12.Kapitel

12.Kapitel

Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst, bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken brächte.

Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft. Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte.

Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt, zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt. Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten. Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen. Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige Huldigung zu überraschen und zu erfreuen.

Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen, steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen. Ihr Wohlgefallen andem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn sein Herz stand in lichten Flammen.

Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte. Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken. Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und erreichte dadurch ihr Ziel.

Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten,daß Franz sie verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen Leidensgefährten an und sagte hämisch:

„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die Walküre“ — den Namen hatte er Adelheid gegeben — „heute so gnädig zu Ihnen gewesen ist.“

„Das habe ich gar nicht empfunden.“

„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann zähmen will.“

„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame sprechen“, erwiderte Franz unmutig.

„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche von dreihundert Morgen zu werden?“

Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen. Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge.

Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu bekämpfen. Er stahlsich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung ....

Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für das Fest zu schießen ....

„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor.

„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“

Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“

Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“

Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“

„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“

„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade diesen Bock zu schießen.“

Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging davon.Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn, daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu verschließen, daß niemand sie merken sollte.

Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt, und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig, aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid.

Jetzt kam auch Franz, wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, an die Reihe. Er gab sich innerlicheinen Ruck und verbeugte sich vor Adelheid. Seine Pulse hämmerten. Als sie sich in seinen Arm schmiegte, drohte ihn die Beherrschung zu verlassen, so daß er nicht gleich in den richtigen Takt kam. Aber dann riß er sich zusammen und tanzte. Der feine Duft, der von ihr ausging, berauschte ihn. Und leicht und weich wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Es war ihm, als wenn er nicht mit den Füßen auf der Erde sprang, sondern mit ihr durch die Luft empor und davon flog.

Er erwachte erst aus seinem Rausch, als sie leise sagte: „Ich danke.“ Und mit einem strahlenden Blick fügte sie hinzu: „Sie tanzen gut.“

Als er auf seinen Platz zurückkehrte, flüsterte ihm Kolbe zu: „Mensch, sechsmal haben Sie mit ihr rumgewalzt. Mit uns beiden hat sie nur drei Runden gemacht.“

„Ich habe die Runden nicht gezählt“, erwiderte Franz. „Ich glaube, man darf mit einer Dame solange tanzen, bis sie dankt.“

„Nun werden Sie sich wohl wieder etwas darauf einbilden, daß sie bei mir schon nach drei Runden gedankt hat.“

Beim nächsten Tanz verkündete der Kämmerer, der in der Mitte als Ordner stand, mitmächtiger Stimme: „Damenwahl!“. Mit etwas Unbehagen sah Frau Olga, wie das hübsche, junge Stubenmädchen auf Viktor zueilte und ihn durch einen Knix zum Tanz aufforderte. Auch Hans Kolbe wurde sofort von einem Scharwerksmädchen geholt. Da stand Adelheid auf und bat Franz durch eine Neigung des Kopfes. Er trat schnell an sie heran und legte den Arm um sie. Von diesem Augenblick an wußte er nicht mehr, was um ihn her vorging. Er sah und fühlte nur die schöne Frau, die ihn geschickt mit leisem Druck durch das Gewühl der Tanzenden führte.

Als Adelheid auf ihren Platz zurückkehrte, beugte sich Frau Olga zu ihr und flüsterte ihr zu: „Du, verdreh’ dem Jungen nicht den Kopf.“

Lachend gab sie zur Antwort: „Hältst du das für möglich? Ich glaube, er ist viel zu vernünftig dazu.“

Auch Viktor hatte es mit Mißbehagen beobachtet, daß Franz bei der Damenwahl von Adelheid aufgefordert worden war. Er tröstete sich jedoch in Gedanken damit, daß er nicht frei gewesen war, weil die kleine hübsche Kröte von Stubenmädchen ihn so fix geholt hatte. Als jedoch Adelheid keine Miene machte, ihn zu holen, obwohl derTanz noch ziemlich lange dauerte, beschlich ihn ein Gefühl, das nicht sehr weit von Eifersucht entfernt war. Er nahm sich vor, bei den nächsten Tänzen Adelheid eifrig zu umwerben und ihr ganz offen die Cour zu schneiden. Doch dazu kam es nicht. Denn bald darauf brach die Gutsherrin auf und nahm ihre Freundin mit sich.

Da blieb er in einem Gefühl von Trotz auf dem Fest und tanzte noch so oft mit der „kleinen Kröte von Stubenmädel“, daß es den Neid aller anderen erregte. Der Oberamtmann, der mit den Herren noch sitzen blieb, bemerkte es auch und erzählte es noch in der Nacht lachend seiner Gattin.

Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen standen,sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht ....

Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht, mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich. Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin:

„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,Es steht mir gar zu fern,Es weilt so hoch, es blinkt so schön,Wie droben jener Stern.“

„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,Es steht mir gar zu fern,Es weilt so hoch, es blinkt so schön,Wie droben jener Stern.“

„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,Es steht mir gar zu fern,Es weilt so hoch, es blinkt so schön,Wie droben jener Stern.“

„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,

Es steht mir gar zu fern,

Es weilt so hoch, es blinkt so schön,

Wie droben jener Stern.“

„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin ....


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