Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Die liebe Nachmittagssonne bestrahlte Giebel, Dächer und Zinnen des Falkensteins mit einem behäbigen Lächeln und schien alles, was da fleucht und kreucht, in den Schlaf gezwinkert zu haben, denn nichts regte sich innerhalb der Umwallung, kein Ton, kein Tritt klang durch die friedliche Stille. An den Wänden gähnte eine wahrhaft feiertägliche Langeweile, und war doch gar kein Feiertag heute, nicht einmal der Namenstag des kleinsten Kalenderheiligen, mit dem man es aus irgend einem Grunde doch auch nicht gern verderben will.

Diese beschauliche Ruhe verwandelte sich indessen schnell in das Gegenteil, als vom Turm ein dröhnender Hornruf erscholl, der in eine lockende Jagdweise überging. Da ward es lebendig in der Burg. Von allen Seiten, über alle Treppen und aus allen Türen kamen die Insassen zusammengelaufen, als wäre Feuerlärm geblasen worden. Aber alle zeigten fröhliche Gesichter, denn sie wußten, was das zu bedeuten hatte. Der Ritter Eike von Repgow mußte im Anzuge sein, und nun standen sie in dichten Haufen auf dem Burghof, ihn zu erwarten.

Auch Graf Hoyer war herbeigeeilt, ihn an der Spitze seines vollzählig versammelten Gesindes zu begrüßen.Nach seiner Gemahlin spähte er jedoch vergebens aus. »Wo ist die Gräfin?« fragte er verwundert.

Melissa gab Antwort: »Die Frau Gräfin hat vor kaum einer Stunde das Schloß verlassen, wohl zu einer Wanderung in den Wald.«

»Was hat sie denn jetzt allein im Walde zu suchen? das ist doch sonst nicht ihre Gewohnheit,« sprach der Graf, ungehalten, daß sie bei der Wiederkehr des Freundes nicht zur Stelle war.

Da kam Eike schon mit dem Wildmeister durch das innere Tor eingeritten, und auf seinen Zügen glänzte die Freude, sich so allgemein bewillkommnet zu sehen. Er sprang vom Pferde und schritt auf den Grafen zu, der ihn in seine Arme schloß und frohgemut ausrief: »Eike! haben wir dich endlich wieder? Den Wild- und Waffenmeister mußte ich dir also erst auf den Hals schicken, um dich in Haft und Gewahrsam nehmen zu lassen, du trotzköpfiger Ausreißer! Komm hinauf! oben sollst du mir beichten, warum du so lange ausgeblieben bist, kannst mir dabei den größten Bären aufbinden, der im Harzwald herumzottelt, ich will alles auf Treu und Glauben hinnehmen, was menschenmöglich ist.«

Ehe die Herren in das Schloß eintraten, wandte sich Eike zu den Umstehenden und nickte und winkte ihnen seinen Dank zu für den freundlichen Empfang. Dem Schreiber reichte er die Hand und sagte: »Ich bringe viel Arbeit mit, Wilfred!«

Melissa schabte dem verblüfft Dreinschauenden lachend mit den Zeigefingern Rübchen in ihrem Triumph, recht behalten und ihre Wette gewonnen zu haben.

Graf Hoyer geleitete seinen lieben, wieder eingebrachten Gefangenen in dessen früheres Losier und blieb dort bei ihm.

»Nun sag's kurz, Eike! was hast du zu deiner Entschuldigung anzuführen?« begann er.

»Nichts, Herr Graf!« gestand Eike verlegen und kleinlaut.

»Du hast dich in die zu Hause noch vorgefundenen Papiere wie ein Dachs eingegraben und dich dann aus deinem vollgestopften Bau nicht wieder herauswühlen können, nicht wahr?«

»Ja, so ist es.«

»Na, mach' nur nicht so ein jämmerliche Armsündergesicht, als hättest du Wunder was verbrochen!« beruhigte ihn der Graf in seiner heiter biderben Weise, »nun du wieder hier bist, soll dir alles verziehen sein. Wir haben dich, wie ich dir schrieb, hier schwer vermißt, auch meine Frau; ich hab's ihr angemerkt, wie sie sich um dich härmte, wäre fast eifersüchtig auf dich geworden,« fügte er launig hinzu. »Sie ist in den Wald gegangen, konnte ja Tag und Stunde deiner Ankunft so wenig wissen wie ich. Gesteh mal aufrichtig: wärest du auch ohne den Wildmeister und meinen Brief gekommen?« Eike zuckte die Achseln; ihm war schwül zumute. »Vielleicht nicht so schnell,« erwiderte er ausweichend. »Aber Eure dringende Aufforderung zur Rückkehr war mir eine große Freude, und ich danke Euch von Herzen dafür, Graf Hoyer!«

