»Mein Herz sagt mir, daß Sie mich verurteilen werden; aber mein Herz sagt mir auch, daß bald Licht in dieses grausige Geheimnis kommen wird, und dann – o dann ist es zu spät und Sie werden es bereuen, daß Sie einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen hingemordet haben.«
»Und wer sagt Ihnen, daß ich schuldig bin?«
»Der Korporal S…, S…, dieses verworfene Geschöpf, S…, dieser passive Päderast, der schändliche Sodomit, der Abschaum der Menschheit, der Auswurf der Natur! S…, ein ehrloses, sinnloses Wesen … Soll ich das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde aussprechen lassen?«
»Und Sie könnten wollen, daß ich den Schlingen der Bosheit und Schändlichkeit zum Opfer falle? Muß ich erst diesen Zwitter S… zeugen lassen?«
»O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine schwarze eiserne Larve müßte unsere und der ganzen Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen sollte.«
»Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um Gnade flehe ich, ich, der arme, unschuldige Mann, ich fordere von dem unerbittlichen Schwerte des Gesetzes, von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch Argwöhnungen und betrügerische Verdächtigungen nicht beeinflußtist – der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, Erbarmen!«
»Machen Sie, in deren Hände das Gesetz gelegt ist, daß diese mit dem Banner Italiens geweihte Halle, die das Entsetzen der Bösen und ein Hort der Gerechten ist, nicht dem Betrug, der Fälschung eines verworfenen Schurken dienstbar werde.«[53]
»Genug M…, genug,« unterbrach mich der Präsident, »das Gesetz ist für alle gleich.«
Der Feldwebel V… wird gerufen und sagt aus:
»Ich hatte mit dem Gemeinen M… nichts zu thun gehabt, er war ein guter Untergebener, ich habe ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir späterzurückgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den Brief hätte schreiben sollen.«
Der Korporal S… wird gerufen und sagt aus:
»Ich war mit M… sehr befreundet, er vertraute mir manches an, und dabei schimpfte er auf den Feldwebel V…«
»Weshalb that er das?« fragte der Präsident.
»Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen; aber ich weiß, daß er ihn haßte. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen? Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und vermutete, daß Schmähungen und Drohungen darin enthalten sein konnten; darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt ich den Brief bei mir, M… fragte mich mehrere Male, ob ich ihn abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M… krank und kam ins Lazarett, und da entschloß ich mich, die Sache dem Herrn Oberst zu melden.«
Ich lasse den S… fragen, wo ich ihm den Brief übergeben haben soll, er antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. »Herr Präsident,« sage ich, »es scheint mir ein Unding, daß ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei Freistunden vor mir hatte, einen so gefährlichen Brief einem Andern zur Besorgung übergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst zur Post? Wer hinderte mich daran?«
Die Richter nickten verständnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt erhebt sich, hält seine Anklage aufrecht und beantragt schließlich vier Jahre Gefängnis.
Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der Reihe nach die Ausführungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den S… einer Beurteilung, in der er ihn in den schwärzesten Farben schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt; er stellt den Richtern ernste und sorgfältige Erwägung des Falles anheim.
Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit den Händen bedeckt:
»Man müßte sich das Gesicht verhüllen, um, ohne zu erröten, die Schandthaten des S… aufzuzählen; und er trägt noch die Tressen! Soll ich Ihnen das schmutzige Verhältnis dieses Ungeheuers mit dem armen M… vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren schließen, denn was ich mitzuteilen habe, paßt nicht für das Ohr der Öffentlichkeit.«
»Herr Präsident, stellen Sie beide gegenüber und lassen Sie den unglücklichen M… ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert, an die laubverhüllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des S… über den Feldwebel V…, der ihm einen Blutfluß verursacht hatte,über das Verhältnis Beider, um ihn dann zu verfolgen; ob er sich erinnert, wie er sagte:Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht Monate lang genossen hat, verließ er mich,um mich zwei Jahre lang zu mißhandeln, er nannte mich seine süße Alfonsine u. s. w.«
»Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter wühlen in diesem Abgrund von Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den Korporal S…, wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er weint! Meinen Sie, daß er Reue über seine Schandthat fühlt! Nein, meine Herren, solche verworfenen Geschöpfe empfinden keine Reue, weil sie kein Herz haben.«
Und er schließt mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil.
Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach drei Stunden wieder. Ich muß mich erheben, der Präsident liest das Urteil vor: wegen Insubordination werde ich zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt. Meine Verteidiger waren außer sich, das Publikum ging zischend hinaus, und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Komödie stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von diesen Dingen sprechen zu hören; dann wurde ich in das Gefängnis zurückgeführt.
In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein: Antonino M… vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom Militärgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, wegen der Schändlichkeit des Korporals Alfonso S…
Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt und wen sehe ich? Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und küssen uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte heiße Thränen, er brachte mir einen Brief von Teresina, den zunächst der Chef der Wache las und abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erzählte mir, daß seit meiner plötzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt habe und täglich von mir spreche und mein Unglück beklagte.
Als ich ihm mitteilte, daß ich zu einem Jahr verurteilt wäre, drückte der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer vermöchte zu sagen, wie viel Liebe und Schmerz in diesem Händedruck lagen.
Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um keinen Preis nehmen, aber da er sagte, daß es Teresina Schmerz bereiten würde, wenn ich sie zurückwiese, so mußte ich sie wohl oder übel behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thränen verbergen zu können. Teresina schrieb mir:
»Mein heißgeliebter Bruder!Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es nicht erlauben wollen.Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder gesund und frei sehe, denn erst dann kann ich wieder fröhlich werden.Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, später, wenn Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel mitbringen.Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren. Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tröstet. Wir sind allzumal Sünder und müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und vergessen Sie nichtIhre arme SchwesterTeresina M…«Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.
»Mein heißgeliebter Bruder!
Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.
Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es nicht erlauben wollen.
Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder gesund und frei sehe, denn erst dann kann ich wieder fröhlich werden.
Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, später, wenn Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel mitbringen.
Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren. Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tröstet. Wir sind allzumal Sünder und müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.
Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und vergessen Sie nicht
Ihre arme SchwesterTeresina M…«
Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.
