Das liebste Mädchen indessen wußte, wie schwere Rückfälle in die alte entsetzliche Melancholie ihr einzigster Mann hatte und sie diente ihm auf das zärlichste, aber auch auf das behutsamste und klügste. Da nicht ein Brand der Sinne sie zu ihm gerissen hatte, vermochte sie es, trotz aller Zärtlichkeit und Liebe und Sorge, sich zeitweise von ihm fernzuhalten und so immer seine Sehnlichkeit nach ihr zu schüren. Wenn er dann über die Maßen hungrig nach ihr war, kam sie und gab karg, bescheiden, aber unendlich zärtlich. So blieb Faust vollkommen ihres Wertes bewußt und wurde hingehalten und verzögert, einen Tag um den andern. Bis eben auf jenen trügerisch bestrickenden letzten Novembertag, der ihn an sein vergängliches, im Winter entstandenes Frühlingsglück erinnerte.Zu spät, zu vergänglich! Zu hold und eben darum unerträglicher, als wär es zu rechter Zeit gekommen!Wie Faust nun war, mißtrauisch und immer aufs Völlige und Letzte gierig, wollte er nunmehr erforschen, wie es in der Seele des Mädchens aussehen möchte. Ob ihre Treue aushalten möchte? Auch um den ergrauenden und gebückten Mann? Und ob er, der sich vermaß, der einzige Mensch auf Erden zu gelten, ob er wenigstens dem jungen undschönen Weibe der Erste und der Letzte, kurzum, der Einzige wäre und bliebe?Dann, so wollte er’s in Gottesnamen hinnehmen und einen Vergleich mit Gott eingehen und zufrieden sein, oder zufrieden tun, und sich bezwingen; Amen.Das aber, in die Seele des Mädchens zu blicken, wie in ein klares Brunnenwasser, das vermochte der Doktor gar wohl. Schon daß er, in vielen Gegenden und Gelegenheiten, die Menschen ausgelernt hatte, diente ihm auch hier, und er hätte dem makellosen Mädchen, als erstem Geschöpf auf Erden vielleicht, vollhin vertraut. Aber er wußte mehr und konnte tiefer und weiter forschen. Und das war nun eine seiner schwarzen Künste und er betrieb sie also:Als er eines Tages wußte, daß am Abend das liebe Mädchen zu ihm kommen würde, bereitete er sich den ganzen Tag und sogar die Nacht vorher darauf vor; stärkte sein Innerstes durch Enthaltsamkeit und ließ nichts als unalltägliche Gedanken in sich. Aber auch davon so wenig, als er ihnen nur immer abwehren konnte. Er saß, völlig in sich geschlossen und geklammert, stille, bis die Lebenskraft in ihm weder aus noch ein wußte. Er aber bändigte sie weiter und wußte sogar das Drohen und Blitzenseiner unruhigen Augen in Starre zu bannen, ganz so, als wäre er aller Dinge überdrüssig, apathisch und gleichgültig wie ein hinsterbendes Tier, das nichts mehr auf Erden begehrt.Gegen Abend dann erhob er sich langsam und nahm ein großes Stück Holzkohle. Mit dem beschrieb er, sich mächtig ausdehnend, einen Zirkel auf den Estrich seiner Stube. Der Zirkel war etwa so groß wie ein sehr enges Brunnenloch; nicht mehr als anderthalb Ellen im Durchmesser.Nun begann er das Rund mit schwarzer Kohle auszustreichen und er zog seine breiten, dunklen Striche mit etwa solchen Bewegungen, wie eine Katze tut, wenn sie erwacht und sich dehnt, um die allzu überschüssige Kraft herauszurecken. Oder wie ein gesunder Mensch, der sich nach langem und tiefem Schlafe im Vollgefühl des Übermutes dehnt.So strömte Faustus dasselbe Geheimnis von sich, von dem er im Buche zu Salzburg gelesen hatte: „Wisset, daß es einen wunderbaren Stoff gibt im Körper des Menschen, genannt Luz. Der ist des Menschen ganze Kraft und Tüchtigkeit, zugleich die Wurzel und der Boden von allem Sein. Und wenn der Mensch vergeht, so stirbt und vergeht diese Kraft nicht und löst sich dabei nicht auf, wie der Zufall desKörpers. Selbst wenn sie auf einmal in das größte Feuer getan würde, so brennt sie und verzehrt sich nicht. Sie kann auch nicht geteilt werden und zerbrochen oder zerstampft oder zermahlen, sondern sie ist ewigdauernd. Im Menschen und nach dessen Hinscheiden, so wie geschrieben steht im Ecclesiastica 26:Et ossa sorum impingabit.