2. „Die Seele trachte gottberauscht zu sein,Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.“
2. „Die Seele trachte gottberauscht zu sein,Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.“
3. „Die Seele des Menschen strebe, das Göttliche in sich zu behalten.“
Der erste Kommentar sagt sehr dürftig, die Seele könne des Göttlichen nicht voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelüste abgelegt zu haben.
Psellos bemerkt:
„Die Seele heilige sich zu einem Gefäße, in welchem die Gottheit ihre Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen muß.“
Plethon endlich sagt:
„Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auchnicht, daß ihr der schmutzige Leib zur Hülle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die himmlischen Güter und göttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen sie der Vater so reichlich bedachte.“
Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach:
1. „Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich und die Herrin des Lebens.“
2. „Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und Herrin des Lebens.“
3. „Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich . . . .“
Die drei Kommentatoren sagen:
1. „Das Irdische ist das Vergängliche, das Geistige das Unvergängliche. Nur des letzteren können wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die Herrin des Lebens, d. h. des ewigen Lebens.“
2. „Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergänglich, weil sie nicht aus auflösbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der Finsterniß an, weil sie keinen Körper hat; sie ist also eitel Licht.“
3. „Unter dem Feuer sind die geistigen Fähigkeiten verstanden, mit welchen die Seele des Menschen begabt ist.“
Bei Plethon folgt nun als zwölfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt:
„Suche das Paradies!“
Plethon sagt kommentierend nur, daß unter Paradies der lichtumflossene Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen äußert sich folgendermaßen:
„Die Chaldäer verstehen unter Paradies den Chorus von sämmtlichen Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen umgeben.[228]Dem Unwürdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet man alle Tugenden, welche den Menschen gottähnlich machen.“
Der zwölfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut:
1. „Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab.“
2. „Beflecke nicht den Geist und zieheSein Lichtgewand nicht in die Tiefe.“
2. „Beflecke nicht den Geist und zieheSein Lichtgewand nicht in die Tiefe.“
3. „Verunreinige nicht den Geist.“
Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:
„Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229]bewohnt noch einige Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt, während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes. Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger Zoroasters lehren.“
Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. – Plethon äußert sich folgendermaßen:
„Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag. Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine feinereist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.“
Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern fehlende Spruch:
„Vernachlässige aber auch nicht den Leib.“
„Vernachlässige aber auch nicht den Leib.“
mit dem kurzen Kommentar:
„D. h. man schwäche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben früher zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.“
In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender, bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon aber fehlender Aphorismus:
„Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.“
Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu:
„Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern also von dem göttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfängt, aber an sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflüsterungen der Sinne gehorcht.“
Psellos sagt:
„Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit ihnen eine gewisse Ähnlichkeit besitzen, wie z. B. der menschliche Verstand ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen können in die vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche vom Chaldäer ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung vom Leibe im Weltenraum unbewußt verflüchtigen läßt, d. h. ihr die Fortdauer abspricht.“
Aphorismus vierzehn und fünfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend) lauten:
„Überlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie.“
„Überlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei ihrer Trennung vom Körper nicht zu Schaden komme.“
Bei Psellos zwei und drei:
„Überlasse auch nicht die Hefe der Seele dem AbgrundDamit sie nicht bei der Trennung vom Körper zu Schaden komme.“
„Überlasse auch nicht die Hefe der Seele dem AbgrundDamit sie nicht bei der Trennung vom Körper zu Schaden komme.“
Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen:
„Eine Ermahnung, daß die Seele stets über sich wache und nicht den Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle verfallen, die während ihres Erdenlebens dem Körper, d. h. der Hefe der Seele, eine zu große Macht einräumen.“
Psellos sagt:
„Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte Körper verstanden. Der Jünger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nämlich den Leib, zu erheben. Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele herabgeschleudert wurde. Wie läßt sich aber diese Ermahnung anders befolgen, als indem man den Körper dem Scheiterhaufen übergiebt. Oder ist die Läuterung durch göttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, daß sie nur noch einen ätherischen Leib besaßen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den Beistand der göttlichen Gnade unmöglich.“
Bezüglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, daß auch Plotinos denselben anführe und bemerkt weiter:
„Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so daß die Seele ihre Läuterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, daß die aus der Welt abscheidende Seele noch einige ihrerirdischen Sorgen und Wünsche mit hinüber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine höhere Richtung nimmt.“
Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos und fünfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden Wortlaut:
1. „Wenn du deinen aus ätherischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl fahren.“
2. „Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst,So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.“
2. „Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst,So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.“
3. „Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten Stoff des Leibes dir erhalten.“
Der anonyme erste Kommentator bemerkt, daß unter der Verehrung der Gottheit nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Göttlichen erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon sagt:
„Wenn du einen gottesfürchtigen Wandel führst, so wird dir auch leibliches Wohlsein zu Theil werden.“
Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend) wird in mystischen Werken sehr häufig citiert[231]und lautet in der ersten Fassung:
„Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch falsche Zeichen äffen.“
In der zweiten:
„Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder zeigend.“
Beide Kommentatoren sagen übereinstimmend, daß den in die Mysterien Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter denselben Personifikationen der zerstörenden Leidenschaften, welche die Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken.
Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus hat folgenden Wortlaut:
1. „Die Vernunft lehrt uns, daß die Dämonen ursprünglich heilige Geister seien, und die bösen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind.“
2. „Die Natur sagt uns, daß die Dämonen vollkommene Wesen seien.“
Der erste Kommentar ergeht sich in ziemlich nichtssagender Weise über den Fall der Engel, welchen wir auch oben bei Zoroaster vorkommen sahen. – Plethon versteht unter Dämonen nicht im vulgären Sinn böse Geister, sondern geistige Wesen überhaupt; im übrigen umschreibt er nur den Aphorismus, ohne etwas von Bedeutung zu sagen.
Der nächste Aphorismus findet sich nur in der ersten Fassung:
„Die rächenden Furien zügeln den Menschen. Es führe die Seele die Oberherrschaft und schicke vorsichtig nach allen Seiten ihre Blicke aus.“
Der Kommentar versteht unter den rächenden Furien die notwendigen Folgen der Thaten der Menschen, und unter den Blicken die angeborenen guten Eigenschaften, mit deren Hilfe wir die schlechten erkennen und ihren Einfluß auf uns abwehren.
Der folgende, sich auch bei Psellos findende Aphorismus:
„O Mensch, du kühnes Kunstwerk der Natur.“
„O Mensch, du kühnes Kunstwerk der Natur.“
gehört offenbar zum einundzwanzigsten Spruch der ersten Fassung, welcher in den beiden andern fehlt:
„Hättest du meinen Beistand fleißiger angerufen, so würdest du wohlgethan haben, denn nicht vom himmlischen Stoffe scheint dir das Weltgebäude, sondern zu Schlechten und Krummen sich neigend. Die Sterne glänzen nicht, der Mond ist verfinstert, die Erde wankt, und alle Gegenstände scheinen sich in Blitze zu verwandeln.“
Der Kommentar sagt nur:
„So spricht das Orakel zu dem in die Weihen Initiierten.“
Der zweiundzwanzigste – bei Psellos fehlende – und bei Plethon achtzehnte Aphorismus lautet:
„Nimm nicht das Bild der Natur für die Gottheit selbst!“
Bei Plethon:
„Berufe dich nicht auf das Bild der Natur!“
Beide Kommentare sagen übereinstimmend, Gott sei nicht durch das Bild zu erfassen.
