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch eine Donquichoterie.«

»Was heißt das?«

»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens, ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden sollte.

Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk.

Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl und blickte regungslos an die Decke.

»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.

Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.«

Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete sie sich um und saß bald darauf mitfestlichem Gesicht an seiner Seite im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig, sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran, sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen, erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe,daß ihr Geist nicht zum Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich sehen.

Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am schnellsten entdecken.

In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter, um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,« flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst du?«

Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«, sagte sie.

Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen, aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind, das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft, das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.

Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl und Pottgießer bei Anna Borromeo.

Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte und lud Arnold ein.

Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für dich, Arnold.«

»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres Bezirks dazu veranlaßt.«

Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.

»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte selber austragen.«

»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn von oben bis unten. »Gestern erst hat mir’s jemand erzählt, zufällig.«

Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die Lippen.

»Ichwarein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte halb spöttisch, halb verlegen.

Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.

Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen, auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele vonden Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes, das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen. Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm, der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich, gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges Wort gar nicht mehr herausdrang.

Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte, und es wurde von etwas anderm gesprochen.

Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust, hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.

Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!« rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.

Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen. Langsamöffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«, begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor und sah ihn erwartungsvoll an.

»Was ist es?« fragte Arnold.

Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du nicht Platz?«

Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich wissen, was es ist«, sagte er kühl.

»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm starr in die Augen.

»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.«

»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert. Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir’s zurückgeben.«

»Ah so!« sagte Arnold.

»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort. Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte emporund sah das weiße Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.

Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.

Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab, um mit Geringschätzungwahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.

Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen abfragte.

Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung; oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden. Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel gesprengt. Wie dieSehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen, der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet.

Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.

Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst, weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes empfunden hatte.

»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.«

Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch’ das nicht,« erwiderte er abwehrend. »Das Geistreicheschmeckt mir nicht. Romane les’ ich nicht. In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.«

Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er.

»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold.

»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt, von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.«

»Ja, das haben Sie immer behauptet.«

»Und finden Sie das nicht?«

»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.«

»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier, Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum Minister bringen.«

Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.

Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen; er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu.

Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß es gut gehen.

Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. DieserAbend stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.

Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.

»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft. »Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.

»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor.

»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,« fügte sie kalt hinzu.

Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe.

»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd.

Der Doktor bejahte.

»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartetund sehe nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen versteht.«

Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.«

Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen, daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist das, wasduin ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen. Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er nichts, was mir imponiert?«

Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete.

»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab.

»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna. »Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.«

Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde, worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu erwarten, was die Natur in ihm erschafft –«

Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das Zimmer.

Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.

Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit. Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände, Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle.

Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem Moireekleid, trug Perlen um denHals und Diamanten im Haar. Es war bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden, schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie, jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau, sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm, geboren zu werden.

Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung.

Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, – ist es nicht unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden. Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt. »Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie.

Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte. Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß sie nur die Lippen öffnen brauchte.

Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr. Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit, sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn, und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden mußte.

Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.

»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.

Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht. Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.«

Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit, die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich erwerben.«

Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort: »Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.«

Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein, dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck nicht wieder zu versetzen.

»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.«

Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,« sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern aber ...«

»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun, und in der andern?«

»Etwas Giftiges.«

Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft, Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«

Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit langen, weißen Haaren.

Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage zu reden.«

Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor. Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.

»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann sagen. »Fabelhaft? was?«

»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.

»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«

Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus überAktien, Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.

Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt. Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.

Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann, verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafterNacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte Arnold, das gefällt mir.

Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte, hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich vor und drückte beide Hände an die Augen.

»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«

»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«

Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit forschend ins Gesicht.

Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes geworden, welches von der Regierung unterhaltenwurde. Er verdiente durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm. Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde erbärmliches Dasein fortzuführen.

Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam, hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden als Darlehen.

Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.

Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.

Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd.

Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen will ich es Ihnen schicken.«Er betrachtete das Gesicht Spechts und es erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was mit ihm vorgeht.

Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen tiefen Eindruck gewonnen.

Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann. »Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas gönnerhaft.

»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold.

»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.

»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht wahr, ist lauter verlogenes Zeug.«

»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele krank oder angefault ist.«

»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?«

Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm, schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid, welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern, Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu freuen schien, dennihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu Wand, von Gesicht zu Gesicht.

»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.

»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was, Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns essen ...«

»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.

Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka.

Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden. Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht aus wie eine Prinzessin.«

Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.

Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.

Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand eine kleine, uralte Zimmerorgel.

In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner Gäste.

Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden.

Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer russischen Studentin.«

»Aus welchem Grund?«

»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.«

»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.

»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.«

»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich ja. Lebt die nicht mit einem gewissen Tetzner?«

»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«

Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.«

»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist. Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge,werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen abholen und wir fahren zu Verena.«

Arnold nickte.

»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft haben als allein sein.«

»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.

Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, in Gemütsruhe erledige.«

»Was heißt das?«

»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.«

Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen undempfindsamen Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen Feder nach.

Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.

Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.

Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, – wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung eines Freundes zu genießen.

Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte.

Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile, bevor er auf den elektrischenKnopf drückte. Als es läutete, hatte er das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.

Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte, Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und etwas ausländischer Betonung.

»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,« antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«

Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und setzte sich ebenfalls.

»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon langebekannt wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«

Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit, sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in mein Leben aufnehmen.«

Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,« entgegnete er schnell.

Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.

»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.

»Medizin.«

»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«

Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme. »Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.«

Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu öffnen.

Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr Tetzner, Herr Ansorge.«

Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.

Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an und lachte gutmütig.

Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.

Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.

Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.

Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.

Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und Griechisch treiben konnte; von beidenSprachen waren nur Anfangsregeln in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein, und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener. Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden, das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »unddas muß ihm ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.«

Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit, die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.

Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.

Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es Geschwätz sein, so hätteich den Mann unterschätzt, der so etwas für ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau wie Verenas Hals und Hände.

Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat. Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, – meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.

Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.«

Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch, liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen durch die Finger zu blasen, ich aber –,« er wolltenach der Uhr sehen, zog aber die Hand zurück – »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen und fuhr damit um den Hals.

»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag, Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.«

»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte tragen.«

Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen, offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und nicht gar zu mürbe zu erscheinen.

»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf mich rechnen, muß ichvielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will Ihnen also das Geld geben.«

Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. »Sind Sie nicht ein wenig ungerecht gegen mich?« fragte er mit einem fast sichtbaren Aufatmen der Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit genug, uns gegenseitig anzuschließen, statt uns abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein sollte, ist immer Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte er hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen sehen.«

Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine frischen Kräfte verfügen.

Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seitenicht Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster.

Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs Herz.

Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen. Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu handeln.

Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.

Er ging hin.

Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu’ mich riesig auf Wälder, Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg? Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.«

Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.

Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so! richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?«

Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er und runzelte die Stirn.

»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.

»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.

»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus. Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und sie schluchzte weiter.

Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm sinnlos und widerwärtig.

»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt. »Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.«

Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie, daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.

Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit besteht?«

Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich. »Ich?« erwidertesie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas gesagt? Wann denn?«

»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben –«

»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?«

»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«

Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie doch.«

»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen, mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu wissen –«


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