Chapter 7

Dô der strît niht anderskunde sîn erhaben(Kriemhilde leit daz altein ir herzen was begraben),dô hiez si tragen ze tischeden Etzelen sun.wie kunde ein wîp durch râcheimmer vreislîcher tuon?

Dô der strît niht anderskunde sîn erhaben(Kriemhilde leit daz altein ir herzen was begraben),dô hiez si tragen ze tischeden Etzelen sun.wie kunde ein wîp durch râcheimmer vreislîcher tuon?

Dô der strît niht anderskunde sîn erhaben(Kriemhilde leit daz altein ir herzen was begraben),dô hiez si tragen ze tischeden Etzelen sun.wie kunde ein wîp durch râcheimmer vreislîcher tuon?

Dô der strît niht anderskunde sîn erhaben

(Kriemhilde leit daz altein ir herzen was begraben),

dô hiez si tragen ze tischeden Etzelen sun.

wie kunde ein wîp durch râcheimmer vreislîcher tuon?

Also: da es auf keine andere Weise möglich ist, den Streit ins Werk zu setzen, so beabsichtigt Kriemhilt ihren und Etzels Sohn der Rache zu opfern. Die Strophe setzt voraus, daß Kriemhilt mit dem Versuche, einige Helden für sich zu gewinnen, nichts erzielt hat; im vorausgehenden ist das gerade Gegenteil berichtet (der TextChat deshalb auch geändert). Die Erzählung vom Opfer des Kindes wird durch die Thidrikssaga und einen vereinzelten deutschen Bericht des 15. Jahrhunderts[27]bestätigt, auch durch die nordische Darstellung (in der ja Gudrun ihre Söhne schlachtet) unterstützt; auch in unserm Liede war sie offenbar ursprünglich, ist aber durch mehrfache Bearbeitung gemildert worden.

Bei Tisch erscheint nun der junge Ortlieb und wird den Verwandten vorgestellt. Etzel gedenkt der Verwandtschaft mit außerordentlich freundlichen Worten: er hofft, daß sein Sohn das werden soll, was die Oheime sind; allein Hagen meint, der junge Königssohn sähe aus, als ob er nicht lange leben würde.

In diesem Augenblicke erscheint an der Tür des Saales Dankwart, über und über blutbespritzt, und bringt die Botschaft, daß Blödel mit hunnischen Scharen die Knechte der Burgunden überfallen habe, und alle erschlagen seien, auch Blödel selbst. Als einziger ist Dankwart aus dem Gemetzel entkommen. Als Hagen dies hört, springt er sofort auf und schlägt dem Sohne Etzels kurzerhand das Haupt ab, so daß es der Mutter in denSchoß springt[28]. Damit ist Etzel zum Feinde seiner Gäste geworden; er ruft seine Mannen zur Rache auf. Allein da die Burgunden auf den Kampf vorbereitet sind und sogar bei Tische im Harnisch sitzen, die übrigen aber im Festgewande, so haben sie jetzt die Hunnen völlig in der Hand. Volker und Dankwart versperren den Ausgang, und die Burgunden machen zur Rache für ihre erschlagenen Knechte alles nieder, was in der Halle ist, bis Dietrich mit lauter Stimme für sich und die Seinen freien Abzug verlangt. Ihm und Rüdeger wird daraufhin von Günther gestattet, mit den Ihren den Saal zu verlassen; Günthers Feinde, die Hunnen, sollen jedoch drinnen bleiben. Es folgt nun eine höchst seltsame Szene: Dietrich nimmt, als ihm der Ausgang gewährt wird, den König Etzel an einen Arm, die Königin an den andern, und geht mit ihnen ungehindert hinaus. Die Burgunden lassen das zu. Als aber ein Hunne versucht, hinter seinem Könige auch hinauszukommen, schlägt ihm Volker das Haupt ab, so daß es Etzel vor die Füße rollt. Immerhin sind nun Etzel und Kriemhilt, die ärgsten Feinde der Burgunden, aus dem Saale entlassen (was noch drinnen ist, wird von den Burgunden erschlagen), und wir haben eine neue Lage: die Hunnen befinden sich vor dem Saale, die Burgunden in demselben und richten sich zu hartnäckiger Verteidigung ein. Unverständlich aber am Verhalten der Burgunden bleibt, daß sie Etzel und Kriemhilt ungehindert hinauslassen; wenn sie jetzt, da sie wissen, wie die Verhältnisse liegen, sich dieser beiden Hauptpersonen bemächtigen — sie brauchen sie nicht einmal zu töten — so ist der Sieg auf ihrer Seite, aber auch — die Erzählung zu Ende. Offenbar ist hier ein neuer Lappen auf das alte Tuch der überlieferten Erzählung genäht: das Gastmahl, der Kampf des viel zu zahlreichen Gefolges in der Herberge, in dem Dankwart sich besonders auszeichnet, der Kampf der Helden im Saale, all das sind neue Zutaten, im einzelnen zwar gut ausgeführt, mit dem Alten aber ungeschickt verbunden, so daß, wie gesagt, die Erzählung von Rechts wegen in diesem Augenblicke zu Ende gelangt, und zwar zu einem der Überlieferung widersprechenden Ende. Die Torheit, die der Dichter die Burgunden mit der Entlassung der ärgsten Feinde begehen läßt, muß ihm die Möglichkeit geben, in denursprünglichen Gang der Sage wieder einzulenken. Die Lage wird wieder hergestellt, die sich schon an einer frühern Stelle des Gedichtes vorfindet: die Burgunden in dem Saale, in dem sie während der Nacht untergebracht waren, an der Tür wachend die Haupthelden, in erster Linie Hagen und Volker, und von außen herannahend die feindlichen Hunnen.

