Zur Zeit der Reformation kamen unzählige Nichtswürdigkeiten der Pfaffen an das Licht. Als Luther anfing, Lärm zu schlagen, da regte es sich von allen Seiten, und Schriften gegen die Geistlichkeit erschienen in unendlicher Zahl und überschwemmten ganz Europa.
Luther, Melanchthon, Zwingli und andere forderten laut die Erlaubnis zurEhe für die Priester, und Letzterer richtete im Namen vieler GeistlichenSchriften an seine Vorgesetzten, die aber alle nichts fruchteten. Auseiner derselben will ich nur Folgendes anführen.
Ein Schulmeister, der verheiratet war, hatte Lust, ein Priester zu werden, und wurde es mit Einwilligung seiner Frau. Er hatte sich aber zu viel zugetraut, indem er dachte, das Keuschheitsgelübde halten zu können. Er wehrte sich lange und hätte gern seine Frau wieder zu sich genommen; da er aber dies nicht durfte, so hing er sich an eine Dirne, verließ den Wohnort seiner Frau, um diese nicht zu kränken, und kam in das Bistum Konstanz. Die Frau, welche hörte, dass er eine Haushälterin habe, zog ihm nach. Der Mann, welcher sie lieb hatte, schickte die Haushälterin weg und nahm seine Frau wieder zu sich, da er meinte, es sei dies doch besser, da es ohne "weibliche Pflege" nun einmal nicht ginge. Der Generalvikar und die Konsistorialräte teilten aber seine Ansicht nicht; sie befahlen ihm bei Verlust seiner Pfründe, seine Frau wegzuschicken. Der arme Geistliche erbot sich, dieselbe als Konkubine jährlich zu verzinsen; allein, das war umsonst, sie musste fort. Darauf nahm er seine fortgeschickte Konkubine wieder zu sich, und alles war in bester pfäffischer Ordnung; der Generalvikar hatte nichts dagegen zu erinnern!
Der Rat von Zürich gestattete bald nach einer Disputation, in welcher Zwingli die Ehe wacker verteidigt hatte, dass sich die Priester verheirateten. Mehrere machten sogleich von dieser Erlaubnis Gebrauch und verkündeten ihren Entschluss von der Kanzel. Das Volk bezeugte laut seinen Beifall, und bei der Trauung eines Priesters in Straßburg, wo man bald dem guten Beispiel folgte, rief man im Volk, er habe recht getan, und wünschte ihm tausend glückliche Jahre.
Erasmus von Rotterdam, der durch seine Schriften sehr viel beitrug, die Macht der Päpste zu untergraben, nannte die Reformation das "lutherische Fieber" oder ein Lustspiel, da es mit einer Heirat schließe. Als er Luthers Vermählung erfuhr, scherzte er: Es ist ein altes Märlein, dass der Antichrist von einem Mönch und einer Nonne kommen soll. Er schrieb gleichfalls gegen das Zölibat, meinte aber, dass die Päpste es schwerlich abschaffen würden, da ihnen der Hurenzins gar zu gut tue.
Auf der Trientiner Synode, wo all der alte römische Kohl wieder aufgewärmt wurde, bestätigte man auch wieder aufs neue das Zölibat und erließ die strengsten Befehle gegen das Konkubinat. Aber auch diese Beschlüsse halfen nicht viel. In Polen lebten zur Zeit der Reformation fast alle Geistlichen in heimlicher Ehe, und viele bekannten sie selbst öffentlich. Dieser Zustand änderte sich auch nach der Trientiner Synode nicht, und dass das Konkubinat fortbestand, lehren die unzähligen späteren Verordnungen dagegen.
In denjenigen Ländern, in welchen die Reformation festen Fuß gefasst hatte, waren die Geistlichen freilich darauf bedacht, ihr Schandleben vor den Augen der Welt immer mehr zu verbergen; aber wie begreiflich wurde damals nichts für die Sittlichkeit gewonnen, sondern diese wurde im Gegenteil noch mehr dadurch gefährdet. Die Pfaffen blieben trotz aller Konzilienbeschlüsse liebebedürftige Menschen, um die Sache einmal recht zart auszudrücken, und da beim unvorsichtigen Genuss harte Strafen drohten, so waren sie darauf angewiesen, sich in der Kunst der Verstellung und Heuchelei zu vervollkommnen. Das Handwerk des Frauenverführers wurde nun jesuitischer betrieben, und das war wahrlich kein Gewinn.
In den echt katholischen Ländern genierte man sich indessen weniger, und der Kardinal Bellarmin zum Beispiel führte ein Leben, als hätte nie eine Reformation stattgefunden. Man erzählt von ihm, dass er 1624 Geliebte gehabt und nebenbei zur Sodomiterei noch vier schöne Ziegen gehalten habe! Mehr kann man von einem Kardinal billigerweise nicht verlangen.
Im siebzehnten Jahrhundert erschienen noch sehr zahlreiche, die Unzucht der Pfaffen betreffende Verordnungen, und da man einmal das Konkubinat nicht ausrotten konnte, soviel Mühe man sich auch gab, so bestimmte man nun das Alter der Köchinnen und Haushälterinnen auf fünfzig Jahre, und trotz dieses Alters, welches gegen das höchst rücksichtslose Kinderbekommen sicherte, worauf es hauptsächlich ankam, mussten die Pfaffenköchinnen sich einer strengen Prüfung unterwerfen.
Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert werden die Provinzialsynoden immer seltener, und dies ist der Grund, weshalb die beständigen Erinnerungen an die Keuschheitsgesetze wegfallen, welche nur hin und wieder in den bischöflichen Hirtenbriefen eingeschärft werden.
Man hatte eingesehen, dass Pfaffenfleisch sich nicht ertöten lässt, und war weit diplomatischer geworden. Anstatt bei Keuschheitsvergehen an die große Glocke zu schlagen, vertuschte man sie und suchte den Glauben zu verbreiten, als stehe es mit der Keuschheit der Pfaffen sehr gut. Fand man eine Erinnerung nötig, so sorgte man auch dafür, dass keine Kunde davon unter die Leute kam, und in dem Ausschreiben Joseph Konrads, Bischof von Freisingen und Regensburg, an den Regensburger Klerus vom 7. Januar 1796 heißt es ausdrücklich: "Übrigens wollen wir, dass von diesen Statuten keine Nachricht unter das Volk komme, damit nicht der Klerus verachtet und verspottet werde. Wir haben uns auch deswegen der lateinischen Sprache bedient, damit für die Ehre des Klerus gesorgt und das Volk bei seiner guten Meinung erhalten werde, da einige in demselben glauben, es dürfte auch nicht der Verdacht eines schändlichen Verbrechens auf die Priester und seine Seelsorger fallen."
Ein Umlaufschreiben des Bischofs Ignaz Albert von Augsburg vom 1. April 1824 ist im Allgemeinen außerordentlich diplomatisch und umso mehr wird man darin von folgender Stelle frappiert: - "Ja, wir wissen es, dass es bei einigen Pfarrern schon zur Gewohnheit geworden ist, an Kirchfesten und Jahrmärkten mit den Köchinnen zu erscheinen und im Pfarrhaus oder in Wirtshäusern einzusprechen und in später Nacht vollgefressen und vollgesoffen nach Hause zurückzukehren."
In Spanien stand es mit der Sittlichkeit der Geistlichen in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sehr schlecht, und der Großinquisitor Bertram erklärte: dass die ganze Strenge der Inquisition dazu nötig sei, um Kleriker und Mönche von Verbrechen zurückzuhalten und zu verhindern, dass der Beichtstuhl in ein Bordell umgewandelt werde. - Wie es mit der Moralität der Geistlichen in der Schweiz steht, werden wir im nächsten Kapitel an einigen Beispielen sehen. - In Südamerika überbieten die Pfaffen alle anderen Stände an Liederlichkeit, was dort etwas heißen will. In Peru besteht das Konkubinat in voller Blüte.
Wie es mit der Sittlichkeit der römischen Geistlichkeit in Deutschland steht, will ich hier nicht erörtern. Leser, die in katholischen Distrikten unseres Vaterlandes wohnen, wissen es. Das Zölibat besteht noch, und wenn auch die höhere Bildung unseres Zeitalters es nicht gestattet, dass die Liederlichkeit der Pfaffen mit derselben frechen Unverschämtheit auftritt wie früher, so bleiben die Folgen dieses Zölibats doch überall dieselben. Diese Folgen waren es fast ebenso sehr wie die Habsucht der Pfaffen, welche die Reformation herbeiführten; und wenn das jetzt zusammentretende Konzil über die Mittel beraten sollte, die katholische Religion in den schwankenden Ländern zu rehabilitieren, so sollte es nicht vergessen, dass die Aufhebung des Zölibats das wirksamste sein würde.
Die Möncherei
Im Weltgewühle wohntDer Sünde freche FülleIn heil'gen Mauern throntUnheiligkeit in Stille
Wie das Mönchswesen entstand, habe ich früher angedeutet. Klöster stiegen im Mittelalter wie Pilze aus der Erde hervor. Bis zur Reformation waren allein 14.993 Bettelmönchklöster errichtet worden! Durch die Reformation und die darauf folgenden Kriege gingen in Deutschland 800 Klöster zu Grunde, in Sachsen allein 130; aber dessen ungeachtet fand Kaiser Joseph II. bei seinem Regierungsantritt noch 1565 Mönchs- und 604 Nonnenklöster in seinen Staaten. Zur Zeit Luthers belief sich die Zahl der Mönche auf 2.465.000 und das stehende Heer der Bettelmönche allein auf eine Million!