„Alle dem Eingeweihten[232]sich darbietenden Erscheinungen, wie Flammen, Blitze, sind nur Sinnbilder des Schöpfers, nicht sein eigentliches Wesen.“
Der dreiundzwanzigste – bei Psellos zehnte – Spruch heißt:
„Mit reinem Gemüth umfasse die Zügel des Feuers.“
Bei Psellos:
„Die gestaltlose Seele halte die Zügel des Feuers.“
Der erste Kommentar ist nichtssagend. Psellos bemerkt:
„Die gestaltlose, d. h. die von der Materie sich abwendende Seele halte die Zügel des Feuers. Sie soll sich nämlich in den Besitz des zum ewigen Licht führenden Mittels setzen. Wer die Zügel schlaff hält, dessen gute Vorsätze erschlaffen, und er fällt wieder der Erde anheim.“
Der vierundzwanzigste, bei Psellos dreizehnte Spruch hat den Wortlaut:
„Wenn du das heilige Feuer aller Gestalt ledig durch die Tiefen des ganzen Weltalls wirst schimmern sehen, so horche auf den Ton des Feuers.“
Bei Psellos heißt es:
„Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl,Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend,Dann horche auf des Feuers Ton!“
„Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl,Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend,Dann horche auf des Feuers Ton!“
Der erste Kommentator giebt folgende Auslegung:
„Das gestaltlose Feuer ist die Gottheit selbst, welche alle Räume der Welt durchdringt. Auf ihr Flüstern achte du!“
Psellos bemerkt:
„Dieses Feuer ist das göttliche Licht, weil es keine Gestalt hat. Wenn dieses den Seher erleuchtet, daß er im Geist der Erde Tiefen durchschaut, dann vertraue er seinen Eingebungen.“
Der fünfundzwanzigste Aphorismus lautet bei dem Anonymus und Psellos:
1. „Die Seele des Menschen trägt die Spuren ihrer göttlichen Abkunft in sich.“
2. „Eile zum Lichte zu gelangen, zu den Strahlen des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.“
Beide Commentare sind nichtssagend, weil der Aphorismus für sich spricht.
Der sechsundzwanzigste Aphorismus in der ersten Fassung und zweiunddreißigste bei Psellos lautet:
1. „Vernimm, was sich durch den Verstand fassen läßt, denn dies ist über die Vernunft.“
2. „Wisse, das durch den Geist Wahrnehmbare kann vom Verstande nicht begriffen werden.“
Der erste Kommentar lautet:
„Obschon der Schöpfer die Bilder der unsichtbaren Dinge dir eingegeben hat, so bestehen sie in deiner Seele doch nur durch das Vorstellungsvermögen; trachte du aber danach, sie in der Wirklichkeit zu besitzen, d. h. dich nach dem Tode des Leibes mit dem Urgeist, dem nichts verborgen ist, zu vereinigen.“
Psellos dagegen sagt:
„Obschon der Verstand uns alle Dinge erklärt, so kann doch das Wesen Gottes von ihm nicht erfaßt werden, denn dies wäre nur durch unmittelbare Erleuchtung von oben möglich. Weder der Gedanke des Menschen, noch das artikulirte Wort kann das Wesen des Schöpfers definiren. Er ist durch ehrfurchtvolles Schweigen weit passender verehrt, als durch einen Schwall von Worten. Er ist über alles Lob erhaben.“
Der siebenundzwanzigste – bei Psellos fehlende – Aphorismus hat den Wortlaut:
1. „Wahrlich, etwas ist durch den Geist wahrnehmbar, das sich den Sinnen entzieht.“
Der Kommentator bezieht das den Sinnen nicht Wahrnehmbare kurzweg auf Gott.
Der achtundzwanzigste – bei Psellos sechsundzwanzigste – Aphorismus lautet:
1. „Alles ist aus Einem Feuer hervorgegangen, welches derUrheber dem aus ihm hervorgegangenen Geist übergab, welch' Letzteren die Menschen für das Urwesen[233]selbst halten.“
2. „Alles ist aus einem Feuer entstanden.“
Der erste Kommentator sagt:
„Alles emanirt aus Gott. Er hat Alles geschaffen, nämlich die geistigen Vorbilder der Dinge[234]; der eigentliche Weltbaumeister verfertigte die irdischen Abbilder der vorigen, denn von der Materie, welche aber nicht vom Urquell des Lichts herstammt, konnte die Körperwelt nicht entstehen.“
Psellos bemerkt zu diesem Aphorismus in seiner Fassung nur, daß er dem christlichen Glauben entspreche, insofern alles in Gott wurzele.
