Dritte Abteilung.Die Neuplatoniker.

„Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“

„Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“

Was hat man nicht alles aus der uns überlieferten Biographie dieses neupythagoräischen Philosophen machen wollen! Die eine Partei sagt: das Buch ist ein Märchenbuch, und meint, Apollonius habe gar nicht existiert; die andere Partei ist hingegen der Ansicht,daß Apollonius wohl existiert habe, daß aber der geringe geschichtliche Kern seiner Biographie zu einem historischen Roman ausgesponnen worden sei. Wieder andere meinen, die Persönlichkeit des Apollonius sei von Philostratus nur benutzt worden, um dem Christenheiland einen Heidenheiland feindlich gegenüber zu stellen, während ihn eine letzte Partei im Geiste des Synkretismus als eine freundliche Parallele Christi betrachtet.

In diesem Parallelismus liegt die Ursache, weshalb die Gestalt des Tyanäers bis auf die Neuzeit nicht in der rechten Beleuchtung stand. Allerdings ist zwischen beiden Persönlichkeiten, Jesus von Nazareth und Apollonius von Tyana, auf dem Gebiet des Übersinnlichen eine Ähnlichkeit vorhanden, die mithin jedoch nicht in der Sphäre des Religiös-Dogmatischen, sondern in der des Anthropologisch-Magischen wurzelt. Bei beiden Personen kamen zahlreiche „Wunder“ vor, zu deren richtiger Auffassung und Erklärung auf lange Zeit der Schlüssel fehlte; man sah ihre übersinnlichen Fähigkeiten nicht als etwas Menschliches, durch geeignetes Leben und geistige Übung Erworbenes an, sondern betrachtete dieselben nur vom Standpunkte der göttlichen Sendung eines jeden von ihnen. Die Anhänger beider suchten durch diese Erscheinungen ihren göttlichen Ursprung darzuthun; keine Partei zweifelte an den von ihrem Gegner vorgebrachten Berichten, sondern suchte sich dieselben von ihrem dogmatischen Standpunkte aus zurecht zu legen.

So stellt schon der unter Diokletian lebende Statthalter von BithynienHieroklesin seinem „Wort der Wahrheitsliebe“[751]Apollonius und Christus einander gegenüber, weist dazu ferner auf den Prokonnesier Aristeas und Pythagoras hin und sagt: „Wir halten einen solchen Wunderthäter nicht für einen Gott, sondern für einen von den Göttern geliebten Menschen.“

Gegen diese Auffassung argumentierteEusebius von Cäsarea, der die erste Kirchengeschichte – nachHasesWorten – „im Gefühl des großen Umschwungs seines Zeitalters mit allen Vorurteilen, aber auch mit allen Hilfsmitteln desselben verfaßte“, in der unten genannten Schrift von seinem Standpunkt aus in derselbenWeise wie Hierokles. Er setzt die Thatsächlichkeit der Apollonischen Wunder voraus, welcher er jedoch, weil die heidnischen Götter zu bösen Dämonen geworden waren, als durch Zauber bewirkt ansieht, und sagt: „Ich war bisher der Meinung, daß der Tyanäer ein in menschlichen Dingen weiser Mann war, und halte diesen Ausspruch auch jetzt noch gern fest; ich lasse es gern geschehen, wenn man ihn jedem Philosophen zur Seite stellt, wofern man nur mit allen mythisch lautenden Erzählungen fern bleibt. Wenn aber ein Damis aus Assyrien oder ein Philostratus oder irgend ein Geschichtsschreiber oder Logograph es sich herausnimmt, diese Grenzen zu überschreiten und eine Ansicht aufzustellen, welche über das Gebiet der Philosophie weit hinausgeht, indem er zwar den Worten nach den Vorwurf der Magie abwehrt, der Sache selbst nach aber dem Manne noch mehr zur Last legt, als mit Worten und die pythagoräische Lebensweise als Maske über ihn wirft, so kommt dann kein Philosoph zum Vorschein, wohl aber ein mit der Löwenhaut verhüllter Esel, und man sieht nichts anderes, als einen Zauberer anstatt eines Philosophen.“

Und so blieb es. Seit der „Galiläer gesiegt hatte“, galt der Tyanäer als Zauberer, bis die Aufklärungsperiode ihn so gut wie Jesus von Nazareth zum Betrüger zu stempeln versuchte und schließlich sogar die geschichtliche Existenz beider bezweifelte.

Doch auch heidnische Philosophen huldigten dem Glauben an die Zauberei des Apollonius, wieMöragenes, welcher eine (verloren gegangene) Biographie des Tyanäers schrieb, in der er nachOrigenes[752]sagte, daß selbst einige nicht unbedeutende Philosophen derselben zum Opfer gefallen wären. Dieser Ansicht stellt Philostratus seine Biographie des Apollonius entgegen, worin er diesen als einen Weisen schildert, welcher seine außerordentliche magische Kraft nur einer ihn auf eine höhere, übermenschliche Stufe erhebenden Philosophie zu verdanken hat.

Die Zweifel an der Existenz des Apollonius sind seitNeanderundBaurgeschwunden, die Auffassung seiner Persönlichkeit und Lehre aber ist bei Philosophen und Theologen noch heute so unklar wie vor siebzehnhundert Jahren, wofür wir den Grund inden von Philostratus geschilderten übersinnlichen Erscheinungen zu suchen haben, welche die Orthodoxie als teuflisch ansieht, während die neuere Wissenschaft gar nichts mit derselben anzufangen weiß und deshalb an dem Tyanäer mit einem abwehrenden Seitenblick vorübergeht.

Nur ein Schriftsteller hat einen richtigen Fingerzeig gegeben, nämlichEduard Baltzer[753], welcher sagt: „EineGruppenur vermisse ich noch unter allen denen, die in der Apolloniusfrage Stellung genommen haben: das sind die jüngsten Kinder unserer Zeit, – dieSpiritisten. Gerade ihnen aber kann ich einen großen Genuß und Triumph versprechen. Ist doch Apollonius – wer hätte es gedacht, – ein entschiedener Spiritist, – ja, können sie doch hier die Entdeckung machen, daß ihr Spiritismus nichts anderes ist, als die alte Magie in allerneuester Auflage.“

Abgesehen von der Schlußbemerkung hat Baltzer in gewissem Sinne Recht: die bei Apollonius zu Tage tretenden übersinnlichen Erscheinungen sind von ähnlicher Natur wie die modernen auch; ob sie aber alle spiritistische oder selbst mediumistische genannt werden dürfen, ist eine andere Frage. Bevor wir jedoch auf diese und eine Besprechung der Phänomene überhaupt eingehen, müssen wir noch einige Worte über Philostratus selbst und die Entstehung seines Buches sagen.

KaiserSeptimius Severus(193–211) war ein eifriger Liebhaber der Magie und Mantik, ein erfahrener Augur und Traumdeuter und endlich ein tiefgelehrter Astrolog. Er hatte als Statthalter des lionesischen Galliens seine erste Gemahlin verloren und ging bei der Wahl seiner zweiten von dem astrologischen Grundsatz aus, daß deren Nativität eine glückliche und mit der seinigen harmonierende sein müsse. Als er nun erfuhr, daß ein junges Mädchen zu Emesa in Syrien eine derartige Nativität, welche ihr außerdem noch den Thron verheiße, besitze, warb er um deren Hand und erhielt sie. Dieses Mädchen,Julia Domna, vereinigte in der That alle von den Sternen verheißenen Güter in ihrer Person. Sie erfreute sich selbst im vorgerückten Alternoch großer körperlicher Schönheit und verknüpfte mit scharfem Verstand und festem Charakter lebhaften Wissensdrang und hinreißende Liebenswürdigkeit. Julia Domna interessierte sich als Beschützerin der Wissenschaften besonders für Kunst und Philosophie und war die Freundin eines jeden auftauchenden Genius.