Es ist fast unmöglich, alle Spielarten dieser Mönche und Nonnen aufzuzählen und ich unterlasse es daher, wie Marnix de St. Aldegonde in seinem berühmten "Bienenkorb deß heil. Röm. Immenschwarms etc." und bemerke nur mit seinen Worten: "Wie etliche in Schneeweis, etliche inn kohlschwarz, die anderen in Eselgraw, inn grasgrün, in feuerrodt, in himmelblaw, inn bund oder geschecket gekleyd gehn, die eynen eyn helle, die andern ein trübe kapp antragen, die eyn Rauchfarb vom Fegefeuer geräuchert, die andern von Requiem Todenpleych. Den einen Mönch graw wie ein Spatz, den andern hellgraw wie eyn Klosterkatz: Etliche vermengt mit schwarz und weis, wie Atzeln, Raupen vnd Läus, die andern Schwefelfarb und Wolffsfarb, die Dritten Eschenfarb vnd Holtzfarb, etliche inn vil Röcken vber einander, die andern in eyner blosen Kutt: Etliche mit dem hemd vberm Rock, die andern ohn ein hemd, oder mit eym pantzerhemd, oder härin hemd, oder Sanct Johannes Cameelshaut auf bloser haut: Etliche halb, etliche gantz beschoren; etliche bärtig, die andern Unbärtig und Ungeberdig: Etliche gehn barhaupt, vil Barfüßig, aber alle miteynander müßig: Etliche sind ganz Wüllin, etlich Leinin, etlich Schäfin, etlich Schweinin: Etlich füren Juden Ringlein auff der Brust, die andern zwey schwerter kreutzweis zum kreutzstreich darauff geschrenkt, die dritten ein Crucefix für die Bottenbüchs, die Vierten zwen schlüssel. Die fünfften Sternen, die sechsten kräntzlin: die siebenden Spiegel auß dem Eulenspiegel, die achten Bischofshut, die Neunten fligel, die Zehenden Tuchschären, die eylfften Kelch, die zwölfften Muscheln und Jacobsstäb, die Dreizehnden geysseln, die Viertzehenden schilt vnd andre sonst auff der Brust seltsam grillen, von Paternostre, Ringen vnd Prillen. Sehet da, die Feldzeychen sind schon ausgetheylt, es fälen nur die Federpusch, so ziehen sie hin inn Krig gerüst."
Es war dies eine ungeheure Macht, besonders durch ihren Reichtum, zu welchem sie durch die Schenkungen frommer Schwachköpfe und durch - Betrügereien gelangten. Hatte eine Kirche oder ein Kloster Lust nach einem schönen Landstrich, so fand sich bald im Klosterarchiv eine vergilbte Pergamenturkunde, ausgestellt von diesem oder jenem Fürsten der Vorzeit, welcher den ersehnten Landstrich dem Kloster schenkte. Im Kloster St. Medardi zu Soissons war eine förmliche Fabrik von falschen Dokumenten. Der Mönch Guernon beichtete auf dem Sterbelager, dass er ganz Frankreich durchzogen habe, um für Klöster und Kirchen falsche Dokumente zu machen. Da war es denn freilich kein Wunder, dass zur Zeit der Revolution das Vermögen der Geistlichkeit in Frankreich auf 3000 Millionen Franken angeschlagen werden konnte!
Die Pfaffen verschmähen kein Mittel, um reich zu werden, denn sie hatten längst erkannt, dass Geld Macht ist, und dann - sie wollten gut leben. Ihre Gelübde wussten sie damit trefflich zu vereinigen, und was die fanatischen Stifter der Klöster eingerichtet hatten, um dem Wohlleben zu steuern, wurde von ihren Nachkommen so gedreht und gewendet, dass es ihnen zu einer Quelle des Erwerbs und Wohllebens wurde.
Die Karthäuser zum Beispiel, denen ihre Regel den Genuss des Fleisches verbot, kultivierten die Obstbaumzucht und die Fischereien in solchem Grade, dass sich von deren Ertrage auch ohne Fleisch sehr luxuriös leben ließ. Karthäuserobst ist in der ganzen Welt bekannt. Die Obstbaumschule der Karthause in Paris trug jährlich 30.000 Livres ein. Dafür konnte denn auch ihr Prior während einer Krankheit für 15.000 Livres Hechtbouillon verzehren!
Die Messe war, wie die Mönche lehrten, die einzige Erfrischung für die armen Seelen im Fegefeuer, die mächtigste Vogelscheuche für den Teufel, und war für 30 Kreuzer zu haben, ja, die Bettelmönche lasen für die Hälfte und standen sich umso besser.
Einzelne Klöster wurden außerordentlich reich durch einen Ablass, zu welchem ihnen der Papst ein besonderes Privilegium gegeben hatte. Der Portiunkula-Ablass brachte den Franziskanern Millionen. - Ein Hieronymitenkloster bei Valladolid mit achtzig Mönchen hatte das ausschließliche Privilegium, die Kreuzbulle zu verkaufen, was ihm jährlich 12.000 Dukaten eintrug.
So gern nun auch die Mönche nahmen, so ungern gaben sie, und jeder, der es wagte, sie mit Gewalt dazu zu zwingen, wurde bis in den tiefsten Abgrund der Hölle verflucht, wie folgende Formel zeigt, die einer jeden Schenkungsurkunde angehängt war: "Sein Name ist vertilgt aus dem Buch des Lebens; und alle Plagen Pharaons sollen ihn treffen - der Herr werfe ihn aus seinem Eigentum und gebe solches seinen Feinden - sein Teil sei bei dem Verräter Judas - bei Dattam und Abiram - seine Äcker werden wie Sodom, und Schwefel verderbe sein Haus wie Gomorra, - die Luft schicke Legionen Teufel über ihn - er sei verflucht vom Fuß bis zum Haupt, dass ihn die Würmer mit Gestank verzehren und seine Eingeweide ausschütte wie Judas - sein Leichnam werde verzehrt von den Vögeln und wilden Tieren, und sein Gedächtnis von der Erde vertilgt - verflucht alle seine Werke, verflucht, wenn er aus- und eingeht, verflucht sei er im Tod wie ein Hund, wer ihn begräbt, sei vertilgt. Verflucht die Erde, wo er begraben wird, und er bleibe bei den Teufeln und seinen Engeln im höllischen Feuer!" - Dabei musste einem Christen des Mittelalters wohl der Appetit nach Klostergut vergehen!
Wenn nun auch das Hauptgeschäft der Mönche im Handel mit geistlicher Ware bestand, so ließen sie sich doch auch zu dem mit irdischen Dingen herab, als die ersten im Kurs zu fallen begannen. Viele Klöster wussten sich das Recht zu erwerben, Wein und Bier zu verzapfen und verdienten damit viel Geld. In Nürnberg verkaufte eins jährlich 4500 Eimer Bier. Jeder Bettler, der in seine Bierstube kam, erhielt einen Pfennig, aber das Glas Bier wurde ihm für zehn Pfennig verkauft.
Im Allgemeinen gaben sich die Mönche aber mehr mit dem Trinken als mit dem Verkaufen ab, und die Klosterkeller stehen bei allen alten Zechern im besten Andenken. Die frommen Väter hatten in ihren Kellern Fässer, die größer waren als die Zellen ihrer Vorfahren, der armen Einsiedler.
Als man in Österreich die Klöster aufhob, fand man selbst in Nonnenklöstern herrlich versehene Weinkeller. Die Kanonissinnen zu Himmelspforten in Wien hatten in dem ihrigen noch 6800 Eimer und Raum für das Doppelte. Es gab da einen Gottvaterkeller, Gottsohn- und Heiligengeistkeller, einen Muttergottes-, Johannes-, Xaveri- und Nepomukkeller. Der allergrößte, der Gottsohnkeller, war leer bis auf ein einziges Fass. - Was mag nun erst in Mönchsklöstern für ein Vorrat gewesen sein!
Saufen galt bei den alten Rittern als eine Tugend und es war die einzige, in welcher sie es einigermaßen weit brachten, worin sie aber dennoch im Allgemeinen von den Mönchen übertroffen wurden; einzelne Ausnahmen fanden freilich statt, und es kam sogar vor, dass Mönche von einem Ritter totgesoffen wurden.
Ein sehr geachteter protestantischer Geistlicher zu Caen in Frankreich war angeklagt worden, über die Ohrenbeichte der Katholiken schlecht gesprochen zu haben. Die Sache wurde sehr streng untersucht, aber man konnte an dem Geistlichen keine Schuld finden und er wurde freigesprochen. Der Jubel darüber war in Caen ungeheuer und jeder suchte seine Freude auf irgendeine Weise an den Tag zu legen. Dies tat denn auch ein Ritter, welcher in einem ziemlich schlechten Ruf stand. Er lud zwei Kapuziner ein und "der Wein floss in Strömen". Es begann ein Wettsaufen, welches damit endete, dass einer der Mönche mausetot auf dem Platz blieb. - Seelenvergnügt ging nun der protestantische Edelmann zu dem Geistlichen und sagte: "Er sei über dessen Freisprechung außerordentlich erfreut und habe gedacht, dies durch nichts besser an den Tag zu legen als dadurch, dass er dieser Freude einen Mönch opferte. Eigentlich hätte es ein Jesuit sein sollen; da er diesen aber nicht habe bekommen können, so möge der Geistliche diesmal mit einem Kapuziner vorlieb nehmen."
Wenn die Klöster nicht selbst stark genug waren, sich zu beschützen, so rechnete es sich irgendein Fürst zur Ehre, ihr Schutzherr zu sein, wofür ihm dann von den Klosterherren diese oder jene Rechte eingeräumt wurden. Aber nicht alle Schutzherren machten davon einen so ernsthaften Gebrauch wie der Herzog Julius von Braunschweig. Dieser ließ die Äbtissin von Gandersheim, eine geborene von Warberg, die sich mit ihrem Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte, nach der Stauffenburg abführen und hier (1587) lebendig einmauern!
Meistens brauchten die Klöster keinen Schutz; die Äbte und Prälaten waren große Herren, welche Lehnsleute hatten, die ihnen zu allerlei Diensten verbunden waren, wie auch Leibeigene. Oft war es bei diesen Lehnsleistungen übrigens nur auf einen gnädigen Spaß abgesehen, der mitunter sehr mittelalterlich derb war.
Der Lehnsmann eines Klosters zu Bologna musste jährlich dem Abt einen Topf mit Reis und einem Huhn darin bringen und diesen Sr. Hochwürden unter die Nase halten, denn - er war nur den Dampf davon schuldig.
Ein Bauernhof in Soest in Westfalen hatte die Verpflichtung, dem Dominikanerkloster alljährlich ein Ei auf einem vierspännigen Wagen zu bringen. - Im Quedlinburgischen mussten Bräute den Herren Pfaffen ihren "Stech- oder Bunzengroschen" zahlen und im Paderbornschen eine Bockshaut liefern. - Mehreren schwäbischen Klöstern mussten die Bräute einen kupfernen Kessel geben, "so groß, dass sie darin sitzen konnten", und die Beweisführung war natürlich das Hauptgaudium für die frommen Herren.