Der neunundzwanzigste Aphorismus der ersten Fassung fehlt bei Psellos und ist der neunzehnte bei Plethon; er hat folgenden Wortlaut:
1. „Die Dinge, welche vom Verstand erforscht werden, sind selbst Intelligenzen.“
2. „Die Seelen, welche vom Vater empfangen werden, sind selbst der Empfängniß fähig.“
Der erste Kommentar lautet dahin, daß die geistigen, unkörperlichen Wesen Zeugungen Gottes, selbst handelnde Persönlichkeiten und verschieden von den mit dem Leib vermählten Seelen[235], den Geschöpfen des Demiurgen sind. Plethon sagt nur, daß hier die geistige Fortpflanzung der Ideen gemeint sei, welche die Chaldäer sich als unsichtbare Personifikationen der Dinge auf Erden vorstellten.
Der dreißigste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der siebente und bei Plethon der zwanzigste. Er lautet der Reihenfolge nach:
1. „Die Welt wird nach unwandelbaren Gesetzen von vielen Intelligenzen regiert.“
2. „Die Welt wird durch vernunftbegabte und doch unbewegliche Wesen vor dem Untergang geschützt.“
3. „Die Welt erhält zu Lenkern solche Wesen, die, weil sie nur intellektuell, also mit den Sinnen nicht wahrnehmbar, auch der Veränderung nicht unterworfen sind.“
Der erste Kommentator und Plethon bemerken nur, daß die oberste dieser Intelligenzen der Demiurg[236]sei, und daß, da die Welt unvergänglich sei, diese Eigenschaft deren geistigen Regenten erst recht zukomme. Psellos verliert sich in die unfruchtbare magisch-astrologische Lehre von den Planetenintelligenzen.
Der einunddreißigste Aphorismus ist bei Psellos der dreiundzwanzigste, bei Plethon der einundzwanzigste und lautet in den drei Fassungen:
1. „Sich selbst hat der höchste Gott dem Blicke aller Wesen entzogen, welche, obschon mit dem Vermögen ausgerüstet, sich von unsichtbaren Dingen eine Vorstellung zu machen, doch seine Eigenschaften nicht begreifen können.“
2. „Der Schöpfer hat sich in die Verborgenheit zurückgezogen und ist selbst den geistigen Naturen unerforschlich.“
3. „Der Vater hat sich selbst entzogen.“
Über diese auch in der Kabbalistik ausgesprochene Lehre bemerkt der erste Kommentator nur, daß dies daher komme, weil kein geschaffener Geist Gott als ungeschaffenes Wesen begreifen könne. Psellos läßt sich auf keine Erklärung ein und sagt nur, daß dieser Satz dem christlichen Glauben widerspreche. Plethon hingegen äußert sich folgendermaßen:
„Obgleich geistige Wesen mittelst des Geistes wahrgenommen werden, entzieht sich doch der Schöpfer auch diesem, wenn der menschliche Forschungsgeist die Natur der Gottheit zu erforschen sich vermißt.“
Der zweiunddreißigste und letzte Aphorismus der ersten Fassung, der zweiundzwanzigste bei Psellos und Plethon lautet:
1. „Der Vater aller Wesen flößt nicht Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.“
2. „Gott flößt keine Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.“
3. „Der Vater flößt nicht Furcht ein.“
Der erste Kommentator und Plethon sagen nur, daß Gott als Urquell alles Guten nur Liebe, nicht aber Furcht einflößen könne. Psellos bemerkt:
„Die göttliche Natur kennt weder Zorn noch Unwillen, sie bleibt sich stets gleich. Deshalb flößt sie auch den Geschöpfen keine Furcht ein. Wäre sie feindlicher Gesinnung, so könnte die Schöpfung keinen Bestand haben. Gott ist ein Licht, aber dem Sünder ein verzehrendes Feuer.“
Damit schließen bei Plethon und in der ersten Fassung die magischen Orakel Zoroasters. Aus der Fassung des Psellos hebe ich noch folgende, bei den andern Beiden fehlenden Aphorismen hervor:
Aph. 5: „Nicht niederwärts den Blick gerichtet!Zum Himmel strebe auf! Denn untenHerrscht nur Nothwendigkeit, die harte,Die den Planeten ihre Richtung gab.“
Aph. 5: „Nicht niederwärts den Blick gerichtet!Zum Himmel strebe auf! Denn untenHerrscht nur Nothwendigkeit, die harte,Die den Planeten ihre Richtung gab.“
Der Kommentar enthält nur den bemerkenswerten Ausspruch, daß sich die Seele auf jedem Planeten verkörpern müsse. Das übrige ist astrologische Spitzfindelei.
