9.Kapitel

9.Kapitel

Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang. An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert. Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht.

Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle, schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zutun. Ihre elastischen Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging.

Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen.

Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle, die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärtenhinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen.

Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet. Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr täglich stundenlang in den Ställen auf.

Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der sich unter einem schweren Schicksal mühsam emporgerungen hatte und nun in seinem Beruf volles Genüge fand. Aber ihn dauerte der junge Mensch, der seiner Obhut übergeben war. Eine große Begeisterung für den ihm von der Not aufgedrungenen Beruf durfte er bei ihm nicht voraussetzen. Dazu entbehrte er den Umgang mit Altersgenossen, die Abwechslung die wie eine Entspannungund Erholung wirkt, und Geist und Körper mit neuer Spannkraft erfüllt.

Im Herbst bis Weihnachten hatte Walter noch eine kleine Auffrischung durch die Jagd. Sie beschränkte sich allerdings darauf, daß er gegen Abend an den Waldrand ging und auf dem Anstand einen Küchenhasen erlegte. Jetzt hatte das auch aufgehört. Dafür stellte Walter, der schon etwas Erfahrung aus dem Elternhause mitbrachte, den ranzenden Füchsen mit dem Tellereisen nach und richtete in den Remisen Futterstellen ein, die von dem hungernden Wild dankbar angenommen wurden.

Dann unternahm es Braun, seinen Zögling in die Geheimnisse der Buchführung einzuweihen. Er ließ ihn in das wissenschaftliche Rüstzeug eines gebildeten Landwirts hineinsehen, der vorsichtig Ausgaben und Einnahmen abwägt, der die Gestehungspreise seiner Erzeugnisse genau verfolgt und schlechtere Methoden gegen bessere ersetzt. Und Walter war praktisch genug veranlagt, um die Wichtigkeit dieser Berechnungen zu erfassen und ihnen Interesse abzugewinnen.

Eines Tages schlug sein Lehrherr ihm vor, gegen Abend nach Polommen zu fahren und sichmit den beiden jungen Leuten bekannt zu machen. Er könne sie auch zu sich einladen, um gemeinsam die langen Abende zu verbringen. Mit Freuden nahm Walter den Vorschlag auf und fuhr im Einspänner hinüber. Franz, obwohl mehrere Jahre jünger als er, war ihm schon von der Schule her bekannt. Er wurde freundlich von ihm begrüßt. Franz hatte es sich in seiner Bude, in der angenehme Wärme herrschte, behaglich gemacht. Blaue Rauchwolken erfüllten das Zimmer. Er saß auf dem Sofa bei der brennenden Lampe. Der Tisch war mit aufgeschlagenen Büchern bedeckt.

„Mensch, was studierst du denn so eifrig“, fragte Walter nach der Begrüßung.

„Ich berechne die Ergebnisse des Körnerbaues nach den verschiedenen Düngungsarten.“

„Das muß eine interessante Beschäftigung sein,“ lachte Walter, „ich habe auch schon in die Geheimnisse der Wirtschaftsführung bei meinem Lehrherrn hineingerochen. Für heute abend möchte ich jedoch eine leichtere Beschäftigung vorschlagen. Spielst du Skat?“

„Jawohl, aber es ist auch danach, dazu muß ich aber meinen Leidensgefährten als dritten Mann heranholen.“

„Erst noch eine Frage: Was ist das für ein Mensch?“

„Gährender Most“, erwiderte Franz lachend. „Er hat auf der Presse das Einjährige errungen und betrachtet alles, was er jetzt noch lernen muß, als eine unwürdige Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit. Ich mag ihn nicht, aber als Notnagel zum Skatspiel wird er zu brauchen sein.“

Kolbe war natürlich mit Vergnügen bereit, den dritten Mann zu machen. Er sorgte sofort für heißes Wasser. Rum und andere Getränke hatte er stets vorrätig, denn damit wurde er reichlich von Hause versorgt. Es wurde ein ganz vergnügter Abend, denen bald mehrere, entweder hier oder in Nonnenhof, folgten. Walter wunderte sich über sich selbst, daß er an diesem harmlosen Spiel zu geringen Sätzen Gefallen fand. Er wäre jedoch gern abends irgendwohin ausgekniffen, wo es schärfer zuging, wenn es nur möglich gewesen wäre.

