Die Jesuiten wollten Sixtus überreden, dass er einen Jesuiten als Beichtvater annehmen solle, wie die andern Großen; er aber meinte: "Es würde besser für die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papst beichten wollten."
Er tat außerordentlich viel für die Verschönerung Roms und legte mehrere nützliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der große ägyptische Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei höchst merkwürdige Inschriften hat: "Cäsar Augustus Pontifex Maximus unterwarf sich Ägypten und weihte ihn der Sonne" auf der einen Seite und auf der anderen: "Sixtus V. Pontifex Maximus weiht diesen Obelisken, nach dessen Reinigung, dem Kreuze".
Sixtus V. war den Kardinälen und den Römern zu streng, und so ist es denn nicht zu verwundern, dass er bald anfing zu kränkeln. Sein Leibarzt fühlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Höhe und rief: "Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?" Der arme Doktor ward krank vor Schrecken.
Im Jahr 1590 starb dieser letzte gefürchtete Papst. Er hätte immer noch länger leben können, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er ging damit um, die meisten Mönchsorden aufzulösen. Vielleicht starb er an diesem Vorsatz.
Die Römer waren froh, dass sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben ihre Freude dadurch zu erkennen, dass sie die auf dem Kapitol stehende Bildsäule des Papstes in Stücke schlugen. Pasquino sagte: "Mache ich je wieder einen Mönch zum Papst, so soll mir ewig der Rettich im Hintern bleiben."
Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewählt wurde. Er hätte gern Sixtus V. nachgeahmt; aber die Reformation hatte das Ansehen der Päpste mächtig erschüttert. Paul wollte Venedig seine Macht fühlen lassen; aber der Senat dieser Republik kehrte sich wenig an den Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war.
Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische Gesandte klärte ihn über seinen Standpunkt in Bezug auf Regierungen und Fürsten auf und sagte ihm geradezu: "Das Wort Gehorsam ist unschicklich, wenn von einem Fürsten die Rede ist. Alle Welt würde es für vernünftig halten, wenn Ew. Heiligkeit Mäßigung gebrauchten."
Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur Empörung zu verleiten und endlich verließen sie mit einer Menge anderer Mönche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwünschungen nach. Der Senat benahm sich überhaupt gegen die geistlichen Anmaßungen mit großer Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das Interdikt. Nur der Großvikar des Bischofs von Padua ließ dem Senat auf sein Verbot des Interdikts antworten, dass er tun werde, was Gott ihm eingebe; als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben, einen jeden Ungehorsamen hängen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu Kreuze.
In diesem Kampf zwischen Venedig und der päpstlichen Gewalt zeichnete sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit seiner gewandten Feder die Anmaßungen des Papstes mit großer Geschicklichkeit bekämpfte. Die Kardinäle Bellarmin und Baronius strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem sie die ganze Päpstliche Rüstkammer von Lügen zu Hilfe nahmen.
Um den gefährlichen Feind los zu werden, beschloss man, Sarpi zu ermorden. Eines Abends (1607) überfielen ihn Banditen und versetzten ihm fünfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Märtyrer der Wahrheit: "Ich kenne den Griffel der römischen Kurie!"
Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren Schriftsteller für das, was er gelitten hatte. Da man den "römischen Kurialstil" kannte, so musste eine Sicherheitswache Sarpi begleiten, wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St. Markusritter ernannt.
Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht fehlte, ein großer zu sein. Die Ketzer aller Art hasste er gründlich und war eifrig bemüht, überall das Feuer des Fanatismus gegen sie anzuschüren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini beginnt und in welcher alle Spielarten der Ketzer bis in den allertiefsten Abgrund der Hölle "im Namen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" verflucht werden. Diese Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljährlich am Gründonnerstag zur Erbauung der Gläubigen in allen römischen Kirchen öffentlich vorgelesen.
Nebenbei war auch dieser liebenswürdige Papst, was man beim Militär einen "Gamaschenfuchser" nennt. Er bekümmerte sich um die geringsten Kleinigkeiten und behandelte sie mit der größten Wichtigkeit. So verbot er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder zu rauchen. Aber der spätere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen würde! -
Urban befahl auch, dass sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im Scherze - kitzeln sollten und dass man am Feste des heiligen Markus keine - Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, dass neben den 52 Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsünde gefeiert werden sollten.
Er scharrte 20 Millionen Scudi zusammen, die er aber meistenteils für seine Familie verwandte, und hinterließ noch eine Schuldenlast von 8 Millionen.
Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mätresse, leiten ließ. Dieses unverschämte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelt ohne Scheu Ämter und Pfründen. Um nur Geld zu bekommen, säkularisierte sie zweitausend Klöster, das heißt, sie hob sie auf und zog deren Güter ein. Noch in den zehn letzten Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine halbe Million Scudi beiseite geschafft haben.
Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie lachend: "Ach, es sind ja nur die Sünden der Deutschen." Eine ähnliche Äußerung erzählte man sich von Alexander VI.
Der Papst protestierte gegen den Westfälischen Frieden, welcher der Welt nach dreißigjährigem Krieg den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn Stifte säkularisiert werden sollten. Selbst Österreich war empört über solche Niederträchtigkeit, und die Bulle, welche der päpstliche Nuntius an allen österreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler gestraft.
Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: "DerPapst hat gut reden; im Reich geht es bunt zu, während er sich vonOlympia krabbeln lässt."
Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann, der im Vergleich zu den anderen Päpsten ziemlich vernünftig genannt zu werden verdient. Er erlebte die Freude, dass der Fürst, in dessen Land die Reformation entstanden war, wieder in den Schoß der "allein seligmachenden" römischen Kirche zurückkehrte, nämlich Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, der diesen Schritt tun musste, wenn er König von Polen werden wollte und der wie Heinrich VI. von Frankreich dachte, "dass eine Königskrone schon eine Messe wert sei".
Im Innern dachte Friedrich August gar nicht römisch-katholisch, das heißt, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser klagte, dass ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen, wenn er sich nicht bessere.
Der sächsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu dürfen, denn er hatte große Lust, die nähere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so kräftig, dass das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus, Maria, Joseph! stöhnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus und siehe! es war Se. Hochwürden, der Beichtvater!
Von den Päpsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen, als dass sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es versuchten, ihre so ziemlich gestürzte öffentliche Macht auf Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwürfe, unterminieren ließen, welche aber nur soweit für das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem ihrigen übereinstimmte.
Im Allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Väter an, menschlicher zu werden; das heißt, die viehischen Unflätereien, mit denen sich der päpstliche Hof bisher beschmutzt hatte, wurden mehr im geheimen getrieben, da man nunmehr Ursache hatte, öffentlichen Skandal zu fürchten. In alten Zeiten setzte man sich in Rom über die öffentliche Meinung hinweg; allein die Reformation hatte gelehrt, dass man dies nicht ungestraft tun dürfe und dass es selbst den Vizegöttern nicht mehr gestattet war, wie die Schweine zu leben.
Benedikt XIV. (1740-1758) war der gelehrteste und humoristischste Papst, der bisher auf dem angeblichen Stuhl Petri gesessen hatte. Er war natürlich durch seine Stellung dazu gezwungen, die althergebrachten Anmaßungen der Päpste, besonders solche, die Geld eintrugen, zu unterstützen und zu verteidigen; allein so viel er konnte, suchte er doch zu mildern und zu versöhnen.
Ich will nur zwei Anekdoten von ihm erzählen, die ihn als Mensch ziemlich charakterisieren.
Nachdem er einst dem Herzog von York, also einem Ketzer, alleMerkwürdigkeiten des Vatikans gezeigt hatte, umarmte er ihn und sagte:"Um Absolution kümmern Sie sich nicht, aber der Segen eines alten Manneswird Ihnen nichts schaden."
Ein alter Seekapitän, namens Mirabeau, stellte sich mit seinen jungen Offizieren dem Papst vor. Die jungen Herren konnten sich nicht enthalten, über die Etikette zu lachen. Der Kapitän stammelte einige Entschuldigungen; aber Benedikt unterbrach ihn: "Seien Sie ruhig, ich bin zwar Papst, aber ich habe keine Macht, Franzosen am Lachen zu hindern."
Clemens XIII. (1758-1768) war wieder ein Fanatiker. Er konnte die Zeit nicht aus dem Sinn bekommen, wo Kaiser vor den Päpsten auf den Knien herumgerutscht waren und wo sich die Völker ohne Murren das Fell über die christlichen Ohren ziehen ließen. Alle päpstlichen Anmaßungen, selbst diejenigen, welche man allgemein als solche verdammt hatte, waren ihm geheiligte Anstalten zur Erhaltung der Kirche; sie waren ihm Religion und Sache Gottes.
Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und sammelte diese um seinen Thron. Dies gab Pasquino genug Veranlassung zum Spott. Einst äußerte sich dieser steinerne römische Kladderadatsch: "Ich hatte einen Weinberg gepflanzt und wartete, dass er Trauben brächte, und er brachte Herlinge." Clemens setzte einen Preis auf die Entdeckung des Spötters; am anderen Morgen antwortete Pasquino: "Es ist der Prophet Jeremias!"
Der Papst erlebte indessen den Jammer, dass das fromme Portugal, ja auchFrankreich, die Jesuiten zu ihrem Vater, dem Teufel, jagten undLetzteres sie "für Feinde aller weltlichen Macht, aller Souveräne undder öffentlichen Ruhe" erklärte.