»Also ein kluger Gedanke von mir,« belobte sich der Graf. »Hat dir Scharruhn denn nun seine Wünsche in bezug auf den Wildbann vorgetragen, von denen er an dem Abend in der Dirnitz sprach?«

»Jawohl, es betraf einige Fragen des Jagdrechts,« versetzte Eike. »Er verlangte für die Bannforsten des Harzes größeren Schutz gegen jeden, der sie betritt. Die Armbrust müßte abgespannt, der Köcher geschlossen, die Bracken angekoppelt und allen Tieren dort Friede gewirktsein außer Bären, Wölfen und Füchsen. Ferner forderte er höhere Bußen für getötete singende und krimmende Vögel, womit er die Beizfalken meinte. Die Weiber dürften nur soviel Reisig auflesen wie die Krähe vom Baume tritt, und wenn einem Bauer etwas an seinem Wagen zerbricht, dürfte er sich soviel Holz aus dem Walde hauen wie zur Ausbesserung des Schadens nötig ist, mehr nicht. In alledem konnte ich ihm beipflichten und werde das in den Artikeln des Jagd- und Forstrechts berücksichtigen. Dagegen verweigerte ich ihm die Aufhebung des Verbotes, die Saaten auf dem Felde durch Jagen und Hetzen niederzutreten, sobald das Korn schon Knoten und Gelenke an den Halmen angesetzt hat. Sich empfindlichen Jagd- und Wildschaden gefallen zu lassen ist den Bauern nicht zuzumuten. Aber da predigte ich tauben Weidmannsohren. Er vergalt mir meine vergebliche Belehrung mit der Erzählung einiger köstlichen Jagdgeschichten, die meine Gläubigkeit mehrmals auf eine harte Probe stellten. Ich hinwiederum mußte ihm bei Sankt Huberten mein Wort darauf geben, jetzt mit ihm oder ohne ihn zuweilen auf die Pirsch zu gehen. Das will ich auch tun, habe eure frische, kräftige Harzluft blutnötig nach dem langen Stubensitzen.«

»Man sieht dir's an, also Weidmanns Heil!« sprach der Graf und erhob sich. »Jetzt wirst du deine Schriften auspacken und ordnen wollen, und dabei will ich dich nicht stören.«

»Ich möchte lieber den Spuren der Frau Gräfin folgen,« erwiderte Eike. »Vielleicht begegne ich ihr im Forste.«

»Tu das, Eike!« sagte der Graf. »Wird die eine Freude haben, wenn du unverhofft und plötzlich wie ein Waldschrat vor ihr auftauchst! Das möcht' ich mit ansehen,aber ich kann nicht mit. Auf Wiedersehen bei Tisch!« Damit ließ er den Freund allein. –

Nun war Eike doch wieder da, wohin niemals zurückzukehren er sich fest vorgenommen hatte, und es war ihm lieb, daß er wieder hier war. Auch ihm hatte in seiner stillen Behausung zu Reppechowe vieles von dem gefehlt, was ihm auf dem Falkenstein zur freundlichen Gepflogenheit geworden war. Besonders trug er an der Trennung von Gerlinde, je länger sie währte, je schwerer, und er hatte sich nach der angebeteten Frau gesehnt. Jetzt, vor dem Wiederbeisammensein mit ihr konnte er sich des ernsten Bedenkens nicht entschlagen, ob sie die dazu nötige Selbstbeherrschung ihm gegenüber betätigen würde. Die nächste Stunde mußte ihn darüber aufklären.

Er hatte in Reppechowe fleißig an seinem Buche geschaffen und brachte ein zwei Finger dickes Heft von dort geleisteter Arbeit mit, aber nichts von neuen Aufzeichnungen, sondern nur die alten, von hier entführten und sein ganzes, bis zum jetzigen Stande der Entwickelung gediehenes Manuskript nebst Wilfreds Abschriften.

Mit dem Auspacken und Ordnen seiner Papiere hatte es keine Eile; jetzt lag ihm wichtigeres am Herzen, das Wiedersehen mit Gerlinde.

