Sechstes Kapitel.Die Warnung.

Sechstes Kapitel.Die Warnung.

Der Mann gefällt mir nicht und ist ein HeideUnd redet frech die Sprache Kanaans.Der Alchymist.

Der Mann gefällt mir nicht und ist ein HeideUnd redet frech die Sprache Kanaans.Der Alchymist.

Der Mann gefällt mir nicht und ist ein HeideUnd redet frech die Sprache Kanaans.Der Alchymist.

Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide

Und redet frech die Sprache Kanaans.

Der Alchymist.

Folgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen, denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dürfen, um es dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen, das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten, wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet! Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden seinerzeit, — wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen Trost aber haben wir jetzt?“

Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich wolle? er könne mich nicht verstehen.

Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederumkrank, todkrank, und wir, deine Eltern, zittern und zagen wiederum, daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der Vater im Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist der Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald — bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst du, unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum sind wir wiederum bekümmert, unddiesmalhaben wirkeinen Trost!“ Ich sprach noch viel, wie mir’s die väterlicheLiebe, mein bekümmerte Herz und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle guten Rat annehmen und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare nicht mit Herzeleid in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer geworden.

Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen, daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe, wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen, auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein Vorgesetzter, — den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.

Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; dennwiewohl der Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche, die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind geredet.

Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem altenVeit, der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten, ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht, antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz- oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für einen wüsten Gesellen, — nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei, und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn, dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer!“

Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes, dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken, der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des altenVeit Geißendörfer, des Wächters auf dem untern Tor.


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