Aph. 14: „Es läßt Natur uns Geisterreiche ahnen,Des Bösen wie des Guten allzugleich.“
Aph. 14: „Es läßt Natur uns Geisterreiche ahnen,Des Bösen wie des Guten allzugleich.“
Der Kommentar sagt nur, daß die geahnten Geisterreiche auch zur Erscheinung gebracht werden könnten, wenn es dem Theurgen gelinge, die Elementarkräfte aufzuregen. Damit schließen die Orakel Zoroasters in der Redaktion des Psellos, welche ich hier der fortlaufenden Vergleichung halber außer der Reihenfolge brachte.
In der anscheinend gnostischen Fassung lauten die Orakel folgendermaßen:
„Erforsche den Weg der Seele, woher oder auf welche Weise du, wenn du dem Leibe dienest, jene wieder in die Ordnung, von der du abgewichen bist, bringen kannst, indem du mit dem heiligen Wort dein Werk vollbringst.“
„Nicht abwärts sollst du dich neigen; ein Abgrund ist auf Erden, welcher dich von der Schwelle, die sieben Gänge hat, abzieht, unter welcher der Thron des furchtbaren Schicksals steht.“
„Denn dein Behältniß werden die wilden Thiere der Erde bewohnen.“
„Gieb ja nicht dem Schicksal einen Zuwachs; denn nichts Unvollkommenes geht von der Herrschaft des himmlischen Vaters aus.“
„Aber der Wille des Vaters läßt nicht den Willen jener Seele, bis sie die Vergessenheit preisgegeben und das Wort gesprochen hat, im Gedächtniß behaltend das heilige Zeichen des Vaters.“
„Du mußt zum Lichte eilen und zum Glanze des Vaters, von dem deine Seele ausgegangen ist, welcher viel Verstand inne wohnt.“
„Die Erde beweint sie bis auf die Kinder.“
„Die Vertreiber der Seele, welche sie wieder ins Leben rufen, können erlöst werden.“
„In der linken Höhle deines Lagers wohnt die Kraft der Tugend und bleibt ganz darin, ohne ihre Jungfräulichkeit preiszugeben.“
„Die Seele der Menschen wird Gott gewaltig an sich ziehen; nichts Sterbliches habend, ist sie ganz Gottestrunken. Denn sie rühmt sich der Einheit[237], in welcher sich der sterbliche Körper befindet.“
„Weil die Seele glänzendes Feuer ist durch die Macht des Vaters, so bleibt sie unsterblich und ist Herrin des Lebens, und weil sie viele Vollendungen der Welt hat, sollst du das Paradies suchen.“
„Verunreinige nicht den Geist und drücke ihn nicht in die Tiefe nieder.“
„Es ist auch dem Bilde der Seele[238]sein Theil allenthalben an einem hellglänzenden Ort.“
„Laß nicht den Auswurf des Stoffes am Abgrunde liegen.“
„Führe nicht die Seele heraus, damit sie nicht den Körper verlassend, in Gefahr komme.“[239]
„Wenn du den feurigen Geist zum Dienste Gottes antreibst, so wirst du auch den Körper im Leben wohl-erhalten.“
„Aus dem Busen der Erde gehen irdische Hunde hervor, die niemals das wahre Zeichen dem irdischen Menschen aufweisen.“
„Die Natur räth, daß die Geister heilig seien, und daß auch die Steine des schlechten Stoffs gut und edel sind.“
„Rächende Wesen züchtigen den Menschen.“
„Eine unsterbliche Tiefe wird über die Seele herrschen; du aber richte die Augen ganz in die Höhe.“
„O Mensch, du Gebilde der zuversichtlichsten Natur! Wenn du öfter mit mir geredet haben wirst, so wirst du alles wohl im Gedächtniß behalten. Denn dann wird dir nicht mehr krumm und schief die himmlische Masse erscheinen. Die Sterne glänzen nicht; das Licht des Mondes ist verdeckt. Die Erde steht nicht fest, und Alles wird wie Blitze aussehen.“