Die Gräfin Hidda von Eulenberg ließ sich von den Witwen, die wieder heirateten, einen Beutel ohne Naht mit zwei "Schreckenbergern" darin liefern, und unfruchtbare Eheleute mussten im Hildesheimschen alljährlich, wegen des Abgangs an Taufgeld, damit man mit ihrem Unvermögen Geduld habe, einen "Geduldshahn" opfern.
Die Fuchsnatur der Pfaffen offenbarte sich auch in ihrer Lüsternheit nach Hühnern und ihre Lehnsleute mussten davon herbeischaffen, soviel sie nur immer konnten. Es gab Haupt- und Leibhühner, Rauchhühner, Erbzins- und Fastnachtshühner, Pfingst-, Sommer-, Herbst-, Ernten-, Wald-, Garten-, Heu- und Ehrenhühner! Audubon hat diese Hühnerarten in seiner Naturgeschichte der Vögel vergessen; doch waren sie ja auch nur in Europa zu Hause, und Gloger, als er sein treffliches Werk schrieb, hätte sich darum bekümmern sollen.
Manche Äbte und Bischöfe unterhielten Heere, wie es Fürsten nicht vermochten. Der Bischof Galen von Münster hatte 42.000 Mann Infanterie, 18.000 Reiter und die schönste Artillerie, und die meisten Klöster waren verbunden, ein mehr oder minder bedeutendes Kontingent zu den Truppen des Landesbischofs stoßen zu lassen. Als die Reformation und die Revolution die Klöster gehörig angezapft hatte, da wurde dies manchem schwer genug, und eine Äbtissin schrieb an die Kreisdirektion: "dass sie und ihre Kanonissinnen im letzten Krieg so von den Franzosen zugerichtet worden, dass sie nicht im Stande seien, auch nur einen halben Mann aufsitzen zu lassen."
Ehe wir nun einen Blick in die Klöster tun, wollen wir einmal prüfen, welchen Nutzen die Mönche der Welt brachten. Wir werden leider finden, dass dieser zu dem Übel, dessen Ursache sie waren, so wenig im Verhältnis steht, dass er fast ganz und gar verschwindet.
Die Verteidiger des Mönchswesens machten geltend, dass durch Mönche das Christentum in die fernsten Weltteile getragen wurde. Es ist das ein sehr zweifelhaftes Verdienst, denn das Mönchs-Christentum brachte mehr Fluch als Segen, wohin es auch immer kam, namentlich aber solchen Völkern, die unter dem Einfluss eines ewig milden heiteren Himmels sich gebildet hatten und für welche das scheußliche Mönchs-Christentum mit seinen trübseligen asketischen Ansichten eine moralische Unmöglichkeit war. Das erste Kloster wurde 1525, also vier Jahre nach der Eroberung von Mexiko, gebaut und 10 Millionen unglücklicher Indianer wurden dem blutigen Pfaffengott als Opfer geschlachtet!! Ähnlicher Art waren die Wirkungen des durch Mönche verbreiteten Christentums fast überall. Die Marianneninseln wurden früher von 150.000 glücklichen Naturkindern bewohnt, und im Laufe der Zeit wurden sie durch christliche Krankheiten, Trunksucht und das Franziskaner-Evangelium auf 1500 elende, Christen genannte Subjekte reduziert.
Um auch dem Teufel zu geben, was ihm gebührt, will ich wenigstens bemerken, dass die Jesuiten, welche sich viel mit dem Missionswerk beschäftigten, neben dem vielen Schlechten, dessen Urheber sie sind, in manchen Gegenden der Erde segensreich wirkten, so dass das Untergehen ihrer Missionen zu beklagen ist, wie zum Beispiel in Südamerika, an den Ufern des Amazonenstroms und des Orinoko.
Das Missionswesen, wie es von Katholiken und Protestanten betrieben wurde und zum Teil noch betrieben wird, ist ein an der Menschheit begangenes himmelschreiendes Unrecht, welches ich ein Verbrechen nennen würde, wenn ihm nicht, großenteils wenigstens, ehrlich-dummer Glaubenseifer zu Grunde läge. Die protestantischen Missionare, besonders diejenigen, welche von dem puritanischen England auszogen, haben vor den Mönchen nur allein das voraus, dass ihr Fanatismus weniger blutig war. Die Bewohner der Freundschaftsinseln lieferten die schlagendste Illustration zu dieser Behauptung, die jedem in die Augen fallen muss, der die Schilderungen der dort lebenden Indianer vor und nach Einführung des Christentums liest. - Männer wie Dr. Livingstone sind unter den Missionaren sehr selten. Er und die wenigen ihm gleichgesinnten Männer sind ein Segen für die Menschheit; allein ihr geläutertes Christentum würde wenige Gnade finden vor den Augen der Inquisition oder selbst vor orthodoxen englischen Christen. Ich nenne hier Dr. Livingstone und die ihm gleichgesinnten Männer, da es ein bitteres Unrecht sein würde, sie in den Tadel einzuschließen, der den größten Teil derjenigen trifft, welche sich wie sie "Missionare" nannten und nennen.
Den Mönchen verdanken wir, sagen die Klosterverteidiger weiter, die Erhaltung der Kunst und der Wissenschaft, wie auch die der meisten alten Klassiker. Daran ist allerdings etwas Wahres, und besonders erwarben sich die Benediktiner Verdienste in dieser Beziehung; aber eine andere Frage ist es, ob sich nicht ganz ohne Mönche, ja ganz ohne Christentum, Künste und Wissenschaften weit frühzeitiger und herrlicher entfaltet haben würden.
Die alten Griechen dienen uns noch heute in manchen Zweigen der Kunst als unerreichbare Muster und sind jemals die Wissenschaften unter der Herrschaft der römischen Kirche so ins Volk gedrungen wie bei ihnen? - Alle die herrlichen Resultate, welche sie erzielten, erreichten sie ohne Christentum, ohne Mönche, und eine Tatsache ist es, dass die Wissenschaften in Europa erst anfingen, recht aufzublühen, als das Mönchsleben anfing abzusterben. Ja noch mehr, sind nicht noch heutzutage die Heimatländer der Pfaffen und Klöster in Bezug auf Wissenschaften so gut wie Null?
In der Malerei, Bildhauerkunst und Baukunst leisteten die Mönche noch das meiste; allein, welch krasse Geschmacklosigkeit herrscht nicht in den mönchischen Erzeugnissen der erstgenannten Künste. Einige technische Fertigkeit mochten sie allenfalls erlangen; aber bei der Komposition der Gemälde wie der Skulpturen war ihnen überall ihre Unwissenheit im Wege, und sie brachten Dinge hervor, die an Abgeschmacktheit nicht ihresgleichen finden. Wer alte Gemälde gesehen hat, besonders solche, die aus Mönchshänden hervorgingen, wird mir recht geben.
Von den unendlich vielen Beispielen mönchischer Geschmacklosigkeit undBorniertheit, wie sie sich in Gemälden äußert, nur zwei. In Erfurtbefand - oder befindet sich vielleicht noch - ein Gemälde, welches dieTranssubstantiation verherrlichen soll. Die vier Evangelisten werfenkleine Papierchen in eine Handmühle, und auf den Zetteln liest man dieWorte: "Das ist mein Leib." Die vier großen Kirchenlehrer halten einenKelch unter, und das Jesulein fährt geschroten aus der Mühle in denKelch.
An einem anderen Ort befindet sich eine Darstellung von dem Opfer Abrahams. Isaak kniet kläglich auf dem Holzstoß, und sein Vater setzt ihm eine Pistole auf die Brust. Der Hahn ist gespannt, und man sieht, der Erzjude will eben abdrücken; man zittert, aber oben in den Wolken schwebt schon der Erretter, ein Engel, der so geschickt aus der Höhe herunterpisst, dass durch sein heiliges Wasser das Pulver auf der Pfanne nass und dadurch Isaak gerettet wird.
Es würde mich zu weit führen, wollte ich den Einfluss des mönchischen Christentums auf die Malerei und Kunst überhaupt weiter ausführen; ich überlasse das den unbefangenen Fachmännern und begnüge mich damit, auf die in den Museen aufgehängten Erzeugnisse hinzuweisen, welche dieser Religionsanschauung ihr Dasein verdanken. Es ist gewiss viel relativ Herrliches darunter; allein man vergleiche es mit den Werken, die aus einer Zeit und von Künstlern stammen, die sich von dem eigentlichen römischen Christentum emanzipiert haben.
Den Mönchen verdanken wir auch die Schauspiele, rufen die Klosterfreunde. - Nun, auf diesen Ruhm werden die frommen Männer, welchen die Schauspiele ein Gräuel sind, eben nicht besonders stolz sein; allein die Sache hat ihre Richtigkeit. Unsere Schauspiele gingen allmählich aus den sogenannten Mysterien hervor, welche in den Klöstern aufgeführt wurden; aber Shakespeare, Lessing, Schiller, Goethe und Konsorten, welche die rein christlichen Vorbilder verließen und sich zu viel mit den Schauspielen der alten Heiden beschäftigten, haben sie vollkommen verpfuscht!
In diesen Klosterschauspielen erreicht die Mönchsdummheit ihren Gipfelpunkt, und wer einmal recht von Herzen lachen will, der suche sich dergleichen Machwerke zu verschaffen, und wer das nicht kann, der lese das vortreffliche Werk von Karl Julius Weber, Die Möncherei . Der treffliche Mann ist tot; aber wenn er sich noch um die Erde bekümmern sollte, würde er sich gewiss freuen, dass ich in diesem Buch mir seine fabelhafte Belesenheit zunutze machte.
Ein Lieblingsthema der Mönche scheint die Schöpfung gewesen zu sein, denn sie wurde sehr oft dargestellt, und höchst erbaulich ist es, wenn Gott, der im Schlafrock mit Brille und Perücke erscheint, von Adam auf den Knien darum gebeten wird - erschaffen zu werden.
