Neu erhebt sich die Sonne und endet sich alt im Winter;Gleich ist der Anfang, den nimmt Phöbus zugleich mit dem Jahr. –
Neu erhebt sich die Sonne und endet sich alt im Winter;Gleich ist der Anfang, den nimmt Phöbus zugleich mit dem Jahr. –
Aber warum bist du im Frieden verborgen, und warum eröffnest du deinen Tempel bei erregten Kriegen? Er weilte nicht; vom Gefragten gab er mir den Grund an. – Damit dem Volke, wenn es zum Krieg geeilt ist, die Rückkehr offen stehe, steht auch meine Thür offen und das Schloß ist hinweg. Im Frieden verschließ' ich die Thore, damit nirgends der Ausgang vergönnt sei; und lange werde ich unter Cäsars göttlichem Schutze verschlossen bleiben. Sprachs, und erhebend die Augen, die hier und dort hinblickten, sah er alles, was auf dem weiten Erdkreise lebte. Friede wars, und schon hatte der Rhein, die Ursache deines Triumphs, Germanikus! dir seinen Strom zur Knechtschaft übergeben. O Janus, mache ewig den Frieden, und ewig dauernd die Friedensstifter; und gewähre, daß der Dichter sein Werk nicht unvollendet lasse!“
Unmittelbar an Janus reiht sich der GottSaturn.
Nach der euhemeristischen Auffassung waren bekanntlich sämmtliche Götter in früheren Zeiten als Könige oder Herren auf Erden inkarniert gewesen. So war auch Janus ein italischer König; während seiner Regierung kam Saturn nach Italien, wurde von ihm gastlich aufgenommen und siedelte sich gegenüber dem Kapitolinischen Berge auf dem Janiculum an, der damals der Saturnische Berg hieß. (Hier war der Tempel des Saturn.) Saturn war es, der die Bewohner Italiens denAckerbau lehrte, sie von der wilden Lebensweise entwöhnte und zur Ordnung und friedlichen Beschäftigung anleitete. Er vertritt also bei den Lateinern die Stelle, welche bei den Griechen eine weibliche Gottheit, Demeter, behauptet. Das Regiment des Saturn war dasgoldene Zeitalter. Zur Erinnerung daran feierten die Römer im Dezember, wo man die Feldarbeiten des verflossenen Jahres sämtlich beendetund die des neuen noch nicht begonnen hatte, das heiterste aller Feste, die Saturnalien, an dem das goldene Zeitalter so zu sagen wenigstens für einen Tag wieder aufleben sollte. An diesem Feste sollte wieder Freiheit und Gleichheit herrschen, wie in jenen Tagen. Darum ließ man während seiner Feier die Sklaven in Herrenkleidern und Hüten gehen, die das Zeichen der Freiheit waren, forderte keine Dienstleistungen von ihnen, bediente sie vielmehr selbst bei Tische. Unter Saturns Regierung hatte es noch kein Eigentum gegeben, alles war gemeinsam. Daher stellte man an den Saturnalien Schmausereien an, zu denen jedermann willkommen war, und beschenkte sich reichlich. Vor allem wurden die Kinder nicht vergessen, denen Puppen und Bilderchen geschenkt wurden.
Überall ertönte der jedes böse Omen verscheuchende Ruf:Io Saturnalia! io bona Saturnalia!Es herrschte eine Art Narrenfreiheit, wie heutzutage im Karneval.
Da das Fest um die Zeit der Wintersonnenwende fiel, ist die Beziehung Saturns auf das Sonnenjahr klar, und Saturn wurde daher später von den meisten mit dem griechischen Chronos, dem Gott der Zeit identifiziert. Der alte Saturn ist aber wesentlich nur ein Gott des Ackerbaus.
Als solcher eröffnet er einen ganzen Zug, den Feldbau, Weinbau und die Viehzucht beschützender Götter und Göttinnen.
Seine Gattin zunächst heißtOps, gleichbedeutend mit Fülle, Reichtum und Wohlstand.
Zu diesen gesellten sich Vertumnus und Pomona, als Obstgöttinnen.
Endlich wurden frühzeitig aus Griechenland eingeführtCeres,LiberundLibera.
DaßCeressehr früh rezipiert worden, bezeugt Cicero (p. Balb. 24): „Den Dienst der Ceres“, sagt er, „haben unsere Altvordern mit großer Reinheit und Heiligkeit besorgt wissen wollen. Da er aus Griechenland entlehnt war, so wurde er auch immer durch griechische Priesterinnen ausgeübt, und alles mit griechischen Namen benannt. Wenn aber die Person, welche den Ritus angab und verrichtete, immerhin aus Griechenland berufen wurde, so wollten sie dennoch, daß dieselbe die Opfer, die zum Heile derBürger gebracht wurden, auch als Bürgerin verrichte, um die unsterblichen Götter zwar mit fremder Kenntnis aber doch mit eigener und einheimischer Frömmigkeit zu verehren. Ich finde, daß diese Priesterinnen gewöhnlich aus Neapel oder Velia verschrieben wurden, welche Staaten ohne Zweifel damals mit Rom im Bündnis standen.“
Doch scheint das lateinische Wort Ceres, das an Stelle des griechischen Demeter trat, – sein etymologischer Zusammenhang ist freilich unklar –, anzudeuten, daß die fremde Göttin mit einer schon bekannten einheimischen verschmolzen worden ist.
LiberundLiberasind Bacchus und Ariadne.
Das Wort Liber „frei“ scheint anzudeuten, daß die Sendung des Bacchus im Sinne einer freieren Lebensführung aufgefaßt wurde. An seinem Feste, den Liberalien wechselten die geschlechtsreif gewordenen jungen Römer ihr kindliches Kleid mit der männlichen Toga. Auffällig ist auch, daßliberidie Kinder undliberidie Freien ein lateinisches Wort sind, wieHartung, Religion der Römer S. 138, bemerkt, „hat um der guten Vorbedeutung willen das Volk, dem die Freiheit für das höchste Gut des Lebens galt, die Kinder mit diesem Namen bezeichnet.“ Varro freilich deutet das Wort auf den zügellosen Liebesgenuß und die Ausgelassenheit, die bei der Verehrung dieser Gottheiten üblich war, in sehr drastischer Ausdrucksform („Liber“,qui marem effuso semine liberat, Augustin VII. 2). Allerdings nahm sein Kultus in Italien, zumal in Süditalien, eine mindestens so zügellose Wendung, wie der Bacchus- und Dionysos-Kult in Griechenland.