„Du sollst nicht das durch sich selbst offenbare Bild der Natur anrufen.“
„Allenthalben mit einfältigem Herzen ergreife die Zügel des Feuers.“
„Wenn du gestaltlos das heilige Feuer erblickst, wie es schimmernd springt durch die Tiefen der ganzen Welt, so höre auf das Geräusch des Feuers.“
„Der Geist Gottes selber gab den Seelen der Menschen die väterlichen Sinnbilder ein.“
„Begreife, was mit dem Verstand begriffen werden kann, denn es ist außer dem Geiste.“[240]
„Es giebt wahrlich etwas, was mit dem Verstand begriffen werden kann.“[241]
„Alles ist aus einem Feuer hervorgebracht, sintemal Alles der Vater vollbracht hat und hat es dem zweiten Geiste mitgetheilt, welchen die Geschlechter der Menschen den ersten nennen.“
„Die Gestalten, welche im Geiste ergriffen werden, vernommen durch den Geist des Vaters, begreifen auch selbst, damit sie, durch schweigende Überlegung bewegt, einsehen.“
„O wie hat diese Welt Lenker, welche mit der Kraft der Einsicht begabt sind und nicht gebeugt werden können.“
„Sich selber hat der höchste Vater von allen andern getrennt; aber nicht auf die Kraft seiner Einsicht hat er sein Feuer beschränkt.“
„Der Vater läßt keine Furcht zu, sondern nur Gehorsam.“
Am reinsten gelangt der indische Occultismus in den Veden zur Darstellung.
Veda, das Wissen, heißt im weiteren Sinn alles Geoffenbarte, weshalb gewissermaßen alle heiligen Bücher der Inder Veden genannt werden können. In engerem Sinn jedoch versteht man unter Veden die vier ältesten Sammlungen religiöser Urkunden, welche nach indischer Anschauung in der Urzeit von Brahma selbst gegeben wurden, und auf welche die indische Religion, die Gesetze und die Litteratur gegründet sind. Es sind:
1. Der Rigveda mit religiös-moralischen Vorschriften, Ermahnungen und Hymnen auf alle Gottheiten.
2. Der Yayurveda, bestehend in sechsundachtzig prosaischen Abschnitten über die verschiedenen Arten der Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche.
3. Der Samaveda, welcher für den heiligsten gehalten wird und lyrische Gebete enthält, die gesungen werden.
4. Der Atharvaveda mit über siebenhundert Hymnen, Exorcismen, Zaubersprüchen, Verfluchungen usw.
Die Veden zerfallen weiter in einen rituellen, Pûrvakândam oder Karmakândam genannten Teil, welcher u. a. die Gebete – Mantras – enthält, die, wenn sie metrisch – rig – sind, gesungen und, wenn nicht metrisch – yajush – leise gemurmelt werden. Daran reiht sich der Brâhmana, Uttarakânda oder Gnâna – Gnosis – genannte Abschnitt, welcher sich über Kosmogonie, das göttliche Wesen, die göttlichen Attribute usw. verbreitet. Jeder Veda, besonders die Brâhmanas enthalten noch eine Anzahl Upanischads oder Meditationen, genannte Traktate, welche die eigentliche Theologieder Veden enthalten. Jedes auf die Veden sich stützende Werk führt den Namen Sâstra; deren giebt es eine große Anzahl und sie wie ihre Kommentare enthalten die zahllosen ceremoniellen Vorschriften.
Die Veden werden häufig Sruti, „das durch Offenbarung Gehörte“ genannt, weil sie von Brahma selbst heiligen Männern, deren Namen genannt werden, geoffenbart worden sein sollen; doch gestehen die Kommentare selbst zu, daß die genannten Heiligen, die Rischis, die wahren Verfasser sind. – Die über diese Verfasser usw. umlaufenden Traditionen lasse ich beiseite.
