XII. Die Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Donaueschingen.
Offenburg.
O
ffenburg liegt gegenüber dem mächtigen Straßburg an der Stelle der rechtsrheinischen Bergstraße, wo diese die Kinzig überbrücken muß. Von diesem 95kmlangen Flusse wissen wir schon, daß er an der Ostseite des Schwarzwaldes entspringt, also einen natürlichen Weg quer durch das ganze Gebirge eröffnet. Die Lage unserer Stadt, dazu noch auf einer natürlichen Terrasse hoch über dem Überschwemmungs-Lande des vor seiner Korrektion einst sehr wilden Flusses, ist demnach eine in jeder Hinsicht günstige, und so begreift es sich, daß aus dem schon im zehnten Jahrhundert genannten „Kinzigdorf“ allmählich ein bedeutender Ort, der erste der Ortenau, lange Zeit freie Reichsstadt, erwachsen mußte. Heute zählt Offenburg beinahe 17000 Einwohner und blüht in lebhaftem Gewerbebetrieb, Handel und Verkehr. Seine belebten Straßen mit stattlichen Gebäuden jeder Art lassen die Stadt recht schmuck erscheinen (Abb. 116). Daß wir auf dem Marktplatz ein Standbild des Seefahrers Francis Drake finden, dem Europa in der Hauptsache die Einführung der Kartoffel verdankt, ist auf einen freundlichen Zufall zurückzuführen. Der Schöpfer des Denkmals, Bildhauer Friedrich in Straßburg, hat nämlich sein Werk der Stadt geschenkt.
Abb. 120. Hornberg. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 116.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 120. Hornberg. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 116.)
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Große Bedeutung hat Offenburg als Weinmarkt für die reichen Rebgelände der Ortenau. Eine Weinfahrt an der gotischen Kirche von Weingarten, ganz in Obstbäumen und Rebhügeln versteckt, vorüber nach den Dörfern Zell, Weierbach, Ortenberg, Fessenbach und besonders Durbach ist jedem dringend zu empfehlen, der gern an der Quelle nippt. Im Frühling, zur Zeit der Obstbaumblüte, gibt es nichts Schöneres als diese reich gesegnete, unendlich liebliche Landschaft; im Oktober, wenn die Geister des „Neuen“ in den Fässern umgehen, kann die Sache etwas gefährlich werden, selbst wenn einem die schöne Melusine am Staufenberg nicht erscheint, deren Sage hier lokalisiert ist. Die prächtigen Waldberge, die über dem Vorhügelland aufragen, das Hohe Horn und der Brandeckkopf (692m) gewähren von ihren Aussichtstürmen schöne Blicke, besonders auch auf die weite Ebene zu beiden Seiten des Rheines, auf Erwins Wunderbau und die zartgeschwungenen Linien des Wasgenwaldes, ganz abgesehen von dem unendlich lieblichen Vordergrund.
An Ortenberg vorbei, dessen um 1840 neu hergestelltes Schloß die Talwacht hält, bringt uns die Schwarzwaldbahn rasch nach Gengenbach, einem reizenden kleinen Städtchen, das ob der reichen Fruchtbarkeit seiner Äcker, Gärten und Reben, hauptsächlich aber wegen seines überaus geschützten, gleichmäßig milden Klimas nicht ganz mit Unrecht das badische Nizza heißt. Noch stehen Tore und Türme wie einst, als die Stadt reichsfrei war, noch ragt die mächtige Basilika der alten Benediktinerabtei auf. Jedenfalls darf Gengenbach, das heute rund 3200 Einwohner zählt, zu den schmucksten unter den altertümlichen Städten des deutschen Südens gerechnet werden und lohnt in jeder Hinsicht auch längeren Aufenthalt. Josef Viktor Scheffels Vater stammte von hier, wie eine Hausinschrift uns belehrt. Sollte etwa gar der Genius Loci Gengenbachs dem Dichter seine feuchtfröhlichen Gesänge eingegeben haben?
