b) Deutsche Form.

b) Deutsche Form.

Wichtiger ist die Weiterentwickelung des Stoffes in Deutschland. Hier tritt uns die Sage in ausführlichem Berichte erstim 12. Jahrhundert, also ziemlich spät, entgegen. Wie sie sich bis dahin entwickelt hat, das läßt sich zwar natürlich an den verschiedenen Veränderungen, die eingetreten sind, wohl erkennen, aber die zeitliche und örtliche Bestimmung der Neuerungen ist nicht leicht. Einigermaßen unterstützt werden wir durch einen Bericht, der Ereignisse des Jahres 1131 zum Gegenstande hat. Damals wollte der dänische Königssohn Magnus seinen Vetter Knut Laward, den König der Wenden und Herzog von Schleswig, auf verräterische Weise ermorden. Er sandte einen sächsischen Spielmann, namens Siward, also einen fahrenden Sänger, der nach der Überlieferung für einen in seiner Kunst wohlerfahrenen Mann galt, zu Knut Laward und ließ ihn freundlich zu sich einladen. Knut leistete ohne jeden Argwohn Folge. Dem Sänger war bekannt, was Knut bevorstand, aber er war durch einen heiligen Eid gebunden, den Plan nicht zu verraten. Da Knut ihn dauerte, so versuchte er, ihn auf Umwegen auf das drohende Unheil aufmerksam zu machen: er trug ihm das Lied von der allgemein bekannten Treulosigkeit der Grimilda gegen ihre Brüder dreimal vor, also eine Geschichte, die dem im Augenblicke des Vortrags sich entwickelnden Schicksal ganz parallel verläuft. Auf diesem Wege versuchte also Siward den König Knut zu retten, aber ohne Erfolg: der Mord gelang am 7. Januar 1131. Für uns ist interessant, daß hier die Geschichte von Grimildas Treulosigkeit gegen ihre Brüder erwähnt und als allgemein bekannt hingestellt wird. Das paßt nicht mehr zur alten Form der Sage, sondern nur zu der neuen, wie sie uns demnächst in süddeutscher Darstellung entgegentritt. Wir lernen hier die Existenz dieser jüngern Sagenform in Norddeutschland kennen, denn es ist ein sächsischer Spielmann, der den dänischen Fürsten zu retten versucht.

Daraus folgt, daß die Umbildung der Sage, die darin besteht, daß nicht mehr Attila, sondern Grimhild die Treulosigkeit gegen die burgundischen Brüder begeht, um ihren ersten Gatten Siegfried an ihnen zu rächen, noch vor der Übertragung der Sage nach Süddeutschland, also wohl noch am Niederrhein vor sich gegangen sein muß. Sie ist natürlich hauptsächlich durch innere Gründe verursacht: man wollte die beiden Teile, die ursprünglich so lose nur zusammenhingen, innerlich aneinanderschließen. Die Neuerung dürfte nach oberflächlicher Schätzung um das Jahr 900 oder bald nachher durchgeführt worden sein, weil die Überführungdes Stoffes nach Bayern wohl noch ins 10. Jahrhundert fällt. Die neue Fassung trägt zugleich modernerer Gesittung Rechnung: bisher stand die Erzählung auf dem altgermanischen, etwas urzeitlich anmutenden Standpunkte, daß Blutrache die erste Pflicht sei, daß also die Pflicht der Schwester, ihre Brüder zu rächen, größer sei, als die Pflicht ihrer Treue gegen den Gatten; nunmehr, in modernerer Zeit, stellte man die Gattenpflicht an die erste Stelle und ließ die Blutrache in alter Form fallen.

Mit dieser Änderung ist nun eine Tatsache, die in der Geschichte feststeht und als Ausgangspunkt für die Sage anzusehen ist, aus dieser selbst verschwunden. Von dem Augenblicke an nämlich, wo Grimhild ihren ersten Gatten an ihren Brüdern rächt, fallen ja ihre Interessen mit denen ihres zweiten Gatten Attila zusammen; Grimhild und Attila sind jetzt einig und führen gemeinsam den Untergang der Burgunden herbei. Dann liegt aber für Grimhild keine Veranlassung mehr vor, den Attila zu töten. Die Folge davon ist, daß dieser übrig bleibt.