Julia Domna umgab sich mit einer aus Philosophen, Gelehrten und Künstlern aller Art bestehenden Tafelrunde, zu welcher auch der neupythagoräische, in Athen gebildete PhilosophPhilostratusvon Lemnos gehörte. Philostratus war einer der vielgelesensten Schriftsteller, was durch seinen klassischen Styl und Geist, seine Belesenheit und Vielseitigkeit, sowie endlich durch sein Bestreben, altrömische Sitte und Charaktertüchtigkeit wieder herzustellen, gerechtfertigt wird. Dieser Philosoph erhielt von der Kaiserin den Auftrag, das Leben des Apollonius zu beschreiben, und benutzte bei seiner Arbeit die Memoiren eines Schülers des Apollonius mit Namen Damis. Über dessen Persönlichkeit wie über die ihm vorliegende Apollonische Litteratur sagt Philostratus selbst[754]: „In der alten Stadt Ninive lebte einst ein Mann von ziemlicher Weisheit mit Namen Damis. Er war ein Schüler des Apollonius, beschrieb dessen Reisen, an denen er, wie er selbst versichert, teilgenommen, und verzeichnet dessen Reden, Ansichten und Weissagungen. Ein Verwandter dieses Damis brachte die Memoiren, welche bis dahin ganz unbekannt geblieben waren, zur Kenntnis der Kaiserin Julia. Diese Fürstin, zu deren Umgebung ich gehörte, denn sie liebte und pflegte litterarische Unterhaltungen sehr, befahl mir, diese Denkschriften umzuarbeiten und zum Vortrag zu bringen, denn der Ninivit sprach wohl sachlich, aber sein Stil war schlecht. Dazu kam noch eine Schrift des Maximus von Aegä, welche alles umfaßt, was des Apollonius Aufenthalt in Aegä betrifft; auch giebt es noch ein Testament des Apollonius, aus welchem zu ersehen ist, daß die Philosophie sein Abgott war. Dagegen darf man dem Möragenes nicht folgen, der zwar auch vier Bücher über Apollonius schrieb, aber mit großer Unkunde. Somit habe ich gesagt, wie ich den zerstreuten Stoff zusammengefügt und um seine Einordnung bemüht war. Möge diese Schrift nun demManne, dem sie gilt, zur Ehre gereichen,den wißbegierigen Lesern aber zur Förderung: wenigstens sollen sie lernen können, wovon sie noch nie gehört.“ Mit diesen Worten ist die Tendenz der Schrift des Philostratus bezeichnet. Was aber seine Glaubwürdigkeit anlangt, so sind auch hier natürlich die Meinungen sehr geteilt. Das rein Geschichtliche betreffend, sind die Zweifel fast allseitig gehoben, und Baur hat einige vorhandene Anachronismen befriedigend erklärt. Ja dieser berühmte Theologe nimmt sogar für den Kern des Werkes, die philostratischen Berichte über Indien, die volle Glaubwürdigkeit in Anspruch und sagt[755]:

„Wenn uns aber auch die Betrachtung des philostratischen Werkes an und für sich über die Beantwortung der Frage in Zweifel lassen mag, wie weit wir in demjenigen, was Philostratus über Indien meldet, entweder nur romanhafte Dichtung oder historische Wahrheit voraus zu setzen haben, so muß uns doch, wie es scheint, unsere jetzige Kunde Indiens eine ziemlich sichere Antwort auf diese Frage geben. Die Übereinstimmung des Werkes mit dem anders woher Beurkundeten kann als die beste Widerlegung des Vorwurfs angesehen werden, welchen selbst noch einer der neuesten Schriftsteller über Indien (Bohlen: das alte Indien) wiederholt, Philostratus habe alles, was er in seinem Leben des Apollonius über Indien vorbringt, aus ähnlichen Romanen kompiliert, nach Art der Schriften ausgeschmückt und mit Angereimtheiten erstickt.“

Im ähnlichen Sinne äußert sichBaltzer im Nachwort seines Werkes[756]folgendermaßen: „Ein Mann wie Philostratus, der an den Musenhof einer edlen Kaiserin berufen wird, der letztere als besonderer Vertrauter auf ihren Reisen begleitet, der als ein vortrefflicher Schriftsteller und gelehrter Kenner seiner Zeit damals wie heute anerkannt ist und der den Auftrag von seiner hohen Herrin erhält, über den Apollonius eine kritische Denkschrift zu verfassen – von einem solchen Mann muß man annehmen, daß er in seinem Werke, ‚Apollonius von Tyana‘,das uns in unbestrittener Echtheit vorliegt, so viel an ihm war, dieWahrheit in geeigneter Form hat sagen wollen. Demgemäß verfährt er. Er legt seine Absicht und Plan vor; er nennt und kritisiert seine Quellen; er überarbeitet das reichlich vorliegende Material; er komponiert und redigiert seinem Auftrag gemäß; er ist mit Liebe und Fleiß bei der Sache; unterscheidet seine Absicht von der überlieferten; er läßt seine Quellen in verbessertem Style reden und kritisiert Dunkles mit hellem Blick, natürlich im Geiste seiner Zeit, dessen Kind auch er ist, wie wir Kinder des Geistes unserer Zeit sind.“

Philostratus vollendete seine Biographie etwa um das Jahr 217.

Wir wenden uns nun, dem Gange der Lebensgeschichte unseres Helden folgend, zur Besprechung der sehr lehrreichen übersinnlichen Erscheinungen, um dieselben unter die Thatsachen der magischen Thätigkeit des Menschengeistes einzureichen.

Geboren wurde Apollonius als der Sohn eines gleichnamigen Vaters aus alter und reicher Familie um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. zu Tyana, einer durch die Intelligenz und den Wohlstand ihrer Bürger hervorragenden Stadt Kappadoziens, und seine Geburt umgaukeln Wundermären, wie diejenige Gautama Buddhas und Jesu Christi: Als seine Mutter mit ihm schwanger ging, erschien ihr der ägyptische Gott Proteus, den auch Homer besingt. Sie aber frug ihn ohne Furcht, was sie gebären würde. Er sprach: „Mich.“ Sie frug: „Wer bist du denn?“ Und er sagte: „Proteus, der ägyptische Gott.“[757]– Wir haben in dieser Erzählung eine Parallele zur Verkündigung Mariä, und eben deshalb wurde dieselbe als eine plumpe Nachahmung angesehen, was sie indessen nicht zu sein braucht. In jener religiös erregten Zeit des ersten Jahrhunderts konnten sehrwohl beide schon durch ihren Zustand besonders zu Visionen geneigten Mütter Jesu Christi und des Apollonius starke Vorahnungen von der künftigen Bedeutung ihrer Kinder haben, welche sich ihnen in geschaute Bilder umsetzten. Jeder religiöse Seher aber erhält naturgemäß seine Offenbarung von daher, woher sie nach seinem Glauben kommen muß. Der fernstehende Teil des gespaltenen Ichs tritt dem Visionär als redende Persönlichkeit gegenüber und so empfängt die IsraelitinMaria die Botschaft des persisch-jüdischen Gabriel, die kappadozische Mutter des Apollonius die des ägyptisch-griechischen Proteus. Ebenso erhalten die romanischen Spiritisten ihre Offenbarungen von „Geistern“, welche kardekistische Reincarnationstheorie predigen, wie Proteus die altklassische lehrt.

Der hochbegabte Knabe wurde mit 14 Jahren von seinem Vater nach Tarsus zu dem Rhetor Euthydemus gebracht, mit welchem er nach dem durch seinen Aeskulaptempel berühmten Aegä verzog, um sich dort mit mehr Muße der Philosophie widmen zu können, als dies in dem lebenslustigen bewegten Tarsus möglich war. Hier hörte er die Vorträge des epikuräischen Philosophen Euxenus über die Lehren des Pythagoras, welche ihn dermaßen begeisterten, daß er wie Pythagoras zu leben beschloß. „Er verschmähte alle tierischen Nahrungsmittel als unrein und geisttötend und genoß nur Vegetabilien, die er für rein hielt, weil sie die Erde unmittelbar hervorbringt. Den Wein erklärte er zwar für ein reines Getränk, da es von so edlem Gewächse stamme, aber er sei der menschlichen Geistesklarheit feind, da er den Aether der Seele trübe. Nächst dieser Fürsorge für Körperreinheit ging er mit nackten Füßen und trug, da er tierische Kleidungsstücke verwarf, nur linnenes Gewand und lebte im Tempel. Die Diener des Tempels aber bewunderten ihn, und als Aeskulap einst zum Priester sagte, er freue sich, daß Apollonius Zeuge seiner Heilungen sei, da ging diese Kunde aus, und die Cilicier und andere Umwohner kamen nach Aegä.“[758]

Apollonius huldigte also einer streng vegetarischen Lebensweise und wurde in die Mysterien des Aeskulapdienstes eingeweiht, bei welchen, wie bei allen Mysterien, die schauenden und heilenden Fähigkeiten des Menschen gepflegt wurden. Auch einige hierauf bezügliche Fälle erzählt Philostratus: Ein wassersüchtiger Schlemmer erhielt nach langem vergeblichen Harren im Aeskulaptempel das Traumorakel: „Wenn du mit Apollonius sprechen wolltest, so würde dir wohler werden“, und wurde von diesem geheilt, indem er an ein streng vegetarisches Leben gewöhnt wurde. – Einen einäugigen cilicischen Ehebrecher wies Apollonius von der Schwelle des Tempels zurück, wo derselbe die Wiedererlangung seiner Sehkrafterhoffte: In der Nacht hatte der Priester einen Traum, worin Aeskulap die Aussage des Apollonius bestätigte und hinzufügte, daß die Gattin dem ertappten Sünder mit einer Spange ein Auge ausgeschlagen habe. – Diese Erzählung findet Parallelen in dem Durchschauen anderer von seiten neuerer Seher, wie Zschokke, Duncan, Campbell u. a. m. Als eine weitere Probe des Fernsehens berichtet Philostratus[759], daß Apollonius den Statthalter von Cilicien, einem der in Griechenland so zahlreichen widernatürlichen Wüstlinge, seine nahe Hinrichtung weissagte, welche auch nach drei Tagen erfolgte, weil sich derselbe mit dem König Archelaus von Kappadozien in eine Verschwörung gegen die Römer eingelassen hatte.