Anfang Februar hörte Walter von der Mamsell, die dem unverheirateten Gutsherrn die Wirtschaft führte, daß Braun für einige Tage verreisen werde. Er bringe seine Schwester mit, für die sie die zweite Giebelstube einrichten sollte. Derälteren Person, die in der Küche ein strenges Regiment führte, schien die Vermehrung des Hausstandes durch ein weibliches Wesen nicht sehr zu passen. Wenn die Schwester dem Bruder glich, dann war es wohl mit ihrer Alleinherrschaft im Gutshause zu Ende.

Walter nahm die Neuigkeit mit geringer Teilnahme entgegen. Auch er hatte keine Hoffnung, daß die Vermehrung des Hausstandes durch eine alte Jungfer eine angenehme Abwechslung in ihrem Dasein hervorrufen würde. Sein Lehrherr machte ihm am Abend eine kurze Mitteilung von seiner Reise und sprach die Erwartung aus, daß er bei seiner Rückkehr alles in bester Ordnung vorfinden werde.

Bei Tagesgrauen fuhr Braun zur Bahn. Walter ging noch einmal durch die Ställe, um sich zu überzeugen, daß die Leute alle an der Arbeit waren. Als er den Kälberstall betrat, sagte ihm seine Nase, daß jemand darin geraucht haben müßte, was der Feuersgefahr wegen streng verboten war. Er roch deutlich den süßlichen Duft einer Zigarette. Der Missetäter konnte nur einer von den beiden halbwüchsigen Bengeln sein, die dabei waren, den Dünger aus dem Stall zuschaffen. Ohne ein Wort zu verlieren, holte er sich den Schweizer, der in erster Linie für die Ordnung im Stall verantwortlich war. Der Mann geriet in Aufregung und fuhr die beiden Bengel heftig an, die mit dreister Stirn leugneten. Ja, einer besaß sogar die Frechheit, zu sagen, vielleicht habe der Lehrling selbst geraucht, und wolle es nun auf sie schieben.

Walter schwieg dazu, aber eine Stunde später ließ er sich den Burschen, in dem er mit Recht den Übeltäter vermutete, auf den Speicher kommen und versohlte ihm gründlich das Leder, teils für das Rauchen, teils für die freche Beschuldigung. Den ganzen Tag über hielt sich Walter im Kälberstall auf, um eine Wiederholung des Rauchens zu verhüten.

Es war nicht ausgeschlossen, daß er den Kälbern einen Schaden zufügte, um Walter Ärger zu bereiten. Die heimtückischen, haßerfüllten Blicke, die der geprügelte Bursche ihm zuwarf, ließen ihn kalt. Am Nachmittag forderten die Pollommer Stoppelhoppser ihn durch den Fernsprecher auf, zu einem vergnügten Abend herüber zu kommen. Er erwiderte, er könne nicht von Hause fort, weil sein Chef verreist wäre. Sie möchten sich zu ihmbemühen. Bald nach dem Kaffee kamen beide an. Noch vor zehn Uhr rüsteten sie sich zum Aufbruch Gemeinsam gingen sie nach dem Stall, wo ihr Gaul eingestellt war, um ihn anzuspannen. Als sie um die Ecke des Kälberstalles bogen, sah Franz einen Menschen aus der offenen Tür schlüpfen und im Dunkeln verschwinden. Im nächsten Augenblick rief er: „Es riecht nach Rauch, das kann nur aus dem Stall kommen.“

Als sie durch die Tür stürmten, liefen schon an zehn bis zwölf Stellen knisternde Flammen durch das Stroh, das den Kälbern zur Nacht eingestreut war. Die verängstigten Tiere rissen wild an ihren Halftern und schlugen wie rasend mit den Hinterbeinen aus. Mit einigen Sätzen war Walter an dem Wasserrohr, aus dem die gemauerten Tröge gespeist wurden, während die beiden anderen die Flammen auszutreten versuchten. Dichter Rauch begann das Gebäude zu füllen. Die Schafe, die am anderen Ende eingepfercht waren, übersprangen ihre Hürden und rasten im Stall umher.

„Wasser her!“ schrie Franz, „dann schaffen wir’s noch.“

Da kam auch schon Walter mit zwei gefüllten Eimern angelaufen. Es war die höchste Zeit, dennan mehreren Stellen leckten bereits die Flammen an den Stangen, mit denen die Abteilungen geschieden waren, empor.

