Dann war der letzte Tag des eintausendfünfhunderteinundvierzigsten Jahres nach der Geburt des Herrn.Wieder ein Jahr herum. „O weh, wohin sind gangen alle?“ — — —Der Faustus war jetzt vollkommen einsam und gar niemand kam zu ihm: Kein Kranker, kein forschbegieriger Student. Dunkle Kunde von einem greulichen Unglück, das er im Lande Tirol angerichtet oder an dem er doch mitschuldig geworden war, tröpfelte bis in das Städtlein, vor dessen Toren er, einsam und gemieden, seinen letzten Schlupfwinkel bezogen hatte.Wieder ein Jahr herum! Ein Jahr, in welchem ihm das schönste Mädchen aus antikem Blut, das liebreichste Weib der Christenheit hätte können beschert sein. Er hatte es in frevlem Übermut zurückgewiesen und das wunderbare Gebilde Gottes zerstört. Das war das Werk dieses Jahres gewesen. Er hatte Mord angestiftet an einem Manne, der ehrlicher und tiefer seinen Lebensweg gegangen war,als er und der Menschheit große Geheimnisse freigegraben hatte. Er hatte dann das Werk Satanas auf eigene Schultern laden wollen, und? Und hatte ein mittelgroßes Bergwerksgräuel angerichtet, das vielleicht sogar bald vergessen gemacht werden konnte, wenn der römische König sehr verlegen darüber geworden war.Nichts, nichts. Zerstürzt, verjammert, verhöhnt und umsonst war dies Jahr gewesen, wie alle andern. Der tiefgebückte, graue Faust, der jetzt noch viel älter aussah, als er war, saß, krummgezogen von seinem Elend und seiner entnervenden Kleinheit im kahlen, scharfriechenden Laboratorium und fror jämmerlich. Niemand fachte ihm Feuer an. Zuletzt, als er zu all’ seinem Elend den Schüttelfrost bekam, stand er doch selber aus seiner müden Willenlosigkeit auf und legte Scheite und zusammengescharrtes Reisig in den Kamin. Aus der Stadt herüber schlugen die Uhren die elfte Nachtstunde. Der Südwind fegte durchs Rheintal, kam aus dem Münstertal herzu und umkreiselte heulend das Haus. Die Flamme kämpfte und Faust schaute dem unschuldig gebliebenen Höllenkinde zu, das er immer geliebt hatte. Die Wärme kroch an ihn heran. Etwas, wie eine Bereitschaft, weiterzuleben, wagtein ihm, schmerzlich zuckend, aufzuwachen. Er dachte daran, wie jetzt in den Reben vor seinem Häuschen ein erstes Ahnen aufträumen mochte, daß es wieder ein Weinjahr geben könnte. In diesen Tagen stellten die Weinbauern die abgeschnittenen Probezweiglein ins Wasser und beobachteten scharf, wieviel Kraft heuer in den Ranken angesammelt sein möchte. Trieben sie übermütig und viel, so war, wenigstens der Menge nach, ein gutes Jahr zu erwarten. Faust dachte daran, wie die Weingärten den ganzen Berg über dem Städtlein bis zum Schlosse hinaufkletterten und im Sommer übermütig grüne Fähnlein schwenkten. Wär’ man doch nur eine Pflanze! Wär’ man doch nur eine Rebe und kein Mensch! Wieviel Freuden, wieviel Erlösung geben die. Und er?Ach, er wäre auch als Weinstock so geworden, daß bei dessen Trunk die Menschen sich viehwütig in die Haare und an den Hals gesprungen wären!Er hatte der Liebe nicht. Er war verflucht und nun mußte er noch erleben, daß er zur Kleinheit verflucht war. Das hatte er noch niemals in seinem Leben wahrhaben wollen.Was kam noch? Was stand noch vor ihm?Eine Uhr tickte stark und langsam in der Stubedes Faust. Die eisernen, großen Räder taten einen harten Gang durch