Clemens nahm indessen nicht Vernunft an; er bestätigte die Jesuiten aufs neue; hatte aber kein Glück damit. Seine deshalb erlassene Bulle wurde in Frankreich durch Henkershand verbrannt und ihre Bekanntmachung in Portugal bei Lebensstrafe verboten. Das bigotte Spanien entschloss sich sogar zu einem kräftigen Schritt. Alle Jesuiten in diesem Land wurden an einem schönen Frühlingsmorgen aufgepackt und - nach dem Kirchenstaat geschickt. Kurz, von allen Seiten wurde Jagd auf dieses gefährliche Ungeziefer gemacht. Der von ihm nun halb aufgefressene Papst - er sollte all die schwarzen Blutsauger ernähren! - trieb es so weit, dass Frankreich große Lust bekam, den Starrkopf zu Rom selbst beim Kragen zu nehmen; aber der Tod rettete ihn vor diesem Schicksal.
Sein Nachfolger Clemens XIV. musste endlich der allgemeinen Stimme Gehör schenken. Am 21. Juli 1773 wurde der Orden der Jesuiten aufgehoben. Dieser Akt verursachte in ganz Europa den ungeheuersten Jubel. Als Clemens die Aufhebungsbulle unterzeichnete, sagte er: "Diese Aufhebung wird mich das Leben kosten." Er kannte seine Leute. Clemens starb an Jesuitengift. Ein Großer in Wien fragte ganz naiv einen Ex-Jesuiten: "Clemens ist tot, nicht wahr, Ihr habt ihm vergeben?" - "Ja, wie wir allen Schuldigen vergeben!" antwortete mit der sanftesten Miene der würdige Schüler Loyolas.
Clemens XIV. war unter 200 Päpsten der beste. Er saß von 1768 bis 1774 auf dem "Stuhl Petri", und wenn es denn doch einmal Päpste geben muss, so wollte ich, er säße noch heute darauf. Mit Vergnügen liest man die Lebensgeschichte dieses Mannes, und ich bedaure nur, dass ich nicht länger bei derselben verweilen kann.
Sein eigentlicher Name war Ganganelli. Er stieg durch seine Talente allmählich zu den höchsten Kirchenwürden und als er, ohne dass er es suchte, Papst wurde, blieb er ebenso einfach, wie er als Mönch gewesen war. Seine Mittagsmahlzeit war ganz bürgerlich einfach, und als die Hofköche über diese Einfachheit jammerten, sagte er: "Behaltet euer Gehalt, aber verlangt nicht, dass ich über eure Kunst meine Gesundheit verliere."
Alle anderen Päpste waren darauf bedacht, ihre Nepoten - d.h. Vettern - zu bereichern; er aber sorgte väterlich für das Wohl seiner Untertanen. Als man ihn fragte, "ob man seiner Familie nicht durch einen Kurier von seiner Erhebung Nachricht geben solle?", erwiderte er: "Meine Familie sind die Armen, und diese pflegen die Neuigkeiten nicht durch Kuriere zu erhalten."
Ganganelli war ein vortrefflicher Mensch in jeder Beziehung und machte eine der wenigen Ausnahmen von dem alten Erfahrungssatz, "dass sich jeder ganz und gar ändere, sobald er Papst werde". Von seiner päpstlichen Gewalt machte er, wo er konnte, den wohltätigsten Gebrauch, und seine Menschenfreundlichkeit und Mildtätigkeit waren unbegrenzt.
Zwei Soldaten wurden zum Tode verurteilt und endlich einer von ihnen begnadigt. Sie sollten nun um ihr Leben würfeln, aber der Papst duldete dies nicht, sondern begnadigte beide, indem er sagte: "Ich habe ja selbst die Hasardspiele verboten." - Ein englischer Lord war von dem Papst so entzückt, dass er ausrief: "Dürfte der Papst heiraten, ich gäbe ihm meine Tochter."
Nachdem Clemens die Sache der Jesuiten drei Jahre lang selbst auf das sorgfältigste geprüft hatte, unterschrieb er die berühmte Bulle: Dominus ac redemptor - die Bullen werden stets nach den Anfangsworten bezeichnet -, wodurch die Jesuiten aufgehoben wurden und damit, wie er wohl wusste, sein Todesurteil. - Schon in der Karwoche 1774 wirkte das Jesuitengift in den Eingeweiden des trefflichen Mannes. Alle Gegenmittel waren wirkungslos; er starb am 22. September. Der Körper war durch das Gift so zerstört worden, dass selbst das Einbalsamieren nichts half. Die Haare fielen aus, und selbst die Haut löste sich vom Kopf, so dass schließlich bei der Ausstellung der Leiche das Gesicht mit einer Maske bedeckt werden musste. -
Schließlich muss ich von diesem Papst noch bemerken, dass er es für unschicklich hielt, die Ketzer an jedem Gründonnerstag zu verfluchen, und dass er daher die früher erwähnte berüchtigte Bulle In coena Domini aufhob. Er schützte alle Männer von Verdienst, mochten sie nun Katholiken oder Protestanten sein. Die Inquisition war ihm ein Gräuel, und schon ehe er Papst war, befreite er manche aus ihren Krallen.
Der dankbare Kammerpächter des Papstes, Giorgi, setzte ihm ein von dem berühmten Bildhauer Canova verfertigtes Denkmal; aber ein weit schöneres und unvergänglicheres errichtete Clemens XIV. sich selbst in der Geschichte.
Nach langem, heftigem Kampf im Konklave setzten es die Jesuiten durch, dass abermals einer ihrer Freunde, namens Braschi, als Pius VI. Papst wurde (1775-1799). Er war unwissend, listig, intolerant, stolz, hochmütig, ausschweifend, starrsinnig, habsüchtig, herrschsüchtig, jähzornig, diebisch, selbstgefällig und eitel. - Eine schöne Galerie von schlechten Eigenschaften; aber dafür ist die Reihe der guten desto kürzer, so dass es sich kaum der Mühe lohnt, sie zu nennen. Er war ein guter Komödiant und ein hübscher alter Mann; das sind alle seine Verdienste.
Ein solcher Mensch war allerdings nicht geeignet, das wankende Papsttum aufrechtzuerhalten. Ein Stückchen nach dem anderen bröckelte davon los, und eine tüchtige Bresche in demselben verursachte ihm das Werk eines Deutschen, des Weihbischofs von Trier, J. R. von Hontheim. Es handelte "über den Zustand der Kirche und von der rechtmäßigen Gewalt des Papstes", und in ihm war bewiesen, dass der Zustand der Kirche erbärmlich und die Gewalt der Päpste usurpiert sei.
Dieses vortreffliche Buch, das Resultat eines dreiundzwanzigjährigen Fleißes, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, tat dem Papsttum unendlichen Schaden und rief eine Menge ähnlicher Schriften hervor. Der achtzigjährige Hontheim wurde indessen durch allerlei Quälereien dahin gebracht, zu widerrufen; er tat es, um in seinem hohen Alter Ruhe zu haben; allein die in seinem Buche enthaltenen Beweise konnten dadurch ihre Bedeutung nicht verlieren; widerlegt hat sie niemand.
Kaiser Joseph II. machte mit dem Papst und den Pfaffen wenig Umstände. Er hob sehr viele Klöster auf und hielt es für besser, das Geld seines Volkes im Land zu behalten, als es nach Rom zu senden. Die Wechsel aus Wien blieben aus und da Pius VI. dieselben nicht entbehren konnte, so entschloss er sich, dorthin zu reisen, um womöglich die Verstopfung zu heben. Der Kaiser ließ ihm zwar sagen, "er werde nächstens selbst nach Rom kommen, um sich von Sr. Heiligkeit Rat zu erbitten," - allein Pius wollte den Wink nicht verstehen.
Die Wiener gerieten ganz außer sich über die Anwesenheit des Papstes in ihrer Stadt. Seit dem Konstanzer Konzil war kein Papst in Deutschland gewesen, und nun kam gar einer nach Wien! Und dazu einer, der es verstand, prächtig Komödie zu spielen. Die Damen waren rein närrisch vor Vergnügen und alles drängte sich herzu, um den im Vorzimmer ausgestellten Pantoffel Sr. Heiligkeit zu küssen.
Kaiser Joseph zuckte die Achseln zu dem Enthusiasmus seiner Wiener, erwies dem Papst alle Ehre, allein machte dessen Reisezweck vollständig zunichte. Als Pius nämlich auf die Hauptsache kommen wollte, bat Joseph, alles schriftlich zu machen, er verstehe nichts von Theologie und verwies ihn an den Staatskanzler Kaunitz.
Der Papst erwartete nun wenigstens den Besuch dieses Ministers; allein er wartete vergebens und der Heilige Vater musste sich entschließen, selbst zu ihm zu gehen, unter dem Vorwand, seine Gemälde zu besehen. Pius reichte dem Kanzler die Hand zum Kuss, aber dieser begnügte sich damit, sie recht herzlich zu schütteln, und der Heilige Vater war ganz verblüfft. Er wurde es noch mehr, als ihn Kaunitz ohne Umstände vor seinen schönsten Gemälden hin und her schob, damit er den richtigen Standpunkt finde. Dies wollte aber Pius in Wien nicht gelingen, und die Million Scudi, welche die Reise kostete, war weggeworfen.
Der Kaiser schenkte dem Papst einen schönen Wiener Reisewagen - wahrscheinlich auch ein diplomatischer Wink! - und ein Diamantkreuz, 200.000 Gulden in Wert, als Pflaster auf die Wunde, die dem päpstlichen Ansehen geschlagen war.