An dieser Entwickelung erkennt man recht, wie die Sage arbeitet: sie geht teilweise vom Tode Attilas aus, hat sich aber nach mehreren hundert Jahren so verschoben, daß sie von diesem ihrem Ausgangspunkte nichts mehr zu erzählen weiß. Hier, an einem Beispiel, das wir doch leidlich genau verfolgen können, ist ganz deutlich zu sehen, wie der Ausgangspunkt der Sage infolge ihrer Entwickelung schließlich wieder aus ihr hinausgebracht wird. Wenn das möglich ist, so wird noch vieles andere möglich sein, so wird es vor allen Dingen auch möglich sein, den ersten Teil unserer Nibelungensage aus der fränkischen Königsgeschichte abzuleiten, von der man nur Einzelheiten, besonders Namen und Motive, zur Vergleichung heranziehen kann, nicht aber den ganzen innern Zusammenhang.

Die Folge davon, daß Attilas Tod nun auf einmal nicht mehr erzählt wird, ist eine Neudichtung, die in Süddeutschland unbekannt geblieben ist, also wahrscheinlich in Norddeutschland erst entstanden ist, nachdem die Nibelungensage bereits nach Süddeutschland gewandert war: ich meine die allein in der Thidrikssaga berichtete Geschichte von Hagens nachgeborenem Sohne Aldrian, der durch Attilas Ermordung der Gesamterzählung wieder einen vollen Schluß verschafft. Ihre Entstehung war natürlich erst möglich, nachdem Attilas Tod aus derErzählung durch die moderne Entwickelung derselben ausgeschaltet worden war.

Nach Süddeutschland ist unsere Sage wahrscheinlich im 10. Jahrhundert gewandert. Darauf weist die merkwürdige Einmischung einer historischen Person jener Zeit hin, die an der Oberfläche klebt: Bischof Pilgrim von Passau (er war im Amte 971–991) gilt im Nibelungenliede für einen Zeitgenossen der Nibelunge und Mutterbruder der burgundischen Könige; nach der „Klage“, dem mehrerwähnten Anhang zum Liede, hat er den ganzen Verlauf der großen Begebenheiten durch seinen Schreiber Konrad in lateinischer Sprache aufzeichnen lassen. Diese letztere Nachricht wird wahrscheinlich richtig sein; sie ist an sich historisch ganz einwandfrei; ist sie richtig, so versteht man, wie Pilgrim in die Sage gelangte: der Klagedichter, dem Konrads Werk bekannt war, machte den Bischof und seinen Schreiber zu Zeitgenossen der Ereignisse, um die Glaubwürdigkeit des Berichtes zu erhöhen. Wenn aber ein Passauer Bischof um das Jahr 980 die Nibelungensage aufzeichnen lassen kann, so bedeutet dies, daß sie damals in Bayern zwar bereits bekannt, aber noch nicht geläufig war; sonst hätte man nicht Wert darauf gelegt, daß sie aufgeschrieben würde. Man bedenke, wie die eigentlich süddeutsche Sage, die von Dietrich und seinen Helden, jederzeit einfach als dem Publikum bekannt vorausgesetzt wird; dann wird man zu dem Wahrscheinlichkeitsschlusse kommen, daß zu Pilgrims Zeiten die niederdeutsche Nibelungensage eben erst in Bayern bekannt geworden und eben deshalb als der Aufzeichnung durch Pilgrims Schreiber Konrad wert befunden worden war.

Eine Folge dieser Verpflanzung der Sage auf einen ihr ursprünglich fremden Boden ist die in dem Namen der einen Hauptheldin eingetretene Veränderung: sie hieß ursprünglich zweifellos Grîmhild, in welcher Form der Name etymologisch durchsichtig ist;grîmabedeutet Larve, Maske, Helm. Den Süddeutschen waren Wort und Name nicht geläufig; sie verstümmelten letztern infolgedessen, wie man so häufig ein nur mit dem Ohre aufgenommenes Fremdwort verstümmelt, zu Krîmhilt oder Kriemhilt. Der unrichtige Anlaut und das Schwanken des Vokals im ersten Teile der Zusammensetzung geben somit ebenfalls davon Zeugnis, daß die Sage in Süddeutschland ursprünglich fremd und erst verhältnismäßig spät eingeführt ist.

