14.Kapitel
Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn, wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen, daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold.
Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte. Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten jedes Verletzende nahm.Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen.
Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen greulichenKater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht besessen hatte.
Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein sollte.
Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes, etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen.
Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen.
Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter kunstvoll begleitet wurde.
Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeitschon am Vormittag. Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren. Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen.
Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien. Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen, wie er mit ihm zufrieden wäre.
Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus zuverlässig, diensteifrig und leistefreiwillig mehr, als er von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete.
Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet, das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen. Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob der Friede erhalten werden sollte, oder nicht!
Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe. Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte.
„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend.
„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln.
Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute. Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben? Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und siefühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen.
Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler, denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime Wünsche und Gefühle gestört wird.
Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte. „Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du, Olsche, wem wir diese Wandlung zu dankenhaben? Keinem anderen als dem lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich walten sah.“
„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“
„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes Wesen zur Frau zu bekommen?“
„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“
„Aber?“
„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“
Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“
Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand.
Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte. Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde,hatte er sich abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht zu wecken.
Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war.
Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe.
Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den Forstmeister als einengerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten, trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen.
Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen. Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und die Übersiedlung vorbereiten.
Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessenWert und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte. Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert, hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit geschaffen hatte.
Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde, die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten.
Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte.Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm herüberwallte.
Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte, erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet.
Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte. Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollteund wollte nicht aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten, schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den Sommer hinein.
Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen, mit dem die Felsblöckezersprangen. In froher Laune sprach Braun beim Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine Viehhaltung zu vergrößern.
„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute noch heute fertig werden.“
Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“
Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen.
„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an.
„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber nicht losgegangen.“
Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden.Und diesmal schien die Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in die Schläfe getroffen.
Walter kam gerade vom Speicher, als ein Arbeiter mit verstörtem Gesicht auf den Hof stürmte.
„Was ist los?“
„Ach Gott, Herr Walter, der Herr ist tot!“
Fassungslos faßte Walter den Mann an. „Was sagen Sie? Mensch, das ist nicht wahr!“
„Ja, ja, es ist schon wahr, ein Sprengstück hat ihn an den Kopf getroffen.“
Schnell ließ Walter zwei Wagen anspannen. Der eine sollte den Toten hereinholen, der andere nach der Stadt zum Arzt fahren. Er ging währenddessen ins Haus, um den Arzt durch den Fernsprecher anzurufen. Die Tür zur Küche stand offen, Minna schäfferte am Herd und sang dabei: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“. Er mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz laut aufzuschreien. Ahnungslos,welch einen Schlag das Schicksal bereits nach ihr geführt hatte, sang das lebensfrohe Mädchen, und draußen, nur wenige hundert Schritte entfernt, lag der Bruder tot, an dem sie wie ein Vater hing, der Mann, der ihre Stütze und Stab war. Eben hatte Walter die Verbindung mit dem Arzt bekommen, als Minna ihm nachkam und ins Zimmer trat. Er nahm alle seine Kraft zusammen und sagte dem Arzt, er habe eben einen Wagen nach ihm geschickt. Er möchte sofort herauskommen, ein Mann sei beim Steinsprengen verwundet worden.
„Ach, Walter, das ist doch entsetzlich, wer ist es denn?“
Da sah sie in sein schreckenbleiches Gesicht und wußte alles.
„Friedrich!“, schrie sie auf. Die Hände sanken ihr schlaff herab, ein jämmerliches Stöhnen rang sich aus ihrer Brust. Sie wäre umgefallen, wenn Walter sie nicht umgefaßt und zum Stuhle geleitet hätte. Hilflos legte sie ihren Kopf an seine Brust, als wollte sie dort Schutz suchen gegen das grausame Leben und den noch grausameren Tod.
