Chapter 33

„Unter des Reifriesen Arm,Rühmt die Sage,Wuchsen Mann und Magd;Des Joten Fuß mit dem Fuß erzeugteDen sechshäuptigen Sohn.“

„Unter des Reifriesen Arm,Rühmt die Sage,Wuchsen Mann und Magd;Des Joten Fuß mit dem Fuß erzeugteDen sechshäuptigen Sohn.“

Ungeheure und ungefüge Naturgewalten herrschten in der Urzeit der Welt.

Zugleich mit Ymir war aus dem schmelzenden Eise eine große Kuh entstanden,Audhumla(die Milchreiche). Aus ihren Eutern rannen vier Milchströme, Nahrung spendend dem schrecklichen Ymir und den Hrimthursen. (Er ist dieallnährende Natur.) Sie fand nicht andere Weide als an dem Salze der Eisfelsen, die sie leckte. Darauf erschienen von ihrem Lecken am ersten Tage Haupthaar, am zweiten das Haupt, am dritten das ganze Menschengebild. Es war Buri oder Bör (der Geborene), die erstegeschaffene, geistige, vollkommene Gestalt, welche sich nun mit der rohen Naturkraft vermählt und den Geist ordnend und regierend hervortreten läßt. Er erzeugt nämlich mit der HrimthursentochterBestladrei Söhne: Odin (Geist, beseelende Lebenskraft), Wile (Verstand und Willen), We (Empfindung und Gefühl).

Sofort entbrennt zwischen diesen Söhnen des Bör und dem Ymir ein Kampf; Ymir wird erschlagen und in seinem Blute ertrinken alle anderen Hrimthursen, bis auf einen,Bergelmir, dersich mit seiner Familie (wie Noah) auf einem Boote rettet und Stammvater der Jötunen wird, eines Riesengeschlechts, das im fernen Osten haust.

Die neuen Alleinherrscher, Börs Söhne, die sichAsennannten, d. h. Stützen und Pfeiler der Welt, schufen nun nachAllvaters Willen, aus Ymirs Fleische die Erde, aus dem Blute die See, aus den Gebeinen die Berge, aus dem krausen Haare die Bäume. Die Hirnschale wölbten sie hoch empor zum Himmelsgewölbe, unter dem als Gehirn das Gewölke schwimmt. Dann bauten die Asen aus des Riesen Brauen Midgard (das Reich der Mitte) zur Wohnung den Menschenkindern, die noch ungeboren im Schoße der Zeit schliefen, wie es im Grimnismal der älteren Edda heißt.

Denn noch herrschte die Allmutter Nacht, eines Riesen Tochter und dunkel wie das Riesengeschlecht. Flammende Funken von Muspelheim sprühten irr und wirr durcheinander; denn die Sonne wußte nicht ihren Sitz, noch der Mond seinen Malweg, noch die Sterne ihre Stätte. Die Asen wandelten die Lichtfunken in Sterne und festigten sie am Himmelsbogen, die dunkle Nacht aber hob Allvater zum Himmel empor und gab ihr das Roß Hrimfaxi (Reifmähne), von dessen Gebiß reichlich Tau in die Thäler rinnt, damit es ihren dunklen Wagen ziehe, wenn sie über das Weltall fahrend den duldenden Wesen Schlummer bringt. Ihrem dritten Gatten Dallinger (Dämmerung), der von Asen stammte, gebar sie den glänzenden Tag.

Zu dieser Zeit wuchsen auf in der Halle des Vaters, der Mundilföri (Achsenschwinger) zwei liebliche Kinder, Sol (Sonne) und Mani (Mond). Als sie zur Jugendblüte heranreiften wunderte sich alle Welt über ihre Schönheit, und der Vater in seinem Stolze verglich sie mit den seligen Göttern. Aber die Asen, dem Übermute zürnend, nahmen die blühenden Geschwister von der Erde weg, damit sie am Himmel in schönerem Glanze leuchten möchten. Also fährt Sol im Sonnenwagen, den die Asen von Muspels sprühenden Funken erbauten. Zwei edle Hengste, Armaker (Frühwach) und Alswider (Allgeschwind), ziehen ihren feurigen Wagen, dessen Gluten der Schild Swalin (Kühlung) dämpft, damit nicht vor der Zeit Himmel und Erde in Flammen vergehen, denn

„Berge und Brandung verbrannten gewißVor der glühenden Gottheit der Sonne,Fiel er davor herunter.“(Grimnismal der Edda.)

„Berge und Brandung verbrannten gewißVor der glühenden Gottheit der Sonne,Fiel er davor herunter.“(Grimnismal der Edda.)

So folgt die schöne Sol dem lichten Tage, wenn er, Liebesworte mit ihr tauschend, durch die Wogen des Himmels eilt. Skinfaxi (Lichtmähne), das edle Roß, zieht des Gebieters goldenen Wagen in raschem Fluge dahin und seine Mähne erleuchtet Luft und Erde.

Der dunklen Nacht folgt Mani mit dem Mondwagen. Als er nun einstmals über ein ödes Waldland hinfuhr, sah er zwei Kinder, Bil (die Schwindende, der abnehmende Mond) und Hyuki (der Belebte, der zunehmende Mond). Sie trugen schwere Wassereimer und schienen ganz erschöpft. Doch schleppten sie die Last mühsam fort, weil ihr harter Vater sie noch in später Nacht zur Arbeit zwang. Mitleidig umfing sie Mani mit seinen Strahlen und nahm sie zu sich in seinen himmlischen Wagen, wo man sie noch von der Erde aus sehen kann.

Sol und Mani dürfen in ihrem Fluge nicht weilen; denn der grimmige Wolf Sköll verfolgt sie durch die Himmelsräume, bis sie sich am Abend in die Fluten des Meeres birgt, und der entsetzliche Hati jagt dem Meere nach. Wenn die Wölfe der ersehnten Beute nahe kommen, so erblassen die leuchtenden Himmelsbewohner und verlieren ihren Schein, das nennen unkundige Menschen Sonnen- oder Mondfinsternis. Den schrecklichen Hati gebar und mästet mit andern Wölfen seiner Art ein Riesenweib, das weit östlich in Jarwider sitzt und Göttern und Menschen ein Grauen ist. Von ihrer Brut ist Managarm (Mondhund) der furchtbarste, der einst am Ende der Tage den Mond würgt und die Säle der Himmlischen mit Blut bespritzt, wie es in der dunklen Orakelsprache der Völnspa heißt:

„Östlich saß die Alte im EibengebüschUnd füttert dort Fenrirs Geschlecht,Von ihnen allen wird eins das schlimmste:Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.Ihn mästet das Mark gefällter Männer,Der Seligen Saal besudelt das Blut.Der Sonne Schein dunkelt im kommenden Sommer,Alle Wetter wüten: wißt ihr, was das bedeutet?“

„Östlich saß die Alte im EibengebüschUnd füttert dort Fenrirs Geschlecht,Von ihnen allen wird eins das schlimmste:Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.