Auf der Rückreise passierte Pius München und vergaß hier die erlittenen Demütigungen. Er nannte diese Stadt das deutsche Rom, ein Name, um den es andere deutsche Städte nicht beneiden.
"Ich hoffe mein Volk noch zu überzeugen, dass es katholisch bleibenkann, ohne römisch zu sein", sagte der beste deutsche Kaiser einst zuAzara. Armer Kaiser! Es ging ihm wie seinem Vorgänger Friedrich II. vonHohenstaufen; das dumme Volk ließ ihn im Stich.
Pius erlebte aber nicht nur einen abtrünnigen Kaiser von Österreich, er erlebte sogar die große Revolution, welche mit den Pfaffen den Kehraus tanzte. 1798 rückte Berthier in Rom ein, und die neurömischen Republikaner sangen:
Non abbiamo Pazienza, non vogliamo Erninenza, non vogliamo Santita, ma - Egualianza e Liberta.
(Wir haben keine Geduld, wir wollen keine Eminenz, keine Heiligkeit, sondern Freiheit und Gleichheit.)
Man hatte gehofft, der nun schon sehr alte Heilige Vater werde vor Alteration gen Himmel fahren; als er aber dazu noch keine Anstalten machte, sannen die Republikaner darauf, ihn wenigstens aus Rom fortzuschaffen. Der General Ceroni ging zu ihm und sagte: "Oberpriester! die Regierung hat ein Ende; das Volk hat die Souveränität selbst übernommen."
Darauf nahm man dem Papst seine Kostbarkeiten und selbst seinen Ring ab und verlangte, dass er die dreifarbige Kokarde aufstecken sollte. Der alte Pius weigerte sich jedoch und sagte: "Meine Uniform ist die Uniform der Kirche." Da nun nichts mit dem alten Manne anzufangen war, so packte man ihn in einen Wagen, brachte ihn unter sicherer Eskorte nach Siena und endlich nach Florenz in die dortige Karthause.
Die frommen Katholiken unterstützten ihn reichlich, und der gedemütigte alte Mann würde hier gern sein Leben beschlossen haben; allein so gut wurde es ihm nicht. Nachdem ihm sein Nepote noch den Schmerz bereitet hatte, mit dem Rest seiner Reichtümer durchzugehen, zwangen ihn die Republikaner, bei der Annäherung des Feindes nach Frankreich zu reisen.
Pius war krank und zeigte den Ärzten seine geschwollenen Füße und Beulen mit den Worten des Pilatus: Ecce homo! Aber das, was das Volk so lange von Päpsten und Fürsten erdulden musste, hatte die Herzen der Republikaner für die Leiden eines alten Papstes unempfindlich gemacht. Sie hatten die Bedrückung von Jahrhunderten und das Blut von Millionen zu rächen, welches die Päpste "für den Glauben" vergossen hatten. Pius musste fort über die Alpen durch Eis und Schnee, meistenteils bei Nacht, um Aufläufe der Katholiken zu verhindern, bis er nach Valence an der Rhone kam.
Wir Deutsche sind weichmütige Narren, und die Leiden eines alten, kranken, gedemütigten, wenn selbst bösartigen Feindes gehen uns ans Herz. Mir geht es ebenso, und damit ich nicht sentimental werde, rufe ich mir den deutschen Kaiser Heinrich IV. ins Gedächtnis, wie er, körperlich und geistig krank, zu Fuß im strengsten Winter durch Schnee und Eis die Alpen übersteigt, um im Schlosshof zu Canossa barfuß und fast nackt sich vor einem Papst zu demütigen; ich sehe die Opfer der Inquisition sich am Marterpfahl winden - und freue mich nur, dass die Rachsucht der Republikaner nicht zufällig einen guten Papst, sondern einen lasterhaften traf.
Pius benahm sich indessen in seinen Leiden wie ein Mann, und es wäre eine Ungerechtigkeit, das nicht anzuerkennen. Man wollte ihn von Valence abermals weiter nach Dijon bringen, als er am 29. August 1799 starb. Er hinterließ nichts als seine kleine Garderobe, 50 Livres an Wert, welche der Maire für Nationaleigentum erklärte. - Die Revolutionen tun oft einzelnen weh; aber noch häufiger tun sie der Gesamtheit der Menschen gut. - Wo wären wir ohne 1848?
Pius hatte versucht, sich durch viele geschmacklose Bauwerke zu verewigen, auf welche er stets seinen Namen und sein Wappen setzen ließ, und unternahm es auch, die berüchtigten Pontinischen Sümpfe auszutrocknen, obwohl ohne Erfolg. Er verlor dadurch ungeheure Summen und erwarb damit nichts als den Spottnamen Il Seccatore, welches der Austrockner heißt, aber zugleich auch einen überlästigen Menschen bedeutet.
Bei Pius' Tode hatte Pasquino viel zu tun. Er antwortete auf die Frage:"Wie fand man den Leichnam des Heiligen Vaters?" - "Im Kopf waren seineNepoten, im Magen Josephs Kirchenordnung und in den Füßen diePontinischen Sümpfe."
Wer hätte es jemals gedacht, dass Frankreich, welches vor tausend Jahren die Macht des Papstes schuf, einst den Vizegott auf Pension setzen würde. Aber die Zeit der Wunder war wiedergekehrt, nur dass der Wundertäter kein gläubiger Heiliger, sondern Napoleon I. war.
Der große Bonaparte verriet die Freiheit und war klein genug, Kaiser werden zu wollen, und das konnte er nur, wenn er die Dummheit der Menschen förderte, und dazu brauchte er wieder einen Papst; denn Pfaffen und Despotie gehören zusammen wie Stiel und Hammer.
Der neue Papst Pius VII. salbte Napoleon. Pasquino konnte sein Maul nicht halten; er antwortete auf die Frage: "Warum ist das Öl so teuer?" - "Weil soviel Könige gesalbt und so viele Republiken gebacken sind."
Mit Zittern und Zagen ging Pius nach Frankreich; aber die wilden Löwen der Republik waren bereits wieder sanfte Schafe der Kirche geworden und der Papst äußerte selbst: "Ich rechne darauf, als ehrlicher Mann empfangen zu werden, aber nicht als Papst."
Die Pariser waren indessen - durch das Revolutionssieb filtrierte Pariser. Der Krönungszug war für sie kein heiliges Schauspiel, sondern eine Farce, und als Pius VII. seinen Segen erteilte, riefen die Gamins: bis! bis!
Der Esel, auf welchem der Kreuzträger vor dem päpstlichen Wagen herritt,erregte ihre ganz besondere Heiterkeit: "Ach, seht da die päpstlicheKavallerie! Ach, der apostolische Esel: der heilige Esel, der Esel derJungfrau!" und schallendes Gelächter erschallte vor Notre Dame.
Der Kaiser ließ den Papst eine Stunde in der Kirche warten und setzte sich dann mit seiner Gemahlin selbst die Krone auf. Pius VII. spielte eine untergeordnete Figurantenrolle.
Zorn im Herzen, kehrte der Heilige Vater nach Rom zurück. Der Spott der Pariser hatte ihn vielleicht etwas verrückt gemacht. Er wurde im Kalender irre und meinte wahrscheinlich acht Jahrhunderte früher zu leben, denn er dachte ernsthaft daran, alle Fürsten und alle Kirchen wieder von sich abhängig zu machen. Er hatte das Papstfieber.
Napoleon hatte indessen erreicht, was er wollte, und schonte den toll gewordenen Papst nicht länger. Am 2. Februar 1808 rückte General Miollis in Rom ein. Pius trat ihm entgegen und fragte: "Sind sie Katholik?" - "Ja, Heiliger Vater", stammelte der General ganz verlegen. Pius gab ihm schweigend den Segen und ging in sein Kabinett.
Lachen wir auch über die Anmaßungen des Papstes, so müssen wir doch gestehen, dass er seine Rolle dem allmächtigen Kaiser gegenüber gut spielte. Das römische Volk war durch die harte Behandlung, die man den Kardinälen und selbst dem Papst zuteil werden ließ, gegen die Franzosen so erbittert, dass es diesem nicht schwer gewesen wäre, ein Seitenstück zur Sizilianischen Vesper hervorzurufen. Dass er dazu Lust hatte, lässt sich vermuten; allein, die Sache war doch zu gewagt, und Pius beschloss, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Napoleon wollte ihn jedoch in Frankreich unter seiner speziellen Aufsicht haben. Eines Nachts drangen Soldaten in den Vatikan, und der Heilige Vater wurde in einem Lehnstuhl durch das Fenster hinabgelassen und nach Frankreich gebracht. Hier lebte der Vizegott nicht "wie der liebe Gott in Frankreich", sondern zurückgezogen und einfach und begnügte sich damit, gegen die ihm angetane Gewalt zu protestieren. Er gab dem Kaiser nicht einen Zoll breit nach, und das war männlich. In einer Privatunterhaltung, die zufällig belauscht wurde, nannte er Napoleon verächtlicherweise "Komödiant!", was den Kaiser so wütend machte, dass er, um seinem Zorn Luft zu machen, ein kostbares Porzellangefäß auf dem Boden zertrümmerte.