Abb. 121. Brauttracht von St. Georgen.Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (ZuSeite 118.)
Abb. 121. Brauttracht von St. Georgen.Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (ZuSeite 118.)
Im Kinzigtal.
Längs der Kinzig geht’s nun im breiten, lichtüberfluteten Tal weiter. Bei Biberach schaut von Westen die Geroldseck von ihrem Porphyrfels herab, ostwärts führt eine Nebenbahn ins Harmersbacher Tal hinauf, und zwar zunächst zu dem unfernen Städtchen Zell am Harmersbach, auch einer alten „Reichsstadt“ mit manchem sehenswerten Bau aus früherer Zeit. Hier zweigt das Nordrachtal ab,dessen oberer Teil seit einigen Jahren vielbesuchte Lungenheilanstalten birgt. Die Bauernschaft von Harmersbach war bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gleich den benachbarten Städten Offenburg, Gengenbach und Zell reichsfrei und bildete den Stand des „Reichstales Harmersbach“. In die seltsamen Verhältnisse und Zustände dieses bäuerlichen Kleinstaates, die des Interesses wahrlich nicht entbehren, erhalten wir lohnenden und wertvollen Einblick durch die Erzählung des Volksschriftstellers Heinrich Hansjakob: „Der letzte Reichsvogt.“
Rasch führt uns die Bahn von diesen Orten, in denen sich dereinst ein gut Teil der Kleingeschichte und Not des alten Reiches abspielte, nach Haslach, das neuerdings durch seinen eben genannten Sohn, den katholischen Stadtpfarrer Hansjakob bei St. Martin in Freiburg, in weiteren Kreisen berühmt geworden ist. Wer die Schwarzwälder Kleinbürger und Bauern in ihrem Denken und Fühlen kennen lernen will, und zwar nicht durch die Brille einer dem Volke fremden Sentimentalität, der lese Hansjakob. Gewiß wird man sich gelegentlich über die oder jene sonderbare Ansicht des Verfassers ärgern oder zum mindesten wundern, aber trotzdem sind seine Erzählungen und Schilderungen eine gesunde Kost, besonders für jeden, der gewillt ist, wahr zu sehen, und der mit der Wahrheit auch gern einmal etwas Derbes in Kauf nimmt, das jedenfalls echter ist als erlogenes Einlullen in Zimperlichkeiten.
Abb. 122. St. Peter.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 121.)
Abb. 122. St. Peter.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 121.)
Von Haslach, ebenfalls einem sehr freundlichen Städtchen des ob seines zu allen Zeiten lebhaften Verkehres städtereichen Kinzigtales, führen Wege über Biereck, Heidburg oder Mühlenbach nach Elzach; unsere Bahn aber gelangt in kurzem nach Hausach (241m), am Fuß einer Burg malerisch gelegen, wo wir nun die Kinzig verlassen, um im Talder Gutach den Höhen zuzustreben, über welche wir wieder zur Donau hinüber gelangen.
Die Schwarzwaldbahn.
Hier beginnt die eigentliche Schwarzwaldbahn, 1867–1873 erbaut. Ist man von Offenburg bis Hausach bei 34kmBahnlänge nur um 82mgestiegen, so lassen uns 9 weitere Kilometer bis Hornberg schon auf 384, also um 143msteigen. Von hier ab muß bis zur Wasserscheide bei der Station Sommerau (832m) ein Höhenunterschied von 448müberwunden werden. Um das zu ermöglichen, wird die Länge des Weges von 14 auf 26kmvergrößert, was durch weitausgezogene Schleifen der Bahnlinie ermöglicht wird. 9,5km, also mehr als ein Drittel der ganzen Strecke, werden innerhalb der 38 Tunnels zurückgelegt, von denen der letzte, der Sommerautunnel, mit rund 1700mder längste ist. Hat man ihn verlassen, so senkt sich die Bahn längs der Brigach bis Donaueschingen auf 677mherab, also bei 31kmEntfernung nur ein Gefälle von 155m. Wieder tritt uns in diesen Zahlen der Gegensatz zwischen dem West- und Ostabfall des Schwarzwaldes deutlich vor Augen. Kinzigtal und Baar sind zwei ganz verschiedene Welten, der sie verbindende Schienenstrang aber ist eine Gebirgsbahn, die nach der Bedeutung der von ihr überwundenen technischen Schwierigkeiten nicht nur neben oder über die Linien Freiburg-Donaueschingen und Immendingen-Waldshut gestellt werden darf, sondern auch den Vergleich mit den berühmtesten Alpenbahnen kühnlich aushält. Die Windungen der Linie bringen es mit sich, daß man gelegentlich vom Zugfenster aus jenseits des Tales zwei Äste des Bahnkörpers übereinander sieht, und zwar mit entgegengesetztem Gefälle. Eine Orientierung ist hier nur mit guter Karte möglich[2].