Aber wo sie finden im weiten Walde? Er mußte es aufs Geratewohl versuchen und schritt ohne Säumen fürbaß.

Als er schon etwas entfernt von der Burg unter den hohen Eichen und Buchen war, erinnerte er sich, von ihr einmal gehört zu haben, daß sie auf ihren einsamen Streifereien die urwüchsige Wildnis in der Gegend des Heidenquells allen anderen Gebieten der Umgebung vorziehe.Einen Pfad dahin gab es nicht, aber die Richtung wußte er, und die schlug er nun in herzklopfender Spannung ein.

Oftmals blieb er bei seinem Vordringen stehen, lugte und lauschte nach rechts und links, damit Gerlinde nicht etwa seitwärts unbemerkt von ihm vorüberwandelte. Sollte er mit weithin schallender Stimme ihren Namen rufen? Das könnte sie, wenn sie den Ruf vernähme, befürchten lassen, daß auf der Burg ein Unglück geschehen wäre, dessentwegen man Boten nach ihr ausgesandt hätte. Deshalb unterließ er es.

Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich belaubten Busch, um Gerlinde beobachten zu können.

Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich belaubten Busch, um Gerlinde beobachten zu können.

Endlich sah er in einiger Entfernung etwas Helles durch die Bäume und Sträucher schimmern, was sich bewegte und sich näherte. Das mußte sie sein. Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich belaubten Busch, um sie beobachten zu können, ehe sie ihn entdeckte.

Es war Gerlinde. Mit einem kleinen Bündel kam sie gesenkten Hauptes langsam daher.

Als sie heran war, trat er vor, streckte ihr beide Hände entgegen und sagte ruhig: »Gerlinde!«

Erschrocken blickte sie auf und stand wie angedonnert, zitternd und sprachlos da. Dann ließ sie das Tuch, in dem die eingesammelten Pflanzen steckten, zur Erde gleiten und legte in Eikes Hände die ihrigen, die er fest umschloß und an seine Lippen drückte.

In dem nämlichen ruhigen Tone fuhr er fort: »Da bin ich wieder, Gerlinde. Ich bin Euch nachgegangen, weil ich Euch auf diesem Wege zu finden hoffte.«

Während ihre Hände noch in den seinen lagen, atmete sie hoch auf, und ihn wie eine überirdische Erscheinung betrachtend, stammelte sie: »Sagt mir, – ist dies kein Traum? seid Ihr es wirklich, Eike von Repgow?«

»Wirklich und leibhaftig, Gerlinde!« lächelte er. »Ich bin zurückgekehrt, um mein Buch hier zu vollenden. Ist Euch das recht?«

»Ach! – was fragt Ihr? seid mir willkommen viel tausendmal!« klang es ihm jubelnd entgegen.

Da küßte er noch einmal ihre Hände und sprach: »Ich danke Euch, Gerlinde! Kommt schnell zur Burg; der Graf erwartet uns, denn ich habe ihm gesagt, daß ich Euch im Walde suchen wollte.«

Er hob das Bündel vom Boden auf, um es ihr zu tragen. Dabei löste sich der zu leicht geschlungene Knoten, und die Tollkirschen fielen heraus.

Sofort erkannte Eike das todbringende Gift; ein fürchterlicher Verdacht packte ihn und wurde ihm zur Gewißheit, als er Gerlindes angststarrende Augen und ihre zuckenden Lippen sah.

Nun weiß er alles! war nach fassungsloser Verwirrung ihr erster greifbarer Gedanke, und eine Blutwelle schoß ihr bis zur Stirn hinauf.

Mit geschwinder Geistesgegenwart bezwang Eike seine gewaltige Erschütterung, und mit gemacht gleichmütigem Tone sprach er: »Ich möchte Euch warnen, Gerlinde, diese Pflanzen wie einen Blumenstrauß in Euer Zimmer zu stellen. Sie nehmen sich zwar äußerlich recht hübsch aus, verbreiten aber eine Ausdünstung um sich her, die heftiges Kopfweh erzeugt. Ihr erlaubt wohl, daß ich das Euch sicher nicht bekannte Unkraut beseitige.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schleuderte er die Tollkirschen mit dem Fuß ins Gebüsch und warf das Tuch hinterdrein.

