Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Da Graf Hoyer bis zum Abend noch nicht auf den Falkenstein zurückgekehrt war, mußten Gerlinde und Eike wieder allein miteinander speisen, und Gerlinde freute sich darauf. Sie hoffte, daß sich Eike inzwischen besonnen haben und ihr nun wenigstens durch größere Traulichkeit und Innigkeit im Verhalten einen stummen Beweis seiner Liebe geben würde.

Als die Essenszeit schon erheblich überschritten war, sandte Gerlinde ihre Zofe zu Eike, ihn herbeizurufen. Melissa überbrachte ihr jedoch die Bestellung, Herr von Repgow ließe bitten, ihn bei Tische zu entschuldigen, er säße so tief in der Arbeit, daß er nicht abbrechen könnte und noch Stunden lang zu schreiben hätte. Frau Gräfin möchte die Güte haben, ihm einen kleinen Imbiß auf sein Zimmer zu schicken.

Gerlinde mußte sich beim Anhören dieser Meldung sehr zusammennehmen, um ihren Unmut darüber vor Melissa zu verbergen. Sie wandte sich ab und sprach: »So bring ihm, was er begehrt, und sag' ihm, ich wünschte ihm eine geruhsame Nacht.«

Nun war ihr die Freude verdorben. Enttäuscht und sorgenvoll spürte sie nach dem Grunde von Eikes nichtiger Ausrede, denn sie glaubte nicht an die Unaufschiebbarkeitseiner Arbeit, deren Vollendung doch wahrlich nicht an Tage gebunden war; er konnte ja morgen ausführen, was er heute nicht fertig schaffte. Nein, nein! er machte bitteren Ernst mit seiner Entsagung und wollte dem Alleinsein mit ihr aus dem Wege gehen. War das aber wirklich nur übertrieben gewissenhafte Entsagung? oder war es Mangel an Liebe? Gegen diese niederschmetternde Deutung seiner Weigerung, mit ihr zu essen, sträubte sie sich heftig, und es stieg ihr ein tröstlicher, beglückender Gedanke auf. Vielleicht geschah es gerade aus Liebe zu ihr, daß er es nach dem Vorgang am Heidenquell vermeiden wollte, ohne Zeugen mit ihr zu sein. Diese feinfühlige Rücksichtnahme auf sie und – einen anderen mußte sie anerkennen und ehren, wenn ihr auch etwas weniger Selbstbeherrschung seinerseits nicht unwillkommen gewesen wäre.

Als Melissa mit Eikes Dank zurückkehrte, berichtete sie, der Ritter säße gar nicht an seinem Schreibtische, sondern wandelte rastlos von einem Ende des Zimmers zum andern. Plötzlich wäre er vor ihr stehen geblieben, hätte sie nachdenklich angeschaut und eine Handbewegung nach dem aufgetragenen Abendbrot hin gemacht, als hätte er sagen wollen: Nimm's wieder mit! ich komme. Aber dann hätte er den Kopf geschüttelt und leise vor sich hinbrummend sein unstetes Umherrennen wieder aufgenommen.

Gerlinde lächelte beseligt, denn nun wußte sie, was es mit der angeblichen Arbeit auf sich hatte und daß Eike nur darum ihrer Einladung widerstand, weil er ebenso wie sie mit leidenschaftsvollen Empfindungen rang, denen er nicht ungezügelten Lauf lassen wollte.

Melissa dagegen dachte in ihres Herzens Einfalt: Jetzt haben sie sich zum ersten Male gezankt, und nun stolzierter in seinem Bücherkäfig wie ein knurrender Löwe umher, muckt mit seiner Löwin und will in seinem Ingrimm nicht einmal das Futter mit ihr teilen. Schadet nichts! so'n kleiner Liebesstreit hat auch sein Gutes, und je bissiger er war, je rührender und süßer ist danach die zärtliche Versöhnung. Wenn es sich der Herr Graf nur noch ein paar Tage bei der hochwürdigsten Äbtissin in Quedlinburg gefallen lassen wollte, damit sich die beiden hier ungestört einander widmen können. Ich werde wachen, daß er sie nicht einmal unvermutet überrascht; das wäre eine schöne Geschichte!