Triberg.
Oberhalb Hausach wird das Tal enger, dabei ändert sich sein Charakter fast plötzlich. An Stelle des Lieblichen, Freien tritt das Wilde, Eingeengte. Oberhalb Gutach mit seinem trachtliebenden Völkchen (Abb. 117) und seiner Malerkolonie erreichen wir jenseits eines 150mlangen und 24mhohen Viadukts den Bahnhof Hornberg, von dem wir einen schönen Blick auf das unter uns in engem Tal eingeschlossene und von hohem Schloß überragte malerische Städtchen genießen, das sich lebhaften Gewerbebetriebes jeder Art erfreut und ein Hauptpunkt des Schwarzwälder Fremdenverkehrs geworden ist, für den es die denkbar günstigsten Bedingungen bietet (Abb. 120). Nun wird bald das Tal überbrückt, die Kurven und Tunnels beginnen, der großartige Bahnbau fesselt unser ganzes Interesse, jeder Ausblick zwischen je zwei Tunnels zaubert ein neues, überraschendes Bild vor unser Auge, gleichgültig, nach welcher Seite wir blicken. Die Landschaft wird von Minute zu Minute großartiger, wilder. So erreichen wir fast nur zu rasch den Bahnhof Triberg (616m), von dem aus das gleichnamige Städtchen, welches jetzt 4000 Einwohner zählt, sich steil hinaufzieht bis zur 120mhöher gelegenen Wallfahrtskirche Maria in der Tanne. Zwischen drei Bergen liegt der seit dem Brande 1826 freundlich neu erbaute Ort (Abb. 118u.119), dessen Uhrenindustrie hoch bedeutsam und dessen Gewerbehalle eine Sehenswürdigkeit ist. Doch mehr lockt neuerdings die windgeschützte, hohe Lage mitten im Walde, der prachtvolle Wasserfall, der die Gutach in mehreren Absätzen 120mhoch über die phantastischen Granitfelsen heruntertosen läßt (Abb. 1), die Fülle herrlich gepflegter Wege nach allen Seiten. All das hat Triberg zu einem stark besuchten Sommerkurort werden lassen, dessen modernes Leben eigentümlich absticht gegen die Stille und Abgeschiedenheit in den Tagen vor der Bahneröffnung. Alle diese Wandlungen sind in letzter Reihe Robert Gerwig, dem genialen Erbauer des kühnen Schienenstranges, zu verdanken. Sein Denkmal ziert darum mit Recht den Stadteingang.
Abb. 123. Holzschlitten im Winter. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (ZuSeite 121.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 123. Holzschlitten im Winter. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (ZuSeite 121.)
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Von Triberg steigt die Bahn in gleicher Weise wie bisher weiter, und wiederum gewährt sie uns an schönen Landschaftsbildern und technischen Problemendes Überraschenden fast mehr, als wir bei der schnellen Fahrt geordnet aufnehmen können. Der Sommerautunnel, wie schon gesagt der größte von allen, durchschneidet die Rhein-Donauwasserscheide. Über ihm, an der alten Straße, steht das große Wirtshaus auf der Scheitelhöhe derart, daß die Traufe der einen Dachseite zum Rhein, die der anderen zur Donau abfließt.