Noch ein zweiter Name ist vermutlich bei dieser Überführungin gewissem Sinne verstümmelt worden: Gernot; hochdeutsch könnte er schwerlich etwas anderes als ein Frauenname sein, weil „nôt“ ein Feminin ist; versteht man ihn aber niederdeutsch, so gibt er den Sinn „Schwertgenoß“ und müßte hochdeutsch Gernoz heißen; er dürfte also bei der Überführung der Sage nach Süddeutschland seine niederdeutsche Form beibehalten haben.

In Oberdeutschland hat sich die Sage nun begreiflicherweise selbständig weiter entwickelt. Augenscheinlich ist sie gar nicht vollständig dahin gelangt, wenigstens fehlt jede Kunde von Siegfrieds Vorfahren, sowie von seinem ursprünglichen Verhältnis zu Brünhilt, während die von seiner Jugendzeit äußerst dürftig ist. Die Erzählung beginnt damit, daß Siegfried um Kriemhilt freit und dann Brünhilt für seinen Schwager gewinnt. So reich ausgestattet ursprünglich und noch in nordischer Fassung der erste Teil des Stoffes war, so gering ist sein Kern in der deutschen; ritterliche Füllung hat ihn im Liede freilich wieder verbreitert. Dafür hat sich der zweite Teil reich entfaltet und zwar hauptsächlich dadurch, daß er als Episode in die Dietrichsage eingetreten ist; da die Burgunden infolge verräterischer Einladung am hunnischen Hofe zugrunde gehen, muß Dietrich, der nach süddeutscher Auffassung damals dort als Verbannter lebt, mit den Ereignissen zu tun haben; ihm wird die Entscheidung in dem großen Kampfe gegen die Burgunden zugewiesen.

Wenn es auch zu weit führen würde, Ursprung und Entwicklung der Dietrichsage an dieser Stelle in allen Einzelheiten zu besprechen, so erscheint doch eine Darstellung in großen Zügen geboten.

Im vierten Jahrhundert saßen die Goten in Dacien (etwa Rumänien und Siebenbürgen) und längs der Nordküste des Schwarzen Meeres bis zum Don. In diesen Gegenden begründete der Amaler Ermanarich (deutsch Ermenrich) ein großes gotisches Reich, das seine Macht weit über das heutige innere Rußland erstreckte. Um das Jahr 370 erlag diese Macht dem plötzlichen Ansturm der Hunnen, eines Volkes türkischen Stammes aus dem innern Asien; König Ermanarich, schon hochbejahrt, kam dabei zu Tode. Der gotische Geschichtschreiber Jordanes weiß um 550 von seinem Tode Einzelheiten zu erzählen, die zwar schlecht beglaubigt, aber an sich nicht unwahrscheinlich sind und sich inhaltlich mit dem vorhinS. 27 f.dargestellten dritten Teile der Nibelungensage nordischer Form nahezu decken: dastreulose Volk der (sonst unbekannten) Rosomonen versucht den Einbruch der Hunnen zur eigenen Befreiung zu benutzen; Ermanarich läßt Suanihilda, eine Frau aus diesem Volke, für den heimtückischen Abfall ihres Mannes[45]von wilden Pferden zerreißen, wird aber dafür von ihren Brüdern Sarus und Ammius (Sorli und Hamdir in der Lieder-Edda) tödlich verwundet. Die Erzählung dürfte auf Tatsachen beruhen; sie ist geraume Zeit vor der Entstehung der übrigen gotischen Sagen, also etwa um 500, nach dem Norden gelangt[46]und hier schon im 9. Jahrhundert (vgl.S. 90) dadurch an die Nibelungensage angeschlossen worden, daß man Suanihilda und ihre Brüder zu Kindern der Gudrun gemacht hat. Vermutlich spielte die Mutter der untergegangenen Geschwister schon vor dieser Vereinigung in der Erzählung eine Rolle, die es nahelegte, sie mit Gudrun gleichzusetzen; darauf weist wenigstens die Art hin, wie der dänische Geschichtschreiber Saxo Grammaticus um 1200 die Ermanarich-Sage (ohne ihre Verbindung mit der Nibelungensage zu berücksichtigen) in seine dänische Geschichte aufgenommen hat.