Myriadenstäubchen der Zeit hindurch, welche sie messen mußten. Hoffnungslos horchte der Faustus hin. Es ist ja dem gesunden Menschen zu Nacht schon das Uhrticken oft, als versickere da sein Blut und er müsse zuhören, wie ein jedes Tröpflein, mit dem Pendelschlagen zugleich, in den unterirdischen See der Trostlosigkeit hineinträufelte. Nun aber er, in des Jahres letzter Stunde: in eines solchen Jahres letzter Stunde! Gealtert, elend geworden, ruiniert bis in den letzten Winkel der Seele. Und dabei das habgierige Anklammern des beginnenden Greises im Herzen, das sich mit einem Male sonderbar geizig werdend, mit mageren Avarenfingern an das abgedorrte Leben krallt.Die Uhr ging, gleichmütig, als stünde sie da als Anwalt des Gottes wie er ihn sah: ewig gesetzesstarr, fühllos, und mit der gleichen Grausamkeit. Aus verödeten Augen sah der Faustus hin auf sie und verstand sie.Eisiges Grauen kroch ihm über den sorgenhohgewordenen Rücken herauf. Er wollte die Gespensterkatze, die ihm da am Buckel entlangschlich, wegschütteln und fuhr herum. Da sah er in einenSpiegel und erblickte sich selber. Er entsetzte sich mehr, als wenn er irgend etwas Jenseitiges gesehen hätte.Unmöglich war es, daß er sich auch nur einen Augenblick länger betrachten konnte. Er wendete sich trostlos und dumpf verzweifelnd nach dem Fenster und wollte in die Nacht schauen. Denn da war doch wenigstens das Nichts; nicht das zerreißende Etwas, der anklagende Rest dessen, der sich Faustus genannt hatte und der ihn leerer ansah, als ein Gespenst.Da aber ward es nur schlimmer. Menschenaugen, freche Menschenaugen stierten aus einem ledergelben, breiten Angesicht von draußen auf ihn.Deutlich sah er die Augen und einen grinsenden Mund mit mehreren, ungleichen, schwärzlichen Zähnen. Da ging es einmal umgekehrt, als wie es bisher immer ergangen war, wenn der Doktor Johann Faust mit Menschen zusammengeraten war. Er wurde wie eine erstarrende Schlange; er vermochte kein Glied zu rühren und in diesem Stücke Holz, zu dem er erkaltet war, flossen nur unbeschreibliche Ströme des Entsetzens hinauf und hernieder.Es war der Kerl des Geldmannes.Langsam griff er durch eine der zerbrochenen Butzenscheiben, die mit Pergament verklebt war, hindurch und die krallige Hand öffnete den Riegel des Fensters innen; auf taten sich die Flügel. Dann sprang das Geschöpf des Nichts mit einem hunnischen Satze ins Zimmer herein.„Was willst du?“ wollte Faust sagen; aber es erging ihm wie im Traum, wenn uns die Trud Herz und Stimme abdrückt. Bloß seine Lippen bewegten sich, farblos und krampfig.Der Kerl stand auf seinen krummen Beinen vorsichtig da und sah sich ringsumher in der Stube um, ob irgend Fallen da sein könnten oder gar Hilfe für den Doktor. Aber da war nichts als das niederbrennende Kaminfeuer; keine Retorte daran, die platzen hätte können und kein ihm unbekannter Apparat. Ein paar Waffen hingen an den Wänden, die sah die Kotgeburt nur mit Grinsen an. Das Greislein da konnte sich ihrer gegen ihn ja nicht bedienen, der im Gebrauche der Waffen flink und blutdürstig wie ein Wiesel war.Er kam, immer noch etwas behutsam und abwartend, an Faust heran, weil ihm dessen Gebanntsein nicht ganz geheuer vorkam. Vielleicht hatte der endlich festgelegte Fuchs doch noch im Geheimstenirgend