Nach dieser Zeit widmete sich Apollonius fünf Jahre lang dem „pythagoräischen Stillschweigen“ und gestand von dieser Zeit, daß sie der mühevollste Teil seines Lebens gewesen sei; denn er hätte viel zu sagen gehabt und habe nicht gesprochen, auch viel hören müssen, was ihn hätte in Zorn setzen mögen, und er habe es überhört; oft gereizt die Leute zu geißeln, habe er zu sich selbst gesagt: Dulde nur, Herz und Zunge! und habe die verletzendsten Reden unwiderlegt gelassen. Gleichzeitig entsagte er aller Liebe und dem Geschlechtsgenuß.[760]Durch diese asketische Lebensweise gelangte er zu solchem Ansehen, daß er selbst in dem leichtlebigen Cilicien und Pamphilien Aufstände durch sein persönliches Auftreten schlichtete.

Nach der Beendigung seiner Schweigezeit ging Apollonius nach Antiochien und nahm seinen Aufenthalt im Tempel des daphnischen Apollo, wo er „bei Sonnenaufgang für sich allein war, und was er da that, erfuhr nur, wer ein vierjähriges Schweigen vollendet hatte“. Dabei suchte er auf das Volk veredelnd einzuwirken, aber nicht in der zudringlich überredenden Weise des Sokrates, sondern „wie ein Gesetzgeber, welcher das, was seine Überzeugung ist, für die Menge zum Gesetz erhebt“. Danach ging er mit sich selbst zu Rate wegen einer größeren Reise und sein Sinn stand nach den Brahmanen Indiens; doch auch die Magier Babylonszu besuchen, galt ihm für einen Gewinn. Er teilte seinen Plan seinen sieben Jüngern mit, zu denen er, als sie ihn von der Reise abhalten wollten, sagte: „Zu Beratern habe ich mir die Götter erkoren. Euch wollte ich nur prüfen, ob ihr zu dem, was ich vorhabe, auch Mut besäßet. Da ihr den nun nicht habt, so lebt wohl! Bleibt aber dem Studium ergeben! Ich muß hingehen, wohin mich die Weisheit und mein Genius ziehen!“[761]

Apollonius verließ Antiochien und begab sich mit zwei Sklaven, Schreibern seines Vaters, auf den Weg nach Babylon. In Ninive schloß sich ihm Damis an, welcher sagte: „Laß mich, Apollonius, mit dir ziehen. Folge du deinem Gotte, ich folge dir!“ und sich ihm wegen seiner Sprachkenntnisse als nützlicher Reisegefährte empfahl. Apollonius entgegnete: „Ich, Freund, verstehe diese Sprachen alle, ohne sie erlernt zu haben.“ Als der Ninivit darüber erstaunte, fügte er hinzu: „Wundere dich nicht, daß ich die Sprachen der Menschen kenne, ich verstehe ja auch all ihr Schweigen.“ Er wollte damit seine Fähigkeit des Gedankenlesens kennzeichnen. Über seine Reise führte Apollonius ein „Brosamen“ (ἐκφατνισματὰ) genanntes Tagebuch[762], welches leider verloren gegangen ist.

Als Apollonius in der Nähe Babylons in die kissische Gegend kam, offenbarte sich ihm die Gottheit in einem Traum, dessen Auslegung ein interessantes Beispiel griechischer Traumsymbolik ist: „Vom Meere ausgeworfene Fische schnellten auf dem Lande umher, ließen ein menschliches Jammern hören und wehklagten, daß sie aus ihrer Wohnung gegangen. Einen Delphin aber, der nach dem Ufer schwamm, flehten sie an, dies Elend von ihnen abzuwenden, und weinten dabei wie Menschen, die in der Fremde sind. Nicht im geringsten betroffen über diesen Traum, überlegte er doch bei sich, was das sei. Um aber Damis zu erschrecken, dessen Ängstlichkeit er kannte, erzählte er ihm den Traum, indem er sich stellte, wie wenn er selbst von dem zu erwartenden Unglück erschrocken sei. Damis schrie auf, als ob er schon alles vor Augen habe, und riet dem Apollonius, nicht weiter zu gehen, daß wir, sagte er, nicht etwa auch wie die Fische aus unserm Elemente herausgeraten, umkommenund in der Fremde jammern, in der Not einen König oder sonstigen Machthaber anflehen müssen, und dieser uns mißachtet, wie der Delphin die Fische. Apollonius aber lachte und sprach: Du bist noch kein Philosoph, wenn du dergleichen fürchtest. Ich will dir sagen, was der Traum bedeutet: Eretrier aus Euböa sind es, die dies kissische Land hier bewohnen, vor 500 Jahren von Darius aus Euböa hinweggeführt. Diese sollen bei ihrer Wegführung, wie der Traum anzeigt, das Schicksal der Fische gehabt haben, indem sie förmlich umgarnt und alle eingefangen wurden. Es scheint also, die Götter befehlen mir, zu ihnen zu gehen und mich ihrer anzunehmen; vielleicht auch sind es die Seelen der Hellenen, die dieses Los hier traf, welche mich zum Frommen des Landes herbei rufen.“[763]

Infolge seines Traumes begab sich Apollonius nach Kissia, wo er den Gottesdienst verbesserte und viel zur Erleichterung des Loses der griechischen Kolonisten beitrug.

Endlich gelangte er nach Babylon und trat mit den Magiern in Verbindung, von denen er sagt, daß sie – jedoch nicht alle – Weise seien; er verkehrte mit ihnen insgeheim in den Mittags- und Mitternachtsstunden. Vom König Bardanes, der seine Ankunft im Traum vorausgesehen hatte, wurde Apollonius sehr gut aufgenommen und sagte demselben kraft seiner Sehergabe ein Verbrechen voraus, bei welchem einer seiner Eunuchen am nächsten Tage werde in flagranti ergriffen werden. Der Erfolg bestätigte diese Wahrsagung. Auf die Frage nach seiner Lehre entgegnete Apollonius dem Könige: „Meine Weisheit ist die des Pythagoras, des Mannes von Samos, der mich so die Götter ehren, sie, die sichtbaren und unsichtbaren, verstehen, mit ihnen reden und mich in diese Pflanzenstoffe zu kleiden lehrte. Denn dies Gewand ist nicht vom Schaf geschoren, sondern rein vom Reinen wuchs dieses Linnen, ein Geschenk des Wassers und der Erde. Dazu auch trage ich dieses lange Haar nach des Pythagoras Art; und der tierischen Speise mich zu enthalten, lehrt mich seine Weisheit. Trinkgenoß und Gesellschafter bei Spiel und Festgelage werde ich weder Dirnoch irgend jemand sein. Dunkle und schwere Lebensrätsel aber kann ich lösen, denn ich weiß nicht nur, was zu thun ist, sondern ich sehe es auch voraus.“[764]

Von Bardanes mit Kameelen und Reisevorräten ausgerüstet, machte sich Apollonius auf den Weg nach Indien.

Nachdem Apollonius den Küenlün überschritten, stieg er in das Flußbett des Indus zurück und gelangte mit seinen Begleitern nach Taxila, wo er von dem durch die Brahmanen gebildeten philosophischen König Phraotes II. auf das beste aufgenommen wurde. Mit diesem hielt unser Philosoph während seines vom Gesetz gestatteten dreitägigen Aufenthaltes in Taxila lange philosophische Gespräche, die sich im wesentlichen um die Vorzüge der „naturgemäßen Lebensweise“ drehten. Von Interesse für uns ist nur die Äußerung des Apollonius über die Enthaltsamkeit vom Wein, welche das Wahrträumen der Seele begünstigen solle. Apollonius sagt: „Aber auch die Prophetien der Träume, die in der menschlichen Natur das Göttlichste zu sein scheinen, durchschaut die Seele leichter, die nicht vom Wein umnebelt ist und sie rein und in klarer Betrachtung aufnimmt. Die Erklärer solcher Traumgesichte, von den Dichtern Traumdeuter genannt, legen daher kein Traumbild aus, ohne vorher zu fragen, um welche Stunde man es gehabt. War's in der Frühe, im Morgenschlummer, so deuten sie es, weil dann die Seele ganz frei vom Geiste des Weins, gesunde Träume schaut; war's aber im ersten Schlafe oder um Mitternacht, wo die Seele noch vom Wein schwer und dunkel ist, so lehnen sie das Deuten ab und thun wohl daran.“ Von Phraotes mit Lebensmitteln, frischen Kameelen und einem Empfehlungsschreiben an den Obersten der Brahminen und Lehrer des Phraotes, Jarchas, versehen, machte sich Apollonius mit seinen Begleitern auf, um diese priesterlichen Gelehrten auf „dem Berge der Weisen“ jenseits des Hyphasis aufzusuchen.