Der Einbruch der Hunnen trennte die Goten in westliche, die auf römisches Gebiet übertraten und uns hier nichts mehr angehen, und östliche, die unter hunnischer Hoheit zurückblieben und nach wie vor Könige aus dem Amalerhause hatten. Diese Ostgoten bildeten mit andern Germanenvölkern zusammen den eigentlichen Kern der hunnischen Macht; ihre Führer waren die ersten Helden des Großkönigs. Als solcher herrschte 444–453 Attila, nachdem er seinen Bruder und Mitherrscher Bleda beseitigt hatte. Dieser Attila hat bei den westlichen Germanen das Andenken eines wilden Eroberers hinterlassen; ganz anders bei den östlichen: sie erinnern sich seiner als eines mächtigen, aber gnädigen Herrschers. Unter seinen vielen Frauen ragt in der Geschichte die Kerka oder Rheka (richtig vermutlich Cherka) hervor, die in der Sage als Herche oder Helche lebendig gebliebenist. — An der Spitze der Ostgoten standen zu Attilas Zeit drei amalische Brüder, deren einer Theodemer (deutsch Dietmar) hieß.

Nach Attilas plötzlichem Tode (vgl.S. 69) zerfiel sein Reich; die Ostgoten traten auf das rechte Donauufer in oströmischen Bereich über. Theodemer war schließlich ihr alleiniger König und vererbte diese Stellung 481 auf seinen Sohn Theodorich (deutsch Dietrich), der sich den Beinamen des Großen verdiente.

Inzwischen hatte sich 476 in Italien ein germanischer Fürst namens Odoaker (deutsch Otacker) der Herrschaft bemächtigt. Ihn zu beseitigen und zugleich die Sorge vor den Ostgoten, die fortgesetzt die Sicherheit Konstantinopels bedrohten, loszuwerden, übertrug Kaiser Zeno 489 dem Theodorich und seinem Volke die Aufgabe, Italien dem Reiche zurückzuerobern, um es dann als römische Bundesgenossen zu bewohnen und zu beherrschen. Theodorich schlug Odoaker in mehreren Schlachten und belagerte ihn schließlich drei Jahre lang in dem festen Ravenna, wo damals (seit Honorius) der Regierungssitz Italiens sich befand; 493 gelangte die Stadt in Theodorichs Gewalt, Odoaker wurde getötet. Als Beherrscher Italiens hat nun Theodorich lange Zeit die führende Rolle unter den westeuropäischen Germanenkönigen gespielt, ja, dieselben durch Heiraten zu einer großen Familie zu vereinigen gesucht, deren Haupt er selbst sein wollte. Dabei war sein Bestreben, Kriege zu vermeiden und Streitigkeiten auf friedlichem Wege zu schlichten — ein Charakterzug, der dem Dietrich der Sage insofern noch anhaftet, als auch dieser nur, wenn es ganz unvermeidlich ist, zum Schwerte zu greifen pflegt.

526 ist Theodorich gestorben; damit brach sein System zusammen. Auch der Ostgotenstaat war nicht von Dauer: bereits 540 geriet Ravenna wieder in römische Gewalt, und 553 vernichtete Narses den letzten Gotenschwarm, der noch zusammenhielt, am Vesuv. Nur nördlich der Alpen blieben gotische Reste übrig und gingen in den Bayern auf (vgl.S. 56), die nun die Erinnerung an die ruhmreiche Geschichte der Amaler bewahrt und gepflegt haben.

Die deutsche Sage kennt, wie begreiflich, die Goten (die sie ausschließlich Amelunge nennt) nur in Italien und Bayern; auch Ermenrich ist aus Südrußland dahin versetzt. Sie betrachtet ferner die Amelunge als legitime, eingeborne Herrscher ihresReiches; Dietrichs Sieg bedeutet ihr also nicht eine einfache Eroberung, sondern eine Wiedereroberung nach vorausgegangener Vertreibung. Zu dieser Anschauung mußte die Sage dadurch geführt werden, daß Theodorich in der Tat durch den Auftrag des Kaisers Zeno das formale Recht auf seiner Seite hatte, während Odoaker nur infolge Usurpation in Italien herrschte. Den oströmischen Kaiser ferner hat die Sage, wie sie es fast immer getan hat, durch den Hunnenkönig ersetzt; indem sie Dietrich während seiner Abwesenheit aus Italien an dessen Hofe lebend dachte, übertrug sie auf ihn das, was von den Verhältnissen seines Vaters Dietmar bekannt geblieben war. Endlich brachte sie die beiden Amelunge Ermenrich und Dietrich dadurch aufs nächste zusammen, daß sie sie als Oheim und Neffe betrachtete. So hat denn die Dietrichsage im wesentlichen folgende Gestalt erlangt:

Die Brüder Ermenrich und Dietmar aus dem Hause der Amelunge teilen sich derart in das Reich, daß Ermenrich als der älteste den Hauptteil mit Ravenna, Dietmar den Norden erhält; als Sitz des letztern und seines Sohnes wird Verona (Bern) betrachtet, nachdem Theodorichs historische Residenz Ravenna zunächst Ermenrichs Eigentum geworden ist. Nach Dietmars Tode wird sein Sohn Dietrich von Ermenrich vertrieben; dies behauptet die Sage im Anschluß an die historische Eroberertätigkeit, die Ermanarich entfaltet hat. Der vertriebene Dietrich begibt sich an den Hof des Hunnenkönigs Etzel, um von ihm Hilfe gegen Ermenrich zu erbitten; als Vermittler zwischen Dietrich und Etzel spielt dabei der Markgraf Rüdeger von Bechelaren, des erstern Freund, des letztern vornehmster Vasall, eine hervorragende Rolle. Über Ursprung und Bedeutung der Figur Rüdegers hat man mannigfache Vermutungen aufgestellt, ja, man hat sogar diesen reinmenschlichen Helden zu einem mythischen Wesen machen wollen; und doch ist, wie mir scheint, Rüdegers Bedeutung so leicht zu fassen: da die naiven Pfleger der Sage dieser jederzeit zeitgenössische Färbung geben, so müssen sie sich Dietrich als Bayern, Etzel als Ungarn denken; daraus ergibt sich, daß Rüdeger der Repräsentant des vermittelnden Zwischengebietes, der bayerischen Ostmark (Österreichs) ist. Im Nibelungenliede gilt als Rüdegers Bereich das Land zwischen Enns und Wienerwald; das ist genau das Gebiet der bayerischen Ostmark von Otto dem Großen bis auf Heinrich III., dessen Eroberung das Land bis zur Leita hinzufügte. Daraus ergibt sich, daß die Dichtungdie Figur Rüdegers um das Jahr 1000 geschaffen hat[47]. — Die Sage kennt nun zunächst einen ersten, mißlungenen Versuch Dietrichs, mit hunnischer Hilfe zurückzukehren; er führt zu Kämpfen bei Ravenna und gibt den Stoff zu dem Gedicht von der „Ravennaschlacht“ ab; selbstverständlich beruht er auf dem Walten der Dichtung: die deutschen Spielleute des zwölften Jahrhunderts lieben es ja auch, denselben Stoff in zwei Variationen nacheinander vorzutragen. Der Inhalt der Ravennaschlacht ist eine Variation von Dietrichs Rückkehr. — Nunmehr findet Ermenrich sein Ende ungefähr so, wie es schon Jordanes erzählt; als einer der Mörder gilt um das Jahr 1000 Otacker, der Ermenrichs Nachfolger wird und also schließlich bei der endgültigen Eroberung Italiens Dietrichs Gegner ist, wie es die Geschichte dargeboten hat. In Süddeutschland ist allerdings im 12. Jahrhundert Ermenrichs Ermordung und die Person Otackers augenscheinlich ganz vergessen; den Thron der Amelunge nimmt bei Dietrichs Rückkehr Ermenrichs treuloser Ratgeber Sibich ein. Jedenfalls aber gelangt Dietrich schließlich durch Etzels Hilfe wieder in den Besitz seines angestammten Reiches[48].