eine Finte, die ihm, dem Abrechner noch unbekannt war. Aber er sah, wie das Antlitz des Doktors immer grauer wurde, wie weiße Ringe des Entsetzens sich um dessen Augen bildeten und wie das Weiße der Augen selber immer unnatürlicher groß wurde.Das kannte er und nickte grausam und sachverständig. In den Schlachten, wenn die Kriegsleute der Hundsfott überkam, dann sahen sie so aus. Das Weiße in den Augen wurde entsetzlich groß bei denen, die den Tod erkannten und vorkosteten. Er hatte ihn sicher und fest, den Doktor.Kein Wort war geredet worden.Erwägend und abschätzend kam der krummbeinige Kerl an sein Opfer heran und immer noch konnte sich Faust nicht rühren. Er erkannte in dem nächtlich Gekommenen Den, den er von je vernichten gewollt. Den Häßlichen an Leib und Seele; den Ausgeschämten, den Mord- und Lebensgierigen, den, der nie verdiente, auch nur erfunden und gedacht zu werden und der durch sein Dasein der fürchterlichste Vorwurf war, den man Gott antun konnte.Das, das war „der Mensch“, wie er ihn immer gesehen hatte.Wie er ihn immer wegtilgen gewollt.Der Mensch, den Faustus im tiefsten haßte. Sauber herausmodelliert mit allen Gaben, die bewußte, rettungslose Bestie, die Schandkrone der Schöpfung! Darum die Starrheit Faustens vor dem, was ihm da entgegenlauerte.Noch einmal warf der Kerl einen kurzen Blick um sich, maß die Entfernung, seine Kräfte und Fausti Gestalt, und fuhr ihm dann an die Kehle.Als die hornigen Hände sich um seinen Hals würgten, da erst konnte Faust ringen, ankämpfen und schreien. Er wußte, heute war die Nacht nicht hilfelos! Heute warteten die Bürger auf den Neujahrschoral, den die Trompeten, Zinken und Waldhörner vom Turme bliesen. Heute war das Städtlein Staufen wach: „Hilfe, Hilfe, ihr guten Leut!“Der Kerl, der ihm am Halse saß, ärgerte sich bis zur Gelbwut. Das Doktornichts wehrte sich jetzt? Es zeigte Kräfte, körperliches Strampeln, während es sein lebelang nur immer mit dem sogenannten Geist gefackelt hatte? Ei, der wilde Studentenonkel versuchte diesmal nicht zu gaukeln, sondern krümmte und wand sich wie ein ganz rechtschaffener Wurm! Immer wieder entkam der runzlig werdende Hals aus den würgenden Klauen. Immer wieder schrie Faust mit halber, ja zuweilen sogarmit ganzer Stimme um Hilfe? Seht an, seht an, man muß doch fester zufassen. Daß das vermaledeite Fenster auch offenstand!Im Hin- und Herpoltern stürzten Bücher, Stühle, Gestelle mit Phiolen und Gläsern durch- und übereinander. Es wurde ein Höllenspektakel, der geschwind ein Ende haben mußte. So warf der Kerl den Doktor darnieder, preßte ihm seine festen, durch tolles Reiten ausgedrehten Knie auf Brust und Hals und würgte nun aus wilden Lüsten darauflos. Jetzt zeterte das Doktorlein nimmer.Der Kerl hätte schon gerne losgelassen; aber aus Pflichtgefühl und Sicherheit würgte er immer noch weiter, auch als er wissen konnte, es müßte längst zuende sein. Dabei horchte er immerzu nach dem Fenster, ob man käme oder ob man gar sein Pferd entdeckt hätte, das in einem Weingartwächterhäuslein versteckt war.Aber die Nacht war so stille, wie der Faustus selber.Da stand der Gesell des reichen Herrn grinsend auf, sah noch einmal zum Fenster hinaus, nickte dem starren Menschenbündel am Boden zu und zog ein schweres, kupfernes Pulverhorn