Auf diesen Brief antwortete ich:
»Innig geliebte Schwester!Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rührung geweint, wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert.Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller Kraft, denn es thut mir not.Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für Ihre Freundlichkeit.Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, daß Sie sie mir schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem Wunsche, sie eines Tages zurückgeben zu können. Das Gericht hat mich verurteilt,aber ich schwöre Ihnen, liebe Schwester, ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich für unschuldig hält.Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die höchst ungerechte Strafe zu verbüßen, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich komme weiß ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben können, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen gehört mein gekränktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit, grüßen Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglücklichen Gefangenen im Militärlazarett zu Cava dei Tirreni.Ihr ergebenster BruderAntonino M…«Geschrieben im Gerichtsgefängnis zu Salerno25. Juni 1878.
»Innig geliebte Schwester!
Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rührung geweint, wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert.
Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller Kraft, denn es thut mir not.
Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für Ihre Freundlichkeit.
Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, daß Sie sie mir schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem Wunsche, sie eines Tages zurückgeben zu können. Das Gericht hat mich verurteilt,aber ich schwöre Ihnen, liebe Schwester, ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich für unschuldig hält.
Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die höchst ungerechte Strafe zu verbüßen, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich komme weiß ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben können, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen gehört mein gekränktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit, grüßen Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglücklichen Gefangenen im Militärlazarett zu Cava dei Tirreni.
Ihr ergebenster BruderAntonino M…«
Geschrieben im Gerichtsgefängnis zu Salerno
25. Juni 1878.
Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefängnismauern in nicht geringem Schmerz; möge der, welcher mich würdigt, diese schmucklosen Blätter zu lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was für traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen.
Das Auge des Allmächtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit.
Der Mensch, der seinem Bruder Böses thut, wird unglücklich, elend, verworfen, und grausam quält ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des eigenen Gewissens und früher oder später leuchtet ein silberner Glanz in dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglücks.
Eines Morgens im Monat Juni 1878 saß ich auf meinem Bett, den Kopf zwischen den Händen und dachte an die Vergangenheit, klagte über Gott und seine Vorsehung, dachte an die Schändlichkeit des Korporals S…, an die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte an den Brief, den der Hallunke von meinem Bruder mir geschrieben hatte, dachte an die heiße Liebe Teresina's, an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das Militärgericht zu Salerno, an den Präsidenten, an den Staatsanwalt Herrn T…, an meinen Verteidiger, an die kalten Richter, dachte an meine Unschuld, an meine ungerechte Strafe, dachte an S…
Da rief eine Stimme an dem Gitter:
»M…, M…, Sie werden verlangt!«
Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter.
Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der mit einem nach Salerno detachierten Bataillon hergekommen war; er sagte:
»M…, hol's der Teufel, ich habe das Individuum entdeckt, das mit eigener Hand den Brief an den Feldwebel V… geschrieben hat, S… soll den Brief diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habeden Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen sagen werde, können Sie leicht das Nötige ermitteln, nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn beim Militär kann alles schief gehen.«
»Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen Sie zur Strada Porteri, bis Sie einen großen Palast mit großem Thorweg sehen, daselbst befindet sich ein Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein junger Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, blond, blauäugig und anständig gekleidet, dieser hat den Brief nach S…'s Diktat geschrieben. Sie sind unschuldig, weiß der Teufel, und es ist nicht hübsch, einen Unschuldigen wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.«
Er empfahl mir die größte Verschwiegenheit und ging.
Ich überlegte lange: Sollte das alles wahr sein? Und wenn auch, würde ich es beweisen können? Denn beweisen mußte ich es, wenn ich Anzeige erstattete, sonst lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung mindestens zu fünf Jahren verurteilt zu werden. Was war zu thun?
Endlich entschloß ich mich, alles zu gewinnen oder alles zu verlieren, und ich erstattete die Anzeige gegen S… wegen Meineides, indem ich mitteilte, daß ich die Person des Briefschreibers, die auf S…'s Befehl gehandelt habe, bezeichnen könnte, wenn ich nach Nocera geführt werde.
Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich auf und sagte: ob ich meiner Sache so sicher sei, da ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen konnte. Ich bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri, die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier angekommen, nahmen sie mir die Fesseln ab und ließen mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer Entfernung folgten.
Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die Straße, welche der Sergeant mir bezeichnet hatte, aber ich verließ mich auf den Zufall.
Ich gehe die Hauptstraße hinunter und dann erinnere ich mich, hier war ich an dem Abend mit S…, wo wir erst Wein tranken und dann so furchtbar sündigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, endlich komme ich an ein kleines Haus, hier rede ich eine Frau an, die vor der Thür sitzt:
»Liebe Frau, haben Sie Kinder?«
»Ja, zwei Söhne.«
»Wie alt sind Ihre Söhne?«
»Einer dreißig, der andere siebenundzwanzig.«
»Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, er ist blond und blauäugig, aus guter Familie!«
»Nein, den kenne ich nicht,« antwortete sie trocken.
Nach langem Suchen endlich fand ich einen großen Palast mit weitem Eingang, der auch im übrigen nach der Beschreibung paßte, die jener Sergeant mir gegeben hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen Burschen,der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird heiß und kalt, meine Hände zittern, in den Ohren summt es mir.
Ich nähere mich ihm – er ist blond, mit blauen Augen, gut gekleidet.
»Bitte,« sagte ich, »können Sie mir nicht sagen, ob vor fünf oder sechs Monaten ein Korporal hier war, der Sie einen Brief abschreiben ließ?«
»Ja, ich erinnere mich, daß ein Korporal hier war, der mich eine Zeile auf ein Blatt Papier schreiben ließ; dann mußte ich die Adresse auf ein Couvert schreiben, den Namen weiß ich nicht mehr, aber es war ein Feldwebel; ich sagte, daß ich mich nicht kompromittieren wollte; er erwiderte, daß es sich um einen einfachen Scherz handelte, den er mit dem Feldwebel, seinem Freunde, machen wollte.«
»Nun sagen Sie, war ich dabei?«
»Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen.«
»Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben wurde?«
»Drei Jungen, die hier in der Nähe wohnen.«
Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden hatte.
»Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und fand keine; ich mit meinem Brotbeutel an der Seite habe gefunden, was ich suchte. Hier ist der brave junge Mann, der die Schandthat des S… entlarven wird.«
Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und wir alle begaben uns zur Polizei; die Zeugen wurden in ein besonderes Zimmer geführt; der Polizeibeamte nimmt meine Aussage zu Protokoll.
Auf dem Korridor macht sich ein Geräusch bemerkbar, die Thüre öffnet sich, ein Feldwebel tritt herein und meldet, daß der Korporal S… zur Stelle ist.
