Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Die Talmühle, ein dem Grafen eigenes Erblehen, lag nahe dem Fuße des Bergkegels, der Schloß Falkenstein trug, an der vielgewundenen Selke, die mit alten Weidenbäumen und mit Erlengesträuch umsäumt war und an deren Ufern dichtes Röhricht mit violetten Federbüschen und großblättriger Huflattich wuchs. Durch ihre glitzernden Wellen schossen rotgesprenkelte Forellen hin und her, und über ihrem Spiegel tanzten Mückenschwärme. Auf den Strohdächern der niedrigen Mühlengebäude wucherte Moos und kugelige Hauswurz mit mattrosigen Blüten auf fleischigem Stengel. Das Wasserrad stand heute still, aber wenn es sich rauschend und schaumsprühend drehte, einen durchsichtigen Silberschleier über den Schaufeln, so gab das ein schönes, lebendiges Bild, das Blick und Gedanken des vorüberkommenden Wanderers eine Weile festhielt.

Wilfred traf bei seiner Ankunft dort die Bewohner zu Hause mit Ausnahme des einzigen Sohnes, der als Mühlknappe dem Vater im Handwerk rüstig beistand, sich aber heute nach Meisdorf beurlaubt hatte, wo er gute Gesellen beim Sonntagsbier im Kruge zum braunen Hirsche sitzen wußte.

Groß willkommen in der Mühle hieß man ihn nicht und hätte ihn wahrscheinlich noch kühler aufgenommen, wenn sein Vater nicht ein alter, treuer Freund des Müllers und seiner Frau gewesen wäre, dessen Andenken sie in Ehren hielten und um dessentwillen sie den Sohn nachsichtig duldeten. Meister Beutling war ein ernster, arbeitsamer Mann und seine Kathrin eine still schaltende Hausfrau, die beide nach dem Besuche nichts fragten und sich auch nicht um ihn kümmerten, ihn ihrer Tochter überlassend, die ihn schon bald genug wieder los werden würde.

Kaum zwanzig Schritte von der Mühle stand eine alte Linde mit einer Bank und einem Tisch unter ihren schattenden Zweigen, dessen Platte ein ausgedienter Mühlstein war. Die Linde blühte jetzt und verbreitete einen starken, fast berauschenden Duft um sich her, während in ihrer mächtigen Krone das Gesumm der Bienen tönte, denn Meister Beutling hielt sich eine Anzahl Bienenstöcke, mit deren Honig er auch das Schloß versorgte.

Dorthin begaben sich Luitgard und Wilfred, und er begann das Gespräch mit der Bitte um Entschuldigung, daß er so lange nicht hier gewesen wäre, worauf ihm Luitgard, die ihn gar nicht vermißt hatte, mit geschürzter Lippe erwiderte, o wenn er keine Zeit hätte, brauchte er sich um ihretwillen die Schuhsohlen nicht abzulaufen. Als ihr Wilfred nun erklärte, womit er alle seine Zeit hätte hinbringen, was und wie angestrengt er hätte arbeiten müssen, zeigte sie geringe Teilnahme an der Art seiner Beschäftigung und schien an den bedeutenden Einfluß, dessen er sich bei der gemeinschaftlich mit dem Ritter Eike von Repgow betriebenen Abfassung eines großartigen Werkes rühmte, nicht zu glauben. Es warüberhaupt heute nichts Rechtes mit ihr anzufangen, sie war wieder einmal nicht gut aufgelegt, wortkarg und mürrisch. So unermüdlich auch Wilfred Redegabe, Witz und Scharfsinn aufbot, es gelang ihm nicht, die gegen alles Gleichgültige zugänglicher und freundlicher zu stimmen. Die Unterhaltung geriet mehr und mehr ins Stocken und wäre vielleicht ganz versiegt, wenn sich jetzt nicht ein drittes Menschenkind zu den beiden unter der Linde gesellt hätte.

Suffie, Großmutter Suffie, wie sie ringsumher genannt wurde, eine uralte Greisin, kam vom Hause an einem Krückstocke langsam herangeschritten. Sie mußte einst von hochragender Gestalt gewesen sein; jetzt war sie von der Last der Jahre gebeugt, aber nicht gebrochen, denn in dem hinfälligen Körper wohnte noch immer eine die Ihrigen oft überraschende Geistes- und Willenskraft. Weiß war ihr Haar, ihr lederfarbenes Gesicht von unzähligen Runzeln durchfurcht, und ihre großen Eulenaugen funkelten hell und scharfblickend. Sie hatte hier in der Talmühle, wo sie geboren war, Kinder und Enkel ins Grab sinken sehen und erwartete nun bei ihrem letzten Enkel, dem jetzigen Müller, den Tod, der sie aber vergessen zu haben schien. So wandelte sie, eine Erscheinung aus der Vorzeit, selber schier unveränderlich, durch die immer wechselnde Gegenwart und wußte nicht, wie alt sie war.