heraus, an dem vorbereitet eine kurze Zündschnur hing. Das band er dem Regungslosen an den Hals, holte sich aus demKamin einen Brand und zündete an. Dann sprang er katzengeschwind zum Fenster hinaus und schloß es, so gut es gehen wollte.Dreihundert Schritte davon wartete sein Pferd und schnaubte ihn unruhig an, weil er fremd roch. Er nahm es am Halfter und führte es, immer neu horchend und innehaltend, an die Straße, die gegen den Rhein zuführt. Einmal wäre er beinahe umgekehrt, um, ungeduldig, nochmals nach dem Rechten zu sehen. Da aber geschah ein Lichtblitz im einsamen Häuslein des Faust und ein mächtiger Knall folgte. Jetzt war er ganz zufrieden.Mochten sie es im Städtle gehört haben. Man sah es dem Zerrissenen jetzt nimmer sehr gut an, wer ihn so greulich mißhandelt hatte. Es war sehr gut, daß er sein lebelang den Teufel „Herr Schwager“ genannt.Das kam ihm so unwiderstehlich vor, daß er für den Leibhaftigen gehalten werden sollte von den Spießern, daß er Lachkrämpfe kriegte.„Hahahahahahaha,“ gellte es durch die Nachtstille, bis er sich endlich wieder zuwegekriegte und seinem Roß ein paar Sporne gab.Denn jetzt fingen die Neujahrschoräle an von dem Pfarrkirchturm gar erbaulich auf die liebe Christenheitherunterzublasen. Er machte, daß er außer Hörweite kam.Weidlich tutete ihm die Bürgerfrömmigkeit nach, so daß es ihn beinahe zu ärgern begann. Dann aber wurden die Töne schwächer; noch ein Akkord, dann war es aus und die Uhren schlugen die erste Viertelstunde des neuen Jahres.Die ganze Nacht ritt er und dachte, um es sich hübscher zu machen, immerfort daran, daß er sich mit dem Gelde Wein, und Pluderhosen zu seinen etwas wenig gelungenen Beinen kaufen konnte. Und vor allem, was für Dirnen! Feurige Dirnen!Mit heiserer Stimme sang er:„Gott, bescher’ uns Pferd und Rinder,Schöne Weib und noch mehr Kinder!“Er konnte jetzt welche ausstreuen; da und dort, wo er es zahlen wollte; — um dann weiterzuziehen!Denn sieben rheinische Gulden und zwölf Groschen hatte das Leben des Doktors Johann Faust dem Bankier Herrn Chrysoloras gekostet.
Dann war der letzte Tag des eintausendfünfhunderteinundvierzigsten Jahres nach der Geburt des Herrn.
Wieder ein Jahr herum. „O weh, wohin sind gangen alle?“ — — —
Der Faustus war jetzt vollkommen einsam und gar niemand kam zu ihm: Kein Kranker, kein forschbegieriger Student. Dunkle Kunde von einem greulichen Unglück, das er im Lande Tirol angerichtet oder an dem er doch mitschuldig geworden war, tröpfelte bis in das Städtlein, vor dessen Toren er, einsam und gemieden, seinen letzten Schlupfwinkel bezogen hatte.
Wieder ein Jahr herum! Ein Jahr, in welchem ihm das schönste Mädchen aus antikem Blut, das liebreichste Weib der Christenheit hätte können beschert sein. Er hatte es in frevlem Übermut zurückgewiesen und das wunderbare Gebilde Gottes zerstört. Das war das Werk dieses Jahres gewesen. Er hatte Mord angestiftet an einem Manne, der ehrlicher und tiefer seinen Lebensweg gegangen war,als er und der Menschheit große Geheimnisse freigegraben hatte. Er hatte dann das Werk Satanas auf eigene Schultern laden wollen, und? Und hatte ein mittelgroßes Bergwerksgräuel angerichtet, das vielleicht sogar bald vergessen gemacht werden konnte, wenn der römische König sehr verlegen darüber geworden war.