In einem dreiaktigen "Passionsspiel", welches 1782 unter dem Titel "Die Sündflut" in Ingolstadt aufgeführt wurde, klagt Gottvater über das sündige Leben der Menschen:
Ist das, o Mensch!das Leben dein!Der Henker soll Gottvater sein,Es tut mich bis in Tod verdrießen,dass ich Euch Schweng'l hab' machen müssen.
Neptun und Aölus bieten nun Gott ihre Dienste an, das sündige Geschlecht zu vertilgen, und ersterer sagt höchst ärgerlich:
Tut länger Ihr so barmherzig sein,So schlagens uns noch in d'Fressen 'nein,Ein Exempel müsst Ihr statuieren,Sonst tun's einem noch ins Haus hofieren.
Endlich ist die Arche fertig und zum Abfahren bereit. Der Engel trinkt mit Noah eine Flasche Wein; dieser geht endlich in die Arche, der Engel schiebt den Riegel vor, und nun geht das Donnerwetter, das Regnen und der Sturm los, dass die Menschen in der Luft herumfliegen.
Als endlich die Geschichte zu Ende ist und Noah opfert, spricht Gott:
Potz Element, was riecht so süß?Das ist zu meiner Ehre gewiss.Zum Zeichen, wie ich dir gewogen,Nimm um den Hals den Regenbogen.
Fama posaunt dies nach allen vier Winden in einer herrlichen Arie aus:
Das bleibt der Welt nun immer kund,Geschlossen ist der Gnadenbund.Pum, Pum, Pumpidipum, Pum!
In einer Passionskomödie, die in einem schwäbischen Kloster aufgeführt wurde, tritt Judas zu den versammelten Pharisäern:
Judas Gelobt sei Jesus Christ, Ihr lieben Herrn!Phar. In Ewigkeit! Judas, was ist dein Begehr'n?Judas Ich will Euch verraten Jesum Christ,Der für uns am Kreuz gestorben ist.
Größerer Unsinn kann wohl nicht leicht in vier Zeilen gesagt werden!
Besonders stark in derartigen Schauspielen waren die Jesuiten; wenn sie sich auch von solchen plumpen Dummheiten frei hielten; so ersetzten sie dieselben reichlich durch mehr innerliche. Ein sehr schönes, originelles Stück ist des Paters Sautter "Genius der Liebe", und ein Theaterdirektor könnte heutzutage sein Glück machen, wenn er diese brillante Oper, mit Offenbachscher Musik, auf die Bühne brächte.
Heilige Jungfrauen (aus meinem zweiten Kapitel) bringen dem Genius"Gaben der Liebe" in goldenen Schalen. Der Genius singt:
Genius Nun! was bringt mir, liebe Bräute,Euer Galantismus heute?
St. Luzia Herr! dir zum süßen AugenschmausStach ich mir selbst die Augen aus.
St. Euphemia Für dich, o Herr, zur Morgengab',Schnitt ich mir Nas' und Lefzen ab.
St. Apollonia Viel weißer als das ElfenbeinSiehst du hier Zähne, Jesus mein!
St. Magdalena Ich bringe dir zum Opfer darMeine schöne blonde Haar;Nimm auch von mir verschreiten MuschDen roten und den weißen Tusch.
Chor Pupillen,MamillenUnd Zähne schneeweiß!Jungfräulich Haar',Nasen und Lefzen und mehr solche War'Steh'n, heilige Liebe, hier alle dir preis!
Die Prozessionen sind auch eine Erfindung der Mönche, und ihr seltsamer Geschmack verwandelte sie in die seltsamsten, abenteuerlichsten und lächerlichsten Possenspiele. Besonders bunt und toll waren die am Karfreitag und am Fronleichnamsfest. Alle Personen aus dem Alten und Neuen Testament erschienen in entsprechendem Kostüm - natürlich nach mönchischer Anordnung und Angabe - im Zuge. Wie im wilden Heer wirbelte der tollste Maskenzug, Menschen und Tiere durcheinander, die Straße entlang. Jede Gruppe sang ihr eigenes Lied, und dem Zuschauer wurde ganz schwindlig dabei. Nahm er aber nicht andächtig den Hut ab oder unterstand er sich gar, über den tollen Spuk zu lachen, dann konnte es ihm leicht sehr übel ergehen, denn die Geistlichen ermahnten selbst von der Kanzel herab, die Spötter zu züchtigen.
Noch unter Karl Theodor von Bayern predigte der Karmeliter F. Damascenus in München: "Liebe Christen, morgen ist Prozession. Ihr werdet da an vielen Fenstern Freimaurer und Freidenker sehen, - Unchristen, die unsrer spotten. Waffnet Euch mit dem Eifer des Herrn, greifet nach Steinen und werfet sie nach ihnen." - Anstatt den Eiferer zu bestrafen, ließ ihm Karl Theodor sein Wohlgefallen an seinem Eifer zu erkennen geben! -
Diese Prozessionen endeten gar häufig mit Liederlichkeiten und Saufereien, wenn sie nicht schon damit begannen. Engel, Apostel und Teufel soffen sich gemeinschaftlich voll, und der Bauernlümmel, der Christus vorstellte und der gewöhnlich der Dümmste war, kam meistens betrunken ans Kreuz und fing an zu extemporieren. Ein solcher Christus, den ein nicht ganz klar sehender Ritter Longinus mit der Lanze in der Seite kitzelte, anstatt die mit Blut gefüllte Schweinsblase zu treffen, schrie ganz erbost: "Hol mich der Teufel, Arm und Bein schlag ich dir entzwei, wenn ich herunterkomme!"
Es kamen noch weit unanständigere und lächerliche Szenen bei dieser Kreuzigung vor, die ich aber weglassen muss, weil sie zu sehr an die Zote streifen. - Wäre ich ein Pfaffe oder ein Frommer, so müsste ich mit einem Seufzer meine Augen zum Himmel aufschlagen und an diesen "Missbrauch des Heiligsten" meine salbungsvollen Redensarten knüpfen; ich mache aber nicht den geringsten Anspruch darauf, von irgend jemand für einen "frommen Christen" gehalten zu werden, und muss ehrlich gestehen, dass mich diese Sachen weit mehr amüsieren als empören.
Da wir aber nun einmal bei der spaßhaften Seite der Möncherei sind, die ich bei der Charakteristik derselben nicht unberücksichtigt lassen durfte, so mögen diejenigen Leser, welche sich vielleicht daran ärgern, diesen Kelch auf einmal leeren. Ich will es übrigens kurz machen, obwohl dieses Thema ein besonderes Buch verdiente.
Wer hätte nicht schon von den berühmten Predigten des Paters Abraham aSancta Clara gehört! Sie sind in einer neuen Auflage zum Amüsement derKetzer erschienen, und ich will mich daher nicht lange bei ihnenaufhalten, da sie jedem zugänglich sind.
Diese Predigten, welche oft die originellsten und seltsamsten Vergleiche und Wendungen enthalten, hatten seinerzeit auf das Volk eine große Wirkung. In seinem Eifer brachte er oft die seltsamsten Dinge vor, wovon der Schluss einer Predigt über den Ehebruch als Probe dienen mag: "Ja, ja! es gibt so verdorbene Männer, dass sie diesem Laster nachrennen und wenn sie zu Hause die schönsten Frauen haben! Wie gern würden wir, was uns betrifft, die Stelle dieser Männer vertreten!"
In ähnlicher Art, aber noch derber und oft unflätig, predigte in der Mitte des 16. Jahrhunderts der Pater Cornelius Adriansen zu Brügge in Flandern, wo er in dem zu jener Zeit herrschenden großen Revolutionskrieg eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Er sprach, was ihm gerade in den Mund kam, und das war dann häufig sehr derb niederländisch.
Einst verglich er des Himmels Süßigkeit mit - Hammelfleisch und weißen Rüben, welches Gericht er wahrscheinlich sehr gern aß. Der Rat der Stadt konnte es ihm nie recht machen, und er schimpfte über ihn ganz öffentlich von der Kanzel, so dass ihm endlich das Predigen untersagt wurde. Eine Rede gegen diesen Rat schloss er mit einer neuen Beschuldigung und bereitete auf dieselbe mit den Worten vor: "Nun noch eine Klette an seinen Hintern!" - Diesen Pater Cornelius werden wir im nächsten Kapitel genauer kennenlernen, wenn ich von dem Missbrauch des Beichtstuhls rede.
Noch populärer und einflussreicher als Cornelius und Abraham a Sancta Clara übte der kurz vor der Revolution in Neapel verstorbene Pater Rocco aus. Dieser sagte dem König Ferdinand die derbsten Wahrheiten, und man durfte ihn nicht hindern, denn in seiner Hand lag das Schicksal Neapels. Alle Lazzaroni zitterten, wenn er den Mund auftat und niemand wagte eine Miene zu verziehen, wenn er auch die lächerlichsten Dinge vorbrachte.
Einst jagte er einen Marktschreier von seiner Bühne herab, trat an seine Stelle, hielt das Kreuz in die Höhe und rief mit Donnerstimme. "Dies ist der wahre Policinello!" Alles zitterte und er hielt den Ehebrecherinnen eine furchtbare Strafpredigt über den seltsamen Text: "und Alexanders Bucephalus ließ niemand aufsitzen als seinen Herrn und übertraf die Menschen an Tugend."
"Ich will sehen," sprach er, "ob eure Sünden Euch leid sind. - Wem es mit der Buße Ernst ist, der hebe die Hand in die Höhe." - Alle Hände reckten sich in die Höhe. - "Nun, heiliger Michael, der du mit deinem Flammenschwert am Thron des Ewigen stehst, haue alle die Hände ab, die sich in Heuchelei erheben!" - und alle Hände sanken wie mit einem Schlage herunter. Nun aber begann Rocco eine furchtbare Strafpredigt und schloss dieselbe mit Erzählung einer Vision oder eines Traumes, in welcher er durch eine Abtrittsöffnung tief, tief hinuntergesehen auf eine ungeheure Schar von Lazzaronis, die der Teufel sich alle hinten hineingesteckt habe in eine Öffnung, die so groß gewesen sei wie der See Agnano.