Während Melissa die Gräfin bei Tische versorgte und sah, wie trefflich es ihrer lieben Herrin mundete, folgerte sie: Na, den Appetit hat ihr des tapferen Ritters Halsstarrigkeit wenigstens nicht beeinträchtigt. Ob ihm der kalte Wildschweinsrücken auch so schmeckt?

Eine Stunde blieb Gerlinde nach dem Abendessen noch auf und grübelte fort und fort über Eikes Absage, die ihr nicht aus dem Sinn wollte. Dann begab sie sich, zeitiger als es ihre Gewohnheit war, in ihr fürstlich ausgestattetes Schlafgemach, das außer ihr und Melissa niemand betreten durfte, und ließ sich von der Jungfer entkleiden.

»Höre, wie der Wind braust!« sprach sie. »Ob ein Gewitter im Anzug ist? mir ist so schwer in den Gliedern.«

Und noch schwerer im Herzen, dachte Melissa. Zur Antwort gab sie: »Ich glaube nicht, Frau Gräfin, es ist nicht schwül draußen.«

»Doch, doch! mir klang es eben schon wie ferner Donner,« behauptete Gerlinde. »Da wird der Graf eine üble Nacht haben.«

»Wird der gnädige Herr morgen heimkehren?« fragte Melissa.

»Ich hoffe es, Melissa, aber ich weiß es nicht,« erwiderte die Gräfin.

Darauf schwieg die Neugierige, und nachdem sie ihren letzten Dienst getan und die Herrin zu Bett gebracht hatte, löschte sie das Licht und entschwand geräuschlos. Draußen sagte sie sich: »Ich hoffe es, – das soll so viel heißen wie: er wird doch nicht?!«

Auch Eike war, nachdem er den Imbiß kaum zur Hälfte verzehrt hatte, die Einsamkeit heute schier unerträglich, und doch war er zufrieden mit sich, daß er sich das Opfer auferlegt hatte und in seinem Entschlusse, das abendliche Zusammensein mit Gerlinde zu vermeiden, fest geblieben war. Die späte Stunde, die lautlose Stille in der Burg, das Halbdunkel in den lauschigen Winkeln des Saales mit den zum Kosen einladenden Sitzen, – in dem allen lauerten Gefahren, denen er sich und die Geliebte nicht aussetzen wollte.

Was nun anfangen mit der heißen Sehnsucht im Herzen? Natürlich arbeiten! Aber wenn er einmal sinnend und suchend aufschaute, die geschickteste Wendung zu finden für das, was er niederschreiben wollte, würde ihm Gerlindes verlockende Gestalt erscheinen, die da drüben so einsam saß wie er hier. Er bedurfte eines äußeren Zwanges, der ihm die Pfade seines Denkens gebieterisch vorzeichnete.

Da kam ihm ein aus der Verlegenheit helfender, guter Gedanke, – Wilfred mußte heran! Dem wollte er einen Teil von dem in die Feder diktieren, was er heute nachmittag nur flüchtig auf das Papier geworfen hatte. Dabei mußte er seine ganze Aufmerksamkeit auf den zu behandelnden Stoff lenken und durfte sich durch nichts beirren lassen.

Er wußte, daß Wilfred jetzt in der Dirnitz war und dort das versammelte Burggesinde mit seinen Schnurrenund Schwänken unterhielt. Seiner habhaft werden konnte er aber nur, wenn er ihn sich selber herausholte, denn einen Boten hatte er nicht zu versenden. Ohne Säumen machte er sich auf, doch ein glücklicher Zufall führte ihm schon auf der Treppe den Knecht in den Weg, der sein hier im Geschirrbau eingestelltes Pferd wartete und es auch, weil Eike dazu keine Zeit hatte, täglich bewegte, damit es vom Stehen nicht steif und vom gräflichen Hafer nicht zu fett wurde.