Ihre Erinnerungen reichten bis in ihre Jugend, viele bis in ihre Kindheit zurück, und wenn die Müllersleute abends um sie versammelt am Herdfeuer saßen, gab sie den Hochaufhorchenden manche davon zum besten. Ihre stolzeste war, daß sie einmal als halbwüchsiges Mädchen Herzog Heinrich den Löwen gesehen hatte, als er mit einem großen Gefolge von Rittern und Reisigen überden Harz nach dem Kyffhäuser gezogen war, um sich von Kaiser Friedrich dem Rotbart mit dem Herzogtum Bayern belehnen zu lassen. Durch das Selketal war er zwar nicht gekommen, aber tausende waren von nah und fern herbeigeströmt, um den mächtigsten Mann im Reiche von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Daraus konnten die Nachgeborenen berechnen, daß sie über hundert Jahre alt sein mußte.

Eine Christin war sie nicht und wollte es nicht sein, sondern hielt mit finsterer Zähigkeit an dem Heidentum fest, das in den Bergen und Wäldern des Harzes noch Jahrhunderte lang nach den blutigen Sachsenkriegen Kaiser Karls des Großen im Verborgenen fortlebte. Wegen ihrer Kenntnis von längst abgekommenen Sitten und Bräuchen, von heilkräftigen Kräutern und Wurzeln, ihres Bewandertseins in Zaubersprüchen, Wundsegen, Blutstillen und anderen Heimlichkeiten erfreute sie sich eines so weit verbreiteten Rufes, daß manch einer und eine kam, sie in Körperleiden und Herzensnöten um Rat und Hilfe anzugehen. In der Familie genoß sie die größte Verehrung, und über ihre Urenkelin Luitgard hatte sie mehr Gewalt als Vater und Mutter, denn selbst das eigensinnige, schwer zu bändigende Mädchen fügte sich der das ganze Hauswesen beherrschenden Ahnin.

Als die Alte herangekommen war, stand Wilfred auf und begrüßte sie mit der Frage: »Wie geht's, Großmutter Suffie?«

»Schlecht, mein Junge! Das siehst du doch,« ächzte sie, auf der Bank schwerfällig Platz nehmend. »Die Gicht im rechten Bein läßt mich nicht los. Alle Morcheln, die ich mir da hinten aus dem trocknen Kiefernboden gebrochen habe, wollen nicht helfen gegen das Gebreste, es ist ein Elend. Ich kann nicht mehr auf die Bergeklettern, mich nicht mal mehr zum Sonnwendfeuer schleppen, und das frißt mir am Herzen. Es ist jetzt schon das dritte Mal, daß ich dabei fehlen muß, seit mich mein Vater als Siebenjährige zuerst mit hinaufgenommen hat, wo sie – du wirst es ja wissen und darüber schweigen – wo die, die noch getreulich dem großen Wode und der Frau Holle anhängen, sich zusammenfinden, die alten heiligen Gebete raunen, Lose werfen und Hand in Hand durchs Feuer springen. Hab's als schmucke Maid auch getan mit manchem jungen Burschen, der schon lange nicht mehr springt. Seit Jahren war ich immer die Älteste dabei und wußte mehr als alle.«

Wenn Suffie ins Reden kam, wurde sie geschwätzig und hörte so bald nicht wieder auf. »Großmutter,« begann Wilfred, »Ihr habt doch meinem Vater selig so manchen guten Rat gegeben und –«

»Freilich, Fred, freilich!« unterbrach sie ihn sofort wieder, »gegen Tollwut mußte er ein Wolfsauge bei sich tragen und um den Hals eine Schnur von Krebsscheren gegen das Gewehr des groben Keilers, aber gegen Bärenpranken ist kein Kraut gewachsen; mit so 'nem Untier durfte er ohne ein paar starke Hetzrüden nicht anbinden.«

»Ich wollte nur sagen,« fuhr Wilfred fort, als er wieder zu Worte kam, »wißt Ihr denn kein Mittel zu Eurem eigenen Gesunden, daß Ihr wieder springen lernt?«