Die römische Kirche zählt unter ihren Mönchspredigern so viele originelle Leute, dass ich nur einige wenige anführen kann. - Ein Kapuziner hatte sich von einem anderen eine Passionspredigt machen lassen; sie schloss: "Und Christus verschied." Dieser Schluss schien dem Pater doch gar zu dürftig, und er fügte noch schnell hinzu: "Nun, Gott sei dem armen Sünder gnädig!"
Der Liebling des Würzburger Publikums am Ende des vorigen Jahrhunderts und einer der größten Feinde der Aufklärung war der achtzigjährige Kapuziner Pater Winter. Eine Rosenkranzpredigt schloss er einst mit folgender Frage: "Wer sind die Neuerer?" - sehr lange spannende Pause ß "Esel sind sie, Amen!"
Ein Franziskaner hielt 1782 bei Einkleidung einer Nonne zu Gmünd eine Predigt, die von ganz Deutschland mit vielem Lachen gelesen wurde. Besonders komisch ist der Schluss: "Nun, geistliche Braut, seien Sie ein junger Affe, der seiner Mutter, der würdigen Frau Oberin, alles nachäfft - äffen Sie nach dem alten Affen in Tugenden, Kasteiungen und Bußwerken, - äffe nach, du junger Affe, ihre Keuschheit, Demut, Geduld und Auferbaulichkeit! - Und Sie, würdige Oberin! gleichen Sie dem alten Bären, der ein ungelecktes Stück Fleisch so lange leckt, bis es die Gestalt eines jungen Bären hat; - lecke, du alter Bär, gegenwärtiges geistliches Stück Fleisch so lange, bis es dir vollkommen ähnlich ist; - lecke du auch dein ganzes Konvent, samt allen Kost- und Klosterfräuleins! - Lecke, du alter Bär, die sämtliche Familie der geistlichen Braut und alle hier in dem Herrn Versammelten; - zuletzt lecke auch mich, damit wir alle wohlgeleckt und gereinigt den Gipfel der Vollkommenheit erreichen mögen. Amen!"
Eines der originellsten Predigertalente war aber wohl der sogenannte Wiesenpater zu Ismaning in Bayern, der vor hundert Jahren lebte. Seine Rosenkranzpredigt: "Der heilige Rosenkranz über'waltigt d'Höllenschanz" und seine Schwanzpredigt sind höchst komisch. Die Letztere sollte bewirken, dass die Bauernburschen sich nicht mehr, wie sie zu tun pflegten, Sauschwanz schimpften, sondern beim Namen nannten. In ihr kommt folgende Stelle vor: "Warum, meine Christen, ist gewachsen dem Hund sein Schwanzerl? Dem Hund sein Schwanzerl ist gewachsen, damit er wedle und wackle, dass ihm nicht fahren die Mucken ins Loch. - Wir Geistlichen sind aber die wahren Schwanzerl, wir müssen wedeln und wackeln, damit nicht fahren die Seelen der gläubigen Christen ins Loch des Teufels!"
Wenn nun auch einzelne Spötter über solche Mönchspredigten lachten, so waren sie doch von Wirkung auf das Volk und dem Bildungsgrad derselben angemessen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte Luther gewiss nicht in derselben Weise gepredigt. Einst predigte er über die letzte Posaune: "So geht es in die Feldschlacht; man schlägt die Trommel und bläst die Trompete Tara-tan-ta-ra! - man macht ein Feldgeschrei Her! Her! Her! - der Hauptmann ruft Hui-Hui-Hui! Bei Sodom und Gomorrha waren die Trompete und Posaune Gottes, da ging es Pumperlepump-Plitz-Platz-Schein! - Schmier! Denn wenn Gott donnert, so lautete es schier wie eine Pauke Pumperlepump - das ist das Feldgeschrei und die Taran-tan-tara Gottes, dass der ganze Himmel und alle Luft wird gehen Kir-Kir-Pumperlepump!" - Nun denke man sich dazu die Gebärden des heftigen Mannes und bewundere die Zuhörer, welche zitterten und bebten und nicht lachten!
Von den evangelischen, protestantischen, lutherischen und anderen nichtrömischen Predigern hört man auch zuzeiten Unsinn, welcher dem vorangeführten nicht viel nachgibt. Ich kannte einen Garnisonsprediger Ziehe in Berlin, der sehr häufig in Knittelversen predigte. Meistens reden die Herren aber langweilen Unsinn.
Hätten die Mönche weiter nichts getan als schlechte Schauspiele aufgeführt und verrückte Predigten gehalten, dann könnte man ihnen ihr Dasein allenfalls verzeihen, allein sie übten einen unendlich unheilvollen Einfluss dadurch, dass sie sich der Erziehung des Volks bemächtigten und über die Schule hinaus demselben Laster einimpften, die in den Klostermauern ausgebrütet wurden und in denselben die größten Schandtaten und Niederträchtigkeiten hervorbrachten, die in der "Welt" sicher sehr selten vorkommen und dann mit den härtesten und entehrendsten Strafen, die das Gesetz vorschreibt, bestraft werden.
Wer von den Klostergeistlichen nichts weiter kennt als ihre Lächerlichkeiten, der ist gar leicht geneigt, sie für harmlose Dummköpfe zu halten; wer aber tiefer in das Klosterleben hineinsieht, der entsetzt sich vor der Bosheit und Verworfenheit dieser "frommen" Herren, die in echt römisch-katholischen Ländern noch heute den größten Einfluss haben.
Mönche zu Lehrern des Volkes zu machen, ist das schwerste und verderblichste Unrecht, welches man an demselben begehen kann und unbegreiflich bleibt es, dass die Erfahrungen von Jahrhunderten darüber noch nicht genügend aufgeklärt haben und dass in vielen Ländern Europas das Schulwesen mit dem Mönchswesen auf das engste verbunden und selbst in protestantischen Ländern von der Kirche abhängig gemacht worden ist.
Das pedantische Pennalwesen, welches noch heutzutage selbst in vielen - protestantischen Schulen, besonders in England, herrscht, ist die Folge der Mönchsschulen, wo die Kinder auf die schauderhafteste Weise behandelt wurden.
Man sollte es kaum für möglich halten, dass die preußische Regierung noch am Anfang dieses Jahrhunderts den Trappisten, den allerwahnsinnigsten Mönchen, die es gab, die Erlaubnis erteilte, zu Bieren und Walda im Paderbornischen Schulen zu errichten!
Diese fanatischen, bornierten Mönche übernahmen junge Leute, ja Kinder beiderlei Geschlechts von drei bis vier Jahren - zur Erziehung! Der Abt reiste überall selbst umher, leichtgläubige Eltern zu verführen, ihm ihre armen Kinderchen zu übergeben. Auf diese Weise wurden Hunderte dieser unglücklichen Opfer zusammengeschleppt. Es wäre ihnen besser gewesen, man hätte sie gleich bei der Geburt erstickt! - Die Mütter wären wahnsinnig geworden, hätten sie gesehen, wie die Trappisten mit den unschuldigen Kindern umgingen. Die Schilderung, welche ein Augenzeuge davon machte, wendet einem nicht ganz gefühllosen Menschen das Herz im Leibe herum!
Die Kinder, meistens im Alter von vier bis zehn Jahren, lebten in düsteren Zellen, deren ganzes Gerät ein Strohsack, ein Totenkopf, Spaten und Hacke war, womit sie ihre Kartoffelfelder bearbeiteten, die sie nebst Wasser und Brot nährten. Sie waren gekleidet wie die Trappisten und mussten ganz ebenso leben wir ihre Lehrer. Sie durften nicht reden und die ganze Anstalt glich einem Taubstummen-Institut. Wenn solch ein armes Kind zur Unzeit sprach, lachte, aß oder sonst einen kleinen Fehler beging, wurde es bis aufs Blut gegeißelt . Fortwährend Prügel, gewürzt durch etwas Latein, das war die ganze Erziehung, denn alle anderen Wissenschaften wurden verachtet.
Es konnte nicht ausbleiben, dass viele der Kinder durch die Flucht sich dieser barbarischen Behandlung zu entziehen suchten; allein die armen Geschöpfe wurden leicht wieder eingefangen, und die fürchterlichsten Strafen schreckten von ferneren Fluchtversuchen ab. Klagen konnten die Ärmsten niemandem, denn die Eltern durften ihre Kinder nicht sprechen, und diese waren bis zum 21. Jahr Eigentum des Klosters!
Die Folge davon war, dass eine große Menge der Kinder krank oder wahnsinnig wurden. Es kamen Gerüchte davon unter das Volk, und der Ex-Jesuit Le Clerc schrieb öffentlich gegen diese Kindermordanstalt. Seine Stimme fand Gehör, und Friedrich Wilhelm III. von Preußen machte der Scheußlichkeit ein Ende.
Aber nicht alle Fürsten denken so vernünftig, und wir sehen in anderen Staaten Klöster und Klosterschulen in höchster Blüte. Die Mönche trachten danach, ihre Schüler zu Mönchen oder doch möglichst mönchähnlich zu machen, und in der höchsten Vollkommenheit zeigen sich diese Bestrebungen bei der Erziehung der Novizen, weshalb ich einiges darüber sagen will.
Climakus spricht: "Es ist besser gegen Gott sündigen als gegen seinen Prior." Das erste Gesetz in einem Kloster ist unbedingter Gehorsam, und deshalb trachtet man denn auch vor allen Dingen danach, Geist und Körper in Fesseln zu legen. Ein Novize darf gar keinen Willen haben; er muss auf den Wink der frommen Väter oder des Novizenmeisters aufpassen wie ein Pudel in der Dressur. Er muss auf Befehl krank und gesund sein, sich in Wasser oder Feuer stürzen und die unsinnigsten Dinge vornehmen, wenn sie ihm geheißen werden.
Die Novizen sind die Hofnarren der Patres und müssen sich alle Ausbrücheihrer guten oder bösen Laune gefallen lassen. Diese nehmen mit ihrenZöglingen die allerverrücktesten Dinge vor, um sie "an Gehorsam undDemut zu gewöhnen".
Die Novizen mussten zum Beispiel manchmal, mit schweren Reitstiefeln angetan, auf einem Bein um den Tisch hüpfen oder ein Dutzend Purzelbäume schlagen, so gut sie es konnten. Dann wurde ihnen wieder befohlen, Fischeier oder Salz in die Erde zu säen, oder man spannte sie an einen Wagen und ließ sie einen Strohhalm oder eine Feder spazieren fahren.
