Chapter 2

ARCHAÏSCHER TORSO APOLLOSWir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,darin die Augenäpfel reiften. Abersein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bugder Brust dich blenden, und im leisen Drehender Lenden könnte nicht ein Lächeln gehenzu jener Mitte, die die Zeugung trug.Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurzunter der Schultern durchsichtigem Sturzund flimmerte nicht so wie Raubtierfelleund bräche nicht aus allen seinen Rändernaus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,die dich nicht sieht. Du mßt dein Leben ändern.KRETISCHE ARTEMISWind der Vorgebirge: war nicht ihreStirne wie ein lichter Gegenstand?Glatter Gegenwind der leichten Tiere,formtest du sie: ihr Gewandbildend an die unbewußten Brüstewie ein wechselvolles Vorgefühl?Während sie, als ob sie alles wüßte,auf das Fernste zu, geschürzt und kühl,stürmte mit den Nymphen und den Hunden,ihren Bogen probend, eingebundenin den harten hohen Gurt;manchmal nur aus fremden Siedelungenangerufen und erzürnt bezwungenvon dem Schreien um Geburt.LEDAAls ihn der Gott in seiner Not betrat,erschrak er fast, den Schwall so schön zu finden;er ließ sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,bevor er noch des unerprobten SeinsGefühle prüfte. Und die Aufgetaneerkannte schon den Kommenden im Schwaneund wußte schon: er bat um eins,das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder,und halsend durch die immer schwächre Handließ sich der Gott in die Geliebte los.Dann erst empfand er glücklich sein Gefiederund wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß.DELPHINEJene Wirklichen, die ihrem Gleichenüberall zu wachsen und zu wohnengaben, fühlten an verwandten ZeichenGleiche in den aufgelösten Reichen,die der Gott, mit triefenden Tritonen,überströmt bisweilen übersteigt;denn da hatte sich das Tier gezeigt:anders als die stumme, stumpfgemuteZucht der Fische, Blut von ihrem Blute,und von fern dem Menschlichen geneigt.Eine Schar kam, die sich überschlug,froh, als fühlte sie die Fluten glänzend:Warme, Zugetane, deren Zugwie mit Zuversicht die Fahrt bekränzend,leichtgebunden um den runden Bugwie um einer Vase Rumpf und Rundung,selig, sorglos, sicher vor Verwundung,aufgerichtet, hingerissen, rauschendund im Tauchen mit den Wellen tauschenddie Trireme heiter weitertrug.Und der Schiffer nahm den neugewährtenFreund in seine einsame Gefahrund ersann für ihn, für den Gefährten,dankbar eine Welt und hielt für wahr,daß er Töne liebte, Götter, Gärtenund das tiefe, stille Sternenjahr.DIE INSEL DER SIRENENWenn er denen, die ihm gastlich waren,spät, nach ihrem Tage noch, da siefragten nach den Fahrten und Gefahren,still berichtete: er wußte nie,wie sie schrecken und mit welchem jähenWort sie wenden, daß sie so wie erin dem blau gestillten Inselmeerdie Vergoldung jener Inseln sähen,deren Anblick macht, daß die Gefahrumschlägt; denn nun ist sie nicht im Tosenund im Wüten, wo sie immer war:lautlos kommt sie über die Matrosen,welche wissen, daß es dort auf jenengoldnen Inseln manchmal singt—,und sich blindlings in die Ruder lehnen,wie umringtvon der Stille, die die ganze Weitein sich hat und an die Ohren weht,so als wäre ihre andre Seiteder Gesang, dem keiner widersteht.KLAGE UM ANTINOUSKeiner begriff mir von euch den bithynischen Knaben(daß ihr den Strom anfaßtet und von ihm hübt...).Ich verwöhnte ihn zwar. Und dennoch: wir habenihn nur mit Schwere erfüllt und für immer getrübt.Wer vermag denn zu lieben? Wer kann es?—Noch keiner.Und so hab ich unendliches Weh getan—.Nun ist er am Nil der stillenden Götter einer,und ich weiß kaum welcher und kann ihm nicht nahn.Und ihr warfet ihn noch, Wahnsinnige, bis in die Sterne,damit ich euch rufe und dränge: meint ihr den?Was ist er nicht einfach ein Toter. Er wäre es gerne.Und vielleicht wäre ihm nichts geschehn.DER TOD DER GELIEBTENEr wußte nur vom Tod, was alle wissen:daß er uns nimmt und in das Stumme stößt.Als aber sie, nicht von ihm fortgerissen,nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,hinüberglitt zu unbekannten Schatten,und als er fühlte, daß sie drüben nunwie einen Mond ihr Mädchenlächeln hattenund ihre Weise wohlzutun:da wurden ihm die Toten so bekannt,als wäre er durch sie mit einem jedenganz nah verwandt; er ließ die andern redenund glaubte nicht und nannte jenes Landdas gutgelegene, das immersüße—.Und tastete es ab für ihre Füße.KLAGE UM JONATHANAch, sind auch Könige nicht von Bestandund dürfen hingehn wie gemeine Dinge,obwohl ihr Druck wie der der Siegelringesich widerbildet in das weiche Land.Wie aber konntest du, so angefangenmit deines Herzens Initial,aufhören plötzlich: Wärme meiner Wangen.O daß dich einer noch einmalerzeugte, wenn sein Samen in ihm glänzt.Irgendein Fremder sollte dich zerstören,und der dir innig war, ist nichts dabeiund muß sich halten und die Botschaft hören;wie wunde Tiere auf den Lagern löhren,möcht ich mich legen mit Geschrei:denn da und da, an meinen scheusten Orten,bist du mir ausgerissen wie das Haar,das in den Achselhöhlen wächst und dorten,wo ich ein Spiel für Frauen war,bevor du meine dort verfitzten Sinneaufsträhntest, wie man einen Knaul entflicht;da sah ich auf und wurde deiner inne:—jetzt aber gehst du mir aus dem Gesicht.TRÖSTUNG DES ELIAEr hatte das getan und dies, den Bundwie jenen Altar wieder aufzubauen,zu dem sein weitgeschleudertes Vertrauenzurück als Feuer fiel von ferne, undhatte er dann nicht Hunderte zerhauen,weil sie ihm stanken mit dem Baal im Mund,am Bache schlachtend bis ans Abendgrauen,das mit dem Regengrau sich groß verband?Doch als ihn von der Königin der Botenach solchem Werktag antrat und bedrohte,da lief er wie ein Irrer in das Land,so lange, bis er unterm Ginsterstrauchewie weggeworfen aufbrach in Geschrei,das in der Wüste brüllte: Gott, gebrauchemich länger nicht. Ich bin entzwei.Doch grade da kam ihn der Engel ätzenmit einer Speise, die er tief empfing,so daß er lange dann an Weideplätzenund Wassern immer zum Gebirge ging,zu dem der Herr um seinetwillen kam:im Sturme nicht und nicht im Sich-Zerspaltender Erde, der entlang in schweren Faltenein leeres Feuer ging, fast wie aus Schamüber des Ungeheuren ausgeruhtesHinstürzen zu dem angekommnen Alten,der ihn im sanften Sausen seines Bluteserschreckt und zugedeckt vernahm.SAUL UNTER DEN PROPHETENMeinst du denn, daß man sich sinken sieht?Nein, der König schien sich noch erhaben,da er seinen starken Harfenknabentöten wollte bis ins zehnte Glied.Erst da ihn der Geist auf solchen Wegenüberfiel und auseinanderriß,sah er sich im Innern ohne Segen,und sein Blut ging in der Finsternisabergläubig dem Gericht entgegen.Wenn sein Mund jetzt troff und prophezeite,war es nur, damit der Flüchtling weitflüchten könne. So war dieses zweiteMal. Doch einst: er hatte prophezeitfast als Kind, als ob ihm jede Adermündete in einen Mund aus Erz;alle schritten, doch er schritt gerader;alle schrieen, doch ihm schrie das Herz.Und nun war er nichts als dieser Haufenumgestürzter Würden, Last auf Last;und sein Mund war wie der Mund der Traufen,der die Güsse, die zusammenlaufen,fallen läßt, eh er sie faßt.SAMUELS ERSCHEINUNG VOR SAULDa schrie die Frau zu Endor auf: Ich sehe—Der König packte sie am Arme: Wen?Und da die Starrende beschrieb, noch ehe,da war ihm schon, er hätte selbst gesehn:den, dessen Stimme ihn noch einmal traf:Was störst du mich? Ich habe Schlaf.Willst du, weil dir die Himmel fluchen,und weil der Herr sich vor dir schloß und schwieg,in meinem Mund nach einem Siege suchen?Soll ich dir meine Zähne einzeln sagen?Ich habe nichts als sie.... Es schwand. Da schriedas Weib, die Hände vors Gesicht geschlagen,als ob sie's sehen müßte: Unterlieg—Und er, der in der Zeit, die ihm gelang,das Volk wie ein Feldzeichen überragte,fiel hin, bevor er noch zu klagen wagte:so sicher war sein Untergang.Die aber, die ihn wider Willen schlug,hoffte, daß er sich faßte und vergäße;und als sie hörte, daß er nie mehr äße,ging sie hinaus und schlachtete und bukund brachte ihn dazu, daß er sich setzte;er saß wie einer, der zu viel vergißt:alles, was war, bis auf das Eine, Letzte.Dann aß er, wie ein Knecht zu Abend ißt.EIN PROPHETAusgedehnt von riesigen Gesichten,hell vom Feuerschein aus dem Verlaufder Gerichte, die ihn nie vernichten,—sind die Augen, schauend unter dichtenBrauen. Und in seinem Innern richtensich schon wieder Worte auf,nicht die seinen (denn was wären seine,und wie schonend wären sie vertan),andre, harte: Eisenstücke, Steine,die er schmelzen muß wie ein Vulkan,um sie in dem Ausbruch seines Mundesauszuwerfen, welcher flucht und flucht;während seine Stirne, wie des HundesStirne, das