In Gesellschaft Dietrichs und der zu ihm in Beziehung tretenden Leute befinden sich nun natürlich zahlreiche Personen minderer Bedeutung, die teils selbständige Sagenexistenz gehabt haben, aber durch die gewaltige Anziehungskraft der Hauptsage an sie herangezogen und ihr angegliedert worden sind (so z. B. Wielands Sohn Witig, ursprünglich ein Mann Ermenrichs), teils aber als mehr oder minder nötige Ausfüllung erdichtet worden sind; zu letzteren gehören vor allen Hiltebrand, der als Dietrichs Erzieher und erfahrener erster Ratgeber eine fast selbstverständlichetypische Figur ist, und sein Neffe Wolfhart, in allem Hiltebrands Gegenbild (besonders in der Art seines Auftretens) und gewiß des Kontrastes wegen als solches geschaffen.

Von Personen aus der Umgebung des historischen Attila hat die Sage noch bewahrt seine Gattin Cherka als Helche (im Rosengarten Herche, in der Thidrikssaga Erka genannt) und seinen Bruder Bleda als Blödel; dieser Name ist offenbar volksetymologisch an „blöde“ angelehnt. An Bledas wirkliche Schicksale besteht keine Erinnerung, er wird in ziemlich willkürlicher Weise verwertet.

In diese in Süddeutschland ganz lebendige Dietrichsage ist nun die Nibelungensage nach ihrer Überführung dahin derart eingefügt, daß Kriemhilt als zweite Gattin Etzels gilt, die er nach dem Tode der Helche geehelicht hat, und daß der große Todeskampf der Nibelunge eintritt, während Dietrich noch an Etzels Hofe lebt; der Versuch der Rückkehr, der zur Ravennaschlacht führt, muß natürlich, da bei ihm die Königin Helche noch eine wichtige Rolle spielt, schon vorüber sein.

Mit Dietrich sind natürlich die meisten seiner Sage angehörigen Figuren in die Nibelungengeschichte übergetreten, vor allen auch Rüdeger, der nach dem, was vorhin ausgeführt wurde, außerhalb der Dietrichsage undenkbar ist. Da nun aber die Nibelungensage zunächst ohne Dietrich und Rüdeger existiert hat, so muß es möglich sein, nach Ausscheidung oder Abtrennung der diese Helden betreffenden Abschnitte ein Bild von dem Zustande zu bekommen, den sie zur Zeit der Überführung nach Süddeutschland aufwies. Dabei ergibt sich nun das merkwürdige Resultat, daß alle nach dem Saalbrande sich noch abspielenden Szenen wesentlich durch die Dietrichsage bedingt sind, mit andern Worten: es wird höchst wahrscheinlich, daß der Saalbrand in der ältern Sagenfassung den Schluß bildete, und die Nibelunge in ihm umgekommen sind.

Bedenken gegen diese Annahme werden allerdings dadurch erweckt, daß der Schluß des Nibelungenliedes mit den eddischen Atli-Liedern insofern übereinstimmt, als Günther und Hagen schließlich lebendig gefangen und erst nach ihrer Weigerung, den Hort auszuliefern, getötet werden; daß im Nibelungenliede erst Günther und dann Hagen getötet wird, während die Lieder-Edda beider Rollen vertauscht, macht keinen wesentlichen Unterschied. Nun sind aber die Atli-Lieder augenscheinlich keine reinen Repräsentantender nordischen Sagenform, sondern weisen mehrfach erneute deutsche Beeinflussung auf; sonach wäre möglich, daß auch die nahe Übereinstimmung in der Schlußerzählung erst unter dem Einflusse deutscher Neudichtung zustande gekommen ist.

Wenn wir Rüdeger aus einer Grundform unserer Sage zu streichen haben, so fällt natürlich auch der Abschnitt vom Aufenthalte der Nibelunge zu Bechelaren weg; dann steht die kleine Szene von der Begegnung mit dem Grenzwächter Eckewart unmittelbar vor dem Eintreffen bei Kriemhilt, und es verschwindet die Sonderbarkeit, an der wir vorhin (S. 48) Anstoß nehmen mußten.

Wir haben im wesentlichen den Zustand der Sage erreicht, der in unserm Liede die Grundlage der Erzählung bildet. Manches freilich hat der Dichter des Liedes, manches haben wohl noch andere Hände geändert, ehe die Textgestalt erreicht wurde, die uns heute noch vorliegt. Ehe wir diese letzten, dem Liede eigenen Neuerungen betrachten und untersuchen, müssen wir uns erst den Fragen zuwenden, die uns die Überlieferung und Geschichte seines Textes stellen.


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