Da war nun ein Tag des Septembers zur Zeit der „Duldt.“ Der gehabte sich so schön, daß alles Volk auf die Wiesen vor die Stadttore hinausgezogen wurde. Sehr geschwind entstanden dort auch kleine Buden und Laubhütten, wo allerlei Ergötzung getrieben wurde. Da geschah es denn, daß der Doktor Faustus mit anderen ins Grüne kam und viel zwischen den Buden auf und abging, auch einen Zauberer, der Schlangen bändigen konnte, damit verschreckte und in die Enge trieb, daß ihm die Schlangen immer ungebärdiger wurden und übermaßen zu wachsen schienen, bis zu Lindwurmgröße, sobald nur der Doktor vorüberging. DieLeute erlebten’s, daß der Zauberer dem Faust zu Füßen fiel und kläglich fragte, was er ihm denn getan hätte, weil er, sein Diener, und ein Wurm gegen ihn, solchen Unfug erleiden müßte? Da sagte ihm Faust: „Du mußt alles mit frommer Seele machen, oder mit einem ganz großen Haß. Um Geld und zeitlichen Vorteil aber sollst und darfst es du, und andere, niemals wagen!“Da erwiderte ihm der Schlangenbeschwörer: „Ja, Herr Doktor, aber Ihr dienet doch auch Gott nicht so, wie es die Schrift und die Kirche will.“ Da sah ihn Faust so drohend an, daß der andere augenblicklich wieder bittend auf den Knien hinrutschte und sagte: „Aber dem Andern.“Faust dachte eine Weile nach, ob er ihn jetzt strafen sollte, da kam das Enkelkind des Manuel Chrysoloras daher und war so schön, daß er ganz irre ward und seinen Ingrimm augenblicks vergaß. Er sagte aber noch folgendes zu dem Zauberer: „Du hältst mir vor, ich tue nicht, was eine Kirche vorschreibt, die sehr viel jünger und unerfahrener ist, als meine Studien. Ich könnte dir zeigen, wie man alle Wunder Christi an einem Tag wiederholt, doch ich sag dir: Wenn ich auch mehr als er vermöcht, und Herr über jede Krankheit undjeden Tod wäre, und wenn ich die ganze Erden beherrschte und hätte des Hasses nicht, so wäre ich ein armer Betrüger wie du.“Und ließ ihn stehen und ging.Das aber hatte Helena Chrysoloras gehört und zupfte ihren Vettern. Der rief sogleich: „Doktor, Doktor Fauste! Wenn Ihr mich schon gar nicht mehr erkennen wollt, so ist doch mein Bäslein wert, daß Ihr eine artige Minute an uns beide wendet.“ Da blieb Faust stehen und alle merkten, daß der beschriene Mann zaghaft wurde. Der, über den alle sich erschreckten, gab nun selber in seinen Augen nichts anderes zu lesen, als Schreck und Staunen.Es ging aber Helena Chrysoloras ganz bescheiden zu ihm, so, als merkte sie seine Verwirrung nicht und faßte ihn bittend an der Hand und sagte: „Doktor, ich habe eine Frage des Gewissens an Euch: Es ist eine Zeit, da zerspaltet sich jetzt die arme christliche Religion und wir erleben Wiedertäufer und Protestanten und viele andere Sektierer, während die ganze übrige große Erde noch so viel andere Wege zu Gott hat. Wer hat recht? Die Juden, welche unermüdlich in ihrem harten Gotte verharren? Oder die Christen? Oder gar die Heiden, von denen ich als Griechin reichliche Kundschaft weiß?“Da verneigte sich Faust bescheidentlich vor dem schönen Mädchen und sagte ihr leise, so daß es nur hören konnten, die ganz zunächst standen:„Mein Fräulein. Die christliche Religion hat nur Worte. Merket wohl, sie nennt sich ‚das Wort‘; aber es sind viele Worte. Nichts anderes. Die jüdische wäre ein Edelstein: schön, durchsichtig, unzerstörbar hart. Hatte also auch einmal Leben im Status der Kristallwerdung, ist aber seither erstarret für ewiglich. Die heidnische Religion aber lebt, denn sie besteht aus Kräutern. ‚Sucht sie euch aus,‘ sagte Gott, als er sie schuf. Es sind giftige Kräuter darunter, und ganz nutzlose, und Arzneien, und wieder solche, die bestehen aus lauter Schönheit. Mag man auch von ihnen eines oder Tausende vernichten; sie sind immer wieder da, leben ewig, und eher rottet ihr den Menschen aus, als daß sie sich nicht wieder auch auf einer gänzlich verbrannten Erden neu ansiedelten! Bald hold, bald lästig, immer so unschuldig aber, — mit Gott und dem Teufel in sich, — wie Kinder. Versteht Ihr mich, Fräulein?“Sie sagte: „Ja, Doktor, ich verstehe Euch,“ neigte den Kopf und ließ ihn vorüber, fast wie einen König.Er aber ging schnellen Schrittes von der Festwiese hinweg und verbat sich von Jeglichem, daß er ihm folgte. Auch den Stainer wies er hinweg, aber mit viel milderer Stimme und freundlicheren Augen, als alle andern.Wie sie nun wieder allein waren, sagte Helena Chrysoloras zu ihrem Vetter: „Warum geht diesem Manne nicht nach, was Seele hat auf Erden? Da er doch so weit und tief blicken muß? Und warum hat er nichts als Zechgesellen, so daß man ihm nachsagt: ‚An seinen Früchten mögt ihr ihn erkennen.‘ Ich habe argen Verdacht, daß nicht er an seinem Umgang schuld ist, sondern daß ihm jeder Umgang bisher zu geringe sein mußte und die Menschen schuldig daran sind, daß er an ihnen verzweifelt und nichts anderes weiß, als mit ihnen trinken!“Da erwiderte ihr der junge Mensch: „Helena, wenn wir zwei ihn so recht herzlich umgeben könnten? Vielleicht, daß er uns alle seine Weisheit geben könnte, wir beide mit ihm aber zu Gott zurückfinden möchten?“Sie sagte: „Du bist ein liebes Kind und es ist dir das jetzt von einem guten Engel eingegeben worden, was du gesagt hast.“