“Diese Kraft nun, die Himmel und Erde und alle Fernen gleicherweise durchpulst und alles erschauern macht, was geschaffen oder noch ungeschaffen ist, gab Faust, der ihrer Herr geworden war, mit einer Art Grauens von sich hin, so daß sich ihm die Haare knisternd hoben und sich sträubten, wie bei einem, der arg entsetzt ist. Er aber bestrich das ganze Rund völlig mit der schwarzen Kohle und streckte und dehnte das hinein, was törichte Menschen den Willen nennen, was aber gar nicht ihrer ist, sondern des unheimlichen Allbelebers Geheimnis.Es kam nun das Mädchen.Wenig geheimnisvoll, sondern unbefangen tuend, empfing sie Faust und sprach von vielen Dingen, aber nicht besonders zuredentlich. Sondern er lauerte leise dahin, wie sie immer mehr von dem schwarzen Rund gefangen genommen wurde, wie ihr der Atem schon etwas kürzer werden wollte und sie, je längerje mehr, nach dem dunklen Kreise starrte, so daß ihr zuletzt die Augen weit und angstvoll wurden und sie nicht mehr loskonnte von dem, was sie unwiderstehlich dorthinzog.„Eva, laß ab,“ sagte Faust, freundlich prüfend. „Hast doch schon mehrere kabbalistische Charaktere bei mir gesehen und doch nicht begehrt, in sie einzudringen. Wirst mir auch jetzt nicht neugierig sein.“Helena schüttelte die Locken aus dem Gesicht wie wirre Gedanken. Sie versuchte, sie zu sammeln. Aber bald umging sie, im Kreise, wieder den schwarzen Fleck. Immer näher kam sie ihm, es zog sie mit unwiderstehlichen Gewalten hin. Mehr, viel mehr, als der Schwindel den Erbleichenden an hoher Wand aus der Tiefe her erbeben macht, — aber ähnlich.„Daß du mir nicht zu nahe herantrittst,“ schrie Faust ihr bedrohend zu: „Es ist dort, wie ein tiefer Brunnen; abgrundtief, daraus die Vergangenheit steigen kann und auch die Zukunft, so sehr reicht er bis an die Ewigkeit hin! Du würdest hineintaumeln und dich zerstürzen! Um aller Kräfte willen, geh nicht zu nah heran und betritt den Kreis nicht! Hinunterschauen aber magst du immerhin.“Leichenblaß und zitternd schritt das Mädchen hinzu und die Knie schlotterten ihm so sehr, daß Faustjeden Augenblick zu ihr zu springen bereit war, um sie zu halten. Aber sie stürzte dennoch nicht, sondern vermochte sich, auf versagenden Füßen, schwer und schleppend, zu erhalten.„Was hast du?“ fragte Faust.Das bejammernswerte Geschöpf, das jetzt nicht einmal mehr schön zu nennen war, so entstellt war es vor Schwäche, Neugier und Entsetzen, brach in ein irrsinniges, verlegenes Kichern aus.„Was hast du?“ wiederholte er. Da kicherte sie noch gepreßter und lachte dann krämpfig und schrill auf.„Gesteh’s nur ruhig. Knie’ daran hin und schau dich satt; es soll dir keine Schande sein,“ tröstete er. Da kniete sie an den Rand des schwarzen Fleckes, und nun schien ihr wohler zu werden. Der Schwindel ließ nach, der Angstschweiß verflog langsam und das Grauen verwandelte sich in eine Art Jammer; dann in Mitleid, später in Teilnahme, zuletzt in Entzücken.„Nun, was siehst du?“ fragte Faust, mit nachschleichenden Augen.„Kinder, holde Kinder, wie Engelsputten,“ rief sie mit mütterlich überquellender Liebe. Beinahe jauchzte das Mädchen.Sie vergaß des Schwindels vor der schwarzen Brunnentiefe, die aus unermeßlichen Abgründen bis zu ihr heranreichte und stemmte die lieben Arme zu beiden Seiten auf, während eine unsagbare Verzückung sie holdseliger erscheinen ließ, als jemals. Ihre Farbe war zurückgekommen und ihre Wangen schön und erglühend; ihre Augen schwammen in unermeßlicher Zärtlichkeit und Sehnsucht. „Ah,“ rief sie, als zerpreßte es ihr das Herz und die weiße Kehle. „Ah!“„Red’ dir’s von der Seele,“ riet Faust mit erbebender Stimme.Da fuhr sie zögernd, dann aber immer reißender, fort in ihren Gesichten. „Du, du, Zunächstes, du Kleines, Kleines!“Sie sah sich nach dem Manne um, der abseits stand, das nachdenkliche Antlitz gesenkt und die Hand in den Bart und um das Kinn geklammert. „Siehst du nicht her? Jammert es dich nicht? Es bewegt die reizenden, die vollen Lippen, und die hat es von dir. Und es hat den schauenden Blick der Augen von dir, das geht mir bis ins tiefste! Du, Johannes! Hörst du, es bewegt die Lippen, aber es möchte gar nicht saugen. Reden möcht es, denk dir Johannes!