Kapuziner haben ihren Novizen Heu und Stroh vorgesetzt oder sie aus Sautrögen essen lassen. Ein Vergnügen, welches sie sich oftmals machten, war, dass sie auf dem Fußboden einen Strich mit Kreide zogen und nun den Novizen befahlen, diesen aufzulecken. Das war an und für sich schon arg genug; aber überdies zogen sie den Strich absichtlich über den Speichel, womit sie die Dielen zu verzieren pflegten.
Oft ließ man die armen Dulder auch exerzieren. Es wurde ihnen ein alterKessel über den Kopf gestülpt, ein Bratspieß oder ein Flederwisch an dieSeite gesteckt und eine Bratpfanne als Gewehr über die Schulter gelegt.
Wehe dem Unglücklichen, der es wagte, die Miene zu verziehen oder sich gar Worte des Widerspruchs zu erlauben; ihn erwarteten strenge Strafen. Wenn ein Novize vielleicht beim Gesang zu früh einfiel oder die Tür zu heftig zuwarf, etwas fallen ließ und dergleichen, so war dies eine culpa levis, und man strafte ihn damit, dass man ihn, auf den Knien liegend, mit ausgestreckten Armen ein langes Gebet sprechen ließ oder indem er einen Finger in die Erde steckte, was man Bohnenpflanzen nannte.
Eine culpa media war es, wenn es der Novize unterließ, dem Obern die Hand oder den Gürtel zu küssen, oder vergaß, sich vor dem Allerheiligsten, wenn es vorbeigetragen wurde, zu verneigen oder wenn er ohne Erlaubnis auslief. Für solche Vergehen musste er hungern oder mit seinem Gürtel um den Hals an der bloßen Erde essen.
Ging er "ohne geistliche Waffen", das heißt ohne Rock, Skapulier und Gürtel zu Bette; besaß er irgend etwas als Eigentum; schrieb er Briefe oder opponierte sich gar gegen Obere, dann beging er eine culpa gravis und wurde mit entsetzlichen Hieben, Fasten und Einsperrung bestraft.
Eine culpa gravissima aber war es, wenn er einen anderen geschlagen, verwundet oder gar getötet oder wenn man den Novizen auf wiederholter Unkeuschheit ertappt hatte oder wenn er den Versuch machte, aus dem Kloster zu entweichen. Diese Verbrechen wurden nach den Umständen oder nach der Laune der Obern mit einjähriger Einsperrung bei Wasser und Brot oder auch mit täglicher Geißelung und ewigem Gefängnis bestraft.
Und was für Gefängnisse waren es, in welchen die Ärmsten oft wegen geringer Vergehen jahrelang sitzen mussten. Pater Franz Sebastian Ammann, der Benediktinerstudent im Kloster Fischingen und dann Guardian (Vorsteher) mehrerer Klöster in der Schweiz gewesen war und dem wir die interessantesten und abschreckendsten Aufschlüsse über das jetzige Klosterleben verdanken, beschreibt auch den im Kapuzinerkloster auf dem Wesamlin bei Luzern befindlichen Kerker (Custodie). Er liegt an einem feuchten und grauenhaften Ort, ist von dicken Balken aufgeführt, mit zwei Türen und einem kleinen stark vergitterten Fenster versehen und inwendig ungefähr 12 Fuß lang, 6 breit und ebenso hoch. Da er nicht heizbar ist, so hat hier schon mancher durch Kälte und schlechte Nahrung sein Leben eingebüßt. Wie mögen nun erst dergleichen Löcher im Mittelalter beschaffen gewesen sein.
Die gewöhnliche Beschäftigung der Novizen war sehr dazu geeignet, den Menschen in ihnen zum Vieh herabzuwürdigen. Ihre wissenschaftlichen Studien bestanden darin, dass sie aszetische Schriften oder das Brevier lesen mussten, woraus allerdings sehr viel Weisheit zu holen war! - Dann mussten sie sich im Schweigen und im Niederschlagen der Augen, kurz, in der Heuchelei üben. Wer zu unrechter Zeit den Mund auftat, musste eine Zeitlang ein Pferdegebiss im Mund tragen, und wer seine Augen zu viel umherschweifen ließ, erhielt ein Brille oder Scheuklappen.
Ferner war es das Geschäft der Novizen, zu läuten, die Treppen, Gänge, ja selbst die Abtritte zu fegen. Wer verschlief, der musste mit der Matratze oder mit dem Nachttopf am Hals erscheinen oder im Sarg schlafen. - Holz, Licht und Wasser herbeizuholen, gehörte ebenfalls zu ihren Verrichtungen, und außerdem mussten sie noch im Chor singen bis zur äußersten körperlichen Erschöpfung.
Dabei fehlte es nicht an allerlei Kreuzigungen des Fleisches. Sie mussten in der größten Hitze dürsten, bis sie fast verschmachteten; den Abspülicht der Geschirre als Suppe essen oder, wenn sie hungrig waren, mit jedem Löffel voll Speise eine Leiter hinaufsteigen und durften ihn erst dann in den Mund stecken, wenn sie oben angelangt und noch etwas darin war.
Zu Meran in Tirol musste 1747 an einem Fest ein Kapuziner-Noviz - er war der Sohn eines Grafen - drei Stunden lang gebunden an einem Kreuze hängen und fortwährend rufen: "Erbarmen mir großem Sünder!" - Er hatte einen Krug zerbrochen! Fischingen, in welchem der oben genannte ehemalige Guardian Ammann von seinem siebten bis vierzehnten Jahr war, stand in dem Rufe, eines der sittenreinsten und vorzüglichsten Klöster der Schweiz zu sein, und welche Nichtswürdigkeiten gingen hier vor!
(Öffnet die Augen, Ihr Klösterverteidiger u.s.w. von F. S. Ammann. 7.Aufl. Bern, bei C. A. Jenni Sohn, 1841. Ein höchst lesenswertesSchriftchen, welches nur wenige Groschen kostet)
Die liederlichen Patres lebten untereinander wie Hund und Katze und einer suchten den anderen auf jede Weise zu schaden. Ammann wurde von einem seiner Lehrer so lange mit einem schweren Lineal auf die Fingerspitzen geschlagen, bis Blut herausspritzte und die Hände ganz dick geschwollen waren. Dann musste er in einem offenen Gange mitten im Winter zwei Stunden lang auf dem Ziegelboden sitzen; und warum? - Weil er von einem andern Lehrer nichts Böses zu sagen wusste! - Mönche sind nur eins in ihrem Hass gegen die Weltgeistlichen, aber diese werden von ihnen gründlich gehasst.
Ein von dem ehemaligen Benediktiner zu Rom Raffaeli Cocci, 1846 (bei Pierer in Altenburg) veröffentlichtes Buch enthält über die Novizen und über die Klosterverhältnisse so entsetzliche Tatsachen, dass sich beim Lesen derselben die Haare sträuben. Der Unglückliche wurde durch seine von den Geistlichen ganz umgarnten Eltern gezwungen, ins Kloster zu gehen und hatte hier Schreckliches zu leiden, bis es ihm endlich 1842 gelang, nach England zu fliehen, wo er wohl noch lebt.
Interessant ist zu beobachten, wie den Knaben schon von Jugend auf unter dem Schleier der Religion der bitterste Hass gegen die Protestanten in das Herz gepflanzt wird. Diese, lehrte man, beteten den Mammon als Gott an und glaubten nicht an Christus; täglich kämen bei ihnen Fälle vor, wo einer den anderen totschlüge; die Römisch-Katholischen, die in ihre Länder kommen, würden zum Tode verurteilt; sie hätten keine Gesetze, sondern lebten fortwährend in einem anarchischen Zustand.
Wenn ein Novize Vernunft zeigte, dann war es um ihn getan: er hatte die entsetzlichsten Qualen zu erdulden. Man wandte die äußersten Mittel an, den rebellischen Geist des Knaben durch Einwirkungen auf die Sinne zu brechen, was bei vielen zum Wahnsinn führte. Cocci fand einst nach einer schrecklichen Predigt in seiner Zelle ein grinsendes Totengerippe und ein anderes Mal ein scheußliches Gemälde des Jüngsten Gerichts, welches mit vielen Lichtern beleuchtet war. Wenn solche Mittel nicht fruchten wollten, dann folgten die grausamsten Geißelungen.
Weiter unten, wenn ich von den Folgen des Zölibats in den Klöstern rede, wird sich zeigen, welchen schändlichen Verführungen die unter Leitung der Mönche stehenden Knaben ausgesetzt sind, und ein jeder Vater wird daraus erkennen können, wie höchst gefährlich es für seine Kinder ist, wenn er diese in Klosterschulen unterrichten lässt.
Welche Vorteile kann auch diesen Gefahren für die Sittlichkeit gegenüber die Erziehung durch Geistliche gewähren! Der größte Teil derselben, mögen sie nun Katholiken, Lutheraner oder Reformierte heißen, sind beschränkt und diejenigen, die es nicht sind, müssen so scheinen, da ihre Existenz davon abhängt. Die unter ihrer Leitung erzogenen Knaben saugen von Jugend auf eine Menge falscher Ansichten und Vorurteile ein, die sie dann ihr ganzes Leben lang wie eine Sklavenkette mit sich herumschleppen und die ihnen vielfach an ihrem Fortkommen hinderlich sind. Man nehme die Erziehung aus den Händen der Geistlichen und trenne die Kirche durchaus von der Schule; ehe das nicht geschieht, werden wir nicht Männer erziehen, welche den Anforderungen des gegenwärtigen Jahrhunderts entsprechen.
Ich erwähnte oben, dass die Novizen für geringe Vergehen grausam gegeißelt wurden, und muss einiges über das Geißeln überhaupt sagen, da es eine ganz außerordentlich große Rolle in der römischen Kirche und besonders in den Klöstern spielt. Ich habe einen ganzen Band über das Geißeln geschrieben, und andere haben es vor mir getan, aber dennoch den Gegenstand nur oberflächlich behandeln müssen, da er in der Tat zu reichhaltig ist, um in einem Band erschöpft werden zu können. Hier muss ich mich vollends nur auf wenige und fragmentarische Angaben beschränken.