Da war nun ein Tag des Septembers zur Zeit der „Duldt.“ Der gehabte sich so schön, daß alles Volk auf die Wiesen vor die Stadttore hinausgezogen wurde. Sehr geschwind entstanden dort auch kleine Buden und Laubhütten, wo allerlei Ergötzung getrieben wurde. Da geschah es denn, daß der Doktor Faustus mit anderen ins Grüne kam und viel zwischen den Buden auf und abging, auch einen Zauberer, der Schlangen bändigen konnte, damit verschreckte und in die Enge trieb, daß ihm die Schlangen immer ungebärdiger wurden und übermaßen zu wachsen schienen, bis zu Lindwurmgröße, sobald nur der Doktor vorüberging. DieLeute erlebten’s, daß der Zauberer dem Faust zu Füßen fiel und kläglich fragte, was er ihm denn getan hätte, weil er, sein Diener, und ein Wurm gegen ihn, solchen Unfug erleiden müßte? Da sagte ihm Faust: „Du mußt alles mit frommer Seele machen, oder mit einem ganz großen Haß. Um Geld und zeitlichen Vorteil aber sollst und darfst es du, und andere, niemals wagen!“

Da erwiderte ihm der Schlangenbeschwörer: „Ja, Herr Doktor, aber Ihr dienet doch auch Gott nicht so, wie es die Schrift und die Kirche will.“ Da sah ihn Faust so drohend an, daß der andere augenblicklich wieder bittend auf den Knien hinrutschte und sagte: „Aber dem Andern.“

Faust dachte eine Weile nach, ob er ihn jetzt strafen sollte, da kam das Enkelkind des Manuel Chrysoloras daher und war so schön, daß er ganz irre ward und seinen Ingrimm augenblicks vergaß. Er sagte aber noch folgendes zu dem Zauberer: „Du hältst mir vor, ich tue nicht, was eine Kirche vorschreibt, die sehr viel jünger und unerfahrener ist, als meine Studien. Ich könnte dir zeigen, wie man alle Wunder Christi an einem Tag wiederholt, doch ich sag dir: Wenn ich auch mehr als er vermöcht, und Herr über jede Krankheit undjeden Tod wäre, und wenn ich die ganze Erden beherrschte und hätte des Hasses nicht, so wäre ich ein armer Betrüger wie du.“

Und ließ ihn stehen und ging.