“ Ihre Stimme verschlug sich beinahevor Mitleid und Liebe und bekam einen zauberisch süßen, flehenden Ton: „Sie alle möchten schon reden, denk dir, du, du, hilf zu!“Und mit herzzerreißendem Blick: „Sie wollen Mutti sagen!“Eine Weile starrte sie hinunter, dann fügte sie mit einem Schmerze und einer Gequältheit ohnemaßen hinzu: „Und dürfen nicht!“Sie stöhnte in Sehnsucht, dann lief ihre Rede weiter: „Aber du, sie haben doch alle deine Augen, deine trotzigen, deine scheuen, deine verdunkelten, geheimnisreichen Augen! Nur den Hals, den haben sie von mir. Oh du, sie haben gar keine hohen, starken Schultern! Rund, rund und lieblich ja, aber nicht belastet! Eins von ihnen kann sich jetzt nimmer halten. Du, du! O die runden Ärmchen, wie sie sich stemmen! Hilf, es will klettern. Die wehrlosen Knielein, wie sie sich abmühen, und finden keinen Halt am Rande und — — Faust! Faust!“Mit der entsetzlichen Angst des Tieres, das nicht selber sterben darf um der Jungen willen, sondern sie verderben sehen muß, was unbeschreiblich grausam ist, rief sie: „Ich lass’ es nicht zu, ich will nicht! Lieber will ich selber mit ihnen — —!“Ein so entsetzlicher Schrei gellte aus der Kehle des gequälten Mädchens, welches ihr junges Volk immer schwächer zu ihr streben und haltlos gleiten, ja zu stürzen beginnen sah, daß Faust mit einem jähen Sprunge heranschnaubte, sie zurückstieß, so daß sie hintenüber in Ohnmacht sank und seinen roten Mantel über das schwarze Rund hinwarf. Das Mädchen hätte sich sonst zu den stürzenden Kleinen in den Abgrund geworfen und wäre, auf dem magischen Kreise, tot liegen geblieben.Schwer, wild und schwer atmete der erschütterte Mann.Und er stand lange Zeit, schaudernd. Viele Künste hatte er geübt und oft war er über einen Hingestürzten weggeschritten, dem die Magie Herz und Seele verklammt und ihn getötet hatte. Das, jetzt aber, war ihm bis in die Nieren gegangen. Er vermochte selber nur mit Anstrengung zu stehen und zu atmen. Starr blickte er auf das wesenlose Bündelchen Leib, wie es da lag, zusammengekauert, sowie er es hingestoßen und es seine Besinnung verloren hatte. Endlich raffte er sich zusammen und ging, mit einem keuchenden Seufzer, nach Mixturen. Dann redete er ihr ruhig zu. Von dem, was er sagte, sind ihr später die Verse erhalten geblieben,die er mit dem tiefsten Mitleide und väterlicher Milde sprach:„Was willst denn du?Die ewig Unruh oder ewig Ruh?Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit,Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut.Die Hast, die ist ein ewiger Herod’,Der mord’t dein Kind und gibt dir selbst den Tod.“Mehr unter dem Ton seiner Stimme, als unter solchen Worten schlug sie gänzlich andere, irre, hilflose, aber nur mehr verwunderte Augen auf. Nichts an ihr schien mehr gestört; sie war bloß wie nach einem schweren Traume, von dem sie nichts mehr wußte. Wie zerschlagen.Nur aus ihrer elfenbeinweißen Haut dampfte immer noch die Angst, und Faust erschauerte, als hätte er ein andres Wesen in den Armen. Sonst hatte das einzige Mädchen einen Duft, behaglich, wie heiß angeplättetes Linnen; hausmütterlich und lieb. Jetzt spürte er Fremdes, ihm Feindliches an ihr und als sie sich erholt und auf viele verwunderte Fragen nur dürftige Antwort erhalten hatte: „Dir ist schlecht worden,“ oder „Geh nun zum Vater, ichhabe Angst um dich,“ da mußte sie sich doch zum Fortgehen anschicken, war deshalb traurig, entschuldigte sich, verwundert und verwirrt, daß sie ihm statt Liebe und Lust nur Schrecken gebracht hätte und ging endlich, auf ihren schwachen, zitternden Füßen fort in die Nacht hinaus und nach Hause. Sie schämte sich sehr.Hinter ihr aber ballte sich Faustens Seele schwarz und grimmig zusammen wie Wettergewölk.