Mit Hohnreden begrüßen sich die Gegner, und Kriemhilt bietet großen Lohn demjenigen, der ihr Hagen in die Hände liefert. Hier treten einige Helden auf, die ursprünglich einem andern Sagenkreise angehören, aber, da man sie sich im Hunnenlande lebend denkt, in unsere Sage eingeführt werden. Es sind Irnfrid, Landgraf von Thüringen, Hawart der Däne und sein Mann Iring. Sie versuchen zuerst den Ansturm auf die im Saale verschanzten Burgunden, finden aber nach kleinen Erfolgen ihren Tod, ohne daß die Gesamtlage sich ändert; die Szene ist also überflüssig und dadurch als junger Zusatz gekennzeichnet[29].

Die Nacht bricht herein. Während derselben versucht Kriemhilt ihre Feinde zu vernichten, indem sie den Saal in Brand stecken läßt. Allein trotz der großen Not, die dadurch über die Burgunden hereinbricht, entgehen sie doch dem sichern Tode, hauptsächlich durch Hagens Ratschläge. Sie trinken das Blut der Gefallenen und sind am andern Morgen noch alle am Leben. Es bedarf also noch stärkerer Mittel, die Vernichtung der Burgunden durchzuführen. Von den eigentlichen Hunnen ist niemand geeignet, mit ihnen fertig zu werden; es muß ein besonderer Held gewonnen werden, und das ist derjenige, der auf der einen Seite als erster der Vasallen dem Etzel, auf der andern als Vater der Dietlind den Burgunden in gleicher Weise verpflichtet ist, Rüdeger von Bechelaren. Durch fußfällige Bitten erreichen der König und Kriemhilt, daß er sich zum Angriff auf die Burgunden entschließt, trotz seiner verwandtschaftlichen Beziehungen. Damit wird die vom Dichter an seine Person geknüpfte Frage entschieden, welche Treue heiliger ist, die Treue gegen den Herrn oder die gegen Anverwandte. Rüdeger entschließtsich als Urbild eines getreuen Mannes, die Treue gegen seinen Herrn zu wahren, und greift mit seinen Leuten die Burgunden an. Der Kampf endet damit, daß Rüdeger und Gernot einander im Zweikampf töten. Rüdegers Mannen kommen ebenfalls um, und Kriemhilts Ziel ist noch nicht erreicht. Großes Klagen erhebt sich um den vornehmsten der hunnischen Helden, den Freund aller hilfesuchenden Landfremden. Es schallt bis zum Hause König Dietrichs, und er sendet seine Mannen aus, zu erkunden, was denn geschehen sei. Hiltebrand, Dietrichs alter Waffenmeister und Führer seiner Mannen, Wolfhart, der übermütigste von ihnen, und die übrigen Amelunge[30], alle machen sich nach dem Kampfplatze auf; als sie erfahren, daß Rüdeger gefallen ist, erbitten sie sich von den Burgunden seine Leiche. Es wird ihnen aber die höhnische Antwort zuteil: „Holt sie euch selbst, wenn ihr keine Furcht habt.“ So greifen denn die Amelunge grimmerfüllt, aber wider ihres Herrn Dietrichs Willen, die Nibelunge an. In diesem Kampfe kommen alle zu Tode mit Ausnahme von Günther und Hagen auf burgundischer und Hiltebrand, der sich schließlich zur Flucht wenden muß, auf gotischer Seite.

Hiltebrand begibt sich zu Dietrich zurück und berichtet ihm, daß Rüdeger erschlagen ist; als das Dietrich erfährt, rüstet er sich selbst und befiehlt Hiltebrand, die Mannen zu sammeln, da er nun selbst eingreifen will. Hiltebrand erwidert: „Wen soll ich Euch rufen? Alle, die Ihr habt, seht Ihr vor Euch stehen“, und dadurch erfährt Dietrich erst, daß inzwischen seine Leute auch umgekommen sind. Der Angriff erfolgt nun durch Dietrich selbst, der durch seine Stärke die Entscheidung bringt. Immer noch ist er trotz des großen Schadens, der ihm geschehen, geneigt, die letzten burgundischen Helden zu retten. Es gelingt ihm, sie gefangen zu nehmen, und er übergibt sie Kriemhilt mit dem ausdrücklichen Wunsche, daß ihnen nichts am Leben geschehen möge. Kriemhilt verlangt nun von Hagen die Auslieferung des Nibelungenhortes und erhält die Antwort, daß er durch einen schweren Eid gebunden sei, den Ort, wo derSchatz liegt, niemandem zu verraten, solange einer seiner Herren lebe. Darauf läßt Kriemhilt dem Günther das Haupt abschlagen und bringt es Hagen als Beweis des Todes seines Herrn. Hagen aber erwidert (Strophe 2371 Bartsch):