Ihn mästet das Mark gefällter Männer,Der Seligen Saal besudelt das Blut.Der Sonne Schein dunkelt im kommenden Sommer,Alle Wetter wüten: wißt ihr, was das bedeutet?“

Linde Lüfte bringt säuselnd Swasuder (Sanft-Süd) holdselig von Angesicht; sein Sohn ist der blumenbekränzte Sommer. Doch folgt ihm bald der grimmige Riese Windswaler, mit dem Winter, seinem Erzeugten. Die ziehen fort und fort nacheinander durch alle Zeiten, bis die Götter vergehen. Auch sitzt am Ende des Himmels der ungeheure Riese Hräswelger (Leichenschwelger) im Adlerkleid und schlägt die Schwingen, davon der Sturmwind über die Völker der Erde tost.

„Hräswelg' nennt sich, der an Himmels Ende sitztIm Adlerkleid ein Jötun.Mit seinen Fittichen facht er den Wind,Über alle Völker.“(Edda, Vasthrudnismal.)

„Hräswelg' nennt sich, der an Himmels Ende sitztIm Adlerkleid ein Jötun.Mit seinen Fittichen facht er den Wind,Über alle Völker.“(Edda, Vasthrudnismal.)

Wir sehen, daß die Sonne früher auch bei den Germanen als männliches Wesen personifiziert wurde; indeß erscheint an Stelle Sols schon frühzeitig die weiblicheSunna.

Allvater, fährt die Sage fort, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward. Da erstand, unberührt von der Faust dieser Gewalt, die Esche Yggdrasil, der Baum der Welten, der Zeiten und des Lebens. Ihre Zweige breitet sie aus bis in den Himmel, ihr Wipfel überschattet Walhalla, die Halle der seligen Helden. Drei mächtige Wurzeln nähren und tragen den Stamm; die eine reicht gen Niflheim; unter ihr herrscht über das Reich der Schatten die bleiche finstere Hel, und da sprudelt der urweltliche BrunnenHwergelmir, in dessen Tiefen die Geheimnisse der vorweltlichen Dinge verborgen ruhen, die weder Menschen noch Götter noch Riesen zu ergründen vermögen. Die andere Wurzel zieht genJötenheim, wo Mimirs Born quillt, in dem die Kunde von der Urwelt, von der Entstehung, dem Werden der Dinge sich birgt. Da sitztMimir(Erinnerung), der weise Jote, und trinkt alle Tage von der Flut, die er mit Walhallas Pfande schöpft. Denn er selbst, Odin, der sinnende Ase, kam einstmals zu dem Wächter des Brunnens, einen Trunk begehrend, und Mimir verlangte und erhielt dafür ein Auge des nach urweltlicher Weisheit spähenden Gottes zum Pfand. Die dritte Wurzel breitet sich genMidgardaus, der Stätte der sterblichen Menschen.

Daselbst quillt und wallt das Wasser desUrd-Borns, der die Geheimnisse des Entstehens und Vergehens derirdischenDinge umschließt. Wenn die Völker und ihre Herrscher die Tiefen ergründen und den plaudernden Fluten lauschen wollten, würden sie mit verjüngter Kraft zu neuen Thaten schreiten. Auch ziehen in dem Brunnen zwei silberne Schwäne ihre Kreise; die sind still und stumm, wie die Vergangenheit, die nicht gehört, wie die Zukunft, die nicht beachtet wird.

Dem Urd-Born entstiegen, sitzen am Ufer ernst und schweigend die drei Nornen:Urd(Vergangenheit),Werdandi(Gegenwart) undSkuld(Zukunft). „Sie spinnen und weben der Neugeborenen Fäden, härene und seidene und etliche von Gold, einen aber gen Norden, der unzerreißbar, unentrinnbar des Lebens Leid bedeutet und den Niedergang zur Hel.“

Der Mythus vom Weltbaum ist unverkennbar uralten arischen Ursprungs. Er erinnert an Platons Weltachse,Republik X. 619. Vgl.S. 582oben. Offenbar haben wir hier den indischen Lingam, dessen sinnbildliche Darstellung sich noch in der berühmten Irminsäule, dem Heiligtum der Sachsen, das Karl der Große zerstörte, wiederfindet.

„Der Todesgöttin sind die Schicksalsschwestern verwandt. In grauer Urzeit geboren, wurden sie von Joten aufgepflegt, bis sie ans Licht des Tages traten und nun, am Urd-Born sitzend, den Wechsel der Zeit verkündigen. Sie begießen den Lebensbaum mit dem heiligen Wasser der Quelle, daß er nicht der Fäulnis erliege; aber sie wissen und verkündigen es auch, wie alles Leben dem Untergang sich zuneigt, dem auch die seligen Götter nicht entrinnen können.“ – „An den Blättern der Weltesche zehrt der Hirsch Eikthyrner, gleichwie das umrollende Jahr an der Dauer der Welt und der endlosen Zeit; vier andere Hirsche, Dain und Dwalin, Dumaier und Durnthor, nähren sich von den Knospen und Sprossen, wie die Jahreszeiten Stunden und Tage verzehren und sie doch nicht mindern. Von Helheim herab aber bäumt sich der DracheNidhöggrund unzähliges Gewürm, die Wurzel benagend.“

„Können wir nichts thun, um den Lebensbaum zu schützen?“ fragten einst Odin die anderen Asen.