Das liebste Mädchen indessen wußte, wie schwere Rückfälle in die alte entsetzliche Melancholie ihr einzigster Mann hatte und sie diente ihm auf das zärlichste, aber auch auf das behutsamste und klügste. Da nicht ein Brand der Sinne sie zu ihm gerissen hatte, vermochte sie es, trotz aller Zärtlichkeit und Liebe und Sorge, sich zeitweise von ihm fernzuhalten und so immer seine Sehnlichkeit nach ihr zu schüren. Wenn er dann über die Maßen hungrig nach ihr war, kam sie und gab karg, bescheiden, aber unendlich zärtlich. So blieb Faust vollkommen ihres Wertes bewußt und wurde hingehalten und verzögert, einen Tag um den andern. Bis eben auf jenen trügerisch bestrickenden letzten Novembertag, der ihn an sein vergängliches, im Winter entstandenes Frühlingsglück erinnerte.

Zu spät, zu vergänglich! Zu hold und eben darum unerträglicher, als wär es zu rechter Zeit gekommen!

Wie Faust nun war, mißtrauisch und immer aufs Völlige und Letzte gierig, wollte er nunmehr erforschen, wie es in der Seele des Mädchens aussehen möchte. Ob ihre Treue aushalten möchte? Auch um den ergrauenden und gebückten Mann? Und ob er, der sich vermaß, der einzige Mensch auf Erden zu gelten, ob er wenigstens dem jungen undschönen Weibe der Erste und der Letzte, kurzum, der Einzige wäre und bliebe?

Dann, so wollte er’s in Gottesnamen hinnehmen und einen Vergleich mit Gott eingehen und zufrieden sein, oder zufrieden tun, und sich bezwingen; Amen.