Es war ein großes Glück, daß der von einem Windmotor gespeiste Behälter, der sich auf dem Boden befand, mit Wasser gefüllt war, das im kräftigen Strahl aus dem Rohr schoß. Die Jünglinge schwitzten vor Eifer und Aufregung. Ihre Kleidung wurde naß, aber sie bezwangen das Feuer. Der größte Schaden war verhütet.

Jetzt galt es nur noch, die Kälber umzustellen und die Schafe, die auf den Hof hinausgelaufen waren, einzufangen und zurückzubringen. Der Schweizer und die Knechte wurden geweckt, dann nahm Walter seine Helfer mit, um den Brandstifter abzufassen. Er vermutete ihn anscheinend schlafend in seiner Kammer zu finden, aber er täuschte sich. Der Bursche war ausgerückt und hatte seine Sachen mitgenommen. Erst eine Stunde später, als alles wieder in Ordnung gebracht war, fuhren die Pollommer, durch deren tatkräftige Hilfe ein unermeßlicher Schaden verhütet worden war, ab. Walter hatte ihnen wiederholt mit herzlichen Worten gedankt, und sie noch durch ein Glas Grog gestärkt.

Er hatte noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Er nahm den scharfen Hofhund von der Kette und suchte ringsum das Gehöft und das Gelände ab, obwohl es wenig wahrscheinlich war, daß der Brandstifter noch einmal zurückkommen würde, um sein Verbrechen zu wiederholen.

Am nächsten Morgen wurde der Gendarm von dem Vorfall und dem Verschwinden des Burschen unterrichtet. Er veranlaßte den üblichen Steckbrief, womit die Sache zunächst für längere Zeit und vermutlich für immer erledigt war.

Mit einigem Bangen erwartete Walter die Rückkehr seines Lehrherrn. Daß er dem Burschen des Rauchens wegen das Leder ausgewackelt hatte, war offenes Geheimnis des Hofes, und daß das Feuer aus Rache dafür angelegt war, konnte man auch nicht bezweifeln. Es war also das beste, was er tun konnte, daß Walter den Chef bei seiner Ankunft in Empfang nahm und ihm offen alles berichtete. Er sah ein zierliches, wegen der Kälte völlig vermummtes Persönchen, aus dem Schlitten steigen und ins Haus eilen. Braun nahm Koffer und Tasche seiner Schwester und folgte ihr, ohne die Mitteilung seines Zöglings einer Erwiderung zu würdigen. Er hatte Hans Kolbe auf demBahnhof getroffen und von ihm schon alles erfahren.

Mit einem unbehaglichen Gefühl ging Walter zum Kaffee ins Haus. Aber nicht so wie er es bisher gewöhnt war, in seiner Arbeitskleidung, sondern er begab sich auf sein Zimmer und zog sich nicht nur um, sondern er befreite auch sein Gesicht von den mehrere Tage alten Bartstoppeln. Sein Chef lächelte, als sein Eleve geschniegelt und gebügelt ins Zimmer trat und sich mit einer tiefen Verbeugung der Schwester vorstellte, die ihm mit freundlichem Lächeln die Hand bot. Walter hatte sehr gewandte Umgangsformen, aber der Unterschied zwischen der Erwartung und der Wirklichkeit verschloß ihm die Sprache. Mühsam raffte er sich zu der Frage auf, ob die Reise nicht sehr beschwerlich gewesen wäre.

Mit hellem Lächeln, das wie ein Glöckchen klang, erwiderte Minna: „Ich bin nicht sehr empfindlich gegen Kälte, und die Bahn war gut geheizt.“

Jetzt wagte Walter sie unauffällig zu mustern, und was er sah, gefiel ihm sehr. Eine zierliche Gestalt mit angenehm gerundeten Formen, ein feingeschnittenes Gesicht mit sanften, aber munteren,braunen Augen, und ein überreiches Haar von der Farbe reifer Kastanien, mit einem goldigen Schimmer. Eine Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war nicht zu erkennen. Selbst wenn man in Betracht zog, daß die junge Dame weitaus jünger war als der Gutsherr und höchstens zwanzig Lenze zählen konnte.

„Ihr Freund hat uns auf dem Bahnhof schon von der Brandstiftung erzählt“, fuhr Minna fort. „Sie haben ja eine Heldentat vollbracht.“

„Zwei“, warf der Gutsherr trocken ein.