»Nichts, mein Junge, nichts,« erwiderte sie, das greise Haupt schüttelnd, »ich muß stillhalten, bis das alte Gerippe mit seiner Sense kommt und mich abmäht. Ein Menschenleben geht hin wie der Rauch, das ist so, seit die Welt im Wasser unterging.«

»Na, vorher wird's auch wohl nicht anders gewesen sein,« mischte sich Luitgard naseweis ein, »und Ihr sehtdoch unsern Schornstein schon recht lange rauchen, Großmutter.«

»Dir etwan schon zu lange, Luit?« begehrte Suffie auf. »Was weißt du dummes Balg von leben und sterben? In den zwölf Julnächten vorigen Winter hab' ich's einmal grausig hier durchs Tal toben und heulen hören, da muß Wode mit seinem wütenden Heer dicht über uns hingezogen sein, hat mir wohl einen Wink geben wollen, mich fertig zu machen. Hätt' er sich sparen können, der große Schimmelreiter, ich bin fertig.«

»Das eilt wohl nicht, Großmutter,« lächelte Wilfred. »Es hat schon manche um Lichtmeß gedacht, sie hätte ihr letztes Süpplein ausgelöffelt, und ist doch noch zu Walpurgis mit auf den Blocksberg geritten.«

»Zähme deine Zunge!« fuhr die Alte auf ihn los, richtete sich steif in die Höhe und maß den Kecken mit einem bösen Blicke. »Eine Besenhexe bin ich nicht.«

»Euch hab' ich damit nicht gemeint, es war nur ein Gleichnis,« beruhigte er die Beleidigte. »Es gibt Jüngere, die mit dem Teufel einen Tanz wagen, wenn die Engel nichts von ihnen wissen wollen.«

»Ach so!« lachte Luitgard, »nun, du hast ja oben auf dem Falkenstein einen blonden Engel, der gewiß nicht spröde ist und dir bei Tag und Nacht keinen Tanz versagt.«

»Darum kümmre dich nicht!« wies sie Wilfred scharf ab. »Die du im Sinn hast, zeigt mir ein holderes Gesicht als du.«

»Richtig, Falkenstein!« fiel Suffie ein. »Ihr habt ja schon seit Wochen einen fürnehmen Gast; was tut denn der so lange bei euch? harft und singt wohl mit der schönen, jungen Gräfin?«

»Nein, er arbeitet mit mir.«

»Arbeitet mit dir?«

»Ja, sie kritzeln ein Buch zusammen,« spottete Luitgard. »Denkt Euch, Großmutter, ein Buch, ein Gesetzbuch!«

»Davon verstehe ich nichts,« sagte die Alte. »Schreiberei ist verfluchtes Satanswerk und schafft nur Unheil.«

»Sagt das nicht, Großmutter! Das Mühlen- und Wasserrecht kommt auch in unserem Buche vor,« belehrte sie Wilfred, »höret ein Exemplum. Vor jedem Mühlengerinne muß ein Merkpfahl eingerammt sein, der anzeigt, wie hoch der Müller das Wasser in seinem Graben halten darf, nämlich nur so hoch, daß eine Biene mit aufgereckten Ohren auf dem Pfahle sitzen kann und sich dabei die Füße, aber nicht den Leib benetzt. Nun liegt es in meiner Hand, statt eine Biene mit ausgereckten Ohren zu schreiben ein Frosch mit hervorstehenden Glotzaugen. Das macht einen großen Unterschied aus, denn dann kann der Müller das Wasser viel höher stauen und seinem Rade mehr Kraft geben. Begreift Ihr das?«

»Ei wohl, schreibe so, Fred, und hole dir von Luit den Dank dafür.«

»Mir läuft unser Wasserrad schnell genug,« kam es verächtlich von des Mädchens Lippen. »Meinetwegen kann sich Fred selber auf den Merkpfahl setzen, von mir hat er keinen Dank zu verlangen.«

Der ihm von der Übellaunigen heute wieder zuteil werdenden schlechten Behandlung endlich überdrüssig, erhob sich Wilfred nach dieser wegwerfenden Äußerung und ging, sich nur von Suffie verabschiedend, mißmutig davon.

Aber statt sich von hier aus geradwegs auf den Falkenstein zurückzubegeben, bog er nach rechts ab undschlug sich bergan steigend in das Dickicht, in dem er spurlos verschwand.