Das aber, in die Seele des Mädchens zu blicken, wie in ein klares Brunnenwasser, das vermochte der Doktor gar wohl. Schon daß er, in vielen Gegenden und Gelegenheiten, die Menschen ausgelernt hatte, diente ihm auch hier, und er hätte dem makellosen Mädchen, als erstem Geschöpf auf Erden vielleicht, vollhin vertraut. Aber er wußte mehr und konnte tiefer und weiter forschen. Und das war nun eine seiner schwarzen Künste und er betrieb sie also:

Als er eines Tages wußte, daß am Abend das liebe Mädchen zu ihm kommen würde, bereitete er sich den ganzen Tag und sogar die Nacht vorher darauf vor; stärkte sein Innerstes durch Enthaltsamkeit und ließ nichts als unalltägliche Gedanken in sich. Aber auch davon so wenig, als er ihnen nur immer abwehren konnte. Er saß, völlig in sich geschlossen und geklammert, stille, bis die Lebenskraft in ihm weder aus noch ein wußte. Er aber bändigte sie weiter und wußte sogar das Drohen und Blitzenseiner unruhigen Augen in Starre zu bannen, ganz so, als wäre er aller Dinge überdrüssig, apathisch und gleichgültig wie ein hinsterbendes Tier, das nichts mehr auf Erden begehrt.

Gegen Abend dann erhob er sich langsam und nahm ein großes Stück Holzkohle. Mit dem beschrieb er, sich mächtig ausdehnend, einen Zirkel auf den Estrich seiner Stube. Der Zirkel war etwa so groß wie ein sehr enges Brunnenloch; nicht mehr als anderthalb Ellen im Durchmesser.

Nun begann er das Rund mit schwarzer Kohle auszustreichen und er zog seine breiten, dunklen Striche mit etwa solchen Bewegungen, wie eine Katze tut, wenn sie erwacht und sich dehnt, um die allzu überschüssige Kraft herauszurecken. Oder wie ein gesunder Mensch, der sich nach langem und tiefem Schlafe im Vollgefühl des Übermutes dehnt.

So strömte Faustus dasselbe Geheimnis von sich, von dem er im Buche zu Salzburg gelesen hatte: „Wisset, daß es einen wunderbaren Stoff gibt im Körper des Menschen, genannt Luz. Der ist des Menschen ganze Kraft und Tüchtigkeit, zugleich die Wurzel und der Boden von allem Sein. Und wenn der Mensch vergeht, so stirbt und vergeht diese Kraft nicht und löst sich dabei nicht auf, wie der Zufall desKörpers. Selbst wenn sie auf einmal in das größte Feuer getan würde, so brennt sie und verzehrt sich nicht. Sie kann auch nicht geteilt werden und zerbrochen oder zerstampft oder zermahlen, sondern sie ist ewigdauernd. Im Menschen und nach dessen Hinscheiden, so wie geschrieben steht im Ecclesiastica 26:Et ossa sorum impingabit.“

Diese Kraft nun, die Himmel und Erde und alle Fernen gleicherweise durchpulst und alles erschauern macht, was geschaffen oder noch ungeschaffen ist, gab Faust, der ihrer Herr geworden war, mit einer Art Grauens von sich hin, so daß sich ihm die Haare knisternd hoben und sich sträubten, wie bei einem, der arg entsetzt ist. Er aber bestrich das ganze Rund völlig mit der schwarzen Kohle und streckte und dehnte das hinein, was törichte Menschen den Willen nennen, was aber gar nicht ihrer ist, sondern des unheimlichen Allbelebers Geheimnis.

Es kam nun das Mädchen.

Wenig geheimnisvoll, sondern unbefangen tuend, empfing sie Faust und sprach von vielen Dingen, aber nicht besonders zuredentlich. Sondern er lauerte leise dahin, wie sie immer mehr von dem schwarzen Rund gefangen genommen wurde, wie ihr der Atem schon etwas kürzer werden wollte und sie, je längerje mehr, nach dem dunklen Kreise starrte, so daß ihr zuletzt die Augen weit und angstvoll wurden und sie nicht mehr loskonnte von dem, was sie unwiderstehlich dorthinzog.

„Eva, laß ab,“ sagte Faust, freundlich prüfend. „Hast doch schon mehrere kabbalistische Charaktere bei mir gesehen und doch nicht begehrt, in sie einzudringen. Wirst mir auch jetzt nicht neugierig sein.“

Helena schüttelte die Locken aus dem Gesicht wie wirre Gedanken. Sie versuchte, sie zu sammeln. Aber bald umging sie, im Kreise, wieder den schwarzen Fleck. Immer näher kam sie ihm, es zog sie mit unwiderstehlichen Gewalten hin. Mehr, viel mehr, als der Schwindel den Erbleichenden an hoher Wand aus der Tiefe her erbeben macht, — aber ähnlich.