Schon unter den Christen der ersten Jahrhunderte gewann der Gedanke Raum, dass es verdienstlich und zur Erlangung der Seligkeit förderlich sei, sich Entbehrungen und körperliche Qualen freiwillig aufzuerlegen. Der Gedanke lag nahe, sich diese durch selbst erteilte Schläge zu verursachen, und wir finden daher schon frühzeitig unter den Christen Selbstgeißler, besonders unter den Mönchen. In den Statuten vieler Klöster heißt es darüber: "Wenn die Mönche die Geißelung an sich selbst ausüben, so sollen sie sich an Christus, ihren liebenswürdigsten Herrn, erinnern, wie er an die Säule gebunden und gegeißelt ward, und sollen sich bemühen, wenigstens einige geringe von den unaussprechlichen Schmerzen und Leiden selbst zu erfahren, welche er erdulden musste." -
Andere Gründe für die Selbstgeißelung waren, dass man dadurch sein Gewissen beruhigte, wenn man eine Sünde begangen hatte, und als durch die Pfaffen der Glaube aufkam, dass man durch diese oder jene von ihnen auferlegte Pönitenz sich entsündigen könne, so lag der Gedanke nahe, dass dies durch selbst gegebene Schläge geschehen könne. Ein weiterer Grund dafür war auch der, dass man dadurch die "Anfechtungen des Fleisches" besiegen wollte.
Allmählich wurde die freiwillige Geißelung als Bußmittel immer beliebter. Es bildeten sich besondere Gebräuche dabei und das Verhältnis zwischen Sünde und Hiebe wurde festgestellt. Besondere Bußbücher bestimmten, durch welche Strafen gewisse Sünden gebüßt werden könnten. Geißelhiebe wurden gleichsam die Scheidemünze der Buße besonders für diejenigen, welche der römischen Kirche keine anderen Münzen zahlen konnten.
In der Mitte des 11. Jahrhunderts gab es in Italien einige Männer, welche im Selbstgeißeln Unerhörtes leisteten. Sie geißelten sich nicht nur für ihre Sünden, sondern übernahmen auch die Buße für die Sünden anderer.
Von den vielen Geißelhelden will ich nur den berühmtesten anführen. Es war dies der Mönch Dominikus der Gepanzerte, welchen Namen er erhielt, weil er beständig, außer wenn er sich geißelte, einen eisernen Panzer auf dem bloßen Leibe trug, Petrus de Damiani, der Kardinalbischof von Ostia, war Abt des Benediktinerklosters zu Fonte-Avallana, in welchem Dominikus lebte. Er erzählt:
"Kaum vergeht ein Tag, ohne dass er mit Geißelbesen in beiden Händen zwei Psalter hindurch seinen nackten Leib schlägt, und dieses in den gewöhnlichen Zeiten, denn in den Fasten oder wenn er eine Buße zu vollbringen hat (oft hat er eine Buße von hundert Jahren übernommen), vollendet er häufig unter Geißelschlägen wenigstens drei Psalter. Eine Buße von hundert Jahren wird aber, wie wir von ihm selbst gelernt haben, so erfüllt: Da dreitausend Geißelschläge nach unserer Regel ein Jahr Buße ausmachen und, wie es oft erprobt ist, bei dem Hersingen von zehn Psalmen hundert Hiebe stattfinden, so ergeben sich für die Disziplin eines Psalters fünf Jahre Buße, und wer zwanzig Psalter mit der Disziplin *) absingt, kann überzeugt sein, hundert Jahre Buße vollbracht zu haben. Doch übertrifft auch darin unser Dominikus die meisten, da er als ein wahrer Schmerzenssohn, da andere mit einer Hand die Disziplin ausüben, mit beiden Händen unermüdet die Lüste des widerspenstigen Fleisches bekämpft. Jene Buße von hundert Jahren vollendete er aber, wie er mir selbst gestanden hat, ganz bequem in sechs Tagen." - Er gab sich also nach dem angegebenen Maßstab (3000 für ein Jahr) während dieser sechs Tage 300.000 Hiebe. Er musste sich also täglich sieben Stunden geißeln und in jeder Sekunde zwei Hiebe geben, was angeht, da er sich mit beiden Händen geißelte.
—— *) Ursprünglich bedeutet dieses Wort alle Strafen und Züchtigungen; als aber die Disziplin durch Geißeln über jede andere Art den Preis davontrug, wurde das Wort Disziplin der technische Ausdruck, womit man diese Art Züchtigungen bezeichnete, und endlich nannte man selbst das Instrument, welches zum Schlagen gebraucht wurde, die Disziplin. ——
Welchen Anblick mag der Körper dieses Geißelhelden dargeboten haben,denn schon beim achten Psalter war das Gesicht zerschlagen, vollerStriemen und blau und braun. Der Körper Dominikus', erzählt Damiani mitStolz, habe ausgesehen wie die Kräuter, welche der Apotheker zu einerPtisane zerstoßen habe!
Es entstand unter den Frommen Streit darüber, ob man sich beim Geißeln entkleiden solle oder nicht, und ferner, ob Schläge auf Rücken und Schultern oder auf den Hintern der Gesundheit weniger nachteilig oder dem Himmel angenehmer seien. Die ganze geißelnde Welt teilte sich in zwei Parteien; die eine zog die obere Disziplin vor (disciplina supra, oder im besten Mönchslatein secundum supra), die andere die untere Disziplin (disciplina deorsum, secundum sub.). Die Gegner der unteren Disziplin sagen, sie verstoße gegen die Schamhaftigkeit, und der Abbé Boileau sagt in seinem berühmten Werk darüber: "Der hl. Gregorius von Nyssa lobt in seiner kanonischen Epistel den Gebrauch, die toten Körper zu vergraben, welches man seiner Meinung nach tue, damit die Schande der menschlichen Natur nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt werde. - Aber ist es bei der verdorbenen Natur nicht weit schamloser und niederträchtiger, beim Lichte der Sonne die Lenden junger Mädchen und ihre, obwohl der Religion geweihten, nichtsdestoweniger wunderschönen Schenkel zu zeigen als einen bloßen und entstellten Leichnam?"
Trotzdem fand die untere Disziplin bei den Frauen den meisten Beifall, und die medizinischen Gründe des gelehrten Abbé Boileau, die ich hierhersetze, machten wenig Eindruck; - im Gegenteil.
"Wenn man ein Übel flieht", sagt der Abbé, "so muss man wohl achtgeben, dass man nicht unklugerweise in das entgegengesetzte rennt und dass man, nach dem lateinischen Sprichwort, um die Szylla zu vermeiden, nicht in die Charybdis gerät. Wenigstens ist die Geißelung der Lenden umso viel gefährlicher, als die Krankheiten des Geistes mehr zu fürchten sind als die des Körpers. Die Anatomen bemerken, dass die Lenden sich bis zu den drei äußeren Muskeln der Hinterbecken erstrecken, dem großen, dem mittleren und dem kleinen, so dass darin drei Zwischenmuskeln enthalten sind oder ein einzelner, welchen man den dreiköpfigen Muskel nennt oder den triceps, weil er an drei Orten des os pubis beginnt, an dem oberen Teil nämlich, an dem mittleren und dem inneren. Hieraus folgt nun ganz notwendig, dass, wenn die Lendenmuskeln mit Ruten- oder Peitschenhieben getroffen werden, die Lebensgeister mit Heftigkeit gegen das os pubis zurückgestoßen werden und unkeusche Bewegungen erregen. Diese Eindrücke gehen sogleich in das Gehirn über, malen hier lebhafte Bilder verbotener Freuden, bezaubern durch ihre trügerischen Reize den Verstand, und die Keuschheit liegt in den letzten Zügen.
Man kann nicht daran zweifeln, dass die Natur auf dieselbe Weise verfährt, weil es außer den Nierenblut-, Samen- und Fettadern (veines emulgentes, spermatiques et adipeuses) noch zwei andere gibt, welche man Lendenadern nennt und die sich zwischen dem Rückgrat, zu beiden Seiten des Rückenmarkes, befinden und vom Gehirn einen Teil der Samenbestandteile herführen, so dass diese durch die Heftigkeit der Peitschenhiebe erhitzte Materie sich in die Teile stürzt, welche zur Fortpflanzung dienen und durch den Kitzel und den Stoß des os pubis zur rohen fleischlichen Lust anreizen."
Diese hier erwähnten Folgen der untern Disziplin - die wir Müttern zur Beachtung empfehlen - waren entweder ihren Anhängern nicht bekannt oder wurden von ihnen nicht gefürchtet, indem sie es, so künstlich zu fleischlicher Lust aufgeregt, vielleicht für umso verdienstlicher hielten, ihr "Fleisch" zu besiegen. Wie die Herren Jesuiten auf diese Wirkung spekulierten, werden wir im letzten Kapitel sehen.
Die Kirche wollte lange Zeit hindurch das Geißeln nicht als eine Notwendigkeit anerkennen; allein die Gegner desselben unterlagen, und das Selbstgeißeln sowohl als das Geißeln als Strafe wurde allgemein und mit einem Fanatismus betrieben, der in unserer Zeit völlig unbegreiflich ist. Der heilige Antonius von Padua kann die Geißelmode nicht genug loben; aber der heilige Franziskus nennt ihn ein "Rindvieh", und ich will dem Heiligen umso weniger widersprechen, als dieses heilige Rindvieh der Urheber der Geißelprozessionen *) wurde, aus denen die Geißlerbrüderschaften hervorgingen, die Jahrzehnte hindurch eine große Rolle in der römischen Kirche spielten.
—— *) Wer sich über den römisch-katholischen Wahnsinn näher unterrichten will, lese "Die christlichen Geißlergesellschaften" von Dr. G. G. Förstemann, oder l'Histoire des Flagelans von Thiers, oder den zweiten Teil der Histr. Denkmale des christl. Fanatismus, die Geißler, von Corvin. ——
Das Geißeln fand unter den frommen Frauen besonders viele Anhänger und wurde in den Nonnenklöstern besonders mit Leidenschaft getrieben. Über den Grund will ich mir weiter keine Untersuchungen gestatten, sondern nur den Verdacht aussprechen, dass der triceps und das os pubis mehr mit dieser Leidenschaft zu tun hatten als die Religion und als die armen Frauen selbst ahnten.