Der Berg der Weisen wird als mit Wolken umgeben und so hoch wie die Akropolis geschildert; von den Brahmanen sagt Apollonius[765]: „Die indischen Brahmanen sah ich, wie sie auf Erdenwohnen und doch nicht auf Erden, in der Festung und doch ohne Befestigung, ohne Eigentum und doch alles besitzend.“ Damis dagegen erzählt von ihnen, daß sie auf einem Lager auserlesener Pflanzen auf der Erde schliefen, um den Kopf eine weiße Binde und auf dem Leibe ein der Exomis der Cyniker ähnliches Gewand von weißer Baumwolle trügen, das Haar lang wachsen ließen und Ringe und Stäbe als Abzeichen führten; auch habe er, Damis, sie öfter zwei Ellen hoch in der Luft wandeln sehen. – Dieses Schweben erinnert an das bekannte sich in die Luft erheben der Fakire, sowie an die Levitation bei Hexen und Medien und bedarf keiner weiteren Erörterung. Ring und Stab ist schon im Gesetz des Manu das Abzeichen der Brahmanen. Dieselben waren eifrige Vegetarier, gestatteten aber ihren Besuchern, wenn dieselben es wünschten, den Fleisch- und Weingenuß.

Als Apollonius zu den Brahmanen kam, wurde er von dem auf ehernem Throne sitzenden Jarchas, welcher den Brief des Königs forderte, griechisch angeredet. „Als Apollonius über sein Vorauswissen erstaunte, sagte jener, es fehle in dem Brief ein Buchstabe, ein Delta, das der Briefschreiber ausgelassen habe; und es fand sich, daß dem so war.“[766]

Als weiteres Beispiel seiner Sehergabe soll dann Jarchas dem Apollonius seine Abstammung väterlicher- und mütterlicherseits, ferner wie er Damis gefunden, und alles was sie unterwegs gethan und erfahren, in richtigem Zusammenhang dargestellt haben, als ob er dabei gewesen wäre. Als aber Apollonius nun erstaunt frug, woher er das alles wisse, entgegnete jener: „Auch du kommst mit solchem Wissen, aber keinem vollkommenen.“ – „Und wirst du mich dieses vollkommene Wissen lehren?“ – „Gern und neidlos“, erwiderte Jarchas, „denn dies ist weiser als Wissenswertes zu verbergen oder darüber zu täuschen. Übrigens bist du Apollonius, von Mnemosyne gesegnet, der Göttin, die wir unter allem am meisten lieben.“ Als später die Brahmanen zum Opfer gingen, badeten, salbten und bekränzten sie sich und zogen begeistert zum Heiligtum, wo sie sich – Jarchas an der Spitze – in Chorordnung aufstellten und mit ihren Stäben auf den Boden stießen,welcher „wie eine Woge zwei Ellen hoch anschwoll“. – Dieses wahrscheinlich auf subjektiven ekstatischen Empfindungen beruhende Phänomen des Anschwellens und Erbebens der Erde kommt in der Magie und Theurgie sehr oft vor, so besonders in den Jamblichus zugeschriebenen Büchern „über die ägyptischen Mysterien“[767], dann in zahlreichen mittelalterlichen Zauberbüchern, welche von der Geisterbeschwörung handeln, wie dieClavicula Salomonis, ferner in dem mit ihr in engem Zusammenhange stehenden Buche Arbatel, in dem Paracelsus zugeschriebenen „Büchlein von olympischer Geisterbeschwörung“, in dem sog. 4. Buch derOcculta Philosophia, in derPseudomonarchia Dämonum; auch in einigen Ausgaben des sog. Höllenzwangs u. s. w.

In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der Ägypter. Sich selbst soll Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefährten für Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und erwähnte dem Apollonius gegenüber u. a. den Akasa: „Den Äther, aus welchem die Götter geboren sein müssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich, aber das Ätherische ist unsterblich und göttlich.“ „So soll ich das All als Lebendiges betrachten?“ frug Apollonius. „Allerdings“, sagte Jarchas, „wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von ihm.“ – „Sollen wir nun das All weiblicher oder männlicher Natur erachten?“ „Beides“, erwiderte Jarchas, „denn indem es sich selbst befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heißer, als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn wie Hände und Füße zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele, die es bewegt, so glauben wir, daß auch alle Teile des Alls durch die Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn auch die Leiden einer Dürre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige Allbehandelt nicht miteinerHand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und – unbeweglich durch seine Größe – ist es doch leicht zu zügeln und zu lenken.“[768]

In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache, welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, daß sie ihrem sechzehnjährigen Sohne helfen möchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dämon treibe den Knaben hinaus in die Einöde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit „fremden Augen“ dareinschaue.[769]Alles bekannte charakteristische Erscheinungen.

Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben mitzubringen, entgegnete dieselbe, daß sie es nicht gewagt habe, weil der Dämon den Knaben diesfalls zu töten drohe. – Auch hier haben wir einen Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird.

In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ältesten Fälle der Ausübung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: „Auch ein Lahmer kam, dreißig Jahre alt, ein eifriger Löwenjäger. Als ihn ein Löwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand gesetzt ordentlich zu gehen.“[770]

Dem Jarchas werden u. a. auch mancherlei Auslassungen über die Sehergabe in den Mund gelegt, sie habe für den Menschen viel Gutes, ihre größte Leistung aber sei die Heilkunde. „Die weisen Asklepiaden würden zu ihrer Kenntnis nie gelangt sein, wäre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet (Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen gezeigt hätte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendetwerden muß, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie Blutfluß gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden können. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewußte Anwendung in Krankheitsfällen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des Voraussehens, meine ich, würden die Menschen nie gewagt haben, den heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.“[771]

Nach viermonatlichem Aufenthalt verließ Apollonius die Brahmanen und begab sich längs des Indus an die Küste des erythräischen Meeres.

Er fuhr sodann über dieses und das persische Meer, sowie den Euphrat hinauf nach Babylon zu Bardanes, begab sich über Ninive nach Antiochien und Seleucia und segelte von dort nach Cypern und Jonien, „vielbewundert und hochgeehrt von denen, welche Weisheit zu schätzen wissen“.[772]

Über die nächstfolgenden Ereignisse im Leben des Apollonius ist wenig zu sagen, denn die bekannte Erzählung, laut welcher unser Seher „aus der Sprache der Sperlinge“ ersehen haben soll, daß in einer Gasse zu Ephesus ein Sack Weizen aufgegangen war, läßt eine so einfache Erklärung zu, daß wir nicht nötig haben, zum Hellsehen behufs Aufstellung dieser Begebenheit zu greifen. Ist dieses nun wahrscheinlich ein ganz natürliches Ereignis, so ist offenbar der Bericht von der Vertreibung der Pest zu Ephesus, wo Apollonius den in Gestalt eines Bettlers erscheinenden Pestdämon steinigen ließ, worauf unter den Steinhaufen anstatt des Leichnams des Bettlers der eines Molosserhundes zum Vorschein kam, entweder nur ein Mythus oder die Entstellung irgend eines nicht mehr erkennbaren Vorfalls. Ebenso haben wir es wohl im Nachstehenden nur mit einem, vielleicht etwas übertriebenen Traumbild zu thun.

Apollonius hatte sich nach Pergamon begeben, wo er die Beter im Aeskulaptempel belehrte, was sie zu thun hätten, um günstige Träume zu erhalten, und wo er auf dem Grabhügel des Achilles nächtigte, um sich mit dessen Geist zu unterreden. Derselbe erschien ihm in überirdischer Schönheit achtunggebietend undvon heiterem Angesicht, glänzend, in einer übermenschlichen Größe usw.[773]Wenn die Wesenheit des Achilles in Jarchas reincarniert gewesen sein soll, so könnte sie füglich dem Apollonius nur als eine rein subjektive Vision erscheinen.