„Daß du mir nicht zu nahe herantrittst,“ schrie Faust ihr bedrohend zu: „Es ist dort, wie ein tiefer Brunnen; abgrundtief, daraus die Vergangenheit steigen kann und auch die Zukunft, so sehr reicht er bis an die Ewigkeit hin! Du würdest hineintaumeln und dich zerstürzen! Um aller Kräfte willen, geh nicht zu nah heran und betritt den Kreis nicht! Hinunterschauen aber magst du immerhin.“

Leichenblaß und zitternd schritt das Mädchen hinzu und die Knie schlotterten ihm so sehr, daß Faustjeden Augenblick zu ihr zu springen bereit war, um sie zu halten. Aber sie stürzte dennoch nicht, sondern vermochte sich, auf versagenden Füßen, schwer und schleppend, zu erhalten.

„Was hast du?“ fragte Faust.

Das bejammernswerte Geschöpf, das jetzt nicht einmal mehr schön zu nennen war, so entstellt war es vor Schwäche, Neugier und Entsetzen, brach in ein irrsinniges, verlegenes Kichern aus.

„Was hast du?“ wiederholte er. Da kicherte sie noch gepreßter und lachte dann krämpfig und schrill auf.

„Gesteh’s nur ruhig. Knie’ daran hin und schau dich satt; es soll dir keine Schande sein,“ tröstete er. Da kniete sie an den Rand des schwarzen Fleckes, und nun schien ihr wohler zu werden. Der Schwindel ließ nach, der Angstschweiß verflog langsam und das Grauen verwandelte sich in eine Art Jammer; dann in Mitleid, später in Teilnahme, zuletzt in Entzücken.

„Nun, was siehst du?“ fragte Faust, mit nachschleichenden Augen.

„Kinder, holde Kinder, wie Engelsputten,“ rief sie mit mütterlich überquellender Liebe. Beinahe jauchzte das Mädchen.

Sie vergaß des Schwindels vor der schwarzen Brunnentiefe, die aus unermeßlichen Abgründen bis zu ihr heranreichte und stemmte die lieben Arme zu beiden Seiten auf, während eine unsagbare Verzückung sie holdseliger erscheinen ließ, als jemals. Ihre Farbe war zurückgekommen und ihre Wangen schön und erglühend; ihre Augen schwammen in unermeßlicher Zärtlichkeit und Sehnsucht. „Ah,“ rief sie, als zerpreßte es ihr das Herz und die weiße Kehle. „Ah!“

„Red’ dir’s von der Seele,“ riet Faust mit erbebender Stimme.

Da fuhr sie zögernd, dann aber immer reißender, fort in ihren Gesichten. „Du, du, Zunächstes, du Kleines, Kleines!“

Sie sah sich nach dem Manne um, der abseits stand, das nachdenkliche Antlitz gesenkt und die Hand in den Bart und um das Kinn geklammert. „Siehst du nicht her? Jammert es dich nicht? Es bewegt die reizenden, die vollen Lippen, und die hat es von dir. Und es hat den schauenden Blick der Augen von dir, das geht mir bis ins tiefste! Du, Johannes! Hörst du, es bewegt die Lippen, aber es möchte gar nicht saugen. Reden möcht es, denk dir Johannes!“ Ihre Stimme verschlug sich beinahevor Mitleid und Liebe und bekam einen zauberisch süßen, flehenden Ton: „Sie alle möchten schon reden, denk dir, du, du, hilf zu!“

Und mit herzzerreißendem Blick: „Sie wollen Mutti sagen!“

Eine Weile starrte sie hinunter, dann fügte sie mit einem Schmerze und einer Gequältheit ohnemaßen hinzu: „Und dürfen nicht!“

