Dreiundzwanzigstes Kapitel.Noch ein Gottesgericht.
Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.Sprichwort.Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.Shakespeares Macbeth.
Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.Sprichwort.Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.Shakespeares Macbeth.
Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.Sprichwort.
Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.
Sprichwort.
Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.Shakespeares Macbeth.
Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!
Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.
Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,
Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.
Shakespeares Macbeth.
Gegen Morgen schickt derPfarrherrzu mir und läßt mir ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse nehmen und mit hinter nachEibelstadtgehen, ein Soldat sei vom Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige Nachtmahlempfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den Weg.
Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt. Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt.
In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrnvon GreifenklauHaus gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte. Als ich die Lichter angezündet und dievasa sacrahergerichtet, wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das Rathaus ist.
In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern gedachte des Hingeschiedenen.
Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei. Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem Morgen gekommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das Städtlein heiße?
„Sommerhausen!“ erwiderte ich. — „Sommerhausen?“ sagte der Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten einer unter unserem Regiment gedient.“
„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die herumliegenden Soldaten, — es waren schwedische Dragoner, was ich jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“ fragte ich, indem mir das Herz klopfte.
„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen, wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“
„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt, nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.
„Ich heißeOlufsohn, Swen Olufsohn!“ gab er mir zur Antwort, „und bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem Gordonschen, und diesermein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, hat geheißenGast, —Valentinuswar sein Vorname! Kennt Ihr den Namen?“
Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname geheißen!
„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt: Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“
„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“
„Ja!“ erwiderte ich, „er ist heimgekommen — seit drei Tagen zu mir, seinemleiblichenVater und zu seinerirdischenHeimat, und heute nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser Städtchen zogt, zu seinemhimmlischenVater und zu seinerhimmlischenHeimat. Euch aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“
Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht, er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen, er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlichkeit und Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.
Während wir noch also miteinander redeten, kam derPfarrherrganz erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben! Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen! Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber, als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten, da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die Stube.
Sie kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu sehen (24. Kap.)
Sie kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu sehen (24. Kap.)
Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren Stimme, „du Graukopf, — hab ich dir nicht schon einmal den Schädel gespalten? — Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen?Vorwärts, vorwärts, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute gibt’s Dukaten — wirdallesgeteilt, brüderlich! — aber dem Grünrock seine gehören mir, — pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück ihm die Kehle zu, — ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes! ’s sind zwei über einen! — Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen starren! So — jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber derGraukopflebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei, du kennst mich schon!“
„Um Gottes willen,“ rief ich, „das istNikol Paradeiser, der den alten Veit erschlug!“
„Nikol Paradeiser?“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner! Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! — So ist’s recht, — Teufel, da liegt er ja wieder! — Hopp, hopp, Schimmel! —Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!Laß mich doch, alter Tropf, du wirst mich doch nicht zwingen?“
„Das ist Gottes Gericht, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich, „dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen einen Mord begangen!“
„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, — „ich bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der Geschichte gesprochen, — mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht er!“ und es ist mir ein Schreckendurch alle Glieder gefahren, denn ich sah ihn auch leibhaftig.“
„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat euch geschlagen.Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an!— Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und fallen, da sie niemand jagt!“
„Niemand jagt?“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will dir den Rest geben, — ich will — ich will“ — damit schleuderte er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von sich und sprang aus dem Bett, — der Rittmeister lief herzu, wollte ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und war tot.
Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.