„Gegen den großen Hirsch und die übrigen genügt die Arbeit der Nornen“, antwortete Jener, „denn was die Schwäche der Weltlenker und das beständige Schwinden der erschaffenen Wesen dem Werke des Geistes schadet, das wird durch das Walten der Weltgeschichte ersetzt. Aber das Grundübel ist unheilbar; dem Werke klebt der vergängliche Stoff an. Zwar nureineWurzel des Baumes steht in Niflheim, allein, wenn es Nidhöggr erst gelungen ist, diese zu untergraben, so werden andere, geistige Feinde den Stamm leicht zum Wanken bringen. Gegen sie, welche bald hereinbrechen werden, habe ich einen treuen Wächter auf die Spitze des Baumes gestellt. Ihr seht dort meinen Adler horsten und zwischen seinen Augen sitzt ein Falke. So schaut er ohne Unterlaß mit doppelter Sehkraft aus. Damit er nie einschlummere, läuft jenes Eichhörnchen beständig am Stamme auf und ab.“

Sonderbarer Weise findet man auch im deutschen Aberglauben eine hohe Bedeutung des Tannenwipfels und eine Beziehung des Eichbaumes auf denselben. In dem „sympathetischen Mischmasch“ (1715, S. 82) und in den 138 Geheimnissen (Frankfurt und Leipzig 1726) heißt es, der höchste Tannenzapfen am Baum mache schußfrei und, wenn ein Eichhörnchen davon es esse, könne es auf keine Weise getroffen werden. Daher trage man auch solche Zapfen im Kriege bei sich, um schußfest zu werden. (W. Menzel, vorchristl. Unsterblichkeitslehre S. 71.)

„Nidhöggr“, fährt Odin fort, „läßt dem Wächter keine Ruhe: denn der Lindwurm ist grimmig, daß durch die Wachsamkeit des Adlers seinem dereinstigen Verbündeten und dadurch auch ihm das Werk erschwert wird. Wilde Lästerungen stößt er deswegen unaufhörlich gegen die Asen aus; das Eichhörnchen hinterbringt sie dem Adler, der ihm kräftige Drohungen zurückschickt. DerZornüber die frevle Zerstörungswut hält das Auge des Geistes wach gegen die nahende Versuchung; dieser Zorn wird aber nur unterhalten, wenn schnelle Gedanken beständig zwischen Himmel und Erde hin und her eilen und Himmlisches und Irdisches gegen einander halten. Was der Adler nicht erschaut, das werden mirmeine beiden Raben künden. Sie heißenHugin, d. h. der Gedanke undMimir, d. h. Erinnerung. Täglich sollen sieumdie Welt fliegen und mir alles melden, was vorgeht. Gegen unsere zukünftigen Feinde bin ich gerüstet; bisher beherrschte Liebe die Welt; von nun an muß Furcht hinzukommen.Yggr, d. h. Schrecken, wird bald mein Name sein, und der Baum, der mich getragen, heiße Baum des Schreckens: Yggr drasil.“

Die Edda (Wöluspa) schildert uns 12 Weltteile oder Himmelsfesten, die vermutlich den 12 Sternbildern des Tierkreises entsprechen. 1)Midgard, die Erde, ist schon genannt. Auf und über der Erde ist 2)Wanaheim, der Wohnplatz eines jüngeren Göttergeschlechts, in denen sich die Natur der Asen vermischte mit der Natur der Jötunen. Wahn war ihr Wesen, d. h. unbewußtes Schauen und Sinnen. Man erklärt sie vielfach für die Götter des Gemüts, der sinnlichen Triebe, einzelne halten sie auch für die Götter der Wasserwelt, unter deren Herrschaft das Meer und die Flüsse standen. Unter der Erde ist 3)Schwarzelfenheim, der Aufenthalt der von Loki geschaffenen Zwerge. Durch dieses gelangt man zum Totenreich, 4)Helheim, welches von 5)Niflheimbegrenzt wird. Südwärts liegt das erwähnte 6)Muspelheim, wo Surtur mit dem Flammenschwert herrscht und Muspels Söhne wohnen. Über Midgard im sonnenhellen Raum liegt 7)Lichtelfenheim, der Aufenthalt der Lichtelfen, Zwerge, die sich von den Erdzwergen durch ihre lichte Hautfarbe unterscheiden und die Gefilde Asgards schmücken und für die Asen arbeiten, wie die Erdzwerge für Widar und Hödur. Über diesem aber wölbt sich 8)Asgard, die Burg der Asen, von Gold und glänzendem Gestein erglänzend und in ewigem Frühling grünend. Dieses trennt ein breiter Strom von 9)Jötunheim, dem Aufenthalt der zauberkundigen Joten. Daneben werden noch genannt 10)Glidskialf, der Hochsitz Odins, 11)Gladsheim(Glanzheim), der Hof Odins, der auch Walhall umschließt, und 12)Himmelsburg, wo Heimdal wohnt, der Wächter der Götter.

Der höchste der Asen, der Göttervater, der nächst dem ungeschaffenen Allvater die von ihm geschaffene Welt während ihrer ganzen Dauer regiert, istOdin, von Wolfgang Menzel treffend als eine Personifikation der Zeit und zugleich des absoluten freien Willens charakterisiert, ein Gott, der an sich weder gut noch böse, doch im Verlaufe der Zeitlichkeit mancherlei Unrecht verübt und schließlich nicht ohne Schuld den Untergang dieser Welt herbeiführen muß. Odin ist der deutscheWodan, der Himmelsgott, gewöhnlicheinäugiggedacht; denn der Himmel hat nureinAuge, die Sonne; ein breiter Hut beschattet seine Stirn, die Wolke, sein Mantel ist blau mit goldenen Sternen bestickt.

Die Römer (Cäsar und Tacitus) identifizierten ihn mit Merkur; denn sie berichten, Merkur sei der höchste Gott der Germanen. Dies wird nur erklärlich, wenn man bedenkt, daß bei den Römern Merkur als Totenführer gilt. EinFührer der Seelenwar aber auch Odin-Wodan; denn die Seele dachte man sich als ein luftartiges Wesen. Nach dem Tode führt Odin sie in sein luftiges Reich. – In dieser Eigenschaft als Luftgeist und Führer abgeschiedener Seelen hat Wodan sich am längsten in der deutschen Volkssage erhalten. Es ist der im Sturm jagende Wode, der wilde Jäger, der in lokalen Sagen noch jetzt als Hackelbaraud, Rodensteiner erscheint und das Gespensterheer über die Wälder dahin führt.

Während aber in den späteren vom Christentum beeinflußten Sagen die Seelenführung Odins einen unheimlichen Charakter angenommen hat, war sie im Heidentum vor allem eine Führung der heldenhaften Seelen. Odin ist der große Heerführer. „Gieb uns den Sieg, Heervater“, flehten betend und opfernd die Fürsten der Vandalen zu Wodan.