Nichts, nichts. Zerstürzt, verjammert, verhöhnt und umsonst war dies Jahr gewesen, wie alle andern. Der tiefgebückte, graue Faust, der jetzt noch viel älter aussah, als er war, saß, krummgezogen von seinem Elend und seiner entnervenden Kleinheit im kahlen, scharfriechenden Laboratorium und fror jämmerlich. Niemand fachte ihm Feuer an. Zuletzt, als er zu all’ seinem Elend den Schüttelfrost bekam, stand er doch selber aus seiner müden Willenlosigkeit auf und legte Scheite und zusammengescharrtes Reisig in den Kamin. Aus der Stadt herüber schlugen die Uhren die elfte Nachtstunde. Der Südwind fegte durchs Rheintal, kam aus dem Münstertal herzu und umkreiselte heulend das Haus. Die Flamme kämpfte und Faust schaute dem unschuldig gebliebenen Höllenkinde zu, das er immer geliebt hatte. Die Wärme kroch an ihn heran. Etwas, wie eine Bereitschaft, weiterzuleben, wagtein ihm, schmerzlich zuckend, aufzuwachen. Er dachte daran, wie jetzt in den Reben vor seinem Häuschen ein erstes Ahnen aufträumen mochte, daß es wieder ein Weinjahr geben könnte. In diesen Tagen stellten die Weinbauern die abgeschnittenen Probezweiglein ins Wasser und beobachteten scharf, wieviel Kraft heuer in den Ranken angesammelt sein möchte. Trieben sie übermütig und viel, so war, wenigstens der Menge nach, ein gutes Jahr zu erwarten. Faust dachte daran, wie die Weingärten den ganzen Berg über dem Städtlein bis zum Schlosse hinaufkletterten und im Sommer übermütig grüne Fähnlein schwenkten. Wär’ man doch nur eine Pflanze! Wär’ man doch nur eine Rebe und kein Mensch! Wieviel Freuden, wieviel Erlösung geben die. Und er?
Ach, er wäre auch als Weinstock so geworden, daß bei dessen Trunk die Menschen sich viehwütig in die Haare und an den Hals gesprungen wären!
Er hatte der Liebe nicht. Er war verflucht und nun mußte er noch erleben, daß er zur Kleinheit verflucht war. Das hatte er noch niemals in seinem Leben wahrhaben wollen.
Was kam noch? Was stand noch vor ihm?
Eine Uhr tickte stark und langsam in der Stubedes Faust. Die eisernen, großen Räder taten einen harten Gang durch Myriadenstäubchen der Zeit hindurch, welche sie messen mußten. Hoffnungslos horchte der Faustus hin. Es ist ja dem gesunden Menschen zu Nacht schon das Uhrticken oft, als versickere da sein Blut und er müsse zuhören, wie ein jedes Tröpflein, mit dem Pendelschlagen zugleich, in den unterirdischen See der Trostlosigkeit hineinträufelte. Nun aber er, in des Jahres letzter Stunde: in eines solchen Jahres letzter Stunde! Gealtert, elend geworden, ruiniert bis in den letzten Winkel der Seele. Und dabei das habgierige Anklammern des beginnenden Greises im Herzen, das sich mit einem Male sonderbar geizig werdend, mit mageren Avarenfingern an das abgedorrte Leben krallt.
Die Uhr ging, gleichmütig, als stünde sie da als Anwalt des Gottes wie er ihn sah: ewig gesetzesstarr, fühllos, und mit der gleichen Grausamkeit. Aus verödeten Augen sah der Faustus hin auf sie und verstand sie.
Eisiges Grauen kroch ihm über den sorgenhohgewordenen Rücken herauf. Er wollte die Gespensterkatze, die ihm da am Buckel entlangschlich, wegschütteln und fuhr herum. Da sah er in einenSpiegel und erblickte sich selber. Er entsetzte sich mehr, als wenn er irgend etwas Jenseitiges gesehen hätte.
Unmöglich war es, daß er sich auch nur einen Augenblick länger betrachten konnte. Er wendete sich trostlos und dumpf verzweifelnd nach dem Fenster und wollte in die Nacht schauen. Denn da war doch wenigstens das Nichts; nicht das zerreißende Etwas, der anklagende Rest dessen, der sich Faustus genannt hatte und der ihn leerer ansah, als ein Gespenst.
Da aber ward es nur schlimmer. Menschenaugen, freche Menschenaugen stierten aus einem ledergelben, breiten Angesicht von draußen auf ihn.
Deutlich sah er die Augen und einen grinsenden Mund mit mehreren, ungleichen, schwärzlichen Zähnen. Da ging es einmal umgekehrt, als wie es bisher immer ergangen war, wenn der Doktor Johann Faust mit Menschen zusammengeraten war. Er wurde wie eine erstarrende Schlange; er vermochte kein Glied zu rühren und in diesem Stücke Holz, zu dem er erkaltet war, flossen nur unbeschreibliche Ströme des Entsetzens hinauf und hernieder.