zu tragen sucht,was der Herr von seiner Stirne nimmt:Dieser, Dieser, den sie alle fänden,folgten sie den großen Zeigehänden,die Ihn weisen, wie Er ist: ergrimmt.JEREMIASEinmal war ich weich wie früher Weizen,doch, du Rasender, du hast vermocht,mir das hingehaltne Herz zu reizen,daß es jetzt wie eines Löwen kocht.Welchen Mund hast du mir zugemutet,damals, da ich fast ein Knabe war:eine Wunde wurde er: nun blutetaus ihm Unglücksjahr um Unglücksjahr.Täglich tönte ich von neuen Nöten,die du, Unersättlicher, ersannst,und sie konnten mir den Mund nicht töten;sieh du zu, wie du ihn stillen kannst,wenn, die wir zerstoßen und zerstören,erst verloren sind und fernverlaufenund vergangen sind in der Gefahr:denn dann will ich in den Trümmerhaufenendlich meine Stimme Wiederhören,die von Anfang an ein Heulen war.EINE SIBYLLEEinst, vor Zeiten, nannte man sie alt.Doch sie blieb und kam dieselbe Straßetäglich. Und man änderte die Maße,und man zählte sie wie einen Waldnach Jahrhunderten. Sie aber standjeden Abend auf derselben Stelle,schwarz wie eine alte Zitadelle,hoch und hohl und ausgebrannt;von den Worten, die sich unbewachtwider ihren Willen in ihr mehrten,immerfort umschrieen und umflogen,während die schon wieder heimgekehrtendunkel unter ihren Augenbogensaßen, fertig für die Nacht.ABSALOMS ABFALLSie hoben sie mit Geblitz:der Sturm aus den Hörnern schwellteseidene, breitgewellteFahnen. Der herrlich Erhelltenahm im hoch offenen Zelte,das jauchzendes Volk umstellte,zehn Frauen in Besitz,die (gewohnt an des alternden Fürstensparsame Nacht und Tat)unter seinem Dürstenwogten wie Sommersaat.Dann trat er heraus zum Rate,wie vermindert um nichts,und jeder, der ihm nahte,erblindete seines Lichts.So zog er auch den Heerenvoran wie ein Stern dem Jahr;über allen Speerenwehte sein warmes Haar,das der Helm nicht faßteund das er manchmal haßte,weil es schwerer warals seine reichsten Kleider.Der König hatte geboten,daß man den Schönen schone.Doch man sah ihn ohneHelm an den bedrohtenOrten die ärgsten Knotenzu roten Stücken von Totenauseinanderhaun.Dann wußte lange keinervon ihm, bis plötzlich einerschrie: Er hängt dort hintenan den Terebinthenmit hochgezogenen Braun.Das war genug des Winks.Joab, wie ein Jäger,erspähte das Haar—: ein schrägergedrehter Ast: da hings.Er durchrannte den schlanken Kläger,und seine Waffenträgerdurchbohrten ihn rechts und links.ESTHERDie Dienerinnen kämmten sieben Tagedie Asche ihres Grams und ihrer PlageNeige und Niederschlag aus ihrem Haarund trugen es und sonnten es im Freienund speisten es mit reinen Spezereiennoch diesen Tag und den: dann aber wardie Zeit gekommen, da sie ungeboten,zu keiner Frist, wie eine von den Totenden drohend offenen Palast betrat,um gleich, gelegt auf ihre Kammerfrauen,am Ende ihres Wegesdenzu schauen,an dem man stirbt, wenn man ihm naht.Er glänzte so, daß sie die Kronrubineaufflammen fühlte, die sie an sich trug;sie füllte sich ganz rasch mit seiner Mienewie ein Gefäß und war schon voll genugund floß schon über von des Königs Macht,bevor sie noch den dritten Saal durchschritt,der sie mit seiner Wände Malachitgrün überlief. Sie hatte nicht gedacht,so langen Gang zu tun mit allen Steinen,die schwerer wurden von des Königs Scheinenund kalt von ihrer Angst. Sie ging und ging.Und als sie endlich fast von nahe ihn,aufruhend auf dem Thron von Turmalin,sich türmen sah, so wirklich wie ein Ding:empfing die rechte von den Dienerinnendie Schwindende und hielt sie zu dem Sitze.Er rührte sie mit seines Zepters Spitze;und sie begriff es ohne Sinne, innen.DER AUSSÄTZIGE KÖNIGDa trat auf seiner Stirn der Aussatz ausund stand auf einmal unter seiner Krone,als war er König über allen Graus,der in die andern fuhr, die fassungsohnehinstarrten nach dem furchtbaren Vollzugan jenem, welcher, schmal wie ein Verschnürter,erwartete, daß einer nach ihm schlug;doch noch war keiner Manns genug:als machte ihn nur immer unberührterdie neue Würde, die sich übertrug.LEGENDE VON DEN DREI LEBENDIGEN UND DEN DREI TOTENDrei Herren hatten mit Falken gebeiztund freuten sich auf das Gelag.Da nahm sie der Greis in Beschlagund führte. Die Reiter hielten gespreiztvor dem dreifachen Sarkophag,der ihnen dreimal entgegenstank,in den Mund, in die Nase, ins Sehn;und sie wußten es gleich: da lagen langdrei Tote mitten im Untergangund ließen sich gräßlich gehn.Und sie hatten nur noch ihr Jägergehörreinlich hinter dem Sturmbandlör;doch da zischte der Alte sein:—Sie gingen nicht durch das Nadelöhrund gehen niemals—hinein.Nun blieb ihnen noch ihr klares Getast,das stark war vom Jagen und heiß;doch das hatte ein Frost von hinten gefaßtund trieb ihm Eis in den Schweiß.DER KÖNIG VON MÜNSTERDer König war geschoren;nun ging ihm die Krone zu weitund bog ein wenig die Ohren,in die von Zeit zu Zeitgehässiges Gelärmeaus Hungermäulern fand.Er saß, von wegen der Wärme,auf seiner rechten Hand,mürrisch und schwergesäßig.Er fühlte sich nicht mehr echt:der Herr in ihm war mäßig,und der Beischlaf war schlecht.TOTENTANZSie brauchen kein Tanz-Orchester;sie hören in sich ein Geheule,als wären sie Eulennester.Ihr Ängsten näßt wie eine Beule,und der Vorgeruch ihrer Fäuleist noch ihr bester Geruch.Sie fassen den Tänzer fester,den rippenbetreßten Tänzer,den Galan, den echten Ergänzerzu einem ganzen Paar.Und er lockert der Ordensschwesterüber dem Haar das Tuch;sie tanzen ja unter Gleichen.Und er zieht der wachslichtbleichenleise die Lesezeichenaus ihrem Stunden-Buch.Bald wird ihnen allen zu heiß,sie sind zu reich gekleidet;beißender Schweiß verleidetihnen Stirne und Steißund Schauben und Hauben und Steine;sie wünschen, sie wären nacktwie ein Kind, ein Verrückter und Eine:die tanzen noch immer im Takt.DAS JÜNGSTE GERICHTSo erschrocken, wie sie nie erschraken,ohne Ordnung, oft durchlocht und locker,hocken sie in dem geborstnen Ockerihres Ackers, nicht von ihren Lakenabzubringen, die sie liebgewannen.Aber Engel kommen an, um Öleeinzuträufeln in die trocknen Pfannenund um jedem in die Achselhöhledas zu legen, was er in dem Lärmedamals seines Lebens nicht entweihte;denn dort hat es noch ein wenig Wärme,daß es nicht des Herren Hand erkälteoben, wenn er es aus jeder Seiteleise greift, zu fühlen, ob es gälte.DIE VERSUCHUNGNein, es half nicht, daß er sich die scharfenStacheln einhieb in das geile Fleisch;alle seine trächtigen Sinne warfenunter kreißendem GekreischFrühgeburten: schiefe, hingeschieltekriechende und fliegende Gesichte,Nichte, deren nur auf ihn erpichteBosheit sich verband und mit ihm spielte.Und schon hatten seine Sinne Enkel;denn das Pack war fruchtbar in der Nachtund in immer bunterem Gesprenkelhingehudelt und verhundertfacht.Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:seine Hände griffen lauter Henkel,und der Schatten schob sich auf wie Schenkelwarm und zu Umarmungen erwacht—.Und da schrie er nach dem Engel, schrie:und der Engel kam in seinem Scheinund war da: und jagte siewieder in den Heiligen hinein,daß er mit Geteufel und Getierin sich weiterringe wie seit Jahrenund sich Gott, den lange noch nicht klaren,innen aus dem Jäsen destillier.DER ALCHIMISTSeltsam verlächelnd schob der Laborantden Kolben fort, der halbberuhigt rauchte.Er wußte jetzt, was er noch brauchte,damit der sehr erlauchte Gegenstandda drin entstände. Zeiten brauchte er.Jahrtausende für sich und diese Birne,in der es brodelte; im Hirn Gestirneund im Bewußtsein mindestens das Meer.Das Ungeheuere, das er gewollt,er ließ es los in dieser Nacht. Es kehrtezurück zu Gott und in sein altes Maß;er aber, lallend wie ein Trunkenbold,lag über dem Geheimfach und begehrteden Brocken Gold, den er besaß.DER RELIQUIENSCHREINDraußen wartete auf alle Ringeund auf jedes KettengliedSchicksal, das nicht ohne sie geschieht.Drinnen waren sie nur Dinge, Dinge,die er schmiedete; denn vor dem Schmiedwar sogar die Krone, die er bog,nur ein Ding, ein zitterndes und eines,das er finster wie im Zorn erzogzu dem Tragen eines reinen Steines.Seine Augen wurden immer kältervon dem kalten täglichen Getränk;aber als der herrliche Behälter(goldgetrieben, köstlich, vielkarätig)fertig vor ihm stand, das Weihgeschenk,daß darin ein kleines Handgelenkfürder wohne, weiß und wundertätig:blieb er ohne Ende auf den Knien,hingeworfen, weinend, nicht mehr wagend,seine Seele niederschlagendvor dem ruhigen Rubin,der ihn zu gewahren schienund ihn, plötzlich um sein Dasein fragend,ansah wie aus Dynastien.DAS GOLDDenk es wäre nicht: es hätte müssenendlich in den Bergen sich gebärenund sich niederschlagen in den Flüssenaus dem Wollen, aus dem Gärenihres Willens; aus der Zwangidee,daß ein Erz ist über allen Erzen.Weithin warfen