In Odins Himmelsburg war ja auch Walhalla, eine ungeheuere große Totenhalle, in die alle Könige, Helden und zur Waffenehre berechtigten freien Männer nach ihrem Tode aufgenommen wurden, als die sog. Einherier (Genossen des Heeres, Waffenbrüder). Sie werden an der Tafel, an der Odin allein Wein trinkt, sie aber Bier, von den schönen Walkyren (Totenwählerinnen, Wunschmädchen) bedient, ziehen dann auch abwechselnd hinaus auf die Ebene Ida, um männliche Spiele zu treiben undmiteinander zu kämpfen, weil ihnen schon im Leben Kampf immer das liebste gewesen. – Außer der Walhalla gab es nach der Edda noch andere Himmel, einen der Frauen, der Jungfrauen und einen sehr großen für das gemeine Volk. Nach Walhall gelangten nur Helden und diese auch nur, wenn sie im Kampfe gefallen waren oder sich auf dem Sterbebette wenigstens noch mit einer Lanze verwundet hatten.

Derselbe Odin, der Führer der Helden, ist nur bezeichnend für die germanische Schätzung der Dichtkunst – „es soll der Dichter mit dem König (Helden) gehen“, – noch derGott der Dichtkunst, und wieder bezeichnend für das Volk der Dichter undDenker, der Gott der Weisheit. Eigentümlich ist die Erzählung der Edda vomDichtertrank, in dessen Besitz Odin sich mit Unrecht und Arglist zu setzen wußte. Die Asen und Vanen, d. h. vielleicht die sittlichen und physischen Mächte, hatten sich zu Anfang bekämpft. Es wurde aber zuletzt Frieden geschlossen, und dies geschah, indem beide Teile in ein Gefäß spuckten. Dieses Friedenszeichen schufen die Asen nachher in einen Mann um, namens Quasir, der so weise war, daß er auf alle Fragen, die man an ihn richtete, Antwort zu geben wußte. Quasir fuhr nun weit im Lande umher, die Menschen zu unterrichten und überall rühmte man seine Weisheit und seinen Verstand, so daß sein Ruhm sich weithin verbreitete. Einstmals kam er zu zwei Zwergen, namens Fialar und Galar; diese waren neidisch auf seinen Ruhm, und töteten ihn deshalb. Sein Blut ließen sie in zwei Fässer rinnen, die Son und Boden hießen, und in einem Kessel, den sie Odrärer nannten. In dieses Blut mischten sie Honig, und daraus entstand ein herrlicher Met, welcher die Eigenschaft hatte, daß er die, welche davon tranken, zu Dichtern und weisen Männern machte.

Dieser Zaubertrank kam schließlich in den Besitz des Riesen Suttang, der ihn in einem Felsen, namens Huitberg verbarg. Er selbst kostete nicht einmal davon, denn er war zu geizig dazu. Seine Tochter, die schöne Gunlödi, stellte er als Wächterin bei dem Met und verbot ihr streng, davon etwas zu genießen. Davon hat die Dichtkunst auch die Namen: Quasirs Blut, Zwergtrank, Odreers oder Bodens oder Sons Naß, Huitbergs Met oder Naß.

Odin hatte von diesem wunderbaren Getränk gehört, und obschon er selbst die Gabe der Dichtkunst und die Weisheit in einem hohen Grade besaß, wollte er doch von diesem Met kosten, um noch weiser zu werden.

Er machte sich daher auf den Weg nach dem Riesenlande, und zwar ohne alle Begleitung, und kam an einen Ort, an dem neun Riesen das Heu abmäheten. Obgleich der mächtigste Gott, getrauete er sich doch nicht, die neun Riesen zu bekämpfen, und suchte daher durch List ihrer Herr zu werden.

Er fragte sie nämlich, ob er ihnen mit seinem kostbaren Wetzsteine die Sensen wetzen solle, und die Riesen willigten ein. Odin nahm darauf einen Wetzstein aus der Tasche, und machte die Sensen darauf so scharf, daß die Riesen darüber sehr erfreut waren; aber nun wollten sie auch den Wetzstein haben. Odin sagte, wer ihn kaufen wolle, solle geben, was billig sei. Jeder sagte darauf, daß er ihn kaufen wolle, und sie gerieten darüber in Streit. Da warf Odin den Stein in die Luft, und nun griffen alle darnach, und sie kamen derart ins Handgemenge, daß sie sich mit ihrem Eisen töteten.

Odin setzte nun seinen Weg fort und kam des Abends zu einem Riesen, namens Bangi, einem Bruder Suttangs; er hatte hier wieder eine andere Gestalt angenommen und nannte sich Bölwerk.

Bangi, der den Götterfürsten nicht erkannte, nahm ihn sehr gut auf, und erzählte ihm, auf welche Weise er neun seiner Knechte verloren habe, und wie er nun nicht wisse, woher er Arbeiter nehmen solle. Da erbot sich Bölwerk, bei ihm zu bleiben während des ganzen Sommers, und ebensoviel zu arbeiten, als die neun Knechte gearbeitet hatten; doch sollte ihm Bangi zum Lohne dafür am Ende des Sommers einen Trunk aus Suttangs Met verschaffen. Bangi antwortete, daß er nicht Herr über den Met sei, versprach ihm jedoch, mit ihm zu seinem Bruder zu gehen und diesen darum zu bitten, denn einen so tüchtigen Arbeiter wollte er nicht so leicht wieder ziehen lassen.

Während des Sommers arbeitete Bölwerk für neun; als aber der Winter herankam, verlangte er seinen Lohn. Beide begaben sich nun zu Suttang; Bangi erzählte seinem Bruder, was Bölwerkfür ihn gethan und was er ihm versprochen hatte, und bat ihn nun um einen Trunk von dem Dichtermet, aber Suttang schlug die Bitte geradezu ab, und sagte, daß niemand von seinem Met kosten solle.

Darauf sagte dann Bölwerk zu Bangi, daß sie es nun durch List versuchen müßten, um den Met zu bekommen, und Bangi war damit zufrieden.