»Sibold,« sprach er ihn an, »geh in die Dirnitz und schicke mir den Wilfred, ich hätte eilige Arbeit für ihn, er sollte gleich kommen.«

»Den Fred meint Ihr?« fragte der Knecht. »Ja, Herr, der wird da schwer loszukriegen sein, aber ich schaffe ihn Euch, und wenn ich ihn an Händen und Füßen gebunden bringen müßte.«

»Dann schnür' ihm die Hände nicht zu fest,« erwiderte lachend Eike, »denn er soll noch schreiben bei mir, viel schreiben.«

Darauf machten sie beide Kehrt auf der Treppe. Eike stieg wieder zu seinem Zimmer empor, und der Knecht trollte sich nach der Dirnitz.

Als Sibold hier dem Lustigsten im ganzen Kreise, der sich einer so haarsträubenden Zumutung, jetzt, bei nachtschlafender Zeit noch schreiben zu sollen, nicht im entferntesten gewärtigte, den Befehl des Ritters vor aller Ohren laut verkündete, saß Wilfred vor Schreck starr und versteinert da, während sämtliche Anwesenden in ein schallendes Gelächter ausbrachen und den giftig Dreinschauenden mit dem foppenden Singsang anjohlten: »Schreib, Schreiberlein, schreib! schreiben ist Zeitvertreib.« Nur Melissa beteiligte sich nicht an dem Spotte, sondern schenkte ihrem Günstling einen mitleidvollen Blick.

Ingrimmig erhob sich der Gehänselte und stapfte zu der Folterkammer hinauf, wie er Eikes Arbeitszimmer nannte, wenn er darin sitzen und schreiben mußte.

Diesmal mußte er bis tief in die Nacht hinein aushalten, ehe der erbarmungslose Gesetzgeber beim Schluß eines größeren Abschnittes mit dem Diktieren endlich Schicht machte und seinen erbosten Gehilfen entließ, der oben in seinem Turmlosier stöhnte: »O Jammer und Elend! was wird mein liebes Füchslein sagen, wenn ich ihm diese Niederträchtigkeit erzähle!«

Eike ging dann auch zur Ruhe und dachte, sich abgespannt die Stirne streichend: Der Abend wäre also überstanden; hättest ihn angenehmer verleben können.

Eike diktierte dem noch nicht recht ausgeschlafenen Wilfred die andere Hälfte.

Eike diktierte dem noch nicht recht ausgeschlafenen Wilfred die andere Hälfte.

Am Morgen wurde die Schreibarbeit beizeiten wieder aufgenommen. Eike diktierte dem noch nicht recht ausgeschlafenen Wilfred die andere Hälfte des nur in vorläufigen Aufzeichnungen Niedergelegten, und das währte bis gegen Mittag, wo der schmetternde Hornruf des Türmers die Ankunft des Burgherrn meldete. Eike, um ihn zu empfangen, eilte aus dem Gemach, womit sich auch Wilfred als beurlaubt betrachtete, demgemäß er schleunig entwischte.

Mit beklommener Brust schritt Eike die Treppe hinunter, da er jetzt dem gegenüber treten sollte, mit dessen Gattin er das verhängnisvolle Erlebnis am Heidenquell gehabt hatte. Denn obschon dies nicht von ihm herbeigeführt war, fühlte er sich mit seiner verbotenen Liebe doch nicht frei von Schuld.

Graf Hoyer rief ihm schon vom Sattel aus zu: »Horrido, Eike! da bin ich wieder.«

Dann stieg er vom Pferde, und sie schüttelten sich die Hände. »Die Sache hat länger gedauert als ich dachte, habe einen harten Strauß mit durchfechten müssen,« begannder Graf und fügte gleich die Frage hinzu: »Was hast du denn neulich auf der Pirsch geschossen?«

»Ich war nicht auf der Pirsch,« erwiderte Eike.

»Nicht? aber du hattest doch, als ich mich hier von dir verabschiedete, die Armbrust auf dem Rücken, wie mir däuchte.«

»Nein, Herr Graf! da habt Ihr Euch getäuscht; ich wollte nur Luft schöpfen.«

»Aha! Luft schöpfen, na ja! hast's auch nötig, siehst blaß genug aus von dem ewigen Stubenhocken und Gesetzemachen,« schalt der Graf freundschaftlich. »Wann wirst du denn dein Weidmannsheil endlich hier versuchen? Die Jagdhütte da oben ist längst fertig und harrt immer noch ihres ersten nächtlichen Einliegers. Du solltest sie einweihen, dann würde ich sie auf deinen Namen taufen. Eike von Repgow-Hütte, klingt das nicht hübsch?«