»Er soll hereinkommen,« befiehlt der Beamte.
Und S… trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, mit erloschenem Auge und thränendem Blick, niedergebeugt und abgefallen.
Ist es zu glauben? Er that mir leid!
Ich sah ihn mitleidig an und sagte:
»Bist Du nun zufrieden, Elender?«
»Ruhe,« rief der Beamte.
Ich wurde hinausgeführt und nach einer halben Stunde wieder eingelassen; S… weinte bitterlich und sagte schluchzend zu mir:
»M…, verzeihe mir, nur aus übergroßer Liebe zu Dir habe ich gefehlt; ich wäre glücklich, wenn ich mit Dir zusammen meine Strafe verbüßen könnte, um Dich noch mehr lieben zu können.«
»Ruhe!« rief der Beamte wieder.
Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, alsdann trat Francesco Crudele di Antonio, der blonde Jüngling, ein.
»Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor fünf Monaten einen anonymen Brief an den Feldwebel V… vom 20. Infanterie-Regiment diktiert hat?«
Crudele sah uns an, dann sagte er:
»Ja, ich kenne ihn.«
»Nun, so zeigen Sie ihn.«
Er ging auf den Korporal S… zu, zeigte mit der Hand auf ihn und sagte:
»Dieser ist es gewesen.«
»Und kennen Sie den andern Soldaten?«
»Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.«
Die anderen Knaben bestätigten seine Aussage.
»Sie haben einen armen Soldaten ins Unglück gestürzt,« sagte der Beamte zu S…, »aber es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.«
»Herr,« sagte ich zu dem Beamten, »ich verzeihe ihm, er thut mir leid, ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.«
»Haben Sie verstanden, S…? Er verzeiht Ihnen, aber die unerbittliche Schärfe des Gesetzes wird Ihr falsches, grausames, schändliches Herz zu treffen wissen.«
S… weinte, er bereute, gern hätte er das Wort im Busen bewahrt, es war zu spät.
Eine Abteilung Soldaten führte den schluchzenden Alfonso S… fort; ich wurde in die Kaserne geleitet.
»Man hat Sie unschuldig verurteilt,« sagte ein Karabiniere, »wegen der Schändlichkeit dieses Korporals hat man Ihnen ein Jahr Gefängnis auferlegt; was für eine Bande ist denn der Gerichtshof; was für Murmeltiere von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, wie man beim Militär Hals über Kopf verurteilt wird.«
»Ich habe es den Richtern gesagt, daß ich unschuldig sei, und ihnen prophezeit, daß meine Unschuld bald ans Tageslicht kommen würde.«
»Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil muß rückgängig gemacht werden.«
Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich werde in mein Gefängnis zurückgeführt, der Staatsanwalt sucht mich auf und sagt wütend:
»Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damals wollten Sie verurteilt sein, jetzt beteuern Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer Hartnäckigkeit haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof haben Sie in eine schöne Verlegenheit gebracht, jetzt müssen Sie an das Ministerium schreiben und um Erlaß der Strafe einkommen.«
»Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die Rollen nicht verwechseln. Ich habe es den Richtern geweissagt, daß ich verurteilt werden würde, aber daß bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten müsse. Die Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.«
»Sie glaubten nur dem elenden Korporal S…«
»Jetzt kommen Sie und erzählen mir Geschichten, die kein Esel glaubt; anstatt mich zu bedauern, beklagen Sie sich über mich, daß Sie mich verurteilt haben – wissen Sie, daß unser Herrgott die Geduld dabei verlieren könnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch nicht wußte! Erst nach meiner Verurteilung habe ich das erfahren.«
»Und wer hat Ihnen das alles enthüllt?«
»Die Hand Gottes.«
»Oder des Teufels,« antwortete er grinsend.
Wenige Tage später wurde der Korporal S… in das Gefängnis eingeliefert und zwar in den oberen Raum, wo die andern militärischen Angeschuldigten waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren.
Als ich wußte, daß S… mir nahe war, im selben Hause, als ich überlegte, daß ich um seinetwillen unschuldig ein Jahr lang leiden mußte, da kochte mir das Blut in den Adern, mein rachebrütender Kopf glich einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach persönlicher Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn ich ihm in Nocera verziehen hatte, so hatte ich ihmdamit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen, aber nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich plante, nun wo er mir so nahe in die Hand gegeben war.[54]Ich war mit dem Wärter befreundet: ich bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er verschaffte mir eine große scharfe und spitze Scheere, von der ich den Zapfen herausnahm, so daß ich im Besitz zweier prächtiger Dolche war; die eine Hälfte verbarg ich auf dem Abtritt, die andere in der Innentasche meiner Jacke.
Ich muß bemerken, daß eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem Hof führte, die dem Raum benachbart war, wo S… sich befand; auf diesem Hof gingen die Gefangenen spazieren.
Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht, bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf, eile in den Garten, stürze mich auf den elenden S… und mache ihn mit einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55]
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchströmte mein Blut, mein Kopf glühte wie eineEsse, so stritten die Gedanken an die Rache, die Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56]Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trüben Gedanken der Nacht folgten die trüben Gedanken des Tages …
Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon war sie halb passiert, als ein Wächter mir begegnete und sagte:
»Wohin, M…?«
»In die Küche«, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen.
»Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche gehen, kehren Sie um, Sie kommen nicht vorbei.«
»Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.«
»Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Wir umfaßten uns, er drängte mich zurück, ich stieß ihn vorwärts. Als ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt zurückriß, so daß ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene Hyäne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm, die Scheere entfiel meiner Hand.
Ich wurde festgenommen und zurückgebracht, ich bewaffnete mich mit der anderen Hälfte der Scheere,entschlossen, den Ersten, der mir den geringsten Anlaß geben würde, niederzustechen. Am selben Tage kam der Staatsanwalt zu mir und sagte:
»Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand darf selbst Vergeltung üben, das ist Sache des Gesetzes. Sie haben unrecht gehandelt; wenn der Gerichtshof Sie verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil aufzuheben wissen, ein Versehen kann immer wieder gut gemacht werden, aber nicht so, wie Sie es anfangen.«
»Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Küche, der Wächter hat mich schlecht behandelt und ich …«
»Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich hatte Ihre Abreise bisher hinausgeschoben, weil ich Ihnen die Genugthuung verschaffen wollte, daß Sie persönlich der Verhandlung gegen S… beiwohnen könnten, aber jetzt sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn gegen S… verhandelt wird, werden Sie hergebracht werden. Also halten Sie sich morgen bereit.«
»Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe gefehlt, verblendet von meinen Rachegedanken; ich wollte S… ermorden; aber jetzt verspreche ich Ihnen ruhig zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir hätte, würde ich ihm kein Haar krümmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie mich hier.«
»Sie werden morgen reisen; hier würde es ein Unglück geben, wir kennen Sie lange genug.«
Ich mußte mich fügen, Tags darauf brachten mich zwei Karabinieri nach Taranto.
Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, das Essen elend, das Wasser einer alten stickigen Cisterne entnommen, die von ekelhaftem Getier wimmelte.
Flöhe gab es wie Sand am Meer, Milliarden großer Flöhe, deren Biß furchtbar war.
Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren unsere Schlafräume, in denen wir eine Nacht verweilten.
Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere Arbeit, schwere Lasten mußten wir tragen; in einem Winkel des Hofes war ein Berg großer schwerer Steine, und während die eine Hälfte der Strafgefangenen exerzierte, mußte die andere Hälfte die Steine in die andere Ecke des Hofes tragen; dann mußten wir tiefe Gruben auswerfen und sie wieder zuschütten; kleine Steine luden wir auf Karren und fuhren sie nach einer Ecke des Hofes, dann schafften wir sie wieder zurück. Es war ein Leben wie die Verrückten, die Narren, und verrückter und närrischer waren die, welche es uns befahlen.[57]
Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, die uns das Gehirn versengte, da es streng verboten war, im Schatten der Einfassungsmauer zu arbeiten; im Winter unter der entsetzlichen Kälte, dem klatschenden Regen, dem Sturm ausgesetzt, daß uns Hände und Gesichtanschwollen, da es streng verboten war, sich an der Dezember-, Januar- und Februarsonne zu wärmen – so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene teuflischen Menschenfreunde für unser Wohlergehen; verflucht seien sie!!!
Fortwährend gequält, schlecht gekleidet, ungenügend ernährt, unsauber, zehn Stunden täglich mit schwerer Arbeit geplagt – es war ein Leben, um sich umzubringen. Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle in Ketten gelegt und an die Wand gebunden, weil ich während des zehnstündigen Exerzierens einige Male gesprochen hatte. Es würde ein Mann von Genie, von Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen müssen, um die Gräuel dieser elenden Gruft zu schildern, um die schändlichen tyrannischen Herzen jener Tyrannen und die Selbstverleugnung, den Mut, die Ergebenheit der armen Kinder des Unglücks zu kennzeichnen.
Italien!Du großer Name, Du große, freie und unabhängige Nation! Aber die meisten, die Du so als freigebige Mutter ernährst, sind Tyrannen, Despoten, Schinder, und dadurch, daß Du sie duldest, erniedrigst Du Dich zur ehrlosen, hündischen, gemeinen Dirne.
Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, ich stellte mich dem Kommandanten vor und sagte ihm, daß ich unschuldig verurteilt wäre, er antwortete:
»Faule Ausrede!«
Ich bat ihn, mir zu gestatten, daß ich eine Eingabe an das Militärgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte es.
Nach drei langen Monaten wurde mir von der Staatsanwaltschaft die Mitteilung, daß der Korporal Alfonso S… am 2. Januar 1879 zu sieben Jahren Gefängnis und zur Degradation verurteilt worden sei und zwar wegen Insubordination, begangen durch Absendung eines anonymen Briefes an den Feldwebel V… und wegen falscher und verleumderischer Aussagen gegen mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen worden.
Und wer entschädigte mich für das Jahr Gefängnis, das nun bald verbüßt war? Wer tröstete mich für die Leiden, die ich erduldet?
Die Hand Gottes.
Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und unerschütterlich vertrauen, dann schützen wir uns davor, uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund des Nichts zu stürzen.
Es ist nicht wahr, daß die Hand Gottes schwer auf uns Menschen lastet und wenn wir das glauben, so beleidigen wir die Majestät des Ewigen.
Es ist ein Geheimnis, ein unlösbares Rätsel wie BelsazarsMenetekel.
Ich bat den Kommandanten, daß er mir erlauben möchte, an Teresina M… zu schreiben, da sie eine nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht zu.
Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das Gewissen und das Ehrgefühl jener Richter hatte nicht gesprochen, ich hatte wegen der Schändlichkeit des S…leiden müssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines tauben, stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!…
Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen und von einigen Karabinieri der ersten Strafkompagnie auf dem Lido zu Venedig überliefert.
Gemäß Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde ich der Klasse 1879 zugeschrieben.
Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten verschiedener Waffengattungen, und von verschiedenen Armeekorps; es wurden solche Soldaten einrangiert, welche unwürdig waren, dem Heere anzugehören und welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen und umstürzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland entehrt hatten.
Hier fand ich zu meinem Unglück einen Soldaten Gir…, einen Vetter des Gir…, den ich beim Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch seinen Vetter über mich unterrichtet, so daß man in der Strafkompagnie meine Antecedentien kannte.
Als ich auf dem Lido angekommen und in den »Serail« genannten Teil der Kaserne untergebracht war, geriet die ganze Strafkompagnie in Bewegung, einzelne Soldaten kamen heran, sahen mich an und liefen davon.
Gir… trat mit seinen piemontesischen Landsleuten zusammen und sie verabredeten sich, mir einen Streich zu spielen.
Einige Soldaten, die aus der Gefängniszeit her eng mit mir befreundet waren, brachten mir zu essen sowie Wein und Cigarren.
Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ… verriet mir den Anschlag der Piemontesen, die sich rächen wollten, weil ich ihren Landsmann, den Vetter Gir…'s beim Regiment mißhandelt hatte.
Mir mißfiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, alles geduldig zu ertragen und dann meinen Abschied zu nehmen, aber mein böser Stern folgte mir bis an die lachenden Ufer der Lagune.
Was thun?
Wenn ich still bin, so glauben sie, daß ich Furcht habe und reizen mich erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, so können die schlimmsten Folgen daraus entstehen: ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute und böse Gedanken kämpften in mir mit einander; nach langem Nachdenken beschloß ich den Kampf aufzunehmen und dem Schicksal die Frage zu stellen: Welchen Schluß hat dieses
düstere Drama?
Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.
Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.
Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich östlich von der Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer bespült wird und den Namen Lido trägt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu hindern. Aber außer seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche Angriffe und außer seiner Eigenschaft als Vergnügungsort in den Tagen des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in stetemLeiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blühende Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen und was es sonst Herrliches in der Natur giebt, schmückt diese Gegend im Sommer, wo sie Scharen von Besuchern empfängt. Verborgen blüht die Rose zwischen den Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde küßt und die Vögel ihre sehnsüchtigen Melodien ertönen lassen – und in den düsteren Zellen der Kaserne seufzt der Verworfene.
Die träge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in wollüstigen Umarmungen die schönen venezianischen Sylphiden und erglüht unter ihrem verliebten Blick – und sie führt die Klagen und Thränen der Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem Willen eines Tyrannen mich beugen müssen und weinen müssen, fern von meinen Lieben, und kämpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft wieder aufzurichten.
Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu trösten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und von neuem ihr schimmerndes Blütengewand anlegte – es vermehrte nur die Empfindung meines Leidens.
O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der Unwissenheit der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann.
Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es vermagst, die Thaten jenes Despoten, der väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen Herd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu schänden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu geben, den letzten Gedanken des Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.
Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glückes die Klagen deuten, welche in dieser Sphäre ertönten, wo Kummer, Qualen, Ketten und der Wille eines gesetzmäßigen Mörders den Herzen der jungen Soldaten alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglück stürzten.
Wie gesagt mißfiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat meinen Freund Civ… mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich nötigenfalls verteidigen zu können; er brachte mir einen langen dreieckig geschliffenen Dolch.
Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmähreden, aber ich sagte:
»Herr Kommandant, ich bin nicht gewöhnt, Vorwürfe zu hören; wenn Sie meinen, daß ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur Verfügung.«
»Wissen Sie, M…, ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie meine Söhne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb nehmen Sie es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters und glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und Brot. Ich wünschte von Herzen, daß Ihr alle in Bälde Eure Familien, Freunde und Bekannten wiedersehen könntet. Sie sind ein verständiger junger Mann, und es wäre eine Sünde, Sie im Unglück umkommen zu lassen. Deshalb seien Sie vernünftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rücksicht auf mich.«
Guar… Signor Battista aus der Markgrafschaft Ligurien war ein vorzüglicher, edler Vorgesetzter, aus vornehmer Familie, von Haus aus reich, wegen einer unglücklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und war zur Zeit Hauptmann.
Er war ein zärtlicher Vater den Soldaten gegenüber, menschenfreundlich, wohlwollend, human; er hatte eine Frau und zwei Söhne. – Die Strafkompagnie war eine Lust für uns: eine Stunde am Tage wurde exerziert und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gelärmt – kurz, wir machten, was wir wollten.
Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir:
»M…, nimm Dich in Acht, Dir wird es schlimm gehen.«
Es war für mich ein ewiges Hin- und Herschwanken – wie konnte ich das Leben fassen mit dem Gedanken, jeden Tag überfallen zu werden.
Endlich entschloß ich mich, der Sache ein Ende zu machen.
Am Abend saßen die Soldaten im Hof und plauderten in Gruppen oder spielten Ball, Dame und Domino oder promenierten hin und her – kurz, jeder war auf seine Weise beschäftigt.
Ich rief meinen Freund C… und ließ mir den Gir… zeigen, der hauptsächlich den Anschlag gegen mich angezettelt hatte.
Er führte mich unter einen Säulengang und zeigte mir einen langen hageren Soldaten, der in einer Zelle arbeitete. Ein kurzer schrecklicher Entschluß fuhr mir durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle und rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; die Rechte hielt hinter dem Rücken den Dolch bereit.
»Also Sie sind die Seele der Verschwörung gegen mich, Sie wollen mir ans Leben? Sie sind ein Schurke, wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute, damit ich denen dasselbe sagen kann!«
Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, ihm den Leib aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen Arm umklammerte, während Gir… angstvoll rief:
»M…, was machen Sie?! ich bin unschuldig! Ich habe nie von Ihnen gesprochen.«
»Sie sind ein Schurke, wir müssen ein Ende machen.«
Auf unser lautes Gespräch kamen viele Soldaten hinzu, die sich um uns aufstellten und gespannt das Ende des Dramas erwarteten.
»M…, was machen Sie?« rief der, welcher mich festgehalten hatte. »Ich bin Esp…, Ihr Freund und Landsmann, beruhigen Sie sich, M…, Sie machen sich unglücklich.«
Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, ich erzählte ihm freimütig alles, was vorgekommen war.
Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, daß ich ihn nicht von Anfang an unterrichtet hätte. Er versammelte die Piemontesen und meine Landsleute auf dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie nur ein zärtlicher Vater zu seinen geliebten Söhnen unter so traurigen Umständen sprechen kann.
»Und jetzt,« schloß der würdige Offizier, »jetzt gebt Euch das Pfand des Friedens, der Eintracht, der Brüderlichkeit. Gir…, umarmen Sie Ihren Kameraden M…«
Wir küßten und umarmten uns, Gir… hielt seine Thränen mit Mühe zurück.
»Morgen ist Sonntag,« sagte der Hauptmann, »ein Festtag für Euch. Ihr werdet Euch zusammenthun, jeder giebt einen Lire, Herr Lieutenant G… hat Befehl,für Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet Ihr eine Tafel zusammenstellen, die Bänke können als Sitze dienen, für Tischwäsche, Gläser u. s. w. werde ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens, der Einigkeit, der Brüderlichkeit essen und trinken. Sie, M…, sammeln das Geld und liefern es an Herrn Lieutenant G…, wer kein Geld hat, mag sich an mich wenden. Sie, Gir…, nehmen M… unter den Arm und gehen spazieren. Rührt Euch!«
Ein Beifallsturm, Händeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten.
Am folgenden Tage wurde eine große Tafel im Hof hergerichtet, wie der edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs Sergeanten und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen Mahl teil, die Becher füllten sich mit schäumendem Toskanerwein; die Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin – die Gläser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie füllten unsere Becher immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, wir tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die Brüderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere Gesundheit, Hochrufe, Händeklatschen und Lachen ertönte aus der freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in Versen aus.
Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche Störung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich hatte mich über meine vergangenen Leiden getröstet und genoß ein friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen Genossen.
Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, daß meine Familie sich beschwert habe, daß ich so lange nicht geschrieben habe und trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach Hause zu geben.
Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen Brief meines Bruders bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe zwei Jahre her, daß die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so heißes Verlangen nach mir zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als daß er hoffte, ich sei tot, und er könne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der thörichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.
Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zögern, wie konnte ich auch, da er mich täglich mit Beweisen seines Wohlwollens überhäufte. So schrieb ich denn folgenden Brief:
»Geliebter Schwachkopf!Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir nach Salerno schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit, deiner Hartherzigkeit? – Nun, ich danke, es geht mir sehr gut, trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles: Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige schmackhafte Suppe und ein großes Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist; Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und was will man mehr?Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin der Meere, einer großen, schönen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir schäkern mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, – was will man mehr!Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um uns vergnügen zu können und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den Hunger!Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, was kann man mehr verlangen?Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge Dir genügen. Und wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf Erden herumkriecht.Lido, Venedig 10. April 1879.Dein (!)Antonino M…«
»Geliebter Schwachkopf!
Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir nach Salerno schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit, deiner Hartherzigkeit? – Nun, ich danke, es geht mir sehr gut, trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles: Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige schmackhafte Suppe und ein großes Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist; Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und was will man mehr?
Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin der Meere, einer großen, schönen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir schäkern mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, – was will man mehr!
Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um uns vergnügen zu können und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den Hunger!
Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, was kann man mehr verlangen?
Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge Dir genügen. Und wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf Erden herumkriecht.
Lido, Venedig 10. April 1879.
Dein (!)Antonino M…«
Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt nichts, es war alles wahr.
Wir hatten eine prächtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit unseren Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen großen viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostüme fertigten wir selbst an, fünfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., das nötige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten gesammelt; einmal hatten wir fünfhundertzwölf Lire und achtundachtzig Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!!
Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten Gasparone spielte, ich war als kalabresischer Räuber gekleidet, mit hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit großen vergoldeten Knöpfen geschmückt,zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppelläufige Flinte über dem Rücken, einen großen Revolver und einen langen Dolch an der Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten, Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in Überfluß: Rum, Wermut, Bier, Wein und Cigarren, so daß es für die ganze Woche reichte; alles wurde von den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er:
»Haben Sie Geld?«
»Ich habe einen Lire, und das genügt für einen Tag.«
»Nein, in Venedig ist das nichts,« und er nahm einen Fünflireschein heraus und gab ihn mir.
Seine Börse war stets für alle geöffnet, und wenn man ihm das Geld wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mußte er von der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um Luft zu schöpfen.[58]
Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, daß er achtzigtausend Lire jährliche Rente habe, aber ermachte kein Aufheben von seinem Reichtum, den er zum Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen seiner großen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und wäre ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erzählte mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von denen ich einige mitteilen will.
Als Hauptmann Guar… noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich in ein Mädchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem Vermögen von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte glücklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens liebte; die Frucht dieser Liebe war ein Söhnchen, das Ebenbild des Glückes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, daß seine Gattin ihn betrog.
»Unmöglich«, antwortete er, »Virginie, meine geliebte Virginie kann mich nicht verraten.« Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der ihm mitgeteilt hatte, daß seine Virginie ein unerlaubtes Verhältnis mit einem Lastträger hatte – der arme Lieutenant wurde von Guar… erstochen.
Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, daß er verreisen müsse; er kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so daß er hören konnte, was dort vorging.
Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren häuslichen Angelegenheiten beschäftigt.
Endlich gegen Abend hörte er Küsse, er lauschte und vernahm folgende Worte:
»Ettore, süßer Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich möchte dich immer in meinen Armen halten, der schweigsame Offizier langweilt mich, ich liebe ihn nicht. Laß uns fliehen, Ettore, nach Verona; da können wir in Freiheit unser Glück genießen.«
»Nein süße Virginia, noch ist nicht die Zeit dazu … Wie schön Du bist, gieb mir einen Kuß!«
Er hörte ihre Küsse, und das Blut erstarrte ihm in den Adern.
Es wurde still, Seufzer und Küsse wechselten mit einander; G… blickt durch eine Spalte und sieht seine Virginia in wollüstiger Umarmung mit ihrem Geliebten.
Er eilt hinaus, klopft an die Thür seines Schlaf-Gemaches, niemand antwortet. Endlich ruft er:
»Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.«
Die Thür wird geöffnet, Virginia erscheint und sagt:
»Wie, Du bist nicht fort?«
»Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!«
»Hier bin ich,« antwortete Ettore, eine Waffe in der Hand haltend. »Sie befehlen?«
»Nichts, lieber Ettore,« antwortete der Lieutenant, »nur Ihre Hand.«
Sie reichten sich die Hände, Virginia lag auf den Knieen und zerfloß in Thränen. Herr G… öffnete sein Portefeuille, nahm zehn Tausendlirescheine heraus, reichte sie Virginia und sagte:
»Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem Ettore; mein Sohn bleibt bei mir.«
Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand und gingen, G… wurde ohnmächtig aufgefunden, wie er seinen Sohn in den Armen hielt.
Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment in Bologna war, traf er eines Abends einen Zahlmeister, der ihm klagte, daß er sich das Leben nehmen müsse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse fehlten, Guar… nahm die Kassenschlüssel, öffnete sein Portefeuille, gab dem Zahlmeister sechs Tausendlirescheine und sagte nur:
»Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie vernünftig!«
Nach Gottes Fügung starb Virginia wenige Jahre später arm und elend in einem Irrenhaus; G… heiratete ein anderes Mädchen aus dem Volke von schlechten Gewohnheiten und unregelmäßigem Lebenswandel. Ehe er sie heiratete, sagte er:
»Clelia« – so hieß sie, »ich lege meinen Reichtum, mein Herz, meine Ehre, meinen guten Ruf in Deine Hände; willst Du mir treu sein, willst Du ein neues Leben beginnen?«
Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin seines Lebens; sie gebar ihm ein süßes Töchterchen; der blonde Ludovico, der Sohn der Virginia, der jetzt zehn Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so sagte man, umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend.
Folgen wir dem Faden unserer Erzählung.
Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas viel getrunken, es war im Sommer, ich litt unter der Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein, ich wurde sehr müde, setzte mich nieder und schlief mit dem Gewehr im Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, jemand klopft mich auf die Schulter; ich springe auf und sehe den Hauptmann.