In Athen traf Apollonius einen besessenen Jüngling, zu dem er sagte: „Nicht du frevelst hier, sondern der böse Geist, von dem du besessen bist, ohne daß du es weißt.“ – Als nun Apollonius ihn scharf und zornig anblickte, schrie der Dämon auf wie ein Gebrannter oder Gefolterter und schwur, den Jüngling loszulassen und nie wieder einen Menschen zu überfallen. Als aber Apollonius zu ihm sprach wie ein zorniger Herr zu einem schamlos bösen Knecht und ihm befahl, sichtbar auszufahren, da rief er aus: „Das Standbild will ich umwerfen!“ und wies auf eine Statue bei der Königshalle. Wirklich geriet diese in Bewegung und stürzte um.[774]Welches Schrecken und welches Staunen! Wer mags beschreiben! Der Jüngling aber rieb sich die Augen wie ein Erwachender, sah nach der Sonne und war verlegen, weil aller Augen auf ihn sahen. Von da an aber erschien er nicht mehr so wild und maßlos wie vorher, sondern seine gesunde Natur kam wieder hervor, wie nach dem Gebrauch eines Heilmittels.[775]

Diese Erzählung gleicht so vollkommen den Mitteilungen aller Zeiten über vorgenommene Exorcismen, daß man kein Wort zu ihrer Erläuterung nötig hat. Nur zu dem Umwerfen der Statue wollen wir eine Parallele aus der Autobiographie des Bürgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund beibringen, welche Gustav Freitag im 5. Bande seiner „Bilder aus der deutschen Vergangenheit“ mitteilt. Der Vorfall trug sich im Jahre 1529 zu und betrifft eine besessene Magd Sastrows: „Mit dem Exorcismo trieb er (der Teufel) sein lautes Gespött; denn als der Priester ihn beschwor, daß er ausfahren sollte, sagte er: ja er wolle weichen, er müsse ja wohl das Feld räumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte; wenn ihm das Geforderte abgeschlagen würde, stünde ihm das Bleiben frei. Es stand einer unter denAnwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, daß er den Hut vom Kopfe nehmen dürfte, den Hut wollte er mit sich nehmen und weichen. Ich trage Sorge, wäre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar hätten mit dem Hut gehen müssen. Zuletzt, als er wußte, daß seine Zeit, die Magd zu plagen, verflossen war, und vermerkte, daß unser Herrgott das demütige Gebet der gegenwärtigen Leute gnädiglich erhörte, forderte er gar spöttlich eine Tafel Glas aus dem Fenster über der Turmuhr, und als ihm eine Raute aus demselben erlaubt wurde,hat sich dieselbe zusehends mit einem Klange abgelöst und ist davon geflogen. Nach der Zeit hat man nichts Böses bei der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorfe einen Mann bekommen und von ihm Kinder erhalten.“[776]

Auf Kreta gab Apollonius abermals eine Probe seines Fernsehens, denn als ein Erdbeben entstand, rief er den Leuten zu: „Fürchtet euch nicht, denn das Meer hat ein Land geboren.“ Nach einigen Tagen kamen Leute aus Kydonia, welche berichteten, daß während des Erdbebens sich in der Meerenge zwischen Thera und Kreta eine neue Insel gebildet habe.[777]

Ein weiterer hierher gehöriger Fall ereignete sich in Rom, wohin sich Apollonius von Kreta aus begeben hatte. „Als es nämlich bei einer Sonnenfinsternis donnerte, was bei Finsternissen selten zu geschehen scheint, hatte er zum Himmel aufblickend gesagt: ‚Etwas Großes wird geschehen.‘ Niemand verstand das Wort, aber drei Tage später verstanden es alle. Als nämlich Nero gerade bei Tische saß, fuhr ein Blitz auf die Tafel und schlug ihm den Becher aus der Hand, den er gerade zum Munde führte. Daß der Kaiser so mit dem Tode bedroht und doch nicht getroffen wurde, hatte Apollonius mit dem ‚geschehen und nicht geschehen‘ gemeint.“[778]

Durch diese Prophezeiung hatte Apollonius den Verdacht des Tigellinus erweckt, welcher ihn einkerkern ließ. Als dieser Präfektjedoch die Anklageschrift verlesen wollte, fand er zu seinem Erstaunen das von ihm selbst geschriebene Blatt leer. Nach Philostratus hat sich ein gleicher Fall in dem spätern Prozeß des Apollonius unter Domitian zugetragen.[779]Dieser mythisch erscheinende Zug findet Parallelen in zahlreichen Heiligenlegenden und Sagen.

Wir können hier Apollonius nicht auf allen seinen Kreuz- und Querzügen begleiten, sondern müssen uns darauf beschränken, die in das Gebiet des Übersinnlichen gehörenden Berichte aus seinem Leben mitzuteilen, soweit wir dazu Parallelen in der Kulturgeschichte oder in der gegenwärtigen Erfahrung nachweisen können. Deshalb wenden wir uns zu folgender Voraussage des Philosophen: Als Nero geflohen und Vindex tot war, fragten seine Gefährten: „Wem wird nun die Herrschaft zufallen?“ „Vielen Thebanern“, antwortete Apollonius, denn er verglich Vitellius, Galba und Otho, welche die Macht nur kurze Zeit an sich rissen, mit jenen Thebanern, welche auch nur sehr kurze Zeit an der Spitze Griechenlands gestanden hatten.[780]Apollonius sagte dann zu seinen Freunden: „Sehet Roms drei Herrscher, die ich neulich Thebaner nannte! Keiner wird Alleinherrscher werden, sondern in und um Rom werden sie herrschen und umkommen und schneller ihre Rollen wechseln als die Tyrannen auf der Bühne.“ – Das Wort erfüllte sich bald: Galba kam in Rom um, kaum zur Herrschaft gelangt, Vitellius starb nach einem Herrschaftstraume; Otho starb im westlichen Gallien, und nicht einmal ein glänzendes Begräbnis ward ihm zu teil, denn er liegt bestattet wie ein gewöhnlicher Mensch; so wandte sich das Geschick dieser drei innerhalb eines einzigen Jahres.[781]

Apollonius begab sich über Ägypten, wo er durch seine Sehergabe einen wegen Straßenraubes unschuldig Verurteilten befreite[782], nach Äthiopien, um die Weisheit der dortigen Gymnosophisten kennen zu lernen, von welchen er jedoch sehr enttäuscht wurde. In dem ganzen Abschnitte ist nur die Rede des Apollonius an seinen Schüler Thespesion merkwürdig, in welcher er die geistige Entwickelungan der Hand der Askese lehrt[783], und in deren Verlauf er seinem Schüler bezüglich der Wundersucht seiner Zeit das auch heute noch geltende Mahnwort zuruft: „Mit dem Glauben an Unglaubliches entsagt man der Vernunft!“[784]

Beiläufige Erwähnung verdient noch die Erzählung von dem durch Apollonius gebannten Satyrgespenst, welches in einem Dorf an den oberen Nilkatarakten die Frauen unsichtbarerweise mit seiner Liebe verfolgte und dann tötete. Apollonius befahl, um das Gespenst zu bannen, einen Trog mit Wein zu füllen, den der Satyr trinken und sich darauf entfernen würde. Als der Satyr zur Stelle beschworen worden war, „blieb er zwar unsichtbar, aber der Wein verschwand, als ob er getrunken würde“.[785]Dieser Bericht ist offenbar wieder fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erinnert aber auffallend an den slavischen Vampyrglauben und die sogenannten Incubusvorgänge, sowie besonders an die von Horst im ersten Band seiner „Zauberbibliothek“ mitgeteilte Geschichte des Arnod Paole. Das eigentümliche Verschwinden von Flüssigkeiten kommt auch im modernen Mediumismus vor.

Von Ägypten nach Griechenland zurückgekehrt, sagte er dem Titus voraus, daß ihm „der Tod aus dem Meere kommen werde“, wie dem Odysseus, was seine Schüler so deuteten, als ob der Kaiser wie Odysseus durch den Stachel eines Rochens tödlich verletzt werde.[786]Angeblich aber wurde Titus durch Domitian mit einem Seehasen vergiftet.

In Smyrna hatte Apollonius geweissagt, daß Nerva der Nachfolger Domitians sein werde, was durch einen Schüler des Philosophen, Euphrates, nach Rom verraten worden war, worauf der Kaiser die Verhaftung und Transportation des Apollonius nach Rom befahl. Der Weise aber sah dies „auf übersinnliche Weise wie gewöhnlich voraus“, ging unter Segel und fuhr nach Rom.[787]

Von dem Aufenthalt des Apollonius in Rom und seinen Schicksalen im Gefängnis und vor Gericht ist hier nur zu erwähnen, daß Philostratusbeiläufig erzählt, Apollonius habe sich einmal im Gefängnisse seiner Fesseln auf übersinnliche Weise[788]entledigt. Dies gehört bekanntlich zu den am häufigsten vorkommenden mediumistischen Erscheinungen.