»Wenigstens mir sehr schmeichelhaft, Herr Graf,« versetzte Eike. »Aber es wäre eine unverdiente Ehre, denn ich habe keine Zeit zum Pirschen.«

»Keine Zeit! nächstens werde ich dem Herrn Rechtsgelehrten einmal eine Vorlesung über das Gastrecht halten, ich meine, über die Rechte, die dir als Gast hier zustehen, auch auf der Wildbahn, Eike! denn Pflichten hast du auf dem Falkenstein nicht, wie du weißt.«

Unter diesem Gespräch, zu dem das bei weitem meiste der Graf beigetragen hatte, waren sie die Treppe hinaufgekommen und trennten sich oben, der Graf mit den Worten: »Ich will erst meine Frau begrüßen und mir's dann ein wenig bequem machen; bei Tische werde ich euch berichten, was ich in Quedlinburg zu schaffen hatte.«

In seinem Zimmer sagte sich Eike: »Über das Gastrecht will er mich belehren, und ich hätte hier keine Pflichten.Hab' ich nicht schon beides verletzt, als ich Gerlinde in meinen Armen hielt? Ich konnte ihm nichts darauf antworten, und wie wirdsiedamit fertig werden ihm gegenüber?«

Das Mahl ließ sich indessen ganz behaglich an. Graf Hoyer war in der besten Laune und die Gräfin so heiter und gesprächig, als laste nicht der geringste Druck auf ihr. Da fand auch Eike schnell den rechten Ton in der Unterhaltung, und die drei tafelten wieder so traulich miteinander wie vorher, ehe der Graf ausgeritten war. Die gefürchtete Frage: was habt ihr beiden denn während meiner Abwesenheit hier angefangen? stellte er glücklicherweise nicht, sondern gab ihnen nun über seinen Aufenthalt in Quedlinburg eingehende Auskunft, die er durch eingeschaltete Bemerkungen noch des näheren erläuterte und vervollständigte.

Es handelte sich dort um den alten Streit über die Palmsonntagfeier, den die jetzt regierende Äbtissin Osterlindis von ihren Vorgängerinnen Bertradis und Kunigunde geerbt hatte. Seit einer langen Reihe von Jahren war es Brauch, daß der Bischof von Halberstadt mit dem gesamten Domkapitel und einer erklecklichen Zahl noch anderer Prälaten und Kleriker am Palmsonntag nach Quedlinburg kam und von der Äbtissin in ihrem Schlosse festlich bewirtet wurde. Für die Einwohner der Stadt war das ein sehr anziehendes Schauspiel, und es gab stets einen großen Andrang neugierigen Volkes, das den Einzug der kirchlichen Würdenträger in ihren reichgeschmückten Pontifikalgewändern sehen und womöglich auch dem prunkhaften Gottesdienst in der herrlichen Basilika der ehemaligen Kaiserpfalz beiwohnen wollte.

Diese Bewirtungen hatten jedoch einen immer ausgedehnteren Umfang angenommen. Der Bischof rücktemit einem Gefolge von mehr als hundert Pferden an, und die geistlichen Herren, die nach überstandener Fastenzeit einen sehr regen Appetit auf ein auserlesenes Gastmahl mitbrachten, schmausten und schwelgten in einer Weise, die dem Stifte fast unerschwingliche Kosten verursachte. Das noch ferner geduldig über sich ergehen zu lassen hatten sich schon frühere Äbtissinnen geweigert und sich wegen dieses unablösbaren Servituts, wofür es die Bischöfe erklärten, mit Beschwerden an den Papst gewandt, durch die aber keine Abstellung des Unfugs erreicht wurde. Nun hatte auch Äbtissin Osterlindis den Papst um einen Machtspruch gebeten, und Gregor IX. hatte den Abt von Walkenried zum bevollmächtigten Schiedsrichter ernannt, während der Bischof von Halberstadt, Graf Friedrich von Kirchberg, den Domherrn Konrad von Alvensleben als seinen Vertreter abgeordnet und die Äbtissin den Schirmvogt des Stiftes, Grafen Hoyer von Falkenstein, zu ihrem Beistande angerufen hatte. Diese drei Herren sollten den Hader schlichten.