»Das ist unrecht, Sie dürfen sich nicht vom Schlaf übermannen lassen – es ist ein schweres Verbrechen, auf Wache zu schlafen. – Ist Ihnen nicht wohl?«
»Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.«
»So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und geben Sie mir so lange Ihr Gewehr.«
Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging damit hin und her, ich ging zur Wachtstube und kam mit dem Sergeant zurück. Der Hauptmann sagte ihm, daß ich krank sei und befahl, mich ablösen zu lassen.
So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten ein, ich ging in's Bett.
Derartiges kam öfter vor, der Hauptmann bestrafte nie; die Soldaten, die im süßesten Schlummer ihr Bett verlassen mußten, klagten nicht, sondern erwiesen sich als gute Kameraden.
Man muß wissen, daß ein Soldat, der auf Wache einschläft, mit sechs Monaten Kerker bestraft wird.
Es würde die Feder eines Francesco Mastriani erfordern, und die anderer Männer von Genie, um diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu beschreiben, und um meine klassischen Abenteuer während der vier langen Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke wundersame Bände ließen sich darüber schreiben. Ich beschränke mich darauf, die bemerkenswerteren und unterhaltenden Vorfälle kunstlos niederzuschreiben, und bitte Euch, Nachsicht zu üben, denn ich habe wenig oder nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte ich den wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht.
Unser acht Soldaten schlossen uns in enger Freundschaft zusammen: meine Gefährten waren intelligente und gebildete junge Leute; einige Stunden des Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche Fragen mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche Darstellungen und Zeitungen, und organisierten eine regelrechte Polemik untereinander: wir machten Verse, Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen, kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur Poesielehre hatte ich einen gewissen Neapolitaner Carlo Frol… Pag…, in der Litteratur unterrichtete mich Luigi Mastr…, ebenfalls ein Neapolitaner, in der Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens Alt…
Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, in welchem er mich wegen meiner Gefängnisstrafe zu Salerno bedauerte und seine Freude darüber aussprach, daß es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schicktemir zwölf Lire und seitdem schrieben wir uns alle Monat und ich bekam regelmäßig meine zwölf Lire.
Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen dem Wirt und einem Kameraden von mir, einem gewissen Angelo M…, erhob sich ein Streit, in dessen Verlauf der Wirt auf einmal sagte:
»Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchthäusler, eine verkommene Bande!«
Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung mußte gerächt werden, ich nahm das Glas und schlug dem Unverschämten mit aller Gewalt auf den Kopf. Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, Flüche und Drohungen schallten durch die Luft, und wenn nicht einige Sergeanten hinzugekommen wären und der Wirt sich eingeschlossen hätte, wer weiß was für Unheil entstanden wäre.
Dem armen Wirt war der Schädel zerschlagen, ich wurde acht Tage bei Wasser und Brot eingesperrt.
Über meiner Zelle saß ein gewisser Liur… in Arrest, der mir durch eine Spalte in der Wand von seinem Essen etwas zusteckte. Er war in Untersuchung, weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; ein gewisser Scar… aus Bologna und ein Cec… aus Benevento. Der Lieutenannt Gui… war in die Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein Kriegsgericht abgesetzt; zürnend zog er ab, er war in Zivilkleidung und als er vor der Kaserne stand, zoger seinen Säbel aus der Hose heraus und zerbrach ihn über das Knie. Ein neapolitanischer Soldat Namens Per…, der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht und sagte:
»Du bist ein elender Hund!«
Während ich im Gefängnis saß, hörte ich eines Morgens ein Geräusch, als ob zwei Personen mit einander kämpften und vernahm die Stimme eines Kameraden, der sagte:
»Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen.«
Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine Mitteilung erhalten; während er sie las, war der aufsichtsführende Sergeant gekommen und hatte ihm das Blatt wegreißen wollen; Liur… aber hatte das Papier in den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant ihn an den Hals gefaßt.
Die Sache wurde gemeldet und Liur… wegen Insubordination vor Gericht gestellt; er bat mich, als Entlastungszeuge zu dienen.
Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit gesetzt; ich erkundigte mich nach dem Schicksal des Liur…, niemand wußte, daß er das anonyme Schreiben verfaßt hatte, nur Cec… und Scar… traten gegen ihn auf, und beide waren von früherher mit ihm verfeindet.
Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht verurteilt worden? Hatte denn jenes schändlichste Ungeheuer, der Korporal S…, Recht mit seiner Aussage? Ist es nicht denkbar, daß auch Liur… unschuldigverdächtigt und verleumdet war? Genügt die Überzeugung von der Schuld eines Menschen, um ihn zu verurteilen und ist ein solches Urteil wissenschaftlich und unanfechtbar?[59]
Ich beschloß der Sache auf den Grund zu gehen, und da ich sah, daß Cec… und Scar… ein Herz und eine Seele waren, so nahm ich mir vor, den einen durch den andern entlarven zu lassen.
Ich rief den Soldaten Cec… und sagte:
»Cec…, wir sind gute Freunde, ich weiß, daß Du aus guter Familie bist; hier in der Kompagnie sind lauter ungebildete Burschen, lauter entlassene Sträflinge (als ob ich aus dem Colleg herkäme); wie wäre es, wenn wir ein treues Freundschaftsbündnis schlössen und zusammen lebten?«
»Mit Vergnügen, lieber M…, aber ich muß Scar… sprechen, mit dem ich, wie du weißt, seit langem zusammen lebe.«
»Sehr wohl, sprich mit Scar…«
Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen und trinken, die Freundschaft war besiegelt. So vergingen mehrere Tage, Liur… war nach dem Militärgefängniszu Venedig geschafft und hatte mich als Entlastungszeugen angegeben; der Tag der Verhandlung kam immer näher.
Ich sagte beim Promenieren zu Cec…:
»Cec…, Du giebst viel Geld für den Scar… aus, der ein Schwindler ist; mir, der ich Dein Bestes will, mißfällt das; es ist eine Schande, daß Du Dich von dem Heuchler ausbeuten läßt.«
»Weißt Du, M…, Du hast Recht; Scar… ist ein scheinheiliger Hund, er ist mir zwanzig Lire schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein schneiden kann.«
»Was, ihm, der ärmer ist wie Hiob, hast Du zwanzig Lire geborgt, nun, heute Abend muß er sie Dir wieder geben.«
Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen in einer Schenke: nachdem wir unser kärgliches Mahl verzehrt hatten, verlangte Cec… sein Geld; Scar… legte sich auf's Beteuern, daß er nichts habe, Cec… wurde wütend und das Ende vom Liede war eine große Schlägerei zwischen beiden, von der der Wirt den größten Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr, Flaschen und Gläser gingen in die Brüche. Als bittere Feinde schieden sie.
Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar… heran und sagte:
»Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir sehr nützlich sein kann, aber verrate mich nicht.«
»Nein, M…, auf keinen Fall, Du bist ein guter Freund, der Cec… ist ein ungebildeter Hansnarr.«
»Cec… sagte mir, daß Du ihn angestachelt hättest zu sagen, daß Du gesehen hättest, wie Liur… die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann geschrieben hatte; daß er …«
»Der Schändliche!« unterbrach er mich, »der Mörder, der Verräter; er hat mich verleitet, das zu sagen; ich wußte von nichts, ich habe nichts gesehen.«
»Nun schön, Scar…, höre mich an und unterbrich mich nicht: Cec… sagte, daß Du die direkte Ursache von Liur…'s Ruin bist, wenn das die Richter wüßten, würde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir mit, daß er vor Gericht aussagen will, daß Du ihn zu der falschen Beschuldigung verführt hättest.«
»Ganz im Gegenteil, der Verräter hat mich verführt, er hat den armen Liur… ruiniert.«
Während ich mit Scar… sprach, beobachtete Cec… uns von weitem und verzehrte sich vor Neugier, und als wir uns endlich trennten, eilte er zu mir heran und fragte, was wir miteinander gehabt hätten.
»Scar… hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen«, sagte ich, »den er dem Verteidiger Liur…'s schicken will, in dem er seine erste Aussage widerruft und zu Deinen Ungunsten aussagen will.«
Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec… geriet in furchtbare Erregung und wollte von Scar… Genugthuung verlangen, aber ich hielt ihn zurück und sagte:
»Cec…, höre zu; wir wollen vor dem Militärgericht eine schöne Posse aufführen: Du darfst nicht sagen, daß Du die Absicht des Scar… kennst; ich werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage Scar…'s einen Brief an Liur…'s Verteidiger besorgt hat, und wenn das der Fall ist, mußt Du in Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar… erzählen und mich und den Wirt als Zeugen anrufen; auf diese Weise wird er entlarvt sein und als Verleumder erkannt werden.«
»Vorzüglich, M…, vorzüglich ausgedacht.«
»So bleibt es dabei.«
Der Verhandlungstag war herangekommen, wir waren zehn Zeugen, darunter der Wirt; wir warteten im Zeugenzimmer. Ich rief Cec… zu mir heran und sagte:
»Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, daß er vor einigen Tagen in Scar…'s Auftrag einen Brief an Liur…'s Verteidiger besorgt hat. Vergiß nicht, Cec…, alles vor Gericht zu erzählen und rufe mich und den Wirt zu Zeugen an.«
Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. Ich sagte aus:
»Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern Zelle war Liur…, der sich fast täglich beklagte, daß er von den Chargierten so viel auszuhalten hätte. Eines Morgens hörte ich ein Geräusch, als ob zwei Menschen miteinander ringen und hörte, wie Liur… sagte: Erhat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen. – Das ist alles, was ich aussagen kann.«
»Sagen Sie, M…,« fragte der Präsident, »ist es wahr, daß Sie dem Soldaten Cec… gesagt haben, daß der Soldat Scar… Ihnen einen Brief gezeigt habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur… gerichtet war, und in dem er den Verteidiger bat, dem Liur… mitzuteilen, daß er seine erste Aussage verwerfen wolle. Ist das wahr, daß Sie das alles gesagt haben?«
»Wie, Herr Präsident,« antwortete ich, indem ich den Dummen spielte, »ich verstehe nicht, was Sie fragen.«
Der Präsident wiederholte das ganze Gewäsch.
»Ich!« antwortete ich entrüstet, »ich soll das dem Cec… gesagt haben? Das ist eine Verleumdung, eine freche Lüge! Ich habe nie mit Cec… über die ganze Angelegenheit gesprochen, er muß geträumt haben oder reif für die Zwangsjacke sein!«
Cec… wird aufgerufen und erzählt die ganze Geschichte.
»Was?« rufe ich empört, »Du bist ein Betrüger, ein elender Verleumder, Du hast den armen Liur… auf die Anklagebank gebracht!«[60]
Der Präsident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt erklärt selbst, die Anklage nicht aufrecht erhalten zu können, der Verteidiger spricht lange und eindringlich und bittet um Gerechtigkeit für seine Klienten.
Der Gerichtshof zieht sich zurück und nach langer Beratung wird Liur… freigesprochen.
Ich teilte meinem edelmütigen Hauptmann mit, daß ich von dem Gericht zu Salerno unschuldig verurteilt worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu unterstützen, daß mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet würde.
Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, ließ sich Abschriften der Urteile geben und schickte sie an das Kriegsministerium. Wir warteten lange vergeblich, er schrieb noch einmal und erhielt die Antwort, daß ein Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung aufgehoben werden könne, daß meinem Ersuchen demnach nicht stattgegeben werden könne.
So waren meine Hoffnungen zerstört und ich mußte mich in das Geschick fügen. Ich wurde nach Rom geschickt, um in der Druckerei des Kommandos der Strafabteilung zu arbeiten. Es war ein großer Arbeitsraum in dem Kommandogebäude, drei Maschinen und acht Pressen machte die Druckerei aus, ich mußte mit einem Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten und bekam außer der Soldatenkost fünfzig Centesimi täglich. Hier blieb ich zwei Monate, während dieser Zeit schloß ich enge Freundschaft mit dem Bureauschreiber. Eines Tages sagte ich zu ihm:
»Rom…,« so hieß er, »wäre es nicht möglich, im Bureau eine hübsche kleine Fälschung zu machen, die mir sehr nützlich sein könnte?«
»Was für eine Fälschung?« rief er, die Augen aufreißend und mich anstarrend.
»Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, könnten wir daraus nicht 1868 machen?«
»Was für einen Unsinn verlangst Du, willst Du mich auf die Galeere bringen?«
»Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, daß Du noch ein Neuling in diesen Dingen bist.«
An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber ich ließ nicht nach, bis ich ihn verführt.
Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, ich veranlaßte ihn mehr zu trinken als gewöhnlich und als es mir schien, daß der Weinrausch ihn umnebelt hatte, fing ich von neuem von der Fälschung an.
Wir gingen hinaus, er sagte:
»M…, warte ein wenig, ich will sehen, ob jemand im Bureau ist.«