Es war der Kerl des Geldmannes.
Langsam griff er durch eine der zerbrochenen Butzenscheiben, die mit Pergament verklebt war, hindurch und die krallige Hand öffnete den Riegel des Fensters innen; auf taten sich die Flügel. Dann sprang das Geschöpf des Nichts mit einem hunnischen Satze ins Zimmer herein.
„Was willst du?“ wollte Faust sagen; aber es erging ihm wie im Traum, wenn uns die Trud Herz und Stimme abdrückt. Bloß seine Lippen bewegten sich, farblos und krampfig.
Der Kerl stand auf seinen krummen Beinen vorsichtig da und sah sich ringsumher in der Stube um, ob irgend Fallen da sein könnten oder gar Hilfe für den Doktor. Aber da war nichts als das niederbrennende Kaminfeuer; keine Retorte daran, die platzen hätte können und kein ihm unbekannter Apparat. Ein paar Waffen hingen an den Wänden, die sah die Kotgeburt nur mit Grinsen an. Das Greislein da konnte sich ihrer gegen ihn ja nicht bedienen, der im Gebrauche der Waffen flink und blutdürstig wie ein Wiesel war.
Er kam, immer noch etwas behutsam und abwartend, an Faust heran, weil ihm dessen Gebanntsein nicht ganz geheuer vorkam. Vielleicht hatte der endlich festgelegte Fuchs doch noch im Geheimstenirgend eine Finte, die ihm, dem Abrechner noch unbekannt war. Aber er sah, wie das Antlitz des Doktors immer grauer wurde, wie weiße Ringe des Entsetzens sich um dessen Augen bildeten und wie das Weiße der Augen selber immer unnatürlicher groß wurde.
Das kannte er und nickte grausam und sachverständig. In den Schlachten, wenn die Kriegsleute der Hundsfott überkam, dann sahen sie so aus. Das Weiße in den Augen wurde entsetzlich groß bei denen, die den Tod erkannten und vorkosteten. Er hatte ihn sicher und fest, den Doktor.
Kein Wort war geredet worden.
Erwägend und abschätzend kam der krummbeinige Kerl an sein Opfer heran und immer noch konnte sich Faust nicht rühren. Er erkannte in dem nächtlich Gekommenen Den, den er von je vernichten gewollt. Den Häßlichen an Leib und Seele; den Ausgeschämten, den Mord- und Lebensgierigen, den, der nie verdiente, auch nur erfunden und gedacht zu werden und der durch sein Dasein der fürchterlichste Vorwurf war, den man Gott antun konnte.
Das, das war „der Mensch“, wie er ihn immer gesehen hatte.
Wie er ihn immer wegtilgen gewollt.
Der Mensch, den Faustus im tiefsten haßte. Sauber herausmodelliert mit allen Gaben, die bewußte, rettungslose Bestie, die Schandkrone der Schöpfung! Darum die Starrheit Faustens vor dem, was ihm da entgegenlauerte.
Noch einmal warf der Kerl einen kurzen Blick um sich, maß die Entfernung, seine Kräfte und Fausti Gestalt, und fuhr ihm dann an die Kehle.
Als die hornigen Hände sich um seinen Hals würgten, da erst konnte Faust ringen, ankämpfen und schreien. Er wußte, heute war die Nacht nicht hilfelos! Heute warteten die Bürger auf den Neujahrschoral, den die Trompeten, Zinken und Waldhörner vom Turme bliesen. Heute war das Städtlein Staufen wach: „Hilfe, Hilfe, ihr guten Leut!“
Der Kerl, der ihm am Halse saß, ärgerte sich bis zur Gelbwut. Das Doktornichts wehrte sich jetzt? Es zeigte Kräfte, körperliches Strampeln, während es sein lebelang nur immer mit dem sogenannten Geist gefackelt hatte? Ei, der wilde Studentenonkel versuchte diesmal nicht zu gaukeln, sondern krümmte und wand sich wie ein ganz rechtschaffener Wurm! Immer wieder entkam der runzlig werdende Hals aus den würgenden Klauen. Immer wieder schrie Faust mit halber, ja zuweilen sogarmit ganzer Stimme um Hilfe? Seht an, seht an, man muß doch fester zufassen. Daß das vermaledeite Fenster auch offenstand!
