Achtzehntes Kapitel.Der Brief.(Fortsetzung.)

Achtzehntes Kapitel.Der Brief.(Fortsetzung.)

I bi bi’m Paschal PaoliIn Corsika Draguner gsi,Und gfochte hani, wie ne Ma’Und Bluet an Gurt und Säbel gha.Hebel.

I bi bi’m Paschal PaoliIn Corsika Draguner gsi,Und gfochte hani, wie ne Ma’Und Bluet an Gurt und Säbel gha.Hebel.

I bi bi’m Paschal PaoliIn Corsika Draguner gsi,Und gfochte hani, wie ne Ma’Und Bluet an Gurt und Säbel gha.Hebel.

I bi bi’m Paschal Paoli

In Corsika Draguner gsi,

Und gfochte hani, wie ne Ma’

Und Bluet an Gurt und Säbel gha.

Hebel.

Als ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu rühmen und zu freuen Ursache hättet.

Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte, damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leibund Leben dran zu wagen, war ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm achtete, wenn anstatt eines HeldenGlückeines Helden Tod mein Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben — das hab ich nicht, wiewohl ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte, und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem Glauben, daß erGott zu Ehrendas Schwert trage undGottdiene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel glücklicher vorgekommen dennich, wenn er etwa seiner alten Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus, tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben.

BeiLützen, wo Gustavus Adolphus, der große christliche Held, sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht beiNördlingenuns zusammengezogen.

Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des GeneralsHornBefehl gebetet und das Lied gesungen:„Verzage nicht, du Häuflein klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen, aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte, wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken.

Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug, ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrichstürzen, und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm:nunhoffte ich eine Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre, und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte. Nun ließ ich mein Pferd los, — aber im selben Augenblicke hatte auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte.

Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füßekommen konnte, war alles vorüber, — unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen, und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich dem Feinde abgenommen.

Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte, daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, — übrigens haben wir die Fahne wieder! — und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, — denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen — so sei doch dafür der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, — da sahen wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte.

Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon. Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte, weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder[2]aus dem Hause gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden Tag unser Regiment ein, das, so gut esanging, nach seinem schweren Verlust sich wieder gesammelt hatte.

Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe. Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“

„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne gestickt: ‚Gott mit uns!‘ und Gott war mit meiner und meines Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“ Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und der getreulicher sie bewahren würde, denndich.Glück zu dem Fähndrich!“

Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir: „Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“

[2]Marodeurs.

[2]Marodeurs.

[2]Marodeurs.


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