sie aus ihren Herzenimmer wieder Meroëan den Rand der Lande, in den Äther,über das Erfahrene hinaus;und die Söhne brachten manchmal späterdas Verheißene der Väter,abgehärtet und verhehrt, nach Haus,wo es anwuchs eine Zeit, um dannfortzugehn von den an ihm Geschwächten,die es niemals liebgewann.Nur (so sagt man) in den letzten Nächtensteht es auf und sieht sie an.DER STYLITVölker schlugen über ihm zusammen,die er küren durfte und verdammen;und erratend, daß er sich verlor,klomm er aus dem Volksgeruch mit klammenHänden einen Säulenschaft empor,der noch immer stieg und nichts mehr hob,und begann, allein auf seiner Fläche,ganz von vorne seine eigne Schwächezu vergleichen mit des Herren Lob;und da war kein Ende: er verglich;und der andre wurde immer größer.Und die Hirten, Ackerbauer, Flößersahn ihn klein und außer sichimmer mit dem ganzen Himmel reden,eingeregnet manchmal, manchmal licht;und sein Heulen stürzte sich auf jeden,so als heulte er ihm ins Gesicht.Doch er sah seit Jahren nicht,wie der Menge Drängen und Verlaufunten unaufhörlich sich ergänzte,und das Blanke an den Fürsten glänztelange nicht so hoch hinauf.Aber wenn er oben, fast verdammtund von ihrem Widerstand zerschunden,einsam mit verzweifeltem Geschreieschüttelte die täglichen Dämonen:fielen langsam auf die erste Reiheschwer und ungeschickt aus seinen Wundengroße Würmer in die offnen Kronenund vermehrten sich im Samt.DIE ÄGYPTISCHE MARIASeit sie damals, bettheiß, als die Hureübern Jordan floh und, wie ein Grabgebend, stark und unvermischt das pureHerz der Ewigkeit zu trinken gab,wuchs ihr frühes Hingegebenseinunaufhaltsam an zu solcher Größe,daß sie endlich, wie die ewige Blößealler, aus vergilbtem Elfenbeindalag in der dürren Haare Schelfe.Und ein Löwe kreiste; und ein Alterrief ihn winkend an, daß er ihm helfe:(und so gruben sie zu zwein.)Und der Alte neigte sie hinein.Und der Löwe, wie ein Wappenhalter,saß dabei und hielt den Stein.KREUZIGUNGLängst geübt, zum kahlen Galgenplatzeirgendein Gesindel hinzudrängen,ließen sich die schweren Knechte hängen,dann und wann nur eine große Fratzekehrend nach den abgetanen Drein.Aber oben war das schlechte Henkernrasch getan; und nach dem Fertigseinließen sich die freien Männer schlenkern.Bis der eine (fleckig wie ein Selcher)sagte: Hauptmann, dieser hat geschrien.Und der Hauptmann sah vom Pferde: Welcher?und es war ihm selbst, er hätte ihnden Elia rufen hören. Allewaren zuzuschauen voller Lust,und sie hielten, daß er nicht verfalle,gierig ihm die ganze Essiggallean sein schwindendes Gehust.Denn sie hofften noch ein ganzes Spielund vielleicht den kommenden Elia.Aber hinten ferne schrie Maria,und er selber brüllte und verfiel.DER AUFERSTANDENEEr vermochte niemals bis zuletztihr zu weigern oder abzuneinen,daß sie ihrer Liebe sich berühme;und sie sank ans Kreuz in dem Kostümeeines Schmerzes, welches ganz besetztwar mit ihrer Liebe größten Steinen.Aber da sie dann, um ihn zu salben,an das Grab kam, Tränen im Gesicht,war er auferstanden ihrethalben,daß er seliger ihr sage: Nicht—Sie begriff es erst in ihrer Höhle,wie er ihr, gestärkt durch seinen Tod,endlich das Erleichternde der Öleund des Rührens Vorgefühl verbot,um aus ihr die Liebende zu formen,die sich nicht mehr zum Geliebten neigt,weil sie, hingerissen von enormenStürmen, seine Stimme übersteigt.MAGNIFIKATSie kam den Hang herauf, schon schwer, fast ohnean Trost zu glauben, Hoffnung oder Rat;doch da die hohe tragende Matroneihr ernst und stolz entgegentratund alles wußte ohne ihr Vertrauen,da war sie plötzlich an ihr ausgeruht;vorsichtig hielten sich die vollen Frauen,bis daß die junge sprach: Mir ist zumut,als wär ich, Liebe, von nun an für immer.Gott schüttet in der Reichen Eitelkeitfast ohne hinzusehen ihren Schimmer;doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmerund füllt sie an mit seiner fernsten Zeit.Daß er mich fand. Bedenk nur; und Befehleum meinetwillen gab von Stern zu Stern—.Verherrliche und hebe, meine Seele,so hoch du kannst: den Herrn.ADAMStaunend steht er an der Kathedralesteilem Aufstieg, nah der Fensterrose,wie erschreckt von der Apotheose,welche wuchs und ihn mit einem Maleniederstellte über die und die.Und er ragt und freut sich seiner Dauerschlicht entschlossen; als der Ackerbauer,der begann und der nicht wußte, wieaus dem fertig-vollen Garten Edeneinen Ausweg in die neue Erdefinden. Gott war schwer zu überreden;und er drohte ihm, statt zu gewähren,immer wieder, daß er sterben werde.Doch der Mensch bestand: sie wird gebären.EVAEinfach steht sie an der Kathedralegroßem Aufstieg, nah der Fensterrose,mit dem Apfel in der Apfelpose,schuldlos-schuldig ein für alle Malean dem Wachsenden, das sie gebar,seit sie aus dem Kreis der Ewigkeitenliebend fortging, um sich durchzustreitendurch die Erde, wie ein junges Jahr.Ach, sie hätte gern in jenem Landnoch ein wenig weilen mögen, achtendauf der Tiere Eintracht und Verstand.Doch da sie den Mann entschlossen fand,ging sie mit ihm, nach dem Tode trachtend,und sie hatte Gott noch kaum gekannt.IRRE IM GARTENDIJONNoch schließt die aufgegebene Karthausesich um den Hof, als würde etwas heil.Auch die sie jetzt bewohnen, haben Pauseund nehmen nicht am Leben draußen teil.Was irgend kommen konnte, das verlief.Nun gehn sie gerne mit bekannten Wegenund trennen sich und kommen sich entgegen,als ob sie kreisten, willig, primitiv.Zwar manche pflegen dort die Frühlingsbeete,demütig, dürftig, hingekniet;aber sie haben, wenn es keiner sieht,eine verheimlichte, verdrehteGebärde für das zarte frühe Gras,ein prüfendes, verschüchtertes Liebkosen:denn das ist freundlich, und das Rot der Rosenwird vielleicht drohend sein und Übermaßund wird vielleicht schon wieder übersteigen,was ihre Seele wiederkennt und weiß.Dies aber läßt sich noch verschweigen:wie gut das Gras ist und wie leis.DIE IRRENUnd sie schweigen, weil die Scheidewändeweggenommen sind aus ihrem Sinn,und die Stunden, da man sie verstände,heben an und gehen hin.Nächtens oft, wenn sie ans Fenster treten:plötzlich ist es alles gut.Ihre Hände liegen im Konkreten,und das Herz ist hoch und könnte beten,und die Augen schauen ausgeruhtauf den unverhofften, oftentstelltenGarten im beruhigten Geviert,der im Widerschein der fremden Weltenweiterwächst und niemals sich verliert.AUS DEM LEBEN EINES HEILIGENEr kannte Ängste, deren Eingang schonwie Sterben war und nicht zu überstehen.Sein Herz erlernte, langsam durchzugehen;er zog es groß wie einen Sohn.Und namenlose Nöte kannte er,finster und ohne Morgen wie Verschläge;und seine Seele gab er folgsam her,da sie erwachsen war, auf daß sie lägebei ihrem Bräutigam und Herrn; und blieballein zurück an einem solchen Orte,wo das Alleinsein alles übertrieb,und wohnte weit und wollte niemals Worte.Aber dafür, nach Zeit und Zeit, erfuhrer auch das Glück, sich in die eignen Hände,damit er eine Zärtlichkeit empfände,zu legen wie die ganze Kreatur.DIE BETTLERDu wußtest nicht, was den Haufenausmacht. Ein Fremder fandBettler darin. Sie verkaufendas Hohle aus ihrer Hand.Sie zeigen dem Hergereistenihren Mund voll Mist,und er darf (er kann es sich leisten)sehn, wie ihr Aussatz frißt.Es zergeht in ihren zerrührtenAugen sein fremdes Gesicht;und sie freuen sich des Verführtenund speien, wenn er spricht.FREMDE FAMILIESo wie der Staub, der irgendwie beginntund nirgends ist, zu unerklärtem Zweckean einem leeren Morgen in der Ecke,in die man sieht, ganz rasch zu Grau gerinnt,so bildeten sie sich, wer weiß aus was,im letzten Augenblick vor deinen Schrittenund waren etwas Ungewisses mittenim nassen Niederschlag der Gasse, dasnach dir verlangte. Oder nicht nach dir.Denn eine Stimme, wie vom vorigen Jahr,sang dich zwar an und blieb doch ein Geweine;und eine Hand, die wie geliehen war,kam zwar hervor und nahm doch nicht die deine.Wer kommt denn noch? Wen meinen diese vier?LEICHEN WÄSCHESie hatten sich an ihn gewöhnt. Doch alsdie Küchenlampe kam und unruhig brannteim dunkeln Luftzug, war der Unbekannteganz unbekannt. Sie wuschen seinen Hals,und da sie nichts von seinem Schicksal wußten,so logen sie ein anderes zusamm,fortwährend waschend. Eine mußte hustenund ließ solang den schweren Essigschwammauf dem Gesicht. Da gab es eine Pauseauch für die zweite. Aus der harten Bürsteklopften die Tropfen; während seine grausegekrampfte Hand dem ganzen Hausebeweisen wollte, daß ihn nicht mehr dürste.Und er bewies. Sie nahmen wie betreteneiliger jetzt mit einem kurzen Husterdie Arbeit auf, so daß an den Tapetenihr krummer Schatten in dem stummen Mustersich wand und wälzte wie in einem Netze,bis daß die Waschenden zu Ende kamen.Die Nacht im vorhanglosen Fensterrahmenwar