Helene Chrysoloras ließ den Kopf sinken, je mehr und leidenschaftlicher ihr junger Vetter in sie redete.„Ich liebe ihn,“ sagte sie.„Siehst du nicht, daß er angejahrt ist, daß seine Liebe alt und kalt werden wird, daß du nichts zurückerhältst für deine dargebrachte Jugend?“„Ich liebe ihn,“ sagte das Mädchen ohne jegliche Logik.„Es ist unerwiesen, ob er dich liebt!“„Was tut das? Ich liebe ihn.“„Aber das kann nicht dauern! Es wird ein gräßlich Erwachen geben, für dich und mehr noch für ihn, wenn er sich in deine Arme und in den Ton deiner Stimme einspinnen ließe! Bist du denn im Traum? Donnern möchte ich mit dem Worte: ‚Es kann nicht dauern!‘“„Was dauert auf Erden?“ fragte das Mädchen.„Liebe kann ein leblang dauern.“„Mir ist jeder Augenblick, da ich ihn liebe, die Ewigkeit.“„Du bist sinnlos, behext, lächerlich!“„O, laß mich das sein. Es ist schön!“„Und wenn er dich mit seinen Künsten verzaubert hätte?“„Ich würde ihm die Hände küssen dafür, daß er sich die Mühe um mich gab, um mich allein auf Erden! Aber so schön und gut ist es mir ja gar nicht vermeint. Er sieht mich nicht, beinahe er allein sieht mich nicht.“Stainer schwieg betroffen. Auch ihn sah Faust nicht. Er ließ ihn in seine Nähe, denn längst ließ er niemanden mehr an sich heran und selbst den Paracelsus hatte er bald, durch fremder Hände Wut, wieder weggeworfen. Es war entsetzlich, wie dieser eine Mensch, der früher um die Hochmeinung anderer bis zur Großtuerei geworben haben sollte, menschensatt geworden war. Alle Lehrer trachteten und warben, offen oder versteckt, um ihre Jünger und brauchten sehr diese durstigen Ohren nach ihrem recht billigen und erbärmlichen Wort. Der allein benötigte niemandes auf Erden mehr. Darum war ihm Sympert vor allem nachgezogen.Ob er dem Faust auch noch verfallen blieb, wenn der ihn endlich doch vertrauend an sich zöge und sein Wesen vor ihm ausleerte, das ja, wie bei allen Vergänglichen, endlich auch zu Ende gelernt sein mußte?Ja: Und die Helena nicht auch? Alle warben um sie, — nur nicht der unheimliche Fremde. Wenn auch der um sie warb? Vielleicht war das unvernünftig verwöhnte und eitle Mädchen damit satt?Er sah nach der Base, denn wenn sie sein Schweigen und Nachsinnen mit Ärger oder mit Mißtrauen vermerkte, so war schon vieles gut. Aber das Mädchen schien ihm bloß dankbar zu sein. Sie nahm ihn, als er wieder reden wollte, an der Hand, drückte sie und legte ihm die andere Hand an den Mund. Er sollte weiterschweigen, sie war so froh.Nein, da schwieg er nicht. „Noch einmal, er ist alt.“„Dann ist er vollendet und am Ziele der größten Bahn, die ein Mensch jemals durchlaufen hat.“ Das Mädchen hatte sich Zeit und Mühe nehmen müssen, um überhaupt so gefällig zu sein, Antwort zu geben.„Er ist nicht einmal schlank oder gut gewachsen!“Helena sah auf. „Dem Wuchse sollte ich, ich nachgehen?“„Du scheinst deiner eigenen Schönheit satt zu sein.“„Nein, ich begehre von ihm die endlose und überirdische Schönheit der Seele dazu.“Das war dem sonst verschwiegenen Jungen zuviel. Nun mußte sein eifersüchtiges und geängstetes Herzemporquillen. Er schämte sich, daß er jetzt zum Verräter wurde, und in seiner Wut über die eigene Scham fand er erst die reißend scharfen Worte zu dem, was jetzt unaufgehalten losbrach.„Die endlose und überirdische Schönheit! Bist du denn so ahnungslos? Und hätte der verwichene Paracelsus recht, daß es keinen andern Teufel gäbe, als den in der eigenen Brust, dann wäre der Doktor der ungeheuerlichste von allen! Die ewige Schönheit: weißt du, wie er sie sieht? In der Absage an Gott, in der Vernichtung seiner selber und aller, in der Zerstörung des Hauses Gottes, dieser Erde.“„Wie schön; und wie viel zu groß, um je geschehen zu können,“ lächelte das Mädchen.„Viel zu groß? So sollst du wissen, daß er ganz gut weiß und es auch vermag, gegen Gott aufzustehen und die Erde in Flammen aufgehen zu machen! Weißt du, wozu er mich anwerben hat wollen? Ich soll ihm helfen, das grausame Mittel, zu dem ihm der Paracelsus Lehrjunge hat sein müssen, in eine entsetzliche Kluft im Tiroler Lande zu gießen, um die allein der König und der Erzbischof wissen und die bis zum Abgrund der Höllen geht. Dort soll sich’s entzünden und so Gottes grüne Erden auseinanderreißenund im überquellenden Feuer und Wasser verschwemmen!“Das Mädchen sah den Vetter an, wie zu Wachs umgebildet.„Was für wirres Traumzeug ist das?“ fragte sie.Er wirbelte noch einmal los und beschwor und bewies es ihr mit vielen, jugendhaft heißen Worten.Helena Chrysoloras hatte die Augen zugetan.„Schläfst du gar schon? Hörst du das und bleibst verstockt?“ schrie der verzweifelte Junge.„Das ist übermenschlich,“ sagte das Mädchen, welches dennoch sehr blaß geworden war.„Teuflisch,“ redete der junge Mensch in sie hinein. „Der hat sich, weiß Gott, dem Widersacher nicht zu verschreiben gebraucht! Er selber ist es, kann nichts anderes sein!“„Ah,“ sagte das Mädchen nur, und sie dehnte ihre Arme.„Was, was um aller heiligen Leiden? Du bewunderst ihn?“„Nein,“ sagte das Mädchen. „Denn jetzt erst weiß ich, daß er der Liebe bedarf.“Vor diesen Worten freilich erstarrte der Student.