Sie stöhnte in Sehnsucht, dann lief ihre Rede weiter: „Aber du, sie haben doch alle deine Augen, deine trotzigen, deine scheuen, deine verdunkelten, geheimnisreichen Augen! Nur den Hals, den haben sie von mir. Oh du, sie haben gar keine hohen, starken Schultern! Rund, rund und lieblich ja, aber nicht belastet! Eins von ihnen kann sich jetzt nimmer halten. Du, du! O die runden Ärmchen, wie sie sich stemmen! Hilf, es will klettern. Die wehrlosen Knielein, wie sie sich abmühen, und finden keinen Halt am Rande und — — Faust! Faust!“

Mit der entsetzlichen Angst des Tieres, das nicht selber sterben darf um der Jungen willen, sondern sie verderben sehen muß, was unbeschreiblich grausam ist, rief sie: „Ich lass’ es nicht zu, ich will nicht! Lieber will ich selber mit ihnen — —!“

Ein so entsetzlicher Schrei gellte aus der Kehle des gequälten Mädchens, welches ihr junges Volk immer schwächer zu ihr streben und haltlos gleiten, ja zu stürzen beginnen sah, daß Faust mit einem jähen Sprunge heranschnaubte, sie zurückstieß, so daß sie hintenüber in Ohnmacht sank und seinen roten Mantel über das schwarze Rund hinwarf. Das Mädchen hätte sich sonst zu den stürzenden Kleinen in den Abgrund geworfen und wäre, auf dem magischen Kreise, tot liegen geblieben.

Schwer, wild und schwer atmete der erschütterte Mann.

Und er stand lange Zeit, schaudernd. Viele Künste hatte er geübt und oft war er über einen Hingestürzten weggeschritten, dem die Magie Herz und Seele verklammt und ihn getötet hatte. Das, jetzt aber, war ihm bis in die Nieren gegangen. Er vermochte selber nur mit Anstrengung zu stehen und zu atmen. Starr blickte er auf das wesenlose Bündelchen Leib, wie es da lag, zusammengekauert, sowie er es hingestoßen und es seine Besinnung verloren hatte. Endlich raffte er sich zusammen und ging, mit einem keuchenden Seufzer, nach Mixturen. Dann redete er ihr ruhig zu. Von dem, was er sagte, sind ihr später die Verse erhalten geblieben,die er mit dem tiefsten Mitleide und väterlicher Milde sprach:

„Was willst denn du?Die ewig Unruh oder ewig Ruh?Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit,Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut.Die Hast, die ist ein ewiger Herod’,Der mord’t dein Kind und gibt dir selbst den Tod.“

„Was willst denn du?Die ewig Unruh oder ewig Ruh?Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit,Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut.Die Hast, die ist ein ewiger Herod’,Der mord’t dein Kind und gibt dir selbst den Tod.“

„Was willst denn du?Die ewig Unruh oder ewig Ruh?Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit,Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut.Die Hast, die ist ein ewiger Herod’,Der mord’t dein Kind und gibt dir selbst den Tod.“

Mehr unter dem Ton seiner Stimme, als unter solchen Worten schlug sie gänzlich andere, irre, hilflose, aber nur mehr verwunderte Augen auf. Nichts an ihr schien mehr gestört; sie war bloß wie nach einem schweren Traume, von dem sie nichts mehr wußte. Wie zerschlagen.

Nur aus ihrer elfenbeinweißen Haut dampfte immer noch die Angst, und Faust erschauerte, als hätte er ein andres Wesen in den Armen. Sonst hatte das einzige Mädchen einen Duft, behaglich, wie heiß angeplättetes Linnen; hausmütterlich und lieb. Jetzt spürte er Fremdes, ihm Feindliches an ihr und als sie sich erholt und auf viele verwunderte Fragen nur dürftige Antwort erhalten hatte: „Dir ist schlecht worden,“ oder „Geh nun zum Vater, ichhabe Angst um dich,“ da mußte sie sich doch zum Fortgehen anschicken, war deshalb traurig, entschuldigte sich, verwundert und verwirrt, daß sie ihm statt Liebe und Lust nur Schrecken gebracht hätte und ging endlich, auf ihren schwachen, zitternden Füßen fort in die Nacht hinaus und nach Hause. Sie schämte sich sehr.

Hinter ihr aber ballte sich Faustens Seele schwarz und grimmig zusammen wie Wettergewölk.


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