Als Napoleon nach Elba verbannt wurde, zog Pius VII. (im Mai 1814) nach Rom und gebärdete sich als echter Papst. Er hatte es erfahren, dass die Macht aus den geistlichen Händen wieder in die weltlichen übergegangen war. Mit Gewalt war sie nicht wiederzuerlangen, dazu fühlte er sich zu unmächtig, aber es gab andere Wege, heimliche, verborgene, und die Menschen waren noch immer dumm.
Sein erstes Werk war es, die Jesuiten wiederherzustellen (7. August 1814). Die Erweckung der anderen Mönchsorden folgte nach, wie auch die der Bulle In coena Domini, die alle Ketzer verflucht. Ja, die Inquisition, selbst die Folter, trat wieder ins Leben und wurde gegen mehrere unglückliche Carbonari angewandt. All der Unsinn der früheren Jahrhunderte kam wieder zutage. Pius öffnete die seit Jahren geschlossene Rumpelkammer des päpstlichen Zeughauses, und heraus flatterten mittelalterliche Eulen und Fledermäuse. - Prozessionen, Wallfahrten, Heiligenbilder und wie der Gaukelapparat heißen mag, kamen aufs neue zur Geltung; das neue Licht sollte mit Gewalt ausgelöscht werden. -
Pius VII. fiel auf dem Marmorboden seines Zimmers, brach einen Schenkel und starb am 20. August 1823 in einem Alter von 81 Jahren.
Sein Andenken muss jedem Freunde fast noch verhasster sein als irgendeines anderen Papstes aus der Zeit des früheren Mittelalters, weil Pius im neunzehnten Jahrhundert lebte und aus Herrschsucht und Habgier das römische Ungeziefer über die Erde losließ, unbekümmert über das Unglück, welches dadurch angerichtet wurde; gleich jenem Jungen, von dem die Zeitungen berichteten, der Scheunen in Brand steckte, - um dadurch zu den Nägeln zu gelangen, wovon er den Erlös vernaschte.
Leo XII., der nun folgte, war ein munterer Lebemann, von dem manche deutsche Dame zu erzählen wusste. Dabei war er Jagdliebhaber, kurz, ein ganz flotter Bursche. Pasquino meinte: "Wenn der Papst ein Jäger ist, so sind die Kardinäle die Hunde, die Provinzen die Forste und die Untertanen das Wild." - Ach, guter Pasquino, Wild waren die Untertanen immer und das wird sich nur ändern, wenn sie ernstlich wild werden!
Als Leo Papst wurde - wurde er eben wieder ein Papst! Er verkündete 1825 ein Jubiläum und lud die Gläubigen ein, "die Milch des Glaubens aus den Brüsten der römischen Kirche unmittelbar zu saugen". Bon appetit!
Dieser Leo war ein solcher - Papst, dass er die Kuhpockenimpfung als gottlos verbot, weil der Eiter eines Tieres mit dem Blut eines Menschen vermischt werde! - Unter früheren Päpsten wurde für Geld selbst Sodomiterei mit den Tieren erlaubt, und doch machen die Päpste Anspruch auf Unfehlbarkeit.
Leo trat ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers, und die Kirche, von den Regierungen, besonders aber von der österreichischen, mit despotischer Liebe unterstützt, erholte sich immer mehr von dem Schlag, den ihr die Revolution versetzt hatte. Im Jahr 1827 bestand der päpstliche Generalstab aus 55 Kardinälen, 10 Nuntien, 118 Erzbischöfen und 642 Bischöfen. Die Armee der Weltgeistlichen, Mönche und Jesuiten vermag ich nicht zu taxieren.
Leo starb 1829, und ihm folgte Pius VIII., der bereits am 30. November 1830 ebenfalls starb, nachdem er den Obskurantismus nach besten Kräften befördert hatte. Wer daran zweifelt, der lese sein Generaledikt des heiligen Officiums vom 14. Mai 1829, worin in Gemäßheit eines heiligen Gehorsams und unter Strafe der Ausschließung und des Verbanntseins außer den anderen Strafen, welche schon durch die heiligen Kanone, Dekrete, Konstitutionen und Bullen der Päpste ausgesprochen werden, allen und jeden, die der Gerichtsbarkeit des Generalinquisitors untergeben sind, geboten wird: "binnen Monatsfrist alles, was sie wissen und erfahren werden, gerichtlich anzugeben, in Betreff alles oder eines jeden von denen, welche Ketzer oder der Ketzerei verdächtig und von ihr angesteckt oder ihre Gönner und Anhänger sind - die vom katholischen Glauben abgefallen sind - welche sich den Beschlüssen der heiligen Inquisition widersetzt haben oder sich widersetzen, die entweder in eigener Person oder durch andere, auf welche Art es auch geschehen mag, einen Diener, Ankläger, einen Zeugen bei dem heiligen Gerichte in ihrer Person, ihrer Ehre und ihren Vorrechten beleidigt haben oder beleidigen, zu beleidigen gedroht haben oder zu beleidigen drohen - welche in eigener Wohnung oder bei andren Bücher von ketzerischen Verfassern, Schriften, die Ketzereien enthalten oder religiöse Gegenstände ohne Bevollmächtigung des Heiligen Stuhles behandeln, ehedem besessen haben oder jetzt besitzen" etc. etc.
Am 2. Februar 1831 bestieg der Kardinal Mauro Capellari unter dem Namen Gregor XVI. den Päpstlichen Stuhl. Er hieß eigentlich Bartolommeo Alberti Capellari und wurde 1765 in Belluno im Venitianischen geboren. Im Jahr 1783 trat er unter dem Namen Mauro in den Kamaldulenserorden, und nachdem er 1801 Abt, 1823 General seines Ordens geworden war, machte man ihn 1826 zum Kardinal.
Die Unzufriedenheit im Kirchenstaate war groß, und bald nach seiner Besteigung des Päpstlichen Stuhles brachen Aufstände aus, welche jedoch mit Hilfe österreichischer und französischer Truppen unterdrückt wurden. Anstatt, wie er verheißen, das Los seiner unglücklichen Untertanen zu erleichtern, zog er auf den Rat einiger Kardinäle die Zügel der Regierung noch schärfer an, und jede freie Äußerung wurde im Kirchenstaat noch härter bestraft als zu jener Zeit selbst in Österreich oder Preußen.
Schon unter Pius VIII. war Gregor XVI. zu politischen Unterhandlungen gebraucht worden, und namentlich leitete er diejenigen, welche mit Preußen wegen der gemischten Ehen gepflogen wurden. Als Papst geriet er mit allen Regierungen in Streit, denn er trachtete danach, seine geistliche Gewalt in ihrer alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle Anmaßungen der Päpste und der Hierarchie wurden von ihm mit Starrsinn aufrechterhalten, alles, was dem entgegenstand, bekämpft und Anstalten und Einrichtungen begünstigt, welche seit Jahrhunderten zur Unterstützung dieses Strebens gedient hatten. Die Wissenschaften wurden unterdrückt, die Jesuiten begünstigt und Klöster errichtet oder neu aufgeführt.
Mit Spanien und Portugal kam er in Streit, ebenso mit Preußen wegen der Erzbischöfe Droste von Vischering und Dunin; mit Russland gleichfalls und auch mit der Schweiz wegen Aufhebung der Klöster im Aargau.
Er starb am 1. Juni 1846, und die Welt freute sich, einen Mann los zu sein, dessen ganzes Trachten es gewesen war, die Weltuhr zurückzustellen, während es überall gärte und das Volk zum Fortschritt drängte.
Zu seinem Nachfolger wurde Pius IX. erwählt, der jetzt noch auf dem sogenannten Stuhl Petri sitzt und von dem man hofft, dass er der letzte eigentliche Papst gewesen sein wird. Sein Name war Giovanni Maria Graf Mastai-Ferretti. Er wurde am 13. Mai 1792 in Sinigaglia geboren. Er war ein von den Damen sehr wohlgelittener junger Mann geworden, als er 1815 in die päpstliche Garde treten wollte; allein leider konnte er nicht angenommen werden, da er an der fallenden Sucht oder Epilepsie litt. Er beschloss daher, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und fing an, die unnütze Wissenschaft zu studieren, welche man Theologie nennt, die aber den relativen Nutzen hat, dass sie zu hohen Ehren und Stellen führen kann.
Ein römisch-katholischer Priester darf aber an keinem körperlichen Gebrechen leiden, und die Kirche hat sehr triftige Gründe dafür; der junge Graf Ferretti würde daher mit seinen epileptischen Anfällen gleichfalls von ihr zurückgewiesen worden sein, wenn sich nicht der Himmel mit einem Wunder hineingemischt hätte. Ein Geistlicher in Loreto, namens Strambi, heilte ihn von dem grässlichen Übel durch Magnetismus, das heißt durch Handauflegen, - eine Kraft, welche übrigens auch viele Ketzer haben und ausüben.
Da nun nichts seiner Weihe als Priester im Wege stand, so wurde er in Rom als Priester ordiniert und 1823 mit der Mission nach Chile in Südamerika geschickt. Von dort kehrte er nach zwei Jahren zurück, wurde 1827 Erzbischof von Spoleto, 1833 Bischof von Imola und 1840 Kardinal. Am 16.Juni 1846 wurde er zum Papst gewählt und als Pius IX. am 21. Juni gekrönt.
Selten trat ein Papst seine Regierung unter so günstigen Umständen an, denn die Härte seines Vorgängers ließ jede versöhnliche Maßregel, jede Verbesserung als doppelt wertvoll erscheinen. Da Pius IX. ein milder und für einen Papst freisinniger Mann war, so trugen ihm die Italiener eine an Enthusiasmus grenzende Liebe entgegen. Man erwartete indessen mehr von ihm, als er in seiner Stellung als Papst leisten konnte und wollte, und die von der revolutionären Partei ihm zugemuteten Schritte überschritten diese Grenze.
Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst musste dem Sturm folgen und die Verfassung vom März 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das konstitutionelle Regieren war aber einem Papst ein ungewohntes Ding, und um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch strenge Maßregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahr 1848, und die Folge waren Aufstände in Rom und die Ermordung des missliebigen Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte Volk zog vor den Quirinal, seine Wünsche darzulegen. Der Papst wollte "sich nicht imponieren lassen", allein als man das kanonische Recht - das heißt wirklich metallische Kanonen - gegen ihn anwandte, hatte er nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Macht beraubt sah, so hielt er es für zweckmäßig, am 24. November 1848 unter dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den Schutz des Königs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, dass Rom zur Republik erklärt wurde.
Eine politische Geschichte Roms liegt außer dem Bereich dieser Schrift, die weniger mit dem Fürsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der römisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Dass dieser zugleich weltlicher Fürst und als solcher in politische Händel verwickelt ist, ist ein Umstand, welcher selbst von vielen Katholiken beklagt wird, da er dem Oberhaupt der Kirche die Würde raubt. Wie derselbe in seiner Eigenschaft als Fürst durch französische Bajonette noch immer künstlich erhalten wird, ist bekannt wie auch die ziemlich gewisse Hoffnung, dass mit dem Aufhören dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen Regierungssorgen erlöst werden wird.
So bewegt und trübe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Fürst war, so waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche für ihn sehr günstig. Er trat genau in die Fußstapfen seines Vorgängers, allein er tat es in weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen Mächten Konkordate abzuschließen, durch welche die Macht und das Ansehen der römischen Kirche wiederhergestellt wurden. Besonders erfolgreich war er in dieser Beziehung in Frankreich und Österreich, wo die Kirche ihren ganzen verderblichen Einfluss auf die Schulen wiedergewann.
Die Fürsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es für notwendig, den verdummenden und knechtenden Einfluss der Kirche auf das Volk wieder zur Unterstützung ihrer eigenen despotischen Gelüste zu Hilfe zu rufen, während andererseits die römische Kirche, besonders in Deutschland, danach strebte, sich von dem Einfluss der weltlichen Regierungen möglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zweck wurden die Piusvereine gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegründet wurde und deren Zahl bald so sehr wuchs, dass bereits im Oktober desselben Jahres eine Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickt wurde. Von diesen Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine hervor, die sämtlich für die Wiederherstellung der römischen Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten.
Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen Mitteln zu wirken für die Freiheit des römischen Glaubens und Kultus, für das göttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; für unbeschränkten Verkehr zwischen Bischöfen und Gemeinden und zwischen beiden und dem Papst; für Heilung der Notstände und für freie Verwaltung und Verwendung des Kirchenvermögens. In politischer Beziehung wollten die Vereine nur zur Unterstützung der obrigkeitlichen Gewalt und zur Förderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie beschränkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer möglich, direkt in die Politik ein.
Pius IX. ist weit entfernt, das Unzeitgemäße der Lehren der römisch- katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemüht, den Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, dass er die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma erhob.
Während die Tätigkeit der römischen Kirche in Deutschland solche Erfolge errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und besonders in Sardinien und im jetzigen Königreich Italien, dessen konstitutionelle Regierung den Anmaßungen der Kirche entschieden entgegentrat.
Den härtesten Schlag erhielt jedoch die römische Kirche, oder vielmehr die päpstliche Gewalt, durch den im Jahr 1866 stattgehabten Umschwung der Dinge. Die von dem österreichischen Reichstag ausgesprochene teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des Schulwesens und der Kontrolle über die Ehe und damit zweier der mächtigsten Hebel ihrer Macht.
Die große Tätigkeit, welche die römische Kirche durch ihre Vereine und andere ihr zu Gebot stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig, sondern veranlassten auch die Männer der Wissenschaft und selbst diejenigen, welche sich nie um Religion kümmerten, sich gegen die verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschritts hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer auch Papst Pius IX. von dem in diesem Jahr von ihm zusammenberufenen Konzil für sanguinische Hoffnungen hegen mag, wer die Lage der Dinge mit vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, dass ein für das Mittelalter berechnetes Institut im Jahr 1869 nicht wieder aufblühen kann. Der Genius der Freiheit wird die Finsterlinge in den Staub treten.
Sodom und Gomorrha
"Es ist kein feyner Leben auf erden, denn gewisse zinß haben von seinem Lehen, eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott gedienet."
Die Reformation wurde recht eigentlich durch das Schandleben der römisch-katholischen Geistlichen hervorgerufen, denn der Ablassunfug war nur die nächste Veranlassung. Es lohnt sich daher schon der Mühe, einen Blick in diese geistliche Kloake zu tun und zu prüfen, woher es kommt, dass gerade diejenigen, welche durch ihre Stellung vorzugsweise dazu berufen waren, den Menschen als Muster der Sitte voranzugehen, sich durch die zügellosesten sinnlichen Ausschweifungen so sehr befleckten, dass sie dadurch den allgemeinen Abscheu gegen sich hervorriefen.
Die schaffende und erhaltende Kraft oder Macht, die wir Gott nennen, hat allen lebenden Geschöpfen den Geschlechtstrieb gegeben. Sie machte ihn zu dem mächtigsten Trieb, weil sie damit die Fortpflanzung verband, worauf sie bei allen organischen Geschöpfen besonders vorsorglich bedacht war; ja, sie stellte es nicht in den freien Willen, dem Geschlechtstriebe zu folgen, sondern zwang dazu, ihm zu folgen, indem sie die unnatürliche Unterdrückung desselben empfindlich strafte. Der gewaltsam unterdrückte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu Narren, wie wir an einigen Beispielen im Kapitel von den Heiligen gesehen haben.
Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist also eine Naturpflicht und an und für sich ebenso erlaubt und unschuldig wie die Befriedigung des Durstes. Vom sittlichen Standpunkt aus beurteilt, verdienen der Fresser und der Säufer in nicht geringerem Grade unsern Tadel als der in der sinnlichen Liebe ausschweifende Wollüstling und die seltsame und verkehrte Ansicht, wodurch wir selbst die naturgemäße Befriedigung des Geschlechtstriebes gleichsam zu einem Verbrechen oder doch zu einer Handlung stempeln, deren man sich schämen muss, - verdanken wir einzig und allein der missverstandenen, verunstalteten, christlichen Religion.
Das gesellschaftliche Zusammenleben machte es durchaus notwendig, dass die Leidenschaften der Menschen geregelt werden, sei es nun durch die sogenannte Sitte oder durch Gesetze. Wollte ein jeder seinen Leidenschaften die Zügel schießen lassen, so würden sich Staat und Gesellschaft bald in wilde Anarchie auflösen. Damit ein jeder Bürger, auch der schwächste, im Genuss seines Lebens und Eigentums selbst gegen den stärksten geschützt sei, muss jeder seinen natürlichen Leidenschaften eine vom Gesetz bestimmte Grenze setzen, welche von den Vollziehern dieser Gesetze, hinter denen die Gesamtheit des Volks steht, sorgfältig bewacht und geschützt wird.
Die Erfahrung lehrt, dass der Geschlechtstrieb gar oft die gewaltigsten und verderblichsten Wirkungen hervorbringt, und so musste er denn natürlich auch die ganz besondere Aufmerksamkeit der Gesetzgeber in Anspruch nehmen. Sie fanden in der Ehe das geeignetste Mittel, den Folgen geschlechtlicher Ausschweifungen vorzubeugen, und alle zivilisierten Völker alter und neuer Zeit betrachten die Ehe als die festeste Grundlage des Staatslebens und in jeder Hinsicht als ein höchst segensreiches und die Menschen veredelndes Institut.
Die christliche Kirche verkannte die Wichtigkeit der Ehe durchaus nicht, und da sie unablässig bemüht war, den größtmöglichen Einfluss auf die Menschen zu erlangen, so bemächtigte sie sich auch vorzugsweise der Ehe, obwohl dieselbe die Kirche nicht mehr berührt als jede andere gesellschaftliche Einrichtung, und behauptete, dass zur Schließung derselben die priesterliche Einsegnung durchaus nötig sei; ja, sie ging so weit, dass sie diese rein gesellschaftliche Übereinkunft, über welche höchstens dem Staat eine Kontrolle zusteht, für ein sogenanntes Sakrament erklärte.
Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, dass die Päpste selbst die schamlosesten Betrügereien nicht scheuten, wenn es die Vergrößerung ihrer Macht galt, und so kann es uns nicht mehr besonders auffallen, wenn wir nachweisen, dass sie auch in Bezug auf die Ehe wahrhaft lächerliche Inkonsequenzen begingen.
Die Ehe, dieses heilige Sakrament, wurde den Geistlichen verboten, weil es sie verunreinige! - Den wahren Grund dieses Verbotes habe ich bei Erwähnung Gregors VII. im vorigen Kapitel erwähnt, und der angegebene Zweck wurde damit erreicht, obwohl dadurch Folgen erzeugt wurden, welche der römischen Kirche fast ebenso großen Nachteil brachten wie den Menschen im Allgemeinen.