„Auch die Ausomischen Landleute“, sagtVergil, Georg. II. 380ff., „feiern nicht minder als die attischen das Fest mit Knittelversen und ausgelassenen Scherzen, machen sich Fratzengesichter von ausgehöhlter Rinde, rufen dich Bacchus an in fröhlichen Liedern, und hängen dir zu Ehren Schaukelbilderchen auf hohen Fichten auf. Davon gedeihen alle Weinberge zu reichem Ertrage, füllen sich Thäler und Gründe und Hügel, zu denen der Gott sein herrliches Antlitz gewendet hat. Darum wollen wir mit Gebühr des Bacchus Lob feiern mit herkömmlichen Liedern, und ihm gefüllte Schüsseln und Kuchen darbringen, und beim Horne geführt stehe der Bock vor dem Altar, und sein fettes Eingeweide brate am Spieß.“Hierzu muß eine Schilderung gefügt werden, welche Augustin (VII. 21) von demselben Feste entwirft: „Welchen Grad von Schändlichkeit die Verehrung des Liber erstiegen hat, ist schwer zu sagen. Unter Anderem, was zu erzählen zu umständlich wäre, meldet Varro, daß auf den Straßen Italiens gewisse Ceremonien mit so großer Schändlichkeit begangen wurden, daß man zu Ehren des Liber männliche Schamteile verehrte, und die Liederlichkeit nicht wenigstens in der doch noch etwas verschämteren Heimlichkeit, sondern auf offener Straße ihr Wesen trieb. Denn dieses scheußliche Glied wurde in den Festtagen des Liber mit großer Wichtigkeit auf ein Gestell gepflanzt und erst auf dem Lande die Wege und Straßen entlang und hernach bis in die Stadt herumgeschleppt. In dem Städtchen Lavinium aber wurde dem Liber allein ein ganzer Monat gewidmet, wo alle Tage die unzüchtigsten Reden zu hören waren, bis das Glied über den Marktplatz getragen und wieder an Ort und Stelle gebracht war: und diesem unehrbaren Gliede mußte die ehrbarste Matrone vor den Augen aller Welt einen Kranz aufsetzen. Freilich, so mußte der Gott Liber zum Gedeihen der Aussaaten günstig gemacht, so der Einfluß böser Dämonen von den Feldern getrieben werden, daß die Matrone auf offener Straße zu thun gezwungen wurde, was der Lustdirne im Theater nicht zu gestatten war, wenn Matronen zusähen!“
Noch gegen Ausgang des Mittelalters herrschte bei der Weinlese in Unteritalien ein an diese alten Bacchusfeiern stark erinnernder Ton; so schreibt z. B. in seiner Geschichte Nolas (Historia Nolana lib. III. c. 14) Ambrogio Leone: „Die Winzer scheinen an dem Tage, wo sie die Traubenlese besorgen und überhaupt während der ganzen Weinernte voller Bacchustaumel und geradezu toll zu sein. Dreierlei Dinge üben sie gegen alles gewöhnliche Maß aus, Essen, Weinlese und übermütigen Lärm. Ja, auf dem Felde selbst, wo sie Traube schneiden, rufen sie unaufhörlich schamlose Worte und sprechen von unzüchtigen Dingen, als wenn ihre Gier nur auf unsittlichste Wollust gerichtet wäre. Es ist Landessitte, diese Ungebundenheit zu dulden. Wenn aber einer darüber mit ihnen scheltensollte, so lachen sie ihn aus und strecken wohl gar die Zunge vor ihm aus; keine Scham; alle Ehrbarkeit scheint ausgetilgt zu sein, die größte Zügellosigkeit in Reden und allgemeine Ausgelassenheit wird zur Schau getragen. Kurz, sie treten nicht mehr wie Menschen, sondern wie Satyre und Bacchuspriester auf.“
Man nannte die unzüchtigen Lieder und Verse, die bei diesen Festen improvisiert wurden,fescenninisch; vermutlich hängt das Wort zusammen mitfascinum= Phallus (italienischfescina, zugleich ein phallusartig geformter Korb zum Traubenpflücken[628]). Jedenfalls ist diese Ableitung natürlicher, als die bisher bei den Philologen beliebte von der in Unteritalien belegenen Stadt Fescennium (Georges' Lexikon).
Die geistreichsten Verse der Art hat wohl ein Zeitgenosse Bruno's, der neapolitanische DichterTansilloin seinem aus formvollendeten Ottave Rime bestehenden „Winzer“ (vendemmiatore) gedichtet; er entschuldigt ihren allerdings bedenklich obscönen Inhalt in der Vorrede, wie folgt: „In jedem anderen Lande, als dem meinen, wohin diese Reime gebracht würden, würden sie ihre Anmut verlieren, wenn sie solche überhaupt besitzen; und dies zumal, wenn sie Leuten in die Hände fielen, die denBrauch meiner Heimatnicht kennen. Dieser Brauch gestattet nämlich zur Zeit der Weinlese dem niedrigsten Arbeiter, dem vornehmsten Herrn und der vornehmsten Dame die gröbsten Anstößigkeiten zu sagen, zumal wenn er (der Winzer) auf der Leiter an einem Baum[629]steht und die Trauben pflückt und die nun zufällig Vorüberkommenden anredet, und in dieser Situation ist mein Winzer zu denken, der die Trauben schneidet und den unten stehenden Frauen zuwirft.“
Mit der griechischen Afrodite hat eine Ähnlichkeit die römische Göttin derBlütenund Blumen,Flora.