rücksichtslos. Und einer ohne Namenlag bar und reinlich da und gab Gesetze.EINE VON DEN ALTENPARISAbends manchmal (weißt du, wie das tut?)wenn sie plötzlich stehn und rückwärts nickenund ein Lächeln, wie aus lauter Flicken,zeigen unter ihrem halben Hut.Neben ihnen ist dann ein Gebäude,endlos, und sie locken dich entlangmit dem Rätsel ihrer Räude,mit dem Hut, dem Umhang und dem Gang.Mit der Hand, die hinten unterm Kragenheimlich wartet und verlangt nach dir:wie um deine Hände einzuschlagenin ein aufgehobenes Papier.DER BLINDEPARISSieh, er geht und unterbricht die Stadt,die nicht ist auf seiner dunkeln Stelle,wie ein dunkler Sprung durch eine helleTasse geht. Und wie auf einem Blattist auf ihm der Widerschein der Dingeaufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.Nur sein Fühlen rührt sich, so als fingees die Welt in kleinen Wellen ein:eine Stille, einen Widerstand—,und dann scheint er wartend wen zu wählen:hingegeben hebt er seine Hand,festlich fast, wie um sich zu vermählen.EINE WELKELeicht, wie nach ihrem Todeträgt sie die Handschuh, das Tuch.Ein Duft aus ihrer Kommodeverdrängte den lieben Geruch,an dem sie sich früher erkannte,Jetzt fragte sie lange nicht, wersie sei (:eine ferne Verwandte),und geht in Gedanken umherund sorgt für ein ängstliches Zimmer,das sie ordnet und schont,weil es vielleicht noch immerdasselbe Mädchen bewohnt.ABENDMAHLEwiges will zu uns. Wer hat die Wahlund trennt die großen und geringen Kräfte?Erkennst du durch das Dämmern der Geschäfteim klaren Hinterraum das Abendmahl:wie sie sich's halten und wie sie sich's reichenund in der Handlung schlicht und schwer beruhn.Aus ihren Händen heben sich die Zeichen;sie wissen nicht, daß sie sie tunund immer neu mit irgendwelchen Worteneinsetzen, was man trinkt und was man teilt.Denn da ist keiner, der nicht allerortenheimlich von hinnen geht, indem er weilt.Und sitzt nicht immer einer unter ihnen,der seine Eltern, die ihm ängstlich dienen,wegschenkt an ihre abgetane Zeit?(Sie zu verkaufen, ist ihm schon zu weit.)DIE BRANDSTÄTTEGemieden von dem Frühherbstmorgen, dermißtrauisch war, lag hinter den versengtenHauslinden, die das Heidehaus beengten,ein Neues, Leeres. Eine Stelle mehr,auf welcher Kinder, von Gott weiß woher,einander zuschrien und nach Fetzen haschten.Doch alle wurden stille, sooft er,der Sohn von hier, aus heißen, halbveraschtenGebälken Kessel und verbogne Trögemit einem langen Gabelaste zog,—um dann mit einem Blick, als ob er löge,die andern anzusehn, die er bewogzu glauben, was an dieser Stelle stand.Denn seit es nicht mehr war, schien es ihm soseltsam: phantastischer als Pharao.Und er war anders, wie aus fernem Land.DIE GRUPPEPARISAls pflückte einer rasch zu einem Strauß:ordnet der Zufall hastig die Gesichter,lockert sie auf und drückt sie wieder dichter,ergreift zwei ferne, läßt ein nahes aus,tauscht das mit dem, bläst irgendeines frisch,wirft einen Hund, wie Kraut, aus dem Gemischund zieht, was niedrig schaut, wie durch verworrneStiele und Blätter, an dem Kopf nach vorneund bindet es ganz klein am Rande ein;und streckt sich wieder, ändert und verstelltund hat nur eben Zeit, zum Augenscheinzurückzuspringen mitten auf die Matte,auf der im nächsten Augenblick der glatteGewichteschwinger seine Schwere schwellt.SCHLANGENBESCHWÖRUNGWenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwörerdie Kürbisflöte pfeift, die reizt und lullt,so kann es sein, daß er sich einen Hörerherüberlockt, der ganz aus dem Tumultder Buden eintritt in den Kreis der Pfeife,die will und will und will und die erreicht,daß das Reptil in seinem Korb sich steifeund die das steife schmeichlerisch erweicht,abwechselnd immer schwindelnder und blindermit dem, was schreckt und streckt, und dem, was löst—;und dann genügt ein Blick: so hat der Inderdir eine Fremde eingeflößt,in der du stirbst. Es ist, als überstürzeglühender Himmel dich. Es geht ein Sprungdurch dein Gesicht. Es legen sich Gewürzeauf deine nordische Erinnerung,die dir nichts hilft. Dich feien keine Kräfte,die Sonne gärt, das Fieber fällt und trifft;von böser Freude steilen sich die Schäfte,und in den Schlangen glänzt das Gift.SCHWARZE KATZEEin Gespenst ist noch wie eine Stelle,dran dein Blick mit einem Klange stößt;aber da an diesem schwarzen Fellewird dein stärkstes Schauen aufgelöst:wie ein Tobender, wenn er in vollsterRaserei ins Schwarze stampft,jählings am benehmenden Gepolstereiner Zelle aufhört und verdampft.Alle Blicke, die sie jemals trafen,scheint sie also an sich zu verhehlen,um darüber drohend und verdrossenzuzuschauern und damit zu schlafen.Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,ihr Gesicht und mitten in das deine:und da triffst du deinen Blick im geelenAmber ihrer runden Augensteineunerwartet wieder: eingeschlossenwie ein ausgestorbenes Insekt.VOR-OSTERNNEAPELMorgen wird in diesen tiefgekerbtenGassen, die sich durch getürmtes Wohnenunten dunkel nach dem Hafen drängen,hell das Gold der Prozessionen rollen;statt der Fetzen werden die ererbtenBettbezüge, welche wehen wollen,von den immer höheren Balkonen(wie in Fließendem gespiegelt) hängen.Aber heute hämmert an den Klopfernjeden Augenblick ein voll Bepackter,und sie schleppen immer neue Käufe;dennoch stehen strotzend noch die Stände.An der Ecke zeigt ein aufgehackterOchse seine frischen Innenwände,und in Fähnchen enden alle Läufe.Und ein Vorrat wie von tausend Opferndrängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke,zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmeraller Türen, und vor dem Gegähneder Melonen strecken sich die Brote.Voller Gier und Handlung ist das Tote;doch viel stiller sind die jungen Hähneund die abgehängten Ziegenböckeund am allerleisesten die Lämmer,die die Knaben um die Schultern nehmenund die willig von den Schritten nicken;während in der Mauer der verglastenspanischen Madonna die Agraffeund das Silber in den Diademenvon dem Lichter-Vorgefühl beglänzterschimmert. Aber drüber in dem Fensterzeigt sich blickverschwenderisch ein Affeund führt rasch in einer angemaßtenHaltung Gesten aus, die sich nicht schicken.DER BALKONNEAPELVon der Enge, oben, des Balkonesangeordnet wie von einem Malerund gebunden wie zu einem Straußalternder Gesichter und ovaler,klar im Abend, sehn sie idealer,rührender und wie für immer aus.Diese aneinander angelehntenSchwestern, die, als ob sie sich von weitohne Aussicht nacheinander sehnten,lehnen, Einsamkeit an Einsamkeit;und der Bruder mit dem feierlichenSchweigen, zugeschlossen, voll Geschick,doch von einem sanften Augenblickmit der Mutter unbemerkt verglichen;und dazwischen, abgelebt und länglich,längst mit keinem mehr verwandt,einer Greisin Maske, unzugänglich,wie im Fallen von der einen Handaufgehalten, während eine zweite,welkere, als ob sie weitergleite,unten vor den Kleidern hängt zur Seitevon dem Kinder-Angesicht,das das Letzte ist, versucht, verblichen,von den Stäben wieder durchgestrichenwie noch unbestimmbar, wie noch nicht.AUSWANDERER-SCHIFFNEAPELDenk, daß einer heiß und glühend flüchte,und die Sieger wären hinterher,und auf einmal machte derFlüchtende kurz, unerwartet, Kehrgegen Hunderte—: so sehrwarf sich das Erglühende der Früchteimmer wieder an das blaue Meer,als das langsame Orangenbootsie vorübertrug bis an das großegraue Schiff, zu dem, von Stoß zu Stoße,andre Boote Fische hoben, Brot,—während es voll Flohn in seinem SchößeKohlen aufnahm, offen wie der Tod.LANDSCHAFTWie zuletzt, in einem Augenblickaufgehäuft aus Hängen, Häusern, Stückenalter Himmel und zerbrochnen Brücken,und von drüben her, wie vom Geschick,von dem Sonnenuntergang getroffen,angeschuldigt, aufgerissen, offen—ginge dort die Ortschaft tragisch aus:fiele nicht auf einmal in das Wunde,drin zerfließend, aus der nächsten Stundejener Tropfen kühlen Blaus,der die Nacht schon in den Abend mischt,so daß das von ferne Angefachtesachte, wie erlöst, erlischt.Ruhig sind die Tore und die Bogen,durchsichtige Wolken wogenüber blassen Häuserreihn,die schon Dunkel in sich eingesogen;aber plötzlich ist vom Mond ein Scheindurchgeglitten, licht, als hätte einErzengel irgendwo sein Schwert gezogen.RÖMISCHE CAMPAGNAAus der vollgestellten Stadt, die lieberschliefe, träumend von den hohen Thermen,geht der grade Gräberweg ins Fieber;und die Fenster in den letzten Fermensehn ihm nach mit einem bösen Blick.Und er hat sie immer im Genick,wenn er hingeht, rechts und links zerstörend,bis er draußen atemlos beschwörendseine Leere zu den Himmeln hebt,hastig um sich schauend, ob ihn keineFenster treffen. Während er den weitenAquädukten zuwinkt herzuschreiten,geben ihm die Himmel für die seineihre Leere, die ihn überlebt.LIED