Gerlinde sagte kein Wort, und eine Zeitlang gingen sie stumm nebeneinander dahin, denn keiner mochte dem andern offenbaren, was seine ganze Seele erfüllte. Eikehatte soeben mit Entsetzen erfahren, zu welchem verzweifelten Schritt Gerlinde in ihrem Liebesleid fähig war. Den Tod hatte sie sich seinetwegen geben wollen. Morgen wäre er zu spät gekommen und hätte sie nicht mehr lebend angetroffen. Sie hatte sich also die Ruhe völliger Entsagung noch nicht erkämpft. Würde ihr das bei seiner Anwesenheit und unter seinem Einfluß vielleicht besser gelingen? Er hoffte es und beschloß, ihr mit kühler Besonnenheit dabei behilflich zu sein. Denn er sah ein, daß er es, ohne ihr Leben aufs Spiel zu setzen, nicht wagen durfte, wieder von ihr zu scheiden, ehe nicht die Vollendung seines Werkes die wohlbegründete Veranlassung dazu gab.

Um das beklemmende Schweigen nicht noch länger andauern zu lassen, fing er an: »Ich bin im Burghof vom Grafen und von allen seinen Leuten sehr herzlich empfangen worden.«

»Hättet Ihr uns Eure Rückkehr vorher angemeldet, hätte ich bei Eurer Begrüßung wahrlich nicht gefehlt,« bedeutete ihn Gerlinde.

»Wie konnte ich denn? der Wildmeister hat mich doch wie ein Häscher überfallen und geholt,« entgegnete er lustig.

»Der Wildmeister hat Euch geholt?« fragte sie höchst erstaunt.

»Freilich! der Wildmeister mit dem Briefe des Grafen.«

»Der Graf hat Euch geschrieben?«

»Jawohl! wißt Ihr das nicht?«

»Nein!«

O weh! da hatte er etwas ausgeplaudert, was er nicht hätte verraten sollen; aber wie konnte er das ahnen!

Nicht freiwillig, nicht von seinem Herzen getrieben ist er zurückgekommen, sondern dazu überredet und gezwungen, dachte Gerlinde enttäuscht.

Ihre Niedergeschlagenheit bemerkend und verstehend suchte er seine Übereilung gutzumachen, indem er nicht sehr geschickt einlenkte: »Ich hätte den Abschnitt, den ich just unter der Feder hatte, gern erst noch fertig geschafft, was nur einen kurzen Aufschub erfordert hätte, aber der Wildmeister drängte so entschieden zur Eile, daß ich mitten im Kapitel abbrechen und alles zusammenpacken mußte, um gleich mit ihm zurückzureiten.«

Gerlinde war sich nun vollständig klar darüber, daß es Eike mit seiner gänzlichen Trennung von ihr auf Nimmerwiederkehr bitterer Ernst gewesen war, den er, wenn sie fortan nicht die größte Zurückhaltung bewahrte, noch einmal und dann unwiderruflich gegen sie anwenden würde. Sie war auch überzeugt, daß Eike nicht allein wußte, zu welchem Zwecke sie die Tollkirschen gesammelt hatte, sondern auch, daß sie sein heutiges Eintreffen auf dem Falkenstein einzig der Aufforderung des Grafen zuschrieb und an seine geplante Rückkehr ohne diese Aufforderung nicht glaubte.

So wußte jeder um das Geheimnis des anderen, aber beide schwiegen im Weiterwandern, denn die Gedanken hielten die Zungen gebunden.

Allmählich gelang es ihnen jedoch, den Bann von sich abzuschütteln und ein harmloses Gespräch mit einander zu führen, so daß sie in der Burg mit fast fröhlichen Gesichtern erschienen. –

Am Abendtische saßen die drei in alter Traulichkeit einmütig beisammen, und es war ihnen, als wäre Eike gar nicht von hier fort gewesen. Er mußte von dem Aufenthalt in seiner Heimat und besonders von derFörderung seiner Arbeit erzählen. Graf Hoyer war wieder mit allem Eifer bei der Sache und ebenso Gräfin Gerlinde, die mit den Männern stritt, scherzte und lachte. Hatte sie doch Eike wieder sich gegenüber, fing ihm die Worte vom Munde und las ihm aus den Augen, daß er sie doch noch liebte. Da versanken ihr die Erinnerungen an die qualvollen letzten Tage wie ein nächtlicher Spuk in das Nichts der Vergessenheit.

Im Lauf des Mahles beim herzerfreuenden Wein sagte Eike nach einer kleinen Stille: »Auf meinem Ritt nach Reppechowe habe ich eine ganz besondere Genugtuung gehabt.«

Graf und Gräfin blickten ihn erwartungsvoll an.