Er wollte noch den anderen der zwei Besuche abstatten, die er sich für diesen Sonntag vorgenommen hatte, und da, wohin es ihn jetzt zog, war er einer freundlicheren Aufnahme sicher. Denn dort wußte er einen trauten Kumpan, der ihn gewiß schon seit langem sehnlichst erwartete.

In schnurgerader Richtung querwaldein dringend gelangte er zu einer alten Buche, deren gewaltige Wurzeln in großen, schlangenartigen Windungen und Krümmungen aus der Erde hervorragten. In einer ihrer Gabelungen dicht am Stamme ließ sich Wilfred nieder und saß da, auch im Rücken gestützt, so bequem wie zwischen den Armlehnen eines moosgepolsterten Sessels. Nun holte er seine Rohrflöte hervor, die dem Ritter Eike von Repgow bei der Ankunft auf dem Falkenstein den ersten Willkomm zugetrillert hatte, und fing an darauf zu blasen. Nach einem Weilchen hielt er inne und horchte. Alles still, nichts regte sich. Er hub von neuem zu blasen an und diesmal stärker, wonach er wieder wie ein Vogelsteller bewegungslos lauschte. Endlich vernahm er ein leises Geräusch, nur ein paar Pulsschläge lang, dann verstummte es. Bald erklang es wieder, immer noch leise, aber schon näher. Es war, als wenn etwas Lebendiges behutsam heranschlich oder kroch, und jetzt sah er im niedrigen Unterholz zwei fest auf ihn gespannte Lichter glänzen. Gleich darauf raschelte es durch Laub und Kraut, und husch! sprang ihm mit flinkem Satz ein Fuchs auf den Schoß.

»Schlitzohr, bist du da?« rief er und umfing das Tier, das sich ihm wie ein treuer Hund anschmiegte und schlau blinzelnd zu ihm aufäugte.

Das war der Freund, dem sein Besuch galt und mit dem er sich verstand wie ein Mensch mit dem andern, nur daß dem Vierfüßler die Sprache fehlte. Wilfred hatte ihn einst als Junges nicht weit von hier durch einen glücklichen Zufall erhascht, ihn mühsam mit unendlicher Geduld gezähmt, ihn mit allerhand Atzung geködert und gekirrt, bis sich der äußerst vorsichtig Witternde allmählich an seinen Wohltäter gewöhnte und ihm endlich so anhänglich wurde, daß er dessen Flötenspiel, wenn er es hörte, Folge leistete und sich hier auf dem Kirrplatz ohne Scheu bei ihm einfand. Wilfred nannte ihn Füchslein, Reinecke oder auch Schlitzohr, weil er vor Jahr und Tag in des Fuchses rechtem Lauscher einen langen, nicht verheilten Schlitz entdeckt hatte, den der streitbare Held wahrscheinlich im Kampfe mit einem seinesgleichen um den Besitz einer schönen Füchsin davongetragen hatte.

Nun sprach er mit ihm ganz wie mit einem Freunde, wenn er auch keine Antwort von ihm erhielt. »Haben uns lange nicht gesehen, mein Füchslein,« begann er, »ich konnte nicht kommen, mußte immer schreiben, schreiben und schreiben. Du weißt nicht, was das ist, schreiben? ja, sei du froh, daß du nicht schreiben gelernt hast, mein munterer Waldgesell! Das ist eine grausame Erfindung, eine Qual für uns arme, sündhafte Menschen, mit der dein und mein Schöpfer euch unschuldige Tiere in Gnaden verschont hat. Was macht denn die holde Frau Fähe? und wieviel liebe Kinderchen habt ihr denn in eurem Bau? bringe sie doch einmal mit und führe sie mir vor, ob sie auch sauber gewaschen und artig erzogen sind. Aber halt! ich habe ja was für dich, hier!« Er griff in die Tasche und gab seinem rothaarigen Liebling zwei Eier, die er heut in aller Frühe aus demHühnerstall des Falkensteins gemaust hatte. Der Fuchs verzehrte sie mit Begier, während ihm Wilfred den glatten Sommerpelz kraute und sich seine dicke Lunte ein paarmal durch die Hand gleiten ließ.

