Elftes Kapitel.Ein Gottesgericht.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t,Da bleibt kein Gottloser nicht,Summa: Gott liebt alle Frommen,Doch wer bös’ ist, muß umkommen.P. Gerhardt.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t,Da bleibt kein Gottloser nicht,Summa: Gott liebt alle Frommen,Doch wer bös’ ist, muß umkommen.P. Gerhardt.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t,Da bleibt kein Gottloser nicht,Summa: Gott liebt alle Frommen,Doch wer bös’ ist, muß umkommen.P. Gerhardt.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t,
Da bleibt kein Gottloser nicht,
Summa: Gott liebt alle Frommen,
Doch wer bös’ ist, muß umkommen.
P. Gerhardt.
Was an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,
So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,
Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
Ach, das war kein Kleines! — Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege getan haben, so weiß ich’s nicht, — ich wenigstens konnte dieses Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen, wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich, du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte ich mich an, daß ich nichtstrenggenug, und dann wieder, daß ich nichtlindundgütiggenug gegen ihn gewesen, und warf mich bald auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein Stachel darin, der sich grausam in mein Herz bohrte.
Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen, mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie konnte nicht einmal weinen. Endlich,als es auf Mitternacht zuging, sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war, fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend, meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, — er sei mit einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen: „Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen, während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr ausgestreckt habe.
In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok, und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ Als nun die Morgenröte anbrach, war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.
Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, — es kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herrmeinen Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort. Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft anzuweisen, — ich aber ging in die Schule.
Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher steigensiein unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit welch herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, teils verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in dieser Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe und Kinder desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen Händen hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden von dem Gott, dessen Wahrzeichen lautet:Holdselig den Freunden, erschrecklich den Feinden!
Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habeden Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, — dort fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem Karren war, wie ich hörte, derMeistervonSulzdorf. Er erzählte: es seien heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf gekommen, hätten ihn geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten ihn dann in die Tannen hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über einen Baumstamm liegend, mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. Weil der Baumstamm auf der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der Schultheiß von Erlach, der auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den Leichnam nach Sommerhausen zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf ihrem Gottesacker geben würden, und weil auch keiner der Bauersleute sich dazu verstanden, ihn nur mit einem Finger anzurühren! — Das habe er nun getan, und die Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger anfangen, was ihnen gut dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie wollten ihn auch nicht, er solle ihn in den Main werfen oder auf den Schindanger tragen, sagte Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder siedet oder bratet ihn meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den Jäger bei den Füßen und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, — dann setzte er sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der Tasche und fing an zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr kümmern wollte.
Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, vonGoßmannsdorfgebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen, um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch, wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe, habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nachKleinochsenfurtins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.
Mittlerweile hatGeorg Ebert, der Schmied, miteinem Stecken des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können. Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.
Wie dem auch sein mochte, — hier hatte Gott gerichtet und sein Wort erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“
Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden, wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft, — es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und decktdie Stätte zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis zum großen Tage des Gerichts.
Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin, ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.Ps. 37.