Zweites Kapitel.Der Sohn.

Zweites Kapitel.Der Sohn.

Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!Psalm 127, 3.

Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!

Psalm 127, 3.

Am 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren. Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ — In der heiligen Taufe ward es vertreten vonValentin Orplich, demBäcken, der ihm den NamenValentinbeilegte. Ich hab’s nicht unterlassen, auf dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß er einen rechten, christlichen „Valentinus“ aus ihm machen wolle, einen Helden, stark und streitbar wider diese Welt und alle Feinde seiner Seligkeit.

In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich denKnaben aufgezogen, soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist.Gewolltwenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in der Einfältigkeit ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen finden konnte, ist mir treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß der Herr nicht umsonst sage: „Die frühemich suchen, werden mich finden.“ Es ist das Herz der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das liebliche, hehre Bild des Herrn Christus noch leichtlich sich prägen läßt. Später kann solches nicht mehr geschehen, oder aber — es braucht heißer Trübsale, das Herz wieder weich zu machen.

Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter, vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude, wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er, wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger Jahre, als der leidige Krieg unsganz ausgezehrt hatte, hat er manchen Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen.

Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein tapferes Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nurNaturgaben, die ein Kind noch lange nicht geschickt machen zum Himmelreich, obwohl sie vor Menschen es zieren. Wohin ist Absolom gekommen mit seiner lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem hochherzigen Wesen? —zum schweren Fall! Ein Mensch mit solchen Eigenschaften ist wie ein Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln seine Fahrt beginnt. Wenn’s unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s einen stattlichen Lauf in den Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm in die Segel fährt, wird’s um so schneller zerscheitert. Der rechte Fahrwind aber ist derGeist des Herrn. Ich hätte das wohl wissen können, aber wo ist der Vater, dem’s nicht süß eingeht, wenn alle Welt sein Kind als ein liebwertes lobt und preiset?

Anno 1626, am heiligenPfingstfest, ist mein Valentin das erstemal zu Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle miteinander auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine Seele schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, — den Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei, nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihrenBruder so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre. Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der andern Kinder ins Gotteshaus.

Es waren ihrer geradezwölfin diesem Jahre, die ihr erstes Nachtmahl feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das Sakrament empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich mich einer großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den Kirchenstühlen stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im Städtlein Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen im eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne Zeit, die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg gebracht hatte.

Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ — Ist doch auch unter den Zwölfen, die der Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht, ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in Nacht und Finsternis?

So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe sie, wie dir’s gefällt, — in die Höhe oder in die Tiefe, durch die grüne Aue oder durchs finstere Tal, — nur führe sie so, daß keines von dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“

Er hat’s getan, — ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.


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