3.Kapitel
Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten. Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk, den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor — der Name Sefczyk bedeutet verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt worden — hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung. Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte, gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor, den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor, den vierten beim Pfarrer usw. War dieWoche zu Ende, dann begann er seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu liefern brauchten.
Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“ er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie studiere.
Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..
Franz machte eine rühmliche Ausnahme.
Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne sank.
Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein Freundund Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.
Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot, erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus Jahr ein Versuche anstellte.
So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen Knaben war ein flotterJüngling geworden, der Liebling der Lehrer und seiner Mitschüler. Damals — heute soll es ja anders sein — gab es ein Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor, ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern, daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.
So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber, denn ich möchte gernsehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da gefragt werden kann, weiß ich alles.“
Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu, die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners abholen.
Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern, schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich. Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie mechanischan einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen. Da — oben — wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.
Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde von sich geben.
„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze — — Alle standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“
Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten.Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare, unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis. Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde, mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.
Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt. Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!
Es war ein anstrengender Tag für Franz,für Vater Rosumek und Pastor Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett, daß sein erster Blick darauffallen mußte.
Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er indie Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.
Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging. Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die Bauernfrauen.
Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal inder Stadt war. Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“
Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam, streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten etwas zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens einecontradictio in adjecto, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie behauptet, daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht widersprechen können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern etwas stark dem alten Heiden Bacchus geopfert.“
Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „Mi fili, mein Herz ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen in die weite Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder hat uns der liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans Herz gewachsen .... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“Er faßte ihn unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und bewacht ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde ihrer Auferstehung entgegenschlummern.“