Beide machten sich nun auf den Weg zu dem Felsen, in welchem der Dichtertrank eingeschlossen war. Als sie dort angekommen waren, zog Bölwerk einen Bohrer hervor, der Rati genannt war, und gebot Bangi, mit diesem scharfen Bohrer den Felsen zu durchbohren. Bangi that es, und nach einiger Zeit sagte er, der Fels sei nun durchbohrt. Aber Bölwerk blies in das gebohrte Loch, und da ihm die Spähne ins Gesicht flogen, merkte er, daß ihn Bangi betrügen wolle. Er verlangte daher, daß Bangi den Felsen vollständig durchbohren solle, und er mußte es thun. Als Bölwerk nun wieder hineinblies, flogen die Spähne ins Innere des Felsens. Schnell verwandelte sich nun Bölwerk in eine Schlange, und kroch durch das Loch. Bangi stieß ihm den Bohrer nach, aber ohne ihn zu treffen.

Als Bölwerk nun in dem Felsen angekommen war, nahm er eine Gestalt an, in welcher er der Gunlödi so außerordentlich gefiel, daß sie ihm nichts verweigern konnte. Während dreier Tage und dreier Nächte blieb er in dem Felsen. Beim ersten Trank leerte er den Kessel Odrärer, beim zweiten das Faß Boden und beim dritten das Faß Son. Hierauf verwandelte er sich in einen Adler, flog eiligst davon, und ließ die betrogene Gunlödi in Verzweiflung zurück.

Unterdeß hatte Suttang Kunde erhalten von dem, was geschehen war. Schnell verwandelte er sich ebenfalls in einen Adler, und flog ihm nach. Die Asen sahen Odin schon in weiter Ferne; sie bemerkten aber auch, daß Suttang ihn verfolgte, und daß Odin durch den in reichlichem Maße genossenen Met schwerfällig geworden. Sie setzten deshalb schnell Gefäße in den Hof, in welche Odin, als er den Asgard erreichte, den Met ausspie. So gelangte Odin zu dem Dichtermet. Odin gab davon den Asen und allen guten Dichtern. Dies ist der Ursprung von dem, was wir Dichtkunst, Odins Fang oder Fund, oder der Asen Gabe und Trank nennen.

So weit die Erzählung in der jüngeren Edda. In der Havamal wird dieselbe Mythe wenn auch nicht so vollständig erzählt, aber weit schöner ausgeschmückt:

„Sobald es tagte,Gingen die RiesenIn die erhabeneHalle hinein,Und jeder fragteUnd forschte den Bölwerk,Ob die Mäher mit ihmGekommen seien.Lange hielt ich,Was ich versprach,Und vollendet die ArbeitSo gut als einer,Daß nichts gebrach.Darauf sucht er SuttangZu überlistenBeim fröhlichen Mahl,Allein er mußte nochGunlödens Thränen kosten.Gunlöde reichteIm goldenen KellerMir einen TrunkDes kostbaren Mets dar,Aber mit SchmerzenVergalt ich ihnIhrem heiligen HerzenIhrem züchtigen Sinn.Über Flüsse mußt' ich schwimmen,Über Felsen mußt' ich gehen;Oben und untenHab' ich der RiesenWege gefunden,Und setzte da meinenKopf auf's Spiel.Nun hab' ich zum DankDen teuren Trank.Ihn werden die WeisenEin Kleinod heißen.Aus ihm entsprangLied und GesangIm Himmel und auf Erden.Niemals würd' ichDen RiesenhöhlenEntkommen sein,Hätt' ich nicht Gunlöde,Das gute Mädchen,Umarmt und geliebkost.“

„Sobald es tagte,Gingen die RiesenIn die erhabeneHalle hinein,Und jeder fragteUnd forschte den Bölwerk,Ob die Mäher mit ihmGekommen seien.

Lange hielt ich,Was ich versprach,Und vollendet die ArbeitSo gut als einer,Daß nichts gebrach.Darauf sucht er SuttangZu überlistenBeim fröhlichen Mahl,Allein er mußte nochGunlödens Thränen kosten.

Gunlöde reichteIm goldenen KellerMir einen TrunkDes kostbaren Mets dar,Aber mit SchmerzenVergalt ich ihnIhrem heiligen HerzenIhrem züchtigen Sinn.

Über Flüsse mußt' ich schwimmen,Über Felsen mußt' ich gehen;Oben und untenHab' ich der RiesenWege gefunden,Und setzte da meinenKopf auf's Spiel.

Nun hab' ich zum DankDen teuren Trank.Ihn werden die WeisenEin Kleinod heißen.Aus ihm entsprangLied und GesangIm Himmel und auf Erden.

Niemals würd' ichDen RiesenhöhlenEntkommen sein,Hätt' ich nicht Gunlöde,Das gute Mädchen,Umarmt und geliebkost.“

Ähnlich raubt nachindischenMythen der Gott Indra den im Wolkenberge gefesselten Met und bringt ihn in Falkengestalt zu den Sterblichen.

„Ich weiß“, so spricht in einer derrätselhaftestenund tiefsinnigsten Dichtungen der Edda Odin, „daß ich hing am Baume der Welt neun lange Nächte, vom Speer verwundet, den Odin geweiht, ich selber mir selbst. Am Baume hing ich, des Wurzel keiner kennt. Man bot mir nicht Brot noch Trank. Da, in die Tiefe spähend, empfing ich Runen und sank vom Baume nieder. Vom Ahn, dem Urriesen, lernt' ich der Lieder neun, und trinkend den Mut aus Odrörers Born, gewann ich Gestalt und Bildung und begann zu denken. Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort; Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk. – Runen sollst Du finden, o Menschenkind, Ratstäbe, mächtige Stäbe, die Götter schufen, und die der allwaltende Herrscher eingeschnitten hat. Er schnitt sie ein zur Richtschnur den Völkern, dann entwich er von wannen er wiederkehrt.“ – Dieser Mythus wird von Mannhardt folgendermaßen gedeutet: „Der sinnende Gottesgeist, – Odin, – schwebt am Weltbaum außerweltlich über der zeitlich-materiellen Welt. Er blickt nieder in die Tiefen der Schöpfung und sucht Runen, d. h. die Eigenart, die Wesenheit der Dinge zu erforschen. Erleidet Pein: vom Speer verwundet, ohne Brot und Trank neun lange Nächte. Denn jede Geburt bringt Schmerz und bedarf der Zeit, um zu reifen. Wie er die Runen erkennt und erfaßt, sinkt er herab, er sich selbst zum Opfer bringend. Der Geist taucht in die unbeseelte Materie, wird innerweltlich, wächst und gedeiht im endlosen Leben durch das Leben, Wort aus dem Wort und Werk aus dem Werk. Er durchdringt und beherrscht die Welt, da er aller Dinge eigenste Art erkannt hat. Er beherrscht sie durch Lieder, welche die Runen lebendig, zauberkräftig machen; denn neun Hauptlieder hat er von dem urweltlichen Riesen erlernt und hat von Gunlöds Wundermet getrunken. Es ist die Sprache des Gesanges, die, wie in der hellenischenOrpheussagenicht bloß das menschliche Gemüt, sondern sogar leblose, unbeseelte Dinge belebt.“ – Derrunenkundige Gott ist zugleich derZauberkundige. Eins der ältesten altdeutschen Sprachdenkmale ist jener Zauberspruch:

phol unde uuôdan– Phol (Balder) und Wodanuuorum zi holza;– fuhren ins Holz.dô uuart demo balders uolon– da ward des Balders Fohlenzin uuoz birenkit:– sein Fuß verrenket;thu biguolen sinthgunt– da besprach ihn SintguntSunnâ, erâ suister– und Sonne, ihre Schwester;thu biguolen uuôdan– Da besprach ihn Wodan,sô he uuola conda:– Wie er wohl konnte;sôse bînrenki– So die Beinrenkung,sôse bluotrenki– So die Blutrenkung.sôse lidirenki.– So die Gliederrenkung.bên zi bêna– Bein zu Beine,bluot zi bluoda– Blut zu Blute,lid zi geliden– Glied zu Gliedern,sôse gelîmida sên.– Als ob sie geleimet seien!

phol unde uuôdan– Phol (Balder) und Wodanuuorum zi holza;– fuhren ins Holz.dô uuart demo balders uolon– da ward des Balders Fohlenzin uuoz birenkit:– sein Fuß verrenket;thu biguolen sinthgunt– da besprach ihn SintguntSunnâ, erâ suister– und Sonne, ihre Schwester;thu biguolen uuôdan– Da besprach ihn Wodan,sô he uuola conda:– Wie er wohl konnte;sôse bînrenki– So die Beinrenkung,sôse bluotrenki– So die Blutrenkung.sôse lidirenki.– So die Gliederrenkung.bên zi bêna– Bein zu Beine,bluot zi bluoda– Blut zu Blute,lid zi geliden– Glied zu Gliedern,sôse gelîmida sên.– Als ob sie geleimet seien!

Sogar zu Mimirs Born war Odin hinabgestiegen, um den Grund aller Dinge zu erfahren. Heimlich fuhr er dahin und begehrte einen Trunk aus Mimirs Born. Aber der Riese verlangte dafür ein Auge des Gottes. So groß war dessen Durst nach Erkenntnis,daß er das eine Auge dafür gab. Mimir hatte vordem wohl Kunde von denältestenZeiten gehabt; allein die Einsicht in das Geschehende hatte ihm gefehlt; von nun ab benutzte er das Auge Odins als Trinkhorn, und aus desGeistes Auge trank er Einsicht vom Quell des Gedächtnisses. – Odin aber kehrte grübelnd und sinnend zurück. Vieles war ihm klar geworden; doch sah er ein, daß niemand Allvaters Ratschlüsse aus der Natur endlicher Wesen erschließen kann, und wenn er die Schöpfung bis zum ersten Keimpunkt zurückverfolgt. Als die Asen ihn fragten, wodurch er sein Auge verloren, zeigte er auf die großen Lichter, welche Tag und Nacht erhellen, und „Wißt ihr“, fragte er sie, „warum nureineSonne undeinMond an meinem Himmel steht? Seht, ihr Ebenbild schaut euch aus dem Gewässer entgegen.Ein Auge des Himmels wacht über der Welt; das andere ist versenkt in das Meer der Zeiten, in den Urstoff der Dinge.“

Ein tieferer Sinn dieses Mythus vomeinenAuge Odins, dessenandereser bei Mimir zum Pfande ließ, scheint mir durch die spekulative Hypothese vom transscendentalen Ich gegeben zu sein, die wir bereits bei Plato und Aristoteles berührten, die Kant und endlich du Prel in der Lehre vom Doppel-Ich, dessen eine Hälfte im Transscendenten liegt, modernisiert hat. (Vergl.S. 832und613oben.)

Nächst Odin-Wodan nehmenThorundLokidie bedeutendste Stelle im germanischen Götterhimmel ein.

Thor, Thunaras, ahd. Donar, ist ebenfalls Himmelsherrscher, aber eine von dem höheren umfassenden Begriffe Odins abgespaltene Rolle, nämlich als Herr des Gewitters. Nach ihm trägt der Donnerstag noch heute seinen Namen. Auf einem von Böcken gezogenen Wagen fuhr er durch die Wolken dahin, der einschlagende Blitz war sein Geschoß, gedacht als steinerner Wurfhammer. Sein Charakter vereint Kampflust und Gutmütigkeit; letztere läßt ihn oftmals das Opfer von Trug und Lug werden. Ihm galt vor allem das Gebet und der Kriegsgesang der Germanen beim Auszug in die Schlacht.

Nach Mone (S. 404) ist Thor „das Übergewicht der allgemeinen organischen Lebenskraft über die unorganische Materie odermit anderen Worten der kämpfende Sonnenheld“. Letzteres würde uns begreiflich machen, warum die Römer in ihm nicht nur ihrenJupiter tonans, sondern mehrfach auch ihren Herkules wiederzuerkennen glaubten.

Er war ein Sohn Odins und der Erde, was ganz physikalisch durch die aus der Erde aufsteigenden Gewitterwolken gedeutet werden könnte. Er versinnbildlicht auch die Fruchtbarkeit, als zeugendes Prinzip; denn die blonde Sif, die Ernte ist sein Weib, nämlich im Sommer; im Winter heißt sein Weib Jarasaxa (Eisenschwert oder Pflugschar). Kraft ist seine hervorstechendste Eigenschaft. Thrudheimr (Kraftwald) ist der Name seines Wohnsitzes, er wandert gern mit einem Tragkorb auf dem Rücken zu Fuß einher, ißt und trinkt unmäßig, ist leidenschaftlich, und wenn er zürnt, schnaubt er in seinen roten Bart, daß es wie Donner durch die Wolken schallt.