Der Prozeß endigte damit, daß Apollonius vom Kaiser freigesprochen und aufgefordert wurde, an seinem Hofe zu bleiben. Der Philosoph aber bat um seine Unabhängigkeit, forderte vom Kaiser eine bessere Führung der Regierung und „verschwand aus dem Gerichtssaal“.[789]– Als gegen Abend desselben Tages seine Schüler im Nymphäum zu Dikäarchia um ihren Lehrer wehklagten und verzweifelten, ihn wiederzusehen, erschien er plötzlich unter ihnen und überzeugte sie, die ihn für einen Geist hielten, von seiner leiblichen Existenz.[790]

Man hat in dieser gewiß sehr ausgeschmückten Begebenheit eine Parallele zum Wiedererscheinen Christi unter den Jüngern sehen wollen, aber offenbar – weil ja Apollonius nicht gestorben war – mit Unrecht. Eher dürfte sie eine Parallele zur Befreiung des Petrus und der andern Apostel aus dem Gefängnis sein, wie sie die Apostelgeschichte mehrfach erzählt.[791]– Mythisch ist ebenfalls der Zug, daß Apollonius sieben Tage in der Höhle des Trophonius geweilt und als Kern aller Weisheit ein die Lehren des Pythagoras enthaltendes Buch herausgebracht habe.[792]Auf geschichtlicher Grundlage beruht aber wahrscheinlich die Aufgabe, daß Apollonius zu Ephesus die Ermordung des Domitian in dem Augenblick verkündete, als sie zu Rom vor sich ging. Diese Voraussage erregte Zweifel der Ungewißheit, aber bald belehrten Eilboten die Epheser über die Wahrheit des Gesichtes.[793]

Mit dieser Erzählung schließt Philostratus die Biographie des Philosophen. Über dessen Tod teilt er keine näheren Umstände mit. Apollonius wird einerseits als Gott und Wundermann überschätzt, andererseits als Betrüger oder Narr unterschätzt. Wir aber sehen in ihm nur einen nach pythagoräischer Weise lebenden Philosophen. Er entwickelte offenbar in sich die in jedem Menschen vorhandenen übersinnlichen Kräfte und Fähigkeiten.

Schon die Schüler des Sokrates sprachen gern von einem schöneren Leben in der Vergangenheit fremder Völker und sahen in demselben ihr Ideal, welches sie mit der jünglingsfrischen Kraft des Hellenentums in die Wirklichkeit zu übertragen suchten. Als nun die Griechen unter Alexander einen großen Teil Asiens unterjocht hatten und mit der wunderbaren Kultur des Orients bekannt geworden waren, da begann die Philosophie Indiens allmählich Einfluß auf die Lehren des Abendlandes zu gewinnen, und die bildungsstolzen Griechen sahen mit Staunen, daß ihre hochgerühmte Kultur nur der schwache Abglanz einer früheren viel höher entwickelten war, an welche alte halbverklungene Sagen noch erinnerten. Diesen konnte aber auch vor allem Plato eine innere Wahrheit nicht absprechen.

So entstand und verbreitete sich die hohe Meinung von dem heiligen Leben und der tiefen Weisheit der Inder; auch dachte man sich diese mit den phönicischen, ägyptischen und jüdischen Priestern in einem gewissen Zusammenhang stehend, der vielleicht durch eine besondere Geheimlehre vermittelt würde. Jener äußere Anstoß, welcher durch die Feldzüge Alexanders gegeben wurde, hat wohl am meisten zum Kulturaustausch des Orients und Occidents mitgewirkt,wobei wir freilich nicht übersehen dürfen, daß auch die Mysterien und sonstige von Osten herüberkommende Geheimkulte als wichtige Faktoren zur Vermittelung des religiösen und philosophischen Lebens beider Weltteile beitrugen; jedoch weiß man noch immer zu wenig über die Geheimnisse, als daß man ihren Einfluß auf das geistige Streben jener Zeiten mit Sicherheit bestimmen könnte.

Endlich aber wirkt noch ein drittes sehr zu beachtendes Moment mit an dieser so merkwürdigen Verschmelzung entgegengesetzter Anschauungen, nämlich der Zerfall der religiösen Vorstellungen und wissenschaftlichen Begriffe, die Trennung der Philosophie und der Religion bei den Griechen. Die griechische Religion hatte durch ihre dem Künstlerischen sich zuneigende Ausbildung das Bedeutsame ihrer alten Formen verloren, und eine willkürliche Deutung der alten Bilder konnte ihren wirklichen Sinn nicht ersetzen. Es war also das Bedürfnis nach religiösen Neuerungen, welche dem Herzen wie dem Verstande genügten, das Bedürfnis nach einer Versöhnung der Wissenschaft mit der Religion gegeben, und in der Erkenntnis der tiefen orientalischen Weisheit glaubte man die Befriedigung desselben finden zu können. Daher rührt es denn auch, daß je länger, desto häufiger Griechen von gelehrter Bildung Zugang zu den öffentlichen und geheimen Kulten der Orientalen suchten und fanden, wobei sie die alt-orientalischen Lehren mit den eigenen Überlieferungen verglichen, sie vertieften und zu verschmelzen suchten. Es war die Zeit der Ausbildung der Kabbala und des Keimes der grundlegenden Anschauungen der späteren neupythagoräischen, gnostischen und neuplatonischen Schulen. Kleinasien und Alexandria waren der Hauptschauplatz dieses Ringens und endlichen Verschmelzens der entgegengesetzten Weltanschauungen.

Solange jedoch das Römerreich noch innerlich gesund war und das Griechentum sich einer verhältnismäßigen Blüte erfreute, kamen diese eklektischen Systeme zu keiner größeren Bedeutung. Erst als der Kaiserzeit die Kultur der alten Welt verfaulte und einem übertünchten Grabe glich, als eine Stütze der alten Gesellschaft nach der andern brach und alle Welt Rettung aus dem Chaos suchte, erst dann gelangten die genannten in den innersten Bedürfnissen der Menschennatur wurzelnden philosophischen Richtungen durch die gleichen Umstände zur Geltung, welche auch dem Christentum seine welthistorische Stellung erobern halfen.

Unter den bedeutendern Schriftstellern älterer Zeit, die dem Neoplatonismus die Bahn brachen und bei welchen die diesem angehörige und eigentümliche Geistesrichtung offen zu Tage trat, sind in erster LiniePlutarch(ca. 50–120 n. Chr.) und der zur Zeit der Antonine lebendeL. Apulejuszu nennen. Von diesem Zeitalter an gelangte die mystische eklektische Philosophie zu immer größerer Bedeutung und verkündete sich besonders in der Sehnsucht nach einer mystischen Vereinigung mit dem Göttlichen, die teils durch Askese, teils durch Theurgie gewonnen werden sollte und gegen welche das äußere Leben als ein leeres Schattenbild zurücktrat.

Die Aufgabe der mystisch-eklektischen Philosophie war die Erschließung jener dunkeln Gebiete, an deren Grenzen die Logik der Schulen eben noch heranreicht, welche uns aber verläßt, sobald wir die Schwelle des Avernus überschritten haben. Über diese Gebiete fand man bei den Philosophen teils nur Andeutungen in Bildern oder Mythen, teils auch bestimmte geäußerte Meinungen, welche, wie jene Andeutungen nicht verkennen ließen, nicht in ihrem buchstäblichen Sinne aufgefaßt sein wollten. Je mehr man nun bei der Betrachtung der „letzten Dinge“ – um hier vergleichungsweise diesen christlich-dogmatischen Ausdruck zu gebrauchen – sich genötigt sah, die Aussprüche der Philosophen allegorisch aufzufassen, um so mehr kam man zu der Überzeugung, daß im Grunde alle oder doch die tiefsten Philosophen miteinander einig seien und nur denselben Sinn in verschiedenen Formeln ausgedrückt hätten. Und in der That finden wir bei den alten Philosophen an den äußersten Grenzen der Forschung mehr Einigkeit als bei Untersuchungen, welche sich der Mannigfaltigkeit weltlicher Erscheinungen zuwenden. In dem Drang, das Geheimnis des Absoluten und seines Verhältnisses zum Relativen, des Göttlichen zum Weltlichen anschaulich zu machen, näherte sich der griechische Philosoph den Quellen orientalischer Mystik, und der orientalische Priester bediente sich zur Verbreitung seines transscendentalen Wissens der Waffen, welche griechische Rhetorik und Dialektik geschliffen hatten. Es bildete sich eine rhetorische Lehre aus, welche den Kern der älteren Systeme eklektisch umfaßte und ihre Weisheit zum Teil unter symbolischer Hülle offenbarte.