„Fräulein Minna, fassen Sie sich“, bat er leise. „Minna, es ist doch noch nicht gesagt, daß Friedrich tot ist.“
Sie schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Ich fühle es.“
Mit einer unheimlichen, starren Ruhe stand sie auf und ging hinaus. Er ging ihr nach, denn er befürchtete, daß sie unter dem tränenlosen Schmerz zusammenbrechen könnte. Mechanisch nahm sie ein paar Handtücher aus dem Schrank, holte eine Schüssel Wasser aus der Küche und stellte sie auf die Diele. Jetzt kam der Wagen langsam herangerollt. Vier Männer hoben den Toten herab und trugen ihn ins Haus. Als sie ihn auf die Liege gebettet hatten, warf sich Minna über ihn und barg sein Gesicht an ihre Brust. Und jetzt kamen ihr auch die erlösenden Tränen. Leise schlichen die Männer hinaus. Langsam folgte ihnen Walter. Er hatte seinen Lehrherrn auch lieb gehabt und verehrt. Aber sein tiefstes Mitleid gehörte dem jungen Mädchen, über das so namenloses Unheil hereingebrochen war.
Als der Arzt kam, führte er ihn ins Haus. Gewohnheitsmäßig nahm der alte Herr die Hand des Toten, um den Puls zu fühlen, obwohl der erste Blick ihm schon gesagt hatte, das seine Kunst hier nicht mehr helfen konnte.
In ihrer stillen Art ordnete Minna alles an,was solch ein Todesfall nötig macht. Am Abend saßen die beiden jungen Leute sich wie immer im Wohnzimmer gegenüber. Zaghaft fragte Walter: „Was meinen Sie, Fräulein Minna, was jetzt hier werden soll?“
„Ich habe die Schwester und den Bruder schon benachrichtigt, es sind seine rechten Geschwister. Die werden zum Begräbnis kommen und bestimmen, was geschehen soll. Ich denke, sie werden das Gut verkaufen, und sich die Erbschaft teilen. Ich bin ja nur eine Stiefschwester von Friedrich.“
„Das ist gleich. Sie erben mit. Wollen Sie nicht das Gut übernehmen?“
Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“
„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“
„Sie wollen für mich wirtschaften?“
„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmenkann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna, werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“
Eine tiefe Röte stieg in ihrem Gesicht empor. Aber sie sah den Mann, der unter so seltsamen Umständen um sie warb, freundlich mit ihren lieben Augen an und reichte ihm die Hand.
„Ich vertraue Ihnen, Walter.“
Mit starkem Druck fügten sich ihre Hände für eine Minute zusammen. Ihre Blicke senkten sich ineinander. Das war ihr Verlöbnis.
Am Abend des nächsten Tages kamen die Geschwister des Verstorbenen, schlichte, biedere Menschen. Walter besprach mit ihnen, daß er das Gut zu einem angemessenen Tagespreis übernehmen und Minna heiraten wolle. Sie waren einverstanden, und auch damit, daß der Oberamtmann die Schätzung vornehmen sollte.
Am Tage nach dem Begräbnis stand Walter noch ein schwerer Weg bevor. Er fuhr zu seiner Mutter. Sie nahm seine Mitteilung nicht unfreundlich, aber mit einer Gleichgültigkeit auf, die ihn verletzte. Zögernd nur brachte er seine Bitte vor, Minna für die paar Monate bis zur Hochzeit bei sich aufnehmen zu wollen.
„Ich habe mit meinem eigenen Schmerz noch gerade genug zu tun“, erwiderte sie ausweichend. „Mich stört es, daß das junge Mädchen am offenen Grabe ihres Bruders an Verlobung und Hochzeit denken konnte.“
„Mutter!“, rief Walter. „Das traurige Ereignis drängte mich zu einem schnellen Entschluß. Ich liebe Minna und wollte sie nicht unter fremde Leute gehen lassen. Sie wird dir eine liebe Tochter werden, wenn du sie erst näher kennenlernst. Sie wird dir auch eine Stütze sein und dir die Arbeit des Umzugs abnehmen.“
„Du brauchst mich nicht damit zu locken,“ erwiderte jetzt die Mutter, „es ist selbstverständlich, daß ich die Braut meines Sohnes an mein Herz nehme. Wann bringst du sie mir?“
„Übermorgen, wenn wir mit den Geschwistern den Vertrag abgeschlossen haben.“