Die Geistlichen wurden durch das Zölibat - so nennt man die erzwungene Ehelosigkeit römischer Priester - völlig isoliert und ihre Verbindung mit den übrigen Menschen und dem Staat zerrissen, dafür aber desto fester an die Kirche, das heißt an den Papst, gefesselt; denn dieser ist es ja, von dem jeder römisch-katholische Geistliche in höchster Instanz sein zeitliches Heil zu erwarten hat. Der alte Vizegott in Rom ist ihm Familie und Vaterland. Ein echt römisch-katholischer Geistlicher kann gar kein guter Patriot oder guter Staatsbürger sein.
Was kümmern sich die Päpste um die abscheulichen Folgen des Zölibats. Sie wollen unumschränkt herrschen um jeden Preis, wenn auch durch ihren schändlichen Egoismus die Moralität der ganzen Welt samt dem Christentum zu Grunde geht. Die Heiligen Väter in Rom werden durch nichts anderes bewegt als durch ihren Eigennutz, welche erhabenen Gründe sie auch mit salbungsvollen Worten zur Bemäntelung desselben vorbringen mögen.
Weder Tonsur noch Weihen vermögen es, den Geistlichen die "menschlichen Schwächen", wie man dummerweise die Regungen des Naturtriebes häufig nennt, abzustreifen. Die Natur respektiert einen geweihten Pfaffenleib ebenso wenig wie den irgendeines anderen tierischen Organismus und kämpft mit ihm um ihr Recht. Diese Kämpfe endeten bei gewissenhaften Geistlichen, denen es mit ihrem Keuschheitsgelübde ernst war, gar häufig mit Selbstmord oder Wahnsinn oder mit unnatürlicher Befriedigung des Geschlechtstriebes oder mit freiwilliger Verstümmelung. - Der schlechtere Teil der Geistlichen, die ich hauptsächlich mit "Pfaffen" meine, betrachtet dagegen die Ehe als eine Fessel, von der sie der gute Gregor befreit hat, und tut wie jener Mönch, der nach langen Kämpfen endlich dem Rate eines alten Praktikus folgte: "Wenn mich der Teufel reizt, so tue ich, was er will, und dann hört der Kampf auf." Sie wissen sich, was die Befriedigung des Geschlechtstriebes anbetrifft, für die Ehe schadlos zu halten, indem sie nach Clemens VI. Ausdruck "wie eine Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes wüten".
Diese Pfaffen nennt der heilige Bernhard "Füchse", die den Weinberg des Herrn verderben und die Enthaltsamkeit nur zum Deckel der Schande und Wollust brauchen, vor denen schon der Apostel Petrus gewarnt habe. "Man müsse", fährt er fort, "ein Vieh sein, um nicht zu merken, dass man allen Lastern Tür und Tor öffne, wenn man rechtmäßige Ehen verdamme."
Jesus war selbst nicht verheiratet; aber bei vielen Gelegenheiten äußerte er sich über die Ehe und erkannte sie als eine durch göttliche Anordnung geheiligte Anstalt an (Matth. 5,31. 32; 19,3-7. 9.); ja, wir wissen, dass er mit seiner Mutter und seinen Jüngern einer Hochzeitsfeier in Kana in Galiläa beiwohnte (Joh. 2,2) was er nicht getan haben würde, wenn er die Ehe überhaupt als eine unsittliche Verbindung erkannt hätte.
Die Apostel hatten drüber ganz dieselben Ansichten. Paulus nennt die Ehe einen in allen Betrachtungen ehrwürdigen Stand (Hebr. 13,4) und erklärt sogar die Untersagung derselben für eine Teufelslehre (1.Tim. 4,3). Kurz, nach allen in der Bibel enthaltenen Lehren des Christentums ist das Band, welches die Ehe um Mann und Weib schlingt, ein höchst ehrwürdiges.
Die Christen der ersten Zeit waren auch weit davon entfernt, die Ehe der Geistlichen als etwas Unerlaubtes zu betrachten, ja, sie setzten dieselben bei ihnen sogar voraus. Petrus selbst, dessen Nachfolger die Päpste sein wollen, und die meisten der Apostel waren verheiratet. Paulus verlangt von den Bischöfen und Diakonen, dass sie im ehelichen Stande leben sollten. Er schreibt an Thimotheus: "Ein wahres Wort: wer ein Bischofsamt sucht, der strebt nach einem edlen Geschäft. Ein Bischof muss deswegen tadellos sein, eines Weibes Mann, nüchtern, ernst, wohlgesittet, zum Lehrer tüchtig; kein Trunkenbold, nicht streitsüchtig (nicht schmutziger Habgier ergeben), sondern sanft, friedliebend, frei von Geiz; der seinem Haus gut vorstehe, der seine Kinder im Gehorsam erhalte mit allem Ernst: denn wer seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie kann er die Gemeinde Gottes regieren? (1.Tim. 3,1-5) Die Diakonen seien eines Weibes Männer, wohl vorstehend ihren Kindern und ihren Häusern." (Tim. 1,3. 12.)
An Titus schreibt er: "Deswegen habe ich Dich in Kreta zurückgelassen, damit Du das, was noch fehlt, vollends in Ordnung brächtest und in jeder Stadt Priester (Älteste) ansetzest, wie ich Dir aufgetragen habe; wenn nämlich jemand unbescholtenen Rufes ist, eines Weibes Mann, der gläubige Kinder hat." (Tit. 1,5-6)
Diese Stellen, welche noch durch zahlreiche andere vermehrt werden könnten, sprechen so deutlich, dass es kaum begreiflich erscheint, wie die Päpste es wagen konnten, die Rechtmäßigkeit des Zölibats der Geistlichen aus der Bibel beweisen zu wollen. Sie würden auch mit diesem Gesetz nie durchgedrungen sein, wenn nicht schon seit früher Zeit in der christlichen Kirche die Idee von der Verdienstlichkeit des ehelosen Lebens gespukt hätte.
Wie diese dem Christentum so durchaus fremde Ansicht von der Ehe in demselben allmählich Wurzeln fasste, auseinanderzusetzen würde sehr weitläufig sein, und da ich hier mich darauf nicht einlassen kann, so will ich mich bemühen, den Gang der Sache in flüchtigen Umrissen zu skizzieren.
Zur Zeit, als Jesus auftrat, hatte der Glauben an die alten Götter eigentlich längst aufgehört. Der öffentliche Gottesdienst bestand in leeren Zeremonien, und an die Stelle der Religion war die Philosophie getreten. Selbst das Volk nahm teil an den philosophischen Streitigkeiten wie heutzutage an den religiösen und hing teils diesen, teils jenen der unendlich vielen aufgestellten Systeme an.
Als nun das Christentum entstand und die Zahl der Anhänger desselben sich vermehrte, wurden auch die alten philosophischen Ansichten, deren man sich nicht so schnell entäußern konnte, in dasselbe mit hinübergenommen, und man versuchte es, so gut es anging, dieselben mit den christlichen Lehren zu vereinigen.
Die reine Philosophie - Vernunftswissenschaft, Erkenntnislehre - kann nie Schwärmerei erzeugen, welche eine entschiedene Feindin der Vernunft ist; werden ihr aber religiöse Bestandteile beigemischt, so kann sie gar leicht nicht allein zur Schwärmerei, sondern selbst zum wütendsten Fanatismus führen. Aber fast alle philosophischen Systeme jener Zeit hatten religiöse Bestandteile in sich aufgenommen, teils griechischen, altorientalischen, ägyptischen oder jüdischen Ursprungs, und ihre Anhänger und Bekenner waren meistens Gnostiker, das heißt Geheimwisser oder Offenbarungskundige. In diese Systeme kam nun noch das christliche Element, und das Resultat dieser Vereinigung waren oft sehr erhabene, aber noch häufiger höchst abgeschmackte Lehrbegriffe über Gott, Weltschöpfung, die Person Christi, den Ursprung des Übels, das Wesen des Menschen usw. Wir haben es hier nur mit ihren Ansichten über die Ehe zu tun.
Vorherrschend unter den Offenbarungs-Philosophen war die Ansicht, dass die Materie - das Körperliche - die Quelle alle Bösen und dass die Welt nicht durch den höchsten Gott, sondern durch ein ihm untergeordnetes, unvollkommeneres Wesen - Demiurg (Werkmeister) - geschaffen sei. Der Körper der Menschen stehe unter der Herrschaft der Materie und des bald mehr oder minder bösartig gedachten Demiurgs, und das Heil des menschlichen Geistes bestehe darin, dass es sich von den Fesseln der Materie und des Demiurgs losmache und zu dem höchsten Gott zurückkehre. Mit anderen Worten heißt das: der Mensch soll ein rein geistiges Leben führen und alle vom Körper ausgehenden sinnlichen Regungen wie einen Feind bekämpfen.
Hieraus geht schon deutlich hervor, dass die Ansichten dieser Schwärmer der geschlechtlichen Vereinigung und der Ehe nicht günstig sein konnten. Ehe ich einige dieser Ansichten namhaft mache, muss ich noch von dem Brief des Paulus an die Korinther reden, welcher auf diese "Philosophie" von bedeutendem Einfluss war.
Die Christen in Korinth konnten sich über ihre Meinung von der Ehe nicht einigen und baten den Apostel Paulus um Belehrung. Dieser erfüllte ihr Begehr, und was er ihnen antwortete, kann jeder in der Bibel nachlesen (1. Korinth. Kap. 7). Aus diesem Schreiben geht hervor, "dass es Paulus für besser hielt, unverheiratet zu bleiben; aber er erklärt ausdrücklich, dass er mit diesem Rat den Christen keine Schlinge werfen wolle und dass derjenige, der es für besser halte zu heiraten, damit durchaus keine Sünde begehe. (1. Korinth. 7,32.)