Da ferner nun das Abendland und der Orient ganz verschiedene Forschungsmethoden befolgen, indem nämlich der europäische Philosoph und besonders der auf alle Künste der Dialektik eingehetzte Altgrieche an der Hand des logischen Beweises Schritt vor Schritt vorwärts geht und das als nicht existierend betrachtet, was nicht logisch bewiesen werden kann, indem er vom Besondern auf das Allgemeine schließt, sucht der Mystiker des Orients durch Autopsie zur Vereinigung mit dem Allgemeinen und zur Erkenntnis und Beherrschung des Besondern zu gelangen; durch das Anschauen des Absoluten ist der Mystiker individuell überzeugt, und der logische Beweis wird für ihn überflüssig. Der Weg und das Mittel zur Autopsie ist die Askese, die möglichste Vermeidung aller Verunreinigung durch die Materie. Die möglichste Steigerung in der Enthaltsamkeit vor sinnlichen Genüssen, die gänzliche Abtötung der sinnlichen Triebe, die Kasteiung des Fleisches wird zum Mittel, durch Anschauung des Heils wie des Wissens teilhaftig zu werden, denn jemehr der Mensch dem Sinnlichen erstirbt, desto mehr lebt er im Geistigen. Damit ist zugleich die innere Notwendigkeit der für den Neoplatonismus so charakteristischen Verachtung aller Außendinge, welche wir – allerdings aus ganz anderen Gründen – auch bei den Cynikern und Stoikern finden, gegeben, die in ihrer extremen Auffassung die neoplatonische Lehre nicht lebensfähig werden ließ.

Es erhellt, daß bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der neuplatonischen Philosophie die Fähigkeiten und Kräfte des transscendentalen Bewußtseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhängigen Beobachtungen sehr zahlreich werden mußten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und Schwärmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus und Mediumismus erklärt werden, wollen wir hier besonders die Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre berücksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient.

Der eigentliche Begründer des Neuplatonismus ist der etwa190 n. Chr. von christlichen Eltern geboreneAmmonios Sakkas, welcher nach Eusebius[794]sich dem Heidentume zuwandte, als er selbständig zu denken begonnen hatte. Von seinem Leben wissen wir sehr wenig, weil er selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen machte und er sowohl als seine Schüler auf Außendinge nicht den mindesten Wert legte. Wie Hierokles und Porphyrius erzählen, erwarb Ammonios in Alexandria sich seinen Unterhalt durch Sacktragen, woher er den Namen Sakkas erhielt, und lehrte dabei eine Philosophie, welche die Übereinstimmung des Plato und Aristoteles in allen Punkten nachzuweisen suchte. Diese Lehre scheint eine esoterische gewesen zu sein, denn Porphyrius berichtet im Leben des Plotinus, daß sich die drei Schüler des Ammonios Erennios, Origenes (welcher nicht mit dem bekannten Kirchenvater zu verwechseln ist) und Plotinos verbunden hätten, die Lehren ihres Meisters nicht zu veröffentlichen. Erennios und Origenes brachen jedoch dieses Versprechen durch die Herausgabe jetzt verloren gegangener Schriften, worauf sich auch Plotinos seines Versprechens für entbunden hielt und nun die Schriften verfaßte, welche wir noch jetzt von ihm besitzen. Als ein vierter Schüler des Ammonios wird ein Grammatiker Longinos genannt.

Der Bedeutendste von allen istPlotinos, welcher im Jahre 205 zu Lykopolis in Ägypten geboren ward.

Er erhielt seine wissenschaftliche Bildung zu Alexandria, wo er im 28. Jahre seines Lebens Philosophie zu studieren begann. In Ammonios Sakkas fand Plotin den gesuchten Mann, der ihm Ehrfurcht vor orientalischer Weisheit und heißes Verlangen nach derselben einflößte. Deshalb nahm auch Plotin, nachdem er elf Jahre den Unterricht des Ammonios genossen hatte, teil an dem Feldzuge, welchen Kaiser Gordianus (der Enkel) gegen die Perser eröffnete, um bei dieser Gelegenheit die persische und indische Philosophie an der Quelle studieren zu können. Als jedoch Gordian im Jahre 244 ermordet worden war, ging Plotin nach Antiochia und später nach Rom, wo er als Lehrer der Philosophie auftrat.

Im Anfang scheint die neue Schule nicht besonders prosperiert zu haben, denn Amelios, ein Zögling unseres Philosophen, berichtet,daß dieselbe voll Unruhe, Geschwätz und Lärmen, dabei aber schlecht besucht gewesen sei. Im Laufe der Zeit kam jedoch Plotin zu hohem Ansehen, wie die Namen zahlreicher Schüler beiderlei Geschlechts bezeugen. Ihm hörten nicht nur römische Ritter und Senatoren, sondern auch eine große Menge der vornehmsten Damen zu, von denen eine, namens Gemina, Plotin zeitweilig in ihr Haus aufnahm.

Unser Philosoph erfreute sich des allgemeinsten Vertrauens, so daß er als „ein heiliger, göttlicher Fürsorger“ von den edelsten Männern als Testamentsvollstrecker und Vormund ihrer Kinder eingesetzt wurde. Sein Haus war daher mit vornehmen jungen Leuten beiderlei Geschlechts überfüllt, deren Erziehung er leitete und deren Güter er auf das gewissenhafteste verwaltete, „um – wie er sagte – ihnen wenigstens ihre zeitlichen Schätze ungeschmälert übergeben zu können, wenn sie keinen Geschmack an der Philosophie und den himmlischen Dingen finden sollten“. Sehr häufig wurde Plotin als Schiedsrichter angerufen, welchem Amte er mit so großer Klugheit vorstand, daß er sich dabei nach der Versicherung seines Schülers Porphyrius (invita Plotini), während seiner sechsundzwanzig in Rom verlebten Jahre auch nicht einen einzigen Menschen zum Feind machte.

Selbst Kaiser Gallienus (259–268), eines der nichtswürdigsten Ungeheuer, welche den römischen Kaiserthron schändeten, und dessen Gemahlin Salonina waren für die Ideeen Plotins derart begeistert, daß sie eine verfallene Stadt in Kampanien wieder aufbauen und Plotin nebst seinen Schülern schenken wollten. Diese Stadt sollte Platonopolis genannt und nach den von Plato entwickelten politischen und ethischen Prinzipien regiert werden. Porphyrius berichtet in seinem Leben Plotins mit nicht geringem Unwillen, daß dieser schöne Plan durch einige Hofleute vereitelt worden sei, welche den Plotin beneidet und Plato nicht den Ruhm eines Gesetzgebers gegönnt hätten.

Plotin lebte bis zum Jahre 270 in Rom, zog sich dann, von einer Krankheit befallen, nach Kampanien zurück und starb, indem er dem ihn besuchenden Arzt Eustochius die Worte zurief: „Ich führe jetzt den in mir wohnenden Gott der im Weltall lebenden Gottheit zu!“ – In demselben Augenblick kam, so erzählt dieallegorische Legende, unter dem Bett eine drachenartige Schlange, welche für den Genius Plotins gehalten wurde, hervor und verschwand durch eine in der Wand befindliche Öffnung.

Nach Porphyrius hatte Plotin sein göttliches Auge beständig auf den ihn begleitenden Genius gerichtet und lebte „recht eigentlich in einer wesentlichen und realen Gemeinschaft mit der Geisterwelt“. Von dem hohen Werte und der Wichtigkeit dieses geistigen Lebens und Verkehrs im Gegensatz zu seiner äußeren Persönlichkeit war denn auch Plotin so durchdrungen, daß er seinen Freunden und Schülern weder den Tag noch den Ort seiner Geburt nannte, weil es schon zu viel sei, über solche irdische Dinge auch nur ein Wort zu verlieren. Alles phänomenale Sein ist ihm ein Elend, ein Irrtum und ein niedriger Zustand, von welchem sich der Mensch losmachen muß, damit er durch die „Tugend“ zu Gott zurückkehre. Dieser Gipfel der Tugend, auf welchem sich die Seele mit Gott vereinigt, wird nur erreicht durch die Askese. Deshalb enthielt sich auch Plotin aller Fleischspeisen, nicht selten auch des Brotes, und fastete oft so lange, daß er sich andauernde Schlaflosigkeit zuzog. Er gönnte sich nicht das regelmäßige Bad, wie es doch bei seinen Landsleuten Sitte war, und unterließ zuletzt selbst die üblichen Abreibungen seinem Körpers, die einzige Pflege, welche er demselben noch hatte zu teil werden lassen. Es schien ihm eine unerträgliche Eitelkeit, von dem Schattenbilde seines Körpers eine Abbildung machen zu lassen, welche eine längere Dauer als das Original habe. Als nachahmungswürdiges Muster eines Weisen empfahl Plotinus seinen Schülern den römischen Senator Rogatianus, welcher durch ihn so bekehrt worden war, daß er seine Sklaven freiließ, sein Vermögen verschenkte, sein Prätorenamt aufgab und nicht einmal in seinem eigenen Hause wohnte, sondern bei seinen Freunden schlief und speiste. – Alle späteren Neuplatoniker eiferten ihrem Meister in dieser übertriebenen Selbstentsagung, bei welcher indischer Einfluß unverkennbar ist, nach und genossen weder Fleisch noch Wein, noch die Freuden der Liebe, welche sie als die größten Hindernisse eines heiligen Lebens und der innigen Vereinigung mit Gott ansahen.