Die Karmeliter hatten eine ziemlich vernünftige Regel, bis sie unter dieHerrschaft der heiligen Therese kamen; dieselbe, welche den Mönchenbuchstäblich die Hosen auszog und diese ihren Nonnen anzog. In denRegeln, die sie gab, spielte die Selbstgeißelung eine Hauptrolle.Während der Fasten besonders geißelten sich manche ihrer Mönche undNonnen drei- bis viermal täglich, ja sogar während der Nacht.
Das Kloster zu Pastrana war eine freiwillige Marteranstalt. Eine Zelle war gleichsam das Geißelzeughaus. Hier waren alle nur möglichen Geißelinstrumente angehäuft, und jeder Novize hatte das Recht, sich dasjenige Folterwerkzeug auszusuchen, welches ihm für seine Buße am passendsten schien. - Eine beliebte Art der Selbstquälerei war das sogenannte Ecce homo. Sie wurde gewöhnlich in Gesellschaft vorgenommen. Die bußbedürftigen Brüder stellten sich im Refektorium auf. Einer trat nun aus der Reihe heraus. Er war nackt bis zum Gürtel und sein Gesicht mit Asche bedeckt. Unter dem linken Arm schleppte er ein schweres hölzernes Kreuz und auf dem Kopf trug er eine Dornenkrone, in der rechten Hand hatte er eine Geißel. So ging er mehrmals im Refektorium auf und nieder, peitschte sich fortwährend und sagte mit kläglicher Stimme einige besonders zu dieser Gelegenheit verfasste Gebete her. - War er fertig, dann folgten die andern Brüder.
Der Karmeliterorden hat berühmte Geißelhelden und -heldinnen hervorgebracht, und ich erinnere nur an die heilige Therese und an die heilige Katharina von Cardone, von denen ich schon im Kapitel von den Heiligen weitläufiger gesprochen habe. Die Letztere brauchte zum Geißeln Ketten mit Häkchen oder eine gewöhnliche Geißel, in welche sie Nadeln und Nägel steckte oder sie mit Dornenzweigen durchflochten hatte. Mit solchen grässlichen Werkzeugen geißelte sie sich oft zwei bis drei Stunden lang.
Maria Magdalena von Pazzi, eine Karmeliternonne zu Florenz, erlangte durch ihre Selbstquälerei und mehr noch durch die Folgen derselben einen hohen Ruf. Sie war 1566 in Florenz geboren und die Tochter angesehener Eltern. Schon als Kind hatte sie eine Leidenschaft für das Geißeln, und als sie siebzehn Jahre alt war, nahm sie den Schleier. Es war ihre größte Freude, wenn die Priorin ihr die Hände auf den Rücken binden ließ und sie in Gegenwart sämtlicher Schwestern mit eigener Hand auf die bloßen Lenden geißelte.
Diese schon von Jugend auf vorgenommenen Geißelungen hatten ihr Nervensystem ganz und gar zerrüttet, und keine Heilige hat so häufig Entzückungen gehabt. Während derselben hatte sie es besonders mit der Liebe zu tun und schwatzte darüber das wunderlichste Zeug. Der himmlische Bräutigam erschien ihr sehr häufig, und sie sah ihn in allen möglichen Lagen. Einst blieb sie, das Kruzifix in der Hand, sechzehn Stunden lang in Betrachtungen über das Leiden Christi versunken und sah im Geiste eine der Martern nach der anderen, welche er erduldet hatte. Dieser Anblick rührte sie so sehr, dass sie Ströme von Tränen vergoss und ihr Bette davon so nass wurde, als ob es in Wasser getaucht worden wäre. Dann fiel sie in Ohnmacht, blass wie der Tod, und blieb eine lange Zeit ohne Bewegung liegen.
In diese Entzückungen verfiel sie gewöhnlich, nachdem sie das Abendmahl genommen hatte oder wenn sie sich in die Betrachtung eines heiligen Ausspruchs vertiefte. Besonders geschah das, wenn sie über ihren Lieblingstext nachdachte; dieser war: Und das Wort ward Fleisch. Einst geriet sie dabei in eine Verzückung, welche von abends fünf Uhr bis zum anderen Morgen dauerte. Während derselben rief sie plötzlich aus: "Das ewige Wort ist in dem Schoße des Vaters unermesslich groß; aber in Mariens Schoß ist es nur ein Pünktchen. - Deine Größe ist unergründlich und Deine Weisheit unerforschlich, mein süßer, liebenswürdiger Jesus!"
Das innere Feuer drohte- sie zu verzehren, und häufig schrie sie: "Es ist genug, mein Jesus! Entflamme nicht stärker diese Flamme, die mich verzehrt! - Nicht diese Todesart ist es, die sich die Braut des gekreuzigten Gottes wünscht; sie ist mit allzu vielen Vergnügungen und Seligkeiten verbunden!"
So steigerte sich ihr Zustand von einer Stufe des Wahnsinns zur anderen, und endlich bildete sie sich ein, förmlich mit Christus vermählt zu sein und sowohl von ihm wie von ihrem Schwiegervater und dessen Adjutanten, dem Heiligen Geist, Visiten zu erhalten. Die Hysterie erreichte den höchsten Grad, und "der Geist der Unreinheit" blies ihr die wollüstigsten und üppigsten Phantasien ein, so dass sie mehrmals nahe daran war, ihre Keuschheit zu verlieren. Aber die Qualen, denen sie sich nach solchen Versuchungen unterzog, waren entsetzlich. Sie ging in den Holzstall, band einen Haufen Dornengesträuch los und wälzte sich so lange darauf, bis sie am ganzen Körper blutete und der Teufel der Unzucht sie verlassen hatte. So ging es fort, bis endlich der barmherzige Tod ihren Qualen ein Ende machte. Die arme Wahnsinnige wurde natürlich heilig gesprochen.
Die unendlich vielen Abarten des Zisterzienserordens haben sich im Punkte des Selbstgeißelns sehr ausgezeichnet, allein von ihnen keine so sehr wie die Trappisten. Sogar Mönche nannten den Stifter dieses Klosters zu La Trappe den "Scharfrichter der Religiösen". Der Orden war durch die Revolution sehr herabgekommen, aber Karl X. nahm ihn unter seinen besonderen Schutz, und von 1814-1827 zählte man in Frankreich nicht weniger als 600 Nonnenklöster dieses Ordens. Die Geißel war hier an der Tagesordnung, und Mademoiselle Adelaide de Bourbon, die Beschützerin dieser Klöster, wie auch die alternde Frau von Genslis, geißelten sich von Zeit zu Zeit mit den Nonnen in frommer Andacht.
Die Krone der Zisterzienser ist aber die hochgepriesene Mutter Passidea von Siena, von der ich schon früher erzählte, dass sie es für verdienstlich hielt, sich wie einen Schinken in den Rauch zu hängen. Im Geißeln leistete sie Dinge, welche selbst Dominikus den Gepanzerten mit Neid erfüllt haben würden. Die natürliche Folge des unmäßigen Geißelns war ebenfalls ein dem Wahnsinn nahekommender Zustand, in welchem ihr Christus erschien. Das Blut floss aus seinen Wunden, er streckte ihr die Arme entgegen und rief mit zärtlicher Stimme: "Schmecke, meine Tochter, schmecke!" -
Elisabeth von Genton geriet durch das Geißeln förmlich in bacchantische Wut, was aber die Pfaffen heilige Verzückung nannten. Am meisten raste sie, wenn sie, durch ungewöhnliche Geißelung aufgeregt, mit Gott vereinigt zu sein glaubte, den sie sich als einen schönen nackten Mann und in beständigem Bräutigamstaumel mit seiner irdischen Geliebten dachte. Dieser Zustand des Entzückens war so überschwänglich beglückend, dass sie häufig in den Ausruf ausbrach: "O Gott! o Liebe, o unendliche Liebe! o Liebe! o Ihr Kreaturen, rufet doch alle mit mir: Liebe! Liebe!" -
Ich könnte die Zahl solcher Beispiele unendlich vermehren: allein, ich halte es für überflüssig, da die Wirkungen so ziemlich überall dieselben waren.
Dass das Geißeln unter den Strafen die Hauptrolle spielte, kann man sich nach dem Gesagten wohl denken. Die Klosterregel der Heiligen Therese ist so reichlich mit Geißelverordnungen gespickt, dass manches Kloster, welches derselben folgte, ein eigenes Magazin für Ruten haben musste.
Die beschuhten oder graduierten Karmeliter, die sich viel mit dem Studieren beschäftigten und deshalb einige Vorrechte genossen, erhielten dennoch trotz ihrer Gelehrsamkeit bei den kleinsten Vergehen Prügel. Am allerhärtesten wurden aber die Vergehen mit hübschen Klosterfrauen bestraft, besonders ein mit denselben begangenes Verbrechen, welches zwar nicht genannt, aber in dem Orden sehr häufig vorgekommen sein muss. Schon auf den bloßen Verdacht hin, dasselbe begangen zu haben, wurde ein Mönch, ohne Hoffnung auf Milderung oder Barmherzigkeit zu haben, mit ewigem Gefängnis bestraft, und zwar: um dort erbärmlich gequält zu werden, wie der Beisatz in den Statuten lautet.
Nicht so streng scheint man indessen dergleichen Vergehen genommen zu haben, wenn sie mit nichtgeistlichen Frauen begangen wurden, und die Mönche trugen Sorge, dass solche in der Nähe waren. Besonders scheinen die Weiber der Klosterdiener, die in den Wirtschaftsgebäuden, der sogenannten Vorstadt, wohnten, eine große Anziehungskraft für die heiligen Väter gehabt zu haben, und einen besonderen Wert hatten diejenigen Weiber, welche keine Kinder bekamen oder in der Klostersprache "steriles" (Unfruchtbare) waren. - Der bekannte Schriftsteller Karl Julius Weber wohnte einst einer Unterhaltung bei, welche ein Domherr mit seiner Köchin hatte, die von ihm einen höheren Lohn forderte. Der Domherr wollte nicht einsehen, warum sie mehr verlange als eine andere; allein sie machte ihre Vorzüge geltend und rief mit Selbstgefühl: "Ja, ich bin aber auch eine Sterelise!"