„Nu ist von Burgondender edel künec tôt,Gîselher der jungeund ouch her Gêrnôt.den schaz den weiz nu niemenwan got unde mîn:der sol dich, vâlandinne,immer wol verholen sîn.“

„Nu ist von Burgondender edel künec tôt,Gîselher der jungeund ouch her Gêrnôt.den schaz den weiz nu niemenwan got unde mîn:der sol dich, vâlandinne,immer wol verholen sîn.“

„Nu ist von Burgondender edel künec tôt,Gîselher der jungeund ouch her Gêrnôt.den schaz den weiz nu niemenwan got unde mîn:der sol dich, vâlandinne,immer wol verholen sîn.“

„Nu ist von Burgondender edel künec tôt,

Gîselher der jungeund ouch her Gêrnôt.

den schaz den weiz nu niemenwan got unde mîn:

der sol dich, vâlandinne,immer wol verholen sîn.“

Sie erfährt also den Aufbewahrungsort des Schatzes nicht, tröstet sich aber damit, daß sie den Balmung, den einst ihr Siegfried geführt hat, durch Hagens Gefangennahme in die Hände bekommen hat. Mit ihm rächt sie ihren Jammer, indem sie Hagen eigenhändig tötet. Aber Hiltebrand erträgt nicht, daß Helden von der Art Hagens von einem Weibe fallen; er springt hinzu und tötet Kriemhilt selbst. Der Vernichtungskampf hat nun ein Ende; von namhaften Personen sind ihm nur entgangen Etzel (auf dessen Tod doch gerade die nordische Darstellung hinausgeht), Dietrich und Hiltebrand. Damit schließt unser Lied.

Ein etwas späterer Dichter hat ihm eine Fortsetzung in abweichender Versform (sogenannten kurzen Reimpaaren) unter dem Titel „Klage“ angehängt, ein matt nachklappendes Gedicht, das erzählt, wie die Toten beerdigt werden, und was aus den wenigen Überlebenden noch geworden ist. Für uns ist nur von Interesse die merkwürdige Stelle, die sich am Schlusse der einen Bearbeitung der Klage (C) findet; hier heißt es: was aus Etzel geworden ist, das weiß kein Mensch; es ist unbekannt, was er für ein Ende genommen hat. Für die Entwickelung der Sage aus der Geschichte ist diese Bemerkung von größter Wichtigkeit.

Im Nibelungenliede hat sich das Interesse der Dichter und ihrer Zuhörer andern Teilen zugewendet als in der Lieder-Edda. Während im Norden der erste Teil der Sage ausführlich und breit, teilweise auch in verschiedenen Variationen erzählt wird, ist der zweite Teil einfach und kurz; zwischen den beiden Hauptteilen besteht ein eigentlicher Zusammenhang nicht; ganz äußerlich ist ferner noch ein dritter Teil angehängt, die Geschichte von Svanhild, die zwar in Deutschland wohl bekannt, aber nicht an die Nibelungen-, sondern an die Dietrichsage angeschlossen ist. In Deutschland aber sind die beiden Hauptteile der Sage dadurch innerlich in Verbindung gebracht, daß der Untergang der Burgundenaufgefaßt wird nicht als von Etzel, sondern von Kriemhilt ausgehend, und daß diese nicht, wie im Norden, an ihrem zweiten Gatten den Tod ihrer Brüder rächt, sondern an ihren Brüdern den Tod ihres ersten Gatten; damit ist ein innerer Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Teile hergestellt: der erste Teil ist die Ursache des zweiten geworden. Daraus ist weiter die Notwendigkeit erwachsen, daß Etzel nicht ermordet wird, sondern übrig bleibt, und die Erzähler zunächst nicht wissen, was aus ihm geworden sein mag. Seine und Kriemhilts Interessen fallen in der deutschen Darstellung eben zusammen, und es mangelt der Kriemhilt jeder Grund, ihn zu töten.

Welche Darstellung der Sage, die nordische oder die deutsche, die ältere ist, das ist nicht schwer zu entscheiden: selbstverständlich diejenige, in der die beiden Teile auseinanderklaffen. Denn das Auseinanderreißen zusammengehöriger Stücke würde niemand unternommen haben; wohl aber kann man jemandem zutrauen, daß er zwei Erzählungen, wie die Geschichte von Siegfried und die Geschichte von dem Untergang der Burgunden und Attilas Tod, die durch beiden gemeinsame handelnde Personen zusammengehalten werden, auch innerlich in ursächlichen Zusammenhang bringt.


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