Die spätere euhemeristische Mythologie erzählte, Flora sei ein besonders schönes Freudenmädchen gewesen, das sich durch Preisgebung seiner Reize ein sehr großes Vermögen erworben und dieses dann als Erbschaft dem römischen Volke hinterlassen habe. Übrigens gehörte ihr Dienst zu den ältesten in Rom, und wenn jene Erzählung von dem patriotischen Testament eines Freudenmädchens auch historisch begründet sein mag, so kann sie doch nicht zur Erklärung des Floralienfestes dienen, das gegen Ende April (vom 28. April bis 1. Mai) gefeiert wurde. Allerdings spielten an diesem Feste, das ebenfalls mit besonderer „Freiheit des Scherzes“, wie Ovid sagt, begangen wurde, die Freudenmädchen eine hervorragende Rolle in Rom; sie ergötzten das Volk mit obscönen Tänzen, pflegten sich vor aller Augen ganz zu entkleiden und jungen Hasen und Rehen nachzujagen oder Ringkämpfe aufzuführen. „Warum aber der Stand der öffentlichen Buhlerinnen die Spiele der Flora besonders ehrt“, sagt Ovid, „davon ist der Grund leicht zu erkennen. Sie ist nicht Göttin vom ernsten und vielversprechenden Haufen, sie wünscht, ihr Fest stehe dem plebejischen Chore frei. Auch fordert sie auf, die Blüte des Alters, so lange sie dauert, zu genießen: die Dornen verachtet man, wenn sie abgefallen sind.“ – Auch die anderen Frauen und Mädchen trugen an diesem Feste gegen sonstige Sitte auffallend bunte Kleider und nahmen einen freieren Scherz nicht übel. „Ganz wird die Schläfe mit festgenähten Kränzen umwunden“, singt Ovid, „und der kostbare Tisch wird von darauf gestreuten Rosen verdeckt. Berauscht tanzt der Gast, das Haar umflochten mit Lindenbast und übt die Kunst des Weintrinkens in maßlosem Grade. Trunken tanzt er an des schönen Liebchen harter Schwelle. Um sein gesalbtes Haupthaar hängen weiche Kränze. Bacchus liebt Blumen; daß Kränze dem Bacchus gefielen, kannst Du aus dem Gestirne der Ariadne entnehmen.“ – Bis tief in die Nacht hinein wurden die Spiele fortgesetzt, bei Fackelschein, „entweder weil von purpurnen Blumen die Fluren leuchten“, sagt Flora bei Ovid, „scheint sich der Fackelschein für meine festlichen Tage zu schicken, oder weil weder die Blüte noch die Flamme von matter Farbe ist, und beider Glanz die Augen auf sich zieht, oderweil nächtliche Freiheit meinen Vergnügungen gemäßer ist. Die dritte Ursache ist näher der Wahrheit.“
Andrerseits ist aber auch wieder die römischeVenuskeineswegs kongruent mit der reizendsten aller antiken Göttergestalten, der griechischen Afrodite. Erst spätere Dichter, wie besonders Lucretius, dessen Widmungsverse an die Venus berühmt sind, und Ovid haben überhaupt die Venus der Römer zu der Bedeutung erhoben, welche sie jetzt noch in unserem mythologischen Vorstellungskreise beansprucht. Vielleicht nicht ohne Einfluß darauf war die Tradition der Julier, die ja bekanntlich ihren Stammbaum auf Aeneas, den Sohn der Afrodite-Venus und des Anchises zurückführten. – Aber während Venus Afrodite eine von hellenischer Ästhetik zur Göttin der Schönheit verklärte Naturgottheit war, symbolisierte oder personifizierte die Venus der alten Römer, wiewohl auch sie schon den Begriff des Reizes und der Anmut (venustas) mit einschloß, doch in erster Linie nur den Sinnengenuß und stand insofern nicht viel höher alsVolupia, die eigentliche Göttin der Wollust. In den Kapellen der letzteren pflegte man merkwürdigerweise Bildsäulen eines geradezu entgegengesetzten Wesens mit aufzustellen, nämlich derAngeroniaoder Angstgöttin, deren Mund verschlossen und versiegelt war; vielleicht glaubte man sich diesen gefürchteten Dämon dadurch gerade geneigt zu machen und fernzuhalten, daß man ihn im Tempel der Wonne aufstellte.
Das Fest der Venus ward am 1. April begangen, welcher Monat ihr besonders geweiht war und nach Ovids Meinung auch nach ihr benannt ist (Aprilis,Aphrilis,ἀφριλις,Aphrodite).
An diesem Tage pflegten die Frauen das Marmorbild der Göttin zu entkleiden und in Myrtenwasser zu baden und dann mit Rosen und goldenen Ketten zu schmücken. Die Myrte ist bekanntlich der Strauch der Venus, weshalb heutzutage noch der Myrtenkranz das Haupt der Bräute schmückt. Auch führt Venus von der Myrte den Namen Murtea. Auch pflegten sich die „Mütter und Schwiegertöchter Latiums, und die, von denen Binden und lange Gewande fern sind“ (die Buhlerinnen) unter grünender Myrte zu baden. „Denn“, erzählt Ovid, „am Ufer trocknete einst Venus nackt die triefenden Haare; der Satyrn schalkhafter Haufen bemerkt die Göttin. Sie sah es und verhüllte ihren Körper mit vorgepflanzten Myrten. Gesichert war sie durch das, was sie that und gebietet nun Euch, es nachzuahmen.“
Andere Beinamen der Venus warenPlacida,Genitrix,Verticordia(Herzenswenderin),CalvaundCloacina. Die beiden letzteren Namen haben zu manchen Deutungen Anlaß gegeben; wahrscheinlich bedeutetcalvanicht die „kahle“, „geschorene“, sondern kommt voncalvere= foppen, und bezieht sich auf die Launen der Verliebten. Cloacina aber kommt nicht, wie boshafter Weise einige Kirchenväter meinen, direkt von Cloake, sondern hängt mitcloare= reinigen, zusammen.
„Wenn nämlich der strenggesetzliche Römer eine Göttin des fleischlichen Liebesgenusses verehrte“, meint Hartunga. a. O. 250, „so läßt sich denken, daß er dabei keine ungeregelte Wollust beabsichtigte und die Lustgöttin nicht um der Lust selbst, sondern um der dabei zu wünschenden Reinheit willen anrief. Diese Reinhaltung nun wurde dem Charakter der alten Römer gemäß zumeist äußerlich und körperlich geübt, so daß Abspülung und Abwaschung, vielleicht auch, wie Plinius andeutet, Beräucherung mit Myrtenreis, nach jedesmaligem Genusse die Hauptsache war: und zu diesem Zwecke wurde die Venus Cloacina verehrt.“ – Ein Fragezeichen scheint mir hinter diese Gelehrten-Hypothese nicht unangebracht.
Unter den weiblichen Gottheiten ist noch zu erwähnenMinerva, die ganz der griechischen Pallas entspricht, der jungfräuliche Typus der überlegenden, erfindenden Geisteskraft; sodann vor allemVesta, die griechische Hestia, die Göttin des Herdfeuers. In ihrem auf dem Forum befindlichen runden Tempel, – nach Plutarch rund, weil er das Weltall vorstellt, in dessen Mitte die Pythagoräer das Feuer setzen, wurde das unauslöschliche Feuer von den sechs vestalischen Jungfrauen gehütet. Die Jungfräulichkeit der Vestalinnen soll nach Plutarch, der bemerkt, daß der Dienst der Hestia in Griechenland vielmehr Witwen anvertraut wurde, deshalb gefordert sein, weil man das reine und unvergängliche Wesen des Feuers nur reinen und unbefleckten Körpern anvertrauen wollte oder zwischen der Jungfrauschaft und der Unfruchtbarkeit dieses Elements einige Ähnlichkeit zu finden glaubte. Die Vestalinnen, welche aus den vornehmsten Mädchen im jugendlichen Alter von sechs bis zehn Jahren ausgeloost wurden, wurden für die ihnen zur strengstenPflicht gemachte Keuschheit durch zahllose Vorrechte entschädigt. Plutarch zählt als solche auf, daß sie noch bei Lebzeiten des Vaters ein Testament machen durften, und – eine in Ansehung des Keuschheitsgelübdes sonderbare Fiktion –,jus trium liberorumbesaßen, d. h. alle erbrechtlichen Vorteile, sowie die Freiheit von Vormundschaft, die für andere weibliche Personen mit dem Besitz dreier Kinder verbunden waren. Wenn sie öffentlich erschienen, ging ein Liktor vor ihnen her. Begegnete eine Vestalin zufällig einem zum Tode geführten Verbrecher, so wurde diesem das Leben geschenkt. Doch mußte die Vestalin schwören, daß die Begegnung nicht absichtlich veranlaßt war. Der Bruch des Keuschheitsgelübdes bei den Vestalinnen wurde streng geahndet, der Verführer zu Tode gegeißelt, die Priesterin lebendig begraben.