Vergleichen wir die in diesem Brief enthaltenen Ratschläge mit seinen an andern Stellen stehenden Aussprüchen über die Ehe, so möchte man mit dem römischen Statthalter Festus ausrufen: "Paule, dein vieles Wissen macht dich rasen!" Allein in dem Brief selbst ist der Schlüssel zu seiner Handlungsweise enthalten: "Ich wollte Euch aber vor Sorgen bewahren."
Die Christen erwartete damals eine stürmische Zeit der Verfolgungen und Trübsal, dann auch die baldige Wiederkehr Christi zum Weltgericht, und dieser Glauben hatte auf die Antwort des Paulus unverkennbaren Einfluss. Ein Unverheirateter wird die Leiden des Lebens meistens leichter ertragen als ein Familienvater; das wird jeder fühlen, der eine Familie hat.
Dieser Brief des Paulus diente den Verteidigern des Zölibats der Geistlichen als Hauptstütze; sie vergaßen dabei aber außer den besonderen Umständen, unter denen er geschrieben wurde, dass er an alle Christen zu Korinth und nicht allein an die Geistlichen geschrieben war; und hätte man die in ihm in Bezug auf die Ehe enthaltenen Ratschläge allgemein als Befehl anerkennen wollen, so würde das Christentum bald ein Ende gehabt haben, indem seine Anhänger ausgestorben wären. - Denn, wenn Paulus sagt: wer heiratet, tut wohl; wer nicht heiratet, tut besser, so sagt er doch auch: Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib berühre. Das hätten sich die Geistlichen, welche das Zölibat verteidigen, nur ebenfalls merken und als einen Befehl erachten sollen. Ehe ist besser als Hurerei, und was Paulus darüber dachte, geht aus Folgendem hervor:
Durch die Ratschläge des Apostels, vielleicht auch dadurch verführt, dass die Frauen, welche Ehelosigkeit gelobten, von der christlichen Gemeinde erhalten und oft zu untergeordneten Kirchenämtern - zu Diakonissen - gewählt wurden, versprachen mehrere Witwen in Korinth, sich nicht wieder zu verheiraten. Die jungen Weiber hatten sich jedoch zu viel Kraft zugetraut. Die Ehelosigkeit wurde ihnen höchst unbequem, und viele von ihnen hätten gern wieder geheiratet, wenn sie es wegen ihres Gelübdes gedurft hätten. Aber der "Fleischesteufel" - um auch einmal diesen beliebten pfäffischen Ausdruck zu gebrauchen - kehrt sich an kein Gelübde und plagte die armen, verliebten Weiberchen so sehr, dass sie es endlich machten wie der oben erwähnte Mönch und ihm den Willen taten, damit sie nur Ruhe gewannen. - Sie waren aber sehr schwer zu beruhigen, und ihr unzüchtiges Leben fing an, Aufsehen zu machen. Paulus fand sich dadurch veranlasst, zu verordnen, dass diese Frauen, wenn sie Neigungen dazu bekämen, trotz ihres Gelübdes lieber heiraten als ein unzüchtiges Leben führen sollten, "damit nicht den Gegnern des Christentums dadurch eine willkommene und gerechte Veranlassung gegeben werde, dasselbe zu verlästern".
Die Päpste handelten jedoch ganz anders als der Apostel. Ihnen war es nur um Ausrottung der Ehe unter den Priestern zu tun und sie gestatteten sogar gegen eine Geldabgabe außereheliche, geistlich-fleischliche Ausschweifungen, unbekümmert um das Ärgernis, welches dadurch gegeben wurde; ja, sie gingen selbst mit dem schändlichsten Beispiel voran!
Von ihnen gilt, was Paulus ahnungsvoll vorhersah: "Bestimmt aber sagt der Geist, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen werden, achtend auf Irrgeister und Teufelslehren, die mit Scheinheiligkeit Lügen verbreiten, gebrandmarkt am eigenen Gewissen, die verbieten zu heiraten und gewisse Speisen zu genießen, welche Gott geschaffen, dass sie dankbar genossen werden von den Gläubigen und von denen, welche die Wahrheit erkannt."
Doch ich will wieder zu unseren Offenbarungsnarren zurückkehren und anführen, was einige Sekten derselben von der Ehe hielten.
Julius Cassianus, ein Hauptnarr, erklärte die Ehe für Unzucht, und die ganze zahlreiche Sekte der Enkratiten floh die Berührung der Weiber überhaupt als eine Sünde. Zu ihnen gehörten die Abeloniten in der Gegend von Hippo in Afrika, die sich durchaus des geschlechtlichen Umgangs enthielten. Um aber die Vorschrift des Paulus (1. Korinth. 7,29), dass "diejenigen, die Weiber haben, seien, als hätten sie keine", buchstäblich zu erfüllen, nahmen die Männer ein Mädchen und die Weiber einen Knaben zur beständigen Gesellschaft zu sich, um in Verbindung mit dem andern Geschlecht, aber doch außer der Ehe, zu leben.
Ein gewisser Marzion, der von dem Heidentum zum Christentum übertrat, trieb es mit der Entsagung besonders weit und litt wahrscheinlich am Unterleibe, denn dafür sprechen seine hypochondrischen Lebensansichten. Seine Genossen redete er gewöhnlich an: Mitgehasste und Mitleidende! - Dieser trübselige Narr erklärte jedes Vergnügen für eine Sünde; er verlangte, dass jeder von den schlechtesten Nahrungsmitteln leben sollte, und von der Ehe wollte er vollends nichts wissen, denn diese erschien ihm als eine privilegierte Unzucht. Er verlangte von seinen Anhängern, wenn sie verheiratet waren, dass sie sich von ihren Weibern trennten oder doch das Gelübde leisteten, sie nicht als ihre Weiber zu betrachten. - Diese Sekte bestand bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts unter besonderen Bischöfen.
Manche Lehrer dieser philosophischen Christensekten führten zurAuflösung aller sichtlichen Ordnung. Karpokrates, der wahrscheinlich zurZeit des Kaisers Hadrian in Alexandrien lebte, lehrte: dass dieBefriedigung des Naturtriebes nie unerlaubt sein könne und dass dieWeiber von der Natur zum gemeinschaftlichen Genuss bestimmt wären. Wersich der sittlichen Ordnung unterwerfe, der bleibe unter der Macht desErdgeistes; sich aber allen Lüsten ohne Leidenschaft hingeben heißegegen ihn kämpfen und ihm Trotz bieten.
Ein anderer Schwärmer namens Marzius führte geheimnisvolle Zeremonien ein und machte besonders die Weiber damit bekannt, wodurch bei ihnen alle Schamhaftigkeit vernichtet wurde.
Von den Anhängern des Karpokrates erzählt man, dass sie bei ihren Versammlungen die Lichter verlöschten und untereinander das taten, wobei sich übrigens niemand gern leuchten lässt. Die Adamiten trieben es ähnlich. Vor ihrem Tempel, den sie das Paradies nannten, war eine bedeckte Halle. Unter dieser entkleideten sie sich und marschierten dann nackt und paarweise in die Versammlung. Hier ergriff jedes Männlein ein Fräulein - - und das nannte man die mystische Vereinigung. Ganz so wie bei unsern gut protestantischen Muckerversammlungen. Die Seelenbräute sind eine uralte Erfindung.
Andere Häretiker - so hieß die ganze Klasse dieser seltsamen Philosophen - gestatteten zwar die Ehe, verhinderten aber die Schwangerschaft, indem sie es machten wie Onan, der Erzvater der Onanie.
Montanus, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Phrygien lebte, sagte: dass Jesus und die Apostel der menschlichen Schwäche viel zu viel nachgesehen hätten. Er verachtete alles Irdische und legte auf die Ehelosigkeit sehr großen Wert.
Die Valesier, eine Sekte des dritten Jahrhunderts, zwangen ihre Anhänger zur Kastration, ja, sie trieben dieselbe so leidenschaftlich, dass sie gar häufig Fremde durch List in ihre Häuser lockten und diese unangenehme Operation mit ihnen vornahmen.
Die Lehren dieser Schwärmer, besonders über das Verdienst der Ehelosigkeit, fanden in der christlichen Kirche sehr großen Beifall, und besonders waren es die des Montanus, welche sowohl unter den Geistlichen wie Laien großen Anhang fanden. Wenn nun auch die römische Kirche schon frühzeitig jede kirchliche Gemeinschaft mit den Montanisten abbrach, so behielt sie doch ihre Lehre über das Fasten und das Verdienstliche der Ehelosigkeit.
Das alles Irdische verachtet werden müsste, wurde bald der allgemeine unter den orthodoxen Christen geltende Grundsatz. Wie den Anhängern des Montanus waren ihnen Jesus und seine Jünger viel zu milde und nachsichtig, und auf welche Abwege sie durch ihre asketische Schwärmerei gerieten, haben wir im ersten Kapitel gesehen.