Unwillkürlich errötete Walter. „Wie meinen Sie, Herr Braun?“

„Nun, die erste war die Durchprügelung des Burschen.“

„Ich konnte ihm doch das Rauchen nicht durchgehen lassen, besonders, nachdem er sich so frech benommen hatte“, verteidigte sich Walter.

„Ich bin ganz Ihrer Meinung und hätte es jedenfalls auch getan. Aber dann mußten Sie mit der Rachsucht des Lümmels rechnen und sich vorsehen.“

„Ich konnte doch nicht annehmen, daß er, um sich an mir zu rächen, Feuer anlegen würde.“

„Ach, Friedrich,“ warf die Schwester ein, „dashättest du auch nicht verhindern können! Und du kannst doch wirklich zufrieden sein, daß das Unheil durch die tatkräftige Entschlossenheit der drei jungen Herren glücklich abgewendet wurde.“

„Ja, allein hätte ich es wohl kaum geschafft“, bekannte Walter ehrlich. „Es war auch ein glückliches Zusammentreffen, daß wir dazu kamen, als das Feuer eben erst im Entstehen war.“

Schon beim Abendessen merkten beide Männer, daß mit dem jungen Mädchen eine ihnen ungewohnte Behaglichkeit in das Haus eingezogen war. Der runde Tisch, an dem sie von einer griesen Wachsdecke zu essen gewohnt waren, war mit weißem Linnen bedeckt, und das Essen selbst war anders und schmackhafter zubereitet, als bisher. Nach dem Abendessen setzte sich Walter unaufgefordert ans Klavier und spielte im bunten Wechsel Volkslieder, Tänze und alles, was ihm in den Sinn und die Finger kam. Als er sich gegen zehn Uhr empfahl, reichte ihm Braun die Hand. „Ich habe Ihnen heute einen Vorwurf machen müssen, gegen den sie schon meine Schwester in Schutz genommen hat. Ich wollte Ihnen bloß noch sagen, daß ich vorhin nachgerechnet und festgestellt habe, daß meine Existenz vernichtet gewesen wäre,wenn der Stall mit dem Vieh verbrannt wäre. Alles, was ich in fünf Jahren mir erarbeitet habe, wäre zum Deuwel gewesen.“

„Sind Sie denn nicht versichert?“

„Ja, aber nicht hoch genug. Ich habe mich bisher vor einer Erhöhung meiner Ausgaben gescheut, aber nun habe ich es sofort nachgeholt und gleich eine erhebliche Erhöhung der Versicherung beantragt. Von morgen an können wir ruhig schlafen.“

„Dann wollen wir doch heute Nacht noch Wache halten.“

„Das geschieht bereits. Der Kämmerer und der Schweizer sind jetzt schon draußen; nachher löse ich sie ab.“

„Und dann komme ich an die Reihe“, rief Walter.

„Ja, ich wollte Sie darum bitten. Wenn Sie von eins bis zwei die Wache übernehmen wollen.“

„Ich werde pünktlich zur Stelle sein.“

„Aber, Friedrich, glaubst du wirklich, daß der Brandstifter sich noch einmal hertrauen wird?“ fragte die Schwester.

„Ich traue dem Burschen alles zu.“

Walter stellte seinen Wecker und warf sich inKleidern auf die Liege. Die Gedanken bekrochen ihn und ließen ihn nicht einschlafen. Wenn jetzt die Schuld auf ihm lasten würde, daß sein Lehrherr am Bettelstab dastände, und wenn es dem Verbrecher gelingen würde, nochmals Feuer anzulegen! Nicht auszudenken! Er nahm sich vor, von eins bis morgens Wache zu gehen. Und dann beschäftigten sich seine Gedanken mit dem lieblichen Mädchen, das heute wie ein guter Geist in das Haus eingezogen war.

Welcher Liebreiz ging von ihrer zierlichen Elfengestalt, von ihrem freundlichen Gesicht und ihren lieben Augen aus! Wo war sie bisher gewesen, was hatte sie bisher geschafft? Die Geschwister waren in Äußerungen über ihr Leben so zurückhaltend. Von seinem Lehrherrn wußte er nichts, und von Kolbe, der seine langen Ohren überall hatte, nur soviel, daß er als Sohn eines einfachen Gutskämmerers aufgewachsen, sich als Arbeiter und dann als Schachtmeister bei Tiefbauten ein kleines Vermögen erworben und dafür Nonnenhof mit geringer Anzahlung gekauft hatte. Wie kam es, daß die Schwester soviel jünger war als er, so jung ... so schön ... dann verwirrten sich seine Gedanken, und er schlief ein.