Das aber hatte Helena Chrysoloras gehört und zupfte ihren Vettern. Der rief sogleich: „Doktor, Doktor Fauste! Wenn Ihr mich schon gar nicht mehr erkennen wollt, so ist doch mein Bäslein wert, daß Ihr eine artige Minute an uns beide wendet.“ Da blieb Faust stehen und alle merkten, daß der beschriene Mann zaghaft wurde. Der, über den alle sich erschreckten, gab nun selber in seinen Augen nichts anderes zu lesen, als Schreck und Staunen.

Es ging aber Helena Chrysoloras ganz bescheiden zu ihm, so, als merkte sie seine Verwirrung nicht und faßte ihn bittend an der Hand und sagte: „Doktor, ich habe eine Frage des Gewissens an Euch: Es ist eine Zeit, da zerspaltet sich jetzt die arme christliche Religion und wir erleben Wiedertäufer und Protestanten und viele andere Sektierer, während die ganze übrige große Erde noch so viel andere Wege zu Gott hat. Wer hat recht? Die Juden, welche unermüdlich in ihrem harten Gotte verharren? Oder die Christen? Oder gar die Heiden, von denen ich als Griechin reichliche Kundschaft weiß?“

Da verneigte sich Faust bescheidentlich vor dem schönen Mädchen und sagte ihr leise, so daß es nur hören konnten, die ganz zunächst standen:

„Mein Fräulein. Die christliche Religion hat nur Worte. Merket wohl, sie nennt sich ‚das Wort‘; aber es sind viele Worte. Nichts anderes. Die jüdische wäre ein Edelstein: schön, durchsichtig, unzerstörbar hart. Hatte also auch einmal Leben im Status der Kristallwerdung, ist aber seither erstarret für ewiglich. Die heidnische Religion aber lebt, denn sie besteht aus Kräutern. ‚Sucht sie euch aus,‘ sagte Gott, als er sie schuf. Es sind giftige Kräuter darunter, und ganz nutzlose, und Arzneien, und wieder solche, die bestehen aus lauter Schönheit. Mag man auch von ihnen eines oder Tausende vernichten; sie sind immer wieder da, leben ewig, und eher rottet ihr den Menschen aus, als daß sie sich nicht wieder auch auf einer gänzlich verbrannten Erden neu ansiedelten! Bald hold, bald lästig, immer so unschuldig aber, — mit Gott und dem Teufel in sich, — wie Kinder. Versteht Ihr mich, Fräulein?“

Sie sagte: „Ja, Doktor, ich verstehe Euch,“ neigte den Kopf und ließ ihn vorüber, fast wie einen König.

Er aber ging schnellen Schrittes von der Festwiese hinweg und verbat sich von Jeglichem, daß er ihm folgte. Auch den Stainer wies er hinweg, aber mit viel milderer Stimme und freundlicheren Augen, als alle andern.

Wie sie nun wieder allein waren, sagte Helena Chrysoloras zu ihrem Vetter: „Warum geht diesem Manne nicht nach, was Seele hat auf Erden? Da er doch so weit und tief blicken muß? Und warum hat er nichts als Zechgesellen, so daß man ihm nachsagt: ‚An seinen Früchten mögt ihr ihn erkennen.‘ Ich habe argen Verdacht, daß nicht er an seinem Umgang schuld ist, sondern daß ihm jeder Umgang bisher zu geringe sein mußte und die Menschen schuldig daran sind, daß er an ihnen verzweifelt und nichts anderes weiß, als mit ihnen trinken!“

Da erwiderte ihr der junge Mensch: „Helena, wenn wir zwei ihn so recht herzlich umgeben könnten? Vielleicht, daß er uns alle seine Weisheit geben könnte, wir beide mit ihm aber zu Gott zurückfinden möchten?“

Sie sagte: „Du bist ein liebes Kind und es ist dir das jetzt von einem guten Engel eingegeben worden, was du gesagt hast.“


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