VOM MEERCAPRI. PICCOLA MARINAUraltes Wehn vom Meer,Meerwind bei Nacht:du kommst zu keinem her;wenn einer wacht,so muß er sehn, wie erdich übersteht:uraltes Wehn vom Meer,welches wehtnur wie für Urgestein,lauter Raumreißend von weit herein.O wie fühlt dich eintreibender Feigenbaumoben im Mondschein.NÄCHTLICHE FAHRTSANKT PETERSBURGDamals als wir mit den glatten Trabern(schwarzen, aus dem Orloffschen Gestüt)—,während hinter hohen KandelabernStadtnachtfronten lagen, angefrühtstumm und keiner Stunde mehr gemäß—,fuhren, nein: vergingen oder flogenund um lastende Paläste bogenin das Wehn der Newa-Quais,hingerissen durch das wache Nachten,das nicht Himmel und nicht Erde hat,—als das Drängende von unbewachtenGärten gärend aus dem Ljetnij-Ssadaufstieg, während seine Steinfigurenschwindend mit ohnmächtigen Konturenhinter uns vergingen, wie wir fuhren—:damals hörte diese Stadtauf zu sein. Auf einmal gab sie zu,daß sie niemals war, um nichts als Ruhflehend; wie ein Irrer, dem das Wirrnplötzlich sich entwirrt, das ihn verriet,und der einen jahrelangen krankengar nicht zu verwandelnden Gedanken,den er nie mehr denken muß: Granit—aus dem leeren schwankenden Gehirnfallen fühlt, bis man ihn nicht mehr sieht.PAPAGEIENPARKPARISUnter türkischen Linden, die blühen, an Rasenrändern,in leise von ihrem Heimweh geschaukelten Ständernatmen die Ära und wissen von ihren Ländern,die sich, auch wenn sie nicht hinsehn, nicht verändern.Fremd im beschäftigten Grünen wie eine Parade,zieren sie sich und fühlen sich selber zu schade,und mit den kostbaren Schnäbeln aus Jaspis und Jadekauen sie Graues, verschleudern es, finden es fade.Unten klauben die duffen Tauben, was sie nicht mögen,während sich oben die höhnischen Vögel verbeugenzwischen den beiden fast leeren vergeudeten Trögen.Aber dann wiegen sie wieder und schläfern und äugen,spielen mit dunkelen Zungen, die gerne lögen,zerstreut an den Fußfesselringen. Warten auf Zeugen.DIE PARKEIUnaufhaltsam heben sich die Parkeaus dem sanft zerfallenden Vergehn;überhäuft mit Himmeln, überstarkeÜberlieferte, die überstehn,um sich auf den klaren Rasenplänenauszubreiten und zurückzuziehn,immer mit demselben souveränenAufwand, wie beschützt durch ihn,und den unerschöpflichen Erlösköniglicher Größe noch vermehrend,aus sich steigend, in sich wiederkehrend:huldvoll, prunkend, purpurn und pompös.IILeise von den Alleenergriffen, rechts und links,folgend dem Weitergehenirgendeines Winks,trittst du mit einem Malein das Beisammenseineiner schattigen Wasserschalemit vier Bänken aus Stein;in eine abgetrennteZeit, die allein vergeht.Auf feuchte Postamente,auf denen nichts mehr steht,hebst du einen tiefenerwartenden Atemzug;während das silberne Triefenvor dem dunkeln Bugdich schon zu den Seinenzählt und weiterspricht.Und du fühlst dich unter Steinen,die hören, und rührst dich nicht.IIIDen Teichen und den eingerahmten Weihernverheimlicht man noch immer das Verhörder Könige. Sie warten unter Schleiern,und jeden Augenblick kann Monseigneurvorüberkommen; und dann wollen siedes Königs Laune oder Trauer mildernund von den Marmorrändern wieder dieTeppiche mit alten Spiegelbildernhinunterhängen, wie um einen Platz:auf grünem Grund, mit Silber, Rosa, Grau,gewährtem Weiß und leicht gerührtem Blauund einem Könige und einer Frauund Blumen in dem wellenden Besatz.IVUnd Natur, erlaucht und als verletzesie nur unentschloßnes Ungefähr,nahm von diesen Königen Gesetze,selber selig, um den Tapis-vertihrer Bäume Traum und Übertreibungaufzutürmen aus gebauschtem Grünund die Abende nach der Beschreibungvon Verliebten in die Avenüneinzumalen mit dem weichen Pinsel,der ein firnisklares aufgelöstesLächeln glänzend zu enthalten schien:der Natur ein liebes, nicht ihr größtes,aber eines, das sie selbst verliehn,um auf rosenvoller Liebes-Inseles zu einem größern aufzuziehn.VGötter von Alleen und Altanen,niemals ganzgeglaubte Götter, diealtern in den gradbesehnittnen Bahnen,höchstens angelächelte Dianen,wenn die königliche Veneriewie ein Wind die hohen Morgen teilendaufbrach, übereilt und übereilend—;höchstens angelächelte, doch nieangeflehte Götter. ElegantePseudonyme, unter denen mansich verbarg und blühte oder brannte,—leichtgeneigte, lächelnd angewandteGötter, die noch manchmal dann und wanndas gewähren, was sie einst gewährten,wenn das Blühen der entzückten Gärtenihnen ihre kalte Haltung nimmt;wenn sie ganz von ersten Schatten bebenund Versprechen um Versprechen geben,alle unbegrenzt und unbestimmt.VIFühlst du, wie keiner von allenWegen steht und stockt;von gelassenen Treppen fallen,durch ein Nichts von Neigungleise weitergelockt,über alle Terrassendie Wege, zwischen den Massenverlangsamt und gelenkt,bis zu den weiten Teichen,wo sie (wie einem Gleichen)der reiche Park verschenktan den reichen Raum: den Einen,der mit Scheinen und Widerscheinenseinen Besitz durchdringt,aus dem er von allen SeitenWeiten mit sich bringt,wenn er aus schließenden Weihernzu wolkigen Abendfeiernsich in die Himmel schwingt.VIIAber Schalen sind, drin der NajadenSpiegelbilder, die sie nicht mehr baden,wie ertrunken liegen, sehr verzerrt;die Alleen sind durch Balustradenin der Ferne wie versperrt.Immer geht ein feuchter Blätterfalldurch die Luft hinunter wie auf Stufen,jeder Vogelruf ist wie verrufen,wie vergiftet jede Nachtigall.Selbst der Frühling ist da nicht mehr gebend,diese Büsche glauben nicht an ihn;ungern duftet trübe, überlebendabgestandener Jasminalt und mit Zerfallendem vermischt.Mit dir weiter rückt ein Bündel Mücken,so als würde hinter deinem Rückenalles gleich vernichtet und verwischt.BILDNISDaß von dem verzichtenden Gesichtekeiner ihrer großen Schmerzen fiele,trägt sie langsam durch die Trauerspieleihrer Züge schönen welken Strauß,wild gebunden und schon beinah lose;manchmal fällt, wie eine Tuberose,ein verlornes Lächeln müd heraus.Und sie geht gelassen drüber hin,müde, mit den schönen blinden Händen,welche wissen, daß sie es nicht fänden,und sie sagt Erdichtetes, darinSchicksal schwankt, gewolltes, irgendeines,und sie gibt ihm ihrer Seele Sinn,daß es ausbricht wie ein Ungemeines:wie das Schreien eines Steines—und sie läßt mit hochgehobnem Kinnalle diese Worte wieder fallen,ohne bleibend; denn nicht eins von allenist der wehen Wirklichkeit gemäß,ihrem einzigen Eigentum,das sie wie ein fußloses Gefäßhalten muß, hoch über ihren Ruhmund den Gang der Abende hinaus.VENEZIANISCHER MORGENRICHARD BEER-HOFMANN ZUGEEIGNETFürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,was manchesmal uns zu bemühn geruht:die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmervon Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,sich bildet, ohne irgendwann zu sein.Ein jeder Morgen muß ihr die Opaleerst zeigen, die sie gestern trug, und Reihnvon Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale,und sie erinnern an die andern Male:dann gibt sie sich erst zu und fällt sich einwie eine Nymphe, die den Zeus empfing.Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre;sie aber hebt San Giorgio Maggioreund lächelt lässig in das schöne Ding.SPÄTHERBST IN VENEDIGNun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder,der alle aufgetauchten Tage fängt.Die gläsernen Paläste klingen spröderan deinen Blick. Und aus den Gärten hängtder Sommer wie ein Haufen Marionettenkopfüber, müde, umgebracht.Aber vom Grund aus alten Waldskelettensteigt Willen auf: als sollte über Nachtder General des Meeres die Galeerenverdoppeln in dem wachen Arsenal,um schon die nächste Morgenluft zu teerenmit einer Flotte, welche ruderschlagendsich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend,den großen Wind hat, strahlend und fatal.SAN MARCOVENEDIGIn diesem Innern, das wie ausgehöhltsich wölbt und wendet in die goldnen Smalten,rundkantig, glatt, mit Köstlichkeit geölt,ward dieses Staates Dunkelheit gehaltenund heimlich aufgehäuft, als Gleichgewichtdes Lichtes, das in allen seinen Dingensich so vermehrte, daß sie fast vergingen.Und plötzlich zweifelst du: vergehn sie nicht?und drängst zurück die harte Galerie,die wie ein Gang im Bergwerk nah am Glanzder Wölbung hängt; und du erkennst die heileHelle des Ausblicks: aber irgendwiewehmütig messend ihre müde Weileam nahen Überstehn des Viergespanns.EIN DOGEFremde Gesandte sahen, wie sie geiztenmit ihm und allem, was er tat;während sie ihn zu seiner Größe reizten,umstellten sie das goldene Dogatmit Spähern und Beschränkern immer mehr,bange, daß nicht die Macht sie überfällt,die sie in ihm (so wie man Löwen hält)vorsichtig nährten. Aber er,im Schutze seiner halbverhängten Sinne,ward dessen nicht gewahr und hielt nicht inne,größer zu werden. Was