Zur Zeit als die arischen Indier sich von verwandten Völkern trennten und von den asiatischen Hochebenen in das Tiefland einwanderten, war ihre Religion wohl Sabäismus und im wesentlichen Sonnendienst, wie denn noch jetzt bei Sonnenaufgang das Homaopfer dargebracht wird und die Sekte der Sauras ausschließlich die Sonne verehrt; bei den Indiern wie bei den Essäern darf die Sonne die Blöße des Menschen nicht bescheinen, und in den Veden ist es wie im Zendavesta und bei den Pythagoräern verboten, sein Wasser gegen die Sonne zu lassen, &c. &c.
Als mythische Gottheit und erste Person der allbekannten indischen Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa, führte die Sonne den Namen Brahman, der Leuchtende. Sie schläft zur Zeit des winterlichen Regens, sie stirbt, wird neugeboren, und zahlreiche Mythen des alten Indiens sind nur aus dem Sonnenkultus zu erklären undmutatis mutandisuniversalgeschichtliche Erscheinungen. Überall, wo Sonnendienst herrschte, begegnen wir denselben Festen und den gleichen ihnen zu Grund liegenden mythologischen Vorstellungen, die – wie die ganze Theogonie – in epischem Gewand gleichsam historisiert auftreten.
Die zum Heil des Menschengeschlechts unternommenen Thaten und Wanderungen des Sonnengottes bilden sich im Laufe der Zeit in eine Götterlegende oder – wenn auf menschliche Heroen übertragen – zu einer Heldensage um, aus welcher für das Volk Belehrung und Moral geschöpft wird, und an deren thatsächlicher Grundlage weder Priester noch Geschichtschreiber zweifeln.
In den Veden treffen wir den Brahmaismus in engerem Sinn oder den Sonnendienst mit dem untergelegten Gedanken eines ewigen Lichtquells und weltschaffenden Geistes, welcher – an sichvon der Sonne als Weltkörper unabhängig – diese wie das ganze Universum hervorgebracht hat, welcher alles Thun der Götter und Menschen wahrnimmt und unter dem Bilde der Sonne zu verehren ist.
Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus über, und wie im Mazdeismus Zrvâna-akarana, so wird im BrahmaismusBrahma, „das Große“, ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prädikate durch Kraftäußerungen nach außen werden müssen; deshalb wird es auchtat, das Ich, die Seele oder das Wesen,sat, genannt. Dieses „Große“ wurde als das höchste Wesen betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus seinen Wirkungen zu erkennen suchen müsse. Es führt in den Veden den NamenParabrahma, das Urgroße;Avoyaka, das Unsichtbare;Nirvikalpa, das Unerschaffene;Svayambhu, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma den Begriff des Ewigen und Selbständigen erhält. Auf dieses unendliche Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heißt in den Veden nur, daß vor ihm nichts vorhanden war, und daß seine Glorie so groß sei, daß es kein Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, ähnlich wie im Mazdeismus Ahuramazdâ der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist.
Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und andere aus ihm geflossene göttliche Emanationen, welche nur das persönliche Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen können. Bei diesem Personifikationsprozeß der einzelnen Attribute trat vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurück, und selbst Brahma – seine erste Emanation – verlor an Ansehen, so daß vom Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf den ursprünglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht.
Trotzdem ist aus den heiligen Büchern der Indier überall nachweisbar, daß die indische Religion sich schon sehr bald vomSabäismus zur Verehrungeineshöchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, daß in Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der Sinn für die religiösen Grundwahrheiten früher geweckt werden mußte, als es in dem von wilden Stürmen bewegten Westen möglich war. Hier begannen die schüchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfänge der Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter Pythagoras und Plato einen höhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa einen dem Christentum ähnlichen würdigen Ausdruck fanden.
Der vergeistigte Mazdeismus übte mächtigen Einfluß auf die Religion der Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer höheren Erkenntnisstufe gestanden hatten, während der große Haufe zwischen den polytheistischen Religionen seiner Nachbarvölker hin und her schwankte bis endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des Buddhismus und der hellenistisch-jüdischen Religionsphilosophie in einem Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband.
Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus durch den Sabäismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines höchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen, Emanationen, Attribute &c. sind.
Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fähigkeit des menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend, aus eigner Kraft zum Höchsten sich erheben zu können, und beweist die Nichtigkeit einer erträumten göttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von Jakob Böhme abhängigen gläubigen Naturforschern und Naturphilosophen der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht.
Für den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon früh gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von Tyana[242], daß in Indien nur eine höchste Gottheitalles leite, daß aber daneben Untergötter angenommen würden. Bardesanes spricht sich dahin aus[243], daß es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getränke genössen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten. Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, daß der gebildete Indier keine Idololatrie treibe, und daß beim Volk endlich die Götterbilder nur zur Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich Colebrooke[244], daß der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden sei; daß er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religiösen Schriften von der Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete.
Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrücklich, daß die Veden nur einen Gott lehren als den Herrn aller Götter und Menschen, den man in jedem Wesen erkennen und verehren müsse, und im allgemeinen schildern die Veden die Gottheit als immateriell, unsichtbar, über alle Vorstellung erhaben, aus deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart erkennen kann; als das göttliche unvergleichlich große Licht, von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurückkehrt, welches allein unsern Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch die rollenden Zeiten.[245]
Die Veden lehren: „Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, körperlos, ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmächtig, allweise und allgütig, ein Schöpfer und Erhalter aller Dinge. – Er ist allwissend, aber Niemand kennt ihn, den man den großen, weisen Gott nennt. – Gott, der die vollkommene Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein Vermögen spendete, fest in der Tugend war und der den großen Einen kennt und verehrt. – Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt; er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib;er kam in das Licht des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schöpfung war früher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich über seine Schöpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die ätherische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?“[246]
„Wer weiß genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und warum diese Schöpfung stattgefunden? Die Götter sind später als die Schöpfung. Der im höchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, weiß es; aber kein Anderer kann darüber Kunde haben.[247]– Über den Sonnen hinaus scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum sein Licht.“
„Es ist kein Größerer als Brahma, der Mächtige, in jedem Raume gegenwärtig, allwissend und einzig. Forsche nicht über das Wesen des Ewigen, noch über die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir sei es genug, daß du täglich seine Weisheit, Macht und Güte in seinen Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige Licht aller Zeiten und Räume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. – Man kann Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schöpfung und Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht hauptsächlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom Dienste des höchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe undGlauben, nach welchem er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen muß, also daß er sich in Allem unverbrüchlich nach seinem Willen richte.“[248]
„Das höchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfüllt Alles, und alle Dinge entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gütig, gerecht und barmherzig; es hat alle Dinge geschaffen, erhält Alles und ist gern unter den Menschenkindern, um sie zur ewigen Glückseligkeit zu führen, die darin besteht, daß man das unendliche Wesen liebe und und ihm diene.“[249]
„Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst zurückkehrt, und in dessen Licht sie glänzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist, und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterniß des Irrthums zerstreut haben.[250]– Als Einsiedler mußt du mit einem aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten, noch ein Ende haben wird, welcher der Höchste ist, der Allen, die ihn suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251]– Welchen Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weiße Flamingos, grüne Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird für dich sorgen.“[252]
Soviel über den indischen Monotheismus.
Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten treten die Schöpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heißt, daß das Weltall durch denbloßen Gedanken Brahmas entstanden sei: „Er[253]dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da!“ oder durch sein Schöpfungswort, welches – wie später in der Gnosis – personificiert erscheint. Im Rigveda erscheintvâch, die Rede, als aktive Kraft Brahmas, welche von ihm als Göttin ausgeht, als die höchste Weisheit und Königin aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254]
Auch Origenes sagt[255], daß die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als Wort (λόγος), göttlich und körperlich, als das Wort der Gnosis, durch welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar würden. Ja, ein anonymer Indier äußert sich in seinem SchriftchenDe Brahmanis[256]:
„Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus spiritus est atque mens.“
Diese und ähnliche schon früher erwähnte Anschauungen liegen der schon spätern spezifischen Logosidee zu Grund.
In Manus Gesetzbuch heißt es über die Schöpfung: