17.Kapitel
Wie ein müder Mann saß Franz dem Vater gegenüber, der ihn voll Mitleid ansah. „Was fehlt dir bloß, mein Junge?“
„Ich quäle mich so mit Gedanken.“
„Na, was sind denn das für Gedanken?“
„Ich will nicht Landwirt bleiben. Ich kann nicht ...“, stieß Franz hervor.
„Das habe ich schon vermutet, als du vor drei Wochen so plötzlich nach Hause kamst. Na, denn nicht! Es wird mir ja nicht leicht, mich von der Hoffnung zu trennen, aber du hast ehrlich gehandelt und ein Jahr als Lehrling ausgehalten, ich mache dir keine Vorwürfe.“
Franz wurde bei diesen Worten rot. Er hatte das Bewußtsein, daß er nicht ehrlich handelte. Die Landwirtschaft war ihm durchaus nicht zuwider. Es war etwas anderes, was ihn seinen Beruf aufgeben ließ und nach Berlin zog .... Er schämte sich und die Scheu, dem Vater alles zu offenbaren, verschloß ihm den Mund. Er erhob sich: „Ichmöchte noch für einen Augenblick zu Onkel Uwis gehen.“
„Ja, tu du das. Hoffentlich wäscht er dir gründlich den Kopf. Ich bin zu schwach dazu.“
Mit einem matten Lächeln erwiderte Franz: „Ich kann ihm ja deinen Wunsch ausrichten.“
Der Pastor hatte bereits seine Ankunft erfahren und sich darauf vorbereitet. Er ging mächtig dampfend im Garten auf und ab. „Na, Ritter Tannhäuser, wieder mal aus dem Venusberg entwichen?“, rief er Franz entgegen.
„Ich war nie drin, Onkel“, erwiderte Franz mit matter Stimme.
„Ich habe das ja auch nicht wörtlich gemeint. Ich nehme an, du willst mir wieder dein Herz ausschütten. Die Hauptsache weiß ich schon: die plötzliche Abfahrt der schönen Teufelin, deinen Zusammenstoß mit dem Leutnant. Das war recht, mein Junge. Nur nichts auf sich sitzen lassen. Aber auch innerlich nicht. Man muß sich nie mit einem Vorwurf plagen, den man sich selbst macht. Nein, frisch zupacken, die Ursache beseitigen und sich durch Besserung reinigen.“
„Onkel, ich wüßte nicht ....“
„Das ist mir an dir neu. Na, dann muß ichdir auf die Sprünge helfen. Du hast dem Vater erklärt, daß du nicht Landwirt werden willst. Hast du ihm den wahren Grund eingestanden?“
Tief errötend senkte Franz die Augen.
„Siehst du, das hast du nicht getan“, fuhr der Pastor fort. „Ich weiß schon, du willst hinter der Venus hergondeln .... Denkst du auch daran, wozu das führen soll oder kann?“
„Ich muß sie noch einmal sehen und sprechen“, rief Franz verzweifelt aus.
„Wat mött, dat mött. Du wirst eins auf die Nase kriegen. Hoffentlich wird der Schlag stark genug sein, um dich zur Besinnung zu bringen. Was zieht dich noch hinter dem Weib her?“
Franz ließ sich auf die Bank fallen, senkte den Kopf und schlug die Hände vors Gesicht. „Onkel,“ stöhnte er, „ich habe sie ja in meinen Armen gehalten ... ich habe sie geküßt ... und sie hat in meinen Armen gezittert ....“
„Das fehlte bloß noch“, grollte der alte Herr heftig.
„Jetzt schreit meine Seele nach ihr Tag und Nacht ... ich habe keine Freude am Leben, keine Lust, weiter zu leben.“ Franz hob den Kopf und streckte die Hände nach dem Onkel aus. „Hilf mirdoch, Onkel, von diesen Gedanken los zu kommen, dieser entsetzlichen Pein zu entrinnen.“
In tiefer Bewegung umfaßte der Pastor seinen Kopf. Seine Stimme zitterte: „Junge, Freund, was verlangst du von mir? Ja, ich wüßte allerdings ein Mittel, das über das Schwerste hinweghelfen könnte, aber ich wage nicht, es dir anzuraten.“
„Onkel,“ erwiderte Franz leise, aber fest, „meine Liebe ist rein und heilig. Es gibt auf der Welt kein anderes Weib für mich, das ich auch nur ansehen könnte.“
„Ja, mein Junge, ich weiß. Du bist ein anständiger, braver Bursch geblieben, der seine Jugendkraft nicht vergeudet hat. Was dein höchster Ehrentitel sein sollte, wird dir zum Unglück. Du verdienst keine Vorwürfe, sondern mein Mitleid. Aber nun raff dich auf. Du mußt ein Ende machen. Hörst du, du mußt, sonst zerstörst du freventlich dein Leben.“
Franz löste sich aus seinem Arm. „Jawohl, Onkel. Das will ich. Aber erst muß ich sie noch einmal sehen und sprechen. Ich muß aus ihrem eigenen Munde hören, daß ich ihr gar nichts bedeute.“
„Und wenn sie dich wieder betört und mit dir spielt?“
„Dann, Onkel, dann bin ich ihr verfallen mit Leib und Seele, für Zeit und Ewigkeit.“ ... Nach einer Weile fuhr er ruhiger fort: „Du sagst eben: wieder betört. Das muß ich richtigstellen. Sie hat mir nicht die geringste Veranlassung gegeben. Ich stammelte meine Liebeserklärung, ich umfaßte sie in maßloser Leidenschaft, ich küßte sie wie rasend. Die Überraschung, der Schreck lähmten sie. Aber dann hat sie mir das Unsinnige meiner Liebe vorgehalten.“ ...
„So, das freut mich, zu hören. Dadurch bekommt das Fräulein in meinen Augen eine ganz andere Gestalt. Und du brauchst ihr nicht mehr nachzureisen. Du hast ja doch schon dein Urteil empfangen.“
„Onkel, ich muß .... In einem Winkel meines Herzens lebt noch eine winzige Hoffnung.“ ...
„Wie ist das möglich?“
„Ich will dir auch das noch gestehen, Onkel. Beim Abschied ließ sie sich von mir ohne Widerstand in die Arme nehmen und küssen. Es war nur ein ganz kurzer Augenblick, aber es war doch ...“
„Mitleid, mein Junge, weiter nichts. Vielleicht auch eine kleine Schwäche, die sich manchmal bei jungen Damen reiferen Alters einstellen soll. Ich will nichts gesagt haben, nicht mal angedeutet. Und nun zum Abschied: Was hast du zu allererst zu tun?“
„Ich werde dem Vater alles gestehen. Leb wohl, Onkel. Du erhältst bald Nachricht von mir.“
Es war für beide eine sehr ernste Stunde, als Franz dem Vater beichtete. Vater Rosumek war kein Seelenkenner. Er war in seinem Leben stets die „Chausseen der Liebe“ gewandert, und konnte es nicht begreifen, wie ein junger Mensch sein Herz an ein viel älteres Mädchen hängen und so völlig außer Rand und Band geraten konnte. „Ja, wenn du dich in ein junges Ding verknallst hättest und wärest zu mir gekommen: ‚Vater, ich muß sie heiraten‘, dann hätte ich das begriffen. Aber wenn Onkel Uwis das billigt, dann fahr ihr in Gottes Namen nach. Auf die paar Mark soll es mir nicht ankommen. Und nu schenk mir mal ganz reinen Wein ein. Es ist nicht bloß das Studium, das dich nach Berlin zieht.“
„Nein, Vater, ich dachte, sie dort zu treffen.“
„Na, dann gebe ich die Hoffnung nicht auf,aus dir noch einen Landwirt zu machen. Und da möchte ich dir den Vorschlag machen, jetzt dein Jahr abzudienen. Je eher du es hinter dir hast, desto besser. Aber nicht bei der Kavallerie. Ich möchte es dir ja gönnen, aber das Geld, das du dort ausgibst, wirst du später besser gebrauchen können.“
Mit viel leichterem Herzen, als er gekommen war, fuhr Franz nach Polommen ab. Bis zum 15. September wollte er dort bleiben, dann noch einen Tag oder zwei nach Hause, ehe er ins Reich fuhr.
Der Oberamtmann gab ihm ein vorzügliches Zeugnis über sein Lehrjahr und wünschte ihm alles Gute für die Zukunft. Mit klopfendem Herzen betrat Franz das Wohnzimmer, um sich von der Herrin des Hauses zu verabschieden. Er wollte sie um Adelheids Adresse bitten. Er mußte sich sehr zusammenreißen, um die Bitte auszusprechen. Frau Olga sah ihn halb belustigt, halb mitleidig an. „Meine Freundin wohnt nicht ständig in Berlin, wie Sie anzunehmen scheinen. Sie kann jetzt in Wiesbaden oder Baden-Baden sein. Ich weiß es jedoch nicht. Und wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen nicht sagen.“
Als sie in sein verstörtes und verzweifeltes Gesicht sah, fuhr sie freundlicher fort: „Franz, ich weiß, wie es um Sie steht. Das sind törichte Hirngespinste. Ihre Leidenschaft ist krankhaft.“
„Und wenn ich doch die Hoffnung hätte, sie zu erringen?“
„Woraus schöpfen Sie denn die Hoffnung? Etwa aus dem Abend im Park? Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn Adelheid mit Ihnen ein törichtes Spiel getrieben hätte. Das wäre geradezu unverantwortlich von ihr gehandelt .... Und selbst wenn ... ich mag es nicht noch mal wiederholen, dann zeigt doch ihre plötzliche Abreise, daß sie diese unbedeutende Episode in ihrem Leben kurzerhand beendigen wollte .... Ob Sie irgendwelche Schuld tragen, weiß ich nicht. Aber das ist doch nicht zu bestreiten, daß Sie sehr störend in ihr Leben eingegriffen haben. Sie haben eine keimende Neigung zerrissen und es Herrn von Sawerski unmöglich gemacht, sich um Adelheid zu bewerben.“
Gesenkten Hauptes, wie ein reuiger Sünder, hatte Franz Frau Olga zugehört. Aber sie sah, daß ihre Worte auf ihn keinen Eindruck machten. „Ich möchte Sie doch noch einmal warnen, meinerFreundin wieder in den Weg zu treten. Sie würden sich ohne Zweifel eine sehr scharfe Abweisung zuziehen. Ich bedauere Sie, Franz, denn Sie haben sich in dem Jahr musterhaft geführt. Aber ich wundere mich, daß Sie nicht den Verstand und die Kraft aufbringen, sich von dieser hoffnungslosen Leidenschaft zu befreien.“
Zwei Tage später stieg Franz nach einem kurzen Abschied von Vater und Mutter und Onkel Uwis in den Zug und fuhr Tag und Nacht nach Baden-Baden. Es war ihm, als wenn eine innere Stimme ihm sagte, daß er sie dort treffen würde. In einem bescheidenen Hotel in der Nähe des Bahnhofs, das ihm ein Mitreisender empfohlen hatte, nahm er ein Zimmer und ließ sich etwas zu essen geben. Und richtig: er fand in der Kurliste ihren Namen und ihre Wohnung. Sie wohnte im teuersten und feinsten Hotel.
Eine Stunde später ging er vor dem Eingang ruhelos auf und ab. Er war mit dem Entschluß fortgegangen, nach ihr zu fragen und sich bei ihr melden zu lassen. Im letzten Augenblick verlor er den Mut. Es war schon gegen Abend, als eine Gesellschaft von Herren und Damen auf ihn zukam. Mit freudigem Schreck erkannte er unterihnen Adelheid. Sie sah blendend schön und hochelegant aus. Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf .... Mit tiefer Verbeugung zog er seinen Hut. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Kalt glitt ihr Blick über ihn hinweg, ohne das leiseste Zeichen, daß sie ihn erkannt hatte .... Er hörte einen Herrn mit schnarrender Stimme sagen: „Meine Gnädigste, der Gruß scheint Ihnen gegolten zu haben.“ ... „Sie irren sich, Herr Graf, ich kenne den Jüngling nicht.“
Betäubt, gänzlich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, wanderte er in sein Hotel zurück. Seine verzweifelte Stimmung gab ihm den Rat ein, nach einem Sorgenbrecher zu greifen. Er trank eine Flasche schweren Rotwein und ließ sich noch eine zweite auf sein Zimmer bringen, denn die erste war ohne jede Wirkung wie auf einem heißen Stein verzischt. Die zweite gab ihm die nötige Bettschwere. Er schlief tief und fest. Am Morgen wachte er mit einem wüsten Kopfschmerz auf. Aber ihm unbewußt war in der Nacht ein Trotz in ihm erwacht. Er wollte und mußte sie stellen und zu einer Entscheidung zwingen. Dann begann sein Herz sie zu entschuldigen. Sicherlich war es ungeschickt, ja unpassend gewesen, sich durch einenGruß an sie heranzudrängen. Es war ihm nicht entgangen, wie seine Kleidung von der Eleganz der sie begleitenden Herren abstach. Eine tiefe Mutlosigkeit überfiel ihn. War es nicht besser, wenn er keinen Besuch mehr machte, sondern einfach abfuhr?
Eine Stunde später war er wieder auf dem Weg nach ihrem Hotel. Unterwegs kaufte er sich ein Kärtchen und schrieb seinen Namen darauf. Entschlossen trat er in die Eingangshalle. Ein betreßter Herr nahm ihm die Karte ab und schickte einen Boy zu Fräulein Bartenwerffer. Der Junge kam nach einer Zeit zurück, die Franz eine Ewigkeit dünkte. „Das gnädige Fräulein bedauern sehr, den Herrn nicht empfangen zu können.“
Er drückte dem Jungen einen Taler in die Hand. „Das gnädige Fräulein ist wohl noch nicht angezogen?“
„O doch, sie setzt eben den Hut auf. Sie wird wohl gleich mit dem Lift herunterkommen. Wenn Sie dort Platz nehmen wollen.“
Eine Viertelstunde später trat Adelheid aus dem Fahrstuhl. Sie war ganz einfach in Weiß gekleidet und trug ein Rakett in der Hand. Franz sprang auf und trat auf sie zu. Sie maß ihn miteinem kalt abweisenden Blick von oben bis unten. „Was wünschen Sie von mir?“
„Ich wollte Sie sprechen“, stammelte Franz.
„Bedauere sehr, ich bitte, mich nicht zu belästigen. Ich teile keine Almosen aus.“
Verwirrt trat Franz zurück und gab ihr den Weg frei. Ohne ihn anzusehen, ging sie schnell an ihm vorbei.
„Aus“, wiederholte Franz leise. „Sie teilt keine Almosen aus. Na, nun weiß ich, woran ich bin.“
Er konnte sich später nicht mehr erinnern, wie er den Weg in sein Hotel zurückgefunden hatte. Erst als er sich eine Flasche Rotwein bestellte und der schwere Wein zu wirken begann, kam er zu sich. Ihm war zu Mut, als wenn die Begegnung mit Adelheid schon Wochen und Monate hinter ihm lag. „Ich Esel,“ dacht’ er, „hab ich das noch nötig gehabt? Almosen teilt sie nicht aus? Ach, das Wort sollte wohl für mich noch eine besondere Bedeutung haben? War das etwa ein Almosen für mich, daß sie sich zum zweitenmal von mir umfassen und küssen ließ?“
Der Wein munterte ihn immer mehr auf. Er aß gut und reichlich, ging zur Bahn und nahm sicheine Fahrkarte zweiter Klasse nach Berlin. Es war ein greulicher Bummelzug, in den er geraten war. Doch ihm war das gleichgültig. Er lehnte sich in eine Ecke und schlief ein. Als er gegen Abend erwachte und die Gedanken ihn wieder zu bekriechen und zu peinigen begannen, kaufte er sich unterwegs wieder eine Flasche Wein und trank sie aus. Danach schlief er durch bis Berlin. Er nahm sich ein Auto und fuhr zu seinem alten Schulkameraden Sutor, der schon seit einem Jahr als Student in Berlin lebte und sich schlecht und recht durch Stipendien und Stundengeben durchs Leben schlug.
Der Freund erschrak nicht schlecht, als Franz sich vor ihm aufbaute, verschwiemelt, hohläugig ... „Mensch, Franz, wo kommst du her? Wie siehst du aus?“
„Wahrscheinlich ein bißchen mitgenommen von der Extratour, die ich hinter mir habe. Erst von Hause in einem Zug durch bis Baden-Baden; den nächsten Tag wieder hier zurück. Davon setzt man keinen Speck an.“
„Vor allen Dingen mußt du gründlich ausschlafen. Meine Wirtin hat noch ein Zimmer frei.“
„Das habe ich zur Genüge im Zug besorgt. Aber hast du nicht einen dienstbaren Geist, der unseine Flasche Rotwein oder Kognak holen kann? Wir müssen doch das Wiedersehen gebührend feiern.“
Sutor sah ihn ganz entgeistert an. „Franz, was ist mit dir los? Du bist ja auf der Schule kein Duckmäuser gewesen, aber du hast doch am Morgen keinen Alkohol nötig gehabt.“
„Na, dann nimm an, daß ich ihn jetzt oder wenigstens heute nötig habe.“
„Hast du etwas Schweres durchgemacht, daß du dich so betäuben willst?“
„Frag nicht, alter Sutor! Ich werde es dir vielleicht später erzählen, wenn ich darüber hinweg bin. Heute tu mir den Gefallen. Hier ist Geld. Du willst es selbst holen? Das ist nett von dir. Aber was Gutes, wenn ich bitten darf.“
Bei einem Glas leistete der Student seinem Jugendfreund Gesellschaft. Dann mußte er ins Kolleg. Als er mittags zurückkam, lag Franz sinnlos betrunken auf seinem Bett. Die Flasche Rotwein und ein Drittel des Kognaks waren ausgetrunken.