Er ist der Hauptfeind des Riesengeschlechts. Als er einst schlief, – im Winter ist seine Kraft abwesend –, stahl ihm der Riese Thrymr, der Starke, seinen Hammer (Mjöllnir) und verbarg ihn tief in der Erde. Er wollte durch Vorenthaltung des Hammers sich die Göttin Freyja zur Frau erpressen. Auf Heimdallrs Rat legte nun Thor Freyjas Gewand an und nahm den listigen Loki, der sich als Magd verkleidet hatte, mit ins Thursenland, das Thrymr beherrschte. Von Thrymr sehnsuchtsvoll empfangen, fiel er diesem auf durch unmäßiges Trinken und Essen, einen ganzen Ochsen aß er und acht Lachse und alle Kuchen, die den Weibern bestimmt waren. Da hob Thrymr seinen Schleier und prallte entsetzt zurück, da er Thors furchtbar funkelnde Augen erblickte. Doch gebot er, den Hammer zu bringen um die Braut zu weihen.

Da lacht dem verkleideten Thor das Herz, als er seinen Hammer wiedersieht; er ergreift ihn, erschlägt den Riesenfürsten und zerschmettert das ganze Geschlecht.

Mone findet in dieser Sage eine Anspielung auf die Idee der Wiedergeburt: „da Heimdallr die Seelen zur Wiedergeburt der Frau (Freyja) überliefert, so muß Thor selbst eine Frau werden, wenn er (der Winterschlaf ist der Tod) wiedergeboren sein, d. h. zu seinem Hammer gelangen will.“ Einfacher und natürlicher scheint es mir, darin nichts anderes als das Erwachen des Frühlings zu finden.

„Noch schläft die Mutter Erde,Träumend vom Auferstehn;Da ruft ein mächtig WerdeDer Gott; es muß gescheh'n.Er spaltet mit dem HammerDes Eises starres Thor.Da tritt sie aus der Kammer,Bräutlich geschmückt hervor.“

„Noch schläft die Mutter Erde,Träumend vom Auferstehn;Da ruft ein mächtig WerdeDer Gott; es muß gescheh'n.Er spaltet mit dem HammerDes Eises starres Thor.Da tritt sie aus der Kammer,Bräutlich geschmückt hervor.“

Loki, der Endiger, von riesischer Abkunft, ist der Anstifter jeglichen Unheils bei Göttern und Menschen, scheinbar zunächst ein treuer Gefährte der anderen Asen, schön wie Lucifer, hat er im Anfang der Zeiten mit Odin Blutsbrüderschaft getrunken. Doch weil er vom Herzen eines bösen Weibes getrunken, ist er schwanger geworden und hat die Ungeheuer, den Fenriswolf, die Midgardschlange und die Totengöttin Hel geboren. Er selbst pflegt sich unter den verschiedensten Verwandlungen zu zeigen, ein Geist, der stets dem Widerspruch und der Verneinung dient. Er heißt auch Loptr (Luft) und Lodorr (Hitze); Funkenspiel und zitternde Luftbewegung bringt heute noch nordischer Volksglaube mit Lokis Namen in Verbindung. Loki ist das Feuer, das der Sturm aus dem Holze entfacht. Denn seine Eltern heißen Farbauti, der gefährlich Schlagende und Nal, Nadel am Nadelbaum.

Loki ist es, der bekanntlich denBalder, diese reinste Lichtgestalt unter den Asen, dengutenGott durch den blindenHödurtöten läßt, wie es die jüngere Edda 49 schildert: Balder, der Gute, hatte schwere Träume, sein Leben sei in Gefahr. Da hielten die Asen Rat, um ihn zu schützen, und Frigg, seine Mutter, nahm Eide von allen Elementen, Steinen, Pflanzen, Tieren, Krankheiten und Giften, daß sie Balder verschonen sollten. Die Asen stellten darauf den Balder in die Mitte, warfen und schlugen nach ihm mit allen möglichen Werkzeugen und konnten ihn nicht verletzen. Loki aber, der die Gestalt eines alten Weibes angenommen hatte, lockte der Frigg das Geheimnis ab, ob ihrem Sohn doch vielleicht etwas schaden könne. Unvorsichtig vertraute ihm Frigg, von einerMistel allein, die auf einem gewissen Baum wachse, habe sie keinen Eid genommen, da dieselbe ihr zu jung vorgekommen sei. Da pflückte Loki die Mistel ab und gab sie dem Hödur, der ein Bruder des Balder und von großer Stärke, aber blind war. Als nun alle Asen schon versucht hatten, den Balder zu verletzen, sollte es auch der blinde Hödur versuchen; kaum aber berührte er ihn mit der Mistel, so fiel der schöne Bruder tot zu Boden. Seine Leiche wurde von den Asen in ein großes Schiff gebracht und verbrannt. – Die Götter entsandten Hermordr, einen anderen Bruder Balders, nach Hel, der Totengöttin, um den Gestorbenen aus ihrer Macht zurückzulösen. Hel knüpfte die Auslösung an die Bedingung, daß alle Wesen, lebende und tote, um Balder weinen. Das thaten sie auch mit Ausnahme des Riesenweibes Tök, einer Vermummung Lokis, und somit konnte Balder nicht wieder zur Welt kommen.

Die Deutung dieses Mythus bietet viele Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann Uhlands Erklärung,Sagenforschungen I, 144ff.als die natürlichste gelten, der Balder als das Licht und den Sommer, den blinden Hödur als die Nacht und den Winter, Balders Tod als die Schwächung der Sonne in der Sonnenmitte, Nanna als die Pflanzenwelt, die mit dem Sommer stirbt, deutet. Aber unerklärlich steht die in der Druidenlehre so wichtige Mistel da. – Nach Professor Kauffmann und Professor Golther haben wir es nur mit einer erst spät zur Göttersage umgewandelten Heldensage zu thun, die ursprünglicher und echter bei Grammaticus überliefert ist, wo Balder, ein Held, mit Kriegsmacht in das Land des Gevarus eindringt, um sich Nanna, seine Geliebte zu erkämpfen. Er fällt hier durch das Schwert Hothers, welches Mistilteinn heißt. Dies Wort sei später als Mistelzweig mißverstanden.