Im Hin- und Herpoltern stürzten Bücher, Stühle, Gestelle mit Phiolen und Gläsern durch- und übereinander. Es wurde ein Höllenspektakel, der geschwind ein Ende haben mußte. So warf der Kerl den Doktor darnieder, preßte ihm seine festen, durch tolles Reiten ausgedrehten Knie auf Brust und Hals und würgte nun aus wilden Lüsten darauflos. Jetzt zeterte das Doktorlein nimmer.
Der Kerl hätte schon gerne losgelassen; aber aus Pflichtgefühl und Sicherheit würgte er immer noch weiter, auch als er wissen konnte, es müßte längst zuende sein. Dabei horchte er immerzu nach dem Fenster, ob man käme oder ob man gar sein Pferd entdeckt hätte, das in einem Weingartwächterhäuslein versteckt war.
Aber die Nacht war so stille, wie der Faustus selber.
Da stand der Gesell des reichen Herrn grinsend auf, sah noch einmal zum Fenster hinaus, nickte dem starren Menschenbündel am Boden zu und zog ein schweres, kupfernes Pulverhorn heraus, an dem vorbereitet eine kurze Zündschnur hing. Das band er dem Regungslosen an den Hals, holte sich aus demKamin einen Brand und zündete an. Dann sprang er katzengeschwind zum Fenster hinaus und schloß es, so gut es gehen wollte.
Dreihundert Schritte davon wartete sein Pferd und schnaubte ihn unruhig an, weil er fremd roch. Er nahm es am Halfter und führte es, immer neu horchend und innehaltend, an die Straße, die gegen den Rhein zuführt. Einmal wäre er beinahe umgekehrt, um, ungeduldig, nochmals nach dem Rechten zu sehen. Da aber geschah ein Lichtblitz im einsamen Häuslein des Faust und ein mächtiger Knall folgte. Jetzt war er ganz zufrieden.
Mochten sie es im Städtle gehört haben. Man sah es dem Zerrissenen jetzt nimmer sehr gut an, wer ihn so greulich mißhandelt hatte. Es war sehr gut, daß er sein lebelang den Teufel „Herr Schwager“ genannt.
Das kam ihm so unwiderstehlich vor, daß er für den Leibhaftigen gehalten werden sollte von den Spießern, daß er Lachkrämpfe kriegte.
„Hahahahahahaha,“ gellte es durch die Nachtstille, bis er sich endlich wieder zuwegekriegte und seinem Roß ein paar Sporne gab.
Denn jetzt fingen die Neujahrschoräle an von dem Pfarrkirchturm gar erbaulich auf die liebe Christenheitherunterzublasen. Er machte, daß er außer Hörweite kam.
Weidlich tutete ihm die Bürgerfrömmigkeit nach, so daß es ihn beinahe zu ärgern begann. Dann aber wurden die Töne schwächer; noch ein Akkord, dann war es aus und die Uhren schlugen die erste Viertelstunde des neuen Jahres.
Die ganze Nacht ritt er und dachte, um es sich hübscher zu machen, immerfort daran, daß er sich mit dem Gelde Wein, und Pluderhosen zu seinen etwas wenig gelungenen Beinen kaufen konnte. Und vor allem, was für Dirnen! Feurige Dirnen!
Mit heiserer Stimme sang er:
„Gott, bescher’ uns Pferd und Rinder,Schöne Weib und noch mehr Kinder!“
„Gott, bescher’ uns Pferd und Rinder,Schöne Weib und noch mehr Kinder!“
„Gott, bescher’ uns Pferd und Rinder,Schöne Weib und noch mehr Kinder!“
Er konnte jetzt welche ausstreuen; da und dort, wo er es zahlen wollte; — um dann weiterzuziehen!
Denn sieben rheinische Gulden und zwölf Groschen hatte das Leben des Doktors Johann Faust dem Bankier Herrn Chrysoloras gekostet.
Anmerkungen zur TranskriptionText, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hierfettdargestellt.Text, der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde hierkursivdargestellt.Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.
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