Nun entspannen sich in Gegenwart der Äbtissin hartnäckige Auseinandersetzungen zwischen dem Domherrn und dem Grafen, bis keiner von beiden noch etwas Neues vorzubringen wußte. Der Abt von Walkenried, ein würdiger und kluger Prälat, der den Frieden liebte und das Ungebührliche der bischöflichen Ansprüche wohl einsehen mochte, hatte die Verfechter der widerstrebenden Meinungen ruhig ausreden lassen und dann den Streit dahin entschieden, daß die Bewirtung des Bischofs nebst Gefolge nicht mehr stattfinden und die Äbtissin als Entschädigung dafür eine nur mäßige jährliche Abgabe an das Domkapitel leisten sollte. Die Domina war über den endgültigen Austrag des Zwistes zu ihren Gunsten hoch erfreut und ihrem Vetter Hoyer für die tapfereund wirksame Geltendmachung ihres Standpunktes sehr dankbar.

Nach dem ausführlichen Berichte des Grafen verharrten Eike und Gerlinde in Schweigen, so daß er fragte: »Nun? was sagt ihr denn dazu?«

»Daß der Abt von Walkenried ein weises und gerechtes Urteil gefällt hat,« sprach Eike.

»Natürlich!semper contra clerumist Euer Grundsatz,« fuhr die Gräfin mit einem vorwurfsvollen Blick auf, und sich zu ihrem Gemahl wendend fügte sie hinzu: »Du wirst dir mit deiner heftigen Parteinahme für die Äbtissin den Bischof zum unversöhnlichen Feinde gemacht haben, der sich dafür an dir rächen wird.«

»Mag er's versuchen!« erwiderte der Graf, »ich fürchte seine Rache nicht. Wir Harzgrafen stehen alle für einen und einer für alle gegen den übermütigen Träger der Inful. Übrigens habe ich auch Freunde im Domkapitel, zum Beispiel Konrad von Alvensleben, so scharf ich auch mit ihm gestritten habe. Bei dem fröhlichen Mahle, daß die Äbtissin in ihrer Freude uns dreien zu Ehren herrichten ließ, haben wir, Alvensleben und ich, uns ganz vortrefflich miteinander vertragen, und diese liebenswürdige Veranstaltung hat mich in Quedlinburg noch zurückgehalten, sonst wäre ich gestern schon heimgekehrt.«

»Wir haben dich allerdings bestimmt erwartet,« sagte die Gräfin.

»Das glaube ich gern,« lachte der Graf. »Zur Besänftigung deines Zornes über mein Ausbleiben hat mir Osterlindis ein Geschenk für dich mitgegeben. Hier, diese zierliche Halskette mit der goldnen Kapsel daran, die eine Reliquie, einen Backenzahn des heiligen Eleutherius, enthält. Hast du von diesem Heiligen schon einmal gehört?«

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

»Der Name ist ein griechische Wort, das so viel wie freisinnig bedeutet,« mischte sich Eike mit einem anzüglichen Lächeln ein.

»Dieser heilige Backenzahn besitzt nämlich Zauberkraft,« fuhr der Graf fort. »Man soll ihn um den Hals tragen, wenn man vor einer besonders schwierigen Entscheidung steht und einen harten Entschluß fassen muß; es ist also, mit Verlaub zu sagen, ein Nußknackerzauber.«

»Abscheulich!« rief die Gräfin entrüstet und zugleich verlegen, wagte aber nicht, Eike dabei anzusehen, weil sie sich von der unbewußten und ungewollten Anspielung auf die schwere Entschließung, die ihr ja in ihrem Verhältnis zu Eike früher oder später bevorstand, getroffen fühlte.

Das Mittagsmahl endete jedoch in so guter Eintracht der drei, wie es begonnen hatte. Nur in Gerlinde blieb eine kleine Verstimmung darüber zurück, daß ein hoher Würdenträger der Kirche, ein Bischof, in dem Streit um eine ihres Erachtens unzweifelhaft aufrecht zu haltende Observanz den kürzeren gezogen hatte.


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