Porphyrius berichtet denn auch, daß während seiner sechsjährigen Lehrzeit bei Plotin dieser, sein Meister, viermal der „Vereinigungmit Gott“ gewürdigt worden sei, während ihm – Porphyrius – dieses Glück im ganzen Leben nur einmal zu teil ward. Wie sein Biograph ferner berichtet, war Plotin hellsehend und hatte die Fähigkeit, die Gedanken anderer zu lesen, er wußte Diebstähle zu verkünden so gut wie die Zukunft und sagte seinen Schülern ihre Gedanken.

Bei folgendem von Porphyrius berichteten merkwürdigen Beispiel von der hohen Entwickelung der magischen Seelenkräfte Plotins müssen wir etwas länger verweilen: Olympius aus Alexandria, ein auf unsern Philosophen neidischer Schüler des Ammonios, suchte denselben durch magische Künste an seiner Gesundheit zu schädigen, überzeugte sich jedoch sehr bald, daß sein Beginnen vergeblich sei, und sagte zu seinen Bekannten: „Welch eine machtvolle Seele besitzt nicht dieser Plotin, denn alle gegen sie gerichteten Künste prallen von ihr ab und auf den Angreifenden zurück!“ Plotin empfand jedoch die magische Einwirkung durch ein Gefühl, als ob ihm Glied um Glied wie ein lederner Beutel zusammengeschnürt werde.

Man hat diese Erzählung sehr häufig als ein Beispiel des bei den Neuplatonikern herrschenden Aberglaubens angeführt, damit aber, wie mir scheint, den ehrlichen, wenn auch schwärmerischen, doch immerhin sehr hoch entwickelten Männern Unrecht gethan. Gehen wir von der Thatsache der nicht durch äußere Sinne vermittelten Gedankenübertragung aus, um jenen Bericht zu erklären, so kommen wir zu folgenden Schlüssen: Wenn die Seele auf die Seele wirkt, so kann dieser Eindruck entweder die Bewußtseinsschwelle des Beeinflußten überschreiten, dann bildet er sich zum Gedanken aus; oder aber er bleibt an der Schwelle des Bewußtseins stehen, dann ruft er nur ein dumpfes, unklares Empfindenhervor.[795]Das eigentümliche Gefühl der Zusammenschnürung, welches Plotin empfand, ist daher sehr wohl zu begreifen und findet überdies seine Analogie in den krampfartigen Erscheinungen, wie sie bei allen „magischen“ Zuständen vom Somnambulismus bis zur Besessenheit vorkommen.

Die Schriften des Plotin sind uns ziemlich vollständig erhalten geblieben, und zwar in der Bearbeitung des Porphyrius, welche dieser im Auftrag seines Lehrers übernahm, weil derselbe durch Augenschwäche von der Revision seiner Werke abgehalten wurde. Porphyrius fand einzelne wenig zusammenhängende Bücher vor, welche er in sechs Enneaden zusammenstellte, je nach der Verschiedenheit des Inhalts, wobei er die äußere Form verbesserte und noch einiges, jetzt nicht mehr näher Bestimmbare hinzufügte. Dies ist höchst wahrscheinlich die Bearbeitung der Plotinischen Schriften, welche wir noch besitzen. Andere von den schon genannten Schülern des Plotin Amelios und Eustochios veranstaltete Bearbeitungen sind verloren gegangen.

Da nun Plotin der eigentliche Philosoph der neuplatonischen Schule ist, während alle Späteren mit Ausnahme des Proklos mehr Theurgen oder Magier[796]zu nennen sind, so wird es geeignet sein, hier eine kurze Darstellung des plotinischen Lehrgebäudes zu geben, wobei wir uns möglichst an die Worte des Philosophen selbst zu halten vorziehen.

Gott ist der Realgrund aller Dinge, und es giebt nur eine Art von Substanzen, nämlich vorstellende; Raum und Materie ist nichts als Schein des Realen, der Schatten der Geister. Die Weltist ewig wie Gott. Gott ist keinem Menschen und überhaupt keinem Wesen fern. Er ist das reine urwesentliche Licht und macht die Basis alles Seins und Denkens aus; er ist die Einheit, welche jedem Denken vorausgeht und demselben das Objekt giebt.[797]

Der Intellekt (νοῦς) ist ein Bild des (All)-Einen, denn als Erzeugtes muß es Ähnlichkeit von dem Erzeugenden empfangen und behalten; der Intellekt ist nur dadurch geworden, daß er das Eine schaute. Daher ist auch im Intellekt Einheit, und die Einheit ist die Möglichkeit aller Dinge. Der Intellekt schaut auf das Eine, wodurch ihm ein Objekt des Erkennens gegeben ist; es ist die zum Erkennen erforderliche Doppelheit, Objekt und Subjekt, vorhanden. Ebenso wie der Intellekt das Anschauungsvermögen von dem Einen erhalten hat, so ergießt sich diese Kraft wieder von dem Intellekt aus und erzeugt andere, ihr ähnliche, nur minder vollkommene Intellekte.[798]

Da indessen der Intellekt das Erkennen nicht von sich, sondern von dem Einen hat, so muß auch in dem Einen als in der Quelle alles Erkennens zwar nicht Erkenntnis, wodurch die Einfachheit aufgehoben würde, aber doch etwas Ähnliches sein, gleichsam ein Schauen und Wissen ohne Doppelheit. Das Eine sieht nicht nach außen auf andere Dinge, sondern nur auf sich selbst. Es liebt in sich den reinen Glanz, das reine Licht, welches es selbst ist. Der Intellekt ist das Produkt des Einen, und das Eine ist sein eigenes Produkt.[799]

Das Licht ist die ursprüngliche, ruhige, stätige, unveränderliche Thätigkeit des Urwesens, das aus ihm unmittelbar und unaufhörlich Ausströmende, ein Lichtkreis, durch welchen alles erleuchtet wird und seine Form erhält. Dieser das Eine umgebende Lichtkreis ist der Intellekt.[800]

Der Intellekt umfaßt alle möglichen Objekte, d. h. die ganze Verstandeswelt, oder ist vielmehr die Verstandeswelt selbst. Intellekt und Realität umfassen alles Sein und Leben.[801]

Die Verstandeswelt ist das Muster und Vorbild der Sinnenwelt. Alles, was in dieser wirklich ist, muß daher auch in der Verstandeswelt enthalten sein, jedoch nur der Form nach. In der Verstandeswelt ist daher auch ein mit Sternen besäeter Himmel, eine Erde mit allen möglichen Pflanzen und Tieren, Wasser und Meer in bleibendem Flusse und Leben mit allen Wassertieren und die Luft mit den ihr lebenden Wesen. Denn was aus dem Intellekt kommt, ist Leben; die Verstandeswelt ist daher auch ein lebendes Wesen, ein Welttier.[802]

Alle die Verstandeswelt ausmachenden Verstandeswesen müssen etwas Gemeinschaftliches und etwas Individuelles haben, denn weil sie im Intellekt existieren, ohne durch den Raum getrennt zu sein, so können sie allein durch das ihnen Eigentümliche unterschieden sein, wodurch sie zu besondern Dingen werden. Dieses Individuelle ist die Form, die Gestalt. Wo nun Gestalt ist, da giebt es auch etwas Gestaltetes, d. h. durch die Form Bestimmbares und Bestimmtes. Dies ist die Materie, d. h. nicht die sinnliche, sondern die übersinnliche. Denn auch das hat die Verstandeswelt mit der Sinnenwelt überein, daß sie aus Form und Materie besteht. Abstrahiert man in Gedanken von den Formen, durch welche die Verstandeswelt ein mannigfaltig gestaltetes Ganze geworden ist, so bleibt nichts übrig als das Gestaltlose und Unbestimmte, welches die Gestalt annimmt und gleichsam trägt.[803]

Durch die Thätigkeit und schöpferische Kraft des Intellekts entsteht die Verstandeswelt, welche nur in ihm existiert. Die Thätigkeit, durch welche die Verstandeswelt wirklich geworden ist, ist eine innere und auf das Innere gerichtete. Soll nun auch eine äußere Welt entstehen, welche sich auf die Verstandeswelt als auf ihr Muster bezieht, so muß außer dem Einen und dem Intellekt noch ein drittes vorhanden sein, dessen Thätigkeit nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet ist. Dies ist die Seele.[804]

Die Seele ist Produkt des Intellekts, sowie der Intellekt Produktdes Einen ist. Nach dem Grundsatz, daß alles Reale aus sich selbst ein anderes Reale erzeugt, was dem Grade der Vollkommenheit nach dem Erzeugenden am nächsten, aber doch nicht ganz gleich kommt, bringt auch der Intellekt etwas hervor, was ihm am nächsten kommt. Die Seele ist ein Gedanke, eine Thätigkeit des Intellekt.[805]


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