Zwanzigstes Kapitel.Der Brief.(Fortsetzung.)

Zwanzigstes Kapitel.Der Brief.(Fortsetzung.)

Ach wie bald, ach wie baldSchwindet Schönheit und Gestalt!Prahlst du gleich mit deinen Wangen,Die wie Milch und Purpur prangen,Ach, die Rosen welken all!Volkslied.

Ach wie bald, ach wie baldSchwindet Schönheit und Gestalt!Prahlst du gleich mit deinen Wangen,Die wie Milch und Purpur prangen,Ach, die Rosen welken all!Volkslied.

Ach wie bald, ach wie baldSchwindet Schönheit und Gestalt!Prahlst du gleich mit deinen Wangen,Die wie Milch und Purpur prangen,Ach, die Rosen welken all!Volkslied.

Ach wie bald, ach wie bald

Schwindet Schönheit und Gestalt!

Prahlst du gleich mit deinen Wangen,

Die wie Milch und Purpur prangen,

Ach, die Rosen welken all!

Volkslied.

Wir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten, bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun sei’s mein Letztes.

Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt, die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. — Es war aber das die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben hatte. So bin ich denn in großer Krankheit und andauerndem heftigem Fieber von dem Haufen nachBreisachgeschleppt worden mit noch andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen hatte.

Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße (19. Kap.)

Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße (19. Kap.)

Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. — Ach! zu mir hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „Oh, wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient!“ — aber es war vor meinen Augen verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.

Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene, und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde, hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurdeich von unsäglichem Hunger gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, — aber wir sollten noch Schrecklicheres erleben.

Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen, heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben, weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die Festung nicht übergeben, — so sollten wir selbst zusehen, was wir tun könnten, uns das Leben zu fristen!

Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhntenwieder einige Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, — denn ihr würdet’s doch nicht glauben.[3]Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern noch eine Frist zur Buße geben — freilich eine letzte.

Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die Türe und rief — denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder- und Totengeruches — von oben herab uns zu: wenn noch einige von den Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, — es sei ein Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen, wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt, unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten im Hof hinund her, und viele, welche jählings und zu viel von dem Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den Füßen halten, der Kommandant, Freiherrvon Reinach, selber mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter übergeben werden.

Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler, Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den Akkord zu halten.

Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger, welche schwedische Dienste nahmen, denRhein hinunter gebracht zu werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war, weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum Willkomm. Sie kannten mich nicht, — denn ich sah aus wie ein Gerippe, auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle? Ich nannte ihnen meinen Namen, — da fingen sie laut an zu lachen und riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden? Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ — Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“

Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann desTodes achteten, weil sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben. Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan, und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.

Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das Stroh und — ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft ausgestanden — plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich ganz gewiß, es sei aus!

Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. — Es warOlufsohn. Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah, kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind, „Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden, weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß ich dich also finden muß.“ — Ich nahm seine Hand und sagte:„Gott segne dich,Olufsohn! So hab ich doch noch einen guten Freund in der Welt und will gerne sterben!“ — Er aber erwiderte: „Das wolle Gott nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt, ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß ich dem Lazarett zugewandert.

Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der Feldscherer nachgeschickt würde.

Dies geschah, — und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.

Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwertführen sah wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es ehedem nicht, wie ein rechter Christbeides ist:tapfer wie ein Löwe und sanft wie ein Lamm, hie aber habe ich’s erfahren. O du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.

Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört, daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.

An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu und wieherte hell auf vorLust, als ich ihm nahte, aber es wandelte mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder heimkehren mußte.

Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen, wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen gesund sein würde? — „Mit dem ist’s aus!“ lautete die Antwort, „die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und scheint keinen Gedanken daran zu haben.“

Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „Diesdas Ende? — Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über mir gewaltet, — wider den hilft kein Streiten!“

Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren würde. — „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. — „Nicht mit?“ fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ — „Heimgehen will ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen, von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen bin.“ — „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit deinem Gott; wer hatdes Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme, daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn, er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von dem Obersten bekomme. — „Ist’s also ernst?“ fragte er traurig. — „Ja, ’s ist ernst!“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört, was der Feldscherer mit dir geredet hat.Morgen scheiden wir!“

In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte, und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.

Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen, es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, — denn das Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei Nördlingen, — ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte, wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete. Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.

Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle grüne Reiser auf denHüten, grüßten mich freundlich und riefen mir ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt — ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich und ging schnell davon.

Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan, über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’ ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen Blick zurückzuwerfen, — sie setzten sich eben in Marsch, einzelne Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve! — — „Was geht’s dich an?“ sagte ich, „dein Weg ist der weiteste!“ wandte mich und zog meine Straße.

[3]Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung eines Zeitgenossen, welcherTheatr. Eur. IIIalso schreibt:„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, vorzunehmen bist gezwungen worden?„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen, wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige Gedärme weggefressen worden?„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen) aufgefressen wird?„Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem Quartier jämmerlich schlachten und verzehren?„Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“„Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst, nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl., vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“„Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute, eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die Eroberung von Breisach verfertigteDistichon Chronologicumeine Stelle finden. Es lautete:Heroi in victo Bernhardo de Weymar Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum:„InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLIIVngitVr & tanto DIgna pVeLLa VIro.“

[3]Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung eines Zeitgenossen, welcherTheatr. Eur. IIIalso schreibt:„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, vorzunehmen bist gezwungen worden?„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen, wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige Gedärme weggefressen worden?„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen) aufgefressen wird?„Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem Quartier jämmerlich schlachten und verzehren?„Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“„Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst, nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl., vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“„Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute, eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die Eroberung von Breisach verfertigteDistichon Chronologicumeine Stelle finden. Es lautete:Heroi in victo Bernhardo de Weymar Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum:„InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLIIVngitVr & tanto DIgna pVeLLa VIro.“

[3]Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung eines Zeitgenossen, welcherTheatr. Eur. IIIalso schreibt:

„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, vorzunehmen bist gezwungen worden?

„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen, wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige Gedärme weggefressen worden?

„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen) aufgefressen wird?

„Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem Quartier jämmerlich schlachten und verzehren?

„Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“

„Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst, nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl., vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“

„Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute, eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“

Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die Eroberung von Breisach verfertigteDistichon Chronologicumeine Stelle finden. Es lautete:Heroi in victo Bernhardo de Weymar Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum:

„InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLIIVngitVr & tanto DIgna pVeLLa VIro.“


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