»Wieder einen geflügelten Gruß von Eurem erhabenen Beschützer Kaiser Friedrich?« fragte Gerlinde schalkhaft.

»Nein, so hoch hinaus nicht, aber etwas Ähnliches. Bald nachdem Ihr, Herr Graf, von mir abgeschwenkt waret, traf ich mit den Grafen Johann von Blankenburg und Günter von Regenstein zusammen. Sie kamen selbander von einem Gastmahl beim Fürsten Heinrich von Anhalt und hatten dort von meinem Gesetzbuch gehört. Der Fürst, bei dem ich, wie Ihr wißt, eine Zeitlang als Knappe in Kriegsdiensten stand und der mich zum Ritter geschlagen, hatte sich vor allen seinen Gästen über mich und mein Bestreben, Rechtseinheit zu schaffen, das ganz und gar in seinem Sinne wäre, außerordentlich günstig geäußert und mir den besten Erfolg gewünscht, zu dem er alles, was er könnte, gern beitragen wollte. Graf Burkhard von Mansfeld hatte ihn auf einem Jagdausfluge eingeweiht und ihm eine warme Teilnahme an meinem Unternehmen eingeflößt.«

»Der wackere Mensch! aber das war von ihm zu erwarten,« warf Graf Hoyer dazwischen.

»Ich konnte mit den beiden Grafen eine gute Strecke Weges reiten, und da nahm ich die Gelegenheit wahr, mit den Herren mancherlei Gerechtsame ausführlich zu besprechen.«

»Sehr gut, ausgezeichnet, Eike!« rief Graf Hoyer. »Der Blankenburger und der Regensteiner und die übrigen, die mit bei dem Gastmahl gewesen sind, werden das dort Vernommene nun noch weiter herumbringen, und du wirst dir, ehe du deine Schrift fertig hast, schon eine Menge Anhänger und Freunde im Lande erobert haben.«

»Jaja, aber an Gegnern wird es mir auch nicht fehlen,« wandte Eike ein. »Neben dem Grafen von Regenstein hatte ein ritterlicher Lehnsmann des Fürsten aus dem Hasgau gesessen, und der war anderer Meinung gewesen. Er hatte aus dem Munde – nun, wessen wohl?«

»Dowalds von Ascharien?«

»Dowalds von Ascharien scharf absprechende Urteile gehört und sie dem Grafen Günter hinterbracht, ohne indessen bei diesem ein geneigtes Ohr zu finden.«

»Der alte Esel, der Ascharier, der es uns nie verzeihen wird, daß wir ihm damals so schnell heimgeleuchtet haben, wird mit seinen hirnverbrannten, nur von schnödem Eigennutz eingegebenen Anschauungen von Gerechtigkeit und Billigkeit nirgend Gehör finden,« brauste Graf Hoyer auf.

»Er soll mir nur noch einmal auf den Falkenstein kommen! da werde ich einen rascheren Kehraus mit ihm machen als ihr es getan habt,« drohte Gräfin Gerlinde in flammender Entrüstung.

»Allen Dank für Euer huldvolles Fürnehmen, Frau Gräfin!« lachte Eike. »Aber der gekränkte Ehrenmann wird auf seinen rastlosen Stegreiffahrten solche hämischenAnzettelungen überall unter denen ausstreuen, die einen Strang mit ihm ziehen, wird sie gegen mich aufhetzen und mir Feinde werben.«

»Die schlagen wir aus dem Felde,« tröstete ihn der Graf. »Es ist von großem Werte, daß meine lieben Waffenbrüder, die Harzgrafen, jetzt schon Kenntnis von deinen Bestrebungen erhalten. Von ihnen und ihrer Gefolgschaft verbreitet wird die Kunde vom Aufkommen einer neuen Rechtsordnung immer weitere Kreise ziehen und allerwegen freudig begrüßt werden, denn das Verlangen danach ist im ganzen Volke vorhanden. Heilo, Eike! stoß' an, – unser Sachsenrecht!«

Drei Becher klangen aneinander, und sechs Augen blitzten sich an in hochfliegender Hoffnung. –

Als Gerlinde zu später Nachtstunde ihre Gemächer betrat, nickte sie mit einem glücklichen Lächeln ihrer Harfe zu und flüsterte: »Du! wir bleiben noch zusammen, und morgen singen wir wieder.«


Back to IndexNext