Helene Chrysoloras ließ den Kopf sinken, je mehr und leidenschaftlicher ihr junger Vetter in sie redete.

„Ich liebe ihn,“ sagte sie.

„Siehst du nicht, daß er angejahrt ist, daß seine Liebe alt und kalt werden wird, daß du nichts zurückerhältst für deine dargebrachte Jugend?“

„Ich liebe ihn,“ sagte das Mädchen ohne jegliche Logik.

„Es ist unerwiesen, ob er dich liebt!“

„Was tut das? Ich liebe ihn.“

„Aber das kann nicht dauern! Es wird ein gräßlich Erwachen geben, für dich und mehr noch für ihn, wenn er sich in deine Arme und in den Ton deiner Stimme einspinnen ließe! Bist du denn im Traum? Donnern möchte ich mit dem Worte: ‚Es kann nicht dauern!‘“

„Was dauert auf Erden?“ fragte das Mädchen.

„Liebe kann ein leblang dauern.“

„Mir ist jeder Augenblick, da ich ihn liebe, die Ewigkeit.“

„Du bist sinnlos, behext, lächerlich!“

„O, laß mich das sein. Es ist schön!“

„Und wenn er dich mit seinen Künsten verzaubert hätte?“

„Ich würde ihm die Hände küssen dafür, daß er sich die Mühe um mich gab, um mich allein auf Erden! Aber so schön und gut ist es mir ja gar nicht vermeint. Er sieht mich nicht, beinahe er allein sieht mich nicht.“

Stainer schwieg betroffen. Auch ihn sah Faust nicht. Er ließ ihn in seine Nähe, denn längst ließ er niemanden mehr an sich heran und selbst den Paracelsus hatte er bald, durch fremder Hände Wut, wieder weggeworfen. Es war entsetzlich, wie dieser eine Mensch, der früher um die Hochmeinung anderer bis zur Großtuerei geworben haben sollte, menschensatt geworden war. Alle Lehrer trachteten und warben, offen oder versteckt, um ihre Jünger und brauchten sehr diese durstigen Ohren nach ihrem recht billigen und erbärmlichen Wort. Der allein benötigte niemandes auf Erden mehr. Darum war ihm Sympert vor allem nachgezogen.