Indeß erscheint mir diese Hypothese schon anticipatorisch bei W. Menzel, vorchristl. Unsterblichkeitslehre widerlegt zu sein. Wahrscheinlich ist doch, daß der esoterische Kern der Mythe ähnlich wie derjenige des Osiris- und Zagreus-Dionysios-Mysteriums die Wiedergeburt und die Wiederbringung aller Dinge betrifft. – Die Asen wollten den Loki für seine Frevel sofort töten. Aber Odin, der schon vorher den Tod Balders bei seinem Ritt nach Niflheim erkundethatte, hindert die Ermordung Lokis. Er weiß, daß alles sich nach dem Schicksal erfüllen muß, daß Loki dereinst diese Welt zerstören wird, daß aber in der darnach erstehenden neuen Welt Balder herrschen soll. Loki ward nun, wie sein Sohn, der Fenriswolf, gebunden mit einem Geisterbande. So lange diese Bande nicht reißen, so lange besteht die Welt. Nach dem nordischen Glauben sind wir aber schon im sechsten Alter der Welt, eine Idee, die im ganzen Mittelalter Volksglaube war, wonach sieben Weltalter einander folgen sollen. Wenn Loki oder der Teufel wieder los wird, dann kommt das Ende der Welt.

Erwähnung verdient unter den männlichen Asen nebenHoenir,Uller,Bragi, dem Skaldengott,Aegir, der die Ruhe des Meeres personificiert. In Aegirs durch Frieden geheiligter Halle sind die Götter gern zu Gast und zechen; statt des erleuchtenden Feuers dient hier strahlendes Gold. Im Leuchten des windstillen Meeres mochte man, meint Uhland, den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Erwähnung verdient sodann nochFreyr, welcher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe darstellt. Er wirbt lange vergeblich umGerdur, deren Wesen am besten als weibliche Schamhaftigkeit bezeichnet wird, bis er schließlich mit Hilfe magischer Mittel, die sein Diener Skirnir anwendet, sie überwindet. Endlich ist nochHeimdallrzu erwähnen, eine nordische Form des deutschenZiu, der über die Welt leuchtende. Auf den Himmelsbergen am Regenbogen, der als Brücke Himmel und Erde verbindet, ist sein Wohnsitz. Er hütet diese Brücke, daß diese bösen Riesen von der Erde nicht hinaufsteigen, um den Himmel zu stürmen. Wie Loki das zerstörende, ist Heimdallr das erhaltende Prinzip. Nach W. Menzel vertritt er innerhalb der Zeitlichkeit die Beziehung zur Ewigkeit, die Fortdauer, das Leben der Menschheit überhaupt. Deshalb wird er auch unter dem Namen Rigr als Vater des Menschengeschlechts gedacht.

Unter denweiblichenGottheiten steht als Urgöttin, als die große Lebensmutter, an der SpitzeFrigg, das Weib Odin-Wodans, von der der Freitag (dies Veneris) seinen Namen hat. Sie ist die Göttin derLiebeund desKindersegens. Alsjüngere Schöpfung der isländischen Dichtung (nach Golther) steht ihrFreyjazur Seite, die vielfach mit ihr verwechselt wird. Freyja ist das weibliche Seitenstück zu Freyr. Ihr Mann war Odr, ihr Saal heißt Saßrymnir, sie fährt aus mit zwei Katzen, nimmt huldvoll die Bitten der Menschen auf und ist eine Freundin der Liebeslieder. Odr ist die stürmische und feurige Begierde (dem Wort nach die Wut, der Sache nach die Geilheit), Freyja aber die Wollust,Venus libitina. Der gemeinsame Kinder, eine Tochter, heißt Hnoß (Genuß). Um den kostbaren Halsschmuck Brisingamen zu erwerben, gab sie sich dem Volk der Zwerge preis (Venus pandemos). Dagegen haßt sie die Riesen, die eben so sehr nach ihr begehren, aber von Loki durch ein Wolkenbild getäuscht werden. Wie Venus (libitina) ist sie auch eine Todesgöttin, welche die Gestorbenen mit Odin teilt, und weil sehr viele den Tod der Wollust sterben, d. h. die Lust genießen, so heißt ihre Wohnung Fólkwángar (Volksaufnahme). Freyja selbst dagegen kann gar nicht sterben; es heißt vielmehr, sie wird alle Götter überleben.

W. Menzel erklärt sie daher als dieSonne, welche nach dem Weltende wieder scheinen soll, also in Ewigkeit fortdauert, wenn Odin mit allen Asen längst todt sind. Sie heißt auch Mardöll, Gefen (Hingebung), Hörn (Hure). Durch den durch ihre Buhlerei mit den Zwergen erworbenen Halsschmuck fesselte sie ihren Gatten ganz an sich, bis er einmal erfuhr, um welchen Preis sie denselben erlangt hatte, worauf er sie entrüstet verließ. Als sie erwachte, fand sie ihn nicht mehr, aber auch ihr Halsschmuck war verschwunden und im tiefsten Jammer suchte sie nun den entflohenen Gatten alle Länder durchirrend. Die Thränen, die sie weinte, wurden Perlen und Gold. Endlich nach langen Jahren fand sie den Gatten wieder, er gab ihr den Schmuck zurück und nahm sie wieder zu sich, weil er in der ganzen Welt keine Schönere gefunden. Als umherirrende Bertha erkennt man sie in den deutschen Sagen wieder.

Als Frühlingssonne wird Freyja zurOstara, die wir am besten durch F. Dahns schöne Verse charakterisieren:

„Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da;Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara;Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann,Ich hörte, wie die Schwalbe den Botenruf begann.Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch;So grüßt die hohe Göttin, grüßt sie nach altem Brauch!Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar,Die Mädchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr;Das Mädchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwangUnd doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang.Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwangUnd dem der Glanz der Schönheit doch schon zum Herzen drang.Sie spenden gold'nen Honig und Milch im WeihegußUnd fassen und umfangen sich in dem ersten Kuß;Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da!Wir grüßen Dich mit Freuden, o Göttin Ostara!“

„Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da;Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara;Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann,Ich hörte, wie die Schwalbe den Botenruf begann.Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch;So grüßt die hohe Göttin, grüßt sie nach altem Brauch!

Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar,Die Mädchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr;Das Mädchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwangUnd doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang.Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwangUnd dem der Glanz der Schönheit doch schon zum Herzen drang.Sie spenden gold'nen Honig und Milch im WeihegußUnd fassen und umfangen sich in dem ersten Kuß;Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da!Wir grüßen Dich mit Freuden, o Göttin Ostara!“

Prof. Kaufmann freilich (deutsche Mythologie S. 106) behauptet, daß von einer Göttin Ostara in der Überlieferung des Altertums eine Spur nicht zu finden sei.

Dagegen berichtet uns die Edda vonIduna, der „vorwissenden Göttin“, daß sie von der Esche Yggdrasil, die sie mit ihrem heiligen Wasser zu bethauen pflegte, herabgesunken sei.


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