St. Georgen.
Vom Bahnhof Sommerau geht es nun im waldumsäumten Wiesenhochtal gemächlich abwärts, bald wird die Brigach erreicht, über die hoch am Berg hinauf gebaut die blühende Industriestadt St. Georgen (806–864m) mit fast 4600 Einwohnern liegt. Sie entstand um eines der vielen Benediktinerklöster des Schwarzwaldes, das in diesen Gegenden lange Zeit hindurch eine ähnliche Bedeutung hatte, wie weiter im Süden St. Blasien, das aber wie dieses längst nicht mehr besteht. Die Schwarzwälder Uhrenfabrikation und die Herstellung von Uhrenbestandteilen, Werkzeugen allerart, auch die Stroh- und Strohhutflechterei hat in St. Georgen einen ihrer wichtigsten Mittelpunkte, wie der Besuch der interessanten Gewerbehalle deutlich lehrt. Auch hier hat sich die alte Tracht der Frauen und Mädchen noch erhalten (Abb. 121).
Unfern der Station Peterzell liegt mitten im herrlichsten Hochwalde eingeschlossen die erst 1806 gegründete Herrenhuter Kolonie Königsfeld (763m) mit geschätzten Erziehungsanstalten für Knaben und Mädchen. Die staubfreie Höhenlage und die Waldesnähe haben auch hier einen vielbesuchten Luftkurort entstehen lassen.
Abb. 124. Zweribachfall.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 121.)
Abb. 124. Zweribachfall.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 121.)
Villingen.
Nun tritt man allmählich aus dem Waldrevier des Grundgebirges und des Buntsandsteines, das weitum den Reichtum der Stadt Villingen ausmacht und vor mehreren Jahren das prachtvoll gelegene Kurhaus Villingen hat entstehen lassen, hinaus auf die Muschelkalkebene der Baar, die wir weiter im Süden schon früher kennen lernten. Umgeben von wogenden Fruchtfeldern liegt hier die alte Stadt Villingen (704m), die neben Freiburg lange Zeiten hindurch die erste war für ein weites Gebiet. Die schon besprochene alte Hochstraße vom Breisgau durchs Dreisamtalund über den Hohlen Graben ins Bregtal fand einst ihre nordöstliche Fortsetzung hierher und weiter nach Rottweil am Neckar. Sie ist jetzt vereinsamt, weil durch andere abgelöst. Aber Villingen hat sich in seinem zweitürmigen Münster, seinen Toren und anderen Bauten die Spuren seines alten Wertes erhalten und nimmt heute mit rund 11000 Einwohnern als reiche, blühende Stadt am modernen Leben tätigen Anteil. Das Klima ist mit dem der Rheinebene verglichen wohl etwas rauh, aber die tüchtige Bevölkerung ist daran gewöhnt und findet in ihm Kräftigung und Stählung.
Abb. 125. Festgang der Frauen in die Kirche; Bleibach. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (ZuSeite 121.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 125. Festgang der Frauen in die Kirche; Bleibach. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (ZuSeite 121.)
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Noch eine kurze Bahnstrecke durch das breite, reich angebaute Brigachtal, aus dem mittels einer kurzen Nebenbahn das im Osten nahe gelegene Dürrheim mit Saline und Solbad leicht zu erreichen ist, und wir haben in Donaueschingen (676m) wieder bekannten Boden betreten.
[2]Als beste empfiehlt sich das Blatt Triberg des badischen topographischen Atlas im Maßstabe 1 : 25000.
[2]Als beste empfiehlt sich das Blatt Triberg des badischen topographischen Atlas im Maßstabe 1 : 25000.
[2]Als beste empfiehlt sich das Blatt Triberg des badischen topographischen Atlas im Maßstabe 1 : 25000.