Pünktlich um ein Uhr löste er seinen Chef ab, der eben mit dem Hofhund einen Rundgang um das Gehöft gemacht hatte. Die Nacht war sternenklar und bitterkalt, aber windstill. Die ganze Natur schien in Kälte und Schweigen erstarrt zu sein. Und wie die Sterne funkelten! Ab und zu kam aus weiter Ferne ein Hundeblaff. Endlos dehnten sich die Stunden für Walter, aber er hielt durch. Als der Himmel sich im Osten rötete und das Leben im Hofe erwachte, lief er zur Küche, aus deren Fenster schon Licht strahlte.

Er war bis ins innerste Mark durchfroren und hoffte durch einen Trunk heißen Kaffees seine Lebensgeister erfrischen zu können. Zu seinem Erstaunen fand er nicht die Mamsell, wie er erwartet hatte, sondern Fräulein Minna.

„Gnädiges Fräulein schon auf?“

Sie bot ihm lachend die Hand. „Ich bin kein gnädiges Fräulein, und das Frühaufstehen bin ich gewohnt. Wollen Sie einen Topf Kaffee haben?“

Walter nahm am Küchentisch Platz und labte sich an Speise und Trank. Zu Mittag gab’s eine Überraschung. Die Mamsell hatte gekündigt, weilsie sich nicht den Anordnungen der „jungen Person“ fügen wollte, und zog schon gegen Abend mit Sack und Pack davon. Sie hatte sich für unentbehrlich gehalten und aufgetrumpft. Zu spät sah sie ein, daß sie sich in die Nesseln gesetzt hatte.

Seitdem Minna die Leitung der Wirtschaft in die Hand genommen hatte, lief der Haushalt wie am Schnürchen. Alles im Hause bekam einen behaglicheren, freundlichen Anstrich. Trotzdem behielt sie noch Zeit für feine Handarbeiten. Und oft hörte man ihre kleine, aber angenehme Stimme, wenn sie bei der Arbeit Volkslieder sang.

Eines Abends erbot sich Walter, sie beim Singen zu begleiten. Ohne sich zu zieren, trat sie ans Klavier und stimmte „Ännchen von Tharau“ an. Walter nahm nicht nur die Singstimme auf, sondern umrankte sie auch durch eine geschickte Begleitung. Fortan musizierten sie jeden Abend miteinander. In ruhiger Freundlichkeit behandelte sie den jungen Mann wie einen guten Kameraden. Und er hütete sich, ihr durch einen Blick oder Wort zu verraten, wie sehr sie ihm gefiel. Ihre seelische Reinheit und ihr lauteres Wesen umgaben sie wie ein Schutzmantel der Unnahbarkeit. Am Abend waren die beiden jungen Menschenkinder stundenlangallein, denn der Gutsherr saß meistens um diese Zeit über seinen Büchern, oder er fuhr auch ab und zu aus. Dann ließ Walter in das blaue Eckzimmer, in dem sich ein Kamin befand, einige Arme voll Holz hineintragen, und wenn das Feuer lustig prasselte und mit seinem warmen Licht den mit Sesseln behaglich ausgestatteten Raum füllte, dann setzten sie sich einander gegenüber und plauderten. Ganz von selbst kam Walter darauf, ihr von seinen Eltern und von seiner Kindheit zu erzählen. Er gestand ihr offen ein, daß er fünf Semester verbummelt und ein lockeres Leben geführt habe.

Auch sie ging allmählich aus sich heraus und erzählte aus ihrem Leben. Friedrich sei ihr ältester Stiefbruder. Ihr Vater habe noch zum zweiten Male geheiratet, und da sei sie als Spätling zur Welt gekommen. Der Bruder, der noch mehrere Geschwister hatte, habe sich ihrer angenommen, habe sie nach dem Tode der Eltern bei einer befreundeten Familie in der Stadt untergebracht und zur Schule geschickt. Dann habe sie zwei Jahre auf einem Gut die Wirtschaft gelernt, und nun sei sie hier und glücklich, daß sie für den Bruder, dem sie soviel Dank schulde, arbeiten und sorgen könne.


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