Je mächtiger der Geschlechtstrieb war und je mehr sinnliches Vergnügen seine Befriedigung gewährte, desto verdienstlicher erschien es, ihn zu bekämpfen, und diejenigen, denen es vollkommen gelang, standen im höchsten Ansehen und waren Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
Die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten waren meistens der Ansicht, dass die Seelen gefallener Geister zur Strafe in einen Körper gebannt wären und dass die sittliche Freiheit des Menschen in der Fähigkeit bestände, sich durch Besiegung "des Fleisches" aus der niederen Ordnung emporzuschwingen. - Der Irrtum lag in der Übertreibung; setzt man statt "Besiegung" und Abtötung Herrschaft, so wird wohl jeder Vernünftige mit der Lehre einverstanden sein.
Die Ehe hielt man zwar nicht eigentlich für böse; allein man betrachtete sie als ein notwendiges Übel zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts und zur Verhinderung der Ausschweifungen, von dem man so wenig als nur möglich Gebrauch machen müsse; man würdigte das schönste Verhältnis zu einer bloßen Kinderbesorgungsanstalt herab.
Die Vorliebe für den ehelosen Stand wurde immer allgemeiner und stieg zum Fanatismus, so dass einer der ältesten Kirchenlehrer, Ignatius, sich zu der Erklärung gezwungen sah: dass es sündlich sei, sich der Ehe aus Hass zu entziehen.
Der Philosoph Justinus, welcher den Märtyrertod erduldete, hielt es für sehr verdienstlich, wenn man den Geschlechtstrieb ganz und gar unterdrücke, indem man sich dadurch dem Zustande der Auferstandenen annähere. Er verwarf daher auch die Ehe ganz und gar und verwies auf Christus, der nur deshalb von einer Jungfrau geboren sei, um zu zeigen, dass Gott auch Menschen hervorbringen könne ohne geschlechtliche Vermischung. Einen Jüngling, der sich selbst kastrierte, lobte er sehr.
Athenagoras und andere, die nicht so strenge waren, gaben die Ehe nur wegen der Kindererzeugung zu. Clemens von Alexandrien verteidigte zwar die Ehe und wies auf das Beispiel der Apostel hin; allein er gestand doch zu, dass derjenige vollkommener sei, welcher sich der Ehe enthalte.
Origenes, der sich selbst entmannte, sein Schüler Hierax und Methodius verdammten die Ehe, und ihre Lehren fanden unter den Mönchen Ägyptens großen Beifall.
Einer der heftigsten Eiferer gegen die Ehe war Quintus Septimus Florens Tertullian, Priester zu Karthago. Er erklärte die Ehe zwar nicht für böse, aber doch für unrein, so dass sich der Mensch derselben schämen müsse. Die zweite Ehe nannte er geradezu Ehebruch. Auf die Frage, was aber aus dem Menschengeschlecht werden solle, wenn die Ehe aufhöre, antwortete er: "Es kümmere ihn wenig, ob das Menschengeschlecht ausstürbe; man müsse wünschen, dass die Kinder bald stürben, da das Ende der Welt bevorstände." - Und Tertullian war selbst verheiratet.
Die Lehren dieses sehr geachteten Kirchenvaters waren von sehr großem Einfluss. Die Geistlichen, welche diese Ansichten von der Verdienstlichkeit der Enthaltsamkeit verbreiteten und anpriesen, mussten natürlich mit dem Beispiel vorangehen, und sie hatten in jener Zeit auch noch die besten praktischen Gründe, sich der Ehe zu enthalten, da sie es ja hauptsächlich waren, welche den Verfolgungen zum Opfer fielen.
So kam es denn allmählich, dass die verheirateten Kirchenlehrer in eine Art von Verachtung gerieten, und dieser Umstand war ein Beweggrund mehr für die Geistlichen, sich der Ehe zu enthalten. Fanatische Bischöfe wussten es bei den ihnen untergebenen Geistlichen mit Gewalt durchzusetzen, dass sie sich nicht verheirateten, und das Volk sah immer mehr in dem ledigen Stand einen größeren Grad der Heiligkeit.
Diese Ansicht war schon im fünften Jahrhundert ziemlich allgemein, und diejenigen Geistlichen, welche nicht aus Überzeugung unverheiratet blieben, taten es aus Scheinheiligkeit, und die verheiratet waren, wussten den Glauben zu erwecken, als lebten sie mit ihren Frauen wie mit Schwestern. Fälle von Selbstentmannung kamen häufig vor; aber dessen ungeachtet war um diese Zeit die Ehelosigkeit der Geistlichen weder allgemein, noch wurde sie von der Kirche geboten.
Der erste Versuch hierzu geschah im vierten Jahrhundert auf der in Spanien von neunzehn Bischöfen abgehaltenen Synode zu Elvira (zwischen 305-309). Hier wurde es nicht allein verboten, Verheiratete als Priester anzustellen, sondern man untersagte auch denen, die bereits im Ehestand lebten, den geschlechtlichen Umgang mit ihren Weibern.
Andere Synoden folgten dem Beispiel, und da man nun sehr häufig den unverheirateten Geistlichen den Vorzug gab, so bewog dies viele zum ehelosen Leben, und der Scheinheiligkeit und Heuchelei waren Tür und Tor geöffnet.
Auf der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nicäa (325) stellte ein spanischer Bischof den Antrag, die Ehe der Priester allgemein zu untersagen; allein da erhob sich Paphnutius, Bischof von Ober-Thebais, ein achtzigjähriger, in der höchsten Achtung stehender, unverheirateter Mann, und verteidigte die Ehe mit solcher Wärme und so überzeugend, dass sich die Versammlung damit begnügte, den Geistlichen die Beischläferinnen zu verbieten. - Doch selbst die Erlaubnis, sich zu verheiraten, brachte den dazu geneigten Priestern wenig Nutzen, denn der Zeitgeist erklärte sich nun einmal gegen die Ehe.
Einen bedeutenden Einfluss auf diese Zölibatsschwärmerei hatte das Mönchswesen. Den fanatischen Mönchen war die Ehe und jede geschlechtliche Berührung ein Gräuel; ja, sie gingen in ihrem verkehrten Eifer so weit, dass sie sogar die Frauen verfluchten, und behaupteten, dass man sie gleich einer ansteckenden Seuche oder gleich giftigen Schlangen fliehen müsse. Sie riefen sich, wenn sie einander begegneten, Sentenzen zu, welche sie immer daran erinnern sollten, dass das Weib zu verachten sei, wie z. B. "Das Weib ist die Torheit, welche die vernünftigen Seelen zur Unzucht reizt" und dergleichen.
Was die allgemein auf das höchste verehrten Mönche als verwerflich bezeichneten, erschien nun auch den Laien so, und wenn sich auch nicht jeder zum Mönchsleben stark genug fühlte, so suchte man doch, selbst in der Welt lebend, soviel als möglich Ansprüche auf asketische Heiligkeit zu erwerben.
Dieses Streben nach Heiligkeit erzeugte heldenmütige Entschlüsse, die zwar subjektiv immer zu bewundern sind, aber doch mit Bedauern darüber erfüllen, dass soviel moralisches Pulver ins Blaue hinein verschossen wurde.
Jünglinge und Jungfrauen schwärmten für die Keuschheit. Pelagius, späterBischof von Laodicea, bewog noch im Brautbett seine Braut zu einementhaltsamen Leben; andere wurden in derselben kritischen Lage von ihrenBräuten dazu beredet. Einige Beispiele habe ich schon früher angeführt.
Einzelne Sekten, wie die Eustathianer und Armenier, erklärten jetzt geradezu, dass kein Verheirateter selig werden könne, und wollten von verehelichten Priestern weder das Abendmahl annehmen noch sonst mit ihnen irgendeine Gemeinschaft haben. Da sie aber auch das Fleischessen für sündlich erklärten und sie behaupteten, dass die Reichen, wenn sie nicht ihrem ganzen Vermögen entsagten, nicht selig werden könnten, so wurden ihre Lehren auf einem Konzil als irrtümlich verdammt.
Das weitere Umsichgreifen des Mönchswesens erzeugte ein immer allgemeineres Vorurteil gegen die Ehe, und die verheirateten Priester bekamen einen immer schwierigeren Stand.
Viele der Kirchenväter, deren Schriften allgemeine Verbreitung fanden, waren mit asketischen Ansichten aufgewachsen und eiferten heftig gegen die Ehe. Dies taten Eusebius und Zeno, Bischof von Verona, derselbe, der erklärte, dass es der größte Ruhm der christlichen Tugend sei, die Natur mit Füßen zu treten.
Ambrosius, römischer Statthalter der Provinz Ligurien und Aemilien, trat zum Christentum über und wurde acht Tage nach seiner Taufe zum Bischof von Mailand gemacht. Er kannte kaum die christlichen Lehren, und da er nicht hoffen konnte, sich durch Gelehrsamkeit auszuzeichnen, so versuchte er es durch ein asketisches Leben. - Da es bis dahin noch für Ketzerei galt, die Ehe zu verdammen - die Apostel waren ja verheiratet gewesen, - so gestand er ihr immer noch einiges Gute zu; aber er konnte in den Anpreisungen des ehelosen Lebens kein Ende finden und hatte es besonders darauf abgesehen, den Jungfrauen ihre Jungfrauschaft zu erhalten. Maria stellte er ihnen beständig als Muster auf und erzählte die seltsamsten Wunder, die stattgefunden haben sollten, um die Jungfrauschaft dieses oder jenes Mädchens zu retten. Ja, er ging so weit, die Kinder zum Ungehorsam gegen die Eltern zu verführen, indem er in einem Aufrufe an die Jungfrauen sagte: "Überwinde erst die Ehrfurcht gegen deine Eltern! Wenn du dein Haus überwindest, so überwindest du auch die Welt."