die Signoriein seinem Innern zu bezwingen glaubte,bezwang er selbst. In seinem greisen Hauptewar es besiegt. Sein Antlitz zeigte wie.DIE LAUTEIch bin die Laute. Willst du meinen Leibbeschreiben, seine schön gewölbten Streifen:sprich so, als sprächest du von einer reifengewölbten Feige. Übertreibdas Dunkel, das du in mir siehst. Es warTullias Dunkelheit. In ihrer Schamwar nicht so viel, und ihr erhelltes Haarwar wie ein heller Saal. Zuweilen nahmsie etwas Klang von meiner Oberflächein ihr Gesicht und sang zu mir.Dann spannte ich mich gegen ihre Schwäche,und endlich war mein Inneres in ihr.DER ABENTEURERIWenn er unter jene, welche waren,trat: der Plötzliche, der schien,war ein Glanz wie von Gefahrenin dem ausgesparten Raum um ihn,den er lächelnd überschritt, um einerHerzogin den Fächer aufzuheben:diesen warmen Fächer, den er ebenwollte fallen sehen. Und wenn keinermit ihm eintrat in die Fensternische(wo die Parke gleich ins Träumerischestiegen, wenn er nur nach ihnen wies),ging er lässig an die Kartentischeund gewann. Und unterließnicht, die Blicke alle zu behalten,die ihn zweifelnd oder zärtlich trafen,und auch die in Spiegel fielen, galten.Er beschloß, auch heute nicht zu schlafen,wie die letzte lange Nacht, und bogeinen Blick mit seinem rücksichtslosen,welcher war: als hätte er von RosenKinder, die man irgendwo erzog.IIIn den Tagen—(nein, es waren keine),da die Flut sein unterstes Verliesihm bestritt, als war es nicht das seine,und ihn, steigend, an die Steineder daran gewöhnten Wölbung stieß,fiel ihm plötzlich einer von den Namenwieder ein, die er vor Zeiten trug.Und er wußte wieder: Leben kamen,wenn er lockte; wie im Flugkamen sie: noch warme Leben Toter,die er, ungeduldiger, bedrohter,weiterlebte mitten drin;oder die nicht ausgelebten Leben,und er wußte sie hinaufzuheben,und sie hatten wieder Sinn.Oft war keine Stelle an ihm sicher,und er zitterte: Ich bin ——doch im nächsten Augenblicke glich erdem Geliebten einer Königin.Immer wieder war ein Sein zu haben:die Geschicke angefangner Knaben,die, als hätte man sie nicht gewagt,abgebrochen waren, abgesagt,nahm er auf und riß sie in sich hin;denn er mußte einmal nur die Gruftsolcher Aufgegebener durchschreiten,und die Düfte ihrer Möglichkeitenlagen wieder in der Luft.FALKEN-BEIZEKaiser sein heißt unverwandelt vielesüberstehen bei geheimer Tat:wenn der Kanzler nachts den Turm betrat,fand er ihn, des hohen Federspieleskühnen fürstlichen Traktatin den eingeneigten Schreiber sagen;denn er hatte im entlegnen Saaleselber nächtelang und viele Maledas noch ungewohnte Tier getragen,wenn es fremd war, neu und aufgebräut.Und er hatte dann sich nie gescheut,Pläne, welche in ihm aufgesprungenoder zärtlicher Erinnerungentieftiefinneres Geläutzu verachten, um des bangen jungenFalken willen, dessen Blut und Sorgenzu begreifen er sich nicht erließ.Dafür war er auch wie mitgehoben,wenn der Vogel, den die Herren loben,glänzend von der Hand geworfen, obenin dem mitgefühlten Frühlingsmorgenwie ein Engel auf den Reiher stieß.CORRIDAIN MEMORIAM MONTEZ, 1830Seit er, klein beinah, aus dem Torilausbrach, aufgescheuchten Augs und Ohrs,und den Eigensinn des Picadorsund die Bänderhaken wie im Spielhinnahm, ist die stürmische Gestaltangewachsen—sieh: zu welcher Masse,aufgehäuft aus altem schwarzen Hasse,und das Haupt zu einer Faust geballt,nicht mehr spielend gegen irgendwen,nein: die blutigen Nackenhaken hissendhinter den gefällten Hörnern, wissendund von Ewigkeit her gegen den,der in Gold und mauver Rosaseideplötzlich umkehrt und, wie einen SchwärmBienen und als ob er's eben leide,den Bestürzten unter seinem Armdurchläßt,—während seine Blicke heißsich noch einmal heben, leichtgelenkt,und als schlüge draußen jener Kreissich aus ihrem Glanz und Dunkel niederund aus jedem Schlagen seiner Lider,ehe er gleichmütig, ungehässig,an sich selbst gelehnt, gelassen, lässigin die wiederhergerollte großeWoge über dem verlornen Stoßeseinen Degen beinah sanft versenkt.DON JUANS KINDHEITIn seiner Schlankheit war, schon fast entscheidend,der Bogen, der an Frauen nicht zerbricht;und manchmal, seine Stirne nicht mehr meidend,ging eine Neigung durch sein Angesichtzu einer, die vorüberkam, zu einer,die ihm ein fremdes altes Bild verschloß:er lächelte. Er war nicht mehr der Weiner,der sich ins Dunkel trug und sich vergoß.Und während ein ganz neues Selbstvertrauenihn öfter tröstete und fast verzog,ertrug er ernst den ganzen Blick der Frauen,der ihn bewunderte und ihn bewog.DON JUANS AUSWAHLUnd der Engel trat ihn an: Bereitedich mir ganz. Und da ist mein Gebot.Denn daß einer jene überschreite,die die Süßesten an ihrer Seitebitter machen, tut mir not.Zwar auch du kannst wenig besser lieben,(unterbrich mich nicht: du irrst),doch du glühest, und es steht geschrieben,daß du viele führen wirstzu der Einsamkeit, die diesentiefen Eingang hat. Laß eindie, die ich dir zugewiesen,daß sie wachsend Heloïsenüberstehn und Überschrein.SANKT GEORGUnd sie hatte ihn die ganze Nachtangerufen, hingekniet, die schwachewache Jungfrau: Siehe, dieser Drache,und ich weiß es nicht, warum er wacht.Und da brach er aus dem Morgengraunauf dem Falben, strahlend Helm und Haubert,und er sah sie, traurig und verzaubertaus dem Knieen aufwärtsschaunzu dem Glänze, der er war.Und er sprengte glänzend längs der Länderabwärts mit erhobnem Doppelhänderin die offene Gefahr,viel zu furchtbar, aber doch erfleht.Und sie kniete knieender, die Händefester faltend, daß er sie bestände;denn sie wußte nicht, daß der besteht,den ihr Herz, ihr reines und bereites,aus dem Licht des göttlichen Geleitesniederreißt. Zu Seiten seines Streitesstand, wie Türme stehen, ihr Gebet.DAME AUF EINEM BALKONPlötzlich tritt sie, in den Wind gehüllt,licht in Lichtes, wie herausgegriffen,während jetzt die Stube wie geschliffenhinter ihr die Türe fülltdunkel wie der Grund einer Kamee,die ein Schimmern durchläßt durch die Ränder;und du meinst, der Abend war nicht, ehesie heraustrat, um auf das Geländernoch ein wenig von sich fortzulegen,noch die Hände,—um ganz leicht zu sein:wie dem Himmel von den Häuserreihnhingereicht, von allem zu bewegen.BEGEGNUNG IN DER KASTANIEN-ALLEEIhm ward des Eingangs grüne Dunkelheitkühl wie ein Seidenmantel umgegeben,den er noch nahm und ordnete: als ebenam andern transparenten Ende, weit,aus grüner Sonne, wie aus grünen Scheiben,weiß eine einzelne Gestaltaufleuchtete, um lange fern zu bleibenund schließlich, von dem Lichterniedertreibenbei jedem Schritte überwallt,ein helles Wechseln auf sich herzutragen,das scheu im Blond nach hinten lief.Aber auf einmal war der Schatten tief,und nahe Augen lagen aufgeschlagenin einem neuen deutlichen Gesicht,das wie in einem Bildnis verweiltein dem Moment, da man sich wieder teilte:erst war es immer, und dann war es nicht.DIE SCHWESTERNSieh, wie sie dieselben Möglichkeitenanders an sich tragen und verstehn,so als sähe man verschiedne Zeitendurch zwei gleiche Zimmer gehn.Jede meint die andere zu stützen,während sie doch müde an ihr ruht;und sie können nicht einander nützen,denn sie legen Blut auf Blut,wenn sie sich wie früher sanft berührenund versuchen, die Allee entlangsich geführt zu fühlen und zu führen:ach, sie haben nicht denselben Gang.ÜBUNG AM KLAVIERDer Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;sie atmete verwirrt ihr frisches Kleidund legte in die triftige Etüdedie Ungeduld nach einer Wirklichkeit,die kommen konnte morgen, heute abend,die vielleicht da war, die man nur verbarg;und vor den Fenstern, hoch und alles habend,empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränktedie Hände, wünschte sich ein langes Buchund schob auf einmal den Jasmingerucherzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.DIE LIEBENDEDas ist mein Fenster. Ebenbin ich so sanft erwacht.Ich dachte, ich würde schweben.Bis wohin reicht mein Leben,und wo beginnt die Nacht?Ich könnte meinen, alleswäre noch ich ringsum;durchsichtig wie eines KristallesTiefe, verdunkelt, stumm.Ich könnte auch noch die Sternefassen in mir; so großscheint mir mein Herz; so gerneließ es ihn wieder los,den ich vielleicht zu lieben,vielleicht zu halten begann.Fremd wie niebeschriebensieht mich mein Schicksal an.Was bin ich unter dieseUnendlichkeit gelegt,duftend wie eine Wiese,hin und her bewegt,rufend zugleich und bange,daß einer den Ruf vernimmt,und zum Untergangein einem andern bestimmt.DAS ROSENINNEREWo ist zu diesem Innenein Außen? Auf welches Wehlegt man solches Linnen?Welche Himmel spiegeln sich drinnenin dem Binnenseedieser offenen Rosen,dieser sorglosen, sieh:wie sie lose im Losenliegen, als könnte nieeine zitternde Hand sie verschütten.Sie können sich selber kaumhalten; viele ließensich überfüllen und fließenüber von Innenraumin die Tage, die immervoller und voller sich schließen,bis der ganze Sommer ein Zimmerwird, ein Zimmer in einem Traum.DAMEN-BILDNIS AUS DEN ACHTZIGER JAHRENWartend stand sie an den schwergerafftendunklen Atlasdraperien,die ein Aufwand falscher Leidenschaftenüber ihr zu ballen schien;seit den noch so nahen Mädchenjahrenwie mit einer anderen vertauscht:müde unter den getürmten Haaren,in den Rüschen-Roben unerfahrenund von allen Falten wie belauschtbei dem Heimweh und dem schwachen Planen,wie das Leben weiter werden soll:anders, wirklicher, wie in Romanen,hingerissen und verhängnisvoll,—daß man etwas erst in die Schatullenlegen dürfte, um sich im Geruchvon Erinnerungen einzulullen;daß man endlich in dem Tagebucheinen Anfang fände, der nicht schonunterm Schreiben sinnlos wird und Lüge,und ein Blatt von einer Rose trügein dem schweren leeren Medaillon,welches liegt auf jedem Atemzug.Daß man einmal durch das Fenster winktediese schlanke Hand, die neuberingte,hätte dran für Monate genug.DAME VOR DEM SPIEGELWie in einem Schlaftrunk Spezerein,löst sie leise in dem flüssigklarenSpiegel ihr ermüdetes Gebaren;und sie tut ihr Lächeln ganz hinein.Und sie wartet, daß die Flüssigkeitdavon steigt; dann gießt sie ihre Haarein den Spiegel und, die wunderbareSchulter hebend aus dem Abendkleid,trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt,was ein Liebender im Taumel tränke,prüfend, voller Mißtraun; und sie winkterst der Zofe, wenn sie auf dem Grundeihres Spiegels Lichter findet, Schränkeund das Trübe einer späten Stunde.DIE GREISINWeiße Freundinnen mitten im Heutelachen und horchen und planen für morgenabseits erwägen gelassene Leutelangsam ihre besonderen Sorgen,das Warum und das Wann und das Wie,und man hört sie sagen: Ich glaube—;aber in ihrer Spitzenhaubeist sie sicher, als wüßte sie,daß sie sich irren, diese und alle.Und das Kinn, im Niederfalle,lehnt sich an die weiße Koralle,die den Schal zur Stirne stimmt.Einmal aber, bei einem Gelache,holt sie aus springenden Lidern zwei wacheBlicke und zeigt diese harte Sache,wie man aus einem geheimen Facheschöne ererbte Steine nimmt.DAS BETTLaß sie meinen, daß sich in privaterWehmut löst, was einer dort bestritt.Nirgend sonst als da ist ein Theater;reiß den hohen Vorhang fort—; da trittvor den Chor der Nächte, der begannein unendlich breites Lied zu sagen,jene Stunde auf, bei der sie lagen,und zerreißt ihr Kleid und klagt sich an,um der andern, um der Stunde willen,die sich wehrt und wälzt im Hintergrunde;denn sie konnte sie mit sich nicht stillen.Aber da sie zu der fremden Stundesich gebeugt: da war auf ihr,was sie am Geliebten einst gefunden,nur so drohend und so groß verbundenund entzogen wie in einem Tier.DER FREMDEOhne Sorgfalt, was die Nächsten dächten,die er müde nicht mehr fragen hieß,ging er wieder fort; verlor, verließ—.Denn er hing an solchen Reisenächtenanders als an jeder Liebesnacht.Wunderbare hatte er durchwacht,die mit starken Sternen überzogenenge Fernen auseinanderbogenund sich wandelten wie eine Schlacht;andre, die mit in den Mond gestreutenDörfern, wie mit hingehaltnen Beuten,sich ergaben, oder durch geschonteParke graue Edelsitze zeigten,die er gerne in dem hingeneigtenHaupte einen Augenblick bewohnte,tiefer wissend, daß man nirgends bleibt;und schon sah er bei dem nächsten Biegenwieder Wege, Brücken, Länder liegenbis an Städte, die man übertreibt.Und dies alles immer unbegehrendhinzulassen, schien ihm mehr als seinesLebens Lust, Besitz und Ruhm.Doch auf fremden Plätzen war ihm einestäglich ausgetretnen BrunnensteinesMulde manchmal wie ein Eigentum.DIE ANFAHRTWar in des Wagens Wendung dieser Schwung?War er im Blick, mit dem man die barockenEngelfiguren, die bei blauen Glockenim Felde standen voll Erinnerung,annahm und hielt und wieder ließ, bevorder Schloßpark schließend um die Fahrt sich drängte,an die er streifte, die er überhängteund plötzlich freigab: denn da war das Tor,das nun, als hätte es sie angerufen,die lange Front zu einer Schwenkung zwang,nach der sie stand. Aufglänzend ging ein Gleitendie Glastür abwärts; und ein Windhund drangaus ihrem Aufgehn, seine nahen Seitenheruntertragend von den flachen Stufen.DIE SONNENUHRSelten reicht ein Schauer feuchter Fäuleaus dem Gartenschatten, wo einanderTropfen fallen hören und ein Wander-vogel lautet, zu der Säule,die in Majoran und Koriandersteht und Sommerstunden zeigt;nur sobald die Dame (der ein Dienernachfolgt) in dem hellen Florentinerüber ihren Rand sich neigt,wird sie schattig und verschweigt—.Oder wenn ein sommerlicher Regenaufkommt aus dem wogenden Bewegenhoher Kronen, hat sie eine Pause;denn sie weiß die Zeit nicht auszudrücken,die dann in den Frucht- und Blumenstückenplötzlich glüht im weißen Gartenhause.SCHLAFMOHNAbseits im Garten blüht der böse Schlaf,in welchem die, die heimlich eingedrungen,die Liebe fanden junger Spiegelungen,die willig waren, offen und konkav,und Träume, die mit aufgeregten Maskenauftraten, riesiger durch die Kothurne—:das alles stockt in diesen oben flaskenweichlichen Stengeln, die die Samenurne(nachdem sie lang, die Knospe abwärts tragendzu welken meinten) festverschlossen heben:gefranste Kelche auseinanderschlagend,die fieberhaft das Mohngefäß umgeben.DIE FLAMINGOSPARIS, JARDIN DES PLANTESIn Spiegelbildern wie von Fragonardist doch von ihrem Weiß und ihrer Rötenicht mehr gegeben, als dir einer böte,wenn er von seiner Freundin sagt: sie warnoch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüneund stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,beisammen, blühend, wie in einem Beet,verführen sie verführender als Phrynesich selber; bis sie ihres Auges Bleichehinhalsend bergen in der eignen Weiche,in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;sie aber haben sich erstaunt gestrecktund schreiten einzeln ins Imaginäre.PERSISCHES HELIOTROPEs könnte sein, daß dir der Rose Lobzu laut erscheint für deine Freundin: nimmdas schön gestickte Kraut und überstimmmit dringend flüsterndem Heliotropden ßülbül, der an ihren Lieblingsplätzensie schreiend preist und sie nicht kennt.Denn sieh: wie süße Worte nachts in Sätzenbeisammenstehn ganz dicht, durch nichts getrennt,aus der Vokale wachem Violetthindüftend durch das stille Himmelbett—:so schließen sich vor dem gesteppten Laubedeutliche Sterne zu der seidnen Traubeund mischen, daß sie fast davon verschwimmt,die Stille mit Vanille und mit Zimt.SCHLAFLIEDEinmal, wenn ich dich verlier,wirst du schlafen können, ohnedaß ich wie eine Lindenkronemich verflüstre über dir?Ohne daß ich hier wache undWorte, beinah wie Augenlider,auf deine Brüste, auf deine Gliederniederlege, auf deinen Mund?Ohne daß ich dich verschließund dich allein mit Deinem lasse,wie einen Garten mit einer Massevon Melissen und Sternanis?DER PAVILLONAber selbst noch durch die Flügeltürenmit dem grünen, regentrüben Glasist ein Spiegeln lächelnder Allürenund ein Glanz von jenem Glück zu spüren,das sich dort, wohin sie nicht mehr führen,einst verbarg, verklärte und vergaß.Aber selbst noch in den Steingirlandenüber der nicht mehr berührten Türist ein Hang zur Heimlichkeit vorhandenund ein stilles Mitgefühl dafür,und sie schauern manchmal wie gespiegelt,wenn ein Wind sie schattig überlief;auch das Wappen, wie auf einem Briefviel zu glücklich, überstürzt gesiegelt,redet noch. Wie wenig man verscheuchte:alles weiß noch, weint noch, tut noch weh.Und im Fortgehn durch die tränenfeuchte,abgelegene Alleefühlt man lang noch auf dem Rand des Dachsjene Urnen stehen, kalt, zerspalten,doch entschlossen, noch zusammzuhaltenum die Asche alter Achs.DIE ENTFÜHRUNGOft war sie als Kind ihren Dienerinnenentwichen, um die Nacht und den Wind(weil sie drinnen so anders sind)draußen zu sehn an ihrem Beginnen;doch keine Sturmnacht hatte gewißden riesigen Park so in Stücke gerissen,wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,da er sie nahm von der seidenen Leiterund sie weitertrug, weiter, weiter:bis der Wagen alles war.Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,um den verhalten das Jagen standund die Gefahr.Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.Sie kroch in ihren Mantelkragenund befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,und hörte fremd einen Fremden sagen:Ichbinbeidir.ROSA HORTENSIEWer nahm das Rosa an? Wer wußte auch,daß es sich sammelte in diesen Dolden?Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.Daß sie für solches Rosa nichts verlangen,bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?Oder vielleicht auch geben sie es preis,damit es nie erführe vom Verblühn.Doch unter diesem Rosa hat ein Grüngehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.DAS WAPPENWie ein Spiegel, der, von ferne tragend,lautlos in sich aufnahm, ist der Schild;offen einstens, dann zusammenschlagendüber einem Spiegelbildjener Wesen, die in des GeschlechtsWeiten wohnen, nicht mehr zu bestreiten,seiner Dinge, seiner Wirklichkeiten(rechte links und linke rechts),die er eingesteht und sagt und zeigt.Drauf, mit Ruhm und Dunkel ausgeschlagen,ruht der Spangenhelm, verkürzt,den das Flügelkleinod übersteigt,während seine Decke wie mit Klagenreich und aufgeregt herniederstürzt.DER JUNGGESELLELampe auf den verlassenen Papieren,und ringsum Nacht bis weit hinein ins Holzder Schränke. Und er konnte sich verlierenan sein Geschlecht, das nun mit ihm zerschmolz;ihm schien, je mehr er las, er hätte ihren,sie aber hatten alle seinen Stolz.Hochmütig steiften sich die leeren Stühledie Wand entlang, und lauter Selbstgefühlemachten sich schläfernd in den Möbeln breit;von oben goß sich Nacht auf die Pendüle,und zitternd rann aus ihrer goldnen Mühle,ganz fein gemahlen, seine Zeit.Er nahm sie nicht. Um fiebernd unter jenen,als zöge er die Laken ihrer Leiber,andre Zeiten wegzuzerrn.Bis er ins Flüstern kam; (was war ihm fern?)Er lobte einen dieser Briefeschreiber,als sei der Brief an ihn: wie du mich kennst;und klopfte lustig auf die Seitenlehnen.Der Spiegel aber, innen unbegrenzter,ließ leise einen Vorhang aus, ein Fenster—:denn dorten stand, fast fertig, das Gespenst.DER EINSAMENein: ein Turm soll sein aus meinem Herzenund ich selbst an seinen Rand gestellt:wo sonst nichts mehr ist, noch einmal Schmerzenund Unsäglichkeit, noch einmal Welt.Noch ein Ding allein im Übergroßen,welches dunkel wird und wieder licht,noch ein letztes, sehnendes Gesichtin das Nie-zu-Stillende verstoßen,noch ein äußerstes Gesicht aus Stein,willig seinen inneren Gewichten,das die Weiten, die es still vernichten,zwingen, immer seliger zu sein.DER LESERWer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesichtwegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,das nur das schnelle Wenden voller Seitenmanchmal gewaltsam unterbricht?Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,ob er es ist, der da mit seinem SchattenGetränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, biser mühsam aufsah: alles auf sich hebend,was unten in dem Buche sich verhielt,mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebendanstießen an die fertig-volle Welt:wie stille Kinder, die allein gespielt,auf einmal das Vorhandene erfahren;doch seine Züge, die geordnet waren,blieben für immer umgestellt.DER APFELGARTENBORGEBY-GARDKomm gleich nach dem Sonnenuntergänge,sieh das Abendgrün des Rasengrunds;ist es nicht, als hätten wir es langeangesammelt und erspart in uns,um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun,noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,in Gedanken vor uns hinzustreununter Bäume wie von Dürer, diedas Gewicht von hundert Arbeitstagenin den überfüllten Früchten tragen,dienend, voll Geduld, versuchend, wiedas, was alle Maße übersteigt,noch zu heben ist und hinzugeben,wenn man willig, durch ein langes Lebennur das Eine will und wächst und schweigt?DIE BERUFUNGDa aber als in sein Versteck der Hohe,sofort Erkennbare: der Engel, trataufrecht, der lautere und lichterlohe,da tat er allen Anspruch ab und bat,bleiben zu dürfen, der von seinen Reiseninnen verwirrte Kaufmann, der er war;er hatte nie gelesen und nun garein solches Wort, zu viel für einen Weisen.Der Engel aber, herrisch, wies und wiesihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte,und gab nicht nach und wollte wieder: lies.Da las er: so, daß sich der Engel bog,und war schon einer, der gelesenhatteund konnte und gehorchte und vollzog.DER BERGSechsunddreißigmal und hundertmalhat der Maler jenen Berg geschrieben,weggerissen, wieder hingetrieben(sechsunddreißigmal und hundertmal)zu dem unbegreiflichen Vulkane,selig, voll Versuchung, ohne Rat,—während der mit Umriß Angetaneseiner Herrlichkeit nicht Einhalt tat:tausendmal aus allen Tagen tauchend,Nächte ohnegleichen von sich abfallen lassend, alle wie zu knapp;jedes Bild im Augenblick verbrauchend,von Gestalt gesteigert zu Gestalt,teilnahmslos und weit und ohne Meinung—,um auf einmal wissend, wie Erscheinung,sich zu heben hinter jedem Spalt.DER BALLDu Runder, der das Warme aus zwei Händenim Fliegen oben fortgibt, sorglos wiesein Eigenes; was in den Gegenständennicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,zu wenig Ding und doch noch Ding genug,um nicht aus allem draußen Aufgereihtenunsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:das glitt in dich, du zwischen Fall und Flugnoch Unentschlossener, der, wenn er steigt,als hätte er ihn mit hinaufgehoben,den Wurf entführt und freiläßt—, und sich neigtund einhält und den Spielenden von obenauf einmal eine neue Stelle zeigt,sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,um dann, erwartet und erwünscht von allen,rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,dem Becher hoher Hände zuzufallen.DAS KINDUnwillkürlich sehn sie seinem Spiellange zu; zuweilen tritt das rundeseiende Gesicht aus dem Profil,klar und ganz wie eine volle Stunde,welche anhebt und zu Ende schlägt.Doch die andern zählen nicht die Schläge,trüb von Mühsal und vom Leben träge;und sie merken gar nicht, wie es trägt—;wie es alles trägt, auch dann, noch immer,wenn es müde in dem kleinen Kleidneben ihnen wie im Wartezimmersitzt und warten will auf seine Zeit.DER HUNDDa oben wird das Bild von einer Weltaus Blicken immerfort erneut und gilt.Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stelltsich neben ihn, wenn er durch dieses Bildsich drängt, ganz unten, anders, wie er ist;nicht ausgestoßen und nicht eingereihtund wie im Zweifel seine Wirklichkeitweggebend an das Bild, das er vergißt,um dennoch immer wieder sein Gesichthineinzuhalten, fast mit einem Flehen,beinah begreifend, nah am Einverstehenund doch verzichtend: denn er wäre nicht.DER KÄFERSTEINSind nicht Sterne fast in deiner Nähe,und was gibt es, das du nicht umspannst,da du dieser harten SkarabäeKarneolkern gar nicht fassen kannstohne jenen Raum, der ihre Schilderniederhält, auf deinem ganzen Blutmitzutragen; niemals war er milder,näher, hingegebener. Er ruhtseit Jahrtausenden auf diesen Käfern,wo ihn keiner braucht und unterbricht;und die Käfer schließen sich und schläfernunter seinem wiegenden Gewicht.BUDDHA IN DER GLORIEMitte aller Mitten, Kern der Kerne,Mandel, die sich einschließt und versüßt,—dieses alles bis an alle Sterneist dein Fruchtfleisch: Sei gegrüßt.Sieh, du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt;im Unendlichen ist deine Schale,und dort steht der starke Saft und drängt.Und von außen hilft ihm ein Gestrahle,denn ganz oben werden deine Sonnenvoll und glühend umgedreht.Doch in dir ist schon begonnen,was die Sonnen übersteht.INHALTArchaischer Torso ApollosKretische ArtemisLedaDelphineDie Insel der SirenenKlage um AntinousDer Tod der GeliebtenKlage um JonathanTröstung des EliaSaul unter den ProphetenSamuels Erscheinung vor SaulEin ProphetJeremiasEine SibylleAbsaloms AbfallEstherDer aussätzige KönigLegende von den drei Lebendigen und den drei TotenDer König von MünsterTotentanzDas Jüngste GerichtDie VersuchungDer AlchimistDer ReliquienschreinDas GoldDer StylitDie ägyptische MariaKreuzigungDer AuferstandeneMagnifikatAdamEvaIrre im Garten(Dijon)Die IrrenAus dem Leben eines HeiligenDie BettlerFremde FamilieLeichenwäscheEine von den Alten(Paris)Der Blinde(Paris)Eine WelkeAbendmahlDie BrandstätteDie Gruppe(Paris)SchlangenbeschwörungSchwarze KatzeVor-Ostern(Neapel)Der Balkon(Neapel)Auswanderer-Schiff(Neapel)LandschaftRömische CampagnaLied vom Meer(Capri, Piccola Marina)Nächtliche Fahrt(Sankt Petersburg)Papageienpark(Paris)Die ParkeI-VIIBildnisVenezianischer MorgenSpätherbst in VenedigSan Marco(Venedig)Ein DogeDie LauteDer AbenteurerI, IIFalkenbeizeCorrida(In memoriam Montez, 1830)Don Juans KindheitDon Juans AuswahlSankt GeorgDame auf einem BalkonBegegnung in der Kastanien-AlleeDie SchwesternÜbung am KlavierDie LiebendeDas RoseninnereDamen-Bildnis aus den achtziger JahrenDame vor dem SpiegelDie GreisinDas BettDer FremdeDie AnfahrtDie SonnenuhrSchlafmohnDie Flamingos(Paris, Jardin des Plantes)Persisches HeliotropSchlafliedDer PavillonDie EntführungRosa HortensieDas WappenDer JunggeselleDer EinsameDer LeserDer Apfelgarten(Borgeby-Gard)Die BerufungDer BergDer BallDas KindDer HundDer KäfersteinBuddha in der Glorie


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