Ob er dem Faust auch noch verfallen blieb, wenn der ihn endlich doch vertrauend an sich zöge und sein Wesen vor ihm ausleerte, das ja, wie bei allen Vergänglichen, endlich auch zu Ende gelernt sein mußte?Ja: Und die Helena nicht auch? Alle warben um sie, — nur nicht der unheimliche Fremde. Wenn auch der um sie warb? Vielleicht war das unvernünftig verwöhnte und eitle Mädchen damit satt?

Er sah nach der Base, denn wenn sie sein Schweigen und Nachsinnen mit Ärger oder mit Mißtrauen vermerkte, so war schon vieles gut. Aber das Mädchen schien ihm bloß dankbar zu sein. Sie nahm ihn, als er wieder reden wollte, an der Hand, drückte sie und legte ihm die andere Hand an den Mund. Er sollte weiterschweigen, sie war so froh.

Nein, da schwieg er nicht. „Noch einmal, er ist alt.“

„Dann ist er vollendet und am Ziele der größten Bahn, die ein Mensch jemals durchlaufen hat.“ Das Mädchen hatte sich Zeit und Mühe nehmen müssen, um überhaupt so gefällig zu sein, Antwort zu geben.

„Er ist nicht einmal schlank oder gut gewachsen!“

Helena sah auf. „Dem Wuchse sollte ich, ich nachgehen?“

„Du scheinst deiner eigenen Schönheit satt zu sein.“

„Nein, ich begehre von ihm die endlose und überirdische Schönheit der Seele dazu.“

Das war dem sonst verschwiegenen Jungen zuviel. Nun mußte sein eifersüchtiges und geängstetes Herzemporquillen. Er schämte sich, daß er jetzt zum Verräter wurde, und in seiner Wut über die eigene Scham fand er erst die reißend scharfen Worte zu dem, was jetzt unaufgehalten losbrach.

„Die endlose und überirdische Schönheit! Bist du denn so ahnungslos? Und hätte der verwichene Paracelsus recht, daß es keinen andern Teufel gäbe, als den in der eigenen Brust, dann wäre der Doktor der ungeheuerlichste von allen! Die ewige Schönheit: weißt du, wie er sie sieht? In der Absage an Gott, in der Vernichtung seiner selber und aller, in der Zerstörung des Hauses Gottes, dieser Erde.“

„Wie schön; und wie viel zu groß, um je geschehen zu können,“ lächelte das Mädchen.

„Viel zu groß? So sollst du wissen, daß er ganz gut weiß und es auch vermag, gegen Gott aufzustehen und die Erde in Flammen aufgehen zu machen! Weißt du, wozu er mich anwerben hat wollen? Ich soll ihm helfen, das grausame Mittel, zu dem ihm der Paracelsus Lehrjunge hat sein müssen, in eine entsetzliche Kluft im Tiroler Lande zu gießen, um die allein der König und der Erzbischof wissen und die bis zum Abgrund der Höllen geht. Dort soll sich’s entzünden und so Gottes grüne Erden auseinanderreißenund im überquellenden Feuer und Wasser verschwemmen!“

Das Mädchen sah den Vetter an, wie zu Wachs umgebildet.

„Was für wirres Traumzeug ist das?“ fragte sie.

Er wirbelte noch einmal los und beschwor und bewies es ihr mit vielen, jugendhaft heißen Worten.

Helena Chrysoloras hatte die Augen zugetan.

„Schläfst du gar schon? Hörst du das und bleibst verstockt?“ schrie der verzweifelte Junge.

„Das ist übermenschlich,“ sagte das Mädchen, welches dennoch sehr blaß geworden war.

„Teuflisch,“ redete der junge Mensch in sie hinein. „Der hat sich, weiß Gott, dem Widersacher nicht zu verschreiben gebraucht! Er selber ist es, kann nichts anderes sein!“

„Ah,“ sagte das Mädchen nur, und sie dehnte ihre Arme.

„Was, was um aller heiligen Leiden? Du bewunderst ihn?“

„Nein,“ sagte das Mädchen. „Denn jetzt erst weiß ich, daß er der Liebe bedarf.“

Vor diesen Worten freilich erstarrte der Student.


Back to IndexNext