Nach diesem erquicklichen Imbiß lag der Fuchs in Wilfreds Armen und schien sich da sehr wohl und gedocken zu fühlen. Manchmal reckte er den Kopf, windete und spitzte die Lauscher, wenn sich im Gebüsch oder in einem Baum etwas regte, das ihm vielleicht eine willkommene Beute verhieß. Dann duckte ihn Wilfred jedesmal schnell nieder und sagte: »Nichts da, Reinecke! Singvögelein sollst du nicht begehren, das habe ich dir doch schon oft genug strengstens verboten. Halte dich an Mäuse, Käfer, Schnecken und ähnliche schmackhafte Dinge, die für uns Ungeziefer, für euch aber Leibgerichte sind, verstehst du?« Der Fuchs lugte ihn an, leckte sich die Schnauze und machte ein Gesicht, als ob er lachen wollte. Da packte ihn Wilfred beim Fell, drückte seinen Kopf zärtlich an die eigene Wange, klopfte, hätschelte und hudelte ihn nach Herzenslust, und Meister Reinecke ließ sich das alles mit dem größten Behagen gefallen und hob manchmal spielerisch einen Vorderlauf, als wollte er dabei mittun und das Gekose des ihm so wohlgewogenen Menschen erwidern.

So hatten es die beiden schon unzählige Male hier getrieben, und wenn sie sich trennen mußten und Wilfred den Heimweg antrat, trabte der Fuchs eine Strecke lang hinter ihm her, blieb dann traurig stehen, äugte ihm nach und lauschte seinen Schritten, bis sie in der Ferne verhallten.

Auch heute war es für Wilfred Zeit zum Aufbruch, denn er hatte versprochen, zum Abendtisch in der Dirnitz zurück zu sein. »Ich muß fort, mein Schlitzohr,« sagteer, »gib mir's Pfötchen und gehab' dich wohl bis auf baldig Wiedersehen.« Dann setzte er den Fuchs sanft und zärtlich wie eine Mutter ihr Kind nieder, stand von seinem Wurzelthron auf und schied von dem Busenfreunde.

Stunden wie diese waren Wilfreds glücklichste. Auf der Burg hatte er keinen, der ihm so traute und dem er so trauen konnte wie diesem freien Sohn der Wildnis. Der schalt ihn nicht, demütigte und kränkte ihn nicht, sah ihn nicht scheel und mißgünstig oder über die Achsel an wie seine menschlichen Lebensgefährten, denen er nichts galt, die seine Fähigkeiten und sein Wissen nicht schätzten und das Gute, das neben manchem Verwahrlosten doch auch in ihm steckte, nicht anerkennen wollten. Kein Wunder, daß er sich vor ihnen verschloß, ihnen ihre Nichtachtung in gleicher Münze herausgab und sich für das, was er von ihnen zu leiden hatte, mit kleinen Bosheiten und hinterrücks gespielten Possen rächte. Dadurch kam in das Wesen des zu Leichtsinn und Übermut Veranlagten ein mißfälliger Zug. Hier aber bei seinem Fuchse war er ein Naturkind wie dieser, da fand er Zuflucht und Erholung wie anderswo nimmer.

In viel froherer Stimmung als vorher wanderte er jetzt in der Stille des Waldes dahin, durch dessen Gezweig schräge Sonnenstrahlen blitzten und um silbergraue Buchenstämme schlüpften. Das muffige Betragen der Müllerstochter schlug er sich aus dem Sinn und nahm sich vor, heut abend zu Melissa, der immer heiteren und einzigen ihm zugetanen, recht freundlich zu sein. Sie konnte nicht daran zweifeln, daß er zu Luitgard gegangen war, und damit hatte er ihr Kummer bereitet, für den er sie entschädigen wollte.

Als er dem Falkenstein schon so nahe war, daß man sein Blasen dort wohl hören könnte, setzte er die Waldflötean die Lippen und schickte der Getreuen einen schmetternden Gruß nach dem andern als seine Rückkehr ankündende Boten voraus. Aber nicht lange währte es, da sah er Melissa unter den Bäumen daherkommen. Sie war ihm, ihn um diese Zeit erwartend, auf dem Wege zu Tal ein Stückchen entgegengegangen, hatte aber dann, sein Blasen vernehmend, flugs die Richtung eingeschlagen, aus der die Klänge lockten, nun genau wissend, von wannen er kam. Sobald sie seiner ansichtig wurde, lief und sprang sie über Stock und Stein auf ihn zu, und er fing sie in seinen Armen auf. »Du warst bei deinem Füchslein,« jubelte sie, denn ihr allein war diese heimliche Waldfreundschaft bekannt, »ich dachte, du wärest …«

Sie konnte nicht ausreden, Wilfreds Kuß verschloß ihr den Mund.


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