Gleichzeitig mit dem Dienste der Vesta soll derjenige des eigentlichen FeuergottsVulcanvon Romulus und Tatius gegründet sein. Über den Kultus dieses Gottes, der keine große Rolle spielte, ist nur zu bemerken, daß ihm seltsamer Weise mit VorliebeFischegeopfert wurden, um durch die Bewohner des feuchten Elements die Gewalt des Feuergeistes gleichsam auf magische Weise zu besänftigen.
Die ursprüngliche Hirtenreligion kennzeichnet endlich die Verehrung desFaunus, dessen Wesen Dionysius, röm. Gesch. V, 16, mit den Worten bezeichnet: „Die Römer schreiben diesem Dämon alles Panische und alle gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen zu Gesichte kommen, und betrachten alle seltsamen, das Gehör erschreckenden Rufe als sein Werk.“ Der Name bezeichnete allmählich nicht mehr ein Individuum, sondern eine ganze Gattung, die Faune oder Silvane, lüsterne koboldartige Wesen, von denen es hieß, daß sie mit Vorliebe die Nymphen, aber auch Frauen im Schlafe zu überfallen liebten. Wegen dieser Eigenschaft führten sie die BeinamenFicarii[630]undIncubi. Hartung meint, daß Alpdrücken und ähnliche Traumerscheinungen den psychologischen Ursprung dieser Dämonengattung gebildet haben.
Die Tochter des Faunus,Fauna, auchFatuaoder Oma genannt, wurde alsgute Göttin,bona Dea, verehrt. Siebildet einen seltsamen Kontrast zu ihrem Vater durch ihre Keuschheit, die sie bis zu dem Grade wahrte, daß nicht einmal der Name einer Mannsperson in ihrer Nähe genannt werden durfte. Der Grund war ihr Prophetentum. Denn bekanntlich ist eine allgemein geglaubte occultistische Voraussetzung der Sehergabe die unbedingte sexuelle Enthaltsamkeit. Ihr Fest wurde nur von Frauen begangen, und zwar im Hause des jedesmaligenPraetor urbanus. Das Haus desselben mußte dann von allen Personen männlichen Geschlechts geräumt werden, nicht einmal Bildnisse derselben wurden geduldet. Die Frauen mußten sich durch mehrtägige Enthaltung zum Feste vorbereiten. Die Feier selbst, die von Vestalinnen geleitet wurde, endete damit, daß die Frauen durch Musik und übermäßigen Weingenuß sich berauschten, um in einen Zustand ekstatischer Verzückung zu geraten. Das Fest hatte große Ähnlichkeit mit den Thesmophorien oder auch mit orphischen Geheimkulten. Hiernach kann man die Größe des Skandals ermessen, den der Demagoge und Wüstling Clodius, der bekannte Gegner Ciceros und Freund Cäsars, dadurch bereitete, daß er, als dieses Fest im Hause Cäsars gefeiert wurde, der gerade Prätor war, begünstigt von der Pompeja, Cäsars Gemahlin, mit der er im ehebrecherischen Einverständnis stand, sich als Harfenspielerin verkleidet einschlich. Vergl.Plutarch, Leben Cäsars, Kap. 9 u. 10.Ciceros Briefe an Attikus I, 13.
Der eigentliche Hirtengott aber warPales,den merkwürdigerweise einige Dichter, z. B. Ovid, als weibliche Gottheit bezeichnen, sodaß spätere ihn sogar für einen Zwittergott erklärten. Der spätere Gott der Gärten, Priapus, ist jedoch, wie schon sein Beiname als Gott von Lampsacus bezeugt, eine griechische Erfindung. Dagegen war der Phalluskult, der sich später mit dieser Göttergestalt verknüpft, schon der ältesten Zeit nicht fremd. Seine altrömische Bezeichnung warFascinumund der ihn führende Gott hieß Fascinus, auch Mutinus oder Tutinus. Er galt als kräftigstes Mittel gegen jede böse magische Einwirkung und sein Bild wurde aus diesem Grunde im Haus und Hof, auf dem Herde und bei jeder Einfriedigung (Hortus), daher Gartengott, aufgepflanzt.
Um der Ehe Glück und Segen zu verbürgen, mußte sich sogardie Braut vor der Hochzeitsnacht auf den kolossalen Fascinus am Herde setzen. Daß die sog. fescenninischen Verse ihre Bezeichnung dem Fascinus verdanken, also nur ein anderes Wort für Priapejen sind, wurde schon erwähnt.Praefiscine, die Anrufung des Fascinus, war der übliche Ausruf der Römer, wenn sie etwas lobten oder für gut befanden, und hatte etwa die Bedeutung der deutschen Volksredensart: „Unberufen, unbeschrieen, dreimal unter'm Tisch geklopft!“
Wir könnten diese mythologische Gallerie noch durch eine ganze Reihe von Göttern und Genien zweiten Ranges vervollständigen, z. B. dieAnna Perenna, welche Gesundheit und unversiegliche Lebensdauer symbolisiert, und die in Mädchengesellschaften mit Rücksicht auf ein verliebtes Abenteuer, das Mars mit ihr hatte, durch zotige Lieder gefeiert wurde, ferner dieAcca Laurentia, bei der es sich ebenso um die Apotheose eines Freudenmädchens handelt, wie bei der Flora. Vgl.Plutarch, Romulus Kap. 5:
„Ein Tempelaufseher des Herkules kam einst, vermutlich aus langer Weile auf den Einfall, mit dem Gotte Würfel zu spielen und machte dabei aus, wenn er gewönne, sollte der Gott ihm irgend etwas zu gute thun, verlöre er aber, so wollte er ihm eine gute Mahlzeit bereiten und überdies ein schönes Mädchen verschaffen, um bei ihr zu schlafen. Auf diese Bedingung warf er zuerst für Herkules und dann für sich selbst, und da fand sichs, daß er verloren hatte. Der Tempelaufseher, der es für seine Pflicht hielt, das, was ausgemacht war, genau zu erfüllen, veranstaltete für den Gott ein Abendessen und mietete die Laurentia, ein im besten Rufe stehendes schönes Freudenmädchen. Diese bewirtete er im Tempel, wo er ein Bett bereitet hatte, und nach Tische schloß er sie ein, als wenn nun der Gott zu ihr kommen sollte. Herkules, sagt man, besuchte sie auch wirklich und befahl ihr, des Morgens auf den Markt zu gehen und den ersten, der ihr begegnen würde, sich durch einen Kuß zum Freunde zu machen. Es begegnete ihr ein Bürger, namens Tarrutius, der schon ziemlich bei Jahren war, aber ein ansehnliches Vermögen besaß und bisher ohne Frau und Kinder gelebt hatte. Dieser Mann machte mit ihrBekanntschaft und gewann sie so lieb, daß er sie bei seinem Tode zur Erbin seiner bedeutenden und schönen Güter einsetzte, wovon sie dann später den größten Teil durch ein Vermächtnis dem Volke zuwandte. Sie soll, da sie schon in großem Rufe stand und für eine besondere Freundin der Göttin gehalten wurde, gerade an dem Orte verschwunden sein, wo die ältere Larentia begraben lag.“ – DieseältereLarentia aber war die Wölfin (lupa), die den Romulus gesäugt hatte. Dabei verfehlt Plutarch nicht zu erinnern, daß Lupa bei den Lateinern sowohl eine Wölfin als ein geiles Frauenzimmer bedeute. An diese Larentia, die auch Laurentia genannt wird, knüpfte sich die Entstehung einer den bereits erwähnten Luperci ähnlichen Priesterbrüderschaft, der sog.Arvalbrüder. Dieselbe soll nämlich vom Romulus (oder Herkules) zwölf Söhne gehabt haben, mit denen sie alljährlich einmal einen Umzug um die Felder hielt und für die Fruchtbarkeit des Landes betete. Die diesem Vorbilde entsprechend gestiftete, aus 12 Personen bestehende Arvalbrüderschaft trug als Abzeichen Ährenkränze mit weißen Binden und hielt alljährlich einen Umzug durch die Felder, worauf sie zur Entsündigung der Felder dassuovetauriliumopferte.
Da wir auf die unterirdischen Götter, zu denen übrigens die Acca Laurentia in einer ähnlichen Beziehung stand, wie die griechische Proserpina, im folgenden Kapitel kommen, dürfen wir hiermit unsere Skizze des römischen Götterwesens abschließen.
Kaum ein anderes Wort ist mit verschiedeneren Ideeen und Gefühlen je nach Zeit, Ort, Rasse, Kulturentwickelung und endlich Individualität vergesellschaftet, als das kaum noch eine bestimmte Definition zulassende Wort „Religion“. Ein feinfühliger Christ wird mit vollem Rechte dieses Wort als mißbräuchlich angewandt bezeichnen auf ein Göttersystem, wie das in diesem Kapitel skizzierte römische, das sich bis zur Vergöttlichung von Freudenmädchen verstiegen habe. Er mag eben durch den Kontrast die geistige Höhe des Christentums um so angemessener schätzen lernen.
Allein er darf sich dadurch nicht zu einem ungerechten Urteil über die sittliche Bedeutung der heidnischen Religionen und der römischen insbesondere hinreißen lassen.
Alle heidnischen Religionen und so auch die römische, sind eben reine Naturreligionen. Die Natur und ihre Kräfte werden in anthropomorpher Weise personifiziert, und wie diese Phantasiethätigkeit ausfällt, das hängt eben von dem mehr oder weniger edlen Typus des Menschen ab. Nun läßt sich keineswegs behaupten, daß die römische Naturreligion auf einem besonders niedrigen sittlichen Niveau gestanden hat; wenngleich die orientalischen Religionen stellenweise den Anschein größerer spekulativer Tiefe an sich tragen, so sind ihre Gedanken- und Phantasiebildungen darum weder reiner noch inniger. Selbstverständlich bildet in jeder reinen Naturreligion die Fruchtbarkeit und Zeugungskraft und somit das Natürlich-Geschlechtliche den wichtigsten Gegenstand der Andacht. Der Phallusdienst z. B. erstreckte sich über ganz Asien und nahm wohl die wüstesten orgiastischen Formen bei den von Natur wollüstig und zerfahren veranlagten semitischen Stämmen an (Mylitta- und Kybele-Dienst). Bei den Römern hielt er sich stets in relativ sehr anständigen Schranken. Die geschlechtlicheSinnlichkeit des Römers war stark, aber, so lange sie nicht durch schlechte internationale Einflüsse corrumpiert ward, naturwüchsiggesundund forderte gesetzliches Maß und Ordnung. Erwähnt wurde bereits die lange Jahrhunderte hindurch streng gewahrteHeiligkeit der Ehe. Nicht die unbefangene Natürlichkeit in sexuellen Angelegenheiten, sondern das naturwidrig Raffinierte, was sich ja oft gerade mit asketischen Enthaltsamkeits-Tendenzen als anderem Extrem vereint, ist das allgemein Unsittliche. Die fescenninischen Verse und krassen Priapejen der Römer sind nicht so unsittlich, wie manche mit äußerlicher Eleganz geschriebene hochmoderne Litteraturerzeugnisse. Oder war etwa das germanische Mittelalter, das an vielen Dingen keinen Anstoß nahm, die heute auszusprechen, ein arger Verstoß ist, darumsittenloser, als die Neuzeit, in der ernstliche Schriftsteller die Frage diskutieren können, ob nicht z. B. die Ehe vielfach zu einer konventionellen Lüge geworden sei? Man kann sogar behaupten, daß das gesetzliche und im engeren Sinne moralische Gefühl die Römer weit länger vor der Ansteckung mit den wüsten Formen des orientalischen, mystisch angehauchten Wollustkultus bewahrt hat, als das mehr bloß ästhetische Maß die Hellenen. Wenn die Griechen es als die erste undhöchste Pflicht betrachteten, daß alles, was zur Verehrung der Götter geschehe, schön sei, glaubten die Römer mit konservativer Zähigkeit und peinlichster Sorgfalt darauf achten zu müssen, daß alles exakt und pünktlich sei. Allerdings wurde die subjektive Religion bei ihnen von der positiven, dem Kultus, völlig absorbiert, wie dies in gewissem Grade ja auch im Gegensatz zu den vielen anderen Abzweigungen des Christenthums sich noch im römischen Katholizismus wiederholt. Noch in den Zeiten des schon begonnenen Verfalls der römischen Religion schrieb der Geschichtsschreiber Dionysius (II. 18), indem er die römische Religion der griechischen gegenüberstellt:
„Der Stifter des römischen Staates hat die von den Göttern überlieferten Sagen, welche Verunglimpfungen und Lästerungen derselben enthalten, als nichtswürdig, unnütz und ungebührlich, und nicht einmal rechtschaffener Menschen, geschweige Götter würdig, samt und sonders verbannt, und es so eingerichtet, daß die Menschen von den Göttern nur das Edelste und Beste erzählen und sich einbilden, und ihnen keine solchen Eigenschaften andichten, welche seliger Wesen unwürdig sind. Denn man weiß bei den Römern nichts von Entmannung des Uranus durch seine eigenen Söhne, nichts von der Kinderverschlingung des Kronos aus Furcht vor deren Nachstellungen, nichts von Entthronung und Einkerkerung im Tartarus, die Zeus an seinem eigenen Vater verübt habe, nichts von der Götter Kämpfen, Verwundungen, Fesselungen und Knechtsdiensten bei den Menschen, und es wird bei ihnen kein Fest in Trauerkleidern und mit Wehklagen begangen, wo sich die Weiber unter Weinen und Schreien die Brüste zerschlagen über das Verschwinden einer Gottheit, wie die Griechen bei dem Raube der Persephone und den Leiden des Dionysos und anderen dergleichen Gelegenheiten thun; auch erblickt man bei ihnen, trotzdem, daß die Sitten bereits verdorben sind, kein Außersichgeraten und Verrücktthun, kein Bettelpriestertum, kein Begeistertsein noch geheime Weihen, kein Durchnachten der Männer mit den Frauen in Heiligtümern, kurz nichts von allen diesen Gaukeleien und Schwärmereien, sondern statt dessen bloß Andacht und Achtsamkeit auf Worte und Handlungen in allen religiösen Verrichtungen, wie bei keinem anderen Volke der Griechen oder Barbaren.“
Allerdings ist nicht zu verkennen, daß eben diese äußerlich gesetzliche Auffassung der Religion ein wirklich religiös fühlendes Gemüt abstoßend berührt, wenn dabei die Einsicht hervortritt, daß diegebildetenRömer in Ermangelung jederspekulativenVertiefung des Religionsinhalts, wie sie den gebildeten Griechen sich in den Mysterien frühzeitig darbot, dieselbe als eine bloßpolitischeStaatseinrichtung betrachtet haben. Der Geschichtsschreiber Polybius freilich, der dieses Verhältnis klar durchschaute, findet gerade deshalb die römische Staatskunst ebenso wie nach ihm Machiavelli besonders bewundernswert: „Den größten Vorzug“, schreibt er (VI, 56), „scheint mir die römische Politik hinsichtlich ihrer Religionsmaximen zu haben: und zwar giebt, wie mich dünkt, gerade die Sache, welche man anderwärts tadelnswert findet, dem römischen Staat seine Festigkeit, ich meine den Aberglauben. Denn dieser Punkt ist mit einer solchen Wichtigkeit behandelt und dergestalt mit dem öffentlichen und Privatleben verwebt, daß nichts darüber geht. Hierüber mögen sich nun manche wundern: mir aber scheint dies um der Menge willen geschehen zu sein. Wenn freilich der Staat ein Zusammentritt lauter Weiser wäre, so hätte man dergleichen Mittel nicht nötig: nun aber die Menge immer wetterwendisch ist und regellosen Begierden, unvernünftigen Leidenschaften und stürmischen Aufregungen gehorcht, so bleibt nichts übrig, als sie durch blinde Furcht und solchesGaukelspielim Zaum zu halten. Darum scheinen mir die Alten den Glauben an die Götter und die Vorstellungen von der Hölle keineswegs aus Unverstand und Unüberlegtheit der Menge eingeprägt zu haben, vielmehr die Jetzigen ihn unverständig und unbesonnen zu verbannen.“
Diese politische Weisheit dürfte erstens fehlgreifen in ihrer geschichtlichen Ansicht, sofern sie eine Religion, die naturwüchsig aus dem Volke hervorgegangen, als ein Machwerk politischer Kunst erklärt. Sie dürfte aber auch pragmatisch nur für Staatswesen zutreffen, die von vornherein auf eine unnatürliche demokratische Grundlage gestellt sind und deshalb unsichtbarer, trügerischer, im schlechtesten Sinne „politischer“ Mittel bedürfen, um die Menge zu leiten. Richtig ist zwar, daß kein Staat und kein Volk ohne irgend welche Volksmetaphysik auskommen kann, und daß daherjeder vernünftige Politiker alle Art reinnegativersog. Volksaufklärung verurteilen wird. Aber andrerseits ist auch einerein negativeAufklärung derherrschendenGruppen im Staate auf die Dauer unhaltbar und dem Staate verderblich; denn unmöglich läßt sich durchHeucheleider Staat erhalten. Ohne Metaphysik keine Ethik, und ohne irgend welchen Glauben an Übersinnliches keine Moral. Der Moral bedürfen auch die regierenden Elemente, ja diese erst recht. Gerechtfertigt ist nur die Forderung, daß die gebildeten Elemente eines Volkes nicht dem voreiligen Bedürfnis nachgeben sollen, der nur für gröbere Vorstellungen reifen Masse ihre wissenschaftlich geläuterte Weltanschauung einzuflößen. Denn Einreißen ist leichter als Aufbauen.
Das lehrt auch die Gegenwart, in der wesentlich die immermehr zunehmende Religionslosigkeit der Massen eine soziale Gefahr heraufzubeschwören scheint.
Dafür, daß wenigstens derGlaubean die persönliche Unsterblichkeit aus einerallgemein menschlichenPrädisposition hervorgeht, scheint mir kaum eine kulturhistorische Thatsache eindringlicher zu sprechen, als die hervorragende Rolle, die dieser Glaube in sehr ausgeprägter Form bei den nüchternen, so ganz auf dasDiesseitsgerichteten Römern gespielt hat, deren fast metaphysikfreie, rein naturalistische, nur die Interessen des natürlichen und bürgerlichen Lebens hypostasierende Religion uns das vorstehende Kapitel im Umriß zeichnete. Offenbar muß dieser Glaube, wenn ihn sogar ein so sehr vom Zwecktriebe beherrschtes und durch ihn zur Weltherrschaft berufenes Volk in ganz besonderem Grade kultivierte, einesozial sehr zweckmäßige Eigenschaftsein, eine Eigenschaft, die sich im Kampf der Völker ums Dasein bewährt. – Hängt nicht aber das Wort Wahrheit sprachgeschichtlich mitbewährenzusammen, und sollte nicht der Schluß gerechtfertigt sein, daß ein Glaube, der sich praktisch für Völker und Individuen als zweckmäßig bewährt, unmöglich eitel sein kann? Oder giebt es auchzweckmäßigeIrrtümer und Wahnideeen? Vielleicht ist dieser mein Gedanke nur eine modernere Fassung dessen, was Kant mit seinem Beweise aus den Postulaten derpraktischenVernunft sagen wollte.
Genien,LarenoderManenundLemurenbezeichnen in der lateinischen Sprache drei Klassen oder Zustände des unsterblichen Teils der menschlichen Individualität.
Geniuskommt vongignere= zeugen. Genius ist der schonvorder Geburt existierende transcendentale Keim und Kern des Menschenwesens und damit zugleich das Göttliche und Unvergängliche im Individuum. Hören wir darüber den nicht aus griechischer Philosophie, sondern aus altrömischer Religionskunde schöpfendenVarro: Der Mensch, sagt er, besteht aus drei Teilen, erstlich dem vegetabilischen ohne Sinn und Empfindung, zweitens dem animalischen mit Sinn und Empfindung aber ohne Selbstbewußtsein, drittens dem geistigen mit Vernunft und Selbstbewußtsein. Alle drei zeigen sich in der menschlichen Natur vereinigt, nämlich die erste in den Nägeln, Haaren und Gebeinen, die zweite in den Sinnesorganen, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Gefühl, die dritte im Geiste. Die dritte ist es, die im Menschengenius, der das Lebenzeugende, im Universumdeus, Gott heißt. Denn auch im Universum sind die analogen Teile wiederzufinden, insofern z. B. die Erde mit dem Steinreiche den Gebeinen, Sonne, Mond und Sterne den Sinnesorganen, dem Geist oder Genius aber der alles durchdringende Äther, welcher auch den Gestirnen, der Erde und dem Meere emanierte Teile seines Wesens als besondere Gottheiten mitteilt, entsprechen.
Daß dies nicht pythagoräisch-platonische Philosopheme, sondern echtrömische, wahrscheinlich aus uralt arischen Traditionen und von jenen Philosophen selber nur übernommene Sätze sind, ist leicht zu beweisen.
Der Genius, der sich, wie das transcendentale Ich du Prels nur teilweise in die irdische Erscheinung versenkt, ist der Führer des persönlichen Schicksals, das Instinktartige, Unbewußte im Menschen, dahergenius fatalisoder auch direktfatumgenannt. Vergl.Horatius, epistol. II. 2, 178. Genius est deus, cujus in tutela ut quisque natus est vivit; hic sive quod ut genamur curat sive quod una gignitur nobiscum sive etiam quod nos genitos suscipit ac tuetur certe a gignendo genius appellatur (Censorinus de die natali c. 3).
Da er als transcendentaler göttlicher Teil über die irdische Erscheinung hinausragt, genießt er auch seit urältester Zeit göttlicheVerehrung. Bei keiner festlichen Gelegenheit vergaß man, seinem Genius zu opfern. „Beim Erntefest“, bezeugt Horaz (Epist. II. 1, 40) „opfert man dem mit den Lebensjahren geizenden Genius und treibt fescenninische Späße“; letzteres, da Genius zugleich die Bedeutung „zeugungskräftig“ hat, weshalb auch bei Hochzeiten dieselbe Sitte. Sein alljährlich wiederkehrendes Fest ist derGeburtstag. An diesem brachte man ihm Opferschrot, Kuchen, Honig, Wein, Weihrauch und Kränze, aber kein blutiges Opfer dar. Vor allem gedachte man seiner, wie bemerkt, auch bei Hochzeiten, da als Zweck der Ehe die Erzielung kongenialer Nachkommen galt; daher weihte man ihm das Brautbett, das nach altherkömmlicher Sitte mit Togen im Atrium gebreitet undlectusgenialisgenannt wurde. Einer der heiligsten Schwüre war der beim eigenen oder beim Genius einer geliebten Person. Der Jurist Ulpian bezeugt ein kaiserliches Gesetz, das den, der in Geldsachen beim Genius des Kaisers schwört und eidbrüchig wird, mit Stockschlägen bedroht.
Das Sinnbild des Genius war die Schlange, die, weil sie sich mit jedem Jahre verjüngt, das sich immer erneuernde Leben verdeutlicht. Hierdurch wird uns eine mehrfach verbürgte Erzählung vom Tode des Vaters der Gracchen, als Muster römischer Gattenliebe verständlich. Jener erblickte einst in seinem Ehebette ein Schlangenpaar und befragte die Weissager wegen der Bedeutung des Zeichens. Diese rieten ihm, eine davon zu töten, mit dem Bemerken, wenn er die männliche töte, würdeer, wenn er die weibliche töte, seine Gattin, die berühmte Cornelia, binnen kurzem sterben. Er tötete die männliche und starb bald darnach an einer plötzlichen Krankheit. Cicero, der (de divinatione) diese Erzählung erwähnt, wirft allerdings die nicht unmotivierte Frage auf, warum er nichtbeideentgegen dem Rate der Seher am Leben gelassen. Übrigens wurde der Genius auch als angehender Jüngling, geflügelt, nackt oder mit einem gestirnten Gewande, mit Blumen oder einem Wachholderzweige dargestellt.
Manen, wohl nicht vonmanere= bleiben, sondern vonmanis= milde, sind die frommenguten SeelenderAbgeschiedenen, also die wieder mit dem Genius vereinten, um den Inhalt des Erdenlebens bereicherten Geister. Sie sind dasselbe, was die Genien, aber vom postmortalen Standpunkt aus. Darum wirdauch ihnen göttliche Verehrung zu teil. „Wenn ich einst tot bin“, schreibt Cornelia, die Tochter des großen Scipio, des eben erwähnten Vaters der Gracchen Gattin, an ihren Sohn Cajus, „so wirst du mir opfern (parentabis) und die Gottheit deiner Mutter anrufen. Wird es dich dann nicht beschämen, die Bitten eines Geistes anzuflehen, den du, als er noch lebte und gegenwärtig war, nicht beachtet und verschmäht hast?“ (Cornelius Nepos fragm.) Der berühmte Rechtsgelehrte Labeo, der zur Zeit des Augustus lebte, Begründer der bedeutenden Rechtsschule der sog. Prokulejaner, hat eine besondere, leider nicht erhaltene Schrift über die Manen und ihre Verehrung verfaßt (de diis, quibus origo animalis est) d. h. über die in göttliche Geister verwandelten Menschenseelen.
Die göttliche Verehrung der Abgeschiedenen begann am achten Tage nach dem Tode, wenigstens erstnachder Bestattungsfeierlichkeit. Denn bis zur Bestattung, die eben den Zweck hatte, den letzten noch vorhandenen magischen oder „magnetischen“ Zusammenhang der Seele mit der unreinen Leiche zu lösen, konnte sich der Geist noch nicht in die himmlischen Höhen begeben. Die Leiche pflegte man sieben Tage lang in einem nur diesem Zwecke bestimmten Nebenraume des Vestibüls im römischen Hause aufgebahrt zu halten. Während dieser Zeit galt das Haus als unrein, ein Cypressenbaum vor der Thür warnte diejenigen, die Befleckung zu scheuen hatten, vor dem Eintritt. Am achten Tage wurde die Leiche in feierlichem Zuge zur Brandstätte, – Feuerbestattung bildete die, jedoch nicht ausnahmslose, Regel, – getragen, wo der Scheiterhaufen in Form eines Altars errichtet war. Die Verbrennung hatte denselben Sinn, wie diejenige des Herkules auf dem Oeta, damit sich das Ewige zum Himmel erheben möge,
„Wenn der Gott, des Irdischen entkleidet,Flammend sich vom Menschen scheidetUnd des Äthers leichte Lüfte trinkt.“
„Wenn der Gott, des Irdischen entkleidet,Flammend sich vom Menschen scheidetUnd des Äthers leichte Lüfte trinkt.“
Darum sprach man, sobald die Verbrennung beendet war: unser Vater, Bruder, Gatte usw. ist allbereits ein Gott. Die Reste wurden dann unter Thränen und Klagen und Anrufung der Hingeschiedenen mit Wein gelöscht, in den Schooß gesammelt, mit Milch abgespült, in einem reinen Leinentuche gelüftet, in die Urne gelegt und nebst Thränenfläschchen, Weihrauch und Spezereien in derGrabstätte beigesetzt. – Nunmehr kehrte man nach Haus zurück, welches inzwischen gründlich gefegt und gescheuert war, schritt über ein Feuer und ließ sich durch Lorbeerwedel mit Wasser besprengen und war gereinigt. Der große Wert, den die Römer, wie die Griechen, auf eine angemessene Bestattung legten (justa facere), wird verständlich durch den Glauben, daß die Seele vorher keine endgültige Ruhe finde; die Erde beherbergte keinen, der ihr nicht durch feierliche Ceremonien von symbolischer Kraft übergeben war. Nach Ablauf einer Woche wurde dann das erste Totenfest der Hinterbliebenen gefeiert, die sog.feriae denicales, zu dem selbst einem Soldaten der Urlaub nicht verweigert werden konnte. Man ehrte die Verstorbenen durch einen Leichenschmaus, durch Absingung von Lobliedern, durch Anzündung von Räucherkerzen und Weinspenden auf ihrem Grabe und Bekränzung desselben mit Blumengewinden.
„Dieses Fest“, sagt Cicero (de legibus II, 22) „darf nur auf solche Tage verlegt werden, an welchen nicht bereits ein anderes Fest stattfindet, und die ganze priesterliche Einrichtung des Kultus zeugt von seiner großenWichtigkeit und Heiligkeit.“
Aber neben diesem besonderen Totenfest fand am 19. Februar jeden Jahres ein allgemeines Totenfest statt, die sog. Feralia oder Parentalia, ein Vorbild unserer „Aller-Seelenfeier“. Allgemein brachte man an diesem Tage den lieben Toten Opfer dar. Doch waren die Manen genügsam. „Leicht versöhnt sind die Seelen der Väter“, sagt Ovid (Fast. II, 535), „nur kleines begehren die Manen. Hinreichend ist die Platte des Altars bedeckt mit hingestreuten Kränzen, und gestreute Früchte und wenige Körner von Salz, auch in Wein getränktes Getreide und ungebundene Veilchen. Doch größere Geschenke verbiete ich nicht: aber auch schon hierdurch ist der Schatten versöhnbar. Füge, wenn der Altar erbaut ist, noch Gebete und die üblichen Formeln hinzu.“ – „So lange dieses Fest währt (sechs Tage), so lange weilt, ehelose Mädchen: es erwarte die fichtene Fackel heilige Tage, verbirg, Gott Hymen deine Fackeln und entferne sie von jenen traurigen Flammen: denn andere Fackeln haben die traurigen Gräber. Auch verschließe man die Tempel und verberge die Götter: von Weihrauch sollen deren Altäre nicht rauchen und die Herde vom Feuer nicht lodern. Dennjetzt irren umher die luftigen Seelen: jetzt nähren sich die Schatten von dargebrachten Speisen.“ Man ging eben von der Überzeugung aus,daß der Zusammenhang und die Sympathie der Verwandtschaft und Liebe keineswegs durch das Band des Todes zerrissen sei, einerseits bedurfte die Seele, um zu dem höheren Zustande empor zu steigen, der magischen Beihülfe ihrer hinterbliebenen Angehörigen, die durch Opfer, Ceremonien und vor allem durch Gebete ihre Gewissen beruhigten in dem Bewußtsein dadurch noch etwas für die verstorbenen Lieben zu thun; andererseits aber glaubte man, daß die Seelen der Hingeschiedenen selber noch den vollsten Anteil am Heile ihrer Hinterbliebenen nähmen, und wenn man sie um Schutz und Beistand anflehe, hilfreich mit ihrer geistigen Kraft in der Nähe weilten. Aus diesem Grunde und da man zugleich annahm, daß die Reliquien und Überreste der Toten ein magisches Band seien, um ihre Gegenwart zu sichern, liebte man es, die Toten, wenn nicht gar im eigenen Hause, so doch in möglichster Nähe, auf der eigenen Besitzung zu bestatten. Wo immer ein Toter bestattet war, war der Ort heilig und schied aus dem Rechtsverkehr aus, durfte weder verkauft noch vertauscht werden; er stand imEigentum der Toten. Der Verehrung der Ahnen (lares domestici) war im Atrium der Altar und das kleine Oratorium gewidmet, das wir fast in jedem pompejanischen Hause finden.
An allen Festtagen, die Kalenden, Nonen und Iden jedes Monats nicht ausgenommen, wurde den Toten geopfert und ein frischer Kranz um ihren Herd gelegt. Nichts liebten die Toten mehr als Blumen. Lieblich schildert ein solches Larenopfer und die davon